Das war einmal mehr gar nichts!

Das war einmal mehr gar nichts!
Kritik zum Tatort Hamburg „Tödliche Flut“
ARD/NDR Tatort “Tödliche Flut”: Imke (Franziska Hartmann, l.) beschuldigt Stadtrat Lohmannn (Jonas Hien, r.). Julia Grosz (Franziska Weisz, 2. v.l.) und Falke (Wotan Wilke Möhring 2. v.r.) ermitteln. (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Imke (Franziska Hartmann) reißt Falke (Wotan Wilke Möhring) mit in die tödliche Flut. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Düstere Inselbilder, eine vorhersehbare Geschichte, dazu ein unglaubwürdiges Ende – der Tatort „Tödliche Flut“ mit den Kommissaren Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) wusste so gar nicht zu begeistern. Allenfalls die eigens für diesen Tatort komponierte und von der NRD Radiophilharmonie eingespielte Musik war außergewöhnlich gut. Ansonsten gab es – wieder einmal – überhaupt keine Spannung. Die Geschichte, die Imke Leopold (Franziska Hartmann), eine alte Bekannte von Falke, den Kommissaren auftischte, war von Anfang an ziemlich durchsichtig, ihr eigenes Verhalten mehr als verdächtig.

Als investigative Journalistin ist Imke Leopold auf der Suche nach dem ganz großen Skandal auf Norderney, in den nicht nur Stadtrat Lohmann (Jonas Hien) und der Bürgermeister (Veit Stübner), sondern auch Polizeichef Recker (Christoph Tomanek) verstrickt sein sollen. Imke wird von einem Unbekannten angegriffen und der einzige Zeuge liegt tot in seinem Haus. Während Falke mehr mit einem ausgiebigen Flirt mit Imke beschäftigt ist, erfährt Grosz von Imkes psychischen Problemen, die im Laufe der Geschichte immer deutlicher zutage treten und in einem Selbstmordversuch gipfeln. Sie stürzt sich in die herannahende Flut und nimmt Falke gleich mit. Grosz lässt mit Hubschrauber und Wasserpolizei nach ihnen suchen und findet schließlich Falke mit der toten Imke am Strand. Imke selbst hat den Mord begangen und Falke mit dem angeblichen Überfall nach Norderney gelockt.

Als Krimi geht dieser Tatort aus der Feder von David Sandreuter, Arne Nolting und Jan Martin Scharf nicht durch, dazu gab es schlicht zu wenig kriminalistische Aktivitäten. Stattdessen machten es sich Imke und die beiden Kommissare in Großmutters Haus oder in der Kneipe gemütlich und plauderten über alte Zeiten. Auch Psychodrama trifft es nicht, dazu war Imke nun doch wieder nicht krank genug. Ein bisschen durchgeknallt war sie nur, ein bisschen besessen von ihrer Arbeit, ein bisschen unkontrolliert und sehr einsam. Aber bestimmt nicht irre! Als unterhaltsame Bilderreise auf der wunderschönen Nordseeinsel kann man den Film auch nicht bezeichnen, die wenigen Aufnahmen am Strand und in den Dünen konnten die vergleichsweise langen Innenszenen bei weiten nicht aufwiegen. Im Grunde war dieser Tatort gar nichts, nicht einmal unterhaltsam. Einzig die Hoffnung auf überraschende Wendungen, vielleicht doch noch spannende Verstrickungen und einen dramatischen Showdown hielt den Zuschauer davon ab, sich vorzeitig zu verabschieden. /sis

Wo ist Falke? Julia Grosz (Franziska Weisz) kämpft gegen die Zeit. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Schon der letzte Tatort mit Falke und Grosz im Februar 2020 mit dem Titel “Die goldene Zeit” war eher blass (Bild NDR/Christine Schroeder): https://besser-klartext.de/merkwuerdig-blasser-tatort-aus-hamburg/

Unaufgeregt oder auch einfach langweilig

Unaufgeregt oder auch einfach langweilig
Kritik zum Tatort Stuttgart „Das ist unser Haus“
ARD/SWR Tatort “Das ist unser Haus”: Ulrike (Christiane Rösinger) bringt die Kommissare Bootz und Lannert (Richy Müller, re.) in den Gemeinschaftsraum des Hauses. (Foto: SWR/Benoit Linder)
Einfach wird das nicht für die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller, li.) und Sebastian Bootz (Felix Klare), sie haben es bei ihren Befragungen gleich mit einem ganzen Kollektiv zu tun. (Foto: SWR/Benoit Linder)

Gelungene Milieustudie, bitterböse Satire, witzige Komödie: Der neue Tatort aus Stuttgart mit dem Titel „Das ist unser Haus“ war einmal mehr alles, nur kein spannender Krimi. Wem es Spaß macht als heimlicher Zuschauer bei lächerlichen Stuhlkreissitzungen völlig durchgeknallter Ökofreaks dabei zu sein, der kam vielleicht auf seine Kosten. Auch Satirefans dürften sich über diesen Tatort aus der Feder von Regisseur Dietrich Brüggemann und Co-Autor Daniel Bickermann gefreut haben. Für Freunde spannender Krimis aber blieb nur auf Inspector Barnaby zu hoffen, der etwas später auf dem Konkurrenzsender einem wirklich skurrilen Mord aufzuklären hatte.

Im Stuttgarter Tatort ging es eher gemächlich zu. Unaufgeregt, wie die Öffentlich-Rechtlichen ihre Krimis gerne haben wollen. Man könnte auch langweilig sagen. Sicher waren die Lebenseinstellungen der neun WG-Bewohner schon recht spleenig und damit komisch. Die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) jagten aber zwei Drittel der Filmzeit hinter der falschen Leiche her und lernten dabei die merkwürdigen Bewohner des Hauses mit der treffenden Bezeichnung „Oase Ostfildern“ einen nach dem anderen kennen – und der Zuschauer mit ihnen. Am Ende entpuppte sich der Mord als Unfall und der Täter floh mit dem Fahrrad vor Lannerts Porsche. Wie lustig! Allenfalls die Erkenntnis der einzig älteren Hausbewohnerin (Christiane Rösinger), die die wahren Motive für ihren Einzug in die WG erläuterte, gaben dem Schluss der Geschichte etwas Reales, Greifbares. Nicht die Suche nach der idealen Wohngemeinschaft waren der Grund, sondern die Angst vor dem Sterben in Einsamkeit. Genau das war der vermeintlich Ermordeten in unmittelbarer Nachbarschaft des „WG-Hauses“ nämlich passiert – sie war gestorben und vor über einem Jahr in der Baugrube des WG-Hauses verbuddelt worden, ohne dass sie auch nur von einem einzigen Menschen vermisst worden war.

Der neue Tatort aus Stuttgart hatte eigentlich alles, was man von einem Agatha Christi-Krimi erwarten würde: ein Mordfall in einem schrägen Haus, viele schrullige Verdächtige, die alle als Mörder in Betracht kommen und zwei sympathische Kommissare. Was aber Agatha Christis Morde ausmacht, fehlte dem Tatort völlig: durch überraschende Wendungen erzeugte Spannung. Lannert und Bootz bekamen von den WG-Bewohnern die immer gleichen esoterischen Plattheiten vorgebetet. Und das war auf Dauer eben doch nur langweilig. /sis

Noch mitten in der Einzugsphase sind die Bewohner plötzlich nicht nur miteinander, sondern mit den Ermittlungen konfrontiert. Was wird aus der Gemeinschaft von Viktoria, Birgit, Wendelin, Martina, Marco, Karsten, Ulrike, Kerstin und Udo (v.l.n.r. Lana Cooper, Désirée Klaeukens, Eike Jon Ahrens, Anna Brüggemann, Joseph Bundschuh, Michael Kranz, Christiane Rösinger, Nadine Dubois und Oliver Gehrs)? (Foto: SWR/Benoit Linder)

Stasiauflauf in Köln

Stasiauflauf in Köln
Kritik zum Tatort aus Köln “Das Leben der anderen”
ARD/WDR Tatort “Der Tod der anderen”: Wo steckt Jütte? Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, r) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) streiten darüber, was zu tun ist, um ihren verschwundenen Kollegen zu finden. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Bettina Mai (Ulrike Krumbiegel, l) steht unter Mordverdacht. Sie erpresst Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) – er soll beweisen, dass sie nicht schuldig ist. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Etwas zwiespältig fällt die Resonanz auf den neuesten Tatort aus Köln mit dem Titel „Der Tod der anderen“ aus. Langatmig und doch kurzweilig präsentierte sich die Geschichte von Drehbuchautor Wolfgang Stauch, die den Zuschauer weit zurück in die deutsch-deutsche Geschichte führte, als Stasi-Mitarbeiter und Westeinkäufer sich noch richtig gut verstanden. Die Messe Leipzig und das so gar nicht sozialistische Gebaren der Ost- und Westbekanntschaften rund um das Messegeschehen standen schon zu häufig im Mittelpunkt einer Filmgeschichte, als dass sie noch groß zu begeistern wüssten. Etwas unglaubwürdig kam die massenhafte Ansammlung ehemaliger Stasi-Spitzel und ihrer westlichen Helfershelfer an einem Ort dann schon daher.

Die einst hohe IM Februar Bettina Mai (Ulrike Krumbiegel), Ost-Opfer Kathrin Kampe (Eva Weißenborn), der ehemalige West-Einkäufer Peter Wagner (Bernhard Schütz), Wendegewinnler Frank Heldt (Rolf Kanies) und Parteifreund Matteo Schneider (Moritz Führmann) versammeln sich in einem Kölner Hotel, um eine längst vergessene Fehde aus den guten alten Messetagen auszutragen. Kathrin Kampe inszeniert ihren Tod als grausamen Mord und zwingt so die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) zu ermitteln. Kampe hat den Ermittlern eindeutige Hinweise auf Hotelinhaberin Bettina Mai hinterlassen. Die aber denkt gar nicht daran, sich von Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling) verhaften zu lassen, entführt den völlig hilflosen Jütte kurzerhand und zwingt damit Freddy Schenk mit ihr zusammen nach dem wahren Mörder im Umfeld von Peter Wagner zu suchen, der sich gerade anschickt Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen zu werden. Ballauf, plötzlich auf sich allein gestellt, bekommt unerwartete Hilfe von der Spurensicherung, Natalie Förster (Tinka Fürst) steht ihm zur Seite bei der Suche nach Schenk und Jütte und der Stasivergangenheit von Bettina Mai.

Die Geschichte zog sich ziemlich in die Länge, wusste dann aber durch Jüttes Entführung und Freddys Alleingang doch zu überzeugen. Nur standen die Kommissare am Ende wieder einmal mit leeren Händen da. Es gab keinen Mord, dementsprechend auch keinen Mörder. Lediglich die beiden Entführungen und in diesem Zusammenhang einige Körperverletzungsdelikte lieferten strafrechtliche Relevanz. Und so blieb denn auch die Frage offen, was Bettina Mai für ihren nicht gerade zimperlichen Auftritt zu erwarten hat. Für ihre Vergehen aus Stasi-Zeiten konnten weder sie noch die anderen Akteure rund um Peter Wagner belangt werden, sie waren längst verjährt. Offen blieb auch die Frage nach Jüttes Wohlergehen, er wurde nach mehreren Tagen eingesperrt in einem Keller ohne Wasser und Essen ins Krankenhaus gebracht. Ob er nach dieser bitterbösen Erfahrung noch einmal auf seinen Assistentenposten bei der Kripo Köln zurückkehren wird, ist fraglich. Vielleicht wird er ja von der sympathischen Natalie Förster abgelöst, die eine wirklich gute Figur an Ballaufs Seite abgab. Man würde es sich wünschen, könnte sie doch frischen Wind in die Kölner Alt-Herren-Riege bringen. /sis

War es Mord oder Selbstmord? Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und seine Kollegin, die KTUlerin Natalie Förster (Tinka Fürst, rechts) stellen die Situation nach, in der Kathrin Kampe in ihrem Hotelzimmer zu Tode gekommen ist. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Das Ende der Leichtigkeit

Das Ende der Leichtigkeit
Kritik zum Tatort Weimar „Der feine Geist“
ARD/MDR Tatort “Der feine Geist”: Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) vor der Parkhöhle. (Foto: MDR/MadeFor/Steffen Junghans)

Nur sehr schwer zu verstehen war der neue Tatort aus Weimar mit dem Titel „Der feine Geist“. Nicht nur akustisch ließ der Streifen aus der Feder von Drehbuchautor Murmel Clausen zu wünschen übrig, auch der Inhalt wirkte eher verworren: Eine Sicherheitsfirma, die nur Ex-Kriminelle als Mitarbeiter beschäftigt und sich wie eine große Familie fühlt, ein Papageien-Zoo, der offensichtlich mit den exotischen Vögeln handelt, dazu ein Raubüberfall, den der Chef der Kripo Weimar Kurt Stich (Thorsten Merten) der Konkurrenz des Sicherheitsunternehmens anlasten möchte, während er selbst von einer neuen Aufgabe träumt und dazu ein sichtlich gut gelaunter Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey), der sich schon als Nachfolger Stichs sieht. Und natürlich Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner), die zusammen mit Ehemann und Kollege Lessing (Christian Ulmen) mit der Renovierung eines alten Hauses beschäftigt ist. Sie werden unvermittelt Zeugen des Raubüberfalls, bei dem der Geschäftsführer der Sicherheitsfirma „Geist“ erschossen wird. Sie verfolgen den Täter, der eine rote Farbwolke hinter sich herzieht, bis in die Parkhöhle. Lessing wird scheinbar angeschossen und landet im Krankenhaus. Soweit so gut. Dorn ermittelt allein, kommt den illegalen Geschäften mit den Papageien auf die Spur und erkennt, dass das Motiv für den Mord am Geschäftsführer und später dem Inhaber der Sicherheitsfirma John Geist (Ronald Zehrfeld) ein ganz anderes ist. Und plötzlich findet Lupo Lessing tot in der Höhle! Großes Fragezeichen! Wie kommt er aus dem Krankenhaus in die Höhle? Kira saß doch eben noch an seinem Krankenbett und hat ihm sogar eine liebevoll belegte Brotscheibe von Söhnchen „Zwerg“ (Jona Truschkowski) mitgebracht? Man braucht schon eine Weile, bis man kapiert, dass Lessing bei der anfänglichen Verfolgungsjagd nicht nur an-, sondern erschossen wurde und tot in der Höhle zurückblieb, bis Lupo ihn schließlich findet. Kira hatte sich nur eingebildet, dass er kurz nach ihr aus der Höhle gekrochen kam und dann wegen eines vermeintlichen Streifschusses im Krankenhaus lag. Sie sah ihn später gar als Geist am heimischen Küchentisch. Und selbst zum großen Showdown mit der Mörderin stand er noch immer an ihrer Seite. Im Schlussbild aber mit Lupo und Kurt Stich verschwindet er dann endgültig. Lessing ist tot!

Der sonst für seinen besonderen Witz bekannte Tatort aus Weimar war diesmal alles andere als witzig. Daran ändern auch ein paar komische Szenen nichts. Und witzig kann der Tatort aus Weimar auch nicht mehr werden, denn selbst wenn Kira Dorn künftig ohne Lessing ermittelt, wird sie nie mehr mit der bisherigen Leichtigkeit agieren können. Immerhin drehten sich die Fälle aus Weimar in erster Linie um das Paar Dorn/Lessing. Das gibt es nicht mehr. Und das bedeutet vermutlich auch das Aus für den Tatort aus Weimar. /sis

Die Revierfamilie Kurt Stich (Thorsten Merten), Kira Dorn (Nora Tschirner), Lessing (Christian Ulmen), Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) an der Ilm. (MDR/MadeFor/Steffen Junghans)

Entschieden zu viel des Guten

Entschieden zu viel des Guten
Kritik zum Tatort Ludwigshafen „Unter Wölfen“
ARD/SWR Tatort “Unter Wölfen”: Lena (Ulrike Folkerts) und Johanna (Lisa Bitter) haben ein Video sichergestellt, das erklärt, woher die guten Beziehungen ihres Hauptverdächtigen kommen. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)
Gerhard Arentzen (Thure Riefenstein, rechts) und seine muskelbepackte Einsatztruppe. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

Einen blutrünstigen Tatort präsentierte Drehbuchautor und Regisseur Thomas Bohn seinen Zuschauern ausgerechnet am zweiten Weihnachtsfeiertag. Der vermeintliche Krimi entpuppte sich als knallharter Western mit einer schießwütigen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), die sich den Weg zum Zentrum des Bösen, das passender Weise in einem luxuriös ausgebauten Eisenbahnwagon residierte, im wahrsten Wortsinn frei schoss. Zum finalen Showdown aber stand sie dennoch einem übermächtigen Gegner gegenüber.

Und übermächtig scheinen auch private Sicherheitsfirmen zu werden, die immer mehr Aufgaben für den Staat übernehmen und sich dabei zu einer weiteren Machtebene entwickeln, die über Recht und Gesetz steht. So jedenfalls sieht es Gerhard Arentzen (Thure Riefenstein), arroganter und überheblicher Chef einer privaten Sicherheitsfirma in Ludwigshafen. Er hält sich für allmächtig und wer das nicht akzeptieren will, sieht sich den Fausthieben und Fußtritten seiner muskelbepackten Einsatztruppe ausgesetzt. Wer auch nach dieser Spezialbehandlung nicht klein beigibt, wird eben ganz aus dem Weg geräumt. So ergeht es auch dem Clubbetreiber Timur Kerala, der sich anschickte, Arentzen seine bevorzugte Position in der Stadt und im Land abzujagen. Lena Odenthal und Johanna Stern (Lisa Bitter) müssen schnell erkennen, dass Arentzen unter dem besonderen Schutz des Innenministers steht, der zusammen mit Oberstaatsanwalt Marquardt (Max Tidof) die Ermittlungen torpediert. Während Johanna Stern sich den Anweisungen von oben lieber fügen will, gerät Lena Odenthal regelrecht in Rage und macht sich auf einen ganz privaten Rachefeldzug, nachdem Arentzen ihre Wohnung zerlegt, Kater Mikesch getötet und die Tochter des Mordopfers, die unter Lenas Schutz stand, entführt hat. Zum Showdown steht Lena Arentzen und zwei seiner Bodyguards gegenüber. Nur gut, dass Johanna Stern und der Kollege von der Drogenfahndung gerade noch rechtzeitig dazukommen. Alle drei müssen von der Schusswaffe Gebrauch machen, um den unbesiegbaren Gegner schließlich doch niederzustrecken.

