Traum oder Albtraum?

Traum oder Albtraum?
Rezension Andreas Eschbach „Eine Billion Dollar“

Es ist schon eine sensationelle Geschichte, die Andreas Eschbach in seinem 2001 erschienen Roman „Eine Billion Dollar“ erzählt. Eine Geschichte, von der vermutlich sehr viele Menschen träumen. Für John Salvatore Fontanelli wird dieser Traum wahr. Er ist am 23. April 1995 der jüngste Nachfahre des Kaufmanns Giacomo Fontanelli und damit der Erbe eines vor genau 500 Jahren angelegten Vermögens. Und dieses Vermögen ist gigantisch, größer als ein Mensch es sich vorstellen kann: Eine Billion Dollar. Damit wird John Fontanelli auf einen Schlag zum reichsten Mann der Erde.

John erfährt von dieser Erbschaft in einer Zeit, in der er in seinem noch jungen Leben ganz unten angekommen ist. Nach einer unglücklichen Liebe findet er Unterschlupf bei seinem Freund Marvin, einem recht eigenwilligen Musiker. Er fährt Pizzen aus, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Darum kann er sein Glück kaum fassen, als er von der italienischen Anwaltsfamilie Vacchi, die das zu Beginn noch recht bescheidene Vermögen des Giacomo Fontanelli seit 1495 bewahrt und dafür gesorgt hat, dass es sich reichlich mehrt, in einem nobel New Yorker Hotel von der Erbschaft erfährt. Eduardo Vacchi, dessen Vater Gregorio und Onkel Alberto sowie Großvater Cristoforo Vacchi, der Padrone der Familie, führen John während der Testamentseröffnung kurz nach dem 23. April 1995 behutsam an die tatsächliche Höhe seines Erbes heran. Es dauert eine ganze Weile, bis John das Ausmaß begreift. Und auch mit der Prophezeiung, die sich an das Erbe knüpft, kann er lange nichts anfangen. Giacomo Fontanelli hat in seinem Testament festgeschrieben, dass der Erbe mit dem Geld der Menschheit die verlorene Zukunft zurückgegen soll. John reist mit den Vacchis nach Florenz und genießt erst einmal seinen Reichtum. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht die Prophezeiung. Ausgerechnet er, der arme Schlucker aus New York, der noch nie mit Geld umgehen konnte, soll der Menschheit ihre Zukunft zurückgeben? Und dann taucht Malcom McCaine in Johns Leben auf und behauptet, einen Plan für die Erfüllung der Prophezeiung zu haben.

Andreas Eschbach versteht es, den Leser mit seiner Hauptfigur mitleiden zu lassen. Über fast 900 Seiten lang fürchtet der Leser, dass der sympathische John Salvatore Fontanelli sein Vermögen wieder verlieren könnte. Und tatsächlich finden sich außer den Geheimnissen um McCaine weitere Neider, die ihm sein Vermögen abjagen wollen und jede Menge Ungereimtheiten, die Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Erbschaft aufkommen lassen. Die Geschichte bleibt spannend bis zum Schluss und entführt den Leser in die Welt der Reichen und Mächtigen. Sehr deutlich wird die umfassende Macht großer Konzerne, die mit ihrem Geld Staaten in die Knie zwingen und über das Wohl und Wehe ganzer Völker entscheiden können. Dazu liefert Eschbach in den Seitenzahlen Informationen über riesengroße Geldbeträge, wie etwa die Gesamtausgaben im Gesundheitswesen in Deutschland oder die Auslandsschulden Mexikos. Eigentlich interessante Informationen, die aber den Lesefluss unterbrechen und deshalb eher störend wirken. Dennoch sollte man „Eine Billion Dollar“ unbedingt lesen, es lohnt sich! /sis

Bibliographische Angaben
Andreas Eschbach: Eine Billion Dollar
Roman, Lübbe, 2001, 896 Seiten
ISBN 3-7857-2049-1

Politiker sind auch nur Menschen

Politiker sind auch nur Menschen
Rezension “Sagen, was Sache ist” von Wolfgang Kubicki

„Sagen, was Sache ist“, so lautet der Titel von Wolfgang Kubickis neuem Buch und er sagt, was seiner Meinung nach wirklich Sache ist. Der FDP-Politiker aus Schleswig-Holstein plädiert für mehr Mut zu Offenheit, Direktheit und Ehrlichkeit. Mut, den er sein Politiker-Leben lang gezeigt hat. Nicht von ungefähr nannte man ihn Intrigant, Schuft, Abzocker und Querulant, von der Öffentlichkeit und insbesondere der Presse gescholten, von der Partei gar zum Austritt gedrängt und mit Prozessen überzogen. Nie hat er sich unterkriegen lassen. Kubicki kam zurück wie Phönix aus der Asche. Er war 25 Jahre lang Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein, 23 Jahre davon als Vorsitzender seiner Fraktion.

„Mich kann nichts mehr schocken“, gesteht Kubicki und nach „15 Jahren Ralf Stegner“ könne ihn auch nichts mehr beleidigen. Das glaubt man ihm gern, weiß er doch seine Leser mit allerlei politischen Ränkespielchen innerhalb der Parteien zu unterhalten. Barschel, Engholm, Möllemann, Westerwelle – Kubicki hat viel erlebt in seinem Politikeralltag und auch privat hat er einiges zu berichten. Er spricht offen über seine drei Ehen, ist stolz auf seine Töchter, die heute beide wie er selbst Juristinnen sind, und er schildert seine Ängste, als man ihn 1990 mit dem Verdacht auf einen Hirntumor konfrontierte. Aus seinen Erfahrungen bringt er Weisheiten mit ein, die einen tiefen Einblick in seine persönliche Entwicklung geben, aber auch die Berg- und Talfahrten der FDP widerspiegeln.

Auch vor der Bundespolitik macht er nicht Halt, spricht beispielsweise über die Fehler, die in der Flüchtlingspolitik gemacht wurden, lässt sich über die Heuchelei der Kirchen aus, die die Verarmung der Menschen beklagen und zugleich ihrem Präses ein Auto mit Chauffeur stellen.  Auch die deutsche Doppelmoral mit Blick auf Russland kommt zur Sprache, genauso wie der inzwischen wieder weit verbreitete Wunsch der Politik, etwa durch “Nudging” in den Bereich der privaten Selbstbestimmung einzudringen. Auch der SPD gibt er einige klare Worte mit auf den Weg. So beklagt er die Abkehr der Sozialdemokraten von der Agenda 2010, die Deutschland zu einem Erfolgsmodell gemacht habe. Überhaupt sei Erfolg für die SPD inzwischen per se schlecht. Die Partei kümmere sich nur noch um die „durchs Rost Gefallenen“ ohne Bezug zu den Leistungsträgern unserer Gesellschaft. Und er beklagt die Konzertration der Politik auf Minderheiten, die die Interessen der Mehrheit vernachlässige. Schließlich könne niemand etwas dagegen sagen, wenn man sich für Belange einer Minderheit engagiere. Überhaupt sieht Kubicki kalkulierte Untätigkeit als politisches Geschäftsmodell. Das eröffne die Möglichkeit, Missstände öffentlichkeitswirksam anzuprangern und sich so ohne große Umschweife zu profilieren.

Im Gegensatz zu den Transparenzorganisationen fordert Kubicki die existenzielle Unabhängigkeit der Politiker durch eigene Berufstätigkeit, denn wer nur von der Politik lebe, sei auf den guten Willen seiner Parteifreunde angewiesen und damit nicht mehr frei in seinen Entscheidungen. Und um die Freiheit geht es dem sozialliberalen Politiker Wolfgang Kubicki, der die Menschen explizit dazu auffordert, ihre Meinung angstfrei in der Öffentlichkeit zu sagen. Man könne kein Gesamtbild einfangen und keine passenden Lösungen erarbeiten, wenn bestimmte Meinungen erst gar nicht geäußert würden. Überhaupt sei eine Gesellschaft, die nur noch zwischen „gut“ und „böse“ unterscheide, nicht mehr frei!

Auf rund 200 Seiten beschreibt Kubicki sein Leben von der Kindheit bis heute. Außer recht amüsanten Schilderungen seiner persönlichen Lebenserfahrungen lernt der Leser seinen aufreibenden Politikeralltag kennen, der so manches Ereignis der Vergangenheit in ein anderes Licht rückt. Der Autor versteht es, den Leser mitzunehmen in eine Welt, in der es hinter den Kulissen alles andere als zimperlich zugeht. /sis

Bibliographische Angaben

Wolfgang Kubicki: Sagen, was Sache ist
Ullstein Verlag 2019, 205 Seiten mit umfangreichen Bilderanhang
ISBN 978-3-8437-2106-8

Wieder in der Spur

Wieder in der Spur
Kritik zum Polizeiruf 110 „Der Tag wird kommen“
ARD/NDR Polizeiruf 110 “Der Tag wird kommen”: Sascha Bukows (Charly Hübner) Vater ist tot. Katrin König (Anneke Kim Sarnau) versucht ihn zu trösten. (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Haben die Flemmings etwas mit Nadjas Tod zu tun? (v.l n.r. Charly Hübner, Anneke Kim Sarnau, Teo Centoal, Helgi Schmid, Victoria Schulz) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Man hatte sich schon ernsthafte Sorgen gemacht, um LKA-Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und ihren Kollegen Alexander Bukow (Charly Hübner) von der Kripo Rostock. Schließlich nahmen sie ihren Auftrag, für Recht und Gesetz zu arbeiten, in den letzten Folgen des Polizeiruf 110 aus Rostock nicht mehr ganz so ernst, fälschten gar Beweise, um einen verdächtigen Sexualstraftäter hinter Gitter zu bringen. Und das, obwohl ihre Personalakte zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr so makellos war. Eigentlich hätte man beide längst vom Dienst suspendieren müssen. Doch jetzt wollen sie lieber wieder „in der Spur“ bleiben, wie Katrin König explizit in ihrem neuen Fall „Der Tag wird kommen“ betonte. Ursache für den Sinneswandel waren offensichtlich die endlosen Gewissensbisse, die König quälten, das schlechte Gewissen gipfelte in Schlaflosigkeit und Wahnvorstellungen, die sie aber nicht davon abhielten, nach dem wahren Schuldigen für den Mord an einer jungen Frau zu suchen. Bukow und Volker Thiesler (Josef Heynert) konzentrierten sich derweil auf zwei Schlägertypen, die kurz vor dem Mord an Nadja Flemming Katrin König zusammengeschlagen hatten und Kollege Anton Pöschel (Andreas Guenther) machte sich gleich ganz selbstständig und jagte hinter einem Drogendealer her, mit dem Bukows Vater Veith (Klaus Manchen) ein letztes großes Geschäft machen wollte. Vier Erzählstränge, die auf den ersten Blick nichts mit einander zu tun hatten, bis klar wurde, dass hinter den merkwürdigen Ereignissen ein perfider Racheplan von Guido Wachs (Peter Trabner) stand, jener Verdächtige, den Bukow und König mit manipulierten Beweisen ins Gefängnis gebracht hatten. Jetzt drehte Guido Wachs den Spieß um und versuchte mit Hilfe eines ehemaligen Zellengenossens nicht nur Katrin König in den Wahnsinn zu treiben, sondern er ließ auch Bukows Vater kaltblütig ermorden.

Florian Oeller schrieb die ungemein packende und geschickt zusammengefügte Story, Eoin Moore setzte sie spannend und mit viel Gefühl in Szene. Dafür standen ihnen ein hervorragendes Schauspieler-Ensemble zur Verfügung, allen voran Charly Hübner, derzeit wohl der beste deutsche Schauspieler überhaupt. Anneke Kim Sarnaus Mienenspiel hingegen war streckenweisen etwas zu dick aufgetragen, auch wenn beginnender Wahnsinn jeder Schauspielerin einiges an Emotionen abverlangt. Ohne Zweifel aber war dieser Polizeiruf aus Rostock einer der besten, die es je in dieser Reihe gegeben hat. Davon könnte sich so manch andere Krimireihe eine ganz dicke Scheibe abschneiden. /sis

Überragend gut: Charly Hübner in der Rolle des Alexander Bukow. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Am Ende bleibt ein großes Nichts

Am Ende bleibt ein großes Nichts
Kritik zum Tatort München „Lass den Mond am Himmel stehn“
ARD/BR Tatort “Lass den Mond am Himmel stehn”: Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) betrachten den Fundort von Emils Fahrrad im Wald, in der Nähe eines Parkplatzes. ( Foto: BR/Bavaria Fiction GmbH/Hendrik Heiden)

Das ist schon ein sehr bedrückender Fall, der im neuen Tatort aus München mit dem Titel “Lass den Mond am Himmel stehn” im Mittelpunkt steht. Ein Teenager erschlägt seinen angeblich besten Freund Emil Kovacic (Ben Lehmann), einfach nur, weil er ihn in einem Computerspiel zu besiegen droht, die Eltern entsorgen die Leiche in der Isar, das Fahrrad im Wald. Und sie schweigen, beharrlich und völlig emotionslos. Das können sie auch, denn weder sie noch ihr Sohn können für das Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. Basti Schellenberger (Tim Offerhaus) ist erst dreizehn und damit strafunmündig, die Vertuschung der Straftat für einen Angehörigen ist nach § 258 Abs. 6 Strafgesetztbuch ebenfalls straffrei. Das weiß Bastis Mutter als erfolgreiche Rechtsanwältin Antonia Schellenberg (Victoria Mayer) sehr genau und so lässt sie die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) ein ums andere Mal auflaufen. Auch Vater Martin Schellenberg (Hans Löw) schweigt, obwohl er sich damit scheinbar etwas schwerer tut. Einzig für Tochter Hannah Schellenberger (Lea Zoe Voss) ist die Kälte und Abgebrühtheit ihrer Familie unerträglich. Sie packt ihre Sachen und sucht das Weite.

Aber nicht so sehr die Ermittlungen stehen im Vordergrund dieser ungewöhnlichen Geschichte von Stefan Hafner und Thomas Weingartner, sondern das unendliche Leid von Emils Mutter Judith Kovacic (Laura Tonke) und ihrem Mann David, die nicht nur ihren Sohn verloren haben, sondern auch ertragen müssen, dass Emils Tod ungesühnt bleibt. Lange Zeit jagen Leitmayr, Batic und Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) falschen Spuren nach, bis ihnen die angeblich letzte Handynachricht des Opfers den Weg in Bastis Kinderzimmer weist. Selbst als die Spurensicherung das Blutbad der Tatnacht wieder sichtbar macht, sind Basti und seine Eltern zu keiner Regung fähig, scheinen auch überhaupt keine Schuldgefühle, geschweige denn Mitleid mit dem Opfer zu entwickeln.

Die Geschichte spielt sich in einer durchgängig düsteren Atmosphäre ab, die das Grauen fühlbar werden lässt. „Lass den Mond am Himmel stehn“ ist ein gelungenes Psychodrama, das einen jugendlichen Täter schützt, dafür aber die Eltern des Opfers in purer Verzweiflung und die Kommissare am Ende mit leeren Händen zurücklässt. /sis

Witzig auf Teufel komm raus!

Witzig auf Teufel komm raus!
Kritik zum Tatort Weimar „Der letzte Schrey“
ARD/MDR Tatort “Der letzt Schrey”: Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) berichtet Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner), wer die Polizei verständigt hat. (Foto: MDR/Steffen Junghans)
Frau Dr. Seelenbinder (Ute Wieckhorst) erklärt Kira Dorn (Nora Tschirner), Lessing (Christian Ulmen) und Kurt Stich (Thorsten Merten) ihre ersten Erkenntnisse nach Inspektion der Leiche. (Foto: MDR/Steffen Junghans)

Wer sich einen Tatort aus Weimar mit den Kommissaren Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) anschaut, weiß von vornherein, dass er eher eine locker-flockige Komödie zu sehen bekommt als einen spannenden Krimi. “Witzig auf Teufel komm raus” ist die Devise. Genauso war denn auch wieder der neueste Tatort aus Weimar mit dem Titel „Der letzte Schrey“ aus der Feder von Murmel Clausen unter der Regie von Mira Thiel. Wobei diesmal nicht unbedingt Lessing und Dorn die besten Witze von sich gaben, sie waren eigentlich nur Nebendarsteller und entspechend weniger komisch. Es sei denn, man findet Lessings Bad in der Jauchegrube besonders erquicklich. Die Hauptrollen spielten viel eher die beiden Entführer Freya (Sarah Viktoria Frick) und Zecke (Christoph Vantis), die mit dem IQ einer Ameise (wobei nicht die Ameise beleidigt werden soll) den Sohn von Marlies Schrey (Nina Petri) und Gerd Schrey (einfach großartiger Jörg Schüttauf) mit der Entführung seiner Eltern erpressen wollten. Erst erschlugen sie Marlies Schrey mit einem Fleischklopfer, kurz darauf musste auch Freya daran glauben. Zecke, plötzlich auf sich allein gestellt, überlebte seinen recht witzigen Drahtseilakt auf einer Hochspannungsleitung natürlich auch nicht. Übrig blieb der entführte Gerd Schrey, der sich mit gefesselten Füßen – eines Pinguins durchaus würdig – und der Million Lösegeld ungestört auf den Heimweg machen konnte. Opfer gerettet, Entführer tot, Fall gelöst. Jedenfalls fast. Denn Dorn und Lessing waren sich durchaus bewusst, dass Freya und Zecke die Entführung mit ihrer „geistigen Grundausstattung“ nie im Leben alleine hatten planen und durchführen können. Und sie wussten auch gleich, wo sie die Urheberin finden konnten: Da wo Gerd Schrey vor seinem Auftauchen bei der Polizei das Lösegeld versteckt hatte. Wieso Sohn Maik Schrey (Julius Nitschkoff), der einzige der in diesem ganzen Schlamassel von nichts eine Ahnung hatte, wissen konnte, wo sich sein Vater, das Lösegeld und die Anstifterin zur Entführung – zugleich Maiks Freundin – Doreen Grobe (Antonia Münchow) aufhielten, blieb eine der vielen offenen Fragen. Aber darum geht es beim Tatort Weimar in aller Regel auch nicht. Ungereimtheiten in der Story sind nicht so wichtig, es zählt nur Witz, mag er auch noch so gezwungen daherkommen. Wer es sich mit dieser Erwartungshaltung vor dem Fernseher bequem gemacht hatte, wurde nicht enttäuscht. /sis

Eindrucksvoll in Szene gesetzt

Eindrucksvoll in Szene gesetzt
Kritik zum Tatort Stuttgart „Du allein“
ARD/SWR Tatort “Du allein“: Letzter Einsatz von Carolina Vera als Staatsanwältin Emilia Álvarez im Polizeipräsidium mit Richy Müller als Hauptkommissar Thorsten Lannert und Felix Klare als Hauptkommissar Sebastian Bootz. (Foto: SWR/Johannes Krieg)
Thorsten Lannert (Richy Müller) und KTI-Spezialistin Andrea Botros (Isabel Schosnig) machen sich Gedanken über die Schussbahn. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Im Herbst 2016 starb ein damals 83-jähriger Rentner, nachdem er zuvor in einer Bankfiliale in Essen ohnmächtig zusammengebrochen war und ihm nicht geholfen wurde. Insgesamt vier Personen gingen an ihm vorüber, ohne sich um ihn zu kümmern. Sie hatten ihn für einen schlafenden Obdachlosen gehalten, sagten sie ein Jahr später vor Gericht aus. Sie wurden vom Amtsgericht Essen wegen unterlassener Hilfeleistung zu moderaten Geldstrafen verurteilt.

Dieser Fall scheint Drehbuchautor Wolfgang Stauch als Vorlage für seinen Tatort Stuttgart mit dem Titel „Du allein“ gedient zu haben. Genau das gleiche Geschehen beschreibt er als Motiv für einen Rachefeldzug. Für die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) sowie Staatsanwältin Emilia Alvarez (Caroline Vera) sieht es lange Zeit so aus, als erschieße eine Irre völlig wahllos Menschen in Stuttgart. Erst nach einer scheinbar absichtlich misslungenen Geldübergabe erkennen Lannert und Bootz den Zusammenhang zwischen den bis zu diesem Zeitpunkt zwei Toten. Sie waren – zusammen mit zwei weiteren Personen – an einem Abend in der Bank, in der ein Schreinermeister mit Herzinfarkt zusammengebrochen war. Alle vier gingen an ihm vorüber, hielten ihn für einen Penner. Anders als in der wahren Geschichte aber werden die vier weder angeklagt noch verurteilt. Grund genug für die Geliebte des Toten, Tamara Stuber (großartige Katja Bürkle), sich grausam zu rächen. Drei der vier verlieren ihr Leben, ehe es Lannert und Bootz gelingt, die Täterin zu stoppen. Nur Tabakwarenhändler Peter Jensch (Karl Markovics) überlebt. Er ist der einzige der vier Beschuldigten, der unter der unterlassenen Hilfeleistung ernsthaft gelitten hat, sein Leben seither für „nicht mehr angenehm“ hält und sich aus Angst – vielleicht vor berechtigter Strafe – nicht mehr aus dem Haus traut. Er kümmerte sich nicht um den am Boden liegenden Schreiner, weil er noch schnell in den Supermarkt wollte, um Butter fürs Frühstück einzukaufen. Ein Stück Butter für ein Menschenleben!

