Was wird aus König und Bukow?

Was wird aus König und Bukow?
Kritik zum Polizeiruf 110 „Söhne Rostocks“
ARD/NDR Polizeiruf 110 “Söhne Rostocks”: Anton Pöschel (Andreas Guenther), Alexander Bukow (Charly Hübner), Volker Thiesler (Josef Heynert), Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Henning Röder (Uwe Preuss) erörtern die bisherigen Ermittlungsergebnisse. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Alexander genannt „Sascha“ Bukow (Charly Hübner) und seine Kollegin vom LKA Katrin König (Anneke Kim Sarnau) jagen im neuesten Polizeiruf aus Rostock einen aufstrebenden Jungunternehmer, der sich nach dem Mord an seinem Freund Frank Fischer auf der Flucht befindet. Was dahintersteckt, bleibt bis zum Schluss geheim und schickt das Ermittlerduo quer durchs schöne Rostock, nicht etwa weil sie in Michael Norden (Tilman Strauß) den Mörder vermuten, sehr wohl aber weil er bei den schon bald zwei Morden seine Finger im Spiel zu haben scheint. Letztlich geht es um Betrug unter Freunden, der mit viel Aggressivität gerächt wird.

Eine interessante Story aus der Feder von Drehbuchautor Markus Busch, geschickt umgesetzt von Christian von Castelberg, der Regie führte. Der Titel ist Programm und so stellt der Film Söhne Rostocks vor, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten – auch wenn sie ebenso gut aus jeder anderen Stadt Deutschlands hätten kommen können. Da ist Jungunternehmer Michael Norden, der sich von seiner Familie losgesagt hat, dessen Sohn Jon Hövermann (Oskar Belton), den er erst überhaupt nicht gebrauchen kann, sich am Ende aber doch – etwas zu schnell – zu ihm bekennt. Und da ist Bukow, der wahre Sohn Rostocks, der entgegen seiner sonst so ruppigen Art diesmal recht gefühlvoll agiert – und natürlich seine kleine aber feine Liebelei mit Kollegin König weiterspinnt. Gut, dass es die Macher bei dezenten Anspielungen belassen und die beiden nicht in eine wirklich Affäre schreiben. Das würde dem Polizeiruf aus Rostock viel von seiner prickelnden Spannung rauben. Leider scheint Bukow und König aber ihre unrühmliche Vergangenheit einzuholen und man darf gespannt sein, wie diese Geschichte dann weitergeht. Stellt sich König ihrer Schuld, ist das definitiv das Aus für die beiden beliebten Ermittler, was man nicht wirklich wollen kann! Man darf also gespannt sein. /sis

Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) machen auf der Suche nach Michael Norden einen grausigen Fund (Stefan Becker) (Foto: NDR/Christine Schroeder).

Unaufgeregt bis in die Haarspitzen

Unaufgeregt bis in die Haarspitzen
Kritik zum Tatort Köln „Kein Mitleid, keine Gnade“
ARD/WDR Tatort “Kein Mitleid, keine Gnade”: Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, r), Freddy Schenk (Dietmar Bär, m) und ihr Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling, l) im Polizeipräsidium. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Unaufgeregt bis in die Haarspitzen, ganz so wie man es für einen erholsamen Sonntagabend braucht, präsentierte sich der neue Tatort aus Köln mit dem Titel „Kein Mitleid, keine Gnade“. Nicht langweilig, aber eben auch nicht besonders spannend. Dabei war das Thema durchaus größere Aufregung wert. Ging es doch um nichts Geringeres als Homophobie, glaubt man der Darstellung noch immer ein äußerst brisantes Thema. So aufgeklärt und überaus tolerant, wie junge Menschen heute gerne sein wollen, kamen sie in dieser Geschichte nicht gut weg. Ganz im Gegenteil, die homosexuellen Jungs mussten in der Story von Drehbuchauto Johann Rotter allesamt um ihr Leben fürchten, wurden gemobbt und verfolgt, geprügelt und am Ende gar getötet von Mitschülern oder gleich der eigenen Familie, um der Ehre willen. Das war dann doch streckenweise etwa übertrieben. Die mitunter langatmigen Kameraeinstellungen, die nicht unbedingt immer die Stimmung spiegelten, zogen die Geschichte obendrein unnötig in die Länge und unterstrichen damit die wenig dynamische Handlung nur. Gut dargestellt wurde indes die Ambivalenz jugendlicher Verhaltensweisen in der intriganten Schülerin Nadine Wilcke (Emma Drogunova). Ebenfalls leicht nachvollziehbar und ungemein erschreckend kam auch die Nebengeschichte daher: Freddy Schenk (Dietmar Bär) wird Opfer von Cybermobbing und muss am eigenen Leib erfahren, wie schnell Freunde und Kollegen sich abwenden, selbst Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling), sonst ein immerwährender Quell der Gelassenheit, wusste sich nicht recht zu entscheiden, ob er Freddy nun glauben sollte oder nicht. Einzig Partner Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) hielt ihm unerschütterlich die Treue.

Ballauf und Schenk sind auch dann immer noch sehenswert, wenn die Geschichte an sich nicht gerade Begeisterungsstürme auslöst. Die beiden sind Garant für gute Unterhaltung und das macht letztlich auch die Anziehungskraft des Tatorts aus: Das Team muss passen, dann ist der Rest nicht mehr ganz so wichtig. Und inzwischen, das muss man entgegen der anfänglichen Skepsis zugeben, hat sich auch Jütte prima in das Team eingefügt. /sis

Freddy Schenk (Dietmar Bär, hinten Mitte) muss sich rechtfertigen. Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, hinten rechts) sieht zu, wie sein Kollege beschuldigt wird, Nadine Wilcke (Emma Drogunova, vorne) auf dem Schulhof belästigt zu haben. Ihr Freund Lennart (Moritz Jahn) nimmt sie in Schutz, während andere Schüler mit den Handys filmen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Ein empathischer Nick Tschiller ist auch nicht besser

Ein empathischer Nick Tschiller ist auch nicht besser
Kritik zum Tatort „Tschill out“
ARD/NDR Tatort “Tschill Out”: Yalcin Gümer (Fahri Yardim) bringt seinen Kronzeugen Tom Nix (Ben Münchow) zu Nick Tschiller (Til Schweiger), der auf Neuwerk auf sein Disziplinarverfahren wartet. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Wer auf wilde Ballerei und gewaltige Explosionen gehofft hatte, wurde enttäuscht: Nick Tschiller (Til Schweiger) hat in seinem neuesten Tatort mit dem Titel “Tschill Out” (der Titel war Programm) zwar auch einmal geschossen, aber nur mit einem Paintball-Geschütz, dafür enorm treffsicher genau zwischen die Augen des Angreifers. Überhaupt war dieser Tatort mit dem bekannten Schauspieler eher moderat. Das galt auch für die Ermittlungstätigkeit seines Partners Yalcin Gümer (Fahri Yardim) und dessen junge Assistentin Bonnie (Mascha Paul). Gümer sollte eigentlich zwei Kronzeugen in Sicherheit bringen, verlor den einen bei einer Schießerei und lud den anderen, Tom Nix (Ben Münchow), kurzerhand bei Nick Tschiller ab, der auf Neuwerk auf den Ausgang seines Disziplinarverfahrens wartete und dabei Patty Schmidt (Laura Tonke) bei der Betreuung von schwererziehbaren Jugendlichen half. Natürlich konnten der angeheuerte Killer und sein Auftraggeber den Kronzeugen ausfindig machen und am Ende gar auf Neuwerk stellen, doch da kam ihm wie gesagt Nick Tschiller mit seinen Paintball-Künsten in die Quere.

Das war es auch schon. Recht langatmig, wenig bis gar nicht spannend, plätscherte die Geschichte so vor sich hin. Ob Nick Tschiller nun den Superhelden mit Maschinengewehr und Panzerfaust mimt, oder ganz gediegen und überaus empathisch daherkommt, macht keinen großen Unterschied. So erfahren Til Schweiger als Schauspieler auch sein mag, den Kommissar in heikler Mission kauft man ihm einfach nicht ab! /sis

Yalcin (Fahri Yardim) und Nick (Til Schweiger) müssen Patti (Laura Tonke) überzeugen, dass Tom (Ben Münchow) ein paar Tage auf Neuwerk bleiben darf. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Nichts als wirres Theater

Nichts als wirres Theater
Kritik zum Tatort „Das Team“
ARD/WDR Tatort “Das Team”: V.l.n.r.: Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek), Peter Faber (Jörg Hartmann), Martin Scholz (Bjarne Mädel), Martina Bönisch (Anna Schudt), Marcus Rettenbach (Ben Becker), Sascha Ziesing (Friedrich Mücke), Christoph Scholz (Charly Hübner), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), Nadine Möller (Elena Uhlig) (Foto: WDR/Tom Trambow)
Ministerpräsident Armin Laschet (m) begrüßt die Dortmunder Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt). Zwei Coaches (Bjarne Mädel, Charly Hübner, hinten, v.l.) sollen aus sieben Ermittlern ein Team formen, das einen Serienmörder endlich stoppt. Aus Aachen gehört Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek, r) zum Team. (Foto: WDR/Tom Trambow)

Ein Tatort ohne Drehbuch, die Schauspieler erhalten nur die Grundelemente der Story, agieren intuitiv und reden, was sie wollen. Das nennt man gemeinhin „Improvisationstheater“ und nichts anderes war der Tatort „Das Team“ aus Nordrhein-Westfalen. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Kommissaren aus dem ganzen Land war in einem riesigen, leerstehenden Tagungshotel zusammengekommen, um – nach der kühlen Begrüßung durch Ministerpräsident Armin Laschet – von zwei Coaches zu einem Team zusammengeschweißt zu werden, das den Mörder von vier bestialisch getöteten Kommissaren dingfest machen sollte. Mit dabei waren die Dortmunder Kommissare Martina Bönisch (Anna Schudt) und Peter Faber (Jörg Hartmann) sowie Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) aus Münster und einige andere Kommissare, die bislang aber noch nicht als solche in Erscheinung getreten sind, außer Ben Becker, der zwei Mal als Dorfpolizist in Rheinland-Pfalz beim Tatort mitgespielt hat und Friedrich Mücke, für gewöhnlich Kommissar Henry Funck in Erfurt. Ebenfalls als Kommissar bekannt, nicht aber als Coach und schon gar nicht in NRW, ist natürlich Charly Hübner alias Alexander Bukow, der bei der Konkurrenz vom Polizeiruf 110 in Rostock tätig ist.

Gut die Hälfte des Films wirkte „das Team“ wie ein Klassentreffen mit Anwesenheitspflicht ehemals verfeindeter Mitschüler. Die Kommissare zickten sich an, allen voran Martina Bönisch, die nicht mit Nadeshda Krusenstern konnte und Marcus Rettenbach (Ben Becker), der sich als gänzlich teamunfähig erwies. Alles ging kreuz und quer durcheinander, angestachelt von einem völlig empathielosen Coach Christoph Scholz (Charly Hübner), der aus unerfindlichen Gründen das kindische Gehabe der Kommissare mit einem Dauergrinsen begleitete. Der zweite Coach Martin Scholz (Bjarne Mädel) spielte nur eine unbedeutende Nebenrolle und trat so gut wie gar nicht in Erscheinung. Man war versucht, abzuschalten, wäre da nicht der plötzliche Mord an Nadeshda Krusenstern gewesen, der ab etwa Mitte des Films vorrübergehend für Spannung sorgte. Man wollte schlicht wissen, wer für den Tod der beliebten Kommissarin aus Münster verantwortlich war. Bis zum Schluss aber wurden weder die Gründe für ihre Ermordung klar, noch erfuhr man, wer die Tote überhaupt aufgefunden und dann auch noch das SEK informiert haben soll, denn außer den Kommissaren und den Coaches war das Tagungshotel bis dahin ja menschenleer. Aber es blieben ohnehin sehr viele Fragen offen in diesem Fall, der – unter der Regie von Jan Georg Schütte – wohl eher wieder nicht für das Publikum, sondern mit Blick auf hochgelobte Preise gedreht wurde. Man merkte den Schauspielern an, dass man ihnen keinen Text vorgegeben hatte. Alle redeten durcheinander, kaum ein Satz war vollständig und dazu oft genug schon akustisch unverständlich. Dazu kam die fehlende Logik: Der Täter, der nach dem Mord an Nadeshda in den eigenen Reihen zu suchen war (warum eigentlich? Es hätte jederzeit eine weitere Person von außen das weitläufige Tagungshotel betreten können) war von den Verantwortlichen als einer der fähigen Kommissare eingeladen worden, die man als Team auf die Jagd nach dem Polizistenmörder schicken wollte. Sein Motiv: Er wollte befördert werden und weg aus seinem Einsatzort Paderborn – doch die vier ermordeten Kollegen standen seinem beruflichen Fortkommen gar nicht im Weg! Auch die arme Nadeshda nicht, die einen ganz anderen Kollegen als Täter im Visier hatte. Fragen über Fragen, die der Tatort ohne Drehbuch nicht beantworten konnte oder wollte. Vielleicht hätte man vorher doch aufschreiben sollen, was man eigentlich erzählen will!

Friederike Kempter hatte schon kurz nach der Ausstrahlung des Tatorts „Väterchen Frost“ am 22. Dezember 2019 ihren Ausstieg als Kommissarin Nadeshda Krusenstern in Münster erklärt. Warum man sie gleich umbringen musste, statt sie einfach mit einer zünftigen Abschiedsparty wegzubefördern, bleibt wieder einmal das Geheimnis der Macher. Friederike Kempter und den Zuschauern jedenfalls hätte man ein anderes Ende ihrer Laufbahn als Kommissarin an der Seite von Frank Thiel (Axel Prahl) gewünscht. /sis

Sie sollen ein Team werden: In einem alten, leerstehenden Hotel sind Ermittler aus NRW zusammengezogen worden, u.a. (v.l.n.r.) Nadine Möller (Elena Uhlig), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempte), Peter Faber (Jörg Hartmann) und Markus Rettenbach (Ben Becker). Coach Christoph Scholz (Charly Hübner, r) hat sie im Hotel-Pool versammelt. Hier soll jeder der Kommissare mal auf dem “heißen Stuhl” im leeren Schwimmbecken Platz nehmen. (Foto: WDR/Tom Trambow)

“Ausgebrannt” zwingt zum Weiterlesen

“Ausgebrannt” zwingt zum Weiterlesen
Rezension Andreas Eschbach „Ausgebrannt“

Spannend und erschreckend zugleich ist Andreas Eschbachs Thriller „Ausgebrannt“ aus dem Jahr 2007. Eschbach versteht es, mit einer klaren, gut les- und verstehbaren Sprache auch komplizierte Sachverhalte unterhaltsam darzulegen, ohne den Leser allzu sehr mit langatmigen Detailbeschreibungen zu langweilen.

Nicht ganz so einfach ist indes ist das erste Drittel des Buches, zu oft wechseln Zeiten, Personen und ihre Geschichten und die Orte des Geschehens, so dass man fast die Übersicht zu verlieren droht, auch wenn in den einzelnen Abschnitten recht interessante historische Ereignisse und ihre Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft erzählt werden. Vieles wäre sicher entbehrlich gewesen. Nach diesem etwas zähen Einstieg aber wird es ungemein spannend. Der Autor bleibt im Wesentlichen bei seinem Helden Markus Westermann und beschreibt seinen Überlebenskampf nach einem aufreibenden Jetset-Leben mit seinem Partner Karl Block und seiner Geliebten Amy-Lee.

Markus Westermann liebt Amerika und tut alles, um nach einer zeitlich begrenzten Anstellung in den USA bleiben zu können. Zufällig begegnet er dem österreichischen Erdöl-Experten Karl Block, gründet mit ihm eine Firma zur Erkundung von Ölvorkommen, scheitert grandios und steht nach einem schweren Autounfall plötzlich wieder zurück in Deutschland mit einer Millionen-Klage da. Einzig Blocks Unterlagen können ihm den Hals retten. Also macht er sich wieder auf ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, um die Unterlagen aus dem vermeintlich sicheren Versteck zu holen – zur einer Zeit, als gerade das größte Ölfeld in Saudi Arabien versiegt ist und politische und wirtschaftliche Unruhen den Globus überziehen.

Andreas Eschbach beschreibt, wie das Leben nach dem Versiegen des Erdöls aussehen könnte, in der Abgeschiedenheit eines kleinen Dorfes, in den fast ausgestorbenen Großstädten und in der deutschen Provinz, in der Markus Westermanns Schwester einen kleinen Laden betreibt, der von den Veränderungen der Welt profitiert.

Fazit: Der Autor versteht es, den Leser in den Bann seiner Geschichten zu ziehen und ihn zum Weiterlesen geradezu zu zwingen. Man kann dieses Buch einfach nicht aus der Hand legen. Nur der letzten Seiten 50 Seiten hätte es nicht bedurft, die eine mögliche Zukunft nach dem Ende des Erdölzeitalters und der Anpassung der Menschheit an die neuen Bedingungen skizzieren. Diese Vision hätte Andreas Eschbach getrost der Fantasie seiner Leser überlassen können.

Bibliographische Angaben:
Andreas Eschbach: Ausgebrannt, 2007, Bastei Lübbe Taschenbuch, 752 Seiten, ISBN 978-3-404-15923-9

Kluge Story spannend umgesetzt

Kluge Story spannend umgesetzt
Kritik zum Polizeiruf 110 „Tod einer Journalistin“
ARD/rbb Polizeiruf 110 “Tod einer Journalistin”: Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) am Tatort. (Foto: rbb/Degeto/Oliver Feist)
Polizeihauptmeister Wolfgang Neumann (Fritz Roth, r.) hat neue Hinweise für Olga Lensk und Adam Raczek (Foto: rbb/Degeto/Oliver Feist)

Mit dem Polizeiruf 110 „Tod einer Journalistin“ ist den Drehbuchautoren Silja Clemens, Stephan Rick und Thorsten Wettcke zum Abschluss des Krimijahres 2019 noch einmal ein ganz großer Wurf gelungen. Obwohl die Kerngeschichte – Journalistin deckt Riesenskandal auf und wird ermordet, bevor sie ihn veröffentlichen kann – mehr als einmal verfilmt wurde, kam dieser Film mit einer ganz neuen Variante daher: Ein Mordopfer, zwei Täter, dazu eine ehemalige Umweltaktivistin, die dem Angebot eines Energiekonzers, 50 Millionen Euro Provision für die Baugenehmigung eines Atomkraftwerkes zu bekommen, einfach nicht widerstehen kann, die Seiten wechselt und bei der Durchsetzung ihrer eigenen Interessen jedes Maß verliert, erpresst, entführt und bedroht, wer immer ihr in die Quere kommt. Und dieser Polizeiruf hatte endlich einmal eine Kommissarin zu bieten, die die Schusswaffe nicht nur zur Zierde trägt, sondern sie auch einsetzt als es sein muss, gezielt und treffsicher. Das ist nicht unbedingt immer der Fall in Krimis deutscher Machart.

Dennoch wussten die Kommissare Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) auch in dieser Folge des deutsch-polnischen Polizeirufs aus Frankfurt an der Oder nicht unbedingt zu begeistern. Wieder wirkten die beiden eher gelangweilt und desinteressiert. Trotzdem war „Tod einer Journalistin“ eine ausgesprochen kluge Story, spannend umgesetzt mit großartigen Schauspielern wie Julika Jenkins als polnischer Richter und zugleich Geliebter des Mordopfers, Markus Gertken als brutaler Killer und Max Herbrechter als Vater der Ermordeten, selbst Journalist und den Ermittlern immer einen Schritt voraus. Davon möchte man mehr sehen! /sis

Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) verfolgt den Prozess um die Baugenehmigung des ersten polnischen Atomkraftwerks. (Foto: rbb/Degeto/Oliver Feist.

Alt, gebrechlich, kriminell

Alt, gebrechlich, kriminell
Kritik zum Tatort München „One Way Ticket”
Tatort “One Way Ticket”: Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) müssen gleich zwei Todesfälle aufklären, auf den ersten Blick Autounfälle, die sich aber beide als brutale Morde entpuppen. (Foto: BR/Roxy Film/Marco Nagel)

Altersarmut treibt seltsame Blüten, das war das Kernthema des neuesten Münchner Tatorts mit dem Titel „One Way Ticket“ mit den Hauptkommissaren Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) aus der Feder von Rupert Henning, der zugleich auch Regie führte. Wobei nicht unbedingt mehr die beiden Hauptkommissare den Ton im Münchner Kommissariat angeben. Kriminalkommissar Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) läuft den in Ehrfurcht ergrauten Kommissaren langsam, aber sicher den Rang ab, man hat fast den Eindruck, der junge Kommissar wird von den Tatort-Machern schon mal in Stellung gebracht. Leitmayr und Batic sind schließlich selbst der Rente nah. Umso komischer wirkte der Satz, den Batic beim Verhör der Senioren abließ: „Wir haben Zeit, Sie nicht!“ Das dürfte beim Publikum für Erheiterung gesorgt haben.

Ansonsten war aber nichts Erheiterndes an diesem Tatort, im Gegenteil, er war überfrachtet mit allfälligen Problemen von der bereits erwähnten Altersarmut über die Zustände in afrikanischen Gefängnissen, Drogen, Geldwäsche bis hin zu den immer wieder gerne hervorgeholten Stasi-Ablegern und deren rigide Methoden und das alles unter dem Deckmantel einer gemeinnützigen Organisation, einer sogenannten NGO (Non-Governmental Organisation). In der Tat alles drückende Probleme unserer Zeit, die aber in einen einzigen Krimi gequetscht einfach zu viel des Guten waren. Und so entpuppte sich die Geschichte, in der sich sechs vom Leben gebeutelte Rentner mit viel zu wenig Geld zum Leben als Drogen- und Geldkuriere missbrauchen ließen, auch als ein Wirrwarr von Erzählsträngen, die sich am Ende nicht richtig in einander fügen wollten. Da halfen auch die durchweg guten schauspielerischen Leistungen nicht, allen voran Siemen Rühaak als gescheiterter Kleinunternehmer und frisch verliebter Gockel, der sich von einer blutjungen Afrikanerin in den Sumpf des Verbrechens hatte entführen lassen mit katastrophalen Folgen für ihn selbst und seine Rentner-Freunde. Ein guter Ansatz also, der für sich alleine erzählt einen unterhaltsamen und spannenden Krimi hätte ergeben können, so aber im Wust der Einzelthemen schlicht unterging. Schade drum! /sis

Nicht der beste Tatort aus Münster!