Abgesehen vom Ausflug in den Wilden Westen wartete dieser Tatort mit einer ganzen Reihe von Klischees auf: Üble Verquickungen von Politik und Sicherheitsbranche, menschliche Kolosse als Mitarbeiter mit typisch aggressivem Aussehen, keine Scheu vor dem Einsatz von Schusswaffen. Demgegenüber steht die kaputtgesparte Polizei, die durch den Draht in höchste politische Kreise auch noch machtlos zu sein scheint. Dazu ignorante Politiker, die nur ihre eigenen Interessen vertreten und karrieregeile Staatsdiener, die für den Sprung nach oben keine Schweinereien scheuen. Das war entschieden zu viel des Guten! /sis

Arentzen (Thure Riefenstein) hat Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) in den Ludwigshafener Hafen bestellt, um sie davon zu überzeugen, dass nicht er, sondern Gangs wie die des getöteten Kerala die Kriminellen sind. Dabei will er nur von sich und seinen kriminellen Verstrickungen ablenken. (Foto: SWR/Patricia Neligan)

Spannung durch brutale Grausamkeiten

Spannung durch brutale Grausamkeiten
Kritik zum Polizeiruf 110 aus Magdeburg „Der Verurteilte“
ARD/MDR Polizeiruf 110 “Der Verurteilte”: Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) schickt auf eigene Faust eine Suchmannschaft los. Sie sollen ein Waldstück nach den Leichen von zwei verschwundenen Frauen suchen. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard)
Wegner (Sascha Gerssak) will Brasch (Claudia Michelsen) zeigen, wo er die Leichen der beiden vermissten Frauen angeblich vergraben hat. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard)

Das war schon ein spannender Polizeiruf 110 aus Magdeburg. Die Spannung resultierte aber nicht aus der eigentlichen Geschichte, sondern einzig aus der brutalen Misshandlung von Kommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) durch den bereits wegen diverser Straftaten aufgefallenen, geistig eingeschränkten und äußerst aggressiven Gärtner Markus Wegner (Sascha Alexander Gersak). Mit Hilfe seiner ebenfalls geistig zurückgebliebenen Frau Annegret (Laura Tonke) lockt er Brasch in eine Falle und rächt sich mit grausamer Wut für die Ermittlungen gegen ihn.

Brasch sucht eine junge Frau, die nach einem Blind Date verschwunden ist. Sie findet eine erste Spur im Haus einer kürzlich verstorbenen Patientin der vermissten Altenpflegerin. Wegner hat auf dem Hof der Verstorbenen eine Scheune angemietet. Als Brasch ihn befragen will, verweigert er jede Mitarbeit. Bei der anschließenden Vernehmung aber gibt er unvermittelt zu, die Vermisste und eine weitere Frau getötet zu haben. Der Ehemann der zweiten Getöteten sitzt seit Jahren dafür im Gefängnis. Brasch hält Wegner für schuldig und stellt sich damit gegen ihren Chef Kriminalrat Uwe Lemp (Felix Vörtler) und Staatsanwalt Dellow (Jan-Peter Kampwirth). Denn bevor Gericht und Staatsanwalt einen Justizirrtum zugeben, friert bekanntlich die Hölle zu. Brasch aber lässt sich nicht einschüchtern und sucht trotz Suspendierung nach der Wahrheit. Dabei bietet sie Wegners Frau Hilfe an, wenn sie gegen ihren Mann aussagt. Das bringt Brasch schließlich in die Fänge des psychopathischen Ehepaares, die beide an den Tötungsdelikten beteiligt waren. Sie halten Brasch in einem Keller mit einer langen Leine um den Hals gefangen und misshandeln sie mit Faustschlägen, Fußtritten, grausamen Fesselspielen und einem Messerstich in den Rücken. Schließlich kommt bei Wegners Ehefrau doch so etwas wie Mitleid auf und sie verhilft Brasch zur Flucht.

Der Polizeiruf mit dem Titel „Der Verurteilte“ aus der Feder von Jan Braren erinnert an den grausamen Kriminalfall in Höxter, bei dem ein Ehepaar auch Frauen zu sich nach Hause lockte, sie misshandelte und tötete. Am Ende bleibt die Frage nach dem „Warum“. Was ist die Ursache für so viel Brutalität? Und der Film wirft eine weitere Frage auf, nämlich die nach den Unschuldigen, die für Taten im Gefängnis sitzen, die sie nicht begangen haben und die hartnäckige Weigerung der Justiz, sich einen Irrtum einzugestehen. Beides ist nur schwer zu ertragen, genau wie die im Film so drastisch vorgeführte Unmenschlichkeit! Weniger brutal hätte sicher auch gereicht. /sis

Brasch (Claudia Michelsen) gelingt schwer verletzt die Flucht aus den Fängen des psychopathischen Ehepaares. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard)

Beste Krimiunterhaltung aus Wien

Beste Krimiunterhaltung aus Wien
Kritik zum Tatort Wien „Unten“
ARD Degeto Tatort “Unten”: Bibi Fellner (Adele Neuhauser), Manfred Schimpf (Thomas Stipsits), Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) am Tatort. (Foto: ARD Degeto/ORF/Superfilm/Philipp Brozsek)
Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) müssen Tina Kranzinger (Maya Unger, re.) zur Wahrheit erst überreden. (ARD Degeto/ORF/Superfilm/Philipp Brozsek)

Ein schwieriges Thema hatten sich die Drehbuchautoren Thomas Christian Eichtinger und Samuel R. Schultschik für ihren Wiener Tatort „Unten“ ausgesucht – Leben auf der Straße und die damit verbundenen Gefahren. In diesem Fall traf es einen obdachlosen Journalisten, der auch unter schlimmsten Bedingungen mit Leidenschaft seinem Beruf nachging, nur dass ihm wegen seines Alkoholproblems niemand mehr seine Geschichten abkaufen wollte. Nicht einmal Bibi Fellner (Adele Neuhauser) wollte ihrem ehemaligen Informanten Gregor Aigner (Jonathan Fetka) noch Glauben schenken. Umso niedergeschlagener war die Wiener Sonderermittlerin als sie in der in einem verlassenen Industriegelände aufgefundenen Leiche Gregor wiedererkannte. Ihre Schuldgefühle ließen sie denn auch erst einmal mehr hinter der Ermordung vermuten, als die am Tatort gefundenen Beweise eigentlich hergaben. Kollege Oberleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) ließ sich dennoch rasch von Bibis Zweifeln an einem Streit zwischen Obdachlosen um Drogen oder Alkohol überzeugen. In mühevoller Kleinarbeit ermittelten die beiden im Schneckentempo und wieder einmal gegen den ausdrücklichen Willen ihres Chefs „Ernstl“ Rauter (Hubert Kramar) zusammen mit Assistent Manfred „Fredo“ Schimpf (Thomas Stipsits) die wahren Hintergründe für Gregors Ermordung. Der hatte tatsächlich einen Riesenskandal um die von Anfang an sehr verdächtige Ärztin Dr. Steiner-Reeves (Jutta Fastian) und den Leiter des Obdachlosenheimes Frank Zanger (Michael Pink) aufgedeckt: Organhandel. Nur wollte ihm niemand glauben! Und dann wurde es am Ende richtig spannend: Als Fellner und Eisner schließlich doch auf der richtigen Spur waren und endlich den Standort der illegalen „Klinik“ herausgefunden hatten, ging es für eine gerade erst in die Obdachlosigkeit abgerutschte junge Frau (Johanna Wallner) und ihren Sohn Tobi (Finn Reiter), deren beklemmendes Schicksal den Zuschauern in einem zweiten Erzählstrang vor Augen geführt wurde, wahrhaftig um Leben und Tod. Dr. Steiner-Reeves hatte schon mit der Entnahme von Organen der jungen Frau angefangen, als die Wiener Sonderermittler mit einer Spezialeinheit gerade noch rechtzeitig die illegale „Klinik“ stürmten.

Obwohl die Geschichte an sich durch viele Personen und Umwege sehr in die Länge gezogen wirkte, verlor der Zuschauer doch nie das Interesse. Unaufgeregt gingen Bibi Fellner und Moritz Eisner zu Werke und doch mit viel Empathie für die Menschen und ihre Schicksale, denen sie im Laufe der Ermittlungen begegneten. Zusammen mit dem dramatischen Ende bot der Tatort aus Wien wieder einmal beste Krimiunterhaltung. /sis

Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) besuchen nach Abschluss der Ermittlungen noch einmal die Obdachlosen Sackerl-Grete (Inge Maux), die ihnen sehr geholfen hatte. (Foto: ARD Degeto/ORF/Superfilm/Philipp Brozsek)

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil II)

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil II)
Bild von Dorota Kudyba auf Pixabay

Ungeeignete Erziehungsmethoden

Nach dem ersten Teil, in dem es in erster Linie um die Lernmethodik ging, soll es in diesem zweiten Teil um ungeeignete Erziehungsmethoden gehen. Viele der früher gängigen Methoden sind heute längst überholt. So weiß man heute, dass es in freilebenden Wolfsrudeln zwar einen Leitwolf, aber keinen Chef gibt. Der „unterwirft“ Rudelmitglieder aber nicht, vielmehr hält er sein Rudel durch Souveränität zusammen. Würden Wölfe um den Chefposten kämpfen, wären permanent Tiere verletzt, die schließlich bei der Jagd fehlen. Gerade beim Jagen zeigt sich das ausgeprägte Teamgefüge des Rudels. Mit Dominanz (dazu später mehr) hat das nichts zu tun. Diese Erkenntnisse sind längst auch in die Hundeerziehung eingeflossen. Man führt seinen Hund mit Souveränität, nicht mit Strenge oder unterwirft ihn gar mit Gewalt. Vertrauen ist das Zauberwort. Der Hund muss wissen, dass sein Herrchen oder Frauchen alles für ihn regelt. Das gilt für Besucher zuhause genauso wie für Begegnungen mit aufmüpfigen Artgenossen auf dem Sparziergang. Herrchen macht das! Hilfsmittel, die Druck ausüben, oder Schmerzen verursachen, wie Stachelhalsband und Teletacter sind absolut tabu. Sie richten mehr Schaden an, als sie vorübergehend Nutzen versprechen, auch wenn beides noch immer verkauft wird.

Weg mit der Trillerpfeife

Nicht geeignet in der Hundeerziehung ist die “berühmte Trillerpfeife”. Man muss dabei das sehr empfindliche Gehör des Hundes berücksichtigen. Der Ton der Pfeife schmerzt den Hund und er wertet deshalb alle mit der Pfeife gemachten Erfahrungen als negativ! Sie verursachen ihm Schmerzen. Auf der einen Seite wird die Trillerpfeife zum Rückruf von Hunden propagiert und gleichzeitig machen die Hersteller Werbung für dieselben Pfeifen, um Tiere zu „verschrecken“, sie also zu vertreiben. Und zwar mit dem Argument, dass gerade Hochfrequenzpfeifen bei Hunden, Katzen und Vögel, für ein „unangenehmes Empfinden“ sorgen. Wer kann da noch erwarten, dass der Hund freudig zu Herrchen und Frauchen zurückkehrt, wenn er mit einem „unangenehmen Empfinden“ gerufen wird. Für die Pfeife soll doch sprechen, dass sie einen immer gleichbleibenden Ton erzeugt, während die menschliche Stimme nicht frei ist von Emotionen. Sie soll ja gerade nicht Ärger und Zorn übertragen und so den Hund erst recht davon abhalten zurückzukommen. Natürlich gibt es gute Gründe für eine Hundepfeife, etwa für tatsächlich schwerhörige Hunde. Hunden geht es wie Menschen, im Alter lassen die Leistungsfähigkeit von Augen und Ohren nach. Bei der Jagd mit Hunden kommt die Pfeife traditionell zum Abbruch der Jagd zum Einsatz. Ansonsten gibt es aber keinen Grund, den Hund mit Pfeife zurückzurufen. Wenn er von vornherein gelernt hat, sich nicht zu weit von seinem Herrchen zu entfernen, reicht ein einfaches Rufzeichen. Das berühmte „hier“ funktioniert vielleicht nicht immer und nicht sofort, stimmt aber die Bindung zwischen Mensch und Hund reicht es aus.

Das leidige „Fuß“-Thema

Schmerzen spielen im Übrigen auch eine entscheidende Rolle beim Thema “Fuß gehen” und an der “Leine zerren”. Wenn ein Hund permanent bei Fuß gehen soll, muss er vier Befehle auf einmal ausführen. Das kann er auf Dauer gar nicht. Er ist damit absolut überfordert. Wichtig ist nur, dass der Hund ohne zu zerren an der Leine geht, ob der Kopf dabei auf Kniehöhe ist oder nicht, ist völlig uninteressant. Lediglich in gefährlichen Situationen im Straßenverkehr ist es deshalb angezeigt, den Hund streng bei Fuß gehen zu lassen. Ansonsten sollte man ihm möglichst viel Raum mit einer etwa drei Meter langen Leine lassen, damit er sich bewegen kann. Mit den üblichen kurzen Leinen ist das zum Beispiel gar nicht möglich. Der Hund hat keinen Platz, um sich zu bewegen, also zerrt er an der Leine.

Und noch eine wichtige Erklärung für alle Interessierten: Das berühmte “Zerren” der Hunde an der Leine. Der Hals des Hundes entspricht vom anatomischen Aufbau her dem des Menschen. Nun stellen Sie sich bitte einmal vor, man würde Ihnen ein Hundehalsband umbinden und Sie daran auch noch ruckartig ziehen. Machen Sie sich diese Situation bitte bewusst: Genauso, wie Sie sich jetzt fühlen, fühlt sich auch der Hund. Nun kennt der Hund bei Schmerz ein “Meideverhalten” und das heißt “Flucht”! Er zieht, weil Sie ihm mit dem Halsband und der Leine Schmerzen zufügen. Sie ziehen zurück, der Schmerz für den Hund wird noch größer und er versucht seinem Instinkt folgend noch heftiger von Ihnen weg zu kommen. Und jetzt stellen Sie sich bitte die ganze Situation noch in Verbindung mit einem Stachelhalsband vor! Ich kann Ihnen hier aus meiner eigenen Erfahrung berichten: Einer meiner Hunde – ein ausgewachsener, damals 2 1/2 Jahre alter Dobermann-Rüde – war ein Meister im Zerren und Ziehen am Halsband. Bei seiner Begleithundeausbildung hat der Trainer allen Ernstes noch geraten, ihm ein Stachelhalsband anzulegen. Und wenn er zieht, heftig, ruckartig mit aller Kraft den Hund zurückzuholen. Können Sie sich vorstellen, welche Schmerzen ein Hund damit erdulden muss? Nun kommt es aber häufig vor, dass ein 40 Kilo-Bursche sein Frauchen hinter sich herzieht, wie ein Fähnchen im Wind! Vielen Frauen geht das mit ihren Hunden so: Der Hund geht mit ihnen spazieren, und zwar im wahrsten Sinn dieser Worte. Die Alternative? Ein Geschirr. Der Hund geht zwar nicht bedingungslos bei Fuß. Aber im Rahmen der Reichweite jetzt hoffentlich langen Leine bewegt er sich freudig und ohne großes Gezerre! Und man kann ihn trotzdem halten – zumindest, solange nicht einer seiner Artgenossen ebenfalls gerade spazieren geht und Ihren Weg kreuzt. Und für diesen leider immer sehr wahrscheinlichen Fall gibt es ebenfalls einen Vorschlag: Wann immer es möglich ist, diesen Begegnungen ausweichen – rechtzeitig mit Ruhe und Souveränität! Schämen Sie sich also nicht, wenn Sie lieber den geordneten Rückzug wählen, das ist weder verwerflich noch feige! Es ist einfach taktisch klüger, zumal auch mit Blick auf das Thema “Wachhund”, auf das wir noch zu sprechen kommen. Vielleicht sollten wir das Geschirr vorbehaltlos einfach einmal ausprobieren. Und wer jetzt wissen möchte, wie man sich mit einem Stachelhalsband um den Hals fühlt, darf das auch gerne einmal ausprobieren! Noch ein letztes Wort zum Thema “Fuß”! Der Begriff ähnelt sehr den Negativ-Begriffen “Schluss” und “Aus”. Man sollte den Befehl deshalb in der Kombination “bei Fuß” verwenden, um eventuelle Unterscheidungsschwierigkeiten beim Hund auszuräumen!

Clicker-Training – Vor- und Nachteile

Als nicht unbedingt abzulehnen ist die so genannte “Clicker-Methode, die derzeit unter Hundehaltern geradezu in ist. Vorausgesetzt, sie wird richtig angewandt. Die Vorteile des Clicker-Trainings bestehen darin, durch die Arbeit über positive Verstärkung wird die Aufmerksamkeit des Besitzers darauf gelenkt, was der Hund gut macht, und nicht, was er mal wieder schlecht oder falsch gemacht hat. Jeder von uns kennt das sicher, wie oft sagen wir “Nein”, “Aus”, Pfui” und wie selten loben wir das Tier ausgiebig. Hier sind wir Menschen ganz Mensch: Das Gute ist selbstverständlich, das Schlechte wird bedingungslos beklagt! Weiterer Vorteil: Man kann mit dem Hund kommunizieren, ohne ihn “zuzulabern”! Eine Erklärung erübrigt sich hier. Wir quatschen auf unsere Tiere ein, ohne daran zu denken, dass sie uns ja gar nicht verstehen! Sie könnten genauso gut Chinesisch sprechen, das Ergebnis beim Hund bliebe gleich! Man kann mit dem Clicker-Training ein Vertrauensverhältnis aufbauen: Geclickert wird nur, wenn etwas gut ist. Das Clickgeräusch vermittelt dem Tier “Das hast du gut gemacht!” Es ist ein emotionsloses, neutrales leicht reproduzierbares Geräusch. Emotionslos und neutral sind hier die wichtigen Punkte, das Clickern signalisiert dem Hund: alles okay! Kein Grund zu irgendwelcher Aufregung. Man kann es dazu einsetzen, den Hund zu beschäftigen, ihn mit dem Click-Geräusch beispielsweise ein Spielzeug anschleppen lassen, oder sonst ein Kunststück einüben. Und man kann den Clicker dazu verwenden, sich mit dem Hund zu beschäftigen, ohne an der Leine zu rucken!

Die Methode hat indes auch Nachteile: Man kann sie nicht einsetzen bei geräuschempfindlichen Hunden, bei ängstlichen oder nervösen Hunden, bei hyperaktiven Hunden und einigen Verhaltensweisen mehr. Hinzu kommt, dass inzwischen so viele Hundehalter “clicken”, dass der Hund draußen vermutlich das eigene von den fremden Clickgeräuschen nicht mehr unterscheiden kann! Außerdem hat der Clicker den Nachteil, dass Sie ihn wirklich die ganze Zeit, die Sie mit ihrem Hund zusammen sind, in der Hand halten müssen. Ganz schön lästig!

Ein fataler Irrglaube

Eine absolut ungeeignete Erziehungsmethode, die früher jedem Anfänger-Hundehalter mit auf den Weg gegeben wurde, wenn er seinen Welpen abgeholt hat, das im Genick packen und schütteln. Das, so wurde ihm erklärt, würde die Mutterhündin auch so machen. Aber: Einen Hund im Genick zu schütteln, heißt schlicht “Ich kill dich jetzt”. Mutterhündinnen schütteln ihre Welpen nicht! Das ist ein absoluter Irrglaube, auf den in immer mehr Fachbüchen mittlerweile auch hingewiesen wird. Wenn ein Hund ein Lebewesen im Fang hält, dann handelt es sich um Beute! Und die Beute wird geschüttelt, bis sie sich nicht mehr bewegt, erst dann kann der Hund von der Natur so vorgegeben den Fang öffnen und die Beute fallen lassen. Wer also einen Hund am Genick packt und ihn schüttelt, signalisiert ihm: Ich bring dich jetzt um!” Kaum vorstellbar, was dieser Hund emotional durchmacht. Spätere negative Verhaltensmuster sind da keine Seltenheit, denn noch immer erzählt man angehenden Hundebesitzern, sie sollten den Kleinen, wenn er etwas falsch macht, ordentlich schütteln, das täte die Mutter auch! Tut sie nicht. Die Mutter nimmt ihr Junges nur dann zwischen die Zähne, wenn sie es transportieren will. Und das Kleine verfällt in diesem Augenblick in die sogenannte “Welpenstarre”, es rührt sich nicht: Übertragen heißt das, “ich bin schon tot, ich zappele nicht mehr, bitte schüttel mich nicht”. Ansonsten verwendet die Hundemutter nur “Drohgebärden”, um den Kleinen zur Raison zu bringen: Sie knurrt, fletscht die Zähne und schnappt nach ihm, ohne es wirklich zu verletzen. Diese Verhaltensmuster stuft die Mutterhündin exakt auf das jeweilige Verhalten des Welpen ab. Erst bei hartnäckigen Provokationen setzt sie das Schnappen ein. Und das kapiert letztlich auch der schlimmste Welpenrüpel! Mit dem Nackengriff und Schütteln raubt man gerade dem Jungtier jegliches Vertrauen in den Menschen!