Der Erpresser hat Sebastian Bootz (Felix Klare) in eine S-Bahn gelenkt, aus deren Fenster er zu einem bestimmten Zeitpunkt die Geldpakete werfen soll. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Die von Regisseurin Friederike Jehn eindrucksvoll in Szene gesetzte Geschichte überzeugt nicht zuletzt, weil einmal die aufwendigen Ermittlungsarbeiten im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Lannert und Bootz werden von einem Heer von Spezialisten unterstützt, darunter die Leiterin des Kriminaltechnischen Instituts (KTI) des Landeskriminalamtes Andrea Botros (Isabel Schosnig), die mit besonderen Fähigkeiten glänzte. Sie konnte aber Mimi Fiedler als Kriminaltechnikerin Nika Banovicgs auch nicht wirklich ersetzten, Mimi Fiedler hat den Stuttgarter Tatort 2018 verlassen. Wenig verständlich dagegen waren die eingestreuten Rückblenden, die nicht so recht in den Verlauf der Geschichte passen wollten und deshalb erst kurz vor der Auflösung des Falles als Rückblicke auf das Geschehen vor drei Jahren zu erkennen waren. Angenehm fallbezogen präsentierten sich die beiden Kommissare, fast gänzlich ohne die im Tatort inzwischen leider üblichen privaten Scharmützel. Warum allerdings die Täterin ihren Rachefeldzug erst nach drei Jahren angetreten hat und woher ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten im Umgang mit Schusswaffen stammten, wurde nicht erläutert.

Der 25. Stuttgarter Tatort ist der letzte mit der beim Publikum sehr beliebten Staatsanwältin Emilia Alvarez. Darstellerin Carolina Vera steigt aus. Schade, dass man sie so gar nicht verabschiedet hat. /sis

Thorsten (Richy Müller) und Sebastian (Felix Klare) fürchten, dass all ihre Routinen ihnen in einem Heckenschützen-Fall nichts nutzen. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Klare Sprache für eine klare Position

Klare Sprache für eine klare Position
Rezension Peter Hahne: Seid ihr noch ganz bei Trost! Schluss mit Sprachpolizei und Bürokraten-Terror

„Seid ihr noch ganz bei Trost“ fragt Journalist und Autor Peter Hahne in seinem neuesten Büchlein und zielt dabei auf all die kleinen und großen Ärgernisse ab, die uns Politiker und andere Institutionen beinahe täglich bescheren. Der Frage kann man sich nur anschließen! Sind unsere Politiker denn wirklich noch ganz bei Trost, wenn sie die schleichende Islamisierung verdrängen und verharmlosen? Erkennen sie nicht, was sie anrichten, wenn etwa Weihnachtsmärkte plötzlich zu Wintermärkten, St. Martin zum Lichterfest oder auch Schweinefleisch von den Speiseplänen gestrichen werden? „Bunt“ wird hier mit „bekloppt“ verwechselt, meint Peter Hahne und ermahnt seine Journalistenkollegen wachsam und kritisch zu sein, statt die Augen zu verschließen etwa vor Erdogans Einfluss auf die hier lebenden Muslime. Sie sollten nicht verharmlosen, sondern anprangern, was gegen die Freiheit unseres Grundgesetzes steht.

Nicht nur der Islamisierung widmet sich der Autor, sondern auch der Tatsache, dass in unserem Land nur noch die Mainstream-Meinung gelte. Die Intoleranz der angeblich Toleranten mache nicht einmal vor der Wissenschaft halt. Und er fragt sich, wie es soweit kommen konnte, dass bestimmte Meinungen zu Gender, Islam, Globalisierung und Umweltpolitik einfach ausgegrenzt würden. Keiner wolle mehr mit Streitfragen oder gar irritierenden Ideen belastet werden. Hahne aber findet, eine echte Persönlichkeit brauche den Meinungsstreit nicht zu fürchten. Er verweist auf Harald Schmidt, dessen Satire heute gar nicht mehr möglich wäre: „Die Sprachpolizei“ hätte ihn längst geköpft. Die Deutschen wollten Exportweltmeister der Hochmoral werden. Dabei hätten die Bürger längst das Vertrauen zum Beispiel auch in die Justiz verloren. Richter, Staatsanwälte und Beamte in den Ausländerämtern hätten inzwischen mehr Angst vor Araber-Clans als vor dem jüngsten Gericht. Dabei ist ihm als bekennender Christ insbesondere auch die zunehmende Christenverfolgung rund um den Globus ein Dorn im Auge.

Auch die Überheblichkeit der Gesellschaft prangert Hahne an. Ehrliche Handwerks- und Lehrberufe zählten nicht mehr. Metzger und Bäcker stürben aus und wir wunderten uns über Industrielebensmittel auf unseren Tellern, die den Namen Lebensmittel gar nicht verdienten. Ebenso fragwürdig sind für den Autor Politiker, die in die Wirtschaft gehen, dort horrende Gehälter, Abfindungen und Pensionen kassierten und Abgeordnete, die ihre Diäten erhöhten, während der kleine Sparer sein Geld durch die Null-Zins-Politik verliere. Er moniert den Frust der Eliten, die das Land verließen, weil politische Fehlentscheidungen und die Ansprüche der Integrationspolitik sie überforderten. Deutschland, meint Hahne, habe einst auf Maß und Mitte gesetzt, heute sei es nicht einmal mehr Mittelmaß.

Überheblich findet der Autor auch die neue Umweltbewegung. Er spricht gar von einer „Infantilisierung der Politik“. Und er wehrt sich entschieden gegen die Beschimpfung seiner Generation als Umweltsünder von technisch hochgerüsteten und mit Flugreisen verwöhnten Kindern. Keine andere Generation habe je so nachhaltig gelebt wie die in den 1950er Jahren geborene: Kleider wurden geflickt, den Weg zur Schule ging man zu Fuß, gespielt wurde auf der Straße, gegessen wurde was die Natur gerade hergab und Urlaubsreisen gab es höchstens mit dem Fahrrad. Recht hat er! Besser wäre es, die jugendlichen Umweltaktivisten würden die Freitage für ein doppeltes Lernpensum verwenden, um durch Bildung die Probleme der Zukunft zu lösen, so sein durchaus bedenkenswerter Vorschlag.

Besonders hart geht Hahne mit der irrsinnigen “Sprachpolizei” ins Gericht, für die letztlich die Steuerzahlen aufkommen müssten. Ihr Genderwahn mache vor Pipi Langstrumpf genauso wenig halt wie vor der Bibel, die selbsternannten Missionare der politischen Korrektheit gäben absurde sprachliche Empfehlungen und beschäftigten nicht selten gar die Gerichte mit ihrem Unfug. All das hätte uns die angeblich wissenschaftliche Genderforschung eingebracht. Dabei wollten 73 Prozent der Deutschen diese Sprachanpassungen gar nicht. Das Ziel von Sprache sei es, zu verstehen. Ohne klare Sprache könne man keine klare Position beziehen. Selbst die Medien verschanzten sich hinter Fachchinesisch und Expertensprech.

Peter Hahne tut das nicht. Er sagt klar war Sache ist und mahnt zu Respekt, Anstand und Haltung, an denen es nicht nur den Politikern in unserem Land mangele. Nach der Lektüre bleibt in der Tat nur eine Frage übrig: “Sind die denn alle noch ganz bei Trost“? /sis

Bibliographische Angaben:
Peter Hahne: Seid ihr noch ganz bei Trost! Schluss mit Sprachpolizei und Bürokraten-Terror
Quadriga Verlag 2020, 128 Seiten
ISBN 978-3-86995-096-9

Eine wahre Freude für echte Krimifans

Eine wahre Freude für echte Krimifans
Kritik zum Tatort Köln „Gefangen“
ARD/WDR Tatort “Gefangen”: Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, rechts) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) an der Wurstbraterei, neben der Hohenzollernbrücke mit dem Kölner Dom im Hintergrund. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Max Ballauf ist im Dienst, aber nicht richtig da. Er wendet sich ab, während Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch) und Freddy Schenk die Leiche von Professor Krüger (Thomas Fehlen) untersuchen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Mit einem überraschenden Ende wusste der neue Tatort aus Köln mit dem Titel „Gefangen“ zu überzeugen. Schien der Fall am Anfang recht durchschaubar, verstand es Drehbuchautor Christoph Wortberg die Zuschauer geschickt in die Irre zu führen und die wahre Täterin erst durch eine Eingebung von Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) zu überführen. Weniger gelungen war dagegen die Darstellung von Ballaufs Trauma. Ballauf hatte im Fall „Kaputt“ im Einsatz die Kollegin Melanie Sommer (Anna Brüggemann) erschossen. Nun plagen ihn Albträume und Schuldgefühle. Im neuen Fall „Gefangen“ taucht die tote Melanie immer wieder vor Ballaufs Augen auf und beeinträchtigt seine Arbeit und sein Verhältnis zu seinen Kollegen. Freddy Schenks (Dietmar Bär), Norbert Jüttes (Roland Riebeling) und Psychotherapeutin Lydia Rosenbergs (Juliane Köhler) Bemühungen, Ballauf zu helfen, weist der schroff zurück. Im Laufe des Geschehens aber treten die Erscheinungen der toten Melanie immer mehr in den Hintergrund, Ballauf konzentriert sich auf den Fall und die darin verwickelte Julia Frey (Frida-Lovisa Hamann). Julia sitzt in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik, zu Unrecht, wie Ballauf herausfindet. Während Freddy Schenk den wahren Täter in Rechtsanwalt Florian Weiss (Andreas Döhler), Julias Schwager, gefunden haben will, erkennt Ballauf Julias geschickte Manipulation. Damit war dann aber nicht nur der Fall gelöst, sondern auch gleich Ballaufs Trauma – wenig glaubwürdig zwar, aber dennoch fesselnd erzählt.

Überzeugen konnte nicht nur die geschickt konstruierte Geschichte, eine wahre Freude für echte Krimifans, sondern auch die durchaus denkbare Konstellation, als Gesunder in der Psychiatrie gefangen zu sein, weil ein Arzt oder irgendjemand sonst das aus irgendeinem Grund so will. Dieser Tatort wusste nicht nur gut zu unterhalten, sondern schickte seine Zuschauer auch mit dem unguten Gefühl in die Nacht, dass womöglich viele Opfer solch perfider Intrigen ihre Leben in geschlossenen psychiatrischen Abteilungen verbringen. /sis

Bei Übungen im Schießstand erleidet Max Ballauf einen Zusammenbruch. Sein Trauma lässt ihn nicht los, Freddy Schenk will ihm helfen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Starker Tatort vor perfekter Kulisse

Starker Tatort vor perfekter Kulisse
Kritik zum Tatort „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“
ARD/NDR Tatort “Borowski und der Fluch der weißen Möwe”: Die Ermittlungen sind nervenaufreibend: Mila Sahin (Almila Bagriacik), Klaus Borowski (Axel Milberg, rechts) und Roland Schladitz (Thomas Kügel) (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Borowski und Mila Sahin versuchen, Nasrin (Soma Pysall) zu beruhigen (Foto: NDR/Christine Schroeder)

„Der Fluch der weißen Möwe“ heißt der neue Tatort aus Kiel mit Klaus Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik). Die weiße Möwe symbolisiert eigentlich die Sehnsucht nach Freiheit und Unendlichkeit. Die junge Frau namens Jule, die gleich zu Beginn des Tatorts vor den Augen ihrer ehemaligen Freundin Nasrin Erkmen (Soma Pysall) und den beiden Polizeischülern Tobias Engel (Enno Trebs) und Leroy Schüttler (Stefan Hergli) von einem Hochhausdach springt, sehnt sich aber vermutlich mehr nach Vergessen. Sie war vor Jahren Opfer einer Vergewaltigung geworden, ein traumatisches Erlebnis, dessen Erinnerung sie nicht länger ertragen kann. Ausgerechnet ihre Freundin Nasrin hatte sie damals den beiden Tätern zugespielt. Nasrin ist inzwischen Polizeimusterschülerin, die zusammen mit ihrem Freund Tobias, Leroy und Sandro (Louis Held) das Leben genießt. Bis zu diesem Zeitpunkt. Denn während einer Übung an der Polizeischule, die Borowski und Mila Sahin leiten, sticht Nasrin wie von Sinnen auf Sandro ein, niemand kann sie stoppen, Sandro stirbt.

Bis dahin eine spannende Geschichte mit dramatischen Szenen. Dann nimmt die Story aber einen eher unrealistischen Verlauf: Statt Nasrin in die Psychiatrie zu stecken und Borowski und Sahin als unmittelbare Zeugen des Geschehens von den Ermittlungen auszuschließen, schickt das erfahrene Autorenduo Eva und Volker Zahn Nasrin ins Gefängnis und lässt die beiden Kieler Kommissare die Hintergründe der Tat beleuchten. Dabei pflastern noch mehr Leichen ihren Weg. Nasrins Freund Tobias, der ebenfalls keinen psychologischen Beistand bekommt und völlig ungehindert seine Dienstwaffe mit nach Hause nehmen kann, übt blutige Rache an den beiden mutmaßlichen Vergewaltigern, Mitschüler Leroy hilft beim Vertuschen, das alles vor der fantastischen Kulisse Kiels, von dem in diesem Tatort endlich einmal etwas mehr zu sehen war. Überhaupt hat Regisseur Hüseyin Tabak seinen ersten Tatort grandios in Szene gesetzt, die Spannung von der ersten bis zur letzten Minute gehalten, trotz der Ausflüge ins Unrealistische. Für sein Debüt stand ihm ein großartiges Schauspielerensemble zur Verfügung, neben Axel Milberg und Almila Bagriacik ganz besonders auch Soma Pysall. Davon würde man sehr gerne sehr viel mehr sehen! /sis

Haben Borowski (Axel Milberg) und Sahin (Almila Bagriacik) versagt? Wie konnte es zu dem Vorfall kommen? (Foto: NDR/Gordon Timpen)

Wie viel mehr “weniger” sein kann!

Wie viel mehr “weniger” sein kann!
Rezension Anne Weiss „Mein Leben in drei Kisten“

Endlich ausmisten, alles los werden, was nicht mehr gebraucht wird und nur Platz beansprucht! Wie oft nimmt man sich das vor, schafft aber angesichts der Krempelberge einfach den ersten Schritt nicht. Die Autorin Anne Weiss hat es geschafft, sie hat nicht nur den ersten Schritt gemacht und sich von allem getrennt, was sie nicht wirklich mehr braucht, sondern sie hat nach der Wohnung auch ihr Leben ausgemistet und sich so viel mehr Freiräume geschaffen, nicht nur in ihrem Umfeld. Anne Weiss wirft in ihrem Buch nicht nur einen Blick auf die Unordnung in unseren Schränken, sondern auch in unseren Köpfen, sie schaut auf unsere Konsumdenkweise, unser Reiseverhalten und das berufliche Hamsterrad, das uns zielsicher an den Abgrund eines Burn-outs katapultiert. Sie legt den Finger in all unsere Alltagswunden, bleibt dabei aber nicht stehen, sondern zeigt Alternativen auf, Wege, die sie gegangen ist, die auch jeder andere gehen kann. Und sie schafft es mit ihrer begeisternden Art von sich zu berichten, genug Motivation zu entfesseln. Am liebsten möchte man das Buch aus der Hand legen und selbst gleich mit dem Ausmisten beginnen, wollte man nicht vorher wissen, wie sich das lebensentscheidende Jahr, von dem Anne Weiss in ihrem Buch erzählt, weiterentwickelt, wie es endet. Anne Weiss verzichtet nicht nur auf jeden Krempel in ihren Leben, sie verzichtet auch auf einen gutdotierten Job, nachdem ihr bewusst geworden ist, was sie wirklich glücklich macht: ein freies, selbstbestimmtes Leben.

Nun mag es nicht jedem gelingen, sein Leben in nur drei Kisten zu packen. Doch selbst wenn der Erfolg nicht so durchschlagend ist, kann man nach der Lektüre des Buches sehr deutlich erkennen, wie viel mehr „weniger“ sein kann. Es ist der Wechsel der Perspektive, mit dem man auf all den Tand und Tinnef schaut, den man im Laufe seines Lebens angehäuft hat. Braucht man das alles wirklich? Macht der bloße Besitz glücklich? Die Autorin gibt auf diese und viele andere Fragen brauchbare Antworten und dazu viele nützliche Tipps und Informationen, wie man mit dem Ausmisten anfängt und vor allen Dingen auch wie man all den Krempel nachhaltig wieder los wird! /sis

Bibliographische Angaben:
Anne Weiss „Mein Leben in drei Kisten. Wie ich Krempel rauswarf und das Glück reinließ“
Knaur Verlag 2019, 288 Seiten
ISBN 978-3-426-79060-1

Göttliche Märchenstunde aus Frankfurt Oder

Göttliche Märchenstunde aus Frankfurt Oder
Kritik zum Polizeiruf 110 „Heilig sollt ihr sein“
ARD/rbb Polizeiruf 110 “Heilig sollt ihr sein”: Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon), Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) und ihr Kollege Wiktor Krol (Klaudiusz Kaufmann) haben die schwierige Aufgabe, eine Geiselnahme im Gefängnis zu deeskalieren. (Foto: rbb/Arnim Thomaß)
Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon, re) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, li) dursuchen das Zimmer des flüchtigen Täters. (Foto: rbb/Arnim Thomaß)

“Was war das?”, fragte sich der Zuschauer nach dem Polizeiruf 110 mit dem Titel „Heilig sollt ihr sein“ aus Frankfurt (Oder). Ein Scherz? Satire? Ernst können es die Macher, Drehbuchautor Hendrik Hölzemann und Regisseur Rainer Kaufmann, jedenfalls nicht gemeint haben, dazu war die Story viel zu wirr mit unendlich vielen offenen Fragen am Ende. Hinzu kam eine gehörige Portion Ungereimtheiten, eine völlig verunglückte Reanimation zum Beispiel, ein angeblich Frühgeborenes, das mindestens schon ein oder mehr Monate alt war und neben Kommissar Zufall spielten auch private Verquickungen wieder einmal eine erhebliche Rolle.  Hauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) war mehr mit seiner an Krebs erkrankten Mutter beschäftigt als mit dem aktuellen Fall. Seine Partnerin Olga Lenski (Maria Simon) wies ebenfalls kaum kriminalische Leidenschaft auf, hatte aber auch nicht wirklich großartige Ermittlungsarbeit zu erbringen. Von Anfang an war klar, wer als “Heiliger Elias” alias Jonas Fleischauer (Tom Gronau) durch die Gegend spazierte und seine guten Taten vollbrachte, ob sie nun erwünscht waren oder nicht. Da kamen auch die Bemühungen eines im Auftrag der Mutter Magda Fleischauer (Anna Grycewicz), einer fanatischen Katholikin, tätige Exorzisten nicht gegen an. Und zu guter Letzt war noch eine „unbefleckte Empfängnis“ im Spiel. Unerträglich für gläubige Christen. Eine Erklärung dafür gab es nicht. Jonas konnte seinen Verfolgern immer wieder entkommen und versuchte sich sogar an der Auferweckung einer Toten, fiel am Ende aber einer völlig durchgeknallten Drogensüchtigen zum Opfer, deren Bekehrung ihm partout nicht gelingen wollte. Das alles in einer bunten deutsch-polnischen Sprachmischung mit unzähligen Untertiteln. Der des Polnischen nicht mächtige Zuschauer war so aber wenigstens mit Lesen beschäftigt und konnte der völlig abwegigen Geschichte nicht ganz so konzentriert folgen. Absicht?