Nicht der beste Tatort aus Münster!
Kritik zum Tatort Münster „Väterchen Frost“
ARD/WDR Tatort “Väterchen Frost”: Die Heldin dieser Tatort-Folge aus Münster war zweifelsohne Kommissarin Nadeshda Krustenstern (Friederike Kempter, links) hier mit der wie immer recht herrischen Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann, rechts). (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)
Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, links), Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, Mitte) und Silke Haller (ChrisTine Urspruch, rechts) hoffen auf dem Friedhof neue Erkenntnisse zu gewinnen. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Das war sicher nicht der beste Tatort aus Münster, obwohl auch diesmal das beste aller Autorenteams – nämlich Jan Hinter und Stephan Cantz – für das Drehbuch verantwortlich zeichnen. Woran lag es? Die Geschichte an sich war gut, keine Frage. Spannung fehlte aber ganz, auch wenn Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) in Hochform waren. Ursache für die Schwäche war wohl die Tatsache, dass Thiel und Boerne genauso wie Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann), Boernes Assistentin Silke Haller (ChrisTine Urspruch) und Herbert Thiel (Claus D. Clausnitzer) allesamt eher eine untergeordnete Nebenrolle spielten. Die wahre Heldin der Geschichte war Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter). Das ist an sich natürlich durchaus in Ordnung, doch genau hier begingen die Autoren den Fehler, die romantische Schwärmerei zwischen Nadeshda und ihrem Entführer Artjom Sascha (Alexander Gersak) viel zu früh beginnen zu lassen. Das nahm dem Fall die Dynamik, dem Zuschauer das Mitfiebern um die entführte Kommissarin und dann recht rasch auch noch den Spaß am Mitraten. Viel zu schnell waren die Hintergründe um den eigentlichen Killer Jörn Weig (großartiger David Bennent) und die Juwelierin Frau Lang (Heike Trinker) zu erahnen. Wenig überzeugend war dann auch noch der wegen Grippewelle unterbrochene Prozess, wobei die Grippewelle fortan in der gesamten Geschichte nicht mehr vorkam. So überschwänglich eingeführt, hätte man mehr aus diesem Umstand erwartet.

Wie immer beim Münsteraner Tatort waren einige Pointen gut gesetzt, das Zusammenspiel zwischen Thiel und Boerne wirkte perfekt, auch wenn von den sonst üblichen Kappeleien diesmal kaum etwas zu spüren war. Weihnachtsharmonie? Vielleicht! Aber gewiss nicht nötig! /sis

Auf zum Weihnachtsmarkt: Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann, Mitte) überredet Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, links) und Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, rechts) noch zu einem Glas Glühwein – oder besser: Sie befiehlt es ihnen. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Ohne Spannung, aber dennoch unterhaltsam

Ohne Spannung, aber dennoch unterhaltsam
Kritik zum Tatort Kiel „Borowski und das Haus am Meer“
ARD/NDR Tatort “Borowski und das Haus am Meer”: Fall gelöst: Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) (Foto: NDR/Sandra Hoever)
Kinderpsychologin Karen Matthiesen (Ute Hannig) befragt Simon (Anton Peltier, mit Axel Milberg) (Foto: NDR/Sandra Hoever)

In und um Kiel haben allerlei gestörte Mitbürger Unterschlupf gefunden. Das jedenfalls könnte man meinen, schaut man sich die Kieler Tatorte mit Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) an. Immer wieder bekommt er es mit Psychopathen der unterschiedlichsten Art zu tun, so auch in seinem neuesten Fall „Borowski und das Haus am Meer“. Jeder der Beteiligten hatte sein Päckchen Wahnsinn zu tragen: Großvater und Mordopfer Heinrich (Reiner Schöne) leidet an Alzheimer, ist aggressiv und möchte mit seinem Sohn Johann (Martin Lindow) und dessen Frau Nadja (Tatiana Nekrasov) nichts zu tun haben. Johann ist Pastor, als solcher aber recht eigensinnig in seiner Interpretation von Nächstenliebe, seine Frau Nadja erträgt geduldig seine Macken. Einzig Enkel Simon (Anton Peltier) hat einen Draht zu Opa Heinrich. Er bekommt mit, wie sich Johann und Heinrich streiten und der Großvater schließlich in einem Bachbett landet und nicht mehr aufsteht. Simon läuft weg, direkt vor das Auto von Borowski und dessen Assistentin Mila Sahin (Almila Bagriacik), erzählt von einem Hund, der den Großvater angegriffen und einem Indianer, der ihn beschützt hat. Am nächsten Morgen wird Großvater Heinrich tot an der Seite eines Hundeskeletts oberflächlich am Strand vergraben aufgefunden. Zu den Verdächtigen zählen außer Johann und seiner Familie auch die ehemalige dänische Lebensgefährtin von Heinrich, deren Tochter und ein von Heinrich und seinen rigiden Erziehungsmethoden misshandelter und seither stummer und behinderter Indianer.

Drehbuchautor und Regisseur Niki Stein hat den an sich guten Kriminalfall überfrachtet mit all den kranken Ansichten seiner Figuren, die von massiv übertriebener, religiös verwurzelter Vergebung bis hin zu fanatischer Ablehnung aller Nazinachkommen reichten. Mittendrin ein traumatisiertes Kind, Borowski mit seinen zum Teil recht eigenwilligen Verhörmethoden und schließlich eine Assistentin, die über den Status einer ungeordneten Hilfsarbeiterin nicht hinauskam. Spannung kam bei so vielen menschlichen Abgründen natürlich keine auf, kurzweilig war der Tatort aber dennoch, nicht zuletzt wegen des wie immer großartigen Axel Milberg. Bleibt nur noch anzumerken, dass Almila Bagriacik ihre Vorgängerin Sibel Kekilli auch in dieser Folge noch nicht vergessen machen konnte. Aber was nicht ist, kann ja noch werden! /sis

Mila Sahin (Almila Bagriacik), Borowski (Axel Milberg) mit Pastor Flemming (Martin Lindow) (Foto: NDR/Sandra Hoever)

Spannender Krimi mit überraschenden Wendungen

Spannender Krimi mit überraschenden Wendungen
Rezension Charlotte Link “Die Suche”

Zugegeben, es dauert eine Weile, bis man sich in den Kriminalroman „Die Suche“ von Bestseller-Autorin Charlotte Link eingelesen hat. Das liegt an der durchweg düsteren Stimmung, dem nicht enden wollenden Wehklagen der Protagonisten und der dazu durchaus passenden Novembertristesse. Wenn man sich aber darauf einlässt, entwickelt sich „Die Suche“ zu einem spannenden Krimi mit überraschenden Wendungen.

Wieder spielt die Geschichte im Norden Englands, in Scarborough an der rauen Nordseeküste. Im Mittelpunkt steht Detective Sergeant Kate Linville, 42 Jahre alt und mit ihrem Leben extrem unzufrieden. Sie sucht verzweifelt nach dem Mann fürs Leben, hält sich selbst aber für völlig unattraktiv und einfach nicht interessant genug, um einen Mann nachhaltig zu beeindrucken. Wie bei Selbstprophezeiungen geradezu zwingend wird ihr das im Verlauf der Geschichte auch tatsächlich zum Verhängnis. Sie hält sich gerade in Scarborough auf, um das von Mietnomaden völlig verwüstete Haus ihrer verstorbenen Eltern zu renovieren und dann endlich zu verkaufen. Weil sie in ihrem Haus nicht übernachten kann, mietet sie sich in der Pension der Goldsbys ein, just zu der Zeit, als deren 14-jährige Tochter Amelie verschwindet. Das ruft Detective Chief Inspector Caleb Hale auf den Plan, denn am selben Tag wird die Leiche der seit einem Jahr vermissten Saskia Morris gefunden, zum Zeitpunkt ihres Verschwindens ebenfalls 14 Jahre alt. Kate kennt DCI Hale von den gemeinsamen Ermittlungen im Zuge des Mordes an ihrem Vater. Als Amelies völlig verzweifelte Mutter Kate um Hilfe bittet, will sie sich zwar nicht in Hales Arbeit einmischen, kann aber nicht umhin, ein wenig zu recherchieren. Dabei stößt sie auf einen weiteren Vermisstenfall, Hannah Caswell, die vor einigen Jahren im gleichen Alter verschwunden ist. Hängen die Fälle zusammen? Gibt es den Hochmoor-Killer, von dem die Presse rasch spricht?

Charlotte Link ist mit „Die Suche“ ein spannender Krimi gelungen, den man – wenn man sich erst einmal auf die Geschichte eingelassen hat – nicht mehr aus der Hand legen mag! /sis

Biographie
Charlotte Link „Die Suche“
Taschenbuch Blanvalet Verlag, 2018, 656 Seiten
ISBN 978-3-7341-0742-9

Einfach unerträglich das Ganze!

Einfach unerträglich das Ganze!
Kritik zum Polizeiruf 110 „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“
Polizeiruf 110 “Die Lüge, die wir Zukunft nennen”: Ob es ein Kindergeburtstag oder doch eine wilde Faschingsparty war, mit der der Polizeiruf aus München in den zweiten Fall startete, war für den Zuschauer nicht auszumachen. Der Trupp im Morgengrauen vorm Zabriskie (von links): Chouaki (Berivan Kaya), Teddy (Niklas Kearney), Elisabeth (Verena Altenberger) und Maurer (Andreas Bittl). (Foto: BR/maze pictures GmbH/Hendrik Heiden)

Langsam fragt man sich schon, ob die ARD mit den neueren Tatort-Folgen und insbesondere auch mit dem Polizeiruf 110 die Schmerzgrenze der Zuschauer ausloten möchte. Das jedenfalls ist die einzige Erklärung, warum man das Publikum mit experimentellen Filmen der Marke „besonders wertvoll“ nur eben nicht für die Zuschauer ein ums andere Mal verprellt. Der zweite Fall der neuen Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) des Polizeirufs München jedenfalls war einfach nur zum Abgewöhnen. Bruchstückhafte, in keiner Phase nachvollziehbare Handlung auf unterschiedlichen, aber nicht klar abgegrenzten Zeitebenen, die von Musik und Nebengeräuschen größtenteils überlagerten Dialoge, die ein Verstehen weitgehend unmöglich machten und dazu äußerst verstörende Bilder mit Kindern lassen den Zuschauer völlig ratlos zurück. Dazu kamen wieder eine ungezügelte Brutalität, die man unter den Mitgliedern einer Polizeiwache keinesfalls vermuten würde und Figuren, deren Verhalten einzig von Gier und Willkür geprägt war. Überhaupt waren die handelnden Personen alles Ordnungshüter, die aber von Recht und Gesetz nicht das Geringste hielten, ausschließlich eigene Interessen durchzusetzen bemüht waren, sich gnadenlos bereicherten und schließlich bis aufs Blut bekämpften. Einfach unerträglich das Ganze.

Regisseur Dominik Graf ist bekannt für seine anspruchsvollen Filme und Drehbuchautor Günter Schütter hat schon so manche Polizeiruf-Geschichte geschrieben. Auch an der Qualität der Schauspieler, allen voran Verena Altenberger und Wolf Danny Homann, kann es ebenfalls nicht gelegen haben. Was also ist der Grund für ein derart schlechtes Ergebnis? Wissen deutsche Filmemacher nicht mehr, wie man gute Krimis macht? Schielen sie vielleicht einfach zu sehr auf die Meinungen von Jurymitgliedern, die den ein oder anderen renommierten Preis zu vergeben haben? Zählt der Zuschauer nicht mehr? Dem Publikum muss der Film gefallen, nicht der Kritik! Das und nur das sollte bei der Produktion ausschlaggebend sein! /sis

Exoribtanter Umfang macht das Lesen wahrhaft schwer

Exoribtanter Umfang macht das Lesen wahrhaft schwer
Rezension Frank Schätzing „Limit“

Fesselnd ist er schon, der 1394 Seiten starke Wälzer „Limit“ aus der Feder von Frank Schätzing. Aber eben im wahrsten Wortsinn auch schwergewichtig, wie die hohe Seitenzahl schon vermuten lässt, da hilft auch das hauchdünne Papier nicht viel, auf dem das Taschenbuch gedruckt wurde. Und so ist das Buch in erster Linie unhandlich und – wohl auch dem exorbitanten Umfang geschuldet – streckenweise sehr langatmig. Zu sehr geht Schätzing ins Detail bei der Beschreibung seiner Figuren, der Spielorte und der dazugehörigen Hintergrundgeschichten, die bis hin zu den politischen Umbrüchen in afrikanischen Kleinstaaten reichen. Die Kerngeschichte hätte sich sicher gut auf der Hälfte der Seitenzahl dann ungebrochen packend erzählen lassen. Und so quält man sich unter anderem durch die ausführlichen Autobiographien eines Dutzend äußerst finanzstarker Prominenter mit obendrein nicht gerade einfach zu merkenden Namen, die im Jahre 2024 ein spektakuläres Orley-Hotel auf dem Mond besuchen und so dazu bewegt werden sollen, dem Firmengestrüpp von Orley Enterprises unter der Leitung von Julian Orley und seiner Tochter Lynn zu einer weiteren Expansion zu verhelfen. Orley baut auf dem Mond Helium 3 ab, das künftig die umweltverträgliche Energieversorgung der Erde übernehmen soll. Und genau da liegt der Ausgangspunkt der Geschichte, denn die Erdölgesellschaften wollen sich ihr Geschäft, auch wenn es nur noch wenige Jahre bestehen wird, nicht kaputt machen lassen. Skrupellose, mit allen Wassern gewaschene und mit allen erdenklichen technischen Hilfsmitteln ausgestattete Gangster stehlen Atombomben, schaffen sie auf den Mond und wollen so Orley und seinen futuristischen Fahrstuhl ins Weltall zerstören. Auf die Schliche kommt ihnen aber ein in Shanghai lebender amerikanischer Cyberermittler namens Owen Jericho, der eigentlich nur die chinesische Dissidentin Yoyo im Auftrag ihres Vaters finden soll. Sie hat durch Zufall verschlüsselte Hinweise auf die bevorstehende Katastrophe für Julian Orley und seine Gäste auf dem Mond entdeckt. Für Yoyo, Jericho und Tu Tiang, einem Freund der Familie, beginnt eine wahrhaft mörderische Spurensuche rund um den Globus.

Die außergewöhnliche Geschichte verliert durch die teils langatmigen Ausführungen sehr an Anziehungskraft und auch das Gewicht des Buches zwingt den Leser immer wieder zu Pausen. „Limit“ ist ein echter Fall für einen E-Reader und wenn man die für den normalen Leser doch eher uninteressanten Stellen einfach großzügig überfliegt, lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall. /sis

Bibliographie
Frank Schätzing: Limit, Fischer Taschenbuchverlag, 4. Auflage 2018, 1394 Seiten
ISBN 978-3-596-18488-0

Eines guten Krimis durchaus würdig

Eines guten Krimis durchaus würdig
Kritik zum Tatort „Querschläger“
ARD/NDR Tatort “Querschläger”: Nehmen Spediteur Aksoy (Eray Egilmez, ganz links) unter die Lupe: Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz). Im Hintergrund: Aksoys Bruder Efe (Deniz Arora) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Das hat man schon oft gesehen – ein Kind ist todkrank, helfen kann nur ganz viel Geld und das versuchen die Eltern zu bekommen, egal wie und egal was es kostet. Dieses sicher bedrückende Szenario war auch Kern des neuen Tatorts mit den Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) mit dem Titel „Querschläger“. Natürlich war die Geschichte mit dem großartigen Milan Pöschel in der Rolle des amoklaufenden Vaters Steffen Thewes sehr leicht durchschaubar und bot vor daher kaum Überraschendes. Interessant waren aber dennoch die vorgestellten Gegensätze: Der eine Vater tut alles, um an Geld zu kommen, das seine kranke Tochter retten soll, der anderer hingegen ist skrupellos bereit, seine gesamte Familie zu opfern, um das – natürlich unrechtmäßig erworbene – Geld nicht hergeben zu müssen. Die so erzeugte Spannung zwischen dem Zollbeamten Thewes und dem zwielichtigen Spediteur Cem Aksoy (Eray Egilmez) war eines Krimis durchaus würdig, auch wenn die Geschichte aus der Feder von Oke Stielow einige Längen und Logikbrüche aufwies. Das Ermittlerduo indes war durchaus entbehrlich und das Ende fiel dann doch recht unglaubwürdig aus: Der bis dahin stur an seinem Geld festhaltende Cem Aksoy gibt es freiwillig, um Sara Thewes (Charlotte Lorenzen) doch noch zu retten!

Abgesehen von der Krimistory warf die Geschichte wieder einmal die dringende Frage auf, wieso Krankenkassen lebensrettende Operationen für Kinder und Jugendliche nicht bezahlen, warum eben diese Operationen immer nur in den USA vorgenommen werde können und warum sie so unsagbar viel Geld kosten müssen. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sich zudem rasch lösen ließe, wenn denn der politische Wille dazu vorhanden wäre. /sis

Philosophiestunde für Moritz Eisner

Philosophiestunde für Moritz Eisner
Kritik zum Tatort Wien „Baum fällt“
ARD/ORF Tatort “Baum fällt”: Ein Mordfall ohne Leiche – für Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) hat ihr Beruf immer noch Überraschungen parat. In der Bergwelt Kärntens muss das Wiener Tatortduo den Tod eines unbeliebten Holzbarons aufklären, der im eigenen Heizkessel verbrannt ist. (Foto: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga Rader)
In dem Brennofen wurde die Leiche offenbar verbrannt. Übrig gelieben ist nur ein künstliches Schultergelenk. (Foto: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga Rader)

Unterhaltsam war er, der neue Tatort „Baum fällt“ mit den Wiener Ermittlern Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Ein klassischer Kriminalfall, zwar ohne Leiche, aber mit einem Ermordeten, unzähligen Verdächtigen und einem alten Freund Eisners – Alois Feining, gespielt von Karl Fischer, einem sehr bekannten Krimigesicht. Als Sergente Vianello spielt Fischer seit vielen Jahren in den Donna Leon-Verfilmungen an der Seite von Commissario Brunetti in Venedig. Es ist immer schwierig, wenn ein so bekanntes Gesicht plötzlich in einem anderen Film auftaucht, aber Karl Fischer ist ein großartiger Schauspieler, der sehr schnell und überzeugend einen völlig anderen Charakter verkörpern kann. Das war es aber auch schon mit den Großartigkeiten dieses Tatorts. Geschichte und Charaktere waren eher durchschnittlich, zwar krimitauglich aber mit wenig Spannung erzählt. Abgesehen von der Philosophiestunde, die Moritz Eisner über sich ergehen lassen musste, hatte dieser Tatort nicht viel Überraschendes zu bieten, außer fantastischen Aufnahmen der Kärntner Bergwelt. Die Ermittlungen gestalteten sich eher zäh, Bibi Fellner spielte leider nur eine untergeordnete Rolle, was der sonst üblichen Spannung zwischen den beiden Ermittlern und der sich daraus ergebenden Komik doch recht abträglich war. Das Augenmerk lag auf dem Erinnerungsaustausch zwischen Eisner und Feining untermalt mit fetzigen Stones-Hits. Nicht schlecht, aber eben auch nicht umwerfend. Wie schon recht früh zu erahnen, nahm Polizeichef Feining eine weitaus bedeutendere Rolle im Geschehen um den Mord an dem Sägewerkinhaber Hubert Tribusser (Christoph von Friedl) ein, ein Mord, der eigentlich gar keiner war, sondern sich am Ende als Notwehr entpuppte. Warum der Polizeichef aus dieser eindeutigen Situation durch Vertuschen ein Verbrechen konstruierte, bleibt das Geheimnis der Drehbuchautorin Agnes Pluch. /sis

V. li. n. re.: Bibi (Adele Neuhauser), der Werksleiter (Vitus Wieser), Friedl Jantscher (Michael Glantschnig), Harald Krassnitzer (Moritz Eisner). (Foto: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga Rader)

Am Ende bleibt ein großes Fragezeichen

Am Ende bleibt ein großes Fragezeichen
Kritik zum Tatort Ludwigshafen „Die Pfalz von oben“
ARD/SWR Tatort “Die Pfalz von oben”: Reminiszenz an 1991: Ben Becker als Stefan Tries, Polizist in Zarten in der Westpfalz, Ulrike Folkerts als Lena Odenthal, Hauptkommissarin aus Ludwigshafen, die in ihrem 70. Fall im Einsatz ist und 30 Jahre Tatort feiert. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)
1991: In ihrem dritten Fall „Tatort – Der Tod im Häcksler“ arbeitet Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) in Zarten in der Westpfalz mit dem jungen Ortspolizisten Stefan Tries (Ben Becker) zusammen. (Foto: SWR/Johannes Hollmann)

Lena Odenthals (Ulrike Folkerts) 30-jähriges Dienstjubiläum feierte die Tatort-Fangemeinde mit einem mehr oder minder gelungenen Rückblick auf die kurze Affäre der damals noch blutjungen Kommissarin mit dem Dorfpolizisten Stefan Tries (Ben Becker). Und genau das Wiederaufleben der vor 28 Jahren vielleicht noch prickelnden Liebesbeziehung zog den Tatort mit dem Titel „Die Pfalz von oben“ eher ins Lächerliche, von Spannung oder gar Funkensprühen zwischen Odenthal und Tries war nichts zu spüren. Einen ordinären Kiffer mag ein Ben Becker authentisch spielen, eine Ulrike Folkerts kann das nicht und einer sonst eher weichen, mehr dem weiblichen Geschlecht zugetanen Lena Odenthal steht das schon gar nicht.

Aber letztlich ging es in Jubiläums-Fall nicht um die einstige Liebelei von Odenthal und Tries, sondern um ein durch und durch korruptes Polizeirevier im fiktiven Dörfchen Zarten in der Westpfalz, in dem nachts noch immer die Bürgersteige hochgeklappt werden und auch sonst die Zeit stehen geblieben scheint – sieht man von der Alpaka-Herde ab, die da plötzlich durchs Bild wackelte. Wie nicht anders zu erwarten, wollte der jüngste und engagierteste Polizist der Polizeistation Zarten das sehr lukrative Spiel seiner durchweg übertrieben protzig dargestellten Kollegen nicht mehr mitmachen – und wurde erschossen. Ausgerechnet von der Nummer zwei der Wache, der sich anschickte, Revierleiter Tries vom Chefsessel zu schubsen und gleich auch als Oberhaupt der kriminellen Vereinigung abzulösen. Für die Ermittlungen hatte Lena Odenthal diesmal ein Heer von Hilfskräften, die der großen Zahl wegen in einer Kegelhalle untergebracht werden mussten und das Geschehen dennoch nicht voranbrachten. Ein durchweg schlecht gelaunter und nur widerwillig eingebundener interner Ermittler sorgte für zusätzlichen Ärger und Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) überzeugte auch nicht gerade durch Übereifer. Und so plätscherte die Geschichte vor sich hin, ohne Dynamik, ohne Überraschungen. Am Ende gab es den obligaten Showdown, in dem sich Tries und sein Stellvertreter Ludger Trump (Thomas Loibl) gegenseitig beschuldigten und schließlich liquidierten. Die Kommissarinnen standen nach all den Mühen mit leeren Händen da.