Alles mit “Maß und Ziel“

Ebenfalls völlig ungeeignet in der Hundeerziehung sind Kommandos aus Lust und Laune, etwa um den Trainingserfolg zu optimieren. Kommandos sollten aber niemals willkürlich gegeben werden, weil man als Mensch das gerade mal so will. Die Probleme entstehen, weil der Mensch mit minimalem Aufwand versucht, den Hund zum Funktionieren zu bringen. Sie lassen ihre Tiere in den unmöglichsten Situationen Sitz und Platz machen, ohne den Sinn oder Unsinn in der jeweiligen Situation zu überlegen. Der Hund muss nicht auf jeden Befehl prompt hören. Man muss vielmehr festlegen, was man an seinem Hund nicht haben will und das dann durch gezieltes Training (mit einer der oben vorgestellten Methoden) abstellen. Klassisches Beispiel: Der Hund freut sich wie verrückt, wenn er endlich raus darf und führt einen derartigen Tanz auf, dass man ihm kaum die Leine anlegen kann. Wenn man sich nun überlegt, dass das Tier den größten Teil des Tages eingesperrt war, ist seine Freude mit Blick auf sein Bewegungsbedürfnis nur all zu verständlich. Auf das Bewegungsbedürfnis eines Menschen übertragen stellt sich die Situation so dar: Stellen Sie sich vor, Sie sind 8 Stunden am Stück in einem Raum, der die Größe eines durchschnittlichen Badezimmers hat, eingesperrt. Und jetzt kommt endlich jemand, der sie rauslässt! Würden Sie nicht auch Luftsprünge vor Freude machen? Und die Freude des Hundes, wenn er endlich raus darf, ist absolut echt! Wenn Sie nun aber gerade diese Luftsprünge stören, dann sollten Sie dem Hund dieses Verhalten nicht abgewöhnen, wenn er sich gerade wie wild freut, dass er endlich raus darf. Viel besser ist es, hier erst zu trainieren, wenn man wieder vom Spaziergang zurück ist. Man nimmt einfach öfter einmal im Haus die Leine und legt sie dem Hund an, ohne mit ihm wegzugehen. Irgendwann begreift er, dass Frauchen oder Herrchen die Leine in die Hand nimmt, heißt nicht, dass ich jetzt raus darf! Also wozu aufregen, ich weiß ja nicht, ob oder ob nicht!

Im 3. Teil der Reihe geht es Missverständnisse im Alltag und wie man ihnen begegnet!

Im ersten Teil geht es um Lernmethoden Link zu Teil I

Weitere Beiträge zum Thema Hund hier

Münster war schon besser!

Münster war schon besser!
Kritik zum Tatort Münster „Es lebe der König!“
ARD/WDR Tatort “Es lebe der König!” Eine Leiche in Ritterrüstung, das sahen selbst Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, links) , Silke Haller (ChrisTine Urspruch) und Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) noch nie auf einem Seziertisch. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Das lässt Boerne sich natürlich nicht entgehen: Silke Haller (ChrisTine Urspruch) hilft ihm dabei, die Ritterrüstung anzulegen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Der Tatort Münster ist immer mit viel Humor gespickt, das kennt und mag der Zuschauer. Dennoch ließen Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Pathologe Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) bisher nie die nötige Ernsthaftigkeit bei der Arbeit und vor allem auch den Respekt vor den Opfern vermissen. Im neuesten Tatort „Es lebe der König!“ aus der Feder von Benjamin Hessler allerdings ging es nur noch um Klamauk, teils wirklich recht lustig, teils aber auch einfach nur flach. Thiels Äußeres war schon immer eher leger, jetzt aber kam er nicht nur mit ausgeleierter Kleidung, sondern auch mit wucherndem Bart und ungeschnittenen Haaren daher, kein Anblick, der seine Zeugen und Verdächtigen großartig beeindruckt hätte, eher im Gegenteil. Boerne hingegen zeigte sich wie immer geschniegelt und gebügelt, aber eben doch mehr als sonst zu Übertreibungen aufgelegt. Übertrieben gebärdete sich auch Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann), die ihren Kollegen Lutz Söltenfuss (Christian Hockenbrink) wegen seiner offensichtlichen Abneigung gegen Zigarettenrauch gerne als Komplizen der verdächtigen Familie Radtke und des Drogenbarons Hugo Draak (Paul Faßnacht) gesehen hätte. Eigentlich fehlte es der gesamten Geschichte an Tiefgang: Der Kirmeskönig Radtke erpresst sich eine altehrwürdige Burg und will dort mit seiner Familie künftig Mittelalterspiele abhalten. Doch dann wird er in seiner Ritterrüstung im Burggraben tot aufgefunden. Natürlich kann Boerne nicht umhin, die Rüstung selbst anzuprobieren – natürlich nur um zu beweisen, dass Ritter Radtke beim Ankleiden einen Helfer gehabt haben muss. Ansonsten aber deutet alles auf Tod durch Ertrinken hin. Da sich Staatanwalt Söltenfuss auffällig für den Fall interessiert und auch noch ein gesuchter Drogenboss involviert zu sein scheint, nehmen Thiel und Boerne die Familie des Toten genauer unter die Lupe. Die Ermittlungen gipfeln in einer doch eher lächerlichen Observation der Burg samt Festgästem durch das gesamte Team inklusive Staatsanwältin und Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch). Bei so viel Klamauk konnten auch der überraschende Ausgang mit Verwicklung des LKA und die unerwartete Enttarnung des Mörders, dessen Motiv obendrein nur Mitleid war, die Story nicht mehr retten.

Nicht spannende Verwicklungen standen im Mittelpunkt, sondern Boernes Hang zur Besserwisserei, Frau Klemms Abneigung gegenüber Nichtrauchern und die unumstößliche Grundgesetztreue von Thiels neuem Assistenten Mirko Schrader (Björn Meyer), der mit seinen großspurigen Staatsrechtskenntnissen die Ermittlungen eher bremst als sie voranbringt. Man hätte sich eine junge, dynamische Assistentin für Thiel gewünscht, die dem alternden Kommissar etwas mehr Schwung verleiht, statt seine Bemühungen zusätzlich abzuwürgen. Dazu reicht schon Boerne. Noch ein Besserwisser wäre nicht nötig gewesen, auch wenn er guten Kaffee kochen kann. /sis

Gespräch in der Mittagspause – mit Blick über Münster: Staatsanwalt Lutz Söltenfuss (Christian Hockenbrink) mit seiner Kollegin Wilhelmine Klemm (Mechthild Grossmann). (Foto: WDR/Thomas Kost)

Drei Kommissare im Abseits

Drei Kommissare im Abseits
Kritik zum Tatort „In der Familie“ Teil 2
ARD/BR Tatort “In der Familie” Teil 2: Durch den Mord am Bauamtsleiter kommen die Kriminalhauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) wieder auf die Spur von Luca Modica und Pippo Mauro. (Foto: BR/WDR/X Filme Creative Pool GmbH/Hagen Keller)
Peter Faber (Jörg Hartmann, links) stört die Observation von Leitmayr (Udo Wachtveitl, rechts) und Batic und macht so den Mafia-Boss Domenico Palladio (Paolo Sassanelli, Mitte) auf die Überwachung aufmerksam. (Foto: BR/WDR/X Filme Creative Pool GmbH/Hagen Keller)

Man hatte sich mehr erwartet von der Jubiläumsdoppelfolge des Tatorts mit dem Titel „In der Familie“. Auch im zweiten Teil standen die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und ihre Ermittlungen abseits des Geschehens wie schon im ersten Teil in Dortmund. Und der groß angekündigte Besuch der Dortmunder Kollegen in München entpuppte sich als Solokurzauftritt von Peter Faber (Jörg Hartmann), der genauso gut hätte unterbleiben können.

Wieder standen die Mafia und ihre Menschenverachtung im Vordergrund. Ging es im ersten Teil um Schutzgelderpressung, bekamen die Zuschauer im zweiten Teil Einblicke in die Methoden der Geldwäsche in Zusammenhang mit öffentlichen Bauaufträgen. Diesmal spielte aber Tochter Sofia Modica (Emma Preisendanz) die Hauptrolle, die verzweifelt versucht Kontakt zu ihrer Mutter aufzunehmen und damit den Mafia-Boss Domenico Palladio (Paolo Sassanelli) gegen sich aufbringt. Wieso Sofia mit ihrem Vater Luca Modica (Beniamino Brogi) und Pippo Mauro (Emiliano De Martino) nach dem Mord an Sofias Mutter ausgerechnet nach München geflohen sind, wo Pippo von den Münchener Kommissaren im ersten Teil wegen Mordes an einem Drogendealer gesucht wurde – deswegen war er ja in Dortmund untergetaucht -, weiß vermutlich nur Drehbuchautor Bernd Lange. Aber auch in München haben die beiden Pseudo-Mafia-Gangster kein Glück, sie bringen in Domenicos Auftrag den abtrünnigen Bauamtsleiter aus Versehen um, statt ihn nur zu erschrecken. Damit aber rücken sie wieder ins Blickfeld der Münchener Kommissare und auch Kollege Peter Faber taucht völlig unvermittelt in München auf. Sofias Anruf bei ihrer Mutter wurde abgehört. Da sie dafür das Handy von Domenicos Sohn Marc (Valentin Mirow) benutzt hat, erscheint Faber just an dem Ort, an dem Batic und Leitmayr gerade Domenico wegen des Mordes an dem Bauamtsleiter observieren.

Als Sofia erfährt, dass ihre Mutter nicht mehr lebt, erschießt sie erst Pippo und bringt dann Marc in ihre Gewalt, um so von Domenico zu erfahren, wer ihre Mutter getötet hat. Obwohl die geballte Polizeigewalt samt Faber zur Stelle ist, gelingt Sofia die Flucht. Und Batic und Leitmayr lassen sie bewusst laufen, um ihr so „eine Chance“ zu geben. Faber will das nicht glauben und auch dem Zuschauer fällt es schwer, diese Aktion nachzuvollziehen. Wie lange eine echte Mafia-Tochter, die sich als Verräterin entpuppt hat, wohl überlebt? Zwar wird schließlich auch Luca Modica geschnappt, der sich noch einmal als Würger versuchte, ob Batic und Leitmayr am Ende aber genug Beweise gegen Domenico und seine Handlanger im städtischen Bauamt vorlegen konnten, um ihm das Handwerk zu legen, blieb genauso offen wie Sofias Zukunft. Wohin geht eine 17-Jährige auf der Flucht vor der Mafia allein auf sich gestellt?

Die Story war durchaus für einen spannenden Krimi geeignet. Aber wie schon der erste Teil so war auch Teil 2 eine brutale Mafiageschichte, in der die Polizei einfach keine Rolle spielt. Und so spielten denn auch die Teams aus Dortmund und München in den beiden Fällen überhaupt keine Rolle. Der Zuschauer war aber ohnehin mehr mit den nicht enden wollenden Untertiteln beschäftigt, war die überwiegend vorherrschende Dialogsprache doch italienisch. /sis

Sofia Modica (Emma Preisendanz) übt sich als Mafia-Tochter. Dennoch sucht sie verzweifelt Kontakt zu ihrer Mutter, während Pippo Mauro (Emiliano De Martino) sie nicht aus den Augen lässt. (Foto: BR/WDR/X Filme Creative Pool GmbH/Hagen Keller)

Hoffen auf Teil 2 der Jubiläumsfolge

Hoffen auf Teil 2 der Jubiläumsfolge
Kritik zum Tatort Jubiläums-Tatort „In der Familie“ Teil 1
ARD/WDR Tatort “In der Familie” Teil 1: Das Dortmunder und das Münchner Team ermitteln gemeinsam in einem Fall um Drogenhandel und Geldwäsche der kalabrischen Mafia. V.l. Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), Jan Pawlak (Rick Okon), Nora Dalay (Aylin Tezel), Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Boenisch (Anna Schudt), Ivo Batic (Miroslav Nemec). (Foto: WDR/Frank Dicks)
Nora Dalay (Aylin Tezel) geht ein hohes persönliches Risiko ein und steht unter Druck bei den Ermittlungen mit Peter Faber (Jörg Hartmann), Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, v.l.n.r.). (Foto: WDR/Frank Dicks)

Die Mafia und ihre ausufernden Drogengeschäfte waren Thema des ersten Teils der Tatort-Jubiläumsfolge „In der Familie“ mit den Ermittlern aus Dortmund und München. Der Italiener Luca Modica (Beniamino Brogi) betreibt mit seiner Frau Juliane (Antje Traue) und Tochter Sofia (Emma Preisendanz) eine kleine Pizzeria in Dortmund. Wegen seiner Verbindungen zur Mafia wird er von Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) observiert, denn Modicas Pizzeria ist Umschlagplatz für Kokain aus Italien. Derweilen wird in München ein Drogendealer ermordet. Der Mörder Pippo Mauro (Emiliano De Martino) flieht und bekommt auf Geheiß der Mafia Unterschlupf bei Familie Modica. Als Jan Pawlak (Rick Okon) Auskunft über Pippo haben will, erscheinen die Münchener Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) in Dortmund, um Pippo zu verhaften. Damit ist Faber aber ganz und gar nicht einverstanden. Er will an die Hintermänner der Drogengeschäfte. Mit Martina Bönischs (Anna Schudt) Hilfe gelingt es, die Münchener Kollegen in die Beobachtungen zu involvieren. Während Nora Dalay (Aylin Tezel) die Bekanntschaft zu Juliane Modica sucht, fliegt Pawlak auf. Faber weiß das, ist aber nicht bereit, Juliane, die dank Dalays Bemühungen bereit ist, ihren Mann und die Organisation an die Polizei auszuliefern, zu stoppen. Es kommt, wie es kommen muss: Luca bringt seine Frau um. Ihm und Pippo gelingt die Flucht. Nora Dalay wirft das Handtuch, Faber ist uneinsichtig wie eh und je und die Kommissare aus München machen sich ohne ihren Mörder auf den Heimweg.

Trotz des explosiven Themas ist es dem Jubiläumstatort nicht gelungen, einen spannenden Krimi zu präsentieren. Stattdessen bekamen die Zuschauer ausgiebig den schwierigen Alltag einer Mafia-Familie zu sehen. Einen Alltag, der aus dem Ruder läuft, als der skrupellose Pippo auftaucht und Luca mit in seine äußerst brutalen Geschäfte zieht. Dabei kamen all die typischen Mafia-Klischees zum Tragen, die man so kennt: Schutzgelderpressung mit Baseball-Schläger, massenhaft gerollte Geldbündel, Waffen und der obligate Sportwagen in quietschgelb. Die Tochter schätzt den Luxus, der Vater eifert Pippo nach, die Mutter möchte lieber ein normales Leben, kann ihren Mann aber doch nicht verraten. Ihr Mann indes ist viel zu feige, um sich und seine Familie aus den Fängen der Mafia zu befreien und tötet lieber seine Frau, als seine “Mafia-Familie” zu enttäuschen. Und dann ist da noch Faber, der diesmal wieder den völlig weltfremden Egomanen mimt, der nicht davor zurückschreckt, andere in Lebensgefahr zu bringen. Auch bei den Beobachtungen gab er nicht gerade einen professionellen Ermittler ab. Er passte zusammen mit Batic und Leitmayr Nora Dalay direkt vor einem Fitnessstudio ab, in dem sie sich mit Juliane Modica getroffen hatte. Natürlich wurden die vier bei diesem “geheimen” Treffen auf offener Straße beobachtet und die Italiener gewarnt! Eine glaubwürdigere Wendung war Drehbuchautor Bernd Lange leider nicht eingefallen. Und auch die beiden Münchener Kommissare waren in diesem Tatort nur Staffage, genauso wie Jan Pawlak und Martina Bönisch, die Faber einfach machen ließ. Bleibt zu hoffen, dass Teil 2 besser wird! /sis

Nora Dalay (Aylin Tezel), Jan Pawlak (Rick Okon), Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, v.l.n.r.) beobachten die Befragung von Juliane Modica. (WDR/Frank Dicks)

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil I)

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil I)
Huskys sind keine Couchpotatos! (Foto: Pixabay/Adina Voicu)

Geht es um die richtige Methode bei der Erziehung unserer Hunde, scheiden sich die Geister. Noch immer sind viele Hundehalter davon überzeugt, dass ein Hund unterworfen werden muss. Diese Methode des absoluten Gehorsams wird nach wie vor auf vielen Hundeplätzen angewandt, wo selbsternannte Hundetrainer dem Anfänger zeigen, wie er sich bei seinem Hund zum Chef oder „Rudelführer“ macht. Die Forschung ist aber in den letzten Jahrzehnten nicht stehen geblieben. So manche Erziehungsmethode erwies sich als gänzlich ungeeignet und wurde längst revidiert. Die Ergebnisse sind indes noch nicht überall angekommen, wie die Zahl der Problemhunde in deutschen Tierheimen eindrucksvoll belegt. Diese Arbeit soll den Wandel in der Hundeerziehung voranbringen und dazu beitragen, die Erziehung unserer Hunde mit den neuesten Erkenntnissen der Verhaltensforschung in Einklang zu bringen. Gewalt in der Hundeerziehung ist völlig indiskutabel, Zwang nicht nötig. Hundeerziehung kann ganz ohne Strenge und Stress erfolgen. Ziel dieser Arbeit ist es, unsere Hunde anhand einiger wichtiger Grundregeln besser zu verstehen und ihnen so möglicherweise ein künftiges Schicksal als „Problemhund“ zu ersparen.

Der Hund macht nichts falsch

Grundsätzlich gilt: Der Hund macht nichts falsch! Der Halter des Hundes ist gefordert. Der Hund verfügt über eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit. Er ist in der Lage, sich in eine Familie oder auf einzelne Menschen einzustellen und sich so zu verhalten als sei das für ihn das Selbstverständlichste der Welt. Das funktioniert aber nur, wenn der Mensch die Körpersprache des Hundes versteht und schon bei der Auswahl eines Hundes an dessen Bestimmung, das eigentliche Zuchtziel, denkt.

Das heißt konkret: Ich kann keinen Husky bei 30 Grad im Schatten acht Stunden lang in einer 2-Zimmer-Dachwohnung einsperren. Wenn ich dann nach Hause komme und der Hund hat das Mobiliar zerlegt, dann schlicht deshalb, weil er sich gelangweilt hat. Ein Husky liebt Kälte und ein Husky will und muss laufen. Wenn ich mir einen Hütehund aussuche, dann muss ich wissen, dass dieser Hund sein “Rudel” hütet, und zwar ohne Wenn und Aber. Wenn ich mir einen Jagdhund aussuche, dann muss ich wissen, dass dieser Hund hinter allem her hetzt, was sich bewegt.