Maria Simon wird den Polizeiruf noch in diesem Jahr verlassen. Das kann man ihr, nach derart schlechten Vorlagen, nicht wirklich verübeln. Vielleicht aber gibt ein Wechsel gerade diesem Polizeiruf neuen Schwung, mit neuen Gesichtern und dann hoffenlich auch wieder guten, spannenden Geschichten. Ein Spielort in Grenznähe muss doch mehr zu bieten haben! /sis

Sammy Fauler (Kyra Sophia Kahre) versucht, mit Jonas Fleischauer (Tom Gronau, re) als Geisel aus dem Gefängnis zu entkommen. (Foto: rbb/Arnim Thomaß)

Wieder ein Tatort mit erhobenem Zeigefinger

Wieder ein Tatort mit erhobenem Zeigefinger
Kritik zum Tatort Göttingen „National feminin
ARD/NDR Tatort “National feminin”: Anais Schmitz (Florence Kasumba) und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) verhören drei Studenten, die der “Jungen Bewegung” angehören. (Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus)
Vor dem Polizeipräsidium machen Mitglieder der “Jungen Bewegung” Stimmung gegen die Polizei. (Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus)

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben bekanntermaßen einen Bildungsauftrag. Warum der sich aber nur im Vorführen der rechtsradikalen Szene erschöpfen muss, bleibt das Geheimnis der Tatort-Macher. Der Tatort aus Göttingen mit dem Titel “National feminin” indes hatte neben der rechtsradikalen Gruppe mit dem Namen “Junge Bewegung”, die aus drei durchweg intelligenten, jungen Menschen bestand, auch die radikalen Feministinnen im Blick, eine eher ungewöhnliche Mischung. In diesem Umfeld musste das so ungleiche Kommissarinnen-Duo Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba) nach dem Mörder von Marie Jäger (Emilia Schüle), einer erfolgreichen Bloggerin, fahnden. Allzu schwierig war das nicht, halten die Jugendlichen heute doch jeden ihrer Atemzüge im Video fest, das dann seinen Weg ins Netz oder eben auch nur auf ein privates Speichermedium findet. Schmitz und Lindholm mussten also nur auf die Entschlüsselung der natürlich streng geheimen Passwörter warten und schon konnten sie den Tathergang lückenlos rekonstruieren. Entsprechend kurz und heftig waren die Vernehmungen der „Jungen Bewegung“, in denen es mehr um typisch braunes Geschwätz und “Ausländer-raus”-Parolen als um Maries Tod ging. Mord und Polizeiarbeiten wurden – wie nicht anders zu erwarten – dafür heftig kritisiert und an den öffentlichen Pranger gestellt. Eine Lehrstunde, wie Radikale ihre Bühne bauen und nutzen. Dazu gab es zwei völlig bedeutungslose Nebengeschichten: Ein junger Mann, der seinen Vater hasst, wegen einer Farbbeutelattacke ins Visier der Polizei gerät und dafür mit dem Leben bezahlt und Charlotte, die ungeniert mit Anais Ehemann Nick (Daniel Donskoy) flirtet. Spannung gab es keine. Dass der Hintergrund des Geschehens eher im komplizierten Beziehungsgeflecht des Opfers als in einer politisch motivierten Tat zu suchen war, war nur allzu leicht durchschaubar. Obwohl dem wahren Täter von Anfang bis zur Auflösung nicht das geringste anzumerken war, was wiederum schlicht unglaubwürdig wirkte.

Wer sich gerne belehren lässt und vielleicht auch ein bisschen Nachhilfe in Sachen Rechtsradikalismus und Feminismus benötigte, war mit diesem Tatort aus der Feder von Daniela Baumgärtl und Florian Oeller sicher gut bedient. Für Krimifreunde bedeutete „National feminin“ doch eher gepflegte Langeweile, allenfalls unterbrochen von der Empörung über Charlotte Lindholms – augenscheinlich – plumpen Versuch, sich an den Ehemann ihrer Partnerin Anais Schmitz heranzumachen. Ein absolutes “No-go”, wie es neudeutsch so kurz und treffend heißt! /sis

Ciaballa (Jonas Minthe), Anais (Florence Kasumba) und Charlotte (Maria Furtwängler) entdecken einen verdächtigen Fahrradfahrer. (Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus)

Vorsicht vor rührseliger Empfindsamkeit

Vorsicht vor rührseliger Empfindsamkeit
Rezension Alexander Grau, Politischer Kitsch – eine deutsche Spezialität

Der deutsche Philosoph, Publizist und Autor Alexander Grau führt seinen interessierten Lesern mit seinem Essay „Politischer Kitsch – eine deutsche Spezialität“ vor Augen, wie mit zur Schau getragene Empfindsamkeit Politik gemacht wird, wie sich diese Art, autoritäre Politik zu legitimieren, im Laufe der Geschichte entwickelt hat und wie wichtig es ist, diese manipulative Kommunikation zu verstehen. Dabei ist politischer Kitsch ganz einfach zu entlarven, wenn Politiker mit purer Berechnung an die Rührseligkeit der Zuhörer appellieren, dann hat das nichts mit der Realität zu tun. Die schwere Jugend, Armut, Ungerechtigkeit – ist gibt viele Themenfelder, die sich dafür eigenen. Auch die Medien machen eifrig mit, sie führen verzweifelte Menschenmassen vor und ersticken damit jede Diskussion im Keim. Wer will sich schon gegen Empfindsamkeiten stellen, wenn Mahnwachen und Lichterketten Solidarität verlangen. Diese Art politischer Kitsch wird, so der Autor, zum tragenden Element der Gesellschaft, kühle Vernunft dagegen als Zynismus abgetan. Es sei zwar nicht verboten, große Gefühle zu seinen Gunsten zu nutzen, es könne indes in der Politik verheerende Folgen haben, wenn der moderne Mensch die manipulative Form der Kommunikation nicht durchschaut. „Wenn das Herz spricht, ziemt es sich nicht, dass der Verstand etwas dagegen einwendet“, zitiert Alexander Grau den tschechisch-französischen Schriftsteller Milan Kundera. Und tatsächlich hat man den Eindruck, dass zur Schau getragene Empfindsamkeit den Verstand der Massen benebelt.

Seinen Ursprung hat politischer Kitsch nach Alexander Grau im Christentum, in dem die reale Welt ins Transzendentale abdriftete, ins Übernatürliche, Metaphysische also. Kitschiges Denken entstand dort, wo die Realität idealisiert wurde. Im 19. Jahrhundert setzte sich Kitsch schließlich als Mittel der politischen Kommunikation auch in Deutschland durch. Säkulare Institutionen überzeichneten profane Botschaften und suggerierten so Überweltlichkeit. Im 20. Jahrhundert wurde das kitschige Denken gar Programm. Emotionen spielten die entscheidende Rolle, das subjektive Empfinden wurde zum Maßstab, der Wohlfahrtsstaat fand seine Daseinsberechtigung in der Befriedigung der subjektiven Bedürfnisse statt der Beseitigung von Mangel. Alle Menschen sind gut, die Welt ist schön. Wer das anders sieht, begeht Verrat an der guten Sache und an der Menschlichkeit. Die Welt hat sanft und gut zu sein und das wird mit aller Brutalität durchgesetzt. Gerade der Deutsche ist verliebt in Ideen, nicht in die Wirklichkeit. Er will die Welt retten, den Frieden, das Klima.

In seinem kurzen Essay gelingt es Alexander Grau die Entstehung und Bedeutung von politischem Kitsch anschaulich und nachvollziehbar herauszuarbeiten und vor ihren Gefahren nachdrücklich zu warnen. Diese kitschigen Leidenschaften seien es, die die Menschen unbedacht, rücksichtslos und selbstgerechten machten. /sis

Bibliographische Angaben:
Alexander Grau: Politischer Kitsch – eine Spezialität
Essay, Claudias Verlag, München 2019, 59 Seiten
ISBN 978-3-532-60042-9

Kurze Story, langatmige Nebenhandlungen

Kurze Story, langatmige Nebenhandlungen
Kritik zum Tatort Frankfurt „Die Guten und die Bösen“
ARD/HR Tatort “Die Guten und die Bösen”: Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich) vernehmen Ansgar Matzerath (Peter Lohmeyer, sitzend), der den Peiniger seiner Frau brutal ermordet hat. (Foto: HR/Degeto)

Ein Tatort mit der vor fast genau einem Jahr – am 21. April 2019 – leider viel zu früh verstorbenen Hannelore Elsner, das ließ aufhorchen und weckte große Erwartungen. Leider entpuppte sich der neue Tatort aus Frankfurt mit dem Titel „Die Guten und die Bösen“ aber als moralisch-philosophische Diskussionsrunde über Gut und Böse mit einer ganzen Reihe langatmiger und völlig unnötiger Nebenhandlungen. Die Geschichte selbst hätte gut und gerne in eine kurze Vorabendserie gepasst. Drehbuchautor David Ungureit ließ seine Figuren über die Werte diskutieren, die ein Polizist gemeinhin zu vertreten hat, stürzte die Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) nach einer durchzechten Nacht und mit einem gewaltigen Kater in eine Identitätskrise, nicht etwa wegen des aktuellen Falls, sondern in Zusammenhang mit einem Coaching, dessen Sinn auch nicht so recht nachvollziehbar war. Aber darum ging es auch nicht in diesem Tatort, nicht um eine spannende Geschichte, nicht um Logik und Nachvollziehbarkeit, sondern ausschließlich darum, ob ein Täter auch ein Opfer sein kann und Mitleid statt Strafe verdient.

Ansgar Matzerath (Peter Lohmeyer) hatte den vermeintlichen Peiniger seiner Frau brutal umgebracht und sich gleich selbst gestellt. Er wollte Strafe, die ihm Janneke und Brix aber einfach nicht ohne weiteres zugestehen wollten, frei nach der Devise: ein Polizist ist immer ein Guter, ein Mörder hingegen ein Böser. Als Kollege konnte Matzerath mithin nicht der Böse sein. Und so suchten die Kommissare nach Erklärungen für sein grausames Tun, nach mildernden Umständen für eine geringere Strafe, allerdings nur im Zwiegespräch, nicht etwa durch polizeiliche Ermittlungen, wie man das in einem Krimi hätte erwarten dürfen. Das war es auch schon. Die dialoglastige Geschichte spielte in einem offenbar völlig heruntergekommenen Gebäude, das unverständlicherweise noch immer als Polizeipräsidium diente, zum größten Teil aber schon leer stand. Im Keller studierte die pensionierte Kommissarin Elsa Bronski (Hannelore Elsner) alte, ungelöste Fälle, auf dem Dach hielt Olivia Dor (Dennenesch Zoudé) ihr Seminar ab, auf einer Etage hatten sich die Kommissare auf dem Flur eingerichtet, auf dem Anna Janneke – warum auch immer – gerade ihre Fotos ausstellte. Zwischen den Stockwerken jagte Bronskis Schäferhund hinter einem roten Ball her und nebenbei erklärten die Kommissare, Assistenten und der Staatsanwalt vor der Kamera im Rahmen des Coaching-Seminars, welche Bedeutung der Polizeiberuf für sie ganz persönlich hat, welche Werte sie vertreten. In diesem Zusammenhang erfuhren die Zuschauer dann auch gleich noch, wie viele frische Hemden Kommissar Brix vorsichtshalber im Auto mit sich führt. Nichts von alledem hatte mit dem Fall zu tun – und nichts war auch wirklich wichtig oder gar spannend. Für ein bisschen Action sorgten lediglich die Handwerker, die mit allerlei Material eifrig durch die Gänge huschten, ohne indes tatsächlich etwas zu reparieren oder renovieren.

Einzig Elsa Bronski ließ so etwas wie kriminalistisches Gespür durchblicken, übernahm Verantwortung für ihr Tun, besonders aber für das Unterlassen. Hätte sie damals den Vergewaltiger von Ansgar Matzeraths Frau dingfest machen können, hätte Ansgar nicht morden und seine Frau sich nicht umbringen müssen. Ursache und Wirkung, der wahre Sinn und Zweck von Polizeiarbeit – großartig dargestellt von einer der besten Schauspielerinnen, die Deutschland je hatte. Man hätte ihr gerne einen würdigeren Abschiedsfilm gewünscht! /sis

Hannelore Elsner als Elsa Bronski mit Anna Janneke (Margarita Broich). (Foto: HR/Degeto)

Was in Dortmund klappt, passt auch für Saarbrücken?

Was in Dortmund klappt, passt auch für Saarbrücken?
Kritik zum Tatort Saarbrücken „Das fleißige Lieschen“
ARD/SR Tatort “Das fleißige Lieschen”: Die neuen Hauptkommissare in Saarbrücken: Adam Schürk (Daniel Sträßer) und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) (Foto: SR/Manuela Meyer)
Die Neuen in Saarbrücken: v.l. Hauptkommissar Adam Schürk (Daniel Sträßer), Hauptkommissarin Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer), Hauptkommissarin Esther Baumann (Brigitte Urhausen) und Hauptkommissar Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) (Foto: SR/Manuela Meyer)

Mit Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) und Adam Schürk (Daniel Sträßer) präsentieren die Tatortmacher zwei neue Saarbrücker Kommissare, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide wirken noch recht jung und unerfahren und teilen eine gemeinsame, dunkle Vergangenheit. Hölzer ist ein Weichei, der nicht in der Lage ist, von seiner Schusswaffe Gebrauch zu machen, offenbar auch dann nicht, wenn es darum geht, seinen Partner zu verteidigen. Schürk dagegen ist der wilde Draufgänger, der einfach zuhaut, wenn ihm danach ist. Beide eint die Geschichte um Schürks gewalttätigen Vater, der aus seinem Sohn einen „ganzen Kerl“ machen wollte, ihn dafür unerträglich quälte, bis Schürks Jugendfreund Hölzer ihn ins Koma prügelte. Nun ist es nie besonders sehenswert, wenn in einem Krimi die persönlichen Konflikte der Kommissare eine größere Rolle spielen als die zu lösenden Mordfälle. Was aber in Dortmund mit dem völlig kaputten Kommissar Faber so prima klappt, kann ja vielleicht in Saarbrücken auch funktionieren, dachten sich die Macher vermutlich. Es bleibt also abzuwarten, wie sich die neuen Kommissare weiterentwickeln, auch wenn sie eigentlich für den Polizeidienst gänzlich ungeeignet sind. Zu den beiden gesellen sich noch zwei Assistentinnen Ester Baumann (Brigitte Urhausen) und Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer), die im ersten Fall ebenfalls mehr durch ihr gezieltes Mobbing denn durch kriminalistisches Gespür aufgefallen sind. Auch hier gibt es noch viel Luft nach oben.

Der erste Fall des neuen Saarbrücken-Duos aber wusste den kritischen Zuschauer dann doch zu überzeugen: Bernhard Hofer (großartiger Dieter Schaad) führt sein Unternehmen und seine Familie in gnadenloser Gehässigkeit. Jeder hasst jeden und hat genug Grund, den anderen umzubringen. Die Ursache für den Mord an Hofers Enkel und Nachfolger aber reicht zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als Hofer seine Fabrik mit Zwangsarbeitern am Leben hielt, Zwangsarbeiter, die seiner herrischen Art hoffnungslos ausgeliefert waren. Die gelungene Story von Drehbuchautor Hendrik Hölzemann geschickt in Szene gesetzt von Regisseur Christian Theede ließ das eher ambivalent wirkende Kommissars-Duo am Ende doch noch ganz gut aussehen, auch wenn die Rückblenden in die Jugendjahre der Kommissare die eigentlichen Geschichte mehr als nötig an den Rand drängten. /sis

Zu viele Nachlässigkeiten

Zu viele Nachlässigkeiten
Kritik zum Tatort Dresden „Die Zeit ist gekommen“
ARD/MDR Tatort “Die Zeit ist gekommen”: Gemeinsam mit Peter Schnabel (Martin Brambach) verfolgen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) die Geschehnisse im Kinderheim. (Foto: MDR/W&B Television/Michael Kotschi)
Die Kommissarinnen Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) befinden sich gerade unterwegs, als sie die Nachricht von Louis Bürgers Flucht erreicht. (Foto: MDR/W&B Television/Michael Kotschi)

War es Nachlässigkeit? Oder doch die Überzeugung, dass der Zuschauer es nicht merkt? Wie kann ein und dasselbe Fluchtauto am Ende des Tatorts „Die Zeit ist gekommen“ – ohne Möglichkeit zum Austausch – zwei verschiedene Nummernschilder haben, an der Tankstelle gut sichtbar “TF” und kurze Zeit später im Feld dann “DD”? Derart grobe Fehler dürften eigentlich bei einem Tatort nicht passieren. Das und einige offene Fragen, etwa woher Louis Bürger (Max Riemelt) überhaupt das Auto zur Flucht und Klebeband und Schnur zum Fesseln seines Entführungsopfers Nico (Emil Belton) hatte, trübten den Eindruck der an sich guten Geschichte der Drehbuchautoren Stefanie Veith und Michael Comtesse doch erheblich. Auch die Durchschaubarkeit der Tathintergründe und die entsprechend nachlässigen Ermittlungen des Ausgangsmordes nahmen der Geschichte sehr viel Dynamik. So blieb am Ende nur eine Geiselnahme fast schon aus Versehen, die den Dresdner Kommissariatsleiter Peter Schnabel (Martin Brambach) und die immer noch sehr auf Distanz bedachten Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) weit mehr interessierten als der Fall selbst. Immerhin führte dieser Tatort den Zuschauern sehr deutlich vor Augen, was es für einen vermeintlich Verdächtigen heißt, wenn sich die Polizei auf ihn als Täter einschießt, weitere Spuren gar nicht mehr verfolgt, sondern ohne Rücksicht auf Verluste versucht, ihren Verdächtigen zu überführen. Für den armen Louis Bürger, den Gorniak und Winkler sich anhand weniger fragwürdiger Indizien als Mörder seines Nachbarn auserkoren hatten, war das offenbar nicht der erste Fall von Justizirrtum. Schon einmal will er zu Unrecht verurteilt worden sein. Fest entschlossen nicht noch einmal für ein Verbrechen ins Gefängnis zu gehen, das er nicht begangen hat, hilft ihm seine Frau Anna (großartige Katia Fellin) aus der Untersuchungshaft zu entkommen. Mit ihrem zwölfjährigen Sohn Tim (Claude Heinrich), der in einem Kinderheim untergebracht ist, wollen sie nach Kroatien fliehen und dort ein neues Leben beginnen. Doch im Kinderheim treffen die drei auf ein Großaufgebot an Polizei, das geradezu unfähig permanent für weitere Eskalation sorgt, völlig unnötig! Genauso unnötig wie die äußerst grobe Verhaftung Louis Bürgers am Ende seiner Flucht. Zwar hatte er sich nun doch einer Geiselnahme mit Waffengewalt schuldig gemacht, doch konnte man mit ihm und seiner Familie nur Mitleid haben. Und wofür die Zeit denn nun gekommen war, ließ sich auch nicht unbedingt erkennen. War es die Zeit für Louis und seine Familie zu fliehen oder die Zeit für Annas Schwägerin, Tim endgültig von Jugendamt zugesprochen zu bekommen? War es die Zeit für Annas Bruder, seiner Eifersucht freien Lauf zu lassen oder die Zeit für das bis an die Zähne bewaffnete Sondereinsatzkommando, die Geiseln nach langem Zögern doch mit Gewalt aus den Händen der Geiselnehmer zu befreien? Wer weiß?

Die vielen kleinen und großen Nachlässigkeiten jedenfalls reduzierten die grundsätzlich interessante Geschichte leider nur auf Mittelmaß. Dazu kamen einige Längen und wieder einmal viel zu viel Brutalität, die leicht hätte vermieden werden können. /sis

Während der Großteil der Heimkinder in Sicherheit gebracht wird, nähern sich Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) dem Ort der Geiselnahme – einige Kinder befinden sich noch im Gebäude. (Foto: MDR/W&B Television/Michael Kotschi)

Ein Fall für Verschwörungstheoretiker

Ein Fall für Verschwörungstheoretiker
Kritik zum Tatort „Krieg im Kopf“
ARD/NDR Tatort “Krieg im Kopf”: War Roman (Anton Hüsgen) Zeuge eines Verbrechens? (mit Maria Furtwängler und Florence Kasumba) (Foto: NDR/Manju Sawhney)
Was hat Professor Bloch (Joachim Bißmeier) mit den Vorfällen zu tun? Anais (Florence Kasumba) und Charlotte (Maria Furtwängler) tappen noch im Dunkeln. (Foto: NDR/Manju Sawhney)

„Krieg im Kopf“ ist der Titel des neuen Tatorts aus Göttingen mit dem ungleichen Kommissarinnen-Duo Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba). Krieg herrschte indes nicht nur in den Köpfen der von Drehbuchautor Christian Jeltsch erdachten Figuren, sondern auch zwischen den Ermittlerinnen, die jede für sich und nur selten gemeinsam den Mörder der Ehefrau von Bundeswehrsoldat Benno Vegener (Matthias Lier) suchten. Der Fall führte die beiden gleich am Anfang in eine bedrohliche Situation, in der Anais Vegener erschießen muss, um Charlotte zu retten. Vegener stammelte von Stimmen in seinem Kopf, die ihn jagten. Tatsächlich waren Vegener und neun Kameraden Opfer eines bei einem Einsatz in Mali fehlgeschlagenen Experimentes der Waffenindustrie. Durch Manipulation über einen Spezialhelm starben sechs der Soldaten, von den vier Rückkehrern brachten sich zwei gleich um, die einzige Soldatin überlebte ihren Selbstmordversuch nur knapp. Mit Vegeners Tod schien auch der letzte Zeuge des missglückten Einsatzes und vermeintliche Mörder seiner Frau beseitigt. Nur Charlotte ließ sich nicht beirren und ermittelte trotz massiver Gegenwehr des Militärischen Abschirmdienstes weiter. Wie nicht anders zu erwarten, löste sie am Ende den Fall, keine Frage, und es gelang ihr sogar die Machenschaften des Militärs publik zu machen.