Einen Bezug zum Titel „Die Pfalz von oben“ bot der Film nicht wirklich, nur einmal warf Stefan Tries einen Blick von oben auf sein Dorf und beschwerte sich darüber, dass er dies in den zurückliegenden 28 Jahren nicht öfter getan hatte. Nun ja, da kann man ihm auch nicht helfen. Was am Ende von diesem Tatort bleibt, ist ein großes Fragezeichen – da hatte man sich doch mehr erhofft vom Jubiläum der dienstältesten Tatort-Kommissarin. /sis

Ulrike Folkerts und Johanna Stern beim Dreh. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

 

Sämtliche Probleme der Gegenwart in einem Tatort

Sämtliche Probleme der Gegenwart in einem Tatort
Kritik zum Tatort Berlin „Das Leben nach dem Tod“
ARD/rbb Tatort “Das Leben nach dem Tod”: Robert Karow hat wochenlang neben einer Leiche gelebt und nichts bemerkt. Obwohl er nie Kontakt zu dem Mann hatte, betritt Karow spontan die Nachbarwohnung und erklärt sie zum Tatort. Über eine Einbruchserie von jungen Mädchen geraten Karow und Rubin an eines ihrer Opfer, den ehemaligen Richter a.D. Gerd Böhnke (Otto Mellies), der in der DDR die Todesstrafe verhängte. Gibt es von ihm zu dem Mord eine Verbindung? – Im Supermarkt hat sich Richter Gerd Böhnke verschanzt, wird Nina Rubin (Meret Becker) ihren Kollegen Karow (Mark Waschke) überzeugen dort hineinzugehen? (Foto: rbb/Marcus Glahn)
Staatsanwältin Jennifer Wieland (Lisa Hrdina) folgt Hauptkommissarin Nina Rubin (Meret Becker) zu einer Leichenschau. (Foto: rbb/Marcus Glahn)

Mit zwei Worten lässt sich der Tatort aus Berlin mit dem Titel „Das Leben nach dem Tod“ mit den Kommissaren Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) wohl am besten beschreiben: ekelhaft düster! Kein Sonnenstrahl erleuchtete diesen mit tausenden Fliegen und Maden beginnenden Krimi, der sich wieder einmal als wenig spannendes Psychodrama mit gehörigen Längen entpuppte. Zu viel Psycho, zu viel Drama, die Drehbuchautorin Sarah Schnier aus sämtlichen Alltags-Problemen der Gegenwart rekrutierte. Von Wohnungsnot über Vermieterwahnsinn reichte die Palette, von brutalen Jugendgangs und dem Wankelmut der Justiz bei ihrer Bestrafung, bis hin zur aktuellen Vereinsamung alter Menschen, die immer öfter wochenlang tot in ihrer Wohnung liegen und, nicht zu vergessen, die immer wieder gerne als Begründung für sämtliche Gräueltaten dieser Welt angeführte Biografie mit der besonderes schweren Kindheit. Alles wichtige Themen, keine Frage, jedes eine eigene Geschichte wert, aber viel zu viele, um sie alle in einen Tatort zu packen. Obendrein gab es noch eine gehörige Portion Geschichte aus den Bereichen Religion und DDR. Das Hauptthema, auf das sich auch der ungewöhnliche Titel bezieht, ging in diesem Wust naturgemäß nur grob angeschnittener Problemfelder völlig unter. Der Kern der Geschichte lag in einem nichtvollstreckten Todesurteil eines über 80-jährigen DDR-Richters (großartig gespielt von Otto Mellies) für einen Dreifachmörder. Der Täter nämlich lebte – nach einer Amnestie im Zuge der Wende – tatsächlich weiter, anonym und für Jahrzehnte unerkannt in einer Berliner Hochhaussiedlung – Tür an Tür mit Kommissar Karow.

Etwas unglaubwürdig war es schon, dass ein Hauptkommissar der Berliner Polizei in einem solchen Umfeld unmenschlicher Wohnmaschinen leben soll. Ebenfalls wenig glaubwürdig wurde dem Zuschauer eine blutjunge Staatsanwältin (Lisa Hrdina) auf der Durchreise vorgeführt, eine noch sehr mädchenhafte Frau, die wohl kaum bereits beide juristische Staatsexamen absolviert haben konnte, eine glatte Fehlbesetzung. Karow wiederum zeigte sich diesmal weniger impulsiv, dafür aber recht oberlehrerhaft mit leichtem Hang zur Theatralik, während seine Kollegin Rubin schon Ausschau nach neuen Ufern hielt, bekanntlich verlässt Meret Becker den Tatort. Und in diesem Zusammenhang bekam der Zuschauer zu guter Letzt auch noch ein bisschen Nachhilfe in Sachen Integration! Bildungsauftrag erfüllt, oberflächlich zwar, dafür aber allumfassend und äußerst gebührensparend in nur einem einzigen Tatort. Kann man mögen, muss man aber nicht! /sis  

Nina Rubin (Meret Becker) überrascht Karow (Mark Waschke) in einem Moment der Einsamkeit und Trauer. (Foto: rbb/Marcus Glahn)

 

Ein guter Krimi kommt auch ohne Gewalt aus

Ein guter Krimi kommt auch ohne Gewalt aus
Kritik zum Tatort Münster „Lakritz“
ARD/WDR Tatort “Lakritz”: Riecht verdächtig? Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, l) und Frank Thiel (Axel Prahl, r) untersuchen eine Dose Lakritz im Haus des Opfers. (Foto: WDR/Willi Weber)
Silke Haller (ChrisTine Urspruch, l) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, r) sind sich einig: Das Todesopfer, Marktmeister Wagner riecht nach tödlicher Blausäure. (Foto: WDR/Willi Weber)

Das war endlich wieder ein Tatort, wie ihn sich Krimifreunde wünschen. Münster mit dem unvergleichlichen Ermittlerduo Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Gerichtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ist in der Tatort-Reihe immer ein Garant für Erfolg und so enttäuschte auch die neueste Folge mit dem Titel „Lakritz“ nicht. Vielmehr verwob Drehbuchautor Thorsten Wettcke lehrbuchmäßig anfangs scheinbar zusammenhanglose Erzählstränge am Ende zu einer dichten, gut nachvollziehbaren Geschichte, die nur zwei Fragen offen ließ: Wie kam der Täter an das tödlich Gift und wie konnte er die Lakritze des Konkurrenten in der Wohnung des Opfers mit dem Gift präparieren? Das war die einzige Schwäche dieses Tatorts, der wie immer aus Münster mit sehr viel niveauvollem Humor daherkam. Es ging nur um die Geschichte, die keinerlei Spezialeffekte benötigte, keine Gewalt, keine Schießereien, ja sogar die sonst obligate Verfolgungsjagd konnte entfallen. Einfach großartig. Es gab zwar nicht viel Spannung, dafür aber konnte der Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute mitraten, wer denn nun den Marktmeister Wagner getötet hatte, wobei noch lobend zu erwähnen wäre, dass der wahre Täter bereits früh in die Geschichte eingeführt und bis zum Schluss geschickt getarnt wurde. Das ist Krimi, wie man ihn öfter sehen möchte. Auch ein paar Überraschungen hatte die Geschichte, die Teile aus Professor Boernes Jugend in Rückblenden erzählte, zu bieten. So kam Thiel plötzlich als Gesundheitsapostel daher, verbat sich sämtliche Schlemmereien und entwickelte sogar sportliche Ambitionen. Thiel war joggen – ob die Erdbebenwarte da wohl leichte bis mittelschwere Erschütterungen registriert hat? Natürlich hielt die Phase nicht lange an, am Ende des Films schwenkte Thiel wieder genüßlich eine Wurst und Boerne kam mit einer Flasche edlen Rotweins daher. Neu aber waren die teils innigen Freundschaftsbekundungen der sonst eher von einander genervten Paarung. Eine weitere Überraschung war Boernes plötzlicher Anfall von heftiger Zuneigung für seine „kleine“ Assistentin Alberich alias Silke Haller (ChrisTine Ursprung) und Staatsanwältin Klemms (Mechthild Großmanns) nicht ganz legales Verlangen, kompromittierendes Material namhafter Münsteraner Bürger in ihrem privaten Archiv aufzubewahren. Ausgerechnet die sonst so untadelige Staatsanwältin. Eine weitere angenehme Überraschung war die Rückkehr von Thiels Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), die in der letzten Folge aus Münster schmerzlich vermisst worden war. Und zuguter letzt überraschte auch Thiels “Vaddern” Herbert (Claus D. Clausnitzer) in dieser Geschichte mit seiner persönlichen Weiterentwicklung vom gewöhnlichen “Kiffer” zum selbsternannten “Schamanen”. Köstlich!

Das Team aus Münster hat auch mit der neuesten Folge bewiesen, dass der Tatort gar keine filmischen Experimente braucht, dass Krimi und Humor durchaus zusammenpassen, solange die Komik in pointierte Dialoge eingebettet ist und nicht nur groben Klamauk referiert. Und dieser Tator unter der Regie von Randa Chahoud hat eindrucksvoll bewiesen, dass ein guter Krimi auch ganz ohne Gewalt auskommen kann. Weiter so! /sis

Stöbern im Keller nach Spuren aus Boernes Kinderheit: Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) und Frank Thiel (Axel Prahl) wühlen sich durch alte Kisten. (Foto: WDR/Willi Weber)

Aggressiver Flückiger wirkt fehl am Platz

Aggressiver Flückiger wirkt fehl am Platz
Kritik zum Tatort Luzern „Der Elefant im Raum“
ARD Degeto Tatort “Der Elefant im Raum”: Kein Ausweg für Reto Flückiger (Stefan Gubser)? (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)
Liz Ritschard (Delia Mayer) und das SEK im Einsatz. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

So ganz verständlich war er nicht, der letzte Tatort aus Luzern mit Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer). Was denn nun der „Elefant im Raum“ gewesen sein soll, wurde ebenso wenig klar, wie Flückigers plötzliche Aggressivität, von der in den bisherigen Tatorten aus Luzern nichts zu bemerken war. Im Gegenteil, Reto Flückiger zeigte sich bislang immer als ein eher ruhiger besonnener Kommissar. In seinem letzten Fall aber schlug er von Anfang an und nicht immer nachvollziehbar wild um sich, am liebsten auf den Pseudojournalisten Frédéric Roux (Fabian Krüger), der recht klischeehaft die Zunft der Schreiberlinge als wahre Schmeißfliegen repräsentierte. Schemenhaft ging es weiter, die üblen Verquickungen von Rüstungsindustrie und Politik kamen zur Sprache, die mögliche Beteiligung höchster Polizeikreise, die begründete Angst der kleinen Leute abgehängt zu werden und die bittere Erkenntnis, sowie nie eine Chance auf Aufstieg gehabt zu haben. Schlicht und einfach zu viel für 90 Minuten Film und so erlebte der Zuschauer eine nur grobe Skizzierung der angesprochenen Themen, die wenig bis gar nicht zu überzeugen wusste. Liz Ritschard ging diesmal recht verschnupft gleich ihre eigenen Wege in weiser Voraussicht auf das absehbare Finale, nämlich Flückigers Abgang in Verbindung mit ihrer Beförderung.

Abgesehen von ein paar schönen Bildern vom Vierwaldstättersee hatte dieser Tatort nichts zu bieten. Die Geschichte von Felix Benesch und Mats Frey plätscherte vor sich hin, ließ jedwede Höhe- und Tiefpunkte vermissen und wusste die Zuschauer in keiner Phase wirklich mitzureißen. Selbst Flückigers heldenhafter Einsatz zum Schluss mit der gewaltigen Explosion konnte den doch eher langweiligen Tatort nicht mehr retten. Und wie schon so oft litt auch der letzte Tatort aus Luzern wieder an einer erschreckend schlechten Synchronisierung. /sis

Reto Flückiger (Stefan Gubser, re.) unter steter Beobachtung von Frédéric Roux (Fabian Krüger), einem aggressiven News-Portal-Betreibers. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Typisch “Murot” – alles, nur kein “Tatort”

Typisch “Murot” – alles, nur kein “Tatort”
Kritik zum Tatort „Angriff auf Wache 08“
ARD/HR Tatort “Angriff auf Wache 08”: (v.l.n.r.) Walter Brenner (Peter Kurth) und Felix Murot (Ulrich Tukur) sind alte Freunde. Bei ihrem Treffen in der “Wache 08” tauchen die Justizvollzugsbeamten Frank (Andreas Schröders) und Jörg (Jörn Hentschel) auf, die durch eine Panne ihres Gefangenentransporters zufällig in der Wache gestrandet sind. (Foto: HR/Bettina Müller)
Kurz nachdem Felix Murot (Ulrich Tukur) bei seinem Freund angekommen ist, bricht die Hölle los. (Foto: HR/Bettina Müller)

Ein Tatort mit dem eigentlich großartigen Ulrich Tukur in der Rolle des LKA-Hauptkommissars Felix Murot ist in der Regel alles, nur kein Tatort. Das weiß man inzwischen. Auch bekannt ist, dass gerne mal groß geballert wird mit und um Murot und, dass die Geschichten reine Fantasy-Erzählungen sind, die weder mit der Realität noch mit Logik etwas zu tun haben. Unter diesen Voraussetzungen kann man die Murot-Tatorte mögen oder aber auch nicht. Genauso verhält es sich auch mit der neuesten Murot-Geschichte mit dem Titel “Angriff auf Wache 08” aus der Feder von Clemens Meyer und Thomas Stuber, nur dass diesmal mehr als üblich übertrieben wurde, in jeder Hinsicht. Der ganze Film bestand aus eine einzigen Ballerei, ohne jeden Sinn und Verstand. Vier Familienmitglieder eines scheinbar kriminellen Clans begeben sich anfänglich auf einen Rachefeldzug, doch im Verlaufe der Geschichte werden es immer mehr bis an die Zähne bewaffnete Angreifer, deren Herkunft am Ende genauso fraglich bleibt, wie die Tatsache, dass ein Gefangenentransport mit Schwerstkriminellen von niemandem vermisst wurde und warum eigentlich der Eisverkäufer sterben musste. Was hatte das alles mit der Sonnenfinsternis zu tun und wieso hatten es die Angreifer auf eine Wache abgesehen, die nur noch als Museum diente? Überhaupt gab es viel zu viele Tote, aber keinen Mord, es gab endlose Schießereien aber keinen greifbaren Täter mit einem verständlichen Motiv. Selbst Murots Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) war in dieser Folge nur Beiwerk, sie marschierte erst kurz vor Schluss mitten im Showdown ganz alleine in die unter schwerem Beschuss liegende Wache 08, die wenig später nach einer gigantischen Explosion in einem Flammenmeer versank, während Wächter wie von Geisterhand unversehrt neben Murot und den letzten Überlebenden – Verkehrspolizistin Cynthia Roth (Christina Große), Serienmörder Kermann (Thomas Schmauser) und die Tochter des wohl auch eher zufällig erschossenen Arztes, Jenny Sibelius (Paula Hartmann) – auf der grünen Wiese weit weg vom Ort des Geschehens wieder auftauchte.

Wie gesagt, alles nicht verständlich, die gesamte Story eigentlich nicht viel mehr als eine Aneinanderreihung von längst bekannten Filmszenen, eine wilde Mischung aus „Stirb langsam“, „MacGyver“ und einer gehörigen Portion Wilder Westen. Nicht unbedingt schlecht, aber eben kein Tatort und schon gar kein Krimi. Warum solche Filme im Rahmen der Tatort-Reihe laufen müssen, bleibt das Geheimnis der Macher. Wird hier der Klasseschauspieler Ulrich Tukur als Zugpferd missbraucht? Für Freunde ungezügelter Ballerei in Verbindung mit lockeren Sprüchen aus der Mottenkiste klassischer amerikanischer Thriller und Western mag der Film unterhaltsam gewesen sein, für Liebhaber klug konstruierter Kriminalfälle mit einer Prise gern morbiden Humors und ebenso cleveren wie sympathischen Kommissaren war es einfach nur wieder Zeitverschwendung. Und noch ein Gedanken bleibt nach diesem an Brutalität kaum zu überbietenden Tatort: Die gerade in den letzten Wochen vielbeschworene Radikalisierung vieler junger Menschen kann offenbar nicht nur an Ballerspielen festgemacht werden. Auch Filme wie dieser, die die kranke Lust am Schießen und Töten so hemmungslos zelebrieren, tragen ihren Teil dazu bei. Und das auch noch finanziert durch die Gebühren der Fernsehzuschauer. Übel, ganz übel! /sis

Felix Murot (Ulrich Tukur, li.) holt Jenny Sibelius (Paula Hartmann) weg vom Serienkiller Kermann (Thomas Schmauser). (Foto: HR/Bettina Müller)

Unprofessionelle Optik trifft auf recht konstruierten Inhalt

Unprofessionelle Optik trifft auf recht konstruierten Inhalt
Rezension Dushan Wegner „Talking Points“

Ein Politikbuch nennt Dushan Wegner sein 328 Seiten starkes Buch mit dem Titel „Talking Points“ mit zahlreichen, leider nicht durchnummerierten Anmerkungen. Ein Buch, das auf den ersten Blick einen äußerst unprofessionellen Eindruck macht. Der Grund: Es erschien im Selbstverlag und das merkt der Leser auf beinahe jeder Seite. Allein schon der Flattersatz ohne Silbentrennung reißt große Lücken in den Text, die das Lesen unnötig erschweren. Außer einem guten Layout hätte dem Buch darüber hinaus auch ein professionelles Lektorat sehr gutgetan.

Abgesehen von den optischen Mängeln und sprachlich mitunter gewagten Klimmzügen lässt leider auch der Inhalt zu wünschen übrig. Was der Autor beschreibt, sind Effekte, die aus psychologisch wirksamen Formulierungen entstehen können mit dem Ziel, den Wähler dazu zu bringen, einem bestimmten Politiker und damit auch gleich der Partei, die er vertritt, seine Stimme zu geben. Dafür führt er unzählige, ziemlich wahllos zusammengesuchte Beispiele an, die diese Effekte beschreiben sollen. Die Beispiele reichen von Gandhis Güte über Helmut Schmidts Weisheit, Putins Potenzdarstellung bis hin zum Thema “Nudging (1)”, das der Autor ziemlich treffend als “mentale Hundeleine” bezeichnet – um nur einige wenige zu nennen. Nicht immer ist aber der Zusammenhang zwischen beschriebenem “Effekt” und angeführtem “Beispiel” erkennbar. Der Mensch, so behauptet Wegner, folgt dem Gütigen, dem Weisen, dem Echten, dem Starken und einigen anderen Anführern mit vergleichbaren positiven Charaktereigenschaften. Letztlich aber geht es nur um Gefühl. Wer es schafft, die jeweils vorherrschenden Gefühle in der Gesellschaft zu erkennen und möglichst klug zum Ausdruck zu bringen hat – in Verbindung mit einer entsprechenden Ausstrahlung – die Nase vorn im Politiker-Wettstreit.

Sicher sind Politikerauftritte in jeder Situation gut durchdachte PR-Maßnahmen. Politiker spielen mit den Ängsten der Menschen und inszenieren sich als einzig fähige Problemlöser. Ob sie das allein durch „Talking Points“ erreichen können, ist mehr als fraglich, das erkennt der Autor am Ende selbst. Dennoch liefert Wegner einige brauchbare Ratschläge für Politikerneulinge, gibt Tipps für wirkungsvolle Selbstdarstellung und vergisst auch nicht die Fettnäpfchen zu benennen, die sich entlang des Weges zu höchsten Politikämtern dicht an dicht aneinanderreihen. Für den normalen, lediglich politikinteressierten Leser aber bietet das Buch kaum nennenswerte Erkenntnisse, er kann sich die mühevolle Lesearbeit durch das optisch wenig ansprechende „Werk“ also getrost sparen. /sis

Biographische Angaben
Dushan Wegner: Talking Points oder Die Sprache der Macht
Version Februar 2019, Selbstverlag, 328 Seiten
ISBN 978-1-79-021214-9

(1) Zum Thema “Nudging” siehe auch Nudge Teil I: Nur ein Schubs in die richtige Richtung? und Nudge Teil II: Wie die Bundesregierung “wirksam regieren” will

Endlich wieder ein gelungener Krimiabend

Endlich wieder ein gelungener Krimiabend
Kritik zum Polizeiruf 110 aus Rostock „Dunkler Zwilling“
ARD/NDR Polizeiruf 110 “Dunkler Zwilling”: Die Kommissare König (Anneke Kim Sarnau) und Bukow (Charly Hübner) suchen einen Serienmörder. Sie gehen jeder Spur nach. (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) schauen sich einen Tatort an. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Das war endlich wieder einmal ein gelungener Krimiabend in der ARD. Die Polizeiruf 110-Folge mit dem Titel „Dunkler Zwilling“ war tatsächlich ein klassischer Krimi mit viel Spannung und Dynamik, so wie man sich das als echter Krimifreund wünscht. Die Rostocker Kommissare Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) zogen die Zuschauer aber nicht nur mit ihrem außergewöhnlichen Fall einer Mordserie in ihren Bann, sondern auch mit der unausgesprochenen Anziehungskraft, die zwischen den beiden herrscht. Bleibt zu hoffen, dass die Macher des Rostocker Polizeirufs diese Kraft nicht durch eine billige Romanze zerstören. Denn es ist gerade die offensichtliche Zuneigung, die das Duo so interessant macht. Ständig steht die Frage im Raum, was denn wohl als nächstes passiert, wenn die beiden sich begegnen. Drehbuchautor und Regisseur Damir Lukacevic hat in der Folge „Dunkler Zwilling“ geschickt mit dieser Anziehungskraft gespielt, etwa wenn er Bukow klar zum Ausdruck bringen lässt, dass er König nicht mehr trauen kann, er ihr aber dennoch bei jeder Gelegenheit seine starke Schulter zum Anlehnen bietet oder ihre Nähe sucht. Zu dunkel ist aber die gemeinsame Vergangenheit.

Recht dunkel war auch die Vergangenheit eines der beiden Verdächtigen. Sechs Morde soll der Unternehmer Kern (Simon Schwarz) begangenen haben, sechs grausige Morde verbunden mit kranken Ritualen. Geschickt führte er Bukow und König an der Nase herum, die sich auf Kerns Tochter Marla (Emilia Nöth) konzentrierten und ihr eine Mitschuld einräumten, sollte sie tatsächlich ihren Vater decken. Neben der spannenden Geschichte um die Morde und deren Aufklärung war es genau der Aspekt der Mitschuld, den dieser Polizeiruf geschickt in den Mittelpunkt rückte. Was heißt es wirklich für eine Familie, wenn der Vater sich als Monster entpuppt, wie trifft es das persönliche Umfeld und den Alltag? Das alles wurde in diesem Polizeiruf thematisiert und großartig in Szene gesetzt.  

Und doch gibt es auch kleinere Kritikpunkte. So war das Motiv für den Serienmörder etwas dürftig. Auch wurde nicht hinreichend geklärt, was es mit den grausigen Ritualen auf sich hatte. Und auch Katrin Königs anfängliche Wortfindungsstörungen erfuhren am Ende leider keine plausible Aufklärung. Das sind aber vergleichsweise unbedeutende Mängel angesichts der außergewöhnlichen Geschichte, die den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute in Atem hielt und der durchweg großartigen Leistung der Schauspieler, allen voran Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner. /sis

Zwischen Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) knistert es gewaltig. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Unglaubliche Zumutung für die Zuschauer

Unglaubliche Zumutung für die Zuschauer
Kritik zum Tatort Stuttgart „Hüter der Schwelle“
ARD/SWR Tatort “Hüter der Schwelle: Sebastian Bootz (Felix Klare, li.) und Thorsten Lannert (Richy Müller) treffen am hoch gelegenen Tatort ein. (Foto: SWR/Benoît Lindner)
Lannert und Bootz  wissen nicht, was sie im Keller ihres Hauptverdächtigen erwartet. (Foto: SWR/Benoît Lindner)

Wirr, unverständlich, lächerlich, unsinnig, man findet gar keine passenden Worte, um den neuen Tatort aus Stuttgart mit dem Titel „Hüter der Schwelle“ hinreichend zu beschreiben. Schwachsinn trifft es – leider einmal mehr – am ehesten. Opfer und sämtliche potenziellen Täter waren reif für die Klapsmühle, der Film eine einzige Zumutung für die Zuschauer. Keine Dynamik, keine Spannung, keine nachvollziehbare Handlung, einfach sinnlos aneinander gereihte Szenen dafür aber von einer ungeheuren Brutalität. Tatsächlich gab es auch für die an sich sehr beliebten Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) nichts zu ermitteln, sie stolperten durch die Geschichte, ohne irgendwelche Erkenntnisse zu gewinnen, unterbrochen von zwischen den Szenen aufblitzenden Bildern aus längst vergessenen Zeiten. Die letzte Viertelstunde war denn auch nötig, um die Geschehnisse rund um das Opfer Marcel Richter (Max Breitschneider, eine schöne Leiche!), dessen ziemlich gestörte Mutter Heide Richter (Victoria Trauttmansdorff, sonst eher als Serien-Pathologin bekannt), den „Hüter der Schwelle“ und besessenen Magier Emil Luxinger (André M. Hennicke) und die von Bootz umschwärmte selbsternannte Hexe Diana Jäger (Saskia Rosendahl) aufzuklären. Aber selbst mit den am Ende in viel zu ausführlichen Rückblenden erzählten Ereignissen, die zum Tod von Marcel Richter geführt hatten, ergab die Geschichte keinen Sinn. Und dann entpuppte sich der Mord auch noch als makabre Selbsthinrichtung. Die Kommissare standen mit leeren Händen da. Ein Unding für einen guten Krimi!