Aus der falschen Wahl eines Tieres entstehen also die ersten Probleme, die die Hunde schließlich in die Tierheime bringen. Bei der Anschaffung eines Hundes, ganz egal ob als Welpe von einem renommierten Züchter (niemals aus dubiosen Quellen im Internet!) oder aus dem Tierheim darf nicht das Aussehen des Hundes und die Sympathie („der ist ja so niedlich!“) im Vordergrund stehen, sondern das Zusammenspiel “Hund in seiner rassespezifischen Verhaltensweise” und “Mensch mit seinen Erwartungen an den Hund”. Wer sich einen Hund aus dem Tierheim holt, sollte deshalb auf die Aussagen der Mitarbeiter vertrauen. Sie kennen die Hunde und können meist schon im Voraus sagen, ob „Hund” und „neue Familie” miteinander können werden oder nicht.

Jeder Hund kann lernen

Natürlich ist nicht jedes Fehlverhalten eines auch schon älteren Hundes unumkehrbar. Tatsächlich ist der Hund nur deshalb zum besten Freund des Menschen geworden, weil er sich durch Lernen an die jeweilige Situation in einer Familie anpassen kann. Ein junger Hund lernt schneller, aber auch ein „alter” Hund ist durchaus in der Lage, in unseren Augen “falsches” Verhalten durch “richtiges” zu ersetzen. Dazu haben sich drei Methoden herausgebildet. Der Hund lernt durch Nachahmen, Erklären mit Geduld und Ruhe und durch Versuch und Irrtum. Ein Pauschalprogramm gibt es nicht. Die Frage des jeweiligen Trainers muss also lauten: “Was bringt mich zum Erfolg?“

Distanz wahren!

Wichtig ist, dass man die “Distanz” zum Tier wahrt. Jedes Lebewesen hat einen natürlichen Distanzrahmen. Kein Mensch würde es dulden, wenn ein Fremder ihm freundlich, aber heftig über den Kopf streichelt, nach dem Motto: “Na, Du bist aber ein feiner Mensch!” Ein Beispiel macht das Bedürfnis nach Distanz deutlich: Warum erschrecken wir Menschen so unglaublich, wenn wir plötzlich eine Spinne auf unserer Schulter sehen? Weil eine Spinne – als eines der wenigen Lebewesen – in der Lage ist, unseren Distanzrahmen zu durchbrechen, ohne dass wir es merken! Daran erkennt man die Bedeutung des Distanzrahmens. Gewähren wir unseren Hunden deshalb auch den ihren. Wenn wir also einem Hund etwas beibringen wollen, dann bitte mit der nötigen Distanz. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass wir unsere Hand dem Hund mit dem Handrücken nähern. Er empfindet das nicht als so bedrohlich, wie die offene Innenseite der Hand, die ihm entgegengestreckt wird.

Zurück zu den Lernmethoden. Nachahmen ist ein klar definierter Begriff: Der Hund sieht ein Verhalten, irgendwann – nach der hundertsten oder tausendsten Wiederholung – macht er es nach. Das gilt vor allem für Welpen. Sie machen ihre Mutter und Geschwister nach: Wenn einer der kleinen Racker es geschafft hat, mit einer bestimmten Technik die Wurfkiste auf eigene Faust und so ganz ohne Erlaubnis des Menschen zu verlassen, darf man sicher sein, dass seine Geschwister ihm alsbald nacheifern werden. Dieses Lernen durch Nachahmen wird beispielsweise in der Ausbildung von Blindenhunden eingesetzt. Die Welpen lernen durch das bloße Abgucken der Aufgaben eines Blindenhundes, was sie zu tun haben. Zuhause wird sich ein Welpe oder auch ein älterer Hund von einem vorhandenen Hund auch rasch abschauen, wie er sich in der Familie zu verhalten hat.

Der Hund spricht nicht unsere Sprache

Ein häufiges Missverständnis in der Hundeausbildung ist noch immer, dass der Hund beim Wort “Sitz” oder “Platz” weiß, was er zu tun hat. Bei “Sitz” drückt man ihm solange den Hintern auf den Boden, bis er es kapiert hat, bei “Platz” wird in der klassischen Hundeausbildung der Hund solange am Halsband nach unten gezogen, bis er sich freiwillig hinlegt. Nun ist es aber so, dass der Hund nicht unsere Sprache spricht. Er weiß also nicht, was “Platz” und “Sitz” heißen, er erkennt nur die Bedeutung der Worte im Zusammenhang mit den Taten. Überhaupt ist bei den Menschen das Zusammenspiel von Stimme und Körpersprache sehr häufig sehr willkürlich. Doch dazu kommen wir später noch. Mit Ruhe und Zeit kann man dem Hund “Sitz” und “Platz” beibringen, ohne Gewalt auszuüben. Das funktioniert durch Motivation. Motivieren kann ich den Hund durch Futterbelohnung (dabei sollte auf die Tagesration geachtet werden), durch Spielmotivation (Training und Spiel verbinden) und durch positive Zuwendung (Streicheln). Wenn das alles nicht hilft, durch Ritualisierung. Ich muss ihm den Begriff “Sitz” beibringen, indem ich ihn mit dem Wort “Sitz” auffordere, sich zu setzen. Gleichzeitig halte ich ein Leckerli in der Hand. Der Hund wird vor mir stehen bleiben in Erwartung seines Leckerlis. Das bekommt er aber nicht. Sondern ich wiederhole das Wort “Sitz”. Wenn nun ein Hund uns anschauen will, dann muss er – ob er will oder nicht – den Kopf nach oben richten und damit setzt er sich in aller Regel automatisch auf seinen Hintern, damit er sich nicht die Halswirbel verrenken muss. Plumps, sitzt er schon. Ich lobe ihn ausführlich und er bekommt sein Leckerli. Das muss solange wiederholt werden, bis das Hörzeichen “Sitz” mit der positiven Erfahrung, jetzt bekomme ich ein Leckerli, oder es wird gespielt, oder ich werde gelobt, im Kopf des Hundes in Verbindung gebracht werden. Dabei gilt die Regel: Ich habe drei Sekunden, um dem Hund die “Verbindung – auf das Hörzeichen gehorchen und Gabe des Leckerlis/Lob” – klar zu machen. Nach diesen drei Sekunden wird der Hund die Belohnung nicht mehr mit seinem zuvor gezeigten Verhalten in Verbindung bringen. Noch eines ist in diesem Zusammenhang wichtig: Ich muss den Befehl “Sitz” wieder aufheben, den Hund also explizit zur Aufgabe der Sitzposition bewegen. Das erreicht man, indem man das Leckerli nicht von oben im Sitzen einfach in den Rachen des Hundes schiebt, sondern es ihn durch die nach unten/hinten geführte Hand holen lässt. Erklären mit Ruhe und Zeit! Sich Zeit zu nehmen und in Ruhe mit dem Hund zu arbeiten, ist dabei das wichtigste. Wenn der Hund nicht kapiert, dann muss ich eine Methode suchen, die ihn verstehen lässt.

Versuch und Irrtum ist die klassische durch Verhaltensforschung entwickelte Lernmethode, wie wir sie von Pawlows Mäusen kennen. Darüber hinaus kennt die Verhaltensforschung noch die klassische und operante Konditionierung, bei denen dem Tier eben so lange immer mit einem bestimmten Verhalten etwas beigebracht wird, bis es das Tier kapiert hat und nachahmt.

Es gibt keine Garantie

“Erklären mit Ruhe und Zeit” hat sich durch viele positive Erfahrungen von renommierten Hundeexperten in den letzten Jahren als beste Methode zur Erziehung von Hunden herausgebildet. Aber Achtung: Selbst wenn der Hund etwa die „Begleithundeprüfung“ mit Bravour absolviert hat, ist das noch lange keine Garantie für die Verkehrs- und Alltagstauglichkeit eines Hundes. Was ein Hund auf dem Hundeplatz oder im Training perfekt beherrscht, muss nicht unbedingt auch auf den Alltag und in verschiedene Verkehrssituationen übertragbar sein. Eines sollte jeder Hundehalter immer im Hinterkopf behalten: “Es kann immer etwas passieren. Und wer das nicht glauben will, hat das Wesen des Hundes nicht verstanden!”

Im zweiten Teil geht es um ungeeignete Erziehungsmethoden. Link zu Teil II

Spannungsfreie Unterhaltung zur besten Krimizeit

Spannungsfreie Unterhaltung zur besten Krimizeit
Kritik zum Tatort „Die Ferien des Monsieur Murot“
ARD/HR Tatort “Die Ferien des Monsieur Murot”: Magda Wächter (Barbara Philipp) hat kein Verständnis für Felix Murots Alleingang (Ulrich Tukur). (Foto: HR/Bettina Müller)
Felix Murot (Ulrich Tukur) trifft seinem Dopperlgänger. (Foto: HR/Bettina Müller)

Ein Tatort mit Murot ist immer experimentelles Kino, das weiß man, bevor der Film beginnt. Mit Krimi hat Murot meist wenig bis nichts zu tun. Was genau Murot sein soll, wissen vermutlich auch die Macher nicht. Die Kritik spricht meist von einer „Hommage“ – diesmal wohl an „Das doppelte Lottchen“. Denn Felix Murot (Ulrich Tukur) begegnet im beschaulichen Urlaub seinem Doppelgänger, einem recht nervigen Autohändler, der Murot aber eines voraushat: Ein ganz gewöhnliches Leben mit Haus, Frau, Hund und Freunden in ländlicher Idylle. Nach einer durchzechten Nacht, in der Doppelgänger Walter Boenfeld Murot die Befürchtung gesteht, seine Frau wolle ihn umbringen, wacht Murot völlig verkatert in der Kleidung Boenfelds in dessen Garten auf. Auf dem Weg zurück in sein Hotel wird er von Polizisten gestoppt, die einen Unfall aufnehmen. Murot erkennt schnell, dass Boenfeld in seinem Anzug und mit seiner Dienstmarke in der Tasche tot auf der Straße liegt. Murot kehrt zurück in Boenfelds Haus und in dessen Leben, das ihm zunehmend besser gefällt. Von da an geht es recht vorhersehbar und daher doch eher langweilig bis zum bitteren Ende weiter. Murots Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp) ist natürlich empört als Murot auf seiner eigenen Beerdigung auftaucht. Boenfelds Frau Monika (Anne Ratte-Polle) genießt die Aufmerksamkeit, die sie von ihrem vermeintlichen Ehemann plötzlich bekommt, die Mitarbeiter im Autohaus wundern sich über ihren neuerdings etwas verpeilten Chef und Doppelgänger Boenfeld spukt in Murots Träumen und appelliert an sein schlechtes Gewissen. Niemand scheint Boenfelds Veränderung wahrzunehmen. Allerdings sind Murots Undercover-Ermittlungen auch nicht gerade besonders intensiv, er geht lieber Tennisspielen. Dafür behält Magda Wächter den Überblick. Als dann auch noch ein Mitarbeiter aus dem Autohaus sein Leben lassen muss, nachdem er Monika erpresst hatte, ist Wächter nicht länger bereit, Murots Spielchen mitzuspielen. Für sie besteht an Monikas Schuld nicht der geringste Zweifel – für die Zuschauer im Übrigen auch nicht.

Selten war die Aufklärung eines Falles so vorhersehbar. Man kann es gar nicht glauben, dass den Autoren Ben Braeunlich und Regisseur Grzegorz Muskala kein anderes Ende eingefallen ist, eine überraschende Wendung vielleicht, ein anderer Täter mit nachvollbarem Motiv, eine geheimnisvolle Geschichte aus der Vergangenheit. Stattdessen wird dem Zuschauer eine Täterin serviert, die von Anfang an unter Verdacht stand. Und so lösen sich auch die wenigen Krimi-Elemente des neuen Murot-Experiments in Rauch auf. Was am Ende bleibt ist die nette Geschichte eines Rollentauschs zweier ungleicher Charaktere mit gleichem Aussehen. Eine Geschichte, die mit der Besetzung gut als Mittwochsfilm oder unaufgeregte Unterhaltung am Freitagabend gepasst hätte, als Krimi am Sonntagabend zur Tatortzeit war sie aber völlig fehl am Platz. /sis

Felix Murot/Walter Boenfeld (Ulrich Tukur) findet das normale Leben an der Seite seiner vermeintlichen Ehefrau Monika Boenfeld (Anne Ratte-Polle) zunehmend attraktiver. (Foto: HR/Bettina Müller)

Horrorthriller statt Krimi

Horrorthriller statt Krimi
Kritik zum Tatort Dresden Parasomnia
ARD/MDR Tatort “Parasomnia”: Die Ermittlerinnen Leonie Winkler (Cornelia Gröschel, li.) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) finden die Tatwaffe, an der das Blut von mehr als einer Personen haftet. (Foto: MDR/MadeFor/Daniela Incoronato)
Talia (Hannah Schiller, re.) fürchtet sich im Dunkel und hat deshalb immer eine Taschenlampe um den Hals hängen. (Foto: MDR/MadeFor/Daniela Incoronato)

Unter Parasomnie versteht man eigentlich verschiedene Schlafstörungen. Dazu gehören Schlafwandeln, Albträume und der sogenannte Schlafterror, auch Nachtangst genannt. Dahinter versteckt sich das aus Horrorfilmen bekannte Bild: Ein Mensch sitzt kerzengerade im Bett, schreit, ist völlig von der Rolle und lässt sich kaum beruhigen. Die Hauptfigur des neuen Dresdener Tatorts mit dem Titel „Parasomnia“ litt an einer Mischung aus tief verwurzelten Schuldgefühlen in Verbindung mit Nachtangst, sie sah ihre Gespenster aber nicht nur in der Nacht, sondern selbst am helligten Tag in der Schule zum Beispiel. Und so war denn auch die Geschichte ziemlich unwirklich und zielte lediglich auf den Gruselfaktor der Nachtangst ab. Talia (Hannah Schiller) und ihr Vater Ben (Wanja Mues) kämpfen mit dem Unfalltod der Mutter, jeder der beiden hält sich für schuldig. Während Ben seine Schuld in seinen dämonischen Bildern verarbeitet, beginnt Tochter Talia eine tote Frau zu sehen, nachdem sie direkt beim Einzug in ihr altes, halb verfallenes Haus einen Mörder überrascht hat. Seit dem Tod der Mutter hat sie sich angewöhnt, Unangenehmes zu verdrängen. Und so kann sie den Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) nicht wirklich bei der Aufklärung des Mordes an dem unbekannten Mann helfen, der in einem leeren Zimmer des Hauses gefunden wird. Weil sich Talia aber durch die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter zu Leonie Winkler hingezogen fühlt, offenbart sich das junge Mädchen nach und nach der Kommissarin und führt die Ermittler so zu einem Serienmörder aus DDR-Zeiten.

Die Geschichte an sich hatte einiges an überraschenden Wendungen zu bieten, bezog die gesamte Spannung aber aus den Gruselszenen. Die „Untote“ trieb nicht nur in Talias Kopf ihr Unwesen, sondern spukte recht real durch das ohnehin gruselige Haus. Während die Kommissarinnen und ihr eigenwilliger Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) das Gruselhaus immer wieder verlassen konnten, ließ Drehbuchautor Erol Yestilkava die Zuschauer Talias Nachtangst miterleben. Die gesamte Geschichte drehte sich auch mehr um Talias Trauma durch den Tod ihrer Mutter und Leonie Winklers Versuche, sie zu beruhigen und zu ermutigen, sich ihren Ängsten zu stellen. Ermittlungen fanden eher am Rande statt und bezogen sich auch rasch nicht mehr auf den ursprünglichen Fall. Es ging nur noch um die Identifizierung der toten Frau, die Talia verfolgte und die die Ermittler mit mehr als unglaubwürdigen Mitteln letztlich zu weiteren im Garten verscharrten Leichen und dem Serienmörder führten. Alles in allem handelt es sich bei „Parasomnia“ um einen gut gemachten Horrorthriller, der aber einmal mehr so gar nichts mit einem spannenden Krimi gemein hat. Nicht jeder, der Spannung liebt, mag auch Horror! /sis

Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach, li) und Kollegen der Spurensicherung finden im Garten des Gruselhauses noch mehr Leichen. (Foto: MDR/MadeFor/Daniela Incoronato)

Ungemein spannend und unterhaltsam

Ungemein spannend und unterhaltsam
Kritik zum Tatort Münster „Limbus“
ARD/WDR Tatort “Limbus”: Silke Haller (Christine Urspruch, links), Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann, 2.v.l.) und Frank Thiel (Axel Prahl, 2.v.r.) verlassen das Restaurant und verabschieden Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, rechts), der einen dreimonatigen Urlaub nimmt. Seiner Urlaubsvertretung soll Silke Haller die Wohnungsschlüssel von Boerne übergeben. (WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke)
 Boerne (Jan Josef Liefers, rechts) versucht, zu Silke Haller (Christine Urspruch, links) durchzudringen, die ihn aber nicht sehen kann.
(Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke)

Das ist schon ein ganz besonderer Tatort aus Münster. Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) landet nach einen Autounfall in der Vorhölle (Limbus), büxt aber immer wieder aus, um Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und seiner Mitarbeiterin Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch) bei den Ermittlungen über die Ursache des Unfalls auf die richtige Spur zu bringen. Dabei wird er immer wieder vom Wärter der Vorhölle, der – oh Wunder – genauso aussieht wie Thiel, aber penetrant bürokratisch agiert und überhaupt keinen Spaß versteht, eingefangen und zurückgebracht. Interessanterweise hat die Vorhölle einen Ausgang mitten in Münster! Das klingt auf den ersten Blick nach viel Klamauk und tatsächlich stört Boerne „den natürlichen Lauf der Dinge“ als Geist genauso nervig wie sonst auch. Der Kern und der Ablauf der Geschichte von Magnus Vattrodt, grandios umgesetzt von Max Zähle, sind aber höchst interessant und ungemein spannend.

Boerne ist eigentlich auf dem Weg in einen längeren Urlaub, um ein Buch über den Tod zu schreiben, als ihn sein Vertreter Dr. Jens Jacoby (Hans Löw), der sich rasch als gemeiner Hochstapler entpuppt, auf offener Straße mit einer Insulin-Spritze fahruntüchtig macht und dadurch den Unfall verursacht. Thiels Bauchgefühl, dass an dem Unfall etwas nicht stimmt, wovon Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) natürlich erst einmal nichts wissen will, und Alberichs Gespür für die Anwesenheit von Boernes Geist führen letztlich zu Boernes Rettung in letzter Minute. Dazwischen wird der arme Professor immer wieder mit der Vorhölle konfrontiert, einer typisch deutschen Version mit Formularen für jede Eventualität inklusive Widerspruch, in der man ganz ordentlich eine Nummer ziehen und dann geduldig bis ewig warten muss, bis man an der Reihe ist. In der Vorhölle hat auch Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) ihren letzten Auftritt. Sie begegnet Boerne ein letztes Mal, ehe es für sie „nach oben“ geht, während der Professor etwas später 229 Etagen nach unten geschickt wird.