Soweit die recht wirre Story mit starkem Hang zu düsteren Zukunftsvisionen. Zu viel Science Fiction, zu viel Chaos in den Köpfen, zu viel Zickenkrieg und dann auch noch Anais’ Ehemann, der seine Finger nicht von Charlotte lassen konnte, machten diesen Tatort zu einer Herausforderung für den Zuschauer. Spannend war nur der Beginn, der Rest war doch eher was für Science-Fiction-Liebhaber und Verschwörungstheoretiker als für wahre Krimifans. Mit Wehmut denkt man an alte Fälle der LKA-Ermittlerin wie „Wegwerfmädchen“ und „Das goldene Band“, „Mord in der ersten Liga“ oder auch „Pauline“ zurück. Das waren starke Geschichten, rätselhaft und spannend zugleich, mit dem großartigen Ingo Naujoks als Mitbewohner und Freund Martin Felser an der Seite der taffen und doch verletzlichen Charlotte Lindholm. Die neueren Tatorte können da ganz einfach nicht mithalten. /sis

Eine emotionale Berg- und Talfahrt

Eine emotionale Berg- und Talfahrt
Kritik zum Tatort Köln „Niemals ohne mich“
ARD/WDR Tatort “Niemals ohne mich”: Unter einem Bahnbogen wurde die Leiche von Monika Fellner (Melanie Straub) gefunden. Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch, rechts) stellt noch am Tatort ein schweres Schädel-Hirn-Trauma fest. So viel kann er Freddy Schenk (Dietmar Bär, Mitte) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)
Norbert Jütte (Roland Riebeling, rechts) soll im Jugendamt Akten überprüfen.Die freundliche Ingrid Kugelmeier (Anna Böger) bietet ihm Unterstützung an. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Ja, die beiden alternden Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) aus Köln lassen es inzwischen ganz schön gemächlich angehen, auch wenn der Fall sehr bewegt. Und Assistent Norbert Jüttes (Roland Riebeling) Work-Life-Balance ist noch nie großartig in Richtung Arbeit ausgeschlagen und Multitasking zählt auch nicht gerade zu seinen bevorzugten Fähigkeiten. Heimlicher Star der Folge mit dem Titel „Niemals ohne mich“ aus der Feder von Jürgen Werner war denn auch Jüttes selbstgebastelte „Tageslichtdusche“, die ihm bei einem Außeneinsatz im Jugendamt weit mehr Kopfzerbrechen bereitete als die Manipulationsversuche der Mitarbeiterin der Unterhaltsvorschusskasse Ingrid Kugelmaier (Anna Böger) und deren Chef Markus Breitenbach (Christian Erdmann). Derweilen bemühten sich Ballauf und Schenk durch viel Fußarbeit aber fast schon empathielos den Mord an der Jugendamtsmitarbeiterin Monika Fellner aufzuklären, die zahlreichen säumigen Unterhaltsverweigerern mehr als einmal ziemlich heftig auf die Füße getreten war. Dabei lernten die Zuschauer einige bis aufs Blut zerstrittene Paare kennen, die die gemeinsamen Kinder als Waffen zur Durchsetzung ihrer persönlichen Interessen missbrauchten und gar nicht merkten, wie sehr sie diesen armen Würmchen und letztlich auch sich selbst damit schadeten. Ein heikles Thema, dessen Kernproblematik aber in diesem Tatort sehr gut herausgearbeitet wurde, auch wenn er sich nicht unbedingt durch viel Spannung und Dynamik auszeichnete. Die Auswirkungen der fehlenden Unterhaltszahlungen, die Probleme mit dem Amt, um einen Unterhaltsvorschuss zu bekommen, die finanzielle Not, in die Alleinerziehende mit säumigen Unterhaltszahlern nur allzu schnell geraten, die übermäßige Wut auf alles und jeden, die sich unaufhaltsam entwickelt und wie sehr all diese Probleme auch den Alltag der Jugendamtsmitarbeiter selbst beeinflussen, waren gut nachfühlbar dargestellt. Fast schon aus der Zeit gefallen wirkt indes Freddy Schenks nach wie vor ungebrochene Leidenschaft für große, schwere Autos. Was Kölns Radfahrer die ganze Woche über an Feinstaub einsparen, bläst Freddy Schenk in einer einzigen Tatortnacht locker aus dem Auspuff seiner Protzschlitten. Hier wäre endlich ein Umdenken der Figur angebracht, schließlich kann man auch in höherem Alter noch ganz gut dazulernen. /sis

Menschliche Grausamkeit in Worte gefasst

Menschliche Grausamkeit in Worte gefasst
Rezension Sebastian Fitzek „Der Insasse“

Wer ein Buch von Sebastian Fitzek in die Hand nimmt, weiß, dass er mit vielen Überraschungen rechnen muss. So auch in seinem Thriller “Der Insasse”, der einen Vater unter falscher Identität in eine geschlossene psychiatrische Anstalt führt, um dem vermeintlichen Mörder seines fünfjährigen Sohnes Max dessen Schicksal zu entlocken.

In der Anstalt trifft der Leser auf zahlreiche merkwürdige Gestalten, nicht nur völlig irre Insassen, sondern auch korrupte Ärzte, hörige Pfleger und eine undurchschaubare Leiterin. Alle menschlichen Schwächen sind hier vertreten. Als Leser überkommt einem gelegentlich das Gefühl, all das Ekelhafte, das Fitzek in genüsslicher Ausführlichkeit beschreibt, eigentlich gar nicht lesen zu wollen. Doch die Neugierde überwiegt, ob es dem Protagonisten Till Berkhoff trotz aller Widrigkeiten nicht doch noch gelingt, den bis ins Mark absonderlichen, mehrfachen Kindermörder Guido Tramnitz, der natürlich selbst eine grausame Kindheit durchlebt hat, dazu zu bringen, den Mord an Max zu gestehen und den Ort, wo er die Leiche des Jungen versteckt hat, zu verraten. Denn Till und seine Frau Ricarda brauchen Gewissheit, müssen Abschied nehmen von ihrem Kind. Nur erlebt der Leser eine überraschende Wendung und am Ende ist rein gar nichts so wie es scheint.

Auch wenn der Schluss des Buches, der alles auf den Kopf stellt, dem Leser schon einiges an Fantasie abverlangt, weil er nicht unbedingt nachvollziehbar scheint, so ist dem Autor eine atemberaubende Geschichte gelungen, die die tiefsten Niederungen menschlicher Grausamkeit in Worte fasst. Die Geschichte macht betroffen und wirkt mitunter abstoßend, fesselt den Leser aber dennoch bis zur letzten Seite. /sis

Biographische Angaben:
Sebastian Fitzek: Der Insasse, Knaur Taschenbuch, 2020, 365 Seiten, ISBN 978-3-426-51944-8

Beste deutsche Krimiunterhaltung

Beste deutsche Krimiunterhaltung
Kritik zum Tatort Berlin „Das perfekte Verbrechen“
ARD/rbb Tatort “Das perfekte Verbrechen”: Ein belebter Platz mitten in der Stadt, 12 Uhr mittags. Gerade winkt die Studentin Mina Jiang (Yun Huang) noch ihrer Kommilitonin Luise (Paula Kroh) von weitem zu, als sie plötzlich tot zusammenbricht. Ein Schuss in den Hinterkopf führt die Kommissare Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) in die historische Mitte Berlins. – Karow (Mark Waschke) und Rubin (Meret Becker) mit den Kollegen der Spurensicherung. (Foto: rbb/Volker Roloff)
Die Colloqiumsmitglieder Max Krause, Johannes Scheidweiler, Anton von Lucke, Lukas Walcher und Franz Pätzold (v.l.n.r.) sind sich mit der Anwältin Sander (Odine Jonen) sicher, dass sie wasserdichte Alibis haben. (Foto: rbb/die film gmbh/Volker Roloff)

Die Geschichte an sich war nicht neu, schon oft haben elitäre Studentenverbindungen in ihrer unermesslichen Arroganz versucht, das perfekte Verbrechen zu begehen. Filmisch wurde das Thema bereits häufig umgesetzt. Dennoch erwies sich diese Spannung garantierende Story auch in der Fassung als Berliner Tatort mit den Kommissaren Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) als beste deutsche Krimiunterhaltung. Ein echter, ehrlicher, in diesem Fall deutscher Krimi ist Drehbuchautor Michael Comtesse mit „Das perfekte Verbrechen“ gelungen, und das ganz ohne private Scharmützel der Kommissare. Die Beschreibung der unverhohlenen Überheblichkeit, mit der Juristen die Ermittlungsarbeit der Polizei torpedieren können, war schon beeindruckend. Auch das elitäre Gehabe der vier reichen, verwöhnten Jungjuristen und ihres weniger begüterten Primaners machte betroffen, meinten die fünf doch die Wahrheit nach ihrem Gutdünken gestalten zu können. Mit Hilfe der Staranwälte des großspurigen Professor Dr. Richard Liere (Peter Kurth) und dessen direkte Intervention als Vater einer der Jungs, gelang es den fünf Jurastudenten mit starkem Hang zur Selbstüberschätzung lange Zeit, die Polizei an der Nase herumzuführen. Letztlich stolperte der Täter aber dann doch über seinen Hochmut und machte einen dümmlichen Fehler. Nicht “das perfekte Verbrechen” war sein Motiv, sondern die verschmähte Gunst seines Vaters. Man hätte sich gewünscht, dass Rubin und Karow den fünf Verdächtigen mit legalen Mitteln beikommen. Stattdessen ließen sie sich dazu hinreißen, die wortgewandten Gegner mit ihren eigenen, unlauteren Waffen zu schlagen. Allerdings erreichten sie mit ihren gefälschten Beweisen und illegalen Abhör- und Überwachungsmethoden gar nichts. Hätte der Täter sich am Ende nicht einfach nur verplappert, er wäre ungeschoren davon gekommen und hätte es begangen, das perfekte Verbrechen.

„Das perfekte Verbrechen“ war endlich wieder einmal der perfekte Tatort mit einer spannenden Geschichte und großartigen Schauspielern, die es verstanden, die Zuschauer, wenn auch nur für kurze Zeit, von ihrem derzeit nicht gerade sorglosen Alltag abzulenken. /sis

Zähe Geschichte mit dramatischem Ende

Zähe Geschichte mit dramatischem Ende
Kritik zum Tatort Ludwigshafen „Leonessa“
ARD/SWR Tatort “Leonessa”: Die Ludwigshafener Tatort-Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter). (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)
Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Peter Becker (Peter Espeloer) rekonstruieren vor Samirs (Mohamed Issa) Augen den wahrscheinlichen Tathergang. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) zeigt sich recht dünnhäutig in ihrem neuesten Fall „Leonessa“ aus der Feder von Drehbuchautor Wolfgang Stauch. Alles andere als dünnhäutig aber waren die Protagonisten, Vanessa Michel (Lena Urzendowsky), Leon Grimminger (Michelangelo Fortuzzi) und Samir Tahan (Mohammed Issa), drei Jugendliche, die mit sich und der Welt nichts anzufangen wissen. Von den völlig hilflosen Eltern, die sich selbst kaum versorgen können, im Stich gelassen, versuchen die Teenager ihr Taschengeld durch Prostitution aufzubessern und können sich trotz gefüllter Kassen nicht aus dem allgegenwärtigen Sumpf aus Alkohol, Drogen und Missbrauch befreien, so sehr sie sich auch bemühen. Zudem bringt der Wirt ihrer Stammkneipe sie in Bedrängnis, so dass ihnen am Ende nichts weiter übrigbleibt, als ihn zu ermorden. Lena Odenthal und Johanna Stern (Lisa Bitter) kümmern sich aber weniger um die Mordermittlung, als vielmehr um die Jugendlichen, die sie meinen vor einem nicht auszumachenden Zuhälter beschützen zu müssen, auch wenn Vanessa und ihre beiden Bewunderer das gar nicht wollen. Der Titel “Leonessa” soll eine Kombination aus Leon und Vanessa sein, quasi Brangelina für Arme. Lena bringt die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen so in Rage, dass sie mit einem Apfel nach der eher nüchtern agierenden Johanna Stern wirft. Und am Ende, nachdem es Lena nicht gelingt, den jugendlichen Täter von seinem Selbstmord abzuhalten, bricht sie gar in Tränen aus.

Dramatisch das Ende, viel zu lang und zäh die Geschichte. Das ist das Fazit dieses Tatorts, bei dem man einmal mehr gegen den Schlaf ankämpfen musste: Eine gelungene Sozialstudie, aber von Spannung keine Spur, nicht immer nachvollziehbar die Handlungen und Emotionen – und das alles vor der Kulisse einer grauen, menschenunwürdigen Satelitensiedlung am Rande von Ludwigshafen. Kein schönes Bild der Chemiestadt am Rhein, das da gezeichnet wurde – und auch nicht unbedingt zutreffend. /sis

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ist erstaunt, wie wenig Cornelia (Camilla Nowogrodziki) und Kay (Konstantin-Philippe Benedikt) sich für das interessieren, was ihre minderjährige Tochter treibt. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

Solide Unterhaltung mit einigen Mängeln

Solide Unterhaltung mit einigen Mängeln
Kritik zum Tatort Franken „Die Nacht gehört dir”
ARD/BR Tatort “Die Nacht gehört dir”: Die Kriminalhauptkommissare Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) am Tatort. (Foto: BR/Hager Moss Film/Hendrik Heiden)

Da war er also, der Tatort-Sonntag nach dem ganz großen Absturz der Reihe mit dem Tatort aus dem Schwarzwald “Ich hab im Traum geweinet”. Die Franken sollten es richten, allen voran die Kommissare Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs). Sie hatten in ihrem neuesten Fall den Tod der Grundstücksmaklerin Barbara Sprenger (Anna Tenta) zu klären, die an ihrem Geburtstag mit einem Sushimesser erstochen wurde. Das taten sie denn auch in ihrer gewohnt gemächlichen Art. Gemächlich trifft in diesem Fall nicht nur auf die Arbeitsweise der Kommissare zu, sondern auch auf die Geschichte. Zwar waren Ringelhahn und Voss unentwegt von einem Schauplatz zum nächsten unterwegs, die Hintergründe der Geschichte ergaben sich aber nicht aus den Ermittlungen der beiden, sondern aus sehr langatmigen Rückblenden. Der Grundsatz aus jedem Lehrbuch fürs Drehbuchschreiben – so spät wie möglich rein und so früh wie möglich wieder raus aus einer Szene – wurde in sträflicher Weise vernachlässigt und so gerieten die Einblendungen viel zu lang, erzählten weit mehr als für das Verständnis der Story erforderlich gewesen wäre und sorgten damit für unnötige Langeweile. Grundsätze haben eben doch meistens einen guten Grund. Schade, denn die Geschichte an sich war durchaus interessant und auch die Charaktere – der stets plappernde Voss, der nie so recht weiß, was er eigentlich sagen will, die ruhige, zurückhaltende Ringelhahn, die ihre Altersweisheit gerne zur Schau trägt in Verbindung mit der Kollegin der Ermordeten, Theresa Hein (Anja Schneider), eine graue Maus, die wohl einmal in ihrem Leben im Mittelpunkt stehen wollte und deshalb den Mord gestand – bildeten genug Kontrast für einen wahrhaft spannenden Krimi. Das Ende war dafür Übertreibung pur, der wahre Täter, Anton Steiner (Lukas B. Amberger), ein schmächtiges, vom Leben enttäuschtes, bedauernswertes Bürschen um die 20, der in der Ermordeten seine wenn auch doppelt so alte wahre Liebe gefunden zu haben glaubte, wurde mit einem bis an die Zähne bewaffneten Großaufgebot an SEK-Leuten zur Strecke gebracht. Das war dann doch etwas dick aufgetragen.

Trotz der Längen war der Tatort „Die Nacht gehört dir“ solide Unterhaltung, aus der Regisseur Max Färberbäck, der zusammen mit Catharina Schuchmann auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, so viel mehr hätte machen können. Daran konnte auch das amüsante Liebesgeplänkel zwischen Voss und seiner „Honigfrau“ (Maja Beckmann) zu Beginn des Films nicht viel ändern. /sis

Begegnung zwischen Zukunft und Vergangenheit

Begegnung zwischen Zukunft und Vergangenheit
Rezension „Herr aller Dinge“ von Andreas Eschbach

Man muss viel Geduld mitbringen, bis in Andreas Eschbachs „Herr aller Dinge“ Spannung aufkommt. Das erste Drittel des Buches geht es nur um eine romantische Teenagerliebe zwischen Hiroshi Kato, Sohn einer Wäscherin und Charlotte Malroux, Tochter des französischen Botschafters in Tokio. Die beiden begegnen sich auf ungewöhnliche Weise und treffen im Verlauf ihres Lebens immer wieder aufeinander. Der technisch hochbegabte und vor allen Dingen an Robotern interessierte Hiroshi will Charlottes Herz gewinnen, kämpft aber gegen die Standesunterschiede. Er erkennt, es gibt nur einen Weg, um die gesellschaftliche Kluft zu überwinden: Er muss dafür sorgen, dass alle Menschen reich sind. Und dafür entwickelt er schon früh einen detaillierten Plan, der aber erst einmal in seinem kleinen Notizbüchlein ruht, bis er später während seines Studiums in den USA einen Gönner findet, der ihm den Weg in die Erforschung der Nano-Technologie öffnet. Charlotte verliert er nicht aus den Augen und sie ist es, die Hiroshi und sein Wissen über die Möglichkeiten der neuen Technologie ins Spiel bringt, als plötzlich auf einer einsamen Insel im Polarmeer Naniten scheinbar von Außerirdischen gesteuert ihr Unwesen treiben. Hiroshi kann die Katastrophe aufhalten, nimmt aus der direkten Begegnung mit den Naniten aber so viel Wissen mit, dass er am Ende gar Krankheiten heilen kann. Plötzlich ist er der „Herr aller Dinge“. Er möchte seine Entdeckungen mit der Welt teilen, erläutert sie in einer Videobotschaft und lässt die Naniten zum Beweis eine gigantische Arche Noah bauen, die um die Erde kreist. Doch das ruft die Geheimdienste auf den Plan, denn die Technologie eignet sich natürlich auch für militärische Zwecke und so beginnt ein Spießrutenlauf, an dessen Ende Hiroshi einen ehrenvollen Tod stirbt.

Abgesehen von dem etwas zähen Anfang, der gewiss auch kürzer zu erzählen gewesen wäre, liefert Andreas Eschbach mit „Herr aller Dinge“ doch noch eine fantastische und ungemein spannende Geschichte. Es ist die Mischung aus Wissenschaft und Utopie, aus einem Blick in die nahe Zukunft und zugleich in eine unendlich weit entfernte Vergangenheit der Menschheit, die den besonderen Reiz dieses Thrillers ausmacht, der sich auf jeden Fall zu lesen lohnt. /sis

 

Bibliographische Angaben:
Andreas Eschbach: „Herr aller Dinge“
Bastei Lübbe, 688 Seiten
ISBN 978-3785724293

Der schlechteste Tatort aller Zeiten

Der schlechteste Tatort aller Zeiten
Kritik zum Tatort „Ich hab im Traum geweinet“
ARD/SWR Tatort “Ich hab im Traum geweinet”:
Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) lassen sich durch die tollen Tage treiben. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Was hat sich Drehbuchautor Jan Eichberg bei dieser Geschichte wohl gedacht? Was wollte er den Zuschauern sagen? Dass Fasnacht und Alkohol eine gefährliche Mischung sind, die zu unüberlegten Exzessen führen? Durchaus ein brauchbares Filmthema, keine Frage, aber hat er die Ereignisse rund um die „Fasnet im Schwarzwald” wirklich nur in Form von Sexspielchen der aggressiven Art erzählen können? Einen wahrhaftigen Porno bekamen die Zuschauer zu sehen, die Hälfte des Films fand in unterschiedlichen Betten statt. Selbst die Kommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) suchten ein gemeinsames Abenteuer und präsentierten sich dabei in fast unerträglicher Lächerlichkeit. Peinlich! Nur gut, dass die beiden anschließend mit dem Konflikt über die Bedeutung ihres alkoholbedingten Ausrutschers beschäftigt waren und den Zuschauern weitere Nacktszenen der Hauptkommissare erspart blieben, bis auf eine erneut heruntergelassene Hose, als Berg in eine Gruppe junger Mädchen geriet – wie er dahin kam und warum wurde nicht klar. Tatsächlich gab es dann nach 45 Minuten doch noch einen Mord an einem ehemaligen Freier von Edel-Hure Romy Schindler (Darja Mahotkin), die ihm eigentlich nicht länger zu Diensten sein wollte, andererseits aber auch die Finger nicht von ihm lassen konnte. Da der Freier bei seinen Sexspielchen ohnehin auf harte Schläge auf den Kopf bestand, starb er stilecht, Romy hatte zu oft und zu häufig zugeschlagen. Für Berg und Tobler gab es nichts zu ermitteln. Die Täterin kam geständig ins Präsidium.