Aber als Krimi lässt sich dieser Streifen ohnehin nicht einordnen, nicht einmal als Horrorfilm oder Psychothriller. Das war ganz einfach gar nichts. Natürlich gibt es mehr zwischen Himmel und Erde als der Mensch gemeinhin annimmt. Und natürlich existieren die gezeigten und andere okkulte Kreise in unserer Gesellschaft. Auch sind dem Wahnsinn sicher keine Grenzen gesetzt. Was Drehbuchautor Michael Glasauer und Regisseur Piotr J. Lewandowski dem Publikum mit diesem Film unter der Marke „Tatort“ allerdings zumuteten, war an Absurdität kaum zu überbieten. Einmal ganz abgesehen davon, dass der Zuschauer mit seinen Gebühren die Produktion solcher Filme finanzieren muss, fragt man sich doch, wie lange so renommierte Schauspieler wie Richy Müller und Sebastian Bootz sich noch für einer derartigen Unsinn hergeben! /sis

Bootz lässt sich auf einen für den Fortgang der Geschichte völlig unnötigen, ungemein brutalen Kampf ein. (Foto: SWR/Benoît Lindner)

Überraschend anders

Überraschend anders
Kritik zum Tatort Weimar „Die harte Kern“
ARD/MDR Tatort Weimar “Die harte Kern”: Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) sind tatverdächtig und müssen vor ihren Kollegen fliehen. (Foto: MDR/Wiedemann&Berg/Stephanie Kulbach)
Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) können nicht fassen, dass Stich (Thorsten Merten) zu Eva Kern (Nina Proll) hält. (Foto: MDR/Wiedemann&Berg/Stephanie Kulbach)

Überraschend anders präsentierte sich der Tatort Weimar mit dem Titel „Die harte Kern“. Statt der zu erwartenden Slapstickkomödie mit den Kriminalhauptkommissaren Kira Dorn (Nora Tschirner) und dem immer noch vornamenlosen Lessing (Christian Ulmen) war die Folge ein spannender Krimi mit einer außergewöhnlichen Geschichte und klugem Humor. Es gibt ihn also doch noch, den Tatort, der Spannung mit Spaß zu vereinen weiß. Zum ersten Mal nahmen Dorn und Lessing einen Fall ernst, vielleicht auch nur, weil sie persönlich betroffen waren. Irgendwer versuchte Lessing den Mord an dem Schrotthändler Harald Knopp (Heiko Pinkowski) und Kira Dorn einen Mordversuch an Rainer Falk (Jan Messutat), der Knopp in einem Mordprozess völlig überraschend ein Alibi gegeben hatte und damit einen Schuldspruch verhinderte, anzuhängen. Hier kam dann auch die Sonderermittlerin Eva Kern (Nina Proll) ins Spiel, die sich als beinharte Karrierefrau nicht von Lessings Unschuld überzeugen lassen wollte und ihn unter Mordverdacht in Untersuchungshaft steckte – zwar in einer Ausnüchterungszelle, aber immerhin. Lessing saß ein, Dorn musste den Fall weitgehend alleine aufklären, im eigenen Interesse, wollte sie ihren Ehemann doch bei der Geburtstagsparty des gemeinsamen Sohnes an ihrer Seite wissen und sei es auch nur zum Aufräumen. Grund genug also, die Ermittlungen etwas ernsthafter als für den Weimarer Tatort üblich anzugehen. Ein spannendes Katz- und Mausspiel rund um die verschwundene, millionenschwere Statue der “Göttin des Unheils” begann, in dem sich Kommissariatsleiter Kurt Stich (Thorsten Merten) im Zweifel hinter die Sonderermittlerin und nicht seine Kommissare stellte und Streifenhörnchen Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) mehr mit seiner neuen großen Liebe als mit dem Fall beschäftigt war. Die Auflösung kam etwas plötzlich und die Täterin war wieder Katharina Marie Schubert in diesem Fall in der Rolle der Hannah Knopp, der geldgierigen Schwägerin des Opfers. Nach Schuberts Auftritten als mörderische Altenpflegerin im Tatort Stuttgart und schussfeste Unternehmergattin im Tatort Frankfurt spielte sie in diesem Tatort zum dritten Mal in diesem Jahr die Täterin – etwas zu viel des Guten, zumal die drei Täterfiguren sich nicht wirklich von einander unterschieden.

Abgesehen davon war das der erste Tatort aus Weimar, der den Namen Krimi verdient. Die kurzweilige und von Regisseurin Helena Hufnagel durchdacht in Szene gesetzte Geschichte aus der Feder der Drehbuchautoren Sebastian Kutscher und Deniz Yildizr wusste durchweg zu überzeugen. Und die neue Ernsthaftigkeit steht dem sonst so komödiantischen Ermittlerduo Dorn und Lessing ausgesprochen gut. So darf es im Tatort aus Weimar gerne weitergehen! /sis

Kira Dorn (Nora Tschirner) verspricht Lessing (Christian Ulmen) aus der U-Haft zu holen. (Foto: MDR/Wiedemann&Berg/Stephanie Kulbach)

Jetzt ermittelt Bessie mit Dick und Doof

Jetzt ermittelt Bessie mit Dick und Doof
Kritik zum Polizeiruf 110 München „Der Ort, von dem die Wolken kommen“
Polizeiruf 110 “Der Ort, von dem die Wolken kommen”: Polou (Dennis Doms) wird verwahrlost am Isarufer aufgefunden. (Foto:  BR/Roxy Film/Hendrik Heiden)

Ein neues Team war dem Publikum nach dem Ausstieg von Matthias Brandt als Hanns von Meuffels versprochen worden. Ein neues Team, von dem man sich neuen Elan, neue Ideen und neue Impulse für den Polizeiruf aus München erhofft hatte. Doch was die Zuschauer in der Auftaktfolge über sich ergehen lassen mussten, war an Schwachsinn nicht zu überbieten. Die neue „Ermittlerin“ des Polizeirufs aus München ist eine unreife Streifenpolizistin namens Elisabeth genannt Bessie Eyckhoff (Verena Altenberger), zwar mit viel Herz, aber wenig Verstand. Ihr zur Seite stehen der dauergeile Wolfgang „Wolfi“ Maurer (Andreas Bittl) und Cem Halac (Cam Lukas Yeginer), Bessies verfressener Halbbruder mit einer gehörigen Portion Übergewicht, die im Streifendienst wohl eher hinderlich sein dürfte. Angeleitet werden Bessie und “Dick und Doof” von Kriminalhauptkommissar Christian Strasser (Norman Hacker), der aber mehr an Bessies Beförderung interessiert ist, als an der Aufklärung des Falles. Ein zugegeben außergewöhnlicher, aber dennoch nicht neuer Fall: Wo kommt der verwahrlost an der Isar aufgefundene Junge Polou (großartiger Dennis Doms) her, was hat er erlebt und sind noch mehr Kinder in Gefahr? Einen Mord gibt es nur am Rande, das Motiv für die Isolation und Misshandlungen der Kinder wird ebenso wenig klar, wie der Fortgang der Ermittlungen. Denn Bessie löst ihren Fall ganz allein vom bequemen Sessel aus – in Doppelhypnose marschiert sie zusammen mit Polou in das Horrorhaus und rettet zwei weitere Kinder und das alles, ohne den leerstehenden, eher gruseligen Krankenhausflügel auch nur zu verlassen. Für Polou nimmt die von der ehrgeizigen Psychologin Dr. Kutay (Katja Bürkle) rücksichtslos durchgeführte Hypnosetherapie ein dramatisches Ende. Und auch die beteiligte Jugendbeamtin hat eher ihre eigenen Interessen als das Wohl der Kinder im Sinn.

Mit Krimi hatte dieser Polizeiruf der Drehbuchautoren Thomas Korte und Michael Proehl unter der Regie von Florian Schwarz wieder einmal gar nichts zu tun. Als Psychothriller könnte er gerade noch durchgehen, wäre da nicht so viel Unrealistisches im Spiel. Polizeioberkommissarin Bessie ermittelt in Trance, immer zwischen Wirklichkeit und Traum. Das mag für Freunde dieses Genres interessant sein, für echte Krimifreunde aber war es verlorene Zeit. /sis

Goya – eine überragende Erscheinung der Kunstgeschichte

Goya – eine überragende Erscheinung der Kunstgeschichte
Selbstporträt – Prado Madrid

Francisco José de Goya y Lucientes war der wohl begabteste und vielschichtigste Künstler Spaniens, eine überragende Erscheinung der Kunstgeschichte, der alle Techniken beherrschte und bis ins hohe Alter perfektionierte. Er verfügte über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe, die sich nicht nur an der Natur, sondern insbesondere auch an den politischen und gesellschaftlichen Begebenheiten seiner Zeit ausrichtete. Er prangerte die Missstände der Gesellschaft an, die Gräueltaten des Krieges, aber auch die Dummheit der Menschheit ganz allgemein, ihre Fehler und Schwächen. Seine pessimistische Weltsicht, geprägt von seiner katholischen Gläubigkeit in Verbindung mit den Erfahrungen und Erlebnissen durch Krieg und Vernichtung und den Freiheitsgedanken der Französischen Revolution, findet sich in seinen Zeichnungen und Grafiken wieder, die auch sein eigenes Schicksal spiegeln. Denn der junge Goya wollte gerne aufsteigen in der adeligen Gesellschaft, wollte Gefallen finden bei Hofe, was ihm aber lange Zeit versagt blieb. So sehr er sich auch um die Gunst der Madrider Aristokratie und ihrer Akademie der Künste bemühte, die strengen Hierarchien verhinderten den Aufstieg des unbekannten Malers aus der Provinz. Erst spät fand er die gewünschte Anerkennung, wurde durch König Carlos III. sogar zum Hofmaler ernannt, portraitierte die Königsfamilie Carlos IV. und wurde schließlich doch noch in die Akademie aufgenommen. Dennoch blieb er Untergebener, selbst im Kreise der Akademiekollegen hatte er keinen leichten Stand. Schließlich löste er sich vom Hof, von der Akademie und deren Zwängen. Am Ende emigrierte er nach Bordeaux, wo er im hohen Alter von 81 Jahren starb.

Geboren wurde Francisco Goya am 30. März 1746 in Fuendetodos in der Provinz Saragossa im Hause seines Onkels. Seine Mutter Gracia Lucientes hielt sich mehr bei ihrem Bruder, denn bei ihrem Mann José in Saragossa auf. Francisco war das vierte Kind der Familie, zwei weitere folgten. Wie in jener Zeit üblich übernahm der älteste Sohn Tomás die einst sehr gut gehende Vergolderwerkstatt des Vaters. Francisco musste sich einen eigenen Beruf und Broterwerb suchen. Mit 13 Jahren entschied er sich für eine Ausbildung als Maler bei José Luzán, der wie viele seiner Zeitgenossen die Akademisierung der Kunst in Spanien voranbringen wollte. Luzán ermöglichte Goya den Zugang zu einflussreichen Kreisen und Förderern der Künste und so lernte Goya auch Francisco Bayeu kennen, der ebenfalls eine Ausbildung bei Luzán machte und dessen Schwester Josefa 1773 Goyas Frau wurde. Im selben Jahr siedelte er nach Madrid über. Als Maler aus der Provinz musste er eine akademische Ausbildung anstreben und um am Hofe anerkannt zu werden, benötigte er Bürgen. Talent alleine reichte nicht, ohne Beziehungen war kein Fortkommen. Er war deshalb weiter als Kirchenmaler in der Provinz tätig und machte auch vor unfairen Mitteln nicht halt, um an Aufträge zu kommen. So schlug er seine Konkurrenz mit niedrigen Kostenvoranschlägen aus dem Feld, konnte dann aber die erwarteten Leistungen nicht erbringen. Er sparte an der Ausmalung der Figuren, was ihm den Unmut seiner Auftraggeber einbrachte. Die Tätigkeit als Maler in der königlichen Teppichmanufaktur schließlich eröffnete ihm den Weg zum spanischen Hof, er wurde Hofmaler, portraitierte die königliche Familie und wurde mit dem Gemälde eines Kruzifixes schließlich doch in die Akademie in Madrid aufgenommen. 1785 wurde er Professor mit der Verpflichtung, Schüler zu unterrichten. Obwohl er mehrfach für die unterschiedlichsten Positionen in der Akademie vorgeschlagen wurde, unterlag er stets seinen Mitbewerbern. Dennoch war er in den 1780er Jahren mit sich und seinem Leben durchaus zufrieden, das jedenfalls schrieb er einem Schulfreud aus Saragossa, dem er ein Leben lang verbunden blieb. In dieser Zeit versuchte er gar ein Leben als Höfling zu führen, kaufte sich ein Pferd und eine Kutsche. Doch schon die erste Ausfahrt endete mit einem Unfall.

Die Privilegien, die ihm die Aufnahme in der Akademie bescherten, führten unter anderem dazu, dass Goya sich nicht mehr um Aufträge bemühen musste, sie kamen endlich von selbst. Doch die Verunsicherungen durch die Französische Revolution machten auch vor Goya nicht Halt. Plötzlich war ihm die Anerkennung am Hofe nicht mehr so wichtig und er hielt Kunst nicht mehr für erlernbar. Inwieweit diese äußeren Umstände zu seiner schweren Krankheit 1793 beitrugen, kann man nur mutmaßen. Goya wurde taub, musste die Taubstummensprache erlernen und zog sich von allen Ämtern zurück. Die Erkrankung erschien wie eine Flucht, sie war der Ausweg aus seinem bis dahin so starken Drang nach Posten und Bedeutung. Er sympathisierte mit dem französischen Zeitgeist, machte sich in Radierungen über die ererbten Privilegien und das aristokratische Erbfolgeprinzip lustig. Er stellt aber auch die Laster und das Fehlverhalten der Menschen dar, die Dummheit des Volkes. Gleichzeitig forderte er die Abkehr von der akademischen Lehre, vom ästhetischen Idealbild hin zur Abbildung der ungeschönten Natur. Er arbeitete jetzt für den anonymen Markt. Seine Radierungen waren für die breite Masse gedacht und mussten von ihr verstanden werden. Seine Stierkampfbilder etwa waren einerseits Abbilder der spanischen Kultur, andererseits aber auch eine Anspielung auf den Kampf gegen den französischen Erzfeind, der vom Volk bekämpft wurde. Nach dem spanischen Aufstand schlug Goya sich auf die Seite der Volksmassen und machte die Grausamkeit des Krieges in weiteren Radierungen sichtbar. Mitten in dieser turbulenten Zeit starb seine Frau Josefa. Goya blieb nur der 1784 geborene Sohn Francisco Javier und der 1806 geborene Enkel Mariano. 1824 verließ Goya Spanien und ließ sich nach einem Kuraufenthalt mit seiner Lebensgefährtin Leocardia und deren Kinder ganz in Bordeaux nieder. Glücklich war er nicht, auch wenn er Klima, Essen und Unabhängigkeit sehr zu schätzen wusste. 1826 und 1827 reiste er nochmals nach Madrid, um seine Pensionierung durchzusetzen und seine Familienangelegenheiten zu regeln. 1828 kamen Schwiegertochter Gumersinda und Enkel Mariano zu Besuch nach Bordeaux. Ein Besuch, über den sich Goya sehr gefreut haben soll. Es war das letzte Mal, dass er seinen Enkel sehen sollte: Francisco Goya starb am 16. April 1828. In seinen letzten Skizzenbüchern hatte er die Themen Alter und Wahnsinn aufgegriffen. Seine Greise sind hilflose Riesen, wie er am Ende selbst einer war. /sis

Bildbeschreibungen: 1) Dem Krieg und seinen Gräueltaten widmete Goya eine ganze Serie von Zeichnungen. 2) Erst strebte Goya nach Anerkernnung in Adelskreisen, dann macht er sich über sie in den Caprichos (hier Blatt 39) lustig. 3) Auch dem Stierkampf widmete er eine Sammlung, Tauromaquia Nr. 11. 4) Furcht beherrschte Goyas Träume, das kam auch in seinen Zeichnungen zum Ausdruck. 5) Das Familienportrait Karls IV. hängt heute im Prado in Madrid. (alle Bilder frei).

Unterhaltsame Geschichte mit albernem Ende

Unterhaltsame Geschichte mit albernem Ende
Kritik zum Tatort Ludwigshafen “Maleficius”
ARD/SWR Tatort “Maleficius”: In der Autowerkstatt erhoffen sich Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) Auskünfte über den verschwundenen Rollstuhlfahrer. (Foto: SWR/Sabine Hackenberg)
Zum zweiten Mal in kurzer Zeit sammeln Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) Spuren am Rhein. Diesmal hat der Fluss die Leiche der Ärztin Marie Anzell (Jana Voosen) angeschwemmt. (Foto: SWR/Sabine Hackenberg)

„Maleficus“ kommt aus dem Lateinischen und heißt „bösartig, gottlos“ – und genau das sollte der neue Tatort aus Ludwigshafen dem Publikum wohl vorstellen, wie gottlos und bösartig Menschen sein können. Im konkreten Fall war es ein Wissenschaftler, der in Menschenversuchen eine Verbindung von Künstlicher Intelligenz und menschlichem Gehirn erprobte, dabei aber kläglich scheiterte. Denn das Ergebnis seiner Bemühungen, das dem Zuschauer am Ende des Films „Maleficius“ mit den Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) vorgestellt wurde, war nicht mehr als ein äußerst lächerlicher Terminatorverschnitt, eine jämmerlich-wackelige Figur, die sich dank überdimensionierter Maschinenteile gerade mal so auf den Beinen halten konnte. Ob das den besonderen Humor dieses Tatorts unterstreichen sollte, darf bezweifelt werden. Es raubte der an sich guten Geschichte mit einem sehr interessanten, weil ethisch und moralisch äußerst umstrittenen Thema, die Glaubwürdigkeit. Es war ganz einfach albern, wie auch Professor Bordauer selbst, denn anders als man von einem ernsthaften Wissenschaftler mit Nobelpreis-Ambitionen erwarten sollte, präsentierte sich Sebastian Bezzel, ehedem Kai Perlmann im Konstanzer Tatort, schlicht als Witzfigur mit Dreitage-Bart im abgetragenen T-Shirt. Bezzel war hier definitiv die falsche Besetzung. Ihm und seiner eiskalten Assistentin standen am Ende nicht nur die Kommissarinnen gegenüber, sondern eine intellektuell minderbemittelte Gruppe passionierter Autoschrauber unter Führung von Ali Kaymaz (Gregor Bloéb), die mit schierer Muskelkraft den Professor und seine monströse Maschine zu Fall brachten. Herrlich! Wenig professionell aber verhielt sich die doch so diensterfahrene Lena Odenthal am Fundort der toten Ärztin: Sie zieht Handschuhe über, fasst sich dann an die Nase und greift anschließend nach der Hand der Leiche! Wieder der besondere Humor der Folge, oder Test der Aufmerksamkeit der Zuschauer? Oder doch einfach nur Oberflächlichkeit von Ulrike Folkerts und Regisseur Tom Bohn?

Unterhaltsam war dieser Tatort, daran besteht kein Zweifel. Die wissenschaftlichen Aspekte und vor allen Dingen den Professor hätte man sich seriöser gewünscht. Das Ende war leider völlig daneben. Dafür entschädigten aber die religiösen Anregungen, die der großartige Heinz Hoenig in der Rolle des Pfarrers Ellig den Zuschauern mit in die Nacht gab. Er verlangte mehr Demut vor der Schöpfung und kämpfte geschickt gegen den Teufel. Das brachte sogar die so taffe Lena Odenthal ins Grübeln. /sis

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) will auf keinen Fall von Profesoor Bordauer (Sebastian Bezzel) und seiner Assistentin Malina (Dominique Chiout) beim Spionieren ertappt werden. (Foto: SWR/Sabine Hackenberg)

Auf der Jagd nach “Lachern”

Auf der Jagd nach “Lachern”
Kritik zum Tatort Frankfurt „Falscher Hase“
ARD/HR Tatort “Falscher Hase”: Paul Brix (Wolfram Koch, li.), Anna Janneke (Margarita Broich) und Staatsanwalt Bachmann (Werner Wölbern), der, wie die Kommissare auch, nichts zum Fortgang der Geschichte beizutragen hatte, sondern seinerseits mit merkwürdigem Humor auf der Jagd nach “Lachern” war. (Foto: HR)
Paul Brix (Wolfram Koch) ärgert sich über die vorlaute Kriminaltechnikerin (Eva Meckbach) (Foto: HR/Bettina Müller)

Wer sich auf einen spannenden Tatort-Abend aus Frankfurt gefreut hatte, wurde einmal mehr enttäuscht. Der „Falsche Hase“ mit den Kommissaren Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich) entpuppte sich als völlig überzeichnete Komödie mit im Mittelmaß stecken gebliebenen Kleinganoven, die sich gegenseitig die Beute eines Versicherungsbetruges abjagen wollten und bis auf die Haupttäterin alle mit einem schönen runden Loch im Kopf endeten. Die ohne Zusammenhang zur Geschichte aufgezeigte Brutalität – einem nicht im geringsten in die Geschehnisse verstrickten Mitarbeiter einer Feinkostfirma wurde der kleine Finger abgehakt (tricktechnisch sehr gut gemacht) –  ließ sich genauso wenig nachvollziehen, wie die überraschenden Schlussfolgerungen der Kommissare, die eigentlich nur eine bedeutungslose Nebenrolle spielten und wenig zum Fortgang der Geschichte beitrugen. Sogar einen Zeitsprung in der Videoaufzeichnung entdeckten sie erst am Ende der Geschichte, schlossen dann aber messerscharf auf die richtige Täterin, Revolver-Biggi, eine ebenfalls in jeder Hinsicht mittelmäßige Unternehmergattin  (Katharina Marie Schubert) mit einem einzigen Talent: als ehemalige Schützenkönigin legte sie jeden mit einem gezielten Schuss zwischen die Augen um, der sich ihr und ihrem Mann Hajo (Peter Trabner) bei dem Versuch, die Versicherung zu betrügen, in den Weg stellte. Natürlich waren die Kommissare Biggis besonderem Talent nicht auf die Spur gekommen, wie es eigentlich im Zuge engagierter Ermittlung zu erwarten gewesen wäre, nein, sie ließen sich von ihrer kleinbürgerlichen Fassade und ihrem besonders leckeren „falschen Hasen“ täuschen. So taff  und unerbittlich Biggi im Laufe der Geschichte auch gewesen sein mag, zum Schluss gestand sie völlig ohne Not, bereitete damit aber der gähnenden Langeweile ein erlösendes Ende. Schon rein optisch war die Geschichte in den 80er Jahren stecken geblieben und die Kommissare überzeugten nicht etwa durch kluge Ermittlungsarbeit, sondern sie stolperten einfach über die Leichen, ohne auch nur einen Schritt weiterzukommen.