Auch wenn man anfänglich der Vorhöllen-Geschichte etwas skeptisch gegenüberstehen mag, im Verlauf der Ereignisse wird eine ungeheure Spannung aufgebaut, der man sich kaum entziehen kann. Dazu die wie immer grandiosen Sprüche, das großartige Zusammenspiel des Münsteraner Teams, das herzige letzte Zusammentreffen mit Nadeshda und Boernes Widerwille, sich mit seinen charakterlichen Schwächen auseinanderzusetzen, machen den Tatort „Limbus“ außergewöhnlich unterhaltsam. Bitte mehr davon! /sis

 Boerne (Jan Josef Liefers, rechts) findet sich im Limbus – der Vorhölle – wieder. Der Herr, der hier das Sagen hat, sieht Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) zum Verwechseln ähnlich, ist aber ein Bürokrat, wie er im Buche steht. (Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valtentin Menke)

Ein Bauernopfer dreht durch

Ein Bauernopfer dreht durch
Kritik zum Tatort Stuttgart „Der Welten Lohn“
ARD/SWR Tatort “Der Welten Lohn”: Sebastian Bootz (Felix Klare) und Thorsten Lannert (Richy Müller) finden am Tatort das Pfefferspray, mit dem das Opfer versucht hat sich zu verteidigen. (Foto: SWR/Benoît Linder)
Ein Bombenattentat auf den Wagen des Vorstandsvorsitzenden hat stattgefunden. Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) vermuten, dass das mit ihrem Fall zu tun hat, Miriam Mätzler von der KTU (Diane Marie Müller) sammelt Indizien dafür. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Die Kommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) stehen für solide Tatort-Unterhaltung. Solide, ja fast schon unaufgeregt, war der neue Tatort mit dem Titel „Der Welten Lohn“ auch diesmal, erfreulicherweise ganz ohne persönliche Verstrickungen des Ermittlerduos, wenn auch mit einem recht unbeherrschten Sebastian Bootz. Tatsächlich stellte der ekelhaft arrogante und maßlos selbstverliebte Joachim Bässler (Stephan Schad), Vorstandschef eines Stuttgarter Automobilzulieferers, die Geduld der Kommissare auf eine harte Probe. Und auch der sehr rasch aufgespürte Hauptverdächtige für einen Bombenanschlag auf Bässler, Oliver Manlik (Barnaby Metschurat), erwies sich als wenig kooperativ. Es dauerte einfach zu lange, bis Lannert und Bootz hinter den persönlichen Kleinkrieg von Bässler und Manlik kamen. Eigentlich suchten sie den eventuellen Mörder von Bässlers Personalchefin. Der Tod der Personalchefin aber trat im Verlauf der Geschichte völlig in den Hintergrund. Die Erzählung aus der Feder von Drehbuchautor Boris Dennulat konzentrierte sich mehr auf Manlik, der von Bässler für dessen dunkle Geschäfte missbraucht, gerade aus dem amerikanischen Gefängnis entlassen, Wiedergutmachung in Form von einer gewaltigen Geldsumme forderte. Der unantastbare Bässler aber setzte lieber einen Killer auf Manlik an, dessen übermäßige Aggressivität auch vor seiner Familie nicht Halt machte. Und so stolperten Lannert und Bootz den Ereignissen hinterher, hefteten sich an Manliks Fersen, verhinderten den Mord an ihm, konnten ihm aber weder die Ermordung der Personalchefin noch den Bombenanschlag auf Bässler nachweisen. Am Ende zwang Manlik Bässler zu einem Geständnis mit vorgehaltener Waffe, ehe er, überraschend und in der aufgeheizten Stimmung des Showdowns nicht nachvollziehbar, einfach aufgab.

Lannert und Bootz standen mit leeren Händen da. Der Mord an der Personalchefin entpuppte sich als Unfall, sie war von Manlik aufgeschreckt auf ihrer Joggingstrecke einfach abgestürzt. Manlik war allenfalls wegen der Bedrohung mit Waffengewalt ein strafrechtlich relevanter Vorwurf zu machen, der Bombenanschlag blieb gänzlich unaufgeklärt. Und das von Bässler erzwungene Geständnis führte zwar zu dessen Verhaftung, dürfte aber in der Folge ebenfalls keine Konsequenzen gehabt haben. Nur die Aufforderung an seinen Sicherheitschef, Manlik endgültig zu beseitigen, blieb als Ermittlungserfolg für die Kommissare übrig. Und so fragte sich der geneigte Zuschauer am Ende dann doch nach der Sinnhaftigkeit eines Tatorts, der nicht als spannender Krimi, sondern allenfalls als interessante Studie eines durchdrehenden Bauernopfers daherkam. Trotz der Längen und des unbefriedigenden Endes aber wussten Richy Müller, Felix Klare und vor allen Dingen Barnaby Metschurat schauspielerisch zu überzeugen und die Längen in der Erzählung aufzufangen. Solide eben, wie immer beim Tatort aus Stuttgart. /sis

Showdown: Oliver Manlik (Barnaby Metschurat) erzwingt von Joachim Bässler (Stephan Schad) ein Geständnis. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Das “personifizierte höherwertige Interesse”

Das “personifizierte höherwertige Interesse”
Kritik zum Tatort “Krank” aus Wien
ARD Degeto Tatort “Krank”: Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser). (Foto: ARD Degeto/ORF/Lotus Film/Anjeza Cikopano).
Maria Ana Moreno (Sabine Timoteo) prügelt sich durch Wien, um sich für den Tod ihrer Tochter zu rächen. (Foto: ARD Degeto/ORF/Lotus Film/Anjeza Cikopano)

Die Wiener Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) waren bisher immer Garant für einen besonderen Krimiabend. Das gelang auch mit ihrem neuesten Tatort mit dem Titel „Krank“ aus der Feder von Hubert Henning, der auch Regie führte. Ungetrübt war das Vergnügen aber nicht. Zwar spiegelte der Fall den immer aktuellen und brandgefährlichen Konflikt zwischen Schul- und Alternativ-Medizin, verstrickte sich aber in zu viele Nebenschauplätze. Nicht zuletzt der übermäßige Einsatz der Voice-over-Technik behinderte das Verständnis der Zusammenhänge. Voice-over sorgt für Tempo. Die nächste Szene beginnt, während der Dialog der vorherigen Szene noch weiter zu hören ist oder umgekehrt. Wenn aber mehr als die Hälfte des Films Bild und Ton nicht dasselbe erzählen, wird es sehr kompliziert. Im Vordergrund laufen Bilder bereits vergangener oder nächster Geschehnisse – auch das war nicht immer auf den ersten Blick unterscheidbar – und im Hintergrund werden durch Sprache Informationen oft sogar zu einem ganz anderen Geschehen geliefert. Hier hat es Regisseur Hubert Henning schlicht und ergreifend übertrieben und die hochemotionale Geschichte um den Tod eines kleinen Mädchens und die Verzweiflung der Mutter, die ihr Kind nicht sehen und ihm nicht helfen durfte, nur unnötig belastet. Weniger ist meist eben doch mehr. Und das wäre es in diesem Fall gewiss gewesen. Denn die Story an sich bot genug Sprengstoff für einen spannenden Krimi mit überraschenden Wendungen. Dazu hätte es weder der südamerikanischen Guerillamethoden von Maria Ana Moreno (Sabine Timoteo) bedurft, noch des Erzfeindes von Eisner Heinz Roggisch (Jan Erik Rippmann), auch wenn es ohne ihn Eisners Entführung und Fast-Ermordung am Ende der Geschichte nicht gegeben hätte. Wenn ein ernsthaft erkranktes Kind in die Fänge von unseriösen Heilern gerät und sich daraus ein Rachefeldzug der vom Vater gänzlich aus dem Leben ausgeschlossenen Mutter entwickelt, dann reicht das für eine Geschichte. Die von den Heilern entwickelte Judas-Strategie, um mit Hilfe einer Fusion mit einem Pharmakonzern und der Unterstützung durch eine dubiose Beraterfirma auch künftig satte Gewinne zu generieren, hätte eine eigene Geschichte verdient.

Spannend war es allemal, auch wenn die Spielereien des Regisseurs das Verständnis der Zusammenhänge erst im zweiten Anlauf ermöglicht. Krassnitzer und Neuhauser verstehen es aber wie kein zweites Tatort-Ermittlerteam, die Schwächen einer Geschichte durch starkes Spiel mehr als auszugleichen. Es macht Spaß, den beiden zuzuschauen, sie sind einfach das „personifizierte höherwertige Interesse“. /sis

Heinz Roggisch (Erik Jan Rippmann) will sich an Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, re.) rächen dafür, dass er ihn einst verfolgt und damit aus Wien und der Nähe seiner Mutter vertrieben hat. (ARD Degeto/ORF/Lotus Film/Anjeza Cikopano)

Noch viel Luft nach oben

Noch viel Luft nach oben
Kritik zum Tatort aus Zürich „Züri brännt“
ARD Degeto Tatort “Züri brännt”: Sind sich nicht sicher, ob es sich um einen zweiten Mord handelt v. l. n. re.: Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher), Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler) und Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig) (Foto: ARD Degeto/SRF/Sava Hlavacek)

Neues Team, neues Tatortglück für die Schweiz? Das hatten die Tatort-Fans zumindest gehofft. Der erste Fall der beiden neuen Ermittlerinnen Tessa Ott (Carola Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) war dann aber doch etwas wirr, um wirklich zu begeistern. Die Story führte zurück in die Züricher Geschichte der 1980er Jahre und konstruierte die nicht immer nachvollziehbaren Nachwehen einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe damals Jugendlicher und der Polizei. Und wie schon so oft gelesen und gesehen, kommt nach 40 Jahren ein inzwischen totkranker Beteiligter zurück, um sein Gewissen zu erleichtern, den Mord an einem jungen Mädchen zu gestehen und die weiteren Beteiligten ebenfalls zur Offenbarung zu zwingen. Das wiederum führt zu seiner Ermordung, klar, was auch sonst.

Bei „Züri brännt“ standen aber gar nicht die beiden Morde im Mittelpunkt, sondern der obligate Zickenkrieg der Ermittlerinnen. Die eine, weil aus einer bekannten Familie stammend, entsprechend von allen Seiten die Karriereleiter hinaufgeschubst, die andere schon viel länger im Job, obendrein zurückhaltend, beinahe schon devot und nicht unbedingt angetan vom jungen Protegé. Einmal mehr bedienten die Drehbuchautoren Lorenz Langenegger und Stefan Brunner sowie Regisseurin Viviane Andereggen das Klischee von Frauen, die einfach nicht miteinander arbeiten können und das in wirklich übertriebener Art und Weise. Zudem fiel die eine durch ziemliche Respektlosigkeit sowohl ihrer älteren Kollegin als auch verhörten Zeugen gegenüber auf. Grandjean bestand auf das höfliche „Sie“, was Ott aber nicht im mindesten störte. Sie duzte ihre Kollegin munter weiter, egal wie oft ihr ein “Sie” entgegnet wurde. Die streckenweise erschreckend langweiligen Ermittlungsversuche jedenfalls machte dieser Umstand nicht wirklich interessanter.

Wie daraus eine gedeihliche Zusammenarbeit werden soll, wissen wohl nur die Autoren. Aber bekanntlich ist aller Anfang schwer und so sollte man dem neuen Tatort-Team aus Zürich auch erst einmal eine Chance auf Entwicklung geben. Es kann ja immer noch besser werden! /sis

Interessante Geschichte, aber kein Krimi

Interessante Geschichte, aber kein Krimi
Kritik zum Tatort aus Berlin „Ein paar Worte nach Mitternacht“
ARD/rbb Tatort “Ein paar Worte nach Mitternacht”: Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke, li.) finden Klaus Keller (Rolf Becker) an seinem 90. Geburtstag tot auf. Um seinen Hals hängt eine seltsame Nachricht. (Foto: rbb/Stefan Erhard)
Robert Karow (Mark Waschke) sucht nach Moritz Keller. (Foto: rbb/Stefan Erhard)

Da meinte es Drehbuchautor Christoph Darnstädt etwas zu gut mit dem Tatort zu 30 Jahre deutsche Einheit und packte die komplette jüngere Geschichte Deutschlands in seinen Film „Ein paar Worte nach Mitternacht“. Worte, in denen ein 90-jähriger Bauunternehmer auf seiner Geburtsfeier eigentlich seine Schuld aus Nazitagen gestehen will, stattdessen aber am nächsten Morgen tot auf seinem Balkon aufgefunden wird. In der Folge kommt dann neben Hitlerjugend, Stasi, Neonazis, Antisemiten, Rechtsradikale auch der gern bemühte Ost-West-Überbietungskonflikt zur Sprache, reicher Westbruder verschmäht den armen Ostbruder samt Übertragung auf die nächste und übernächste Generation. Und obendrein gab es den klassischen Vater-Sohn-Konflikt ebenfalls gleich in doppelter Ausführung und nicht zu vergessen: eine demente Großmutter im Heim. Mehr ging wirklich nicht. 90 Minuten sollten für eine derart breite Themenpalette schlicht zu wenig sein. Waren sie aber nicht. Das Berliner Kommissars-Duo Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) hatten noch Zeit für private Dates, während sie in aller Ruhe den Schuldigen in den Reihen der beiden betroffenen Familien suchten, die eine sehr erfolgreiche aus dem Westen, die andere aus dem Osten, mehrfach gescheitert und entsprechend wütend auf den Westen und alles was damit zu tun hat. Klischees soweit das Auge reichte. Es gab aber gar keinen Schuldigen, sondern nur eine Schuld, die – typisch deutsch – von den Großeltern auf die Eltern und weiter auf die Enkel übertragen worden war. Der Enkel der reichen Wessis, Moritz Keller (Leonard Scheicher) wiederum war hin und hergerissen zwischen der Liebe zu seinem Großvater Klaus Keller (Rolf Becker), der eben die schwere Schuld mit sich trug und der Liebe zu seiner Freundin Ruth (Victoria Schulz), die ebenfalls mit der Schuld des Alten zu tun hatte. Sie versuchte Moritz zu manipulieren. Er sollte auf seinen Großvater einwirken, dass der seine Schuld öffentlich bekennt und so der frühe Tod eines ihrer Familienmitglieder in der Nazizeit endlich gerecht würde. Und das alles in 90 Minuten! Man musste höllisch aufpassen, wollte man den Geschehnissen bis zum erhellenden Ende folgen. Und dann standen Rubin und Karow zu guter Letzt auch noch mit leeren Händen da. Kein Mord, kein Täter, trotz zweier Toter.

Die Geschichte an sich war sehr interessant. Warum man sie aber in einen Tatort verpacken musste, bleibt das Geheimnis der Macher. Denn statt der für einen Krimi erforderlichen Spannung gab es nur beklemmende Gefühle und tiefes Mitleid für den zwischen den Welten stecken gebliebenen Enkel. /sis

Schlechter ging sowieso nicht mehr

Schlechter ging sowieso nicht mehr
Kritik zum Tatort „Rebland“
ARD/SWR Tatort “Rebland”: Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) und Franziska Tobler (Eva Löbau) haben Informationen von französischen Kollegen, mit deren Hilfe sie den Kreis der in ihrem Fall Verdächtigen einschränken. (Foto: SWR/Benoit Linder)
Die Kommissare (Hans-Jochen Wagner und Eva Löbau) hoffen, dass Beate Schmidbauer (Victoria Trauttmansdorff) bei einem Vor-Ort-Termin noch etwas zum Hergang des Überfalls auf sie einfällt. (Foto: SWR/Benoit Linder)

Schlechter als sein Vorgänger (Ich hab im Traum geweinet), das war von vornherein klar, konnte der neue Tatort aus dem Schwarzwald nicht werden. Und tatsächlich war „Rebland“ ein solider Krimi mit einer interessanten Story, die am Ende aber zu langatmig geriet. Die Vergewaltigung von Beate Schmidbauer (Victoria Trauttmansdorff), Freundin von Kripochefin Cornelia Harms (Steffi Kühnert), sollten Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Joachim Wagner) aufklären. Als Täter infrage kamen drei Verdächtige, die Tobler und Berg mithilfe erweiterter DNA-Analyse ausfindig gemacht hatten. Inzwischen dank einer Reform auch in Deutschland erlaubt, war diese Ermittlungspraxis zum Zeitpunkt der Entstehung des Drehbuchs von Nicole Armbruster durchaus noch verboten und damit bewegten sich Tobler und Berg auf verbotenem Terrain. Die Informationen hatten sie sich illegal von ihren französischen Kollegen geholt, die seit langem einen Mörder mit gleicher DNA suchten. Warum die Methode noch immer sehr umstritten ist, zeigte die Geschichte dann auch überdeutlich: Das Leben der drei Verdächtigen lief vollkommen aus dem Ruder. Am Anfangen hatten die Kommissare auch nicht mehr als ein paar ungefähre Angaben wie Alter, Haut- und Augenfarbe. Mit diesen groben Angaben wählten sie die drei Verdächtigen aus rund 80 DNA-Proben-Verweigerern aus und stolperten dann im Laufe der Geschichte auf immer mehr Ungereimtheiten im Leben der drei. Der Streifenpolizist Mario Lewandowsky (Marek Harloff) war wegen unkontrollierter Aggressivität aufgefallen, Frisör Victor Baumann (Roman Knizka) hatte bereits Kontakt mit der Polizei wegen sexueller Belästigung und der alleinerziehende Vater Klaus Kleinert (Fabian Busch) tat sich schwer mit den Auflagen des Jugendamtes. Durch die Ermittlungen gerieten alle drei in völlig unnötige Turbulenzen mit Nachbarn und Kollegen, die ihnen massiv zusetzten. Hinzu kamen die verzweifelten Kinder, die die Welt plötzlich nicht mehr verstanden. Polizeitaktisch mag die „erweiterte Merkmalsuntersuchung“ ihren Sinn haben, ethisch und moralisch ist sie höchst fragwürdig, weil die Ermittlungen eben auch Unschuldige treffen und deren Leben völlig zerstören können.