Wie können sich so renommierte Schauspieler wie Löbau und Wagner nur für einen derartigen Schund hergeben? Das war mit Abstand der schlechteste Tatort aller Zeiten, finanziert aus den Beiträgen der Zuschauer! Man sollte die Mitglieder der Rundfunkkommission zwingen, sich diesen Tatort anzusehen – ohne die Möglichkeit, sich den ebenso endlosen wie erbärmlichen und mit abscheulicher Musik unterlegten Nacktszenen zu entziehen -, und dann sollen sie noch einmal über die geplante Erhöhung der Beiträge beraten. „Ich hab im Traum geweinet“ – das kann man wohl sagen!  /sis

Kommissarin Brasch jetzt ganz im Alleingang

Kommissarin Brasch jetzt ganz im Alleingang
Kritik zum Polizeiruf 110 Magdeburg „Totes Rennen“
ARD/MDR Polizeiruf 110 “Totes Rennen”: Beim Gespräch im Restaurant erfahren Martina Rössler (Therese Hämer), Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Uwe Lemp (Felix Vörtler) von Hannes Kehr (Michael Maertens), dass das Mordopfer sein Informant war. (v.l.) (Foto: MDR/Stefan Erhard)
Micky (Martin Semmelrogge) hat Brasch (Claudia Michelsen) unter Drogen gesetzt.
(Foto: MDR/Stefan Erhard)

Gleich zum Auftakt des neuen Polizeiruf 110 aus Magdeburg stellte Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) ihrem Chef Uwe Lemp (Felix Vörtler) die Frage aller Fragen: Bin ich schuld, dass uns alle Kollegen weglaufen? Ein lautes “Ja” der Zuschauer hallte gewiss zu diesem Zeitpunkt durchs Land. Die sonst so darstellungsfreudige Claudia Michelsen zeigt in der Rolle der „Brasch“ nur minimalinvasives Mienenspiel, drückt damit unentwegt ihr Missfallen aus gegenüber sich selbst, ihre Arbeit, ihre Umgebung. Dieses Missfallen überträgt sich nicht nur auf die ständig wechselnden Partner an ihrer Seite, sondern leider auch auf die Zuschauer. „Braschs“ schlechte Laune steckt an, nicht nur in ihrem neuesten Fall „Totes Rennen“, in dem es außer um Wettmanipulation und Spielsucht auch noch um Visionen ging. Brasch erschien schon vor dem Mord der spätere Täter im Traum. Es dauerte indes bis zur letzten Minute, bis das falsche Spiel des LKA-Kollegen Hannes Kehr (Michael Maertens) aufflog. Dazwischen herrschte gähnende Langeweile, in der aber Brasch dem Publikum wieder einmal klar machte, warum die Polizei immer mindestens im Duett auftritt. Aus Sicherheitsgründen nämlich, die Brasch aber allzu gerne außer Acht lässt. So auch in diesem Fall, in dem sie erneut im Alleingang auf den Verdächtigen Micky Puhle (großartiger Martin Semmelrogge) traf, der sie auch prompt mit Drogen außer Gefecht setzte und offensichtlich Schlimmeres mit ihr vorhatte. Wenigstens entlockte der Rausch der missmutigen Kommissarin ein zartes Lächeln. Kehr kam der “Kollegin Brasch” unentwegt zur Hilfe, allerdings nur, um den Verdacht in eine falsche Richtung zu lenken und so sich und seine Machenschaften zu decken. Eine wirre Geschichte, die nur einen wahren Höhepunkt kannte, nämlich als Kriminalrat Lemp seine Gitarre in die Hand nahm und eine ungemein gefühlvolle Version von „Forever young“ durch die Nacht schmetterte.

So sehr sich die Schauspieler auch bemühten, die Geschichte aus der Feder von Stefan Dähnert und Lion H. Lau wollte nicht so recht in Gang kommen. Es ist eben nicht immer ein Garant für Spannung, wenn ein Polizist und an und für sich sympathischer Kollege in die kriminellen Machenschaften verwickelt ist, im Gegenteil, es wirft ein zunehmend schlechtes Licht auf die Ordnungshüter – was sie eigentlich nicht verdient haben. Für den Polizeiruf aus Magdeburg wünscht man sich nach dem Weggang von Matthias Matschke nun einen starken Partner für Brasch, der sie vielleicht endlich ein bisschen aufheitern kann!

Die Haustür zu Mickys Wohnhaus wird durch SEK-Beamte geöffnet. Brasch (Claudia Michelsen) und Kehr (Michael Maertens) nähern sich vorsichtig dem Einsatzort. (MDR/Stefan Erhard)

Merkwürdig blasser Tatort aus Hamburg

Merkwürdig blasser Tatort aus Hamburg
Kritik zum Tatort „Die goldene Zeit“
ARD/NDR Tatort “Die goldene Zeit”: Falke (W.W Möhring, 2.v.l.) und Grosz (F. 2.v.r.) müssen Egon Pohl (Christian Redl) eine traurige Nachricht überbringen (mit D. Kaufmann, r.) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

An den beiden Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) lag es eher nicht, dass der neue Tatort aus Hamburg mit dem Titel „Die goldene Zeit“ nicht so richtig begeistern wollte. Wenig Spannung kam auf, obwohl der Tatort-Fangemeinde diesmal ein blutjunger Auftragskiller präsentiert wurde, ein armes zitterndes Etwas, dessen Motiv doch mehr als dürftig war: Matei Dimenscu (Bogdan Iancu) war eigens aus Rumänien angereist, um im Hamburger Rotlicht-Milieu einen störenden Puff-Erben zu beseitigen, nur um für seinen Vater einen Fernseher kaufen zu können. Wenn es tatsächlich so einfach ist, junge Menschen für einen Mord zu gewinnen, dann dürfen wir uns alle vor einer recht ungewissen Zukunft fürchten. Nur gut, dass sich eine wahre Kiezgröße trotz aller Verbundenheit zu seinem ehemaligen Herrn nicht dazu entschließen konnte, den „Kleinen“ zu bestrafen. Thorsten Falkes Freund Michael Lübke (Michael Thomas) nahm sich des Jungen an, nachdem es ihm mehrfach nicht gelungen war, Rache zu üben. Dabei führte er Falke und seine Partnerin gehörig an der Nase herum. Die beiden Kommissare waren aber neben der Suche nach dem jugendlichen Mörder vor allem mit der Frage beschäftigt, wer dem Jungen denn den Auftrag erteilt hatte. Und so tauchten sie ein ins Hamburger Rotlicht-Milieu mit seinem ausgesprochen hässlichen Gesicht, mit missbrauchten Mädchen aus aller Herren Länder, mit größenwahnsinnigen Luden und brutalen Banden. Die Auflösung schließlich konnte den bis dahin doch recht gelangweilten Zuschauer dann doch noch überraschen.

Abgesehen von zahlreichen Klischees hatte dieser Tatort nicht viel zu bieten, auch wenn die Schauspieler durchweg eine gute Leistung zeigten. Von einer “goldenen Zeit”aber war trotz des Ausflugs in Falkes Jugendjahre weit und breit nichts zu sehen. /sis

Unterstützt Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) bei den Ermittlungen: LKA-Mitarbeiter Thomas Okonjo (Jonathan Kwesi Aikins, (rechts)) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

 

An Brutalität kaum zu überbieten

An Brutalität kaum zu überbieten
Kritik zum Tatort Dortmund „Monster“
ARD/WDR Tatort “Monster”: Mit dem sichergestellten Messer (in einer Schutzhülle) wurde Klaus Kaczmarek getötet. Die Kommissare Martina Bönisch (Anna Schudt) und Peter Faber (Jörg Hartmann) schauen sich den Tatort im Partykeller seines unscheinbaren Wohnhauses an. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Peter Faber (Jörg Hartmann) hat seine Waffe auf Markus Graf (Florian Bartholomäi) gerichtet – der hat die Familie des Kommissars auf dem Gewissen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

In hohem Maße brutal war der neue Tatort aus Dortmund mit dem Titel „Monster“ – und tatsächlich ging es um Monster im wahrsten Wortsinn. Monster, die Kinder zum Missbrauch verkaufen, Monster, die ohne Skrupel andere zum Morden anstiften, Monster, die hemmungslos auf andere einstechen. Viel zu viele Monster waren das für nur einen Tatort, und warum das Geschehen in dieser Brutalität gezeigt wurde, darf angesichts der Diskussion um die Verrohung der Gesellschaft nicht unkritisiert bleiben.

Spannung erzeugte Drehbuchautor Jürgen Werner, indem er die sechsjährige Tochter von Kommissar Jan Pawlak (Rick Okon) durch Peter Fabers (Jörg Hartmann) persönlichen Erzfeind Markus Graf (Florian Bartholomäi) entführen ließ mit der Drohung, sie meistbietend an pädophile Monster zu verkaufen und Faber so zum Selbstmord zu zwingen. Obendrein manipulierte Graf Evelyn Kohnai (Luisa-Céline Gaffron), selbst als Kind verkauft und missbraucht, einen ihrer Peiniger auf übelste Art zu ermorden und dann am Tatort auf Faber zu warten, um so den Druck auf Faber weiter zu erhöhen. Nur ein paar Stunden Zeit blieben Faber, Martina Bönisch (Anna Schudt) und Nora Dalay (Aylin Tezel), um Mia zu finden und damit Fabers Leben zu retten, der selbst in diesem Fall auffallend mitleidslos agierte. Natürlich gelang den Kommissaren das scheinbar Unmögliche. Und nachdem der Zuschauer mit dem armen Kind und seinen verzweifelten Eltern eifrig mitgelitten hatte, floss am Ende noch einmal kräftig Blut: Martina Bönisch erschoss sehr zu Fabers Leidwesen den offensichtlich irren Markus Graf und Evelyn Kohnai schnitt einem weiteren durch die Ermittlungen gefassten Peiniger im Polizeipräsidium die Kehle durch.

Das Thema abscheulich, die Umsetzung brutal, tiefes Mitleid erzeugt durch die persönliche Verstrickung der Protagonisten – das ist nur auf den ersten Blick spannend, in Wahrheit aber einfach nur abstoßend. Gut ist in diesem Fall nur, dass Graf nun für immer verschwunden ist und künftige Tatorte aus Dortmund und damit die Hauptfigur Peter Faber nicht weiter beinträchtigen kann. Das ist die Chance für Darsteller Jörg Hartmann, Peter Faber in eine ganz andere Richtung weiterzuentwickeln, hoffentlich weg von Aggressivität, Dauerhass und Mordgelüsten. /sis

Was hat das Verschwinden von Jan Pawlaks (Rick Okon, Mitte) Tochter mit Peter Faber (Jörg Hartmann, rechts) zu tun? Nora Dalay (Aylin Tezel) versucht, ihren Kollegen zurückzuhalten. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Spannender Thriller statt klassischer Krimi

Spannender Thriller statt klassischer Krimi
Kritik zum Tatort München „Unklare Lage“
ARD/BR Tatort “Unklare Lage”. Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) warten angespannt den SEK-Einsatz ab. (Foto: BR/Hagen Keller)

Die Stadt abgeriegelt, der Verkehr steht still, Blaulicht und schwer bewaffnete Sondereinsatzkommandos beherrschen das Bild. So zeigte sich München im Jahre 2016. Diese Situation stellte der neue Tatort aus München „Unklare Lage“ aus der Feder von Drehbuchautor Holger Joos unter der Regie von Pia Strietmann nach. Unklar war indes nicht nur die Lage, sondern auch die Taktik der Polizei mit einer solchen Gefahrenlage umzugehen. „Wir ermitteln in alle Richtungen“ hieß in diesem Fall nur „Wir haben auch keine Ahnung“. Tatsächlich wussten weder Einsatzleitung noch die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) was vor sich ging. Gab es einen zweiten Täter oder nicht? Hatte er eine Nagelbombe in seinem Rucksack? Mühsam tasteten sich die Kommissare an die Wahrheit heran, hetzten mit den SEKs von einem Einsatzort zum nächsten, ohne wirklichen Durchblick. Durch Zufall waren Batic und Leitmayr am Ende dann aber doch zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und mit einem gezielten Schuss konnte Batic den zweiten Täter außer Gefecht setzen. Ob er aber einen Sprengsatz bei sich hatte, blieb genauso ungewiss, wie die Vorstellung der Zuschauer, was sie denn nun in einer solchen unklaren Lage in der Realität zu erwarten hätten. Für alle Betroffenen des Anschlags im Film jedenfalls dürfte das Geschehen selbst leichter zu verdauen gewesen sein, als das harsche und ziemlich planlos wirkende Vorgehen der SEKs.

Spannend war dieser Tatort, keine Frage, und damit wesentlich besser als so manch andere Folge dieser Reihe. Es handelte sich aber eher um einen Thriller als einen klassischen Krimi. Warum ausgerechnet die in Ehrfurcht ergrauten Hauptkommissare hinter den vermeintlichen Tätern herhetzen mussten, statt die wesentlich jüngeren Kollegen des Einsatzkommandos, war nur eine weitere der Fragen, die am Ende offenblieben. Unverkennbar aber ist Kalle Hammermanns (Ferdinand Hofer) unaufhaltsamer Aufstieg. Diesmal durfte er gar das Bindeglied zwischen Einsatzzentrale und den Ermittlern spielen und das tat er wieder mit beeindruckendem Engagement. Wenn die altehrwürdigen Kommissare eines nicht mehr fernen Tages abtreten, dürfte ein Nachfolger schon feststehen! /sis

Atemberaubende Spannung mit unnötigen Abwegen

Atemberaubende Spannung mit unnötigen Abwegen
Rezension Sebastian Fitzek „Achtnacht“

Es ist schon eine spannende Geschichte, die Sebastian Fitzek seinen Lesern mit “AchtNacht” vorlegt. Inspiriert von dem amerikanischen Horrorklassiker “The Purge”, lässt Fitzek in seinem Thriller einen durch eine Art Todeslotterie auserkorenen, verhassten und deshalb für die “AchtNacht” nominierten Menschen, eine Nacht lang – am 8.8. von acht Uhr abends bis acht Uhr in der Früh – durch Berlin hetzen. Wer diesen „Achtnächter“ egal wie zu Tode bringt, erhält eine satte Belohnung, vorausgesetzt er hat sich vorher auf der Internetseite der “AchtNacht” angemeldet und seinen Jagdobulus entrichtet.

In Fitzeks Thriller sind gleich zwei Menschen in der „AchtNacht“ vogelfrei: Benjamin Rühmann, ein gescheiterter Musiker und in jeder Hinsicht geborener Loser und Arezu Herzsprung, eine noch junge Psychologiestudentin. Es ist aber nicht nur der Mob, der außer Rand und Band hinter den beiden her ist, sondern auch noch zwei völlig durchgeknallte Gestalten auf der Suche nach den ultimativ-spektakulären Videos, die Klicks und damit Bares bringen. Die beiden schicken Ben und Arezu mit einer üblen Erpressung durch die nächtliche Hölle. Nicht nur ihr eigenes Leben steht auf dem Spiel, Bens Tochter wurde von einem der Irren vergiftet und Ben hängt einmal mehr in seinem Leben an der Strippe eines anderen, muss tun, was von ihm verlangt wird, anstatt eigenverantwortlich zu entscheiden und handeln. Er und – wie es lange Zeit scheint – in seinem Schlepptau auch Arezu haben keine Chance, in einem sicheren Versteck das Ende der “AchtNacht” abzuwarten. Stattdessen müssen sie sich dem Willen der verrückten Erpresser beugen und ein ums andere Mal der blutrünstigen Masse gegenübertreten. Doch der Urheber der “AchtNacht” ist überhaupt nicht damit einverstanden, dass plötzlich andere die Spielregeln bestimmen und schlägt zurück.

Über 400 Seiten atemberaubende Spannung erwartet den Leser, typisch Fitzek mit Höhen und Tiefen, aber manchmal leider auch mit einem völlig unnötigen Abdriften ins allzu Brutale und Perverse. Zwar spiegelt Fitzek menschliche Skrupellosigkeit in all ihren Facetten, aber ob man das unbedingt in dieser Deutlichkeit lesen möchte, bleibt fraglich. Und so ist man am Ende der Lektüre irgendwie unzufrieden, denkt aber noch lange über die Geschichte nach, die nur scheinbar mit dem Tod des „Achtnächters“ ihr Ende findet. /sis

Bibliographische Angaben:
Sebastian Fitzek: AchtNacht
Verlag Knaur Taschenbuch, 7. Auflage 2017, 416 Seiten
ISBN 978-3426521083

Was wird aus König und Bukow?

Was wird aus König und Bukow?
Kritik zum Polizeiruf 110 „Söhne Rostocks“
ARD/NDR Polizeiruf 110 “Söhne Rostocks”: Anton Pöschel (Andreas Guenther), Alexander Bukow (Charly Hübner), Volker Thiesler (Josef Heynert), Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Henning Röder (Uwe Preuss) erörtern die bisherigen Ermittlungsergebnisse. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Alexander genannt „Sascha“ Bukow (Charly Hübner) und seine Kollegin vom LKA Katrin König (Anneke Kim Sarnau) jagen im neuesten Polizeiruf aus Rostock einen aufstrebenden Jungunternehmer, der sich nach dem Mord an seinem Freund Frank Fischer auf der Flucht befindet. Was dahintersteckt, bleibt bis zum Schluss geheim und schickt das Ermittlerduo quer durchs schöne Rostock, nicht etwa weil sie in Michael Norden (Tilman Strauß) den Mörder vermuten, sehr wohl aber weil er bei den schon bald zwei Morden seine Finger im Spiel zu haben scheint. Letztlich geht es um Betrug unter Freunden, der mit viel Aggressivität gerächt wird.

Eine interessante Story aus der Feder von Drehbuchautor Markus Busch, geschickt umgesetzt von Christian von Castelberg, der Regie führte. Der Titel ist Programm und so stellt der Film Söhne Rostocks vor, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten – auch wenn sie ebenso gut aus jeder anderen Stadt Deutschlands hätten kommen können. Da ist Jungunternehmer Michael Norden, der sich von seiner Familie losgesagt hat, dessen Sohn Jon Hövermann (Oskar Belton), den er erst überhaupt nicht gebrauchen kann, sich am Ende aber doch – etwas zu schnell – zu ihm bekennt. Und da ist Bukow, der wahre Sohn Rostocks, der entgegen seiner sonst so ruppigen Art diesmal recht gefühlvoll agiert – und natürlich seine kleine aber feine Liebelei mit Kollegin König weiterspinnt. Gut, dass es die Macher bei dezenten Anspielungen belassen und die beiden nicht in eine wirklich Affäre schreiben. Das würde dem Polizeiruf aus Rostock viel von seiner prickelnden Spannung rauben. Leider scheint Bukow und König aber ihre unrühmliche Vergangenheit einzuholen und man darf gespannt sein, wie diese Geschichte dann weitergeht. Stellt sich König ihrer Schuld, ist das definitiv das Aus für die beiden beliebten Ermittler, was man nicht wirklich wollen kann! Man darf also gespannt sein. /sis

Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) machen auf der Suche nach Michael Norden einen grausigen Fund (Stefan Becker) (Foto: NDR/Christine Schroeder).

Unaufgeregt bis in die Haarspitzen

Unaufgeregt bis in die Haarspitzen
Kritik zum Tatort Köln „Kein Mitleid, keine Gnade“
ARD/WDR Tatort “Kein Mitleid, keine Gnade”: Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, r), Freddy Schenk (Dietmar Bär, m) und ihr Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling, l) im Polizeipräsidium. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Unaufgeregt bis in die Haarspitzen, ganz so wie man es für einen erholsamen Sonntagabend braucht, präsentierte sich der neue Tatort aus Köln mit dem Titel „Kein Mitleid, keine Gnade“. Nicht langweilig, aber eben auch nicht besonders spannend. Dabei war das Thema durchaus größere Aufregung wert. Ging es doch um nichts Geringeres als Homophobie, glaubt man der Darstellung noch immer ein äußerst brisantes Thema. So aufgeklärt und überaus tolerant, wie junge Menschen heute gerne sein wollen, kamen sie in dieser Geschichte nicht gut weg. Ganz im Gegenteil, die homosexuellen Jungs mussten in der Story von Drehbuchauto Johann Rotter allesamt um ihr Leben fürchten, wurden gemobbt und verfolgt, geprügelt und am Ende gar getötet von Mitschülern oder gleich der eigenen Familie, um der Ehre willen. Das war dann doch streckenweise etwa übertrieben. Die mitunter langatmigen Kameraeinstellungen, die nicht unbedingt immer die Stimmung spiegelten, zogen die Geschichte obendrein unnötig in die Länge und unterstrichen damit die wenig dynamische Handlung nur. Gut dargestellt wurde indes die Ambivalenz jugendlicher Verhaltensweisen in der intriganten Schülerin Nadine Wilcke (Emma Drogunova). Ebenfalls leicht nachvollziehbar und ungemein erschreckend kam auch die Nebengeschichte daher: Freddy Schenk (Dietmar Bär) wird Opfer von Cybermobbing und muss am eigenen Leib erfahren, wie schnell Freunde und Kollegen sich abwenden, selbst Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling), sonst ein immerwährender Quell der Gelassenheit, wusste sich nicht recht zu entscheiden, ob er Freddy nun glauben sollte oder nicht. Einzig Partner Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) hielt ihm unerschütterlich die Treue.