Wenn der Täter schon von Anfang an bekannt ist, dann sollte wenigstens eine spannende Jagd im Mittelpunkt eines Krimis stehen. Aber davon war der neue Tatort aus Frankfurt aus der Feder von Emily Atef, die auch Regie führte, und Lars Hubrich meilenweit entfernt. Schwarzer Humor ist ganz gewiss nicht verkehrt in einem guten Krimi, das beweisen britische Krimis mehr als eindrucksvoll. Nur Klamauk indes ist einfach zur wenig! Schade für die Schauspieler, schade für die gelangweilten Zuschauer und besonders schade für die Marke “Tatort”, die immer mehr zu einer beliebigen Filmreihe mutiert. Mit Wehmut denkt man an frühere Zeiten, als jeder Tatort noch für atemlose Spannung von der ersten bis zur letzten Minute sorgte – und der Humor dabei trotzdem nicht zu kurz kam. /sis

Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) beobachten und warten, viel mehr hatten sie in diesem Tatort auch nicht zu tun. (Foto: HR/Bettina Müller)

Viel zu viel Hass im Spiel

Viel zu viel Hass im Spiel
Kritik zum Polizeiruf 110 “Heimatliebe”
ARD/RBB Polizeiruf 110 “Heimatliebe”: Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) durchsuchen das Haus eines verdächtigen polnischen Geschäftsmannes. (Foto: RBB/Oliver Feist)

Eine merkwürdige Form von Heimatliebe zeigte der Polizeiruf 110 aus dem deutsch-polnischen Grenzbereich um Frankfurt (Oder): Auf der einen Seite rechtsradikale Polen, die Deutsche abgrundtief hassen und alles tun, um den Verkauf von ihrem Land an wen auch immer zu verhindern. Und auf der anderen Seite eine Handvoll Deutsche, die sich keinesfalls in die bundesdeutsche Ordnung und deren Ländergrenzen einfügen wollen. Wieder einmal wurden also Reichsbürger thematisiert, man kann es fast schon nicht mehr hören! Das alles wurde in einer äußerst deftigen Sprache vorgetragen, die polnisch nicht besser klingt als deutsch. An dieser Stelle fällt einem der Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein verbunden mit der allseits beklagten „hate speech“ – die ARD machts vor! Auch das gnadenlose Geballer am Ende der an sich klugen Geschichte spiegelte den Zeitgeist. Leider! Die Story aus der Feder des Regisseurs und Drehbuchautors Christian Bach wäre auch mit weniger Hass gut ausgekommen.

Harsche Worte fielen sogar zwischen den beiden Kriminalhauptkommissaren Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz), die die Ermittlungen dafür aber gemächlicher angingen, ja sogar eine gewisse Unlust an den Tag legten. Sie gipfelte in Lenskis Bemerkung mitten im finalen Kugelhagel „einfach nach Hause zu gehen“. Und dass, obwohl ein alter Bekannter Lenskis, Roland Seedow (Hanns Zischler), aufgetaucht war und offensichtlich mit Reichsbürger Bernd Emil Jaschke (Waldemar Kobus) sympathisierte. Dazu gab es noch die deutsche Jenny Sekula (Anna König), die den polnischen Hofbesitzer Wojciech Sekula (Grzegorz Stosz) übers Internet kennengelernt und geheiratet hatte und gleich nach dessen Ermordung recht skrupellos ihr Erbe einforderte. Zwischen all diesen Fronten versuchte Sekulas Sohn Tomasz (Joshio Marlon) seine „Heimat“ verzweifelt zu erhalten, die ihm der ehemalige Besitzer Seedow durch einen Strohmann streitig machte. Und darum ging es im Kern, die ehemals adlige Großgrundbesitzerin Helena von Seedow-Winterfeld (Gudrun Ritter), nach dem Krieg enteignet, wollte ihren Besitz zurück und dafür war ihr, respektive ihrem Sohn Roland Seedow, jedes Mittel recht. Wie gesagt, eine an sich kluge Geschichte, die aber im Wirrwarr der Personen und politisch und menschlich gravierend unterschiedlichen Sichtweisen einfach unterging. Und wieder wurden am Ende zwar die Verantwortlichen benannt. Wer von den Reichsbürgern genau den Brand gelegt und Wojciech Sekula brutal erschlagen hatte, blieb indes der Fantasie der Zuschauer überlassen. /sis

Olga Lenski (Maria Simon) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, re.) sichern Spuren nach dem tödlichen Übergriff auf den polnischen Bauern Wojciech Sekula (Grzegorz Stosz, li.). (Foto: RBB/Oliver Feist)

Sie konnten zusammen nicht kommen

Sie konnten zusammen nicht kommen
Rezension Charlotte Link „Das andere Kind“

Charlotte Linke gilt als eine der besten deutschen Autoren – und das zu Recht. Ihr Stil ist flüssig, sie verzichtet auf ausschweifende Beschreibungen, konzentriert sich auf das Wesentliche ihre äußerst geschickt konstruierten Geschichten. Das mündet in einem wahren Leserausch. „Das andere Kind“ aus ihrer Feder mag man nicht aus der Hand legen. Es handelt sich dabei eigentlich nur in zweiter Linie um einen Kriminalroman, im Vordergrund steht die ungewöhnliche Lebensgeschichte von Fiona Barnes und Chad Beckett, die sich im Zuge der Landverschickung Londoner Kinder nach Yorkshire Ende 1940 in der rauen Küstenstadt Scarborough noch als Kinder kennen und lieben lernen und ein Leben lang nicht mehr von einander lassen können. Und dass, obwohl den beiden kein klassisches Happyend beschert ist, jeder einen anderen Partner heiratet und eigene Kinder bekommt. Was sie verbindet ist eine grausame Schuld, ein Vergehen an einem Kind, eben dem „anderen Kind“, wie der kleine Brian von Fiona und Chad genannt wird. Brian gerät mehr zufällig in das Geschehen, wird aber zum zentralen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, die mit dem Mord an einer Studentin ihren Ausgang nimmt und in Fionas Ermordung gipfelt. Für die ehrgeizige Kommissarin Valerie Almond sieht es so aus, als ob die beiden Morde von ein- und demselben Täter begangen wurden. Nach und nach aber taucht sie, zusammen mit Dr. Leslie Cramer, Fionas Enkelin, immer tiefer in die Geschichte von Fiona und Chad ein, die ihre dunklen Schatten bis in die Gegenwart wirft, denn Fionas Mörder kennt plötzlich kein Halten mehr.

Das 672 Seiten umfassende Buch erzählt nicht nur die eigentliche Geschichte um den Mord der beiden Frauen, sondern wirft auch einen bemerkenswerten Blick auf die Geschichte des Zweiten Weltkrieges in London, den vom Überlebenskampf geprägten Alltag der Menschen und die Nachwirkungen, die das grausame Geschehen auf ihr Leben hatte. /sis

Bibliographische Angaben:
Charlotte Link: Das andere Kind
Verlag Blanvalet, Erstveröffentlichung 2009, Ausgabe 2019, 672 Seiten
ISBN 978-3-7341-0793-1

Kommissare auf Irrwegen

Kommissare auf Irrwegen
Kritik zum Tatort aus Dresden „Nemesis“
ARD/MDR Tatort “Nemesis”: Auf der Suche nach Nazarians Kreditkarte findet die Barkeeperin Lissy (Dena Abay) den ermordeten Joachim Benda in dessen Büro. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato.
Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) haben den entscheidenden Beweis gefunden und sind auf dem Weg, um den Täter zu verhaften. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato.

„Nemesis“ hieß der erste neue Tatort nach der Sommerpause mit dem ebenfalls noch neuen Dresdener Ermittlerduo Oberkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczweski) und Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel). Und der Titel war Programm, denn die Gattin des Mordopfers, Katharina Benda (Britta Hammelstein), entpuppte sich als wahre „Rachegöttin“. Nur leider verwies eben dieser Titel auch schon von Anfang an auf die Hintergründe der Tat und das nahm der Geschichte aus der Feder der Drehbuchautoren Mark Monheim und Stephan Wagner, der zugleich Regie führte, viel der möglichen Spannung. Und so zogen sich die Ermittlungen doch etwas in die Länge, die die Kommissarinnen erst einmal auf einen Irrweg ins Mafia-Milieu mit klassischer Schutzgelderpressung und Geldwäsche führten. Leider wurden in diesem Zusammenhang auch gleich wieder die alten Klischees von verdienten Polizisten bedient, die früher gerne einmal ein Auge zugedrückt haben. So soll Leonie Winklers Vater Otto Winkler (Uwe Preuß) eben solchen Geldwäschegeschäften einfach zugeschaut haben, was natürlich der Tochter überhaupt nicht schmecken wollte. Auch Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (großartiger Martin Brambach) hatte mit „Befangenheit“ zu kämpfen, entpuppte er sich doch als guter Freund und Vertrauter des Opfers und dessen rachsüchtiger Ehefrau. Dass sowohl Leonie Winkler als auch Chef Schnabel von den Ermittlungen hätten ausgeschlossen werden müssen, sei nur am Rande erwähnt. Spätestens als die Ermittlungen nur noch in Richtung Ehefrau des Opfers und deren beiden Söhne Valentin (Caspar Hoffmann) und Viktor (Juri Sam Winkler) wiesen, wäre das Aus für Schnabel angezeigt gewesen. Doch er glaubte hartnäckig an die Unschuld seiner Freundin Katharina Benda und legte seinem Team einige Steine in den Weg, bis es beim dann endlich auch spannenden, wenn auch etwas übertriebenen Finale keinen Zweifel mehr an ihrer Schuld gab.

Nicht hinweg sehen kann man über die Tatsache, dass Oberkommissarin Gorniak an der Seite ihrer neuen Kollegin eigentlich nur noch die zweite Geige spielt, ja fast schon zur Nebenfigur degradiert wird. Schade, mit Leonie Winklers Vorgängerin Hennie Sieland (Alwara Höfels) gab es zwar gelegentliche Reibereien, aber sie arbeiteten doch zumindest auf Augenhöhe. Bleibt zu hoffen, dass sich in den nächsten Folgen aus Dresden das Niveau des neuen Ermittlerduos wieder angleicht. /sis

Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Peter Schnabel (Martin Brambach) koordinieren die Einsatzkräfte am Einsatzort. Schnabel beschreibt der Feuerwehr die Lage. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato

Müder Auftakt in die Krimisaison

Müder Auftakt in die Krimisaison
Kritik zum Polizeiruf 110 Magdeburg – Mörderische Dorfgemeinschaft
ARD/MDR Polizeiruf 110 “Mörderische Dorfgemeinschaft”: Die Kollegen Lemp (Felix Vörtler), Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke) starren auf die Überreste einer Hand. Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhardt
Auf einer einsamen Waldlichtung wurde ein verlassenes Auto mit Unmengen an Blut im Kofferraum gefunden. Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke) inspizieren den Fundort. Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhardt

Wenn man während eines Krimis immer mal wieder kurz wegdämmert, dann ist das nicht unbedingt ein Zeichen für Spannung und Dynamik. Und so war denn auch der Auftakt in die neue ARD-Krimisaison mit dem Polizeiruf 110 „Mörderische Dorfgemeinschaft“ einfach nur langweilig. Daran änderten auch die recht unromantischen, harten Sexszenen nichts, die der Zuschauer über sich ergehen lassen musste. Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Hauptkommissar Dirk Köhler (Matthias Matschke) untersuchten einen Mord ohne Leiche in einem abgeschiedenen Dorf, dessen Bewohner, obwohl fast durchweg noch jüngeren Alters, irgendwo in grauer – oder besser gelber – Vergangenheit hängengeblieben waren. Ganz im Gegensatz zu Jurij Sergey Rehberg (Tambet Tuisk), der neu in diese skurrile Dorfgemeinschaft gekommen war und neben einem ausgeprägten Freiheitsdrang, was seine Liebschaften anbelangte, die Dorfbewohner auch geschickt auszunehmen wusste. Kein Mann zum Liebhaben – und so fand er auch ein grausiges Ende in diesem Dorf ohne hübsche Vorgärten und ganz ohne fröhlich spielende Kinder. Kein Ende fanden dagegen die Ermittlungen der beiden Magdeburger Hauptkommissare, die bis zum Schluss auch nicht den Hauch einer Ahnung hatten, wo denn nun die Leiche und wer als Jurijs Mörder zu verhaften war. Nur, dass das ganze Dorf dafür verantwortlich sein musste, war von Anfang an klar. Das verriet ja schon der Titel.

Selten hat man Doreen Brasch so unaufgeregt, fast schon gelangweilt gesehen. Bis auf eine Szene tat sie einfach ihre Arbeit, ohne laut zu werden, ohne anzuecken, ohne Konflikte mit Chef und Kollege Köhler. Eher seltsam mutete die Rolle von Matthias Matschke an, der das letzte Mal als Kommissar Köhler auf Mörderjagd ging. Auch sein Auftritt plätscherte so dahin, ohne große Höhepunkte, ohne würdigen Abschied. Schade, denn gerade er machte den Polizeiruf aus Magdeburg zu einer der besseren Krimis dieser Reihe. Man hätte ihm zum Ausstieg einen spektakulären Abgang gewünscht. /sis

Köhler (Matthias Matschke) befragt Werner (Hans-Uwe Bauer), dieser ist nicht gut auf Jurij zu sprechen. Seine Tochter Annette (Katharina Heyer) hört zu. Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhardt.

Den Erwartungen nicht gerecht geworden

Den Erwartungen nicht gerecht geworden
Rezension Dan Brown „Origin“

Wer sich ein Buch des amerikanischen Bestsellerautors Dan Brown aussucht, weiß in der Regel, was ihn erwartet: Viel religiös angehaucht Historisches verbunden mit spektakulären Erkenntnissen und natürlich eine gehörige Portion architektonisch Wissenswertes. In seinem neuesten Buch „Origin“ entführt Dan Brown seine Leser nach Spanien. Wieder spielt Religion eine wichtige Rolle, allerdings steht diesmal nicht die römisch-katholische Kirche im Mittelpunkt, sondern eine Abspaltung namens palmarianisch-katholische Kirche, die auf den ersten Blick für die Morde im Zusammenhang mit den spektakulären Enthüllungen des Zukunftsforschers Edmond Kirsch verantwortlich scheint. Kirsch will Antworten gefunden haben auf die elementaren Fragen der Menschheit „Wo kommen wir her?“ und „Wo gehen wir hin?“  Natürlich ist auch aller Leser Lieblingsprofessor Robert Langdon mit von der Partie, als Kirschs ehemaliger Lehrer und enger Freund spielt er eine zentrale Rolle in der von Kirsch geplanten Präsentation eben dieser Antworten im Guggenheim Museum in Bilbao. Kirsch wird von einem Anhänger der palmarianischen Kirche ermordet und Robert Langdon muss zusammen mit der Verlobten des spanischen Kronprinzen, Ambra Vidal – wie bei Bown üblich wieder eine junge, ausgesprochen hübsche und natürlich hoch intelligente Frau -, Edmond Kirschs Passwort entschlüsseln, um die Präsentation doch noch auszustrahlen. Die wilde Jagd geht von Bilbao nach Barcelona. Ganz nebenbei erfährt der Leser wieder viel über Barcelonas Sehenswürdigkeiten wie die Casa Milá und die Kathedrale Sagrada Familia des Stararchitekten Antonio Gaudi, außerdem reist er mit dem Kronprinzen Julián von Madrid in den Palast El Escorial und das Tal der Gefangenen mit dem gigantischen Franco-Mausoleum.

Interessant, gewiss, zumal wenn man nicht die Übersetzung benötigt, sondern das englische Original lesen kann. Trotzdem wird „Origin“ den Erwartungen nicht gerecht. So spektakulär sind Edmond Kirschs Enthüllungen am Ende nicht, als dass sie die daraus resultierenden, zum Teil wieder recht brutalen Reaktionen der beteiligten Figuren begründen könnten. Daran ändert auch der geniale Einfall mit der Künstlichen Intelligenz namens „Winston“ nichts, die nur ein Ziel kennt: Die Vorstellungen ihres Erfinders und „Herren“ Edmond Kirsch ohne Rücksicht auf Verluste durchzusetzen. Ein bisschen viel Intelligenz für eine Maschine – nach Kirschs Erkenntnissen aber sind genau solche Maschinen die Zukunft, während die Menschheit untergeht. Da also “gehen wir hin”! /sis

Bibliographische Angaben
Dan Brown: “Origin”
Englisches Original, Random House, 2017, 480 Seiten
ISBN 0385514239

Für dumm verkauft?

Für dumm verkauft?
Rezension Vincent Kliesch/Sebastian Fitzek „Auris“

Hochgelobt wird der Thriller „Auris“ von Vincent Kliesch nach einer Idee von Sebastian Fitzek. Allerdings wird das 352 Seiten umfassende Buch diesen Vorschusslorbeeren nicht gerecht. Es ist in der Tat zwar eine äußert ungewöhnliche und auch sehr spannende Geschichte, deren Ende aber den Leser geradezu verhöhnt. So stellt Kliesch seiner Protagonistin Jula Ansorge bei der Suche nach dem Entführer ihres Halbbruders Elyas einen genialen Fallanalytiker an die Seite, der durch seine Fähigkeit, aus der Stimme eines Menschen seine Herkunft, sein Aussehen und die psychische Verfassung des möglichen Täters herauszulesen, für die Polizei schon viele Fälle gelöst hat. Nur sitzt dieser akustische Profiler namens Matthias Hegel, genannt “Auris” (lateinisch “das Ohr”), selbst wegen Mordes im Gefängnis – unschuldig. Das jedenfalls macht der Autor seinen Lesern weis bis zum Schluss. Dann nämlich stellen sich alle Bemühungen, den jungen Elyas aufzuspüren, als eine einzige Intrige heraus, die nur dazu dienen soll, Hegel selbst aus dem Gefängnis zu befreien. Hegel, der über 300 Seiten lang als absolut integer, ehrlich und zurückhaltend geschildert wird, entpuppt sich ohne jede Vorwarnung als Monster, das aus dem Gefängnis heraus das Geschehen um Elyas’ Entführung inszeniert haben soll – aber nur vielleicht. Ob das tatsächlich so ist, bleibt letztlich offen. Hegel bestreitet glaubwürdig jede Schuld, will aber aus den Drohanrufen die Stimmen seines besten Freundes und seiner Schwiegermutter nicht herausgehört haben. Der Leser nimmt dem Erzähler diese Wendung nicht ab. Sie wirkt unglaubwürdig und führt das gesamte Geschehen ad absurdum. Und dann taucht zu guter Letzt und ganz nebenbei auch noch Julas richtiger Bruder Moritz wieder auf, der sich zu Beginn der Geschichte bei einer gemeinsamen Reise in Argentinien das Leben genommen haben soll. Hegel will ihn aus dem Gefängnis heraus in einem Zeugenschutzprogramm, von dem zuvor nie die Rede war, aufgespürt haben. Was Moritz getan hat, um in dieses Schutzprogramm aufgenommen zu werden, bleibt genauso im Dunkeln wie die Frage, was das alles mit Julas Vergewaltigung in Argentinien zu tun haben soll. Ein einziges Chaos, aus dem der Autor mit fragwürdigen Erklärungen zu entkommen sucht. Schade!

Vincent Kliesch gibt in seiner seitenlangen Dankesrede am Ende des Buches an, drei Jahre an diesem Thriller gearbeitet zu haben. Man hätte ihm ein weiteres Jahr gegönnt, um vielleicht doch noch einen durchdachten, logischen Schluss für seine an sich packende Geschichte zu finden. So beschleicht den Leser am Ende nur das ungute Gefühl, für dumm verkauft worden zu sein. /sis

Bibliographische Angaben:
Vincent Kliesch/Sebastian Fitzek: „Auris“
Droemer Verlag, 2019, 352 Seiten
ISBN 978-3-426-30718-2

Giuseppe Verdi: Ein Jetset-Leben

Giuseppe Verdi: Ein Jetset-Leben
Giuseppe Verdi (1813 – 1901)

Wie die meisten großen Künstler war Giuseppe Verdi am Ende seines Lebens wirklich reich. Er besaß Ländereien, betrieb Ackerbau und Viehzucht im großen Stil, lebte im Frühjahr und Sommer in seiner Villa Sant’Agata in der Nähe von Busseto und verbrachte die Winter in Genua und Mailand. Ein Jetset-Leben würde man heute sagen. Aber dafür musste Verdi hart arbeiten. Am Ende seines Lebens hatte er neben geistlicher Musik, Kammermusik und Kantaten 32 Opern komponiert, darunter die weltberühmten Opern “Nabucco”, “Rigoletto” und “Aida”. Für Verdi stand stets die Bühnenwirksamkeit seiner Werke im Mittelpunkt. Er hatte eine Vorliebe für Shakespeare und kämpfte mit der von Kritikern erdachten Konkurrenz zu Richard Wagner.

Giuseppe Verdi lernte früh, welche Bedeutung Geld hat und strebte deshalb von Anfang an nach finanzieller Unabhängigkeit. Dabei begann seine Karriere alles andere als erfolgversprechend. Verdi wurde am 10. Oktober 1813 in Le Roncole in der Provinz Parma, damals zum französischen Kaiserreich gehörend, geboren. Der Vater, Carlo Verdi, war Gastwirt und Lebensmittelhändler, die Mutter, Luigia Uttino, stand in der Gaststube, wenn der Vater zum Einkauf von Waren unterwegs war. Zwei Jahre später kam seine Schwester Giuseppa zur Welt. Als Verdi vier Jahre alt war, lernte er beim Dorflehrer lesen und schreiben und bekam später seinen ersten Orgelunterricht, denn es war die Musik, die den eher schüchternen kleinen Jungen begeisterte. Damit war klar, Verdi sollte später Organist werden. Verdis Vater kaufte dem damals erst Siebenjährigen ein gebrauchtes Spinett, das Giuseppe bis an sein Lebensende in Ehren hielt. Obwohl Verdi also in relativem Wohlstand aufwuchs, dachte er später an seine Kindheit stets in Verbindung mit Armut zurück, doch war es eher die Abhängigkeit von anderen, die Verdi geprägt haben musste. Mit zehn Jahren wechselte er aufs Gymnasium nach Busseto, mit zwölf erhielt er beim Kapellmeister und Komponist Ferdinando Provesi Harmonielehre und Kompositionsunterricht. Von da an komponierte Verdi selbst und konnte mit dem Orchester der Philharmonischen Gesellschaft von Busseto seine Kompositionen auch gleich ausprobieren und aufführen. Proben und Konzerte fanden im Haus des Präsidenten der Gesellschaft statt, dem Kaufmann Antonio Barezzi, der Verdi 1831 bei sich aufnahm. Die beiden verband eine tiefe Freundschaft, die 38 Jahre hielt.