Die Geschichte war schlüssig, wenn auch in Teilen überholt. Allerdings geriet die Inszenierung von Regisseurin Barbara Kulcsar zu langatmig, streckenweise gar langweilig. Einzig die netten Landschaftsaufnahmen vom „Rebland“ versöhnten den Zuschauer ein wenig, wenn der Film auch sonst so gar nichts mit Wein zu tun hatte. Lediglich der Tatort befand sich in einem Weinberg. Dass Beate Schmidbauer überhaupt zum Opfer werden konnte, erschloss sich dem Zuschauer auch nicht wirklich. Keine erwachsene Frau würde mitten in der Nacht ganz allein durch einen Weinberg nach Hause laufen, mag sie auch noch so mutig sein. Es handelte sich bei ihr ja beileibe nicht mehr um ein naives junges Mädchen. Das machte den Tatort vorn vorherein wenig glaubwürdig. Dazu schien die Ermittlungsarbeit mehr vom Zufall als von Erkenntnissen geleitet und Tobler und Berg konnten auch diesmal wieder nicht überzeugen, weder einzeln noch im Zusammenspiel. /sis

Sind es die Ermittlungen, die das Leben von Viktor Baumann (Roman Knizka) umgestülpt haben? Jedenfalls hat seine Frau ihn verlassen und den Sohn mitgenommen. (Foto: SWR/Benoit Linder)

Überzeugende Geschichte mit viel Spannung

Überzeugende Geschichte mit viel Spannung
Kritik zum Polizeiruf 110 aus Magdeburg „Tod einer Toten“
ARD/MDR Polizeiruf 110 “Tod einer Toten”: Doreen Brasch (Claudia Michelsen) muss den Mord an einer jungen Frau aufklären, die eigentlich schon seit vier Jahren tot sein soll. Das jedenfalls behauptet ihr Vater Werner Mannfeld (Christian Kuchenbuch). Maria (Madeleine Tanfal), die Tochter der Toten, hat plötzlich einen Großvater. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard)
Kriminalrat Lemp (Felix Vörtler) lässt sich gehen und verursacht prompt alkoholisiert einen Unfall. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard)

Spannende Unterhaltung, das hatte der neue Polizeiruf 110 aus Magdeburg mit dem Titel „Tod einer Toten“ zu bieten. Die Geschichte spielte im Drogenmilieu mit all seinen hässlichen Gesichtern zwischen Erpressung und Hinrichtung. Angenehm unkompliziert zeigte sich diesmal Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen), die ganz ohne private Probleme und schlechte Laune dafür aber mit viel Gefühl ermittelte. Recht eigenwillig gab sich Kriminalrat Uwe Lemp (Felix Vörtler). Er litt unter den Folgen einer Alkoholfahrt mit vorhersehbarem Unfall. Zwar zeigte er sich selbst an, am Ende spielte dieses Ereignis im Gesamtzusammenhang aber keine Rolle mehr. Unverständlicherweise. Dafür aber rückten die Drogenfahnder Pia Sommer (Luisa-Céline Gaffron) und Anton Lobrecht (Steffen C. Jürgens) in den Mittelpunkt des Geschehens. Brasch und Sommer verstanden sich ausnehmend gut und der Zuschauer glaubte schon an ein künftiges Ermittlerduo, als die junge Drogenfahnderin völlig überraschend von ihrem Partner erschossen wurde. Ein Partner, der voller Hass seinen privaten Rachefeldzug angetreten hatte und für vier Tote verantwortlich war.

Etwas fraglich war die Aktion des Jugendamtes, die Tochter der Toten unvermittelt bei ihrem Großvater abzugeben. Die erst vierjährige Maria hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Realistisch war das gewiss nicht, dramaturgisch aber eine reizvolle Wende. Maria und Opa Werner Mannfeld (Christian Kuchenbuch) verstanden sich wider Erwarten auf Anhieb sehr gut. Und Werner Mannfeld bekam die Gelegenheit, an der Enkelin und dem Schwiegersohn Alex Zapf (Ben Münchow) wieder gut zu machen, was er bei seiner Tochter Jessica versäumt hatte. Eine gute Geschichte, mit durchgängiger Spannung und einem zufriedenstellenden Ende. So, wie ein echter Krimi eben sein muss. /sis

Lemp (Felix Vörtler) erscheint geschockt am Tatort und erfährt von Brasch (Claudia Michelsen) von dem Mord an Jessica. Er musste befürchten, dass es sich um das Unfallopfer handelt. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard)

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Entdeckung der Langsamkeit
Kritik zum Tatort Frankfurt Funkstille
ARD/HR Tatort “Funkstille”: (v.l.n.r.) Raymond Fisher (Kai Scheve), Gretchen Fisher (Tessa Mittelstaedt) im Gespräch mit Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). Was eine Befragung werden sollte, entpuppt sich als nette Plauderei bei Milch und Keksen. ( Foto: HR/Bettina Müller)
Raymond Fisher (Kai Scheve) und seine Frau Gretchen (Tessa Mittelstaedt) wollen die Welt retten, indem sie sich als Doppelagenten betätigen. (Foto: HR/Bettina Müller)

„Funkstille“ herrschte im wahrsten Wortsinn zur besten Krimizeit am Sonntagabend: Es gab keinerlei Spannung im neuen Tatort aus Frankfurt mit den Kommissaren Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). Tatsächlich entdeckten die Drehbuchautoren Stephan Brüggenthies und Andrea Heller mit Regisseur Stanislaw Mucha die Langsamkeit als Stilmittel für sich. Und diese Langsamkeit zog sich durch den ganzen Film, der statt Krimi gerne Agententhriller gewesen wären. Lange, völlig belanglose Kameraeinstellungen sorgten beim Zuschauer für einen heftigen Kampf mit den Augenlidern. Tessa Mittelstaedt ist zwar eine schöne Frau, ihr aber ausgiebig beim Kauen zuzusehen, erfüllt nicht unbedingt den Anspruch an gute Unterhaltung. Worum ging es in diesen Krimi? Die junge Emily Fisher (Emilia Bernsdorf), Tochter der amerikanisch-russischen Doppelagenten Gretchen (Tessa Mittelstaedt) und Raymond Fisher (Kai Scheve), durchlebt ihre erste Liebe, die durch den Mord an ihrem Freund ein dramatisches Ende findet. Im Laufe der Ermittlungen stoßen Janneke und Brix auf das Agentenehepaar, das am Ende tatsächlich den Tod des Jungen verursacht hat. Bis die Kommissare das aber herausfinden dürfen, muss sich der Zuschauer die geheimen Treffen der Agenten anschauen, ohne zu wissen, was sie da gerade ausspionieren. Sie spionieren einfach, hören ab, geben ihre Erkenntnisse an beide Seiten weiter und sind ansonsten mit ihrer rebellischen Tochter beschäftigt, die nicht verstehen will, wieso ausgerechnet ihre Eltern die Welt retten müssen. So großspurig, wie sich das anhört, kam der ganze Film daher. Übertrieben in jeder Hinsicht. Sebastian musste sterben, weil Emilys Mutter eine Affäre mit ihm hatte und er dabei aus Versehen auf ihr geheimes Abhörequipment gestoßen war. Emilys Vater fällt dann auch noch der Mordlust seiner Frau zum Opfer, weil Mitwisser in der Agentenszene per se unerwünscht sind. Er wird vergiftet und stirbt stilecht im Fahrstuhl.

Vielleicht wollten die Macher dieses Tatorts zu viel: Agenten, erste Liebe, Mutter hat Affäre mit Freund der Tochter, das alles in einer Geschichte, das kann in 90 Minuten nur oberflächlich abgehandelt werden. Hinzu kamen die langen Kameraeinstellungen, die keineswegs interessante Aspekte offenbarten, sondern für weitere unnötige Längen sorgten. War hier wieder eher Kunst statt Krimi beabsichtigt? Wenn ja, dann ging auch das daneben: „Funkstille“ ist einfach nur langweilig!

(v.l.n.r.) Paul Brix (Wolfram Koch), Anna Janneke (Margarita Broich), Fanny (Zazie de Paris) und Kriminalassistent Jonas (Isaak Dentler) gönnen sich eine Pause. (Foto: HR/Bettina Müller)

 

Einfach nur solide Unterhaltung

Einfach nur solide Unterhaltung
Kritik zum Tatort Wien “Pumpen”
ARD Degeto Tatort “Pumpen”: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) befragen Rainer Kovacs (Anton Noori). (Foto: ARD Degeto/ORF/Allegro Film/Hubert Mican)
Moritz Eisner und Bibi Fellner ermitteln im Umfeld eines Fitnessstudios (Foto: ARD Degeto/ORF/Allegro Film/Hubert Mican

Der Auftakt in die neue Tatort-Saison fiel eher etwas gediegen aus. Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermittelten in der Body Builder-Szene, oberflächlich ging es um den Handel mit illegalen Anabolika einer schon rein optisch recht „aufgepumpten“ Gangstersippe vom Balkan. Klischees über Klischees – wäre da nicht das grandiose Ermittlerteam, man hätte frühzeitig abgeschaltet. Eisner und Fellner bekamen in diesem Fall Unterstützung von ihrem übereifrigen Assistenten Manfred Schimpf (Thomas Stipsits), der seinen Undercover-Einsatz im Fitnessstudio mit einer ordentlichen Tracht Prügel bezahlte, und dem Ex-Kollegen Rainer Kovacs (Anton Noori), der aber von Anfang an anderes im Sinn hatte, als die Kommissare mit seinen Erkenntnissen zu erhellen. Tatsächlich ging es nämlich nur auf den ersten Blick um den Anabolika-Handel. Die Kraftprotze vom Balkan ergaunerten sich ihr üppiges Einkommen durch klassischen Sozialbetrug. Kranke Menschen aus Osteuropa bezahlten sie unter anderem für die Benutzung falscher Identitäten, um so in den Genuss guter medizinischer Versorgung zu kommen. Der vermeintliche Selbstmörder, das Opfer Nummer 1, schien hinter die Machenschaften der Balkan-Connection gekommen zu sein, Opfer Nummer 2, der Chef des Fitnessstudios dagegen, wurde aus Rache ermordet. Die Benutzung elektronischer Gesundheitskarten durch Unbefugte kann durchaus auch unangenehme Folgen haben, wenn unwissentlich Risiken und Nebenwirkungen beim eigentlichen Inhaber der Karte wegen falscher Eintragungen übersehen werden. Ein höchst interessantes Thema, das bislang noch nicht richtig in der Öffentlichkeit angekommen ist. Für einen Krimi aber waren das zu viele Themen auf einmal. Recht unterhaltsam hingegen war die Nebengeschichte: Bibi Fellner unterstellt ihrem neuen Freund Franz Heiss (Christoph Kail) eine Affäre, weil sie einfach nicht anders kann, als misstrauisch zu sein.

Verwirrend war der Tatort aus Wien, aber doch solide Unterhaltung. Viele Klischees, einige Längen und dazu die rein akustisch nicht immer gut zu verstehenden Dialoge riefen nicht direkt Begeisterungsstürme hervor, auch wenn es gegen Ende doch noch spannend wurde. Krassnitzer und Neuhauser aber sind ein unschlagbares Team, das mit seiner ganz eigenen Ausstrahlung und viel Wiener Charme den ersten Tatort der Saison dann doch noch zu einem sehenswerten Krimi machten. /sis

“Pumpen” für die Fitness war duchaus wörtlich gemeint: Manfred Schimpf (Thomas Stipsits) ermittelt undergover im Fitnessstudio und trifft auf den Mitarbeiter Markus Hangl (Laurence Rupp), der nicht nur die Betreuung der Mitglieder im Sinn hat. (Foto: ARD Degeto/ORF/Allegro Film/Hubert Mican)

Traum oder Albtraum?

Traum oder Albtraum?
Rezension Andreas Eschbach „Eine Billion Dollar“

Es ist schon eine sensationelle Geschichte, die Andreas Eschbach in seinem 2001 erschienen Roman „Eine Billion Dollar“ erzählt. Eine Geschichte, von der vermutlich sehr viele Menschen träumen. Für John Salvatore Fontanelli wird dieser Traum wahr. Er ist am 23. April 1995 der jüngste Nachfahre des Kaufmanns Giacomo Fontanelli und damit der Erbe eines vor genau 500 Jahren angelegten Vermögens. Und dieses Vermögen ist gigantisch, größer als ein Mensch es sich vorstellen kann: Eine Billion Dollar. Damit wird John Fontanelli auf einen Schlag zum reichsten Mann der Erde.

John erfährt von dieser Erbschaft in einer Zeit, in der er in seinem noch jungen Leben ganz unten angekommen ist. Nach einer unglücklichen Liebe findet er Unterschlupf bei seinem Freund Marvin, einem recht eigenwilligen Musiker. Er fährt Pizzen aus, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Darum kann er sein Glück kaum fassen, als er von der italienischen Anwaltsfamilie Vacchi, die das zu Beginn noch recht bescheidene Vermögen des Giacomo Fontanelli seit 1495 bewahrt und dafür gesorgt hat, dass es sich reichlich mehrt, in einem nobel New Yorker Hotel von der Erbschaft erfährt. Eduardo Vacchi, dessen Vater Gregorio und Onkel Alberto sowie Großvater Cristoforo Vacchi, der Padrone der Familie, führen John während der Testamentseröffnung kurz nach dem 23. April 1995 behutsam an die tatsächliche Höhe seines Erbes heran. Es dauert eine ganze Weile, bis John das Ausmaß begreift. Und auch mit der Prophezeiung, die sich an das Erbe knüpft, kann er lange nichts anfangen. Giacomo Fontanelli hat in seinem Testament festgeschrieben, dass der Erbe mit dem Geld der Menschheit die verlorene Zukunft zurückgegen soll. John reist mit den Vacchis nach Florenz und genießt erst einmal seinen Reichtum. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht die Prophezeiung. Ausgerechnet er, der arme Schlucker aus New York, der noch nie mit Geld umgehen konnte, soll der Menschheit ihre Zukunft zurückgeben? Und dann taucht Malcom McCaine in Johns Leben auf und behauptet, einen Plan für die Erfüllung der Prophezeiung zu haben.

Andreas Eschbach versteht es, den Leser mit seiner Hauptfigur mitleiden zu lassen. Über fast 900 Seiten lang fürchtet der Leser, dass der sympathische John Salvatore Fontanelli sein Vermögen wieder verlieren könnte. Und tatsächlich finden sich außer den Geheimnissen um McCaine weitere Neider, die ihm sein Vermögen abjagen wollen und jede Menge Ungereimtheiten, die Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Erbschaft aufkommen lassen. Die Geschichte bleibt spannend bis zum Schluss und entführt den Leser in die Welt der Reichen und Mächtigen. Sehr deutlich wird die umfassende Macht großer Konzerne, die mit ihrem Geld Staaten in die Knie zwingen und über das Wohl und Wehe ganzer Völker entscheiden können. Dazu liefert Eschbach in den Seitenzahlen Informationen über riesengroße Geldbeträge, wie etwa die Gesamtausgaben im Gesundheitswesen in Deutschland oder die Auslandsschulden Mexikos. Eigentlich interessante Informationen, die aber den Lesefluss unterbrechen und deshalb eher störend wirken. Dennoch sollte man „Eine Billion Dollar“ unbedingt lesen, es lohnt sich! /sis

Bibliographische Angaben
Andreas Eschbach: Eine Billion Dollar
Roman, Lübbe, 2001, 896 Seiten
ISBN 3-7857-2049-1

Politiker sind auch nur Menschen

Politiker sind auch nur Menschen
Rezension “Sagen, was Sache ist” von Wolfgang Kubicki

„Sagen, was Sache ist“, so lautet der Titel von Wolfgang Kubickis neuem Buch und er sagt, was seiner Meinung nach wirklich Sache ist. Der FDP-Politiker aus Schleswig-Holstein plädiert für mehr Mut zu Offenheit, Direktheit und Ehrlichkeit. Mut, den er sein Politiker-Leben lang gezeigt hat. Nicht von ungefähr nannte man ihn Intrigant, Schuft, Abzocker und Querulant, von der Öffentlichkeit und insbesondere der Presse gescholten, von der Partei gar zum Austritt gedrängt und mit Prozessen überzogen. Nie hat er sich unterkriegen lassen. Kubicki kam zurück wie Phönix aus der Asche. Er war 25 Jahre lang Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein, 23 Jahre davon als Vorsitzender seiner Fraktion.

„Mich kann nichts mehr schocken“, gesteht Kubicki und nach „15 Jahren Ralf Stegner“ könne ihn auch nichts mehr beleidigen. Das glaubt man ihm gern, weiß er doch seine Leser mit allerlei politischen Ränkespielchen innerhalb der Parteien zu unterhalten. Barschel, Engholm, Möllemann, Westerwelle – Kubicki hat viel erlebt in seinem Politikeralltag und auch privat hat er einiges zu berichten. Er spricht offen über seine drei Ehen, ist stolz auf seine Töchter, die heute beide wie er selbst Juristinnen sind, und er schildert seine Ängste, als man ihn 1990 mit dem Verdacht auf einen Hirntumor konfrontierte. Aus seinen Erfahrungen bringt er Weisheiten mit ein, die einen tiefen Einblick in seine persönliche Entwicklung geben, aber auch die Berg- und Talfahrten der FDP widerspiegeln.

Auch vor der Bundespolitik macht er nicht Halt, spricht beispielsweise über die Fehler, die in der Flüchtlingspolitik gemacht wurden, lässt sich über die Heuchelei der Kirchen aus, die die Verarmung der Menschen beklagen und zugleich ihrem Präses ein Auto mit Chauffeur stellen.  Auch die deutsche Doppelmoral mit Blick auf Russland kommt zur Sprache, genauso wie der inzwischen wieder weit verbreitete Wunsch der Politik, etwa durch “Nudging” in den Bereich der privaten Selbstbestimmung einzudringen. Auch der SPD gibt er einige klare Worte mit auf den Weg. So beklagt er die Abkehr der Sozialdemokraten von der Agenda 2010, die Deutschland zu einem Erfolgsmodell gemacht habe. Überhaupt sei Erfolg für die SPD inzwischen per se schlecht. Die Partei kümmere sich nur noch um die „durchs Rost Gefallenen“ ohne Bezug zu den Leistungsträgern unserer Gesellschaft. Und er beklagt die Konzertration der Politik auf Minderheiten, die die Interessen der Mehrheit vernachlässige. Schließlich könne niemand etwas dagegen sagen, wenn man sich für Belange einer Minderheit engagiere. Überhaupt sieht Kubicki kalkulierte Untätigkeit als politisches Geschäftsmodell. Das eröffne die Möglichkeit, Missstände öffentlichkeitswirksam anzuprangern und sich so ohne große Umschweife zu profilieren.

Im Gegensatz zu den Transparenzorganisationen fordert Kubicki die existenzielle Unabhängigkeit der Politiker durch eigene Berufstätigkeit, denn wer nur von der Politik lebe, sei auf den guten Willen seiner Parteifreunde angewiesen und damit nicht mehr frei in seinen Entscheidungen. Und um die Freiheit geht es dem sozialliberalen Politiker Wolfgang Kubicki, der die Menschen explizit dazu auffordert, ihre Meinung angstfrei in der Öffentlichkeit zu sagen. Man könne kein Gesamtbild einfangen und keine passenden Lösungen erarbeiten, wenn bestimmte Meinungen erst gar nicht geäußert würden. Überhaupt sei eine Gesellschaft, die nur noch zwischen „gut“ und „böse“ unterscheide, nicht mehr frei!