Ballauf und Schenk sind auch dann immer noch sehenswert, wenn die Geschichte an sich nicht gerade Begeisterungsstürme auslöst. Die beiden sind Garant für gute Unterhaltung und das macht letztlich auch die Anziehungskraft des Tatorts aus: Das Team muss passen, dann ist der Rest nicht mehr ganz so wichtig. Und inzwischen, das muss man entgegen der anfänglichen Skepsis zugeben, hat sich auch Jütte prima in das Team eingefügt. /sis

Freddy Schenk (Dietmar Bär, hinten Mitte) muss sich rechtfertigen. Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, hinten rechts) sieht zu, wie sein Kollege beschuldigt wird, Nadine Wilcke (Emma Drogunova, vorne) auf dem Schulhof belästigt zu haben. Ihr Freund Lennart (Moritz Jahn) nimmt sie in Schutz, während andere Schüler mit den Handys filmen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Ein empathischer Nick Tschiller ist auch nicht besser

Ein empathischer Nick Tschiller ist auch nicht besser
Kritik zum Tatort „Tschill out“
ARD/NDR Tatort “Tschill Out”: Yalcin Gümer (Fahri Yardim) bringt seinen Kronzeugen Tom Nix (Ben Münchow) zu Nick Tschiller (Til Schweiger), der auf Neuwerk auf sein Disziplinarverfahren wartet. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Wer auf wilde Ballerei und gewaltige Explosionen gehofft hatte, wurde enttäuscht: Nick Tschiller (Til Schweiger) hat in seinem neuesten Tatort mit dem Titel “Tschill Out” (der Titel war Programm) zwar auch einmal geschossen, aber nur mit einem Paintball-Geschütz, dafür enorm treffsicher genau zwischen die Augen des Angreifers. Überhaupt war dieser Tatort mit dem bekannten Schauspieler eher moderat. Das galt auch für die Ermittlungstätigkeit seines Partners Yalcin Gümer (Fahri Yardim) und dessen junge Assistentin Bonnie (Mascha Paul). Gümer sollte eigentlich zwei Kronzeugen in Sicherheit bringen, verlor den einen bei einer Schießerei und lud den anderen, Tom Nix (Ben Münchow), kurzerhand bei Nick Tschiller ab, der auf Neuwerk auf den Ausgang seines Disziplinarverfahrens wartete und dabei Patty Schmidt (Laura Tonke) bei der Betreuung von schwererziehbaren Jugendlichen half. Natürlich konnten der angeheuerte Killer und sein Auftraggeber den Kronzeugen ausfindig machen und am Ende gar auf Neuwerk stellen, doch da kam ihm wie gesagt Nick Tschiller mit seinen Paintball-Künsten in die Quere.

Das war es auch schon. Recht langatmig, wenig bis gar nicht spannend, plätscherte die Geschichte so vor sich hin. Ob Nick Tschiller nun den Superhelden mit Maschinengewehr und Panzerfaust mimt, oder ganz gediegen und überaus empathisch daherkommt, macht keinen großen Unterschied. So erfahren Til Schweiger als Schauspieler auch sein mag, den Kommissar in heikler Mission kauft man ihm einfach nicht ab! /sis

Yalcin (Fahri Yardim) und Nick (Til Schweiger) müssen Patti (Laura Tonke) überzeugen, dass Tom (Ben Münchow) ein paar Tage auf Neuwerk bleiben darf. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Nichts als wirres Theater

Nichts als wirres Theater
Kritik zum Tatort „Das Team“
ARD/WDR Tatort “Das Team”: V.l.n.r.: Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek), Peter Faber (Jörg Hartmann), Martin Scholz (Bjarne Mädel), Martina Bönisch (Anna Schudt), Marcus Rettenbach (Ben Becker), Sascha Ziesing (Friedrich Mücke), Christoph Scholz (Charly Hübner), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), Nadine Möller (Elena Uhlig) (Foto: WDR/Tom Trambow)
Ministerpräsident Armin Laschet (m) begrüßt die Dortmunder Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt). Zwei Coaches (Bjarne Mädel, Charly Hübner, hinten, v.l.) sollen aus sieben Ermittlern ein Team formen, das einen Serienmörder endlich stoppt. Aus Aachen gehört Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek, r) zum Team. (Foto: WDR/Tom Trambow)

Ein Tatort ohne Drehbuch, die Schauspieler erhalten nur die Grundelemente der Story, agieren intuitiv und reden, was sie wollen. Das nennt man gemeinhin „Improvisationstheater“ und nichts anderes war der Tatort „Das Team“ aus Nordrhein-Westfalen. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Kommissaren aus dem ganzen Land war in einem riesigen, leerstehenden Tagungshotel zusammengekommen, um – nach der kühlen Begrüßung durch Ministerpräsident Armin Laschet – von zwei Coaches zu einem Team zusammengeschweißt zu werden, das den Mörder von vier bestialisch getöteten Kommissaren dingfest machen sollte. Mit dabei waren die Dortmunder Kommissare Martina Bönisch (Anna Schudt) und Peter Faber (Jörg Hartmann) sowie Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) aus Münster und einige andere Kommissare, die bislang aber noch nicht als solche in Erscheinung getreten sind, außer Ben Becker, der zwei Mal als Dorfpolizist in Rheinland-Pfalz beim Tatort mitgespielt hat und Friedrich Mücke, für gewöhnlich Kommissar Henry Funck in Erfurt. Ebenfalls als Kommissar bekannt, nicht aber als Coach und schon gar nicht in NRW, ist natürlich Charly Hübner alias Alexander Bukow, der bei der Konkurrenz vom Polizeiruf 110 in Rostock tätig ist.

Gut die Hälfte des Films wirkte „das Team“ wie ein Klassentreffen mit Anwesenheitspflicht ehemals verfeindeter Mitschüler. Die Kommissare zickten sich an, allen voran Martina Bönisch, die nicht mit Nadeshda Krusenstern konnte und Marcus Rettenbach (Ben Becker), der sich als gänzlich teamunfähig erwies. Alles ging kreuz und quer durcheinander, angestachelt von einem völlig empathielosen Coach Christoph Scholz (Charly Hübner), der aus unerfindlichen Gründen das kindische Gehabe der Kommissare mit einem Dauergrinsen begleitete. Der zweite Coach Martin Scholz (Bjarne Mädel) spielte nur eine unbedeutende Nebenrolle und trat so gut wie gar nicht in Erscheinung. Man war versucht, abzuschalten, wäre da nicht der plötzliche Mord an Nadeshda Krusenstern gewesen, der ab etwa Mitte des Films vorrübergehend für Spannung sorgte. Man wollte schlicht wissen, wer für den Tod der beliebten Kommissarin aus Münster verantwortlich war. Bis zum Schluss aber wurden weder die Gründe für ihre Ermordung klar, noch erfuhr man, wer die Tote überhaupt aufgefunden und dann auch noch das SEK informiert haben soll, denn außer den Kommissaren und den Coaches war das Tagungshotel bis dahin ja menschenleer. Aber es blieben ohnehin sehr viele Fragen offen in diesem Fall, der – unter der Regie von Jan Georg Schütte – wohl eher wieder nicht für das Publikum, sondern mit Blick auf hochgelobte Preise gedreht wurde. Man merkte den Schauspielern an, dass man ihnen keinen Text vorgegeben hatte. Alle redeten durcheinander, kaum ein Satz war vollständig und dazu oft genug schon akustisch unverständlich. Dazu kam die fehlende Logik: Der Täter, der nach dem Mord an Nadeshda in den eigenen Reihen zu suchen war (warum eigentlich? Es hätte jederzeit eine weitere Person von außen das weitläufige Tagungshotel betreten können) war von den Verantwortlichen als einer der fähigen Kommissare eingeladen worden, die man als Team auf die Jagd nach dem Polizistenmörder schicken wollte. Sein Motiv: Er wollte befördert werden und weg aus seinem Einsatzort Paderborn – doch die vier ermordeten Kollegen standen seinem beruflichen Fortkommen gar nicht im Weg! Auch die arme Nadeshda nicht, die einen ganz anderen Kollegen als Täter im Visier hatte. Fragen über Fragen, die der Tatort ohne Drehbuch nicht beantworten konnte oder wollte. Vielleicht hätte man vorher doch aufschreiben sollen, was man eigentlich erzählen will!

Friederike Kempter hatte schon kurz nach der Ausstrahlung des Tatorts „Väterchen Frost“ am 22. Dezember 2019 ihren Ausstieg als Kommissarin Nadeshda Krusenstern in Münster erklärt. Warum man sie gleich umbringen musste, statt sie einfach mit einer zünftigen Abschiedsparty wegzubefördern, bleibt wieder einmal das Geheimnis der Macher. Friederike Kempter und den Zuschauern jedenfalls hätte man ein anderes Ende ihrer Laufbahn als Kommissarin an der Seite von Frank Thiel (Axel Prahl) gewünscht. /sis

Sie sollen ein Team werden: In einem alten, leerstehenden Hotel sind Ermittler aus NRW zusammengezogen worden, u.a. (v.l.n.r.) Nadine Möller (Elena Uhlig), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempte), Peter Faber (Jörg Hartmann) und Markus Rettenbach (Ben Becker). Coach Christoph Scholz (Charly Hübner, r) hat sie im Hotel-Pool versammelt. Hier soll jeder der Kommissare mal auf dem “heißen Stuhl” im leeren Schwimmbecken Platz nehmen. (Foto: WDR/Tom Trambow)

“Ausgebrannt” zwingt zum Weiterlesen

“Ausgebrannt” zwingt zum Weiterlesen
Rezension Andreas Eschbach „Ausgebrannt“

Spannend und erschreckend zugleich ist Andreas Eschbachs Thriller „Ausgebrannt“ aus dem Jahr 2007. Eschbach versteht es, mit einer klaren, gut les- und verstehbaren Sprache auch komplizierte Sachverhalte unterhaltsam darzulegen, ohne den Leser allzu sehr mit langatmigen Detailbeschreibungen zu langweilen.

Nicht ganz so einfach ist indes ist das erste Drittel des Buches, zu oft wechseln Zeiten, Personen und ihre Geschichten und die Orte des Geschehens, so dass man fast die Übersicht zu verlieren droht, auch wenn in den einzelnen Abschnitten recht interessante historische Ereignisse und ihre Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft erzählt werden. Vieles wäre sicher entbehrlich gewesen. Nach diesem etwas zähen Einstieg aber wird es ungemein spannend. Der Autor bleibt im Wesentlichen bei seinem Helden Markus Westermann und beschreibt seinen Überlebenskampf nach einem aufreibenden Jetset-Leben mit seinem Partner Karl Block und seiner Geliebten Amy-Lee.

Markus Westermann liebt Amerika und tut alles, um nach einer zeitlich begrenzten Anstellung in den USA bleiben zu können. Zufällig begegnet er dem österreichischen Erdöl-Experten Karl Block, gründet mit ihm eine Firma zur Erkundung von Ölvorkommen, scheitert grandios und steht nach einem schweren Autounfall plötzlich wieder zurück in Deutschland mit einer Millionen-Klage da. Einzig Blocks Unterlagen können ihm den Hals retten. Also macht er sich wieder auf ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, um die Unterlagen aus dem vermeintlich sicheren Versteck zu holen – zur einer Zeit, als gerade das größte Ölfeld in Saudi Arabien versiegt ist und politische und wirtschaftliche Unruhen den Globus überziehen.

Andreas Eschbach beschreibt, wie das Leben nach dem Versiegen des Erdöls aussehen könnte, in der Abgeschiedenheit eines kleinen Dorfes, in den fast ausgestorbenen Großstädten und in der deutschen Provinz, in der Markus Westermanns Schwester einen kleinen Laden betreibt, der von den Veränderungen der Welt profitiert.

Fazit: Der Autor versteht es, den Leser in den Bann seiner Geschichten zu ziehen und ihn zum Weiterlesen geradezu zu zwingen. Man kann dieses Buch einfach nicht aus der Hand legen. Nur der letzten Seiten 50 Seiten hätte es nicht bedurft, die eine mögliche Zukunft nach dem Ende des Erdölzeitalters und der Anpassung der Menschheit an die neuen Bedingungen skizzieren. Diese Vision hätte Andreas Eschbach getrost der Fantasie seiner Leser überlassen können.

Bibliographische Angaben:
Andreas Eschbach: Ausgebrannt, 2007, Bastei Lübbe Taschenbuch, 752 Seiten, ISBN 978-3-404-15923-9

Kluge Story spannend umgesetzt

Kluge Story spannend umgesetzt
Kritik zum Polizeiruf 110 „Tod einer Journalistin“
ARD/rbb Polizeiruf 110 “Tod einer Journalistin”: Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) am Tatort. (Foto: rbb/Degeto/Oliver Feist)
Polizeihauptmeister Wolfgang Neumann (Fritz Roth, r.) hat neue Hinweise für Olga Lensk und Adam Raczek (Foto: rbb/Degeto/Oliver Feist)

Mit dem Polizeiruf 110 „Tod einer Journalistin“ ist den Drehbuchautoren Silja Clemens, Stephan Rick und Thorsten Wettcke zum Abschluss des Krimijahres 2019 noch einmal ein ganz großer Wurf gelungen. Obwohl die Kerngeschichte – Journalistin deckt Riesenskandal auf und wird ermordet, bevor sie ihn veröffentlichen kann – mehr als einmal verfilmt wurde, kam dieser Film mit einer ganz neuen Variante daher: Ein Mordopfer, zwei Täter, dazu eine ehemalige Umweltaktivistin, die dem Angebot eines Energiekonzers, 50 Millionen Euro Provision für die Baugenehmigung eines Atomkraftwerkes zu bekommen, einfach nicht widerstehen kann, die Seiten wechselt und bei der Durchsetzung ihrer eigenen Interessen jedes Maß verliert, erpresst, entführt und bedroht, wer immer ihr in die Quere kommt. Und dieser Polizeiruf hatte endlich einmal eine Kommissarin zu bieten, die die Schusswaffe nicht nur zur Zierde trägt, sondern sie auch einsetzt als es sein muss, gezielt und treffsicher. Das ist nicht unbedingt immer der Fall in Krimis deutscher Machart.

Dennoch wussten die Kommissare Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) auch in dieser Folge des deutsch-polnischen Polizeirufs aus Frankfurt an der Oder nicht unbedingt zu begeistern. Wieder wirkten die beiden eher gelangweilt und desinteressiert. Trotzdem war „Tod einer Journalistin“ eine ausgesprochen kluge Story, spannend umgesetzt mit großartigen Schauspielern wie Julika Jenkins als polnischer Richter und zugleich Geliebter des Mordopfers, Markus Gertken als brutaler Killer und Max Herbrechter als Vater der Ermordeten, selbst Journalist und den Ermittlern immer einen Schritt voraus. Davon möchte man mehr sehen! /sis

Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) verfolgt den Prozess um die Baugenehmigung des ersten polnischen Atomkraftwerks. (Foto: rbb/Degeto/Oliver Feist.

Alt, gebrechlich, kriminell

Alt, gebrechlich, kriminell
Kritik zum Tatort München „One Way Ticket”
Tatort “One Way Ticket”: Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) müssen gleich zwei Todesfälle aufklären, auf den ersten Blick Autounfälle, die sich aber beide als brutale Morde entpuppen. (Foto: BR/Roxy Film/Marco Nagel)

Altersarmut treibt seltsame Blüten, das war das Kernthema des neuesten Münchner Tatorts mit dem Titel „One Way Ticket“ mit den Hauptkommissaren Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) aus der Feder von Rupert Henning, der zugleich auch Regie führte. Wobei nicht unbedingt mehr die beiden Hauptkommissare den Ton im Münchner Kommissariat angeben. Kriminalkommissar Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) läuft den in Ehrfurcht ergrauten Kommissaren langsam, aber sicher den Rang ab, man hat fast den Eindruck, der junge Kommissar wird von den Tatort-Machern schon mal in Stellung gebracht. Leitmayr und Batic sind schließlich selbst der Rente nah. Umso komischer wirkte der Satz, den Batic beim Verhör der Senioren abließ: „Wir haben Zeit, Sie nicht!“ Das dürfte beim Publikum für Erheiterung gesorgt haben.

Ansonsten war aber nichts Erheiterndes an diesem Tatort, im Gegenteil, er war überfrachtet mit allfälligen Problemen von der bereits erwähnten Altersarmut über die Zustände in afrikanischen Gefängnissen, Drogen, Geldwäsche bis hin zu den immer wieder gerne hervorgeholten Stasi-Ablegern und deren rigide Methoden und das alles unter dem Deckmantel einer gemeinnützigen Organisation, einer sogenannten NGO (Non-Governmental Organisation). In der Tat alles drückende Probleme unserer Zeit, die aber in einen einzigen Krimi gequetscht einfach zu viel des Guten waren. Und so entpuppte sich die Geschichte, in der sich sechs vom Leben gebeutelte Rentner mit viel zu wenig Geld zum Leben als Drogen- und Geldkuriere missbrauchen ließen, auch als ein Wirrwarr von Erzählsträngen, die sich am Ende nicht richtig in einander fügen wollten. Da halfen auch die durchweg guten schauspielerischen Leistungen nicht, allen voran Siemen Rühaak als gescheiterter Kleinunternehmer und frisch verliebter Gockel, der sich von einer blutjungen Afrikanerin in den Sumpf des Verbrechens hatte entführen lassen mit katastrophalen Folgen für ihn selbst und seine Rentner-Freunde. Ein guter Ansatz also, der für sich alleine erzählt einen unterhaltsamen und spannenden Krimi hätte ergeben können, so aber im Wust der Einzelthemen schlicht unterging. Schade drum! /sis

Nicht der beste Tatort aus Münster!

Nicht der beste Tatort aus Münster!
Kritik zum Tatort Münster „Väterchen Frost“
ARD/WDR Tatort “Väterchen Frost”: Die Heldin dieser Tatort-Folge aus Münster war zweifelsohne Kommissarin Nadeshda Krustenstern (Friederike Kempter, links) hier mit der wie immer recht herrischen Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann, rechts). (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)
Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, links), Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, Mitte) und Silke Haller (ChrisTine Urspruch, rechts) hoffen auf dem Friedhof neue Erkenntnisse zu gewinnen. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Das war sicher nicht der beste Tatort aus Münster, obwohl auch diesmal das beste aller Autorenteams – nämlich Jan Hinter und Stephan Cantz – für das Drehbuch verantwortlich zeichnen. Woran lag es? Die Geschichte an sich war gut, keine Frage. Spannung fehlte aber ganz, auch wenn Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) in Hochform waren. Ursache für die Schwäche war wohl die Tatsache, dass Thiel und Boerne genauso wie Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann), Boernes Assistentin Silke Haller (ChrisTine Urspruch) und Herbert Thiel (Claus D. Clausnitzer) allesamt eher eine untergeordnete Nebenrolle spielten. Die wahre Heldin der Geschichte war Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter). Das ist an sich natürlich durchaus in Ordnung, doch genau hier begingen die Autoren den Fehler, die romantische Schwärmerei zwischen Nadeshda und ihrem Entführer Artjom Sascha (Alexander Gersak) viel zu früh beginnen zu lassen. Das nahm dem Fall die Dynamik, dem Zuschauer das Mitfiebern um die entführte Kommissarin und dann recht rasch auch noch den Spaß am Mitraten. Viel zu schnell waren die Hintergründe um den eigentlichen Killer Jörn Weig (großartiger David Bennent) und die Juwelierin Frau Lang (Heike Trinker) zu erahnen. Wenig überzeugend war dann auch noch der wegen Grippewelle unterbrochene Prozess, wobei die Grippewelle fortan in der gesamten Geschichte nicht mehr vorkam. So überschwänglich eingeführt, hätte man mehr aus diesem Umstand erwartet.

Wie immer beim Münsteraner Tatort waren einige Pointen gut gesetzt, das Zusammenspiel zwischen Thiel und Boerne wirkte perfekt, auch wenn von den sonst üblichen Kappeleien diesmal kaum etwas zu spüren war. Weihnachtsharmonie? Vielleicht! Aber gewiss nicht nötig! /sis

Auf zum Weihnachtsmarkt: Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann, Mitte) überredet Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, links) und Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, rechts) noch zu einem Glas Glühwein – oder besser: Sie befiehlt es ihnen. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Ohne Spannung, aber dennoch unterhaltsam

Ohne Spannung, aber dennoch unterhaltsam
Kritik zum Tatort Kiel „Borowski und das Haus am Meer“
ARD/NDR Tatort “Borowski und das Haus am Meer”: Fall gelöst: Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) (Foto: NDR/Sandra Hoever)
Kinderpsychologin Karen Matthiesen (Ute Hannig) befragt Simon (Anton Peltier, mit Axel Milberg) (Foto: NDR/Sandra Hoever)

In und um Kiel haben allerlei gestörte Mitbürger Unterschlupf gefunden. Das jedenfalls könnte man meinen, schaut man sich die Kieler Tatorte mit Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) an. Immer wieder bekommt er es mit Psychopathen der unterschiedlichsten Art zu tun, so auch in seinem neuesten Fall „Borowski und das Haus am Meer“. Jeder der Beteiligten hatte sein Päckchen Wahnsinn zu tragen: Großvater und Mordopfer Heinrich (Reiner Schöne) leidet an Alzheimer, ist aggressiv und möchte mit seinem Sohn Johann (Martin Lindow) und dessen Frau Nadja (Tatiana Nekrasov) nichts zu tun haben. Johann ist Pastor, als solcher aber recht eigensinnig in seiner Interpretation von Nächstenliebe, seine Frau Nadja erträgt geduldig seine Macken. Einzig Enkel Simon (Anton Peltier) hat einen Draht zu Opa Heinrich. Er bekommt mit, wie sich Johann und Heinrich streiten und der Großvater schließlich in einem Bachbett landet und nicht mehr aufsteht. Simon läuft weg, direkt vor das Auto von Borowski und dessen Assistentin Mila Sahin (Almila Bagriacik), erzählt von einem Hund, der den Großvater angegriffen und einem Indianer, der ihn beschützt hat. Am nächsten Morgen wird Großvater Heinrich tot an der Seite eines Hundeskeletts oberflächlich am Strand vergraben aufgefunden. Zu den Verdächtigen zählen außer Johann und seiner Familie auch die ehemalige dänische Lebensgefährtin von Heinrich, deren Tochter und ein von Heinrich und seinen rigiden Erziehungsmethoden misshandelter und seither stummer und behinderter Indianer.