Provesi aber drängte Verdi zum Studium am Mailänder Konservatorium, doch Verdi bestand die Aufnahmeprüfung nicht, eine Niederlage, die er nie verwunden hat. Noch im Alter von 84 Jahren empörte er sich über das Konservatorium, sprach von einem „Anschlag auf seine Existenz“. Dennoch blieb Verdi in Mailand, nahm Unterricht bei einem Lehrer des Konservatoriums und lebte bei einem Bekannten Barezzis, der sich allerdings in Briefen fortgesetzt über Verdi beklagte. Verdi zog deshalb in ein anderes Zimmer in der Nähe der Scala, in der er als Zwanzigjähriger auch gleich einen ersten Erfolg feierte. Bei einer Probe von Haydns „Schöpfung“ vertrat er den erkrankten Cembalisten mit so viel Hingabe, dass man ihm gleich die Aufführung des Oratoriums übertrug. Obwohl Mailand mit seinen Konzerten und Maskenfesten den jungen Verdi sehr beeindruckte, kehrte er 1833 nach Busseto zurück, um dort die frei gewordene Stelle des Organisten und Kapellmeisters anzutreten, die aber der Bischof unter der Hand bereits anderweitig vergeben hatte. Verdi blieb in Busseto, arbeitete wieder mit den Philharmonikern zusammen und bekam 1836 schließlich die Stelle des städtischen Musikdirektors. Im selben Jahr heiratete er Barezzis Tochter Margherita, 1837 kam Tochter Virginia und ein Jahr später Sohn Icilio Romano zur Welt. Virginia starb 1838. Zu der Zeit unternahm Verdi allerlei Versuche, seine erste Oper zur Aufführung zu bringen. Da er in Busseto damit nicht weiterkam, zog er mit seiner Familie nach Mailand. Die Premiere 1839 war nicht gerade ein Triumpf, brachte ihm aber einen Auftrag für drei weitere Opern ein. Doch dann starb auch noch sein Sohn und 1840 seine Frau Margherita. Völlig verzweifelt kehrte Verdi nach Busseto zurück und vergrub sich lange Zeit im Hause seines Schwiegervaters. Mailand aber entließ ihn nicht aus dem Vertrag und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die angefangene Oper zu Ende zu komponieren. Die Premiere wurde ein Fiasko.

Durch Zufall fiel Verdi das Textbuch zu „Nabucco“ in die Hände. In den Versen fand er die polititschen Erfahrungen und Träume seines eigenen Volkes wieder, die ihn zu seiner weltberühmten Musik inspirierten. Mit der Premiere 1842 avancierte Verdi zum Star der Mailänder Oper. Schon 1844 konnte er ein Anwesen in Villanova sull’Arda, drei Kilometer nordwestlich von Busseto, mit Wiesen und Weingärten erwerben und ein Jahr später kaufte er sich den Palazzo Cavalli in Busseto. Denn endlich konnte Verdi seine Verträge selbst aushandeln und auch die Höhe seiner Honorare selbst bestimmen. Bis 1850 schrieb er zwölf weitere Opern. Die Arbeitsbelastung empfand er als enorm, zudem litt er unter Magenbeschwerden, Bronchitis und Rheuma. Dazu kam die Zensur des Staates über die Theater, vieles war verboten und mancher Schriftsteller, wie beispielsweise Victor Hugo, per se verdächtig. 1849 besuchte die Sängerin Giuseppe Strepponi Verdi in seiner Villa in Busseto, damals ein Skandal. 1851 zogen die beiden in das zur Villa Sant’Agata aufwendig umgebaute Gutshaus in Villanova sull’Arda. Verdi eignete sich Kenntnisse in Acker- und Weinbau an und kannte sich bald auch in der Rinder- und Pferdezucht bestens aus. Er entwickelte eine Leidenschaft für das Landleben, die ihn bis ans Lebensende begleitete. 1859 schließlich heiratete er Giuseppa Strepponi. 1860 musste er nach vier Jahren des Müßiggangs einen Auftrag aus St. Petersburg annehmen, er brauchte Geld, die Zukäufe von Land und der Umbau des Hauses hatten Unsummen verschlungen. 1864 war die Villa Sant’Agata aber zu einem Paradies geworden, großbürgerlich eingerichtet, mit Skulpturen und Bildern, die Verdi und seine Frau von ihren Reisen mitgebracht hatten, auch seltene Pflanzen waren dabei.

Frühjahr und Spätsommer verbrachte das Paar in Sant’Agata, wo Verdi rund 200 Land- und Bauarbeiter beschäftigte. Sie luden sich Gäste ein, die Verdi gelegentlich sogar selbst bekochte, sie spielten gerne Karten oder Billard. Im Hochsommer ging es zur Kur nach Tabiano, einmal im Jahr nach Mailand und recht häufig nach Paris. Nach einem Schwächeanfall 1886 konzentrierte sich Verdi ganz auf die Landwirtschaft, baute eine Meierei, um den Bewohnern der Umgebung Arbeit zu verschaffen und ließ sogar ein Krankenhaus erbauen. Doch ohne zu komponieren konnte Verdi auf Dauer nicht leben. So entstand “Otello”. Am Tag der Uraufführung 1887 waren schon zur Mittagszeit alle Straßen in Mailand verstopft und die Viva-Verdi-Rufe wollten kein Ende nehmen.

Im Mai 1889 begann er mit den Arbeiten zu seiner letzten Oper “Falstaff”. Nur war Verdi inzwischen von dem Gedanken besessen, die Arbeit nicht mehr beenden zu können. Tatsächlich erlitt er 1897 einen Schlaganfall und im November des gleichen Jahres starb seine zweite Ehefrau Giuseppa. Verdi schrieb sein Testament, in dem er viele soziale Einrichtungen bedachte. Am 21. Januar 1901 folgte der zweite Schlaganfall, am 27. Januar starb Verdi. Am 26. Februar 1901 wurden beide Särge in die Kapelle der Casa di Riposo, einem Altenheim für Sänger und Musiker, das Verdi gestiftet hatte, überführt. Über 300.000 Menschen reihten sich in den Trauerzug ein, um Abschied zu nehmen von dem Komponisten, der über 50 Jahre lang die Openwelt dominierte und noch heute begeisterte Anhänger hat. /sis

Bühnenbild zu “Rigoletto” (Foto: Bregenzer Festspiele)

Lesen Sie dazu auch: “Rigoletto” – ein schaurig schönes Meisterwerk

Buchempfehlung: Barbara Meier, Giuseppe Verdi, Rowohlt E-Book 2013, 154 Seiten, ISBN 978-3-6444969-10

 

Spannender Blick in die Überwachungszukunft

Spannender Blick in die Überwachungszukunft
Rezension Tom Hillenbrand „Drohnenland“

Wer den Zugriff auf die Daten hat, der hat die absolute Macht. Und um diese Macht zu erhalten, schrecken Menschen auch vor massenhaftem Mord nicht zurück. Das ist der Kern des futuristischen Thrillers „Drohnenland“ von Tom Hillenbrand, der 2014 veröffentlicht, mit dem Friedrich-Glauser-Preis als bester Kriminalroman ausgezeichnet wurde und inzwischen in der 12. Auflage erschienen ist.

In Hillenbrands Geschichte wird das Europa der Zukunft von den unterschiedlichsten Drohnen überwacht, die alles sehen, alles hören und alles aufzeichnen. Diese Aufzeichnungen kann man sich nicht nur anschauen, man sich auch direkt in sie hineinspiegeln lassen, erfährt die Situation quasi als unsichtbarer Geist direkt und hautnah mit. So jedenfalls löst Kriminalhauptkommissar Arthur van der Westerhuizen vorzugsweise seine Fälle in Brüssel. Keiner entkommt dieser allumfassenden Überwachung, ein Computer weiß jederzeit, wo wer ist und was er gerade tut, mehr noch, er kann sogar voraussagen, was der jeweilige Mensch in Zukunft tun wird, mit einer gewissen Schwankungstoleranz. Um diesen Zustand totaler Kontrolle abzusichern, haben sich Kommission, Polizei und Geheimdienst in einer neuen, in Kürze zur Abstimmung stehenden Verfassung umfangreiche Rechte festschreiben und durch den allwissenden Polizeicomputer Terry auch gleich die eventuellen Neinsager unter den Abgeordneten bestimmen lassen. Sie sind ein unkalkulierbares Risiko für die machtbesessenen Chefs der drei Institutionen und so stirbt ein potentieller Neinsager nach dem anderen unbemerkt eines mehr oder minder natürlichen Todes, bis Kommissar Westerhuizen und seine Datenanalystin Ava Bittman den Verschwörern auf die Spur kommen, selbstverständlich nicht ohne selbst in höchste Lebensgefahr zu geraten.

Tom Hillenbrand erzählt aus der „Ich-Perspektive“ des Kommissars in der Gegenwart, was anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig ist. Von der ersten bis zur letzten Seite begleitet der Leser den ungewöhnlichen Polizisten durch die spannende Geschichte, die durch diese Erzählweise aber naturgemäß sehr dialoglastig ist. Das stört nicht weiter, außer vielleicht, dass Westerhuizens Mitarbeiterin Ava nahezu jeden ihrer Sätze mit einem liebevollen „Aart“ enden lässt, wie sie den Kommissar nennt. Trotzdem ist das Buch uneingeschränkt beste Krimiunterhaltung, die einen Blick in eine Zukunft gewährt, die hoffentlich niemals kommen wird. /sis

Bibliographische Angaben:
Tom Hillenbrand: „Drohnenland“
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, 423 Seiten, 12. Auflage 2019, ISBN978-3-462-04662-5

Von zäh zu spannend, aber viel zu unglaubwürdig

Von zäh zu spannend, aber viel zu unglaubwürdig
Rezension Sebastian Fitzek “Flugangst 7A”

Es sind schon recht gemischte Gefühle, die die Lektüre von Sebastian Fitzeks „Flugangst 7A“ hinterlässt. Anfangs findet man keinen rechten Zugang zur Geschichte und den handelnden Figuren. Immer wieder ist das Ende eines Kapitels auch das Ende der Lesezeit. In der Mitte schließlich wird es plötzlich ganz spannend, ein Buch, das man nicht aus der Hand legen mag. Und am Ende folgt die totale Übertreibung, die das Lesevergnügen doch sehr trübt. Jeder, wirklich jeder, der im Laufe der Geschichte aufgetauchten Figuren ist in irgendeiner Form in die Ereignisse verstrickt, es gibt keine „Guten“, nur komplett durchgeknallte Zeitgenossen, die vor keine Grausamkeit zurückschrecken. Das, und die Art und Weise, wie zur Auflösung ein Komatöser mit den Behörden kommuniziert, macht die gesamte Geschichte leider viel zu unglaubwürdig.

Der Psychiater Dr. Mats Krüger fliegt von Buenos Aires nach Berlin, um bei der Geburt seines Enkelkindes dabei zu sein. Krüger leidet unter extremer Flugangst, die erst wortreich beschrieben, dann aber urplötzlich nebensächlich wird, als er einen Anruf erhält mit der Nachricht, dass seine Tochter Nele entführt wurde und er sie nur retten kann, indem er eine der Flugbegleiterinnen, eine ehemalige Patientin, dazu bringt, das Flugzeug, in dem mit ihm weitere 600 Passagiere sitzen, abstürzen zu lassen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Krüger bittet seine Ex-Geliebte Feli, ebenfalls Psychiaterin, um Hilfe, die sich zusammen mit dem cleveren Kleinganoven Livio auf die Suche nach Nele macht. Krüger selbst versucht die Flugbegleiterin zu manipulieren, muss am Ende aber feststellen, dass er selbst manipuliert wurde. Er überlebt den Flug nicht, kann aber mit Hilfe eines Wunderarztes trotz „Locked-in-Syndrom“ der Polizei noch verraten, was er über den Entführer herausgefunden hat. Und dann macht Livio, der weit mehr Anteil am Geschehen hat, als zu Beginn zu vermuten wäre, einen entscheidenden, man könnte fast schon sagen, viel zu dummen Fehler, der zu Nele, dem Baby und Feli führt. Alle drei sind trotz der Höllenqualen, die sie erleiden mussten, wie durch ein Wunder unverletzt. Sie werden gerettet, alle anderen kommen um.

Blutrünstig geht es über die 380 Seiten zu, wobei die letzten 50 nur der Auflösung und Erläuterung vorbehalten sind. Streckenweise kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass so manche Wendung und Überraschung einfach nur Seiten füllen soll und deshalb vieles konstruiert und wenig ansprechend wirkt. Und zu guter Letzt hätte der Autor sicher ein glaubwürdigeres Ende finden können. Schade, denn die Geschichte an sich, ist sehr gut. Wie gesagt, es bleiben gemischte Gefühle! /sis

Bibliographische Daten
Sebastian Fitzek, Flugangst 7A
Knaur Taschenbuch, 2019, 400 Seiten
ISBN 978-3-426-51019-3

“Rigoletto” – ein schaurig schönes Meisterwerk

“Rigoletto” – ein schaurig schönes Meisterwerk
Das Bühnenbild der Bregenzer Festspiele 2019/2020 für Verdis Meisterwerk “Rigoletto”, entworfen von Regisseur Philipp Stölzl, der schon in Filmen wie “Der Medicus” für spektakuläre Szenen sorgte. (Foto: Bregenzer Festspiele/Andreas Beitler)

Sein Titelheld sei in seiner dramatischen Qualität eines Shakespeare würdig, soll Giuseppe Verdi über seinen „Rigoletto“ gesagt haben. Verdi bewunderte die englischen Dramatiker und soll wohl sogar darüber nachgedacht haben, die Geschichte des sagenumwobenen Königs Lear in eine Oper umzusetzen. Er entschied sich aber für Rigoletto, den Hofnarren des lüsternen Herzogs von Mantua und erzählt in seiner gleichnamigen Oper die tragische Geschichte von der Entführung und Ermordung von Rigolettos Tochter Gilda nach Victor Hugos Drama „Le Roi s’amuse“ von 1832. Weltweit bekannt ist die Arie „La donna è mobile“ (O wie so trügerisch sind Weiberherzen), die der Herzog von Mantua im dritten Akt singt.

In diesem und im kommenden Jahr ist Verdis schaurig schönes Meisterwerk in der Inszenierung von Philipp Stölzl auf der Seebühne in Bregenz zu sehen. Premiere war am 17. Juli und wie immer überrascht Bregenz mit einem ganz besonderen Bühnenbild, das im Übrigen auch von Philipp Stölzl stammt. Es zeigt einen über 13 Meter hohen und bis zu 11 Meter breiten Clownskopf und zwei überdimensionale Hände, die das zirkushafte Treiben am Hof des Herzogs symbolisieren.

Uraufgeführt wurde die Oper 1851 am Teatro La Fenice in Venedig. Das Libretto, also das Textbuch, stammt von Francesco Maria Piave, von 1844 bis 1860 Regisseur am Teatro La Fenice. Der Stoff hat von Anfang an für Diskussionen gesorgt. Hugos Theaterstück wurde nach der Uraufführung 1832 in Paris gar verboten. Verdis Oper wurde vom Publikum gefeiert, rief aber auch herbe Kritik hervor. Einige Zeitgenossen hielten die Geschichte für anstößig, fühlten sich von der buckeligen Titelfigur abgestoßen und empfanden den lasterhaften Herzog gar als Skandal.

„Rigoletto“ erzählt die Geschichte eines Krüppels und Narren, der gesellschaftliche Anerkennung sucht. Er will dazu gehören und überschüttet die Männer und Väter der Frauen, mit denen sich der Herzog von Mantua amüsiert, mit Hohn und Spott. Damit zieht er den Zorn seiner Mitmenschen auf sich und stürzt letztlich sich und seine Tochter Gilde ins Unglück. Die Geschichte beschreibt zugleich aber auch die unüberwindbare Kluft zwischen moralischem Anspruch der Gesellschaft und dem zügellosen Treiben eines ihrer hochrangigen Mitglieder, der sich an ein Bürgermädchen heranmacht. Kein Wunder, dass sich die selbstbewusste, bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts darüber empörte. Doch Ausgrenzung und nach Anerkennung buhlende Menschen gibt es heute wie damals. Und so ist Verdis „Rigoletto“ noch immer aktuell, ein Spiegelbild der menschlichen Gesellschaft mit all ihren Abgründen. /sis

Mehr zu den Festspielen und der Seebühne lesen Sie hier.

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Zufrieden mit Mittelmaß?

Zufrieden mit Mittelmaß?
Kritik zum Tatort Luzern „Ausgezählt“
ARD Degeto Tatort “Ausgezählt”: Livebild vom Entführungsopfer: Delia Mayer als Liz Ritschard und Stefan Gubser als Reto Flückiger im Polizeirevier. Auf dem Monitor sieht man Tabea Buser als die entführte Martina Oberholzer. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)
Verhaftung am Tatort: Der ehemalige Polizist Heinz Oberholzer (Peter Jecklin) lässt sich als Mörder verhaften. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Als Krimifan bekommt man leicht den Eindruck, die Tatort-Macher geben sich neuerdings mit Mittelmaß zufrieden. Der neueste und zugleich vorletzte Tatort aus Luzern mit dem Titel „Ausgezählt“ jedenfalls war wiederum allenfalls Mittelmaß, sowohl von der Story als auch von der Ausführung her. Von der wirklich nervig schlechten Synchronisation ganz zu schweigen.

Dabei war die zugrunde liegende Geschichte der Drehbuchautoren Urs Bühler und Michael Herzig gar nicht so schlecht, auch wenn das Thema alles andere als neu war. Die Folgen von Doping, der schnellere körperliche Zerfall und die damit gesunkenen Überlebenschancen im Extremfall wurden sauber herausgearbeitet. Dann aber gab es – vermutlich um die 90 Minuten Sendezeit zu füllen – einfach zu viel Geschehen drum herum. Die Urkundenfälschung von Liz Ritschard (Delia Mayer), die einen Fehlversuch einfach gut sichtbar in einem Papierkorb entsorgt, damit das Corpus delicti auch ja von Partner Reto Flückiger (Stefan Gubser) gefunden wird, das Hinterherspionieren von Flückiger und das Aufdecken einer alten Geschichte, die Ritschard in Verbindung bringt mit dem vermeintlich Tatverdächtigen Heinz Oberholzer (Peter Jecklin). Das alles hätte man sich getrost schenken können, trug es doch nichts zum aktuellen Fall und der Suche nach der in einen Bunker eingesperrten Profiboxerin Martina Oberholzer (Tabea Buser) bei.

Überhaupt suchten die Ermittler eher im Schneckentempo nach der Entführten und das, obwohl das Opfer schon in kurzer Zeit zu verdursten drohte. Flückiger und Ritschard standen sehr viel vor dem großen Bildschirm, der Bilder vom Opfer in all seiner Pein live und ununterbrochen übertrug. Sie überlegten, planten, hinterfragten, spekulierten – mit Füßen auf dem Schreibtisch oder Zahnbürste im Mund. Die Brisanz der Suche konnten weder die beiden Ermittler noch der Rest des Teams an die Zuschauer weitergeben. Und selbst die Gefängnisszenen gestalteten sich eher langatmig. Für einen Drogenboss, der sein gesamtes Geschäft zu verlieren droht, gab sich Pius Küng (Pit-Arne Pietz) doch eher desinteressiert bis gelangweilt, da halfen auch die Prügelszenen nichts. Spannung wollte nicht aufkommen, nicht einmal Empathie für das Entführungsopfer und wer der wahre Täter war, konnte jeder Zuschauer ohnehin von Anfang an erahnen. Alles in allem eben einfach nur Mittelmaß! /sis

Belastender Fund in der Wohnung des Vaters der Boxerin: Reto Flückiger, Liz Ritschard (r.) Gerichtsmedizinerin Corinna Haas (Fabien Hardorn) und Ferdi Oberholzer (Ingo Ospelt). (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Das dramatische Ende entschädigt

Das dramatische Ende entschädigt
Kritik zum Tatort Köln „Kaputt“
ARD/WDR Tatort “Kaputt”: Als eine alltägliche Verkehrskontrolle aus dem Ruder läuft, greifen die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, l) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, r) ein. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, vorne) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) müssen in den eigenen Reihen ermitteln. (WDR/Thomas Kost)

Das war kein leichter Stoff, den sich der erfahrene Drehbuchautor Rainer Butt für den neuen Tatort aus Köln vorgenommen hatte: Mord an einem Polizisten und im weiteren Verlauf Ermittlungen in den Reihen der Polizei. Neu war das Thema gewiss nicht, es wurde schon in unzähligen Varianten in ebenso unzähligen Krimis verarbeitet. Die etwas andere Perspektive aber kann trotzdem aus jedem bereits bekannten Stoff dennoch eine interessante Erzählung machen. Das gelang Butt nur in Teilen, zu viel war längst bekanntes Geschehen. Und wieder erlag der Drehbuchautor in diesem Tatort der Versuchung, die brutalen Mörder entschuldigen zu wollen, zumindest einem der drei jugendlichen Täter gab er ein handfestes Motiv für den Mord an dem Polizisten mit auf den Weg, alle drei präsentierte er als einfach nur „kaputte“ Junkies. Mitleid oder gar Empathie für die drei wollte dennoch in keiner Phase der Geschichte aufkommen. Als dann zwei der drei Täter ebenfalls ermordet wurden, begannen auch interne Ermittlungen. Das wiederum kam naturgemäß innerhalb der betroffenen Polizeidienststelle überhaupt nicht gut an, die Kollegen jedenfalls konnten kein Mitleid mit den drei Jugendlichen empfinden, dafür aber ein gewisses Verständnis für einen eventuellen Racheakt aus den eigenen Reihen aufbringen. Insbesondere Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling) tat sich hier hervor und bediente heftig jedes Klischee, das sich in diesem Zusammenhang finden lässt. Einzig Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrend) wahrte die angemessene Neutralität und ließ sich nicht davon abhalten, unvoreingenommen nach den Tätern beider Verbrechen zu suchen. Selbst Partner Freddy Schenk (Dietmar Bär) neigte recht leichtfertig dazu, Verdächtige in den eigenen Reihen eher auszuschließen. Jütte fiel aber nicht nur durch seine vehemente Ablehnung eben dieser internen Ermittlungen auf. Vielmehr ging er in diesem Tatort erstmals mit viel Engagement einer anderen Betätigung als Essen nach: Er bewarb sich leidenschaftlich um einen Sitz im Personalrat. Dafür vergaß er dann seine sonst zur Schau getragene Trauer um den getöteten Kollegen. Von Arbeiten hielt er dafür wieder wenig bis nichts. Das war indes das einzig Erheiternde in diesem Tatort mit dem bezeichnenden Titel „Kaputt“.

So interessant die Geschichte auch klingen mag, in der Umsetzung durch Mitautorin und Regisseurin Christine Hartmann fehlte schlicht die Dynamik. Die Ermittlungen plätscherten dahin, viel zu viele Erkenntnisse waren dem Zufall geschuldet und die drei jugendlichen Täter machten für die grausame Tat, die sie im Drogenrausch begangen hatten, einen viel zu gleichgültigen Eindruck. Die fortgesetzte „Schwulenschelte“ durch den Leiter der Polizeidienststelle Bernd Schäfer (Götz Schubert) wirkte aufgesetzt und störte eigentlich nur den Ablauf des Geschehens. Und die Rachegelüste von Polizistin Melanie Sommer (Anne Brüggemann) standen im krassen Gegensatz zu dem Verhalten der Figur: Melanie Sommer stellte den ganzen Fall über ein bedauernswertes Mädchen dar, zeigte sich schüchtern und verloren, trauerte, weinte ununterbrochen und war nicht in der Lage, auch nur eine Frage der Kommissare vernünftig zu beantworten. So jemand geht nicht einfach los und knallt Täter ab. Das war doch eher unglaubwürdig. Das überaus dramatische Ende indes entschädigte die Zuschauer, die durchgehalten hatten, für derartige Nachlässigkeiten. Alles in allem war dieser Tatort zwar gefällige Unterhaltung, er hätte aber durchaus leicht besser sein können! /sis

Sie haben wirklich nichts zu verbergen?