Auf rund 200 Seiten beschreibt Kubicki sein Leben von der Kindheit bis heute. Außer recht amüsanten Schilderungen seiner persönlichen Lebenserfahrungen lernt der Leser seinen aufreibenden Politikeralltag kennen, der so manches Ereignis der Vergangenheit in ein anderes Licht rückt. Der Autor versteht es, den Leser mitzunehmen in eine Welt, in der es hinter den Kulissen alles andere als zimperlich zugeht. /sis

Bibliographische Angaben

Wolfgang Kubicki: Sagen, was Sache ist
Ullstein Verlag 2019, 205 Seiten mit umfangreichen Bilderanhang
ISBN 978-3-8437-2106-8

Wieder in der Spur

Wieder in der Spur
Kritik zum Polizeiruf 110 „Der Tag wird kommen“
ARD/NDR Polizeiruf 110 “Der Tag wird kommen”: Sascha Bukows (Charly Hübner) Vater ist tot. Katrin König (Anneke Kim Sarnau) versucht ihn zu trösten. (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Haben die Flemmings etwas mit Nadjas Tod zu tun? (v.l n.r. Charly Hübner, Anneke Kim Sarnau, Teo Centoal, Helgi Schmid, Victoria Schulz) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Man hatte sich schon ernsthafte Sorgen gemacht, um LKA-Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und ihren Kollegen Alexander Bukow (Charly Hübner) von der Kripo Rostock. Schließlich nahmen sie ihren Auftrag, für Recht und Gesetz zu arbeiten, in den letzten Folgen des Polizeiruf 110 aus Rostock nicht mehr ganz so ernst, fälschten gar Beweise, um einen verdächtigen Sexualstraftäter hinter Gitter zu bringen. Und das, obwohl ihre Personalakte zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr so makellos war. Eigentlich hätte man beide längst vom Dienst suspendieren müssen. Doch jetzt wollen sie lieber wieder „in der Spur“ bleiben, wie Katrin König explizit in ihrem neuen Fall „Der Tag wird kommen“ betonte. Ursache für den Sinneswandel waren offensichtlich die endlosen Gewissensbisse, die König quälten, das schlechte Gewissen gipfelte in Schlaflosigkeit und Wahnvorstellungen, die sie aber nicht davon abhielten, nach dem wahren Schuldigen für den Mord an einer jungen Frau zu suchen. Bukow und Volker Thiesler (Josef Heynert) konzentrierten sich derweil auf zwei Schlägertypen, die kurz vor dem Mord an Nadja Flemming Katrin König zusammengeschlagen hatten und Kollege Anton Pöschel (Andreas Guenther) machte sich gleich ganz selbstständig und jagte hinter einem Drogendealer her, mit dem Bukows Vater Veith (Klaus Manchen) ein letztes großes Geschäft machen wollte. Vier Erzählstränge, die auf den ersten Blick nichts mit einander zu tun hatten, bis klar wurde, dass hinter den merkwürdigen Ereignissen ein perfider Racheplan von Guido Wachs (Peter Trabner) stand, jener Verdächtige, den Bukow und König mit manipulierten Beweisen ins Gefängnis gebracht hatten. Jetzt drehte Guido Wachs den Spieß um und versuchte mit Hilfe eines ehemaligen Zellengenossens nicht nur Katrin König in den Wahnsinn zu treiben, sondern er ließ auch Bukows Vater kaltblütig ermorden.

Florian Oeller schrieb die ungemein packende und geschickt zusammengefügte Story, Eoin Moore setzte sie spannend und mit viel Gefühl in Szene. Dafür standen ihnen ein hervorragendes Schauspieler-Ensemble zur Verfügung, allen voran Charly Hübner, derzeit wohl der beste deutsche Schauspieler überhaupt. Anneke Kim Sarnaus Mienenspiel hingegen war streckenweisen etwas zu dick aufgetragen, auch wenn beginnender Wahnsinn jeder Schauspielerin einiges an Emotionen abverlangt. Ohne Zweifel aber war dieser Polizeiruf aus Rostock einer der besten, die es je in dieser Reihe gegeben hat. Davon könnte sich so manch andere Krimireihe eine ganz dicke Scheibe abschneiden. /sis

Überragend gut: Charly Hübner in der Rolle des Alexander Bukow. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Am Ende bleibt ein großes Nichts

Am Ende bleibt ein großes Nichts
Kritik zum Tatort München „Lass den Mond am Himmel stehn“
ARD/BR Tatort “Lass den Mond am Himmel stehn”: Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) betrachten den Fundort von Emils Fahrrad im Wald, in der Nähe eines Parkplatzes. ( Foto: BR/Bavaria Fiction GmbH/Hendrik Heiden)

Das ist schon ein sehr bedrückender Fall, der im neuen Tatort aus München mit dem Titel “Lass den Mond am Himmel stehn” im Mittelpunkt steht. Ein Teenager erschlägt seinen angeblich besten Freund Emil Kovacic (Ben Lehmann), einfach nur, weil er ihn in einem Computerspiel zu besiegen droht, die Eltern entsorgen die Leiche in der Isar, das Fahrrad im Wald. Und sie schweigen, beharrlich und völlig emotionslos. Das können sie auch, denn weder sie noch ihr Sohn können für das Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. Basti Schellenberger (Tim Offerhaus) ist erst dreizehn und damit strafunmündig, die Vertuschung der Straftat für einen Angehörigen ist nach § 258 Abs. 6 Strafgesetztbuch ebenfalls straffrei. Das weiß Bastis Mutter als erfolgreiche Rechtsanwältin Antonia Schellenberg (Victoria Mayer) sehr genau und so lässt sie die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) ein ums andere Mal auflaufen. Auch Vater Martin Schellenberg (Hans Löw) schweigt, obwohl er sich damit scheinbar etwas schwerer tut. Einzig für Tochter Hannah Schellenberger (Lea Zoe Voss) ist die Kälte und Abgebrühtheit ihrer Familie unerträglich. Sie packt ihre Sachen und sucht das Weite.

Aber nicht so sehr die Ermittlungen stehen im Vordergrund dieser ungewöhnlichen Geschichte von Stefan Hafner und Thomas Weingartner, sondern das unendliche Leid von Emils Mutter Judith Kovacic (Laura Tonke) und ihrem Mann David, die nicht nur ihren Sohn verloren haben, sondern auch ertragen müssen, dass Emils Tod ungesühnt bleibt. Lange Zeit jagen Leitmayr, Batic und Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) falschen Spuren nach, bis ihnen die angeblich letzte Handynachricht des Opfers den Weg in Bastis Kinderzimmer weist. Selbst als die Spurensicherung das Blutbad der Tatnacht wieder sichtbar macht, sind Basti und seine Eltern zu keiner Regung fähig, scheinen auch überhaupt keine Schuldgefühle, geschweige denn Mitleid mit dem Opfer zu entwickeln.

Die Geschichte spielt sich in einer durchgängig düsteren Atmosphäre ab, die das Grauen fühlbar werden lässt. „Lass den Mond am Himmel stehn“ ist ein gelungenes Psychodrama, das einen jugendlichen Täter schützt, dafür aber die Eltern des Opfers in purer Verzweiflung und die Kommissare am Ende mit leeren Händen zurücklässt. /sis

Witzig auf Teufel komm raus!

Witzig auf Teufel komm raus!
Kritik zum Tatort Weimar „Der letzte Schrey“
ARD/MDR Tatort “Der letzt Schrey”: Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) berichtet Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner), wer die Polizei verständigt hat. (Foto: MDR/Steffen Junghans)
Frau Dr. Seelenbinder (Ute Wieckhorst) erklärt Kira Dorn (Nora Tschirner), Lessing (Christian Ulmen) und Kurt Stich (Thorsten Merten) ihre ersten Erkenntnisse nach Inspektion der Leiche. (Foto: MDR/Steffen Junghans)

Wer sich einen Tatort aus Weimar mit den Kommissaren Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) anschaut, weiß von vornherein, dass er eher eine locker-flockige Komödie zu sehen bekommt als einen spannenden Krimi. “Witzig auf Teufel komm raus” ist die Devise. Genauso war denn auch wieder der neueste Tatort aus Weimar mit dem Titel „Der letzte Schrey“ aus der Feder von Murmel Clausen unter der Regie von Mira Thiel. Wobei diesmal nicht unbedingt Lessing und Dorn die besten Witze von sich gaben, sie waren eigentlich nur Nebendarsteller und entspechend weniger komisch. Es sei denn, man findet Lessings Bad in der Jauchegrube besonders erquicklich. Die Hauptrollen spielten viel eher die beiden Entführer Freya (Sarah Viktoria Frick) und Zecke (Christoph Vantis), die mit dem IQ einer Ameise (wobei nicht die Ameise beleidigt werden soll) den Sohn von Marlies Schrey (Nina Petri) und Gerd Schrey (einfach großartiger Jörg Schüttauf) mit der Entführung seiner Eltern erpressen wollten. Erst erschlugen sie Marlies Schrey mit einem Fleischklopfer, kurz darauf musste auch Freya daran glauben. Zecke, plötzlich auf sich allein gestellt, überlebte seinen recht witzigen Drahtseilakt auf einer Hochspannungsleitung natürlich auch nicht. Übrig blieb der entführte Gerd Schrey, der sich mit gefesselten Füßen – eines Pinguins durchaus würdig – und der Million Lösegeld ungestört auf den Heimweg machen konnte. Opfer gerettet, Entführer tot, Fall gelöst. Jedenfalls fast. Denn Dorn und Lessing waren sich durchaus bewusst, dass Freya und Zecke die Entführung mit ihrer „geistigen Grundausstattung“ nie im Leben alleine hatten planen und durchführen können. Und sie wussten auch gleich, wo sie die Urheberin finden konnten: Da wo Gerd Schrey vor seinem Auftauchen bei der Polizei das Lösegeld versteckt hatte. Wieso Sohn Maik Schrey (Julius Nitschkoff), der einzige der in diesem ganzen Schlamassel von nichts eine Ahnung hatte, wissen konnte, wo sich sein Vater, das Lösegeld und die Anstifterin zur Entführung – zugleich Maiks Freundin – Doreen Grobe (Antonia Münchow) aufhielten, blieb eine der vielen offenen Fragen. Aber darum geht es beim Tatort Weimar in aller Regel auch nicht. Ungereimtheiten in der Story sind nicht so wichtig, es zählt nur Witz, mag er auch noch so gezwungen daherkommen. Wer es sich mit dieser Erwartungshaltung vor dem Fernseher bequem gemacht hatte, wurde nicht enttäuscht. /sis

Eindrucksvoll in Szene gesetzt

Eindrucksvoll in Szene gesetzt
Kritik zum Tatort Stuttgart „Du allein“
ARD/SWR Tatort “Du allein“: Letzter Einsatz von Carolina Vera als Staatsanwältin Emilia Álvarez im Polizeipräsidium mit Richy Müller als Hauptkommissar Thorsten Lannert und Felix Klare als Hauptkommissar Sebastian Bootz. (Foto: SWR/Johannes Krieg)
Thorsten Lannert (Richy Müller) und KTI-Spezialistin Andrea Botros (Isabel Schosnig) machen sich Gedanken über die Schussbahn. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Im Herbst 2016 starb ein damals 83-jähriger Rentner, nachdem er zuvor in einer Bankfiliale in Essen ohnmächtig zusammengebrochen war und ihm nicht geholfen wurde. Insgesamt vier Personen gingen an ihm vorüber, ohne sich um ihn zu kümmern. Sie hatten ihn für einen schlafenden Obdachlosen gehalten, sagten sie ein Jahr später vor Gericht aus. Sie wurden vom Amtsgericht Essen wegen unterlassener Hilfeleistung zu moderaten Geldstrafen verurteilt.

Dieser Fall scheint Drehbuchautor Wolfgang Stauch als Vorlage für seinen Tatort Stuttgart mit dem Titel „Du allein“ gedient zu haben. Genau das gleiche Geschehen beschreibt er als Motiv für einen Rachefeldzug. Für die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) sowie Staatsanwältin Emilia Alvarez (Caroline Vera) sieht es lange Zeit so aus, als erschieße eine Irre völlig wahllos Menschen in Stuttgart. Erst nach einer scheinbar absichtlich misslungenen Geldübergabe erkennen Lannert und Bootz den Zusammenhang zwischen den bis zu diesem Zeitpunkt zwei Toten. Sie waren – zusammen mit zwei weiteren Personen – an einem Abend in der Bank, in der ein Schreinermeister mit Herzinfarkt zusammengebrochen war. Alle vier gingen an ihm vorüber, hielten ihn für einen Penner. Anders als in der wahren Geschichte aber werden die vier weder angeklagt noch verurteilt. Grund genug für die Geliebte des Toten, Tamara Stuber (großartige Katja Bürkle), sich grausam zu rächen. Drei der vier verlieren ihr Leben, ehe es Lannert und Bootz gelingt, die Täterin zu stoppen. Nur Tabakwarenhändler Peter Jensch (Karl Markovics) überlebt. Er ist der einzige der vier Beschuldigten, der unter der unterlassenen Hilfeleistung ernsthaft gelitten hat, sein Leben seither für „nicht mehr angenehm“ hält und sich aus Angst – vielleicht vor berechtigter Strafe – nicht mehr aus dem Haus traut. Er kümmerte sich nicht um den am Boden liegenden Schreiner, weil er noch schnell in den Supermarkt wollte, um Butter fürs Frühstück einzukaufen. Ein Stück Butter für ein Menschenleben!

Der Erpresser hat Sebastian Bootz (Felix Klare) in eine S-Bahn gelenkt, aus deren Fenster er zu einem bestimmten Zeitpunkt die Geldpakete werfen soll. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Die von Regisseurin Friederike Jehn eindrucksvoll in Szene gesetzte Geschichte überzeugt nicht zuletzt, weil einmal die aufwendigen Ermittlungsarbeiten im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Lannert und Bootz werden von einem Heer von Spezialisten unterstützt, darunter die Leiterin des Kriminaltechnischen Instituts (KTI) des Landeskriminalamtes Andrea Botros (Isabel Schosnig), die mit besonderen Fähigkeiten glänzte. Sie konnte aber Mimi Fiedler als Kriminaltechnikerin Nika Banovicgs auch nicht wirklich ersetzten, Mimi Fiedler hat den Stuttgarter Tatort 2018 verlassen. Wenig verständlich dagegen waren die eingestreuten Rückblenden, die nicht so recht in den Verlauf der Geschichte passen wollten und deshalb erst kurz vor der Auflösung des Falles als Rückblicke auf das Geschehen vor drei Jahren zu erkennen waren. Angenehm fallbezogen präsentierten sich die beiden Kommissare, fast gänzlich ohne die im Tatort inzwischen leider üblichen privaten Scharmützel. Warum allerdings die Täterin ihren Rachefeldzug erst nach drei Jahren angetreten hat und woher ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten im Umgang mit Schusswaffen stammten, wurde nicht erläutert.

Der 25. Stuttgarter Tatort ist der letzte mit der beim Publikum sehr beliebten Staatsanwältin Emilia Alvarez. Darstellerin Carolina Vera steigt aus. Schade, dass man sie so gar nicht verabschiedet hat. /sis

Thorsten (Richy Müller) und Sebastian (Felix Klare) fürchten, dass all ihre Routinen ihnen in einem Heckenschützen-Fall nichts nutzen. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Klare Sprache für eine klare Position

Klare Sprache für eine klare Position
Rezension Peter Hahne: Seid ihr noch ganz bei Trost! Schluss mit Sprachpolizei und Bürokraten-Terror

„Seid ihr noch ganz bei Trost“ fragt Journalist und Autor Peter Hahne in seinem neuesten Büchlein und zielt dabei auf all die kleinen und großen Ärgernisse ab, die uns Politiker und andere Institutionen beinahe täglich bescheren. Der Frage kann man sich nur anschließen! Sind unsere Politiker denn wirklich noch ganz bei Trost, wenn sie die schleichende Islamisierung verdrängen und verharmlosen? Erkennen sie nicht, was sie anrichten, wenn etwa Weihnachtsmärkte plötzlich zu Wintermärkten, St. Martin zum Lichterfest oder auch Schweinefleisch von den Speiseplänen gestrichen werden? „Bunt“ wird hier mit „bekloppt“ verwechselt, meint Peter Hahne und ermahnt seine Journalistenkollegen wachsam und kritisch zu sein, statt die Augen zu verschließen etwa vor Erdogans Einfluss auf die hier lebenden Muslime. Sie sollten nicht verharmlosen, sondern anprangern, was gegen die Freiheit unseres Grundgesetzes steht.

Nicht nur der Islamisierung widmet sich der Autor, sondern auch der Tatsache, dass in unserem Land nur noch die Mainstream-Meinung gelte. Die Intoleranz der angeblich Toleranten mache nicht einmal vor der Wissenschaft halt. Und er fragt sich, wie es soweit kommen konnte, dass bestimmte Meinungen zu Gender, Islam, Globalisierung und Umweltpolitik einfach ausgegrenzt würden. Keiner wolle mehr mit Streitfragen oder gar irritierenden Ideen belastet werden. Hahne aber findet, eine echte Persönlichkeit brauche den Meinungsstreit nicht zu fürchten. Er verweist auf Harald Schmidt, dessen Satire heute gar nicht mehr möglich wäre: „Die Sprachpolizei“ hätte ihn längst geköpft. Die Deutschen wollten Exportweltmeister der Hochmoral werden. Dabei hätten die Bürger längst das Vertrauen zum Beispiel auch in die Justiz verloren. Richter, Staatsanwälte und Beamte in den Ausländerämtern hätten inzwischen mehr Angst vor Araber-Clans als vor dem jüngsten Gericht. Dabei ist ihm als bekennender Christ insbesondere auch die zunehmende Christenverfolgung rund um den Globus ein Dorn im Auge.

Auch die Überheblichkeit der Gesellschaft prangert Hahne an. Ehrliche Handwerks- und Lehrberufe zählten nicht mehr. Metzger und Bäcker stürben aus und wir wunderten uns über Industrielebensmittel auf unseren Tellern, die den Namen Lebensmittel gar nicht verdienten. Ebenso fragwürdig sind für den Autor Politiker, die in die Wirtschaft gehen, dort horrende Gehälter, Abfindungen und Pensionen kassierten und Abgeordnete, die ihre Diäten erhöhten, während der kleine Sparer sein Geld durch die Null-Zins-Politik verliere. Er moniert den Frust der Eliten, die das Land verließen, weil politische Fehlentscheidungen und die Ansprüche der Integrationspolitik sie überforderten. Deutschland, meint Hahne, habe einst auf Maß und Mitte gesetzt, heute sei es nicht einmal mehr Mittelmaß.

Überheblich findet der Autor auch die neue Umweltbewegung. Er spricht gar von einer „Infantilisierung der Politik“. Und er wehrt sich entschieden gegen die Beschimpfung seiner Generation als Umweltsünder von technisch hochgerüsteten und mit Flugreisen verwöhnten Kindern. Keine andere Generation habe je so nachhaltig gelebt wie die in den 1950er Jahren geborene: Kleider wurden geflickt, den Weg zur Schule ging man zu Fuß, gespielt wurde auf der Straße, gegessen wurde was die Natur gerade hergab und Urlaubsreisen gab es höchstens mit dem Fahrrad. Recht hat er! Besser wäre es, die jugendlichen Umweltaktivisten würden die Freitage für ein doppeltes Lernpensum verwenden, um durch Bildung die Probleme der Zukunft zu lösen, so sein durchaus bedenkenswerter Vorschlag.

Besonders hart geht Hahne mit der irrsinnigen “Sprachpolizei” ins Gericht, für die letztlich die Steuerzahlen aufkommen müssten. Ihr Genderwahn mache vor Pipi Langstrumpf genauso wenig halt wie vor der Bibel, die selbsternannten Missionare der politischen Korrektheit gäben absurde sprachliche Empfehlungen und beschäftigten nicht selten gar die Gerichte mit ihrem Unfug. All das hätte uns die angeblich wissenschaftliche Genderforschung eingebracht. Dabei wollten 73 Prozent der Deutschen diese Sprachanpassungen gar nicht. Das Ziel von Sprache sei es, zu verstehen. Ohne klare Sprache könne man keine klare Position beziehen. Selbst die Medien verschanzten sich hinter Fachchinesisch und Expertensprech.