Drehbuchautor und Regisseur Niki Stein hat den an sich guten Kriminalfall überfrachtet mit all den kranken Ansichten seiner Figuren, die von massiv übertriebener, religiös verwurzelter Vergebung bis hin zu fanatischer Ablehnung aller Nazinachkommen reichten. Mittendrin ein traumatisiertes Kind, Borowski mit seinen zum Teil recht eigenwilligen Verhörmethoden und schließlich eine Assistentin, die über den Status einer ungeordneten Hilfsarbeiterin nicht hinauskam. Spannung kam bei so vielen menschlichen Abgründen natürlich keine auf, kurzweilig war der Tatort aber dennoch, nicht zuletzt wegen des wie immer großartigen Axel Milberg. Bleibt nur noch anzumerken, dass Almila Bagriacik ihre Vorgängerin Sibel Kekilli auch in dieser Folge noch nicht vergessen machen konnte. Aber was nicht ist, kann ja noch werden! /sis

Mila Sahin (Almila Bagriacik), Borowski (Axel Milberg) mit Pastor Flemming (Martin Lindow) (Foto: NDR/Sandra Hoever)

Spannender Krimi mit überraschenden Wendungen

Spannender Krimi mit überraschenden Wendungen
Rezension Charlotte Link “Die Suche”

Zugegeben, es dauert eine Weile, bis man sich in den Kriminalroman „Die Suche“ von Bestseller-Autorin Charlotte Link eingelesen hat. Das liegt an der durchweg düsteren Stimmung, dem nicht enden wollenden Wehklagen der Protagonisten und der dazu durchaus passenden Novembertristesse. Wenn man sich aber darauf einlässt, entwickelt sich „Die Suche“ zu einem spannenden Krimi mit überraschenden Wendungen.

Wieder spielt die Geschichte im Norden Englands, in Scarborough an der rauen Nordseeküste. Im Mittelpunkt steht Detective Sergeant Kate Linville, 42 Jahre alt und mit ihrem Leben extrem unzufrieden. Sie sucht verzweifelt nach dem Mann fürs Leben, hält sich selbst aber für völlig unattraktiv und einfach nicht interessant genug, um einen Mann nachhaltig zu beeindrucken. Wie bei Selbstprophezeiungen geradezu zwingend wird ihr das im Verlauf der Geschichte auch tatsächlich zum Verhängnis. Sie hält sich gerade in Scarborough auf, um das von Mietnomaden völlig verwüstete Haus ihrer verstorbenen Eltern zu renovieren und dann endlich zu verkaufen. Weil sie in ihrem Haus nicht übernachten kann, mietet sie sich in der Pension der Goldsbys ein, just zu der Zeit, als deren 14-jährige Tochter Amelie verschwindet. Das ruft Detective Chief Inspector Caleb Hale auf den Plan, denn am selben Tag wird die Leiche der seit einem Jahr vermissten Saskia Morris gefunden, zum Zeitpunkt ihres Verschwindens ebenfalls 14 Jahre alt. Kate kennt DCI Hale von den gemeinsamen Ermittlungen im Zuge des Mordes an ihrem Vater. Als Amelies völlig verzweifelte Mutter Kate um Hilfe bittet, will sie sich zwar nicht in Hales Arbeit einmischen, kann aber nicht umhin, ein wenig zu recherchieren. Dabei stößt sie auf einen weiteren Vermisstenfall, Hannah Caswell, die vor einigen Jahren im gleichen Alter verschwunden ist. Hängen die Fälle zusammen? Gibt es den Hochmoor-Killer, von dem die Presse rasch spricht?

Charlotte Link ist mit „Die Suche“ ein spannender Krimi gelungen, den man – wenn man sich erst einmal auf die Geschichte eingelassen hat – nicht mehr aus der Hand legen mag! /sis

Biographie
Charlotte Link „Die Suche“
Taschenbuch Blanvalet Verlag, 2018, 656 Seiten
ISBN 978-3-7341-0742-9

Einfach unerträglich das Ganze!

Einfach unerträglich das Ganze!
Kritik zum Polizeiruf 110 „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“
Polizeiruf 110 “Die Lüge, die wir Zukunft nennen”: Ob es ein Kindergeburtstag oder doch eine wilde Faschingsparty war, mit der der Polizeiruf aus München in den zweiten Fall startete, war für den Zuschauer nicht auszumachen. Der Trupp im Morgengrauen vorm Zabriskie (von links): Chouaki (Berivan Kaya), Teddy (Niklas Kearney), Elisabeth (Verena Altenberger) und Maurer (Andreas Bittl). (Foto: BR/maze pictures GmbH/Hendrik Heiden)

Langsam fragt man sich schon, ob die ARD mit den neueren Tatort-Folgen und insbesondere auch mit dem Polizeiruf 110 die Schmerzgrenze der Zuschauer ausloten möchte. Das jedenfalls ist die einzige Erklärung, warum man das Publikum mit experimentellen Filmen der Marke „besonders wertvoll“ nur eben nicht für die Zuschauer ein ums andere Mal verprellt. Der zweite Fall der neuen Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) des Polizeirufs München jedenfalls war einfach nur zum Abgewöhnen. Bruchstückhafte, in keiner Phase nachvollziehbare Handlung auf unterschiedlichen, aber nicht klar abgegrenzten Zeitebenen, die von Musik und Nebengeräuschen größtenteils überlagerten Dialoge, die ein Verstehen weitgehend unmöglich machten und dazu äußerst verstörende Bilder mit Kindern lassen den Zuschauer völlig ratlos zurück. Dazu kamen wieder eine ungezügelte Brutalität, die man unter den Mitgliedern einer Polizeiwache keinesfalls vermuten würde und Figuren, deren Verhalten einzig von Gier und Willkür geprägt war. Überhaupt waren die handelnden Personen alles Ordnungshüter, die aber von Recht und Gesetz nicht das Geringste hielten, ausschließlich eigene Interessen durchzusetzen bemüht waren, sich gnadenlos bereicherten und schließlich bis aufs Blut bekämpften. Einfach unerträglich das Ganze.

Regisseur Dominik Graf ist bekannt für seine anspruchsvollen Filme und Drehbuchautor Günter Schütter hat schon so manche Polizeiruf-Geschichte geschrieben. Auch an der Qualität der Schauspieler, allen voran Verena Altenberger und Wolf Danny Homann, kann es ebenfalls nicht gelegen haben. Was also ist der Grund für ein derart schlechtes Ergebnis? Wissen deutsche Filmemacher nicht mehr, wie man gute Krimis macht? Schielen sie vielleicht einfach zu sehr auf die Meinungen von Jurymitgliedern, die den ein oder anderen renommierten Preis zu vergeben haben? Zählt der Zuschauer nicht mehr? Dem Publikum muss der Film gefallen, nicht der Kritik! Das und nur das sollte bei der Produktion ausschlaggebend sein! /sis

Exoribtanter Umfang macht das Lesen wahrhaft schwer

Exoribtanter Umfang macht das Lesen wahrhaft schwer
Rezension Frank Schätzing „Limit“

Fesselnd ist er schon, der 1394 Seiten starke Wälzer „Limit“ aus der Feder von Frank Schätzing. Aber eben im wahrsten Wortsinn auch schwergewichtig, wie die hohe Seitenzahl schon vermuten lässt, da hilft auch das hauchdünne Papier nicht viel, auf dem das Taschenbuch gedruckt wurde. Und so ist das Buch in erster Linie unhandlich und – wohl auch dem exorbitanten Umfang geschuldet – streckenweise sehr langatmig. Zu sehr geht Schätzing ins Detail bei der Beschreibung seiner Figuren, der Spielorte und der dazugehörigen Hintergrundgeschichten, die bis hin zu den politischen Umbrüchen in afrikanischen Kleinstaaten reichen. Die Kerngeschichte hätte sich sicher gut auf der Hälfte der Seitenzahl dann ungebrochen packend erzählen lassen. Und so quält man sich unter anderem durch die ausführlichen Autobiographien eines Dutzend äußerst finanzstarker Prominenter mit obendrein nicht gerade einfach zu merkenden Namen, die im Jahre 2024 ein spektakuläres Orley-Hotel auf dem Mond besuchen und so dazu bewegt werden sollen, dem Firmengestrüpp von Orley Enterprises unter der Leitung von Julian Orley und seiner Tochter Lynn zu einer weiteren Expansion zu verhelfen. Orley baut auf dem Mond Helium 3 ab, das künftig die umweltverträgliche Energieversorgung der Erde übernehmen soll. Und genau da liegt der Ausgangspunkt der Geschichte, denn die Erdölgesellschaften wollen sich ihr Geschäft, auch wenn es nur noch wenige Jahre bestehen wird, nicht kaputt machen lassen. Skrupellose, mit allen Wassern gewaschene und mit allen erdenklichen technischen Hilfsmitteln ausgestattete Gangster stehlen Atombomben, schaffen sie auf den Mond und wollen so Orley und seinen futuristischen Fahrstuhl ins Weltall zerstören. Auf die Schliche kommt ihnen aber ein in Shanghai lebender amerikanischer Cyberermittler namens Owen Jericho, der eigentlich nur die chinesische Dissidentin Yoyo im Auftrag ihres Vaters finden soll. Sie hat durch Zufall verschlüsselte Hinweise auf die bevorstehende Katastrophe für Julian Orley und seine Gäste auf dem Mond entdeckt. Für Yoyo, Jericho und Tu Tiang, einem Freund der Familie, beginnt eine wahrhaft mörderische Spurensuche rund um den Globus.

Die außergewöhnliche Geschichte verliert durch die teils langatmigen Ausführungen sehr an Anziehungskraft und auch das Gewicht des Buches zwingt den Leser immer wieder zu Pausen. „Limit“ ist ein echter Fall für einen E-Reader und wenn man die für den normalen Leser doch eher uninteressanten Stellen einfach großzügig überfliegt, lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall. /sis

Bibliographie
Frank Schätzing: Limit, Fischer Taschenbuchverlag, 4. Auflage 2018, 1394 Seiten
ISBN 978-3-596-18488-0

Eines guten Krimis durchaus würdig

Eines guten Krimis durchaus würdig
Kritik zum Tatort „Querschläger“
ARD/NDR Tatort “Querschläger”: Nehmen Spediteur Aksoy (Eray Egilmez, ganz links) unter die Lupe: Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz). Im Hintergrund: Aksoys Bruder Efe (Deniz Arora) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Das hat man schon oft gesehen – ein Kind ist todkrank, helfen kann nur ganz viel Geld und das versuchen die Eltern zu bekommen, egal wie und egal was es kostet. Dieses sicher bedrückende Szenario war auch Kern des neuen Tatorts mit den Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) mit dem Titel „Querschläger“. Natürlich war die Geschichte mit dem großartigen Milan Pöschel in der Rolle des amoklaufenden Vaters Steffen Thewes sehr leicht durchschaubar und bot vor daher kaum Überraschendes. Interessant waren aber dennoch die vorgestellten Gegensätze: Der eine Vater tut alles, um an Geld zu kommen, das seine kranke Tochter retten soll, der anderer hingegen ist skrupellos bereit, seine gesamte Familie zu opfern, um das – natürlich unrechtmäßig erworbene – Geld nicht hergeben zu müssen. Die so erzeugte Spannung zwischen dem Zollbeamten Thewes und dem zwielichtigen Spediteur Cem Aksoy (Eray Egilmez) war eines Krimis durchaus würdig, auch wenn die Geschichte aus der Feder von Oke Stielow einige Längen und Logikbrüche aufwies. Das Ermittlerduo indes war durchaus entbehrlich und das Ende fiel dann doch recht unglaubwürdig aus: Der bis dahin stur an seinem Geld festhaltende Cem Aksoy gibt es freiwillig, um Sara Thewes (Charlotte Lorenzen) doch noch zu retten!

Abgesehen von der Krimistory warf die Geschichte wieder einmal die dringende Frage auf, wieso Krankenkassen lebensrettende Operationen für Kinder und Jugendliche nicht bezahlen, warum eben diese Operationen immer nur in den USA vorgenommen werde können und warum sie so unsagbar viel Geld kosten müssen. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sich zudem rasch lösen ließe, wenn denn der politische Wille dazu vorhanden wäre. /sis

Philosophiestunde für Moritz Eisner

Philosophiestunde für Moritz Eisner
Kritik zum Tatort Wien „Baum fällt“
ARD/ORF Tatort “Baum fällt”: Ein Mordfall ohne Leiche – für Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) hat ihr Beruf immer noch Überraschungen parat. In der Bergwelt Kärntens muss das Wiener Tatortduo den Tod eines unbeliebten Holzbarons aufklären, der im eigenen Heizkessel verbrannt ist. (Foto: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga Rader)
In dem Brennofen wurde die Leiche offenbar verbrannt. Übrig gelieben ist nur ein künstliches Schultergelenk. (Foto: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga Rader)

Unterhaltsam war er, der neue Tatort „Baum fällt“ mit den Wiener Ermittlern Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Ein klassischer Kriminalfall, zwar ohne Leiche, aber mit einem Ermordeten, unzähligen Verdächtigen und einem alten Freund Eisners – Alois Feining, gespielt von Karl Fischer, einem sehr bekannten Krimigesicht. Als Sergente Vianello spielt Fischer seit vielen Jahren in den Donna Leon-Verfilmungen an der Seite von Commissario Brunetti in Venedig. Es ist immer schwierig, wenn ein so bekanntes Gesicht plötzlich in einem anderen Film auftaucht, aber Karl Fischer ist ein großartiger Schauspieler, der sehr schnell und überzeugend einen völlig anderen Charakter verkörpern kann. Das war es aber auch schon mit den Großartigkeiten dieses Tatorts. Geschichte und Charaktere waren eher durchschnittlich, zwar krimitauglich aber mit wenig Spannung erzählt. Abgesehen von der Philosophiestunde, die Moritz Eisner über sich ergehen lassen musste, hatte dieser Tatort nicht viel Überraschendes zu bieten, außer fantastischen Aufnahmen der Kärntner Bergwelt. Die Ermittlungen gestalteten sich eher zäh, Bibi Fellner spielte leider nur eine untergeordnete Rolle, was der sonst üblichen Spannung zwischen den beiden Ermittlern und der sich daraus ergebenden Komik doch recht abträglich war. Das Augenmerk lag auf dem Erinnerungsaustausch zwischen Eisner und Feining untermalt mit fetzigen Stones-Hits. Nicht schlecht, aber eben auch nicht umwerfend. Wie schon recht früh zu erahnen, nahm Polizeichef Feining eine weitaus bedeutendere Rolle im Geschehen um den Mord an dem Sägewerkinhaber Hubert Tribusser (Christoph von Friedl) ein, ein Mord, der eigentlich gar keiner war, sondern sich am Ende als Notwehr entpuppte. Warum der Polizeichef aus dieser eindeutigen Situation durch Vertuschen ein Verbrechen konstruierte, bleibt das Geheimnis der Drehbuchautorin Agnes Pluch. /sis

V. li. n. re.: Bibi (Adele Neuhauser), der Werksleiter (Vitus Wieser), Friedl Jantscher (Michael Glantschnig), Harald Krassnitzer (Moritz Eisner). (Foto: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga Rader)

Am Ende bleibt ein großes Fragezeichen

Am Ende bleibt ein großes Fragezeichen
Kritik zum Tatort Ludwigshafen „Die Pfalz von oben“
ARD/SWR Tatort “Die Pfalz von oben”: Reminiszenz an 1991: Ben Becker als Stefan Tries, Polizist in Zarten in der Westpfalz, Ulrike Folkerts als Lena Odenthal, Hauptkommissarin aus Ludwigshafen, die in ihrem 70. Fall im Einsatz ist und 30 Jahre Tatort feiert. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)
1991: In ihrem dritten Fall „Tatort – Der Tod im Häcksler“ arbeitet Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) in Zarten in der Westpfalz mit dem jungen Ortspolizisten Stefan Tries (Ben Becker) zusammen. (Foto: SWR/Johannes Hollmann)

Lena Odenthals (Ulrike Folkerts) 30-jähriges Dienstjubiläum feierte die Tatort-Fangemeinde mit einem mehr oder minder gelungenen Rückblick auf die kurze Affäre der damals noch blutjungen Kommissarin mit dem Dorfpolizisten Stefan Tries (Ben Becker). Und genau das Wiederaufleben der vor 28 Jahren vielleicht noch prickelnden Liebesbeziehung zog den Tatort mit dem Titel „Die Pfalz von oben“ eher ins Lächerliche, von Spannung oder gar Funkensprühen zwischen Odenthal und Tries war nichts zu spüren. Einen ordinären Kiffer mag ein Ben Becker authentisch spielen, eine Ulrike Folkerts kann das nicht und einer sonst eher weichen, mehr dem weiblichen Geschlecht zugetanen Lena Odenthal steht das schon gar nicht.

Aber letztlich ging es in Jubiläums-Fall nicht um die einstige Liebelei von Odenthal und Tries, sondern um ein durch und durch korruptes Polizeirevier im fiktiven Dörfchen Zarten in der Westpfalz, in dem nachts noch immer die Bürgersteige hochgeklappt werden und auch sonst die Zeit stehen geblieben scheint – sieht man von der Alpaka-Herde ab, die da plötzlich durchs Bild wackelte. Wie nicht anders zu erwarten, wollte der jüngste und engagierteste Polizist der Polizeistation Zarten das sehr lukrative Spiel seiner durchweg übertrieben protzig dargestellten Kollegen nicht mehr mitmachen – und wurde erschossen. Ausgerechnet von der Nummer zwei der Wache, der sich anschickte, Revierleiter Tries vom Chefsessel zu schubsen und gleich auch als Oberhaupt der kriminellen Vereinigung abzulösen. Für die Ermittlungen hatte Lena Odenthal diesmal ein Heer von Hilfskräften, die der großen Zahl wegen in einer Kegelhalle untergebracht werden mussten und das Geschehen dennoch nicht voranbrachten. Ein durchweg schlecht gelaunter und nur widerwillig eingebundener interner Ermittler sorgte für zusätzlichen Ärger und Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) überzeugte auch nicht gerade durch Übereifer. Und so plätscherte die Geschichte vor sich hin, ohne Dynamik, ohne Überraschungen. Am Ende gab es den obligaten Showdown, in dem sich Tries und sein Stellvertreter Ludger Trump (Thomas Loibl) gegenseitig beschuldigten und schließlich liquidierten. Die Kommissarinnen standen nach all den Mühen mit leeren Händen da.

Einen Bezug zum Titel „Die Pfalz von oben“ bot der Film nicht wirklich, nur einmal warf Stefan Tries einen Blick von oben auf sein Dorf und beschwerte sich darüber, dass er dies in den zurückliegenden 28 Jahren nicht öfter getan hatte. Nun ja, da kann man ihm auch nicht helfen. Was am Ende von diesem Tatort bleibt, ist ein großes Fragezeichen – da hatte man sich doch mehr erhofft vom Jubiläum der dienstältesten Tatort-Kommissarin. /sis

Ulrike Folkerts und Johanna Stern beim Dreh. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

 

Sämtliche Probleme der Gegenwart in einem Tatort

Sämtliche Probleme der Gegenwart in einem Tatort
Kritik zum Tatort Berlin „Das Leben nach dem Tod“
ARD/rbb Tatort “Das Leben nach dem Tod”: Robert Karow hat wochenlang neben einer Leiche gelebt und nichts bemerkt. Obwohl er nie Kontakt zu dem Mann hatte, betritt Karow spontan die Nachbarwohnung und erklärt sie zum Tatort. Über eine Einbruchserie von jungen Mädchen geraten Karow und Rubin an eines ihrer Opfer, den ehemaligen Richter a.D. Gerd Böhnke (Otto Mellies), der in der DDR die Todesstrafe verhängte. Gibt es von ihm zu dem Mord eine Verbindung? – Im Supermarkt hat sich Richter Gerd Böhnke verschanzt, wird Nina Rubin (Meret Becker) ihren Kollegen Karow (Mark Waschke) überzeugen dort hineinzugehen? (Foto: rbb/Marcus Glahn)
Staatsanwältin Jennifer Wieland (Lisa Hrdina) folgt Hauptkommissarin Nina Rubin (Meret Becker) zu einer Leichenschau. (Foto: rbb/Marcus Glahn)

Mit zwei Worten lässt sich der Tatort aus Berlin mit dem Titel „Das Leben nach dem Tod“ mit den Kommissaren Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) wohl am besten beschreiben: ekelhaft düster! Kein Sonnenstrahl erleuchtete diesen mit tausenden Fliegen und Maden beginnenden Krimi, der sich wieder einmal als wenig spannendes Psychodrama mit gehörigen Längen entpuppte. Zu viel Psycho, zu viel Drama, die Drehbuchautorin Sarah Schnier aus sämtlichen Alltags-Problemen der Gegenwart rekrutierte. Von Wohnungsnot über Vermieterwahnsinn reichte die Palette, von brutalen Jugendgangs und dem Wankelmut der Justiz bei ihrer Bestrafung, bis hin zur aktuellen Vereinsamung alter Menschen, die immer öfter wochenlang tot in ihrer Wohnung liegen und, nicht zu vergessen, die immer wieder gerne als Begründung für sämtliche Gräueltaten dieser Welt angeführte Biografie mit der besonderes schweren Kindheit. Alles wichtige Themen, keine Frage, jedes eine eigene Geschichte wert, aber viel zu viele, um sie alle in einen Tatort zu packen. Obendrein gab es noch eine gehörige Portion Geschichte aus den Bereichen Religion und DDR. Das Hauptthema, auf das sich auch der ungewöhnliche Titel bezieht, ging in diesem Wust naturgemäß nur grob angeschnittener Problemfelder völlig unter. Der Kern der Geschichte lag in einem nichtvollstreckten Todesurteil eines über 80-jährigen DDR-Richters (großartig gespielt von Otto Mellies) für einen Dreifachmörder. Der Täter nämlich lebte – nach einer Amnestie im Zuge der Wende – tatsächlich weiter, anonym und für Jahrzehnte unerkannt in einer Berliner Hochhaussiedlung – Tür an Tür mit Kommissar Karow.