Sie haben wirklich nichts zu verbergen?
Rezension Andreas Eschbach: NSA

Das ist schon ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Roman, den Andreas Eschbach vorgelegt hat: Er verlegt eine düstere Zukunftsvision in eine noch düstere Vergangenheit und erzählt auf 796 Seiten nicht nur in der Hardcoverversion alles andere als eine “leichte” Kost. Dennoch verliert der Leser über die lange Distanz nie das Interesse an den beiden Hauptfiguren, Helene Bodenkamp und Eugen Lettke, deren Schicksal sie für eine kurze Zeit im „NSA“, dem „Nationalen Sicherheits-Amt“ in Weimar in der Zeit der Naziherrschaft zusammenführt. Dieses Sicherheitsamt hat nun eigentlich wenig mit Sicherheit zu tun, sondern ist eine mit modernster Technik ausgestattete Spionageeinrichtung. Und modernste Technik ist hier wörtlich zu nehmen, denn in Eschbachs Buch verfügen die Menschen in der Nazizeit bereits über Fernsehen, Mobilfunk und intelligente Informationstechnologie. Zwar heißt der Computer zeitgemäß Komputer, Serverfarmen sind Datensilos, Handys Volkstelephone, E-Mail Elektropost und das World Wide Web heißt Weltnetz. Auf den ersten Blick klingt das alles ungewöhnlich, tatsächlich aber schaffen die konsequent deutschen Begriffe einen wesentlich leichteren Zugang zu der sonst so schwer verständlichen Materie. Auch Social Media-Plattformen gibt es schon, in Form vom „Deutschen Forum“ und ausländischen Entsprechungen. Außerdem wurde Bargeld bereits abgeschafft und durch eine Geldkarte ersetzt. Jede finanzielle Transaktion wird aufgezeichnet. Termine beim Arzt, Eintrittskarten für Konzerte, Fahrkarten für die Bahn können nur noch elektronisch über das Telephon gebucht werden, von denen es ganz unterschiedliche Modelle gibt, vom einfachen Volkstelephon bis hin zu technischen Wunderwerken namhafter Hersteller. Das NSA hat Zugriff auf alle Daten, die dadurch jemals erzeugt wurden und täglich werden und es kann sie nutzen, um jeden einzelnen Bürger engmaschig zu überwachen, ungehemmt im Ausland zu spionieren, in fremde Netzwerke einzudringen und so etwa die Herstellung von Rüstungsgütern zu sabotieren. Das erledigen Analysten in enger Zusammenarbeit mit sogenannten „Programmstrickerinnen“. Letztere sind bezeichnender Weise ausschließlich Frauen, die Abfrageroutinen in Komputer-Programme umsetzen. Eugen Lettke ist Analyst, Helene Bodenkamp Programmstrickerin. Gemeinsam beeindrucken sie Reichsführer Heinrich Himmler durch das Aufspüren von in Amsterdam versteckten Juden, in dem sie die verbrauchten Kalorien eines Haushalts mit der Anzahl der in diesem Haushalt gemeldeten Personen in Beziehung setzen. Durch einen glücklichen Zufall gelingt es den beiden sogar, amerikanische Pläne zum Bau der Atombombe aufzuspüren und der Reichsführung zugänglich zu machen. Beide nutzen das System aber auch privat: Lettke, um hinter schmutzige Geheimnisse von Frauen zu kommen, die ihn in jungen Jahren einmal bloß gestellt haben. Mit diesem Wissen zwingt er sie zu sexuellen Gefälligkeiten. Helene ist durch ihre umfassenden Kenntnisse der Funktionsweise von Komputern sogar in der Lage, das System selbst zu manipulieren und so ihren bei Freunden versteckten Liebsten zu schützen, der desertiert ist und von einer Flucht nach Brasilien träumt.

Um es vorweg zu nehmen: Es gibt kein Happyend für Helene und Eugen, denn auch ihre gesamten Aktivitäten, beruflich wie privat, wurden aufgezeichnet. Das ist es auch, was der Autor seinen Lesern klar vor Augen führt: Alles, was über die modernen Kommunikationskanäle läuft, bleibt erhalten und kann irgendwann gegen einen verwendet werden. In „NSA“ gewinnen die Nazis den Zweiten Weltkrieg, weil sie über dieses gesammelte Wissen verfügen, das ihnen unumschränkte Macht einräumt. Eschbach macht deutlich, dass es keine unwichtigen Daten gibt und solch umfassendes Wissen über die Menschen und ihre Lebensgewohnheiten in den Händen eines totalitären Staates unweigerlich in die Katastrophe führt.

Fazit: Ein unbedingt lesenswertes Buch mit einer fesselnden Geschichte, die einen noch lange nach der Lektüre beschäftigt und zugleich die Datensammelwut unserer Tage in ein ganz anderes Licht rückt. /sis

Bibliographische Angaben:
Andreas Eschbach: NSA
Bastei Lübbe, 2018, 796 Seiten
ISBN 978-3-7857-2625-9

 

Kurzweilige Unterhaltung mit viel subtilem Humor

Kurzweilige Unterhaltung mit viel subtilem Humor
ARD Degeto Tatort “Glück allein”: Von links: Raoul Ladurner (Cornelius Obonya), Julia Soraperra (Gerti Drassl), Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer). (Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)
Kritik zum Tatort Wien „Glück allein“
Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ziehen einen rätselhaften Fall an sich. (Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)

Es ist schon eine ganz besondere Beziehung, die die beiden Wiener Tatort-Ermittler Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser) im Laufe von inzwischen über 20 Fällen entwickelt haben. Sie geben sich gerne als kaputte Charaktertypen, für die sowieso alles schon längst zu spät ist. Und genau so ermitteln sie mittlerweile auch, kompromisslos, ohne Rücksicht auf Verluste und sehr gerne gegen alle Anweisungen von oben. Ihr Chef, Oberst Ernst „Ernstl“ Rauter (Hubert Kramar), hat dadurch oft genug seine liebe Mühe, die beiden BKA-Ermittler vor dem Unmut höherer Stellen zu bewahren. Denn nicht selten geht es in den Fällen aus Wien um politische Scharmützel, um Korruption und Filz bis in die höchsten Kreise der österreichischen Politik. So auch in ihrem neuesten Fall mit dem Titel „Glück allein“, in dem der Parlamentarier Raoul Ladurner (Cornelius Obonya) die verbrecherischen Machenschaften der ukrainischen Geschäftsfrau Natalia Petrenko (Dorka Gryllus) als Leiter eines Untersuchungsausschusses ans Licht der Öffentlichkeit bringen will. Doch dann liegen seine Frau und Tochter tot in ihrem Haus. Moritz Eisner und Bibi Fellner möchten gerne ermitteln, dürfen es aber erst einmal wieder nicht. Der Innenminister persönlich will, dass die Kollegin Julia Soraperra (Gerti Drassl) den Fall übernimmt und die findet nur allzu schnell einen Verdächtigen, einen Einbrecher, der bei seinem Raubzug von Ladurners Frau und der erst zehnjährigen Tochter überrascht worden ist und  die beiden dann in Panik erstochen haben soll. Ladurner selbst beschuldigt natürlich die ukrainische Geschäftsfrau. Als der Verdächtige, auch ein Ukrainer, schließlich selbst tot in seiner Zelle liegt, lassen Eisner und Fellner sich nicht mehr aufhalten und schnell führt ihre Spur zu Ladurner, der sich als alles andere als ein aufklärerischer Saubermann und unbescholtener Politiker und Familienvater entpuppt.

Die Geschichte von Drehbuchautor Uli Brée ist nicht ganz einfach zu durchschauen und durch den in dieser Folge recht breiten Dialekt zumindest für den bundesdeutschen Zuschauer nicht an jeder Stelle auf Anhieb zu verstehen. Und am Ende bleiben auch einige entscheidende Fragen offen, etwa warum Ladurner seine Tochter rauschgiftsüchtig gemacht hat. Dazu hat der von Catalina Molina in Szene gesetzte Tatort aus dem schönen Wien noch einige Längen. Dennoch handelt es sich um einen fantasievollen Krimi mit starken Charakteren gespielt von überzeugenden Darstellern. Insgesamt bietet der Streifen kurzweilige Unterhaltung mit einigen überraschenden Wendungen und viel subtilem Humor. Durchaus sehenswert und im Vergleich zu den letzten Tatort-Folgen eine echte Freude für Tatort-Fans. /sis

Das Wiener Ermittler-Duo Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) setzt sich gerne einmal über Anweisungen auch von ganz oben hinweg. (Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)

Eine herbe Enttäuschung

Eine herbe Enttäuschung
ARD/BR Tatort “Die ewige Welle”: Die Kriminalhauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) sind bei ihren Ermittlungen an der Eisbach-Welle nicht immer einer Meinung. (Foto:  BR/Hendrik Heiden/Wiedemann & Berg)
Kritik zum Tatort München „Die ewige Welle“

Es ist ein Fehler anzunehmen, irgendeine Geschichte könnte unter der „Marke“ Tatort zu einem Publikumsliebling avancieren. Auch dann nicht, wenn man das bei Tatort-Fans sehr beliebte Münchener Kommissars-Duo Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) bemüht. „Die ewige Welle“ jedenfalls mag als Experimentalfilm oder auch Milieustudie vielleicht ein paar interessierte Zuschauer gefunden haben, bei den Tatort-Freunden fiel die Folge gnadenlos durch. Und das zu Recht, hatte der Streifen aus der Feder von Alex Buresch und Matthias Pacht doch mit einem Krimi so gar nichts zu tun. Außer, dass die Kommissare ein paar in ihrer ganz eigenen Drogenwelt gefangenen, skurrilen Figuren mehr oder minder interessiert hinterhergejagt sind, spielten Batic und Leitmayr in diesem mühsam konstruierten Fall überhaupt keine Rolle und selbst Kalli (Ferdinand Hofer) tauchte nur das ein oder andere Mal bei den Hauptkommissaren auf und übermittelte Informationen, die auch nichts zur Entwicklung der Geschichte beitrugen. Ansonsten war Batic mit Rückenschmerzen und Chillen und Leitmayr mit Erinnerungen beschäftigt. Franz Leitmayrs Vergangenheit lieferte denn auch den einzigen Bezug zu einem der Beteiligten und musste als Motiv dafür herhalten, dass Leitmayr seinen nach einer Messerstecherei schwer verletzten Freund Mikesch Seifert (Andreas Lust) weiter in aller Ruhe seinen Drogengeschäften nachgehen ließ. Dann tauchte auch noch eine gemeinsame Freundin aus der Vergangenheit auf, die möglicherweise, könnte sein, vielleicht von Leitmayr schwanger war, in einer anderen Zeit und in einer anderen Welt. In loser Folge eingespielte Szenen aus dieser anderen Welt mit dem jungen Leitmayr hatten ebenfalls keinen Bezug zur aktuellen Geschichte um Mikeschs Drogengeschäfte, sondern erzählten einfach nur von einem Sommer an Portugals Küste in jugendlicher Unbekümmertheit. Und das alles hatte wiederum nichts mit den Surfern an der Eisbach-Welle zu tun. Letztlich wollte Leitmayrs Freund Mikesch durch den Verkauf von Schmerzpflastern einfach nur ein besseres Leben für seine Tochter Maya (Luise Aschenbrenner). Die Messerattacke auf ihn, die beiden Drogentoten, die Bedrohung durch andere Drogendealer, die bei ihren Geschäften nicht gestört werden wollten, all das war nur Beiwerk, um dem Stoff doch noch einen Hauch von Krimi zu geben, vielleicht auch nur, um ihn damit überhaupt erst als Tatort realisieren zu können. Und dennoch war die Geschichte als Tatort ein Totalausfall, als Tatort aus München gar eine herbe Enttäuschung. Wieder einmal! /sis

Raus aus der Wohlfühlblase!

Raus aus der Wohlfühlblase!
Rezension Daniel Stelter „Das Märchen vom reichen Land – Wie uns die Politik ruiniert!“

Es ist für einen Laien nicht immer ganz leicht, Daniel Stelters wirtschafts- und finanzwissenschaftliche Ausführungen nachzuvollziehen. Letztlich aber versteht auch der Nichtfachmann sehr gut, worum es in dem Buch geht und was der Autor vermitteln will, dass uns nämlich die Politik der vergangenen Jahre langfristig noch teuer zu stehen kommen dürfte. Zu viele Verpflichtungen wurden eingegangen, die zwar erst in der Zukunft zum Tragen kommen, dann aber auf eine vergreiste Gesellschaft treffen, deren wenige Leistungsträger eben diese Lasten unter den gegenwärtigen Umständen nicht werden stemmen können. Daniel Stelter beschreibt recht anschaulich, wie düster unsere Zukunft aussehen könnte: Eine Gesellschaft von Rentnern, die über kein nennenswertes Vermögen verfügt, eine schlechte Infrastruktur, weil nicht in Straßen, Brücken und Schulen investiert wird, Unternehmen, denen qualifizierte Mitarbeiter fehlen, weil eben auch die Bildung kaputt gespart und statt qualifizierte Mitarbeiter aus dem Ausland anzuwerben auf die massenhafte Zuwanderung unqualifizierter Migranten gesetzt wird, die zum größten Teil ihr Leben lang auf Transferleistungen angewiesen sein werden. Noch können wir gegensteuern, meint der Autor. Doch dazu bräuchte es einen kompletten Neuanfang – und zwar ohne unsere heutigen Politiker, die eher auf die nächsten Wahlen und ihre eigenen Posten schielen, als sich um die Zukunft des Landes zu scheren.

Unseren Politikern stellt Daniel Stelter denn auch ein ganz schlechtes Zeugnis aus und deckt in seinem 256 Seiten starken Buch eine Reihe von Problemfeldern auf, die durch falsche Entscheidungen hervorgerufen wurden. Das fängt bei der nicht vorhandenen Unterscheidung zwischen Einkommen und Vermögen an. Zwar verfügten die Deutschen über ein hohes Einkommen, wovon der Staat sich aber zu viel nehme. Nur wenig bleibe zum Sparen übrig und dann würden Geldanlagen präferiert, die wenig Rendite bringen. Auch hier habe die Politik die Finger im Spiel, weil sie eben solche Anlageformen fördere, die nicht zuletzt der bequemen Geldbeschaffung für den Staat dienten. Obendrein bevorzuge der Deutsche sichere Geldanlagen wie Sparbuch und Lebensversicherung. Keine gute Idee in Zeiten niedriger Zinsen. Und so verwundert es nicht, dass etwa Griechen und Italiener über mehr privates Vermögen verfügen als der Durchschnittsdeutsche.

Die niedrigen Zinsen seien auch der Grund für die von unseren Politikern so leidenschaftlich geforderte „schwarze Null“, die nicht etwa der Finanzminister durch eisernes Sparen zustande gebracht hätte. Und noch eine Aussage überrascht: Ohne Einführung der Währungsunion hätte es die große Schuldenparty im Süden Europas gar nicht gegeben. Überhaupt sei die weltweite Gesamtverschuldung seit 2008 drastisch gestiegen. Dass es da keine gute Idee ist, in dieser Welt als Gläubiger aufzutreten, versteht sich von selbst. Aber genau das tue Deutschland mit seinen hohen Exportüberschüssen. Wir liefern Waren nicht etwa gegen Bares, sondern als Kredite in Länder, die ohnehin hoch verschuldet sind. Irgendwann werde eine Reduzierung der Schulden unumgänglich sein und dann seien es die Deutschen, die verlieren. So wie auch die Deutschen die Verlierer der Eurokrise sein werden. Mit den Rettungsschirmen sei nicht etwa Griechenland gerettet worden, sondern französische Banken, die als private Kreditgeber sonst viel Geld in Griechenland verloren hätten. In diesem Licht seien auch die Forderungen des französischen Präsidenten mit Blick auf die EU mit Vorsicht zu betrachten.

Eigentlich erfreulich klingen Stelters Ausführungen mit Blick auf die Digitalisierung. Sicher fallen durch die fortschreitende Automatisierung viele Arbeitsstellen weg. Sie würden aber auch nicht mehr benötigt, wenn durch den demografischen Wandel eben auch weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stünden! Deshalb müsse investiert werden in Bildung, Forschung und Entwicklung. Doch Deutschland konzentriere sich stur darauf, Bestehendes zu erhalten und zu optimieren.

Mein Fazit: Auch wer wenig oder nichts von Wirtschafts- und Finanzpolitik versteht, bekommt mit diesem Buch ein Gespür für die komplexen Zusammenhänge und ihre Auswirkungen auf unser aller Zukunft. Der Autor begnügt sich aber nicht mit dem Aufzählen und Analysieren des Ist-Zustandes und Offenlegen der Hintergründe, er präsentiert auch ganz konkrete Lösungsansätze, die er am besten in einem Bündnis für Zukunft und Nachhaltigkeit aufgehoben sieht, mit dem Ziel, die Leistungsfähigkeit Deutschlands zu steigern, die Lasten gerechter zu verteilen und Altlasten zu bereinigen. /sis

Bibliographische Angaben:
Daniel Stelter: „Das Märchen vom reichen Land – Wie uns die Politik ruiniert!“
Finanzbuch Verlag, 2018, 256 Seiten, ISBN 978-3-95972-153-0

Ohne Punkt und ohne Komma!

Ohne Punkt und ohne Komma!
ARD/SWR Tatort “Anne und der Tod”: Die junge Hausärztin Maxi Scheller (Julia Schäfle) schaut ganz genau hin – ob ihr Verdacht nach dem Tod von Paul Fuchs (Harry Täschner) berechtigt ist oder nicht, müssen Sebastian Bootz (Felix Klare, li.) und Thorsten Lannert (Richy Müller) herausfinden. (Foto: SWR/Maor Waisburd)
Kritik zum Tatort Stuttgart “Anne und der Tod”
Anne Werner (Katharina Marie Schubert) ist Altenpflegerin und arbeitet in der häuslichen Pflege. Als zwei ihrer Patienten eines ungeklärten Todes sterben, wird sie von Sebastian Bootz und Thorsten Lannert als mögliche Täterin befragt. (Foto: SWR/Maor Waisburd)

Was war das wieder für ein Tatort? Mit Krimi hatte die Geschichte nichts zu tun. Von Spannung und überraschenden Wendungen keine Spur, stattdessen wurde geredet, ohne Punkt und ohne Komma! Dabei war bis zum bitteren Ende nicht klar, ob es sich bei den beiden Todesfällen tatsächlich um Morde handelte, die den Einsatz der Kriminalpolizei rechtfertigten. Der zentrale Verhörmarathon mit eingeblendeten, zeitlich völlig losgelösten Szenen, in denen auch wieder nur zu viel und dann auch noch in viel zu breitem Dialekt gesprochen wurde, war von Wiederholungen der immer gleichen Annahmen geprägt und damit nicht nur langatmig, sondern schlicht und ergreifend langweilig. Der allseits bekannte und beklagte Pflegenotstand wurde indes fast ausschließlich auf sexuelle Übergriffe heruntergebrochen, die Altenpflegerin als alleinerziehende Mutter präsentiert, die bei der Erziehung ihres Sohnes versagt hatte und, um den übertriebenen Ansprüchen ihres Sprösslings gerecht werden, bereit war alles zu tun, auch sich zu prostituieren. Dem Pflegeberuf hat dieser Tatort mit der einseitigen Fixierung auf die sexuellen Bedürfnisse der zu Pflegenden keinen Gefallen getan und den ohnehin physisch und psychisch überbeanspruchten Pflegekräften ganz gewiss auch nicht.

An der misslungenen Geschichte aus der Feder von Drehbuchautor Wolfgang Stauch in der wirren Umsetzung von Regisseur Jens Wischnewski konnten auch die  Stuttgarter Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare), sonst Garanten für spannende Tatort-Unterhaltung, nichts ändern. Auch sie hatten in „Anne und der Tod“ nichts weiter zu tun, als zu reden, die vermeintlich verdächtige Altenpflegerin Anne Werner (Katharina Marie Schubert) letztlich dazu zu überreden, zu gestehen – was genau, war nicht klar. Und die Altenpflegerin spielte ohne zu murren mit, beschrieb freimütig die immer gleichen Ereignisse in einer jeweils anderen Version. Was nun wirklich passiert war, blieb im Dunkeln. Jedenfalls gestand sie am Ende, was die Kommissare hatten hören wollen und die glaubten ihr plötzlich, obwohl Anne Werner im Verlaufe der Geschichte so viel gelogen hatte, dass man ihr eigentlich gar nichts mehr glauben konnte. Immerhin hatte die Verdächtige zwei Telefonjoker, die hätte man dem Zuschauer auch gewünscht! /sis  

Sebastian Bootz (Felix Klare) und Thorsten Lannert (Richy Müller) wollen sicher gehen, dass beim Tod zweier alter, pflegebedürftiger Männer nicht nachgeholfen wurde. (Foto: SWR/Maor Waisburd)

Einfach nur schwach!

Einfach nur schwach!
Kritik zum Tatort „Das Monster von Kassel“
ARD/HR Tatort “Das Monster von Kassel”: Gerichtsmedizinerin (Barbara Stollhans, li.), Constanze Lauritzer (Christina Große) und Paul Brix (Wolfram Koch) begutachten einen Plastiksack mit Leichenteilen. (Foto: HR/Degeto/Bettina Müller)
Paul Brix (Wolfram Koch), Anna Janneke (Margarita Broich, Mitte) und ihre Kasseler Kollegin Constanze Lauritzen (Christina Große) geben den Stand der Ermittlungen nach Frankfurt durch. (Foto: HR/Degeto)

Der Titel “Das Monster von Kassel” ließ auf den ersten Blick vermuten, dass der neue Tatort aus Frankfurt mit dem Ermittlerduo Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) erneut einen Ausflug in die Welt der Psychopathen unternehmen würde. Doch es ging diesmal nur nach hessisch-Sibirien, ins nordhessische Kassel. Und der Täter Maarten Jansen (Barry Atsma), der sich selbst als Monster von Kassel bezeichnete, war auch nichts weiter als ein alberner Profilneurotiker. Als Talkmaster mit eigener Fernsehshow war er um Quote bemüht, nahm die Ermordung seines Stiefsohnes als willkommene Gelegenheit, sich als armes Opfer zu inszenieren und legte eine Oscar reife Trauerrede an sein Publikum hin. Und das, obwohl er selbst die Gräueltat begangen, mit einer Axt die Leiche zerstückelt und in Plastiksäcken verpackt so abgestellt hatte, dass sie auf jeden Fall gefunden wurde. Ziel der umständlichen Aktion war es, die Tat einem anderen Täter mit ähnlichem Tathergang unterzuschieben. All das war dem Zuschauer von Anfang an bekannt, was dem Fall komplett die Spannung raubte. Da half es auch nicht, dass das Verhör des Täters in einzelnen Etappen eingestreut wurde. Den Ermittlern dabei zuzuschauen, wie sie einen dem Zuschauer längst bekannten Täter suchen, ist nun einmal wenig erquicklich. Da bedarf es schon richtiger Überraschungen. Die aber fehlten in der Geschichte der Drehbuchautoren Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, die mit dem smarten Promi lediglich ein Klischee bedienten. Nicht einmal das Motiv für den Mord war stark genug. Jansens Stiefsohn war ihm hinter seine Verhältnisse mit zahlreichen Frauen gekommen, die sich mehr oder minder freiwillig auf seine Sexspielchen eingelassen hatte, darunter eine Nachbarstochter und Freundin seines Stiefsohnes. Nur musste der Täter gar nicht mit Konsequenzen rechnen, die einen Mord mit dieser bestialischen Leichenbeseitigung begründet hätten. Die Frauen schwiegen oder litten stumm. Und selbst wenn das Stiefsöhnchen seine Mutter und Ehefrau des Täters eingeweiht hätte, wäre allenfalls seine Ehe gefährdet gewesen, nicht aber sein Leben auf der Überholspur. Am Ende konnte das selbsternannte Monster nicht einmal überführt werden, lagen doch einfach keine handfesten Beweise gegen ihn vor.