Peter Hahne tut das nicht. Er sagt klar war Sache ist und mahnt zu Respekt, Anstand und Haltung, an denen es nicht nur den Politikern in unserem Land mangele. Nach der Lektüre bleibt in der Tat nur eine Frage übrig: “Sind die denn alle noch ganz bei Trost“? /sis

Bibliographische Angaben:
Peter Hahne: Seid ihr noch ganz bei Trost! Schluss mit Sprachpolizei und Bürokraten-Terror
Quadriga Verlag 2020, 128 Seiten
ISBN 978-3-86995-096-9

Eine wahre Freude für echte Krimifans

Eine wahre Freude für echte Krimifans
Kritik zum Tatort Köln „Gefangen“
ARD/WDR Tatort “Gefangen”: Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, rechts) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) an der Wurstbraterei, neben der Hohenzollernbrücke mit dem Kölner Dom im Hintergrund. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Max Ballauf ist im Dienst, aber nicht richtig da. Er wendet sich ab, während Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch) und Freddy Schenk die Leiche von Professor Krüger (Thomas Fehlen) untersuchen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Mit einem überraschenden Ende wusste der neue Tatort aus Köln mit dem Titel „Gefangen“ zu überzeugen. Schien der Fall am Anfang recht durchschaubar, verstand es Drehbuchautor Christoph Wortberg die Zuschauer geschickt in die Irre zu führen und die wahre Täterin erst durch eine Eingebung von Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) zu überführen. Weniger gelungen war dagegen die Darstellung von Ballaufs Trauma. Ballauf hatte im Fall „Kaputt“ im Einsatz die Kollegin Melanie Sommer (Anna Brüggemann) erschossen. Nun plagen ihn Albträume und Schuldgefühle. Im neuen Fall „Gefangen“ taucht die tote Melanie immer wieder vor Ballaufs Augen auf und beeinträchtigt seine Arbeit und sein Verhältnis zu seinen Kollegen. Freddy Schenks (Dietmar Bär), Norbert Jüttes (Roland Riebeling) und Psychotherapeutin Lydia Rosenbergs (Juliane Köhler) Bemühungen, Ballauf zu helfen, weist der schroff zurück. Im Laufe des Geschehens aber treten die Erscheinungen der toten Melanie immer mehr in den Hintergrund, Ballauf konzentriert sich auf den Fall und die darin verwickelte Julia Frey (Frida-Lovisa Hamann). Julia sitzt in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik, zu Unrecht, wie Ballauf herausfindet. Während Freddy Schenk den wahren Täter in Rechtsanwalt Florian Weiss (Andreas Döhler), Julias Schwager, gefunden haben will, erkennt Ballauf Julias geschickte Manipulation. Damit war dann aber nicht nur der Fall gelöst, sondern auch gleich Ballaufs Trauma – wenig glaubwürdig zwar, aber dennoch fesselnd erzählt.

Überzeugen konnte nicht nur die geschickt konstruierte Geschichte, eine wahre Freude für echte Krimifans, sondern auch die durchaus denkbare Konstellation, als Gesunder in der Psychiatrie gefangen zu sein, weil ein Arzt oder irgendjemand sonst das aus irgendeinem Grund so will. Dieser Tatort wusste nicht nur gut zu unterhalten, sondern schickte seine Zuschauer auch mit dem unguten Gefühl in die Nacht, dass womöglich viele Opfer solch perfider Intrigen ihre Leben in geschlossenen psychiatrischen Abteilungen verbringen. /sis

Bei Übungen im Schießstand erleidet Max Ballauf einen Zusammenbruch. Sein Trauma lässt ihn nicht los, Freddy Schenk will ihm helfen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Starker Tatort vor perfekter Kulisse

Starker Tatort vor perfekter Kulisse
Kritik zum Tatort „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“
ARD/NDR Tatort “Borowski und der Fluch der weißen Möwe”: Die Ermittlungen sind nervenaufreibend: Mila Sahin (Almila Bagriacik), Klaus Borowski (Axel Milberg, rechts) und Roland Schladitz (Thomas Kügel) (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Borowski und Mila Sahin versuchen, Nasrin (Soma Pysall) zu beruhigen (Foto: NDR/Christine Schroeder)

„Der Fluch der weißen Möwe“ heißt der neue Tatort aus Kiel mit Klaus Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik). Die weiße Möwe symbolisiert eigentlich die Sehnsucht nach Freiheit und Unendlichkeit. Die junge Frau namens Jule, die gleich zu Beginn des Tatorts vor den Augen ihrer ehemaligen Freundin Nasrin Erkmen (Soma Pysall) und den beiden Polizeischülern Tobias Engel (Enno Trebs) und Leroy Schüttler (Stefan Hergli) von einem Hochhausdach springt, sehnt sich aber vermutlich mehr nach Vergessen. Sie war vor Jahren Opfer einer Vergewaltigung geworden, ein traumatisches Erlebnis, dessen Erinnerung sie nicht länger ertragen kann. Ausgerechnet ihre Freundin Nasrin hatte sie damals den beiden Tätern zugespielt. Nasrin ist inzwischen Polizeimusterschülerin, die zusammen mit ihrem Freund Tobias, Leroy und Sandro (Louis Held) das Leben genießt. Bis zu diesem Zeitpunkt. Denn während einer Übung an der Polizeischule, die Borowski und Mila Sahin leiten, sticht Nasrin wie von Sinnen auf Sandro ein, niemand kann sie stoppen, Sandro stirbt.

Bis dahin eine spannende Geschichte mit dramatischen Szenen. Dann nimmt die Story aber einen eher unrealistischen Verlauf: Statt Nasrin in die Psychiatrie zu stecken und Borowski und Sahin als unmittelbare Zeugen des Geschehens von den Ermittlungen auszuschließen, schickt das erfahrene Autorenduo Eva und Volker Zahn Nasrin ins Gefängnis und lässt die beiden Kieler Kommissare die Hintergründe der Tat beleuchten. Dabei pflastern noch mehr Leichen ihren Weg. Nasrins Freund Tobias, der ebenfalls keinen psychologischen Beistand bekommt und völlig ungehindert seine Dienstwaffe mit nach Hause nehmen kann, übt blutige Rache an den beiden mutmaßlichen Vergewaltigern, Mitschüler Leroy hilft beim Vertuschen, das alles vor der fantastischen Kulisse Kiels, von dem in diesem Tatort endlich einmal etwas mehr zu sehen war. Überhaupt hat Regisseur Hüseyin Tabak seinen ersten Tatort grandios in Szene gesetzt, die Spannung von der ersten bis zur letzten Minute gehalten, trotz der Ausflüge ins Unrealistische. Für sein Debüt stand ihm ein großartiges Schauspielerensemble zur Verfügung, neben Axel Milberg und Almila Bagriacik ganz besonders auch Soma Pysall. Davon würde man sehr gerne sehr viel mehr sehen! /sis

Haben Borowski (Axel Milberg) und Sahin (Almila Bagriacik) versagt? Wie konnte es zu dem Vorfall kommen? (Foto: NDR/Gordon Timpen)

Wie viel mehr “weniger” sein kann!

Wie viel mehr “weniger” sein kann!
Rezension Anne Weiss „Mein Leben in drei Kisten“

Endlich ausmisten, alles los werden, was nicht mehr gebraucht wird und nur Platz beansprucht! Wie oft nimmt man sich das vor, schafft aber angesichts der Krempelberge einfach den ersten Schritt nicht. Die Autorin Anne Weiss hat es geschafft, sie hat nicht nur den ersten Schritt gemacht und sich von allem getrennt, was sie nicht wirklich mehr braucht, sondern sie hat nach der Wohnung auch ihr Leben ausgemistet und sich so viel mehr Freiräume geschaffen, nicht nur in ihrem Umfeld. Anne Weiss wirft in ihrem Buch nicht nur einen Blick auf die Unordnung in unseren Schränken, sondern auch in unseren Köpfen, sie schaut auf unsere Konsumdenkweise, unser Reiseverhalten und das berufliche Hamsterrad, das uns zielsicher an den Abgrund eines Burn-outs katapultiert. Sie legt den Finger in all unsere Alltagswunden, bleibt dabei aber nicht stehen, sondern zeigt Alternativen auf, Wege, die sie gegangen ist, die auch jeder andere gehen kann. Und sie schafft es mit ihrer begeisternden Art von sich zu berichten, genug Motivation zu entfesseln. Am liebsten möchte man das Buch aus der Hand legen und selbst gleich mit dem Ausmisten beginnen, wollte man nicht vorher wissen, wie sich das lebensentscheidende Jahr, von dem Anne Weiss in ihrem Buch erzählt, weiterentwickelt, wie es endet. Anne Weiss verzichtet nicht nur auf jeden Krempel in ihren Leben, sie verzichtet auch auf einen gutdotierten Job, nachdem ihr bewusst geworden ist, was sie wirklich glücklich macht: ein freies, selbstbestimmtes Leben.

Nun mag es nicht jedem gelingen, sein Leben in nur drei Kisten zu packen. Doch selbst wenn der Erfolg nicht so durchschlagend ist, kann man nach der Lektüre des Buches sehr deutlich erkennen, wie viel mehr „weniger“ sein kann. Es ist der Wechsel der Perspektive, mit dem man auf all den Tand und Tinnef schaut, den man im Laufe seines Lebens angehäuft hat. Braucht man das alles wirklich? Macht der bloße Besitz glücklich? Die Autorin gibt auf diese und viele andere Fragen brauchbare Antworten und dazu viele nützliche Tipps und Informationen, wie man mit dem Ausmisten anfängt und vor allen Dingen auch wie man all den Krempel nachhaltig wieder los wird! /sis

Bibliographische Angaben:
Anne Weiss „Mein Leben in drei Kisten. Wie ich Krempel rauswarf und das Glück reinließ“
Knaur Verlag 2019, 288 Seiten
ISBN 978-3-426-79060-1

Göttliche Märchenstunde aus Frankfurt Oder

Göttliche Märchenstunde aus Frankfurt Oder
Kritik zum Polizeiruf 110 „Heilig sollt ihr sein“
ARD/rbb Polizeiruf 110 “Heilig sollt ihr sein”: Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon), Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) und ihr Kollege Wiktor Krol (Klaudiusz Kaufmann) haben die schwierige Aufgabe, eine Geiselnahme im Gefängnis zu deeskalieren. (Foto: rbb/Arnim Thomaß)
Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon, re) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, li) dursuchen das Zimmer des flüchtigen Täters. (Foto: rbb/Arnim Thomaß)

“Was war das?”, fragte sich der Zuschauer nach dem Polizeiruf 110 mit dem Titel „Heilig sollt ihr sein“ aus Frankfurt (Oder). Ein Scherz? Satire? Ernst können es die Macher, Drehbuchautor Hendrik Hölzemann und Regisseur Rainer Kaufmann, jedenfalls nicht gemeint haben, dazu war die Story viel zu wirr mit unendlich vielen offenen Fragen am Ende. Hinzu kam eine gehörige Portion Ungereimtheiten, eine völlig verunglückte Reanimation zum Beispiel, ein angeblich Frühgeborenes, das mindestens schon ein oder mehr Monate alt war und neben Kommissar Zufall spielten auch private Verquickungen wieder einmal eine erhebliche Rolle.  Hauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) war mehr mit seiner an Krebs erkrankten Mutter beschäftigt als mit dem aktuellen Fall. Seine Partnerin Olga Lenski (Maria Simon) wies ebenfalls kaum kriminalische Leidenschaft auf, hatte aber auch nicht wirklich großartige Ermittlungsarbeit zu erbringen. Von Anfang an war klar, wer als “Heiliger Elias” alias Jonas Fleischauer (Tom Gronau) durch die Gegend spazierte und seine guten Taten vollbrachte, ob sie nun erwünscht waren oder nicht. Da kamen auch die Bemühungen eines im Auftrag der Mutter Magda Fleischauer (Anna Grycewicz), einer fanatischen Katholikin, tätige Exorzisten nicht gegen an. Und zu guter Letzt war noch eine „unbefleckte Empfängnis“ im Spiel. Unerträglich für gläubige Christen. Eine Erklärung dafür gab es nicht. Jonas konnte seinen Verfolgern immer wieder entkommen und versuchte sich sogar an der Auferweckung einer Toten, fiel am Ende aber einer völlig durchgeknallten Drogensüchtigen zum Opfer, deren Bekehrung ihm partout nicht gelingen wollte. Das alles in einer bunten deutsch-polnischen Sprachmischung mit unzähligen Untertiteln. Der des Polnischen nicht mächtige Zuschauer war so aber wenigstens mit Lesen beschäftigt und konnte der völlig abwegigen Geschichte nicht ganz so konzentriert folgen. Absicht?

Maria Simon wird den Polizeiruf noch in diesem Jahr verlassen. Das kann man ihr, nach derart schlechten Vorlagen, nicht wirklich verübeln. Vielleicht aber gibt ein Wechsel gerade diesem Polizeiruf neuen Schwung, mit neuen Gesichtern und dann hoffenlich auch wieder guten, spannenden Geschichten. Ein Spielort in Grenznähe muss doch mehr zu bieten haben! /sis

Sammy Fauler (Kyra Sophia Kahre) versucht, mit Jonas Fleischauer (Tom Gronau, re) als Geisel aus dem Gefängnis zu entkommen. (Foto: rbb/Arnim Thomaß)

Wieder ein Tatort mit erhobenem Zeigefinger

Wieder ein Tatort mit erhobenem Zeigefinger
Kritik zum Tatort Göttingen „National feminin
ARD/NDR Tatort “National feminin”: Anais Schmitz (Florence Kasumba) und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) verhören drei Studenten, die der “Jungen Bewegung” angehören. (Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus)
Vor dem Polizeipräsidium machen Mitglieder der “Jungen Bewegung” Stimmung gegen die Polizei. (Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus)

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben bekanntermaßen einen Bildungsauftrag. Warum der sich aber nur im Vorführen der rechtsradikalen Szene erschöpfen muss, bleibt das Geheimnis der Tatort-Macher. Der Tatort aus Göttingen mit dem Titel “National feminin” indes hatte neben der rechtsradikalen Gruppe mit dem Namen “Junge Bewegung”, die aus drei durchweg intelligenten, jungen Menschen bestand, auch die radikalen Feministinnen im Blick, eine eher ungewöhnliche Mischung. In diesem Umfeld musste das so ungleiche Kommissarinnen-Duo Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba) nach dem Mörder von Marie Jäger (Emilia Schüle), einer erfolgreichen Bloggerin, fahnden. Allzu schwierig war das nicht, halten die Jugendlichen heute doch jeden ihrer Atemzüge im Video fest, das dann seinen Weg ins Netz oder eben auch nur auf ein privates Speichermedium findet. Schmitz und Lindholm mussten also nur auf die Entschlüsselung der natürlich streng geheimen Passwörter warten und schon konnten sie den Tathergang lückenlos rekonstruieren. Entsprechend kurz und heftig waren die Vernehmungen der „Jungen Bewegung“, in denen es mehr um typisch braunes Geschwätz und “Ausländer-raus”-Parolen als um Maries Tod ging. Mord und Polizeiarbeiten wurden – wie nicht anders zu erwarten – dafür heftig kritisiert und an den öffentlichen Pranger gestellt. Eine Lehrstunde, wie Radikale ihre Bühne bauen und nutzen. Dazu gab es zwei völlig bedeutungslose Nebengeschichten: Ein junger Mann, der seinen Vater hasst, wegen einer Farbbeutelattacke ins Visier der Polizei gerät und dafür mit dem Leben bezahlt und Charlotte, die ungeniert mit Anais Ehemann Nick (Daniel Donskoy) flirtet. Spannung gab es keine. Dass der Hintergrund des Geschehens eher im komplizierten Beziehungsgeflecht des Opfers als in einer politisch motivierten Tat zu suchen war, war nur allzu leicht durchschaubar. Obwohl dem wahren Täter von Anfang bis zur Auflösung nicht das geringste anzumerken war, was wiederum schlicht unglaubwürdig wirkte.

Wer sich gerne belehren lässt und vielleicht auch ein bisschen Nachhilfe in Sachen Rechtsradikalismus und Feminismus benötigte, war mit diesem Tatort aus der Feder von Daniela Baumgärtl und Florian Oeller sicher gut bedient. Für Krimifreunde bedeutete „National feminin“ doch eher gepflegte Langeweile, allenfalls unterbrochen von der Empörung über Charlotte Lindholms – augenscheinlich – plumpen Versuch, sich an den Ehemann ihrer Partnerin Anais Schmitz heranzumachen. Ein absolutes “No-go”, wie es neudeutsch so kurz und treffend heißt! /sis

Ciaballa (Jonas Minthe), Anais (Florence Kasumba) und Charlotte (Maria Furtwängler) entdecken einen verdächtigen Fahrradfahrer. (Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus)

Vorsicht vor rührseliger Empfindsamkeit

Vorsicht vor rührseliger Empfindsamkeit
Rezension Alexander Grau, Politischer Kitsch – eine deutsche Spezialität

Der deutsche Philosoph, Publizist und Autor Alexander Grau führt seinen interessierten Lesern mit seinem Essay „Politischer Kitsch – eine deutsche Spezialität“ vor Augen, wie mit zur Schau getragene Empfindsamkeit Politik gemacht wird, wie sich diese Art, autoritäre Politik zu legitimieren, im Laufe der Geschichte entwickelt hat und wie wichtig es ist, diese manipulative Kommunikation zu verstehen. Dabei ist politischer Kitsch ganz einfach zu entlarven, wenn Politiker mit purer Berechnung an die Rührseligkeit der Zuhörer appellieren, dann hat das nichts mit der Realität zu tun. Die schwere Jugend, Armut, Ungerechtigkeit – ist gibt viele Themenfelder, die sich dafür eigenen. Auch die Medien machen eifrig mit, sie führen verzweifelte Menschenmassen vor und ersticken damit jede Diskussion im Keim. Wer will sich schon gegen Empfindsamkeiten stellen, wenn Mahnwachen und Lichterketten Solidarität verlangen. Diese Art politischer Kitsch wird, so der Autor, zum tragenden Element der Gesellschaft, kühle Vernunft dagegen als Zynismus abgetan. Es sei zwar nicht verboten, große Gefühle zu seinen Gunsten zu nutzen, es könne indes in der Politik verheerende Folgen haben, wenn der moderne Mensch die manipulative Form der Kommunikation nicht durchschaut. „Wenn das Herz spricht, ziemt es sich nicht, dass der Verstand etwas dagegen einwendet“, zitiert Alexander Grau den tschechisch-französischen Schriftsteller Milan Kundera. Und tatsächlich hat man den Eindruck, dass zur Schau getragene Empfindsamkeit den Verstand der Massen benebelt.

Seinen Ursprung hat politischer Kitsch nach Alexander Grau im Christentum, in dem die reale Welt ins Transzendentale abdriftete, ins Übernatürliche, Metaphysische also. Kitschiges Denken entstand dort, wo die Realität idealisiert wurde. Im 19. Jahrhundert setzte sich Kitsch schließlich als Mittel der politischen Kommunikation auch in Deutschland durch. Säkulare Institutionen überzeichneten profane Botschaften und suggerierten so Überweltlichkeit. Im 20. Jahrhundert wurde das kitschige Denken gar Programm. Emotionen spielten die entscheidende Rolle, das subjektive Empfinden wurde zum Maßstab, der Wohlfahrtsstaat fand seine Daseinsberechtigung in der Befriedigung der subjektiven