Etwas unglaubwürdig war es schon, dass ein Hauptkommissar der Berliner Polizei in einem solchen Umfeld unmenschlicher Wohnmaschinen leben soll. Ebenfalls wenig glaubwürdig wurde dem Zuschauer eine blutjunge Staatsanwältin (Lisa Hrdina) auf der Durchreise vorgeführt, eine noch sehr mädchenhafte Frau, die wohl kaum bereits beide juristische Staatsexamen absolviert haben konnte, eine glatte Fehlbesetzung. Karow wiederum zeigte sich diesmal weniger impulsiv, dafür aber recht oberlehrerhaft mit leichtem Hang zur Theatralik, während seine Kollegin Rubin schon Ausschau nach neuen Ufern hielt, bekanntlich verlässt Meret Becker den Tatort. Und in diesem Zusammenhang bekam der Zuschauer zu guter Letzt auch noch ein bisschen Nachhilfe in Sachen Integration! Bildungsauftrag erfüllt, oberflächlich zwar, dafür aber allumfassend und äußerst gebührensparend in nur einem einzigen Tatort. Kann man mögen, muss man aber nicht! /sis  

Nina Rubin (Meret Becker) überrascht Karow (Mark Waschke) in einem Moment der Einsamkeit und Trauer. (Foto: rbb/Marcus Glahn)

 

Ein guter Krimi kommt auch ohne Gewalt aus

Ein guter Krimi kommt auch ohne Gewalt aus
Kritik zum Tatort Münster „Lakritz“
ARD/WDR Tatort “Lakritz”: Riecht verdächtig? Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, l) und Frank Thiel (Axel Prahl, r) untersuchen eine Dose Lakritz im Haus des Opfers. (Foto: WDR/Willi Weber)
Silke Haller (ChrisTine Urspruch, l) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, r) sind sich einig: Das Todesopfer, Marktmeister Wagner riecht nach tödlicher Blausäure. (Foto: WDR/Willi Weber)

Das war endlich wieder ein Tatort, wie ihn sich Krimifreunde wünschen. Münster mit dem unvergleichlichen Ermittlerduo Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Gerichtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ist in der Tatort-Reihe immer ein Garant für Erfolg und so enttäuschte auch die neueste Folge mit dem Titel „Lakritz“ nicht. Vielmehr verwob Drehbuchautor Thorsten Wettcke lehrbuchmäßig anfangs scheinbar zusammenhanglose Erzählstränge am Ende zu einer dichten, gut nachvollziehbaren Geschichte, die nur zwei Fragen offen ließ: Wie kam der Täter an das tödlich Gift und wie konnte er die Lakritze des Konkurrenten in der Wohnung des Opfers mit dem Gift präparieren? Das war die einzige Schwäche dieses Tatorts, der wie immer aus Münster mit sehr viel niveauvollem Humor daherkam. Es ging nur um die Geschichte, die keinerlei Spezialeffekte benötigte, keine Gewalt, keine Schießereien, ja sogar die sonst obligate Verfolgungsjagd konnte entfallen. Einfach großartig. Es gab zwar nicht viel Spannung, dafür aber konnte der Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute mitraten, wer denn nun den Marktmeister Wagner getötet hatte, wobei noch lobend zu erwähnen wäre, dass der wahre Täter bereits früh in die Geschichte eingeführt und bis zum Schluss geschickt getarnt wurde. Das ist Krimi, wie man ihn öfter sehen möchte. Auch ein paar Überraschungen hatte die Geschichte, die Teile aus Professor Boernes Jugend in Rückblenden erzählte, zu bieten. So kam Thiel plötzlich als Gesundheitsapostel daher, verbat sich sämtliche Schlemmereien und entwickelte sogar sportliche Ambitionen. Thiel war joggen – ob die Erdbebenwarte da wohl leichte bis mittelschwere Erschütterungen registriert hat? Natürlich hielt die Phase nicht lange an, am Ende des Films schwenkte Thiel wieder genüßlich eine Wurst und Boerne kam mit einer Flasche edlen Rotweins daher. Neu aber waren die teils innigen Freundschaftsbekundungen der sonst eher von einander genervten Paarung. Eine weitere Überraschung war Boernes plötzlicher Anfall von heftiger Zuneigung für seine „kleine“ Assistentin Alberich alias Silke Haller (ChrisTine Ursprung) und Staatsanwältin Klemms (Mechthild Großmanns) nicht ganz legales Verlangen, kompromittierendes Material namhafter Münsteraner Bürger in ihrem privaten Archiv aufzubewahren. Ausgerechnet die sonst so untadelige Staatsanwältin. Eine weitere angenehme Überraschung war die Rückkehr von Thiels Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), die in der letzten Folge aus Münster schmerzlich vermisst worden war. Und zuguter letzt überraschte auch Thiels “Vaddern” Herbert (Claus D. Clausnitzer) in dieser Geschichte mit seiner persönlichen Weiterentwicklung vom gewöhnlichen “Kiffer” zum selbsternannten “Schamanen”. Köstlich!

Das Team aus Münster hat auch mit der neuesten Folge bewiesen, dass der Tatort gar keine filmischen Experimente braucht, dass Krimi und Humor durchaus zusammenpassen, solange die Komik in pointierte Dialoge eingebettet ist und nicht nur groben Klamauk referiert. Und dieser Tator unter der Regie von Randa Chahoud hat eindrucksvoll bewiesen, dass ein guter Krimi auch ganz ohne Gewalt auskommen kann. Weiter so! /sis

Stöbern im Keller nach Spuren aus Boernes Kinderheit: Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) und Frank Thiel (Axel Prahl) wühlen sich durch alte Kisten. (Foto: WDR/Willi Weber)

Aggressiver Flückiger wirkt fehl am Platz

Aggressiver Flückiger wirkt fehl am Platz
Kritik zum Tatort Luzern „Der Elefant im Raum“
ARD Degeto Tatort “Der Elefant im Raum”: Kein Ausweg für Reto Flückiger (Stefan Gubser)? (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)
Liz Ritschard (Delia Mayer) und das SEK im Einsatz. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

So ganz verständlich war er nicht, der letzte Tatort aus Luzern mit Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer). Was denn nun der „Elefant im Raum“ gewesen sein soll, wurde ebenso wenig klar, wie Flückigers plötzliche Aggressivität, von der in den bisherigen Tatorten aus Luzern nichts zu bemerken war. Im Gegenteil, Reto Flückiger zeigte sich bislang immer als ein eher ruhiger besonnener Kommissar. In seinem letzten Fall aber schlug er von Anfang an und nicht immer nachvollziehbar wild um sich, am liebsten auf den Pseudojournalisten Frédéric Roux (Fabian Krüger), der recht klischeehaft die Zunft der Schreiberlinge als wahre Schmeißfliegen repräsentierte. Schemenhaft ging es weiter, die üblen Verquickungen von Rüstungsindustrie und Politik kamen zur Sprache, die mögliche Beteiligung höchster Polizeikreise, die begründete Angst der kleinen Leute abgehängt zu werden und die bittere Erkenntnis, sowie nie eine Chance auf Aufstieg gehabt zu haben. Schlicht und einfach zu viel für 90 Minuten Film und so erlebte der Zuschauer eine nur grobe Skizzierung der angesprochenen Themen, die wenig bis gar nicht zu überzeugen wusste. Liz Ritschard ging diesmal recht verschnupft gleich ihre eigenen Wege in weiser Voraussicht auf das absehbare Finale, nämlich Flückigers Abgang in Verbindung mit ihrer Beförderung.

Abgesehen von ein paar schönen Bildern vom Vierwaldstättersee hatte dieser Tatort nichts zu bieten. Die Geschichte von Felix Benesch und Mats Frey plätscherte vor sich hin, ließ jedwede Höhe- und Tiefpunkte vermissen und wusste die Zuschauer in keiner Phase wirklich mitzureißen. Selbst Flückigers heldenhafter Einsatz zum Schluss mit der gewaltigen Explosion konnte den doch eher langweiligen Tatort nicht mehr retten. Und wie schon so oft litt auch der letzte Tatort aus Luzern wieder an einer erschreckend schlechten Synchronisierung. /sis

Reto Flückiger (Stefan Gubser, re.) unter steter Beobachtung von Frédéric Roux (Fabian Krüger), einem aggressiven News-Portal-Betreibers. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Typisch “Murot” – alles, nur kein “Tatort”

Typisch “Murot” – alles, nur kein “Tatort”
Kritik zum Tatort „Angriff auf Wache 08“
ARD/HR Tatort “Angriff auf Wache 08”: (v.l.n.r.) Walter Brenner (Peter Kurth) und Felix Murot (Ulrich Tukur) sind alte Freunde. Bei ihrem Treffen in der “Wache 08” tauchen die Justizvollzugsbeamten Frank (Andreas Schröders) und Jörg (Jörn Hentschel) auf, die durch eine Panne ihres Gefangenentransporters zufällig in der Wache gestrandet sind. (Foto: HR/Bettina Müller)
Kurz nachdem Felix Murot (Ulrich Tukur) bei seinem Freund angekommen ist, bricht die Hölle los. (Foto: HR/Bettina Müller)

Ein Tatort mit dem eigentlich großartigen Ulrich Tukur in der Rolle des LKA-Hauptkommissars Felix Murot ist in der Regel alles, nur kein Tatort. Das weiß man inzwischen. Auch bekannt ist, dass gerne mal groß geballert wird mit und um Murot und, dass die Geschichten reine Fantasy-Erzählungen sind, die weder mit der Realität noch mit Logik etwas zu tun haben. Unter diesen Voraussetzungen kann man die Murot-Tatorte mögen oder aber auch nicht. Genauso verhält es sich auch mit der neuesten Murot-Geschichte mit dem Titel “Angriff auf Wache 08” aus der Feder von Clemens Meyer und Thomas Stuber, nur dass diesmal mehr als üblich übertrieben wurde, in jeder Hinsicht. Der ganze Film bestand aus eine einzigen Ballerei, ohne jeden Sinn und Verstand. Vier Familienmitglieder eines scheinbar kriminellen Clans begeben sich anfänglich auf einen Rachefeldzug, doch im Verlaufe der Geschichte werden es immer mehr bis an die Zähne bewaffnete Angreifer, deren Herkunft am Ende genauso fraglich bleibt, wie die Tatsache, dass ein Gefangenentransport mit Schwerstkriminellen von niemandem vermisst wurde und warum eigentlich der Eisverkäufer sterben musste. Was hatte das alles mit der Sonnenfinsternis zu tun und wieso hatten es die Angreifer auf eine Wache abgesehen, die nur noch als Museum diente? Überhaupt gab es viel zu viele Tote, aber keinen Mord, es gab endlose Schießereien aber keinen greifbaren Täter mit einem verständlichen Motiv. Selbst Murots Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) war in dieser Folge nur Beiwerk, sie marschierte erst kurz vor Schluss mitten im Showdown ganz alleine in die unter schwerem Beschuss liegende Wache 08, die wenig später nach einer gigantischen Explosion in einem Flammenmeer versank, während Wächter wie von Geisterhand unversehrt neben Murot und den letzten Überlebenden – Verkehrspolizistin Cynthia Roth (Christina Große), Serienmörder Kermann (Thomas Schmauser) und die Tochter des wohl auch eher zufällig erschossenen Arztes, Jenny Sibelius (Paula Hartmann) – auf der grünen Wiese weit weg vom Ort des Geschehens wieder auftauchte.

Wie gesagt, alles nicht verständlich, die gesamte Story eigentlich nicht viel mehr als eine Aneinanderreihung von längst bekannten Filmszenen, eine wilde Mischung aus „Stirb langsam“, „MacGyver“ und einer gehörigen Portion Wilder Westen. Nicht unbedingt schlecht, aber eben kein Tatort und schon gar kein Krimi. Warum solche Filme im Rahmen der Tatort-Reihe laufen müssen, bleibt das Geheimnis der Macher. Wird hier der Klasseschauspieler Ulrich Tukur als Zugpferd missbraucht? Für Freunde ungezügelter Ballerei in Verbindung mit lockeren Sprüchen aus der Mottenkiste klassischer amerikanischer Thriller und Western mag der Film unterhaltsam gewesen sein, für Liebhaber klug konstruierter Kriminalfälle mit einer Prise gern morbiden Humors und ebenso cleveren wie sympathischen Kommissaren war es einfach nur wieder Zeitverschwendung. Und noch ein Gedanken bleibt nach diesem an Brutalität kaum zu überbietenden Tatort: Die gerade in den letzten Wochen vielbeschworene Radikalisierung vieler junger Menschen kann offenbar nicht nur an Ballerspielen festgemacht werden. Auch Filme wie dieser, die die kranke Lust am Schießen und Töten so hemmungslos zelebrieren, tragen ihren Teil dazu bei. Und das auch noch finanziert durch die Gebühren der Fernsehzuschauer. Übel, ganz übel! /sis

Felix Murot (Ulrich Tukur, li.) holt Jenny Sibelius (Paula Hartmann) weg vom Serienkiller Kermann (Thomas Schmauser). (Foto: HR/Bettina Müller)

Unprofessionelle Optik trifft auf recht konstruierten Inhalt

Unprofessionelle Optik trifft auf recht konstruierten Inhalt
Rezension Dushan Wegner „Talking Points“

Ein Politikbuch nennt Dushan Wegner sein 328 Seiten starkes Buch mit dem Titel „Talking Points“ mit zahlreichen, leider nicht durchnummerierten Anmerkungen. Ein Buch, das auf den ersten Blick einen äußerst unprofessionellen Eindruck macht. Der Grund: Es erschien im Selbstverlag und das merkt der Leser auf beinahe jeder Seite. Allein schon der Flattersatz ohne Silbentrennung reißt große Lücken in den Text, die das Lesen unnötig erschweren. Außer einem guten Layout hätte dem Buch darüber hinaus auch ein professionelles Lektorat sehr gutgetan.

Abgesehen von den optischen Mängeln und sprachlich mitunter gewagten Klimmzügen lässt leider auch der Inhalt zu wünschen übrig. Was der Autor beschreibt, sind Effekte, die aus psychologisch wirksamen Formulierungen entstehen können mit dem Ziel, den Wähler dazu zu bringen, einem bestimmten Politiker und damit auch gleich der Partei, die er vertritt, seine Stimme zu geben. Dafür führt er unzählige, ziemlich wahllos zusammengesuchte Beispiele an, die diese Effekte beschreiben sollen. Die Beispiele reichen von Gandhis Güte über Helmut Schmidts Weisheit, Putins Potenzdarstellung bis hin zum Thema “Nudging (1)”, das der Autor ziemlich treffend als “mentale Hundeleine” bezeichnet – um nur einige wenige zu nennen. Nicht immer ist aber der Zusammenhang zwischen beschriebenem “Effekt” und angeführtem “Beispiel” erkennbar. Der Mensch, so behauptet Wegner, folgt dem Gütigen, dem Weisen, dem Echten, dem Starken und einigen anderen Anführern mit vergleichbaren positiven Charaktereigenschaften. Letztlich aber geht es nur um Gefühl. Wer es schafft, die jeweils vorherrschenden Gefühle in der Gesellschaft zu erkennen und möglichst klug zum Ausdruck zu bringen hat – in Verbindung mit einer entsprechenden Ausstrahlung – die Nase vorn im Politiker-Wettstreit.

Sicher sind Politikerauftritte in jeder Situation gut durchdachte PR-Maßnahmen. Politiker spielen mit den Ängsten der Menschen und inszenieren sich als einzig fähige Problemlöser. Ob sie das allein durch „Talking Points“ erreichen können, ist mehr als fraglich, das erkennt der Autor am Ende selbst. Dennoch liefert Wegner einige brauchbare Ratschläge für Politikerneulinge, gibt Tipps für wirkungsvolle Selbstdarstellung und vergisst auch nicht die Fettnäpfchen zu benennen, die sich entlang des Weges zu höchsten Politikämtern dicht an dicht aneinanderreihen. Für den normalen, lediglich politikinteressierten Leser aber bietet das Buch kaum nennenswerte Erkenntnisse, er kann sich die mühevolle Lesearbeit durch das optisch wenig ansprechende „Werk“ also getrost sparen. /sis

Biographische Angaben
Dushan Wegner: Talking Points oder Die Sprache der Macht
Version Februar 2019, Selbstverlag, 328 Seiten
ISBN 978-1-79-021214-9

(1) Zum Thema “Nudging” siehe auch Nudge Teil I: Nur ein Schubs in die richtige Richtung? und Nudge Teil II: Wie die Bundesregierung “wirksam regieren” will

Endlich wieder ein gelungener Krimiabend

Endlich wieder ein gelungener Krimiabend
Kritik zum Polizeiruf 110 aus Rostock „Dunkler Zwilling“
ARD/NDR Polizeiruf 110 “Dunkler Zwilling”: Die Kommissare König (Anneke Kim Sarnau) und Bukow (Charly Hübner) suchen einen Serienmörder. Sie gehen jeder Spur nach. (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) schauen sich einen Tatort an. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Das war endlich wieder einmal ein gelungener Krimiabend in der ARD. Die Polizeiruf 110-Folge mit dem Titel „Dunkler Zwilling“ war tatsächlich ein klassischer Krimi mit viel Spannung und Dynamik, so wie man sich das als echter Krimifreund wünscht. Die Rostocker Kommissare Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) zogen die Zuschauer aber nicht nur mit ihrem außergewöhnlichen Fall einer Mordserie in ihren Bann, sondern auch mit der unausgesprochenen Anziehungskraft, die zwischen den beiden herrscht. Bleibt zu hoffen, dass die Macher des Rostocker Polizeirufs diese Kraft nicht durch eine billige Romanze zerstören. Denn es ist gerade die offensichtliche Zuneigung, die das Duo so interessant macht. Ständig steht die Frage im Raum, was denn wohl als nächstes passiert, wenn die beiden sich begegnen. Drehbuchautor und Regisseur Damir Lukacevic hat in der Folge „Dunkler Zwilling“ geschickt mit dieser Anziehungskraft gespielt, etwa wenn er Bukow klar zum Ausdruck bringen lässt, dass er König nicht mehr trauen kann, er ihr aber dennoch bei jeder Gelegenheit seine starke Schulter zum Anlehnen bietet oder ihre Nähe sucht. Zu dunkel ist aber die gemeinsame Vergangenheit.

Recht dunkel war auch die Vergangenheit eines der beiden Verdächtigen. Sechs Morde soll der Unternehmer Kern (Simon Schwarz) begangenen haben, sechs grausige Morde verbunden mit kranken Ritualen. Geschickt führte er Bukow und König an der Nase herum, die sich auf Kerns Tochter Marla (Emilia Nöth) konzentrierten und ihr eine Mitschuld einräumten, sollte sie tatsächlich ihren Vater decken. Neben der spannenden Geschichte um die Morde und deren Aufklärung war es genau der Aspekt der Mitschuld, den dieser Polizeiruf geschickt in den Mittelpunkt rückte. Was heißt es wirklich für eine Familie, wenn der Vater sich als Monster entpuppt, wie trifft es das persönliche Umfeld und den Alltag? Das alles wurde in diesem Polizeiruf thematisiert und großartig in Szene gesetzt.  

Und doch gibt es auch kleinere Kritikpunkte. So war das Motiv für den Serienmörder etwas dürftig. Auch wurde nicht hinreichend geklärt, was es mit den grausigen Ritualen auf sich hatte. Und auch Katrin Königs anfängliche Wortfindungsstörungen erfuhren am Ende leider keine plausible Aufklärung. Das sind aber vergleichsweise unbedeutende Mängel angesichts der außergewöhnlichen Geschichte, die den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute in Atem hielt und der durchweg großartigen Leistung der Schauspieler, allen voran Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner. /sis

Zwischen Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) knistert es gewaltig. (Foto: NDR/Christine Schroeder)
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