Eine schlüssige Geschichte spannend erzählt benötigt keine langatmigen Erläuterungen, etwa welche Zahnbürstenfarbe wer in der Familie bevorzugt oder einen Kommissariatsleiter, der seine Leute mit poetischen Lebensweisheiten beglückt oder sie als Tanzpartner bemüht. Etliche Szenen waren schlicht überflüssig und hätten getrost gestrichen werden können, wie am besten gleich der ganze Film! /sis

Constanze Lauritzen (Christina Große, li.), Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) finden die Zunge des Mordopfers. (Foto: HR/Degeto)

Nicht so spektakulär wie “Blackout”

Nicht so spektakulär wie “Blackout”
Rezension Marc Elsberg: Gier – Wie weit würdest du gehen?

Der mathematischen Formel für Wohlstand für die gesamte Menschheit ist Bestseller-Autor Marc Elsberg in seinem neuen Roman „Gier – Wie weit würdest du gehen?“ auf der Spur. Mitunter nicht immer auf Anhieb nachvollziehbar, handelt es sich doch um einen gelungenen Thriller, der es sehr gut versteht, Empathie für die Protagonisten zu erzeugen. So geht der Leser mit dem ungleichen Paar Jan Wutte und Fitzroy Peel, ein Pfleger und ein Spieler, auf die Jagd nach dem Geheimnis des ermordeten Nobelpreisträgers und seines Co-Autors, die die Formel entwickelt haben und sie auf dem Gipfeltreffen der Reichen und Mächtigen in Berlin öffentlich machen wollten. Dabei geraten Jan und Fitzroy ein ums andere Mal in höchste Lebensgefahr, denn sowohl die Killer als auch eine Polizistin sind ihnen immer dicht auf den Fersen. Wir lernen mit ihnen eine Gruppe junger Studenten kennen, die für eine bessere Welt demonstrieren, wir tauchen ein in die Welt der Superreichen und erleben ihre grenzenlose Gier nach noch mehr Geld und Macht. Jan und Fitzroy ziehen zusammen mit der attraktiven Investmentbankerin Jeanne Dalli aus den wenigen Informationen, die sie durch ihre gefährliche Recherche über die Arbeit des Nobelpreisträgers erlangen konnten, die richtigen Schlüsse. Am Ende können sie die Formel für grenzenlosen Wohlstand entschlüsseln und schaffen es sogar, die versammelte Wirtschafts- und Politelite beim Berliner Gipfeltreffen zumindest zum Nachdenken zu bewegen. Und wie lautet die Formel nun? Nicht überraschend ist sie einfach und uralt: „Teilen“ bringt langfristig mehr für alle, getreu dem Kern der christlichen Lehre “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”.

Es dauert eine Weile, bis man sich an Elsbergs Schrumpfsätze gewöhnt. Wenn man sich aber erst einmal in die Geschichte vertieft hat, mag man das Buch nicht mehr aus den Händen legen, auch wenn es sich am Ende nicht als ganz so spektakulär entpuppt wie die Vorgänger aus der Feder von Marc Elsberg, allen voran natürlich „Blackout“. /sis

Bibliographische Angaben
Marc Elsberg: Gier – Wie weit würdest du gehen?
Blanvalet Verlag, 2019, 448 Seiten, ISBN 978-3-7645-0632-2

Erneuter Ausflug in die Welt der Psychopathen

Erneuter Ausflug in die Welt der Psychopathen
Kritik zum Tatort Berlin „Der gute Weg“
ARD/rbb Tatort “Der gute Weg”: Nina Rubins (Meret Becker) Sohn Tolja (Jonas Hämmerle) wurde bei einem Einsatz der Streife angeschossen, traumatisiert sitzt der Praktikant mit seiner Mutter und dem ermittelnden Kommissar Karow (Mark Waschke) im Notarztwagen. (Foto: rbb/Stefan Erhard)

Auf einem guten Weg war Streifenpolizist Harald Stracke (Peter Trabner) gewiss nicht, sah er doch die Lösung seines Problems in der Ermordung seiner blutjungen Kollegin Sandra und später auch noch des beauftragten Killers, der Drogendealer und zugleich V-Mann Yakut Yavas (Raunand Taleb), der im Gegenzug „sein“ Problem mit einem Cousin zeitgleich von Stracke lösen ließ. Eine Win-Winn-Situation also. Dumm nur, dass bei diesem sorgfältig geplanten Mörderstelldichein unverhofft ein Praktikant ins Spiel kam, ein ehemaliger Drogenabnehmer Yakuts: Tolja Rubin (Jonas Hämmerle), der Sohn von Kommissarin Nina Rubin (Meret Becker). Klingt das schon ziemlich konstruiert, kam es im Verlaufe der Geschichte noch dicker, jedenfalls war es nicht leicht, die in der Vergangenheit liegenden Verwicklungen zu durchschauen.

Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) studieren die Akten zum Fall.
(Foto: rbb/Oliver Vaccaro).

Letztlich ging es Stracke aber nur darum, seine Frau Verena (Nina Vorbrodt) nicht zu enttäuschen. Ein erneuter Ausflug des Tatorts in die Welt der Psychopathen also, den Drehbuchautor Christoph Darnstädt hier mit seinem Publikum unternahm. Im Kern nachvollziehbar war die Handlung der Geschichte, aber an vielen Stellen blieb sie flach und unglaubwürdig. So kann eine von einem Fall persönlich betroffene Kommissarin nicht ermitteln. Warum das zurecht so ist, machte das gelegentlich schon grenzwertige Verhalten Nina Rubins mehr als deutlich. Als Mutter hatte sie ausschließlich die Interessen ihres Sohnes im Sinn, ermittelte also nicht mehr ergebnisoffen und in alle Richtungen. Es war leider viel zu früh erkennbar, dass sie diesen Fall am Ende mit der Waffe lösen würde. Zwar bemühte sich Rubins Partner Robert Karow (Mark Waschke) um eine gewisse Neutralität. Doch der war diesmal mehr mit seinem Liebesleben als mit seiner Arbeit beschäftigt. Er kam etwas lustlos daher, wirkte wenig engagiert, fast schon desinteressiert. Auch blieben viele Fragen offen, etwa wieso der Praktikant als einziger eine kugelsichere Weste trug? Wieso Stracke just mit dem Drogendealer, der den Tod seines eignen Sohnes verursacht hatte, eine Verabredung zum Doppelmord getroffen hatte? Warum Stracke am Ende auch noch seine Frau ermordete und warum er ausgerechnet Nina Rubin dazu bringen musste, ihn zu erschießen? Das hätte er schließlich auch selbst tun können. Dazu präsentierten die Macher dieses Tatorts aus Berlin dem Zuschauer ein Bild der bundesdeutschen Hauptstadt, das einen erschaudern ließ. Es war das Bild einer Stadt, in der die Polizei offensichtlich aufgegeben hat gegen das Verbrechen zu kämpfen, eine Stadt, in der an jeder Ecke Menschen aus aller Herren Länder ganz offen ihre Drogengeschäfte abwickeln, ein Heer von merkwürdigen Gestalten, denen man ungern im Dunkeln begegnen möchte. Doch genau dazu passte dann dieser desillusionierte Streifenpolizist Harald Stracke, der letztlich weder mit sich selbst, noch mit seinen Opfern, ja am Ende nicht einmal mit seiner Frau, für die er all die Morde begangen hatte, Mitgefühl aufbringen konnte. /sis

Nina Rubin (Meret Becker) kommt aufgelöst und voller Sorge um ihren Sohn Tolja am Tatort an. (Foto: rbb/Stefan Erhard)

Tizian – meisterliches Spiel mit Farben, Licht und Schatten

Tizian – meisterliches Spiel mit Farben, Licht und Schatten
Bildnis der Clarice Strozzi, 1542, Berlin, Staatliche Museen, Gemäldegalerie (Foto: bpk / Gemäldegalerie, SMB / Christoph Schmidt)

Das Städel Museum in Frankfurt widmete sich im Mai 2019 in einer groß angelegten Sonderausstellung „Tizian und die Renaissance in Venedig“ mit über 100 Meisterwerken der venezianischen Malerei der Renaissance, darunter mehr als 20 Arbeiten Tizians, die umfangreichste Werkauswahl, die in Deutschland je zu sehen war.

Tizian, der eigentlich Tiziano Vecellio hieß, sorgte schon zu seinen Lebzeiten (1488-90 bis 1576) für Schlagzeilen. Er war ein gewiefter Geschäftsmann, der Einnahmen und Ausgaben sorgfältig notierte, stets auf der Suche nach neuen Aufträgen war, dabei sichere Einnahmequellen spektakulären vorzog und dafür gerne auch seine weniger erfahrenen Schüler einsetzte, was ihm oft genug auch schadete. Er machte selbst vor unlauterem Wettbewerb nicht halt, wenn es darum ging, einen unliebsamen Konkurrenten aus dem Rennen zu werfen. Wenn Tizian einen Auftrag erhielt, etwa für Freskenmalerei an Gebäuden oder Porträts bekannter Persönlichkeiten seiner Zeit, dann konnte es schon einmal ein paar Jahre dauern, bis das Werk fertiggestellt war, es sei denn, der Auftraggeber ließ sich zu üppigen Sonderzahlungen überreden. Tizian hatte den Vorteil, dass er in der Blütezeit der italienischen Renaissance tätig war. Es gab unzählige Künstler, wovon die große Masse nicht über Mittelmaß hinaus kam, während Tizian ein Meister seines Fachs war, ausgebildet in der renommierten Werkstatt der Gebrüder Bellini, gefördert von seiner Familie und später von Karl V. und dessen Sohn Philipp II. Als er im Alter von 86 Jahren vermutlich an der Pest starb, war er der erfolgreichste Maler Venedigs.

Wie alt Tizian wirklich geworden ist, darüber gehen die Meinungen der Historiker weit auseinander. Ein Vetter dritten Grades datierte Tizians Geburtsjahr auf 1477 (nachzulesen in Joseph A. Crowe, Leben und Werk, aus dem Jahre 1877). Tizian selbst behauptete 1571 in einem Schreiben an den spanischen König Philippe von sich, er sei ein armer alter Mann von 95 Jahren. Allerdings hat die Wissenschaft etliche Ungereimtheiten ausgemacht, manche Ereignisse in Tizians Leben wollen nicht so recht zu diesem Geburtsjahr passen. Heute vermutet man deshalb Tizians Geburtdatum zwischen 1488 und 1490. Geboren wurde er in der alpenländischen Dorfidylle von Pieve di Cadore, eine 878 Meter über dem Meeresspiegel thronende Ortschaft in der Nähe der Belluneser Dolomiten, rund eineinhalb Stunden von Venedig entfernt. Schon früh erkannte die Familie Tizians Talent – er soll eine Madonna mit Blumensaft an eine Hauswand gemalt haben, die die gesamte Nachbarschaft in helle Aufregung versetzte – und schickte ihn zu einem Onkel nach Venedig. Seine Ausbildung begann bei einem Mosaikarbeiter, später folgten Lehrjahre in der Werkstatt der berühmten Brüder Bellini.

Bildnis des Dogen Francesco Venier, 1554 – 56, Madrid, Museo Nacional Thyssen-Bornemisza (Foto: Museo Nacional Thyssen-Bornemisza. Madrid)

Von Anfang an hatte Tizian keine Probleme von anderen Künstlern das anzunehmen, was er als gut empfand. Und er war einer der ersten Künstler, der seine Arbeiten signierte. Er ist nicht nur einer der bekanntesten Künstler der venezianischen Malerei, sondern auch einer der vielfältigsten. Er malte Porträts, Landschaften, wählte sowohl mythologische als auch religiöse Themen und brachte es am Ende seines Lebens auf 646 Werke. Dabei hielt er gerne an den Formen weiblicher Schönheit fest, die er mit nur wenigen Abweichungen stets wiederholte. Charakteristisch für Tizian ist die Farbenvielfalt mit der er aufs meisterlichste umzugehen wusste. So verstand er es wie kein anderer, nahezu durchsichtige Kleiderstoffe zu malen. Sie sind so zart, dass die Haut der Trägerin darunter durchschimmert. Obendrein war er ein begnadeter Zeichner, der nicht mit Griffel oder Stift, sondern mit dem Pinsel zeichnete. Dabei machte er das Studium der Natur zur Grundlage seiner Arbeit. Anfang 1500 gab es einen Stilwandel, weg von der antiken Kunst hin zur Nachahmung der Stoffe und deren Farbenspiel. Tizian experimentierte mit Licht und Schatten und wetteiferte zum Beispiel mit Albrecht Dürer um Perfektion. Der goldrote Farbton, mit dem Tizian gerne die weiblichen Haare darstellte, wird noch heute „tizianrot“ genannt.

Nur ungern verließ der Künstler Venedig, das trotz der Wirren zahlreicher Scharmützel und Kriege seine wirtschaftliche und kulturelle Blüte erlebte. Kein Wunder also, dass Tizian es vorzog, lieber für den Dogen von Venedig zu arbeiten statt für Papst Leo X. Bis 1531 wohnte er mitten in der Stadt am Canale Grande, mietete sich dann in eine Villa im nordöstlichen Stadtteil ein, die er 1559 mit samt dem großzügigen Anwesen kaufte. Dort gab er Gesellschaften im großen Stil und nahm gerne Lob für die von ihm verschönerten Gärten an der Wasserseite entgegen.

Als Tizian am 27. August 1576 starb, war er reich und berühmt und hatte Kinder und Enkel, die in nächster Nähe wohnten. Sein Leben lang hatte er versucht, seine Angelegenheiten vorausschauend zu regeln, aber am Ende war er mit seiner Familie heillos zerstritten. Mit seinem Sohn Pomponio kommunizierte er nur noch über Anwälte. Nach seinem Tod wurde sein Haus geplündert, und seine Nachkommen führten jahrelang einen erbitterten Streit um seinen Nachlass. /sis

Madonna mit Kind, der heiligen Katharina sowie einem Hirten, (Die Madonna mit dem Kaninchen), um 1530, Paris, Musée du Louvre, Département des Peintures (Foto: bpk / RMN – Grand Palais / Michèle Bellot)

Psychothriller mit hohem Gruselfaktor

Psychothriller mit hohem Gruselfaktor
Kritik zum Tatort Dresden „Das Nest“
ARD/MDR Tatort “Das Nest”: Das neue Dresdner Tatort-Team v.l.: Karin Gorniak (Karin Hanczewski), Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) und Leonie “Leo” Winkler (Cornelia Gröschel), (Foto: MDR/Wiedemann und Berg/Daniela Incoronato)

Logisch geht es nicht zu in diesem Tatort aus Dresden mit dem Titel „Das Nest“ aus der Feder des erst kürzlich mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Drehbuchautors Erol Yesilkava. Gleich zum Auftakt passiert ein schwerer Unfall und die offenbar unverletzte Fahrerin läuft einfach weg, mitten in der Nacht auf einer Straße im Nirgendwo. Sie marschiert zufällig genau in das verlassene Hotel, in dem eine Anzahl präparierter Leichen als fröhliche Gästerunde drapiert ist. Menschen, die offenbar niemand vermisst in einer Umgebung, die nicht so leicht zu finden ist! Gleich anschließend versucht die Polizei den Mörder zu stellen, indem sie Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) als neue und völlig unerfahrene Kollegin an der Seite von Oberkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) ganz allein in besagtem Hotel auf den Massenmörder warten lässt. Gorniak wird bei dieser Aktion von dem Täter mit einem Messer schwer verletzt, das SEK schaut untätig zu und Kollegin Winkler wird statt suspendiert auch noch hoch gelobt. Damit nicht genug, zwei Monate nach diesen Ereignissen wird einem potenziell Verdächtigen das Messer mit dem Blut von Gorniak untergeschoben, zwei Monate, in denen der wahre Täter Christian Mertens (Benjamin Sadler), ein intelligenter Chirurg, besagte Tatwaffe nicht etwa gereinigt und entsorgt, sondern schlicht in einer Plastiktüte verpackt samt Blut aufbewahrt hat. Wozu? In einer weiteren Szene trägt eben dieser Christian Mertens seine bereits erwachsene, schwer übergewichtige Tochter wie ein Fliegengewicht quer durchs Haus und auch seine Frau Nadine (Anja Schneider) kommt nicht auf die Idee, dass es mit ihrem wiederholt plötzlichen Tiefschlaf nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Und zu guter Letzt hat der Täter für all den Irrsinn nur eine Erklärung: Er will töten, das ist seine Natur. Komisch nur, dass er nicht schon früher aufgefallen ist. Ein schlüssiges Motiv fehlt ebenso wie die Erläuterung, warum er die Leichen konserviert und zur Schau stellt. Für wen?

Mit Logik hatte dieser Tatort also absolut gar nichts zu tun, dafür aber viel mit Psychoterror. Der Massenmörder kannte keine Gnade und machte aus seinen Mordgelüsten keinen Hehl. Auch die neue Kollegin legte leicht profilneurotische Züge an den Tag, war mehr darauf bedacht, ihrem Chef Peter Schnabel (Martin Brambach) und dem ehrgeizigen Vater Otto Winkler (Uwe Preuss) zu gefallen, statt ihrer Partnerin beizustehen. Und selbst Karin Gorniak war am Ende so von Hass und Abscheu erfüllt, dass sie den Täter am liebsten abgeschlachtet hätte. Kein Krimi also, sondern ein astreiner Psychothriller, der mit einem hohen Gruselfaktor die fehlende Spannung aber mehr als wett machte. Es bleibt zu hoffen, dass die „Neue“ sich noch ins Dresdner Team einfindet und nicht der Zickenkrieg zwischen Winkler und Gorniak künftig den Tatort aus Dresden bestimmt.  

Ganz nebenbei kann „Das Nest“ aber wunderbar als Lehrstück für angehende Drehbuchautoren dienen, enthält dieser Tatort doch den kompletten Bauplan für einen gelungenen Film. Sämtliche Wendepunkte sitzen genau da, wo sie zu sitzen haben, der Höhepunkt in der Mitte wird schön herausgearbeitet mit der Enttarnung des Täters und von da an geht es lehrbuchmäßig bergab bis zum unvermeidlichen Showdown am Ende. So klar erkennbar sind die einzelnen Bestandteile, aus denen ein Film gestrickt wird, nur sehr selten. /sis

Karin Gorniak ist voller Hass und Abscheu für den Täter. Das Ende des Films bleibt offen, ob Gorniak und ihre neue Partnerin Leonie Winkler den gestellten Massenmörder aus Notwehr erschießen oder ihn doch gezielt hinrichten. (Foto: MDR/Wiedemann und Berg)

Wer durchhält, wird belohnt

Wer durchhält, wird belohnt
Rezension “Operation Rubikon” von Andreas Pflüger

Man braucht schon etwas Geduld, bis man sich in den Thriller „Operation Rubikon“ aus der Feder des bekannten Drehbuchautors Andreas Pflüger eingelesen hat. Zu viele Figuren sind im Spiel, deren jeweilige Lebensgeschichte ein wenig zu breit erzählt wird. Zu viele Schauplätze mit zum Teil schwierigen ausländischen Namen erschweren den Durchblick. Und nicht zuletzt eine Flut von Abkürzungen machen es dem Leser nicht leicht, sich in der Vielzahl von staatlichen Behörden zurecht zu finden, die gegen organisierte Kriminalität mit all ihren Auswüchsen wie Geldwäsche, Korruption, Erpressung und Mord, antreten. Am Ende des fast 800 Seiten umfassenden Wälzers findet sich zwar ein Abkürzungsverzeichnis, allerdings macht es das Lesen nicht zu einem Vergnügen, wenn man ständig nachschauen muss, was denn gleich noch mal „ST“ bedeutet. Und so quält man sich förmlich durch die ersten 400 Seiten, blättert zurück, sucht Zusammenhänge, fängt ganze Kapitel immer wieder von vorne an, natürlich in der Hoffnung, dass noch etwas Überraschendes kommt. Zu oft wechselt der Autor die Perspektive, die zum Ausdruck gebrachte Brisanz einzelner Situationen vermittelt sich dem Leser zu häufig nicht. Und dennoch wird der Leser nicht enttäuscht, denn die restlichen 400 Seiten sind aller Mühe wert. In der zweiten Hälfte des Buches gelingt es dem Autor dann doch noch, eine emotionale Bindung zwischen seinen Figuren und dem Leser herzustellen, die es möglich macht, mit den Protagonisten zu leiden und zu hoffen, dass am Ende doch noch alles gut ausgeht. Das Ende allerdings ist nach fast 800 Seiten Beschreibungen bis ins kleinste Detail etwas zu knapp geraten.

Die Geschichte rankt sich um die bei der Bundesanwaltschaft tätige junge Staatsanwältin Sophie Wolf, die mit ihrem ersten richtigen Fall in einen Strudel internationaler organisierter Kriminalität gezogen wird, die bis in höchste Regierungskreise reicht. Dabei trifft sie auf ihren Vater, den mächtigen und allseits verehrten Präsidenten des Bundeskriminalamtes Richard Wolf. Das Verhältnis der beiden ist denkbar schlecht. Als dann aber Sophies Spezialeinsatz, bei dem illegale Waffengeschäfte gestoppt werden sollen, in einem wahren Desaster endet, hält Vater Richard seine schützende Hand über sie. Gemeinsam kämpfen sie gegen ein neues Kartell, das den internationalen Waffen- und Drogenmarkt erobern will. Der Chef des Kartells schafft es dabei bis in die Spitze der Bundesregierung und es gelingt ihm, alle wichtigen Schaltstellen der Verbrechensbekämpfung mit seinen Leuten zu infiltrieren. BKA-Präsident Wolf gründet die geheime Gruppe Rubikon, in der eine handvoll vertrauenswürdige Mitarbeiter zusammen mit Sophie gegen den skrupellosen Verbrecher und seine Schergen antreten.

Das Buch „Operation Rubikon“ erschien 2004 im Herbig Verlag und wurde 2016 vom Suhrkamp Verlag neu aufgelegt. Andreas Pflüger arbeitete fünf Jahre an diesem Buch und er schrieb auch das Drehbuch zum gleichnamigen Film.

Biographische Angaben
Andreas Pflüger: Operation Rubikon
Suhrkamp Taschenbuch, 2016, 798 Seiten
ISBN: 978-3-518-46740-4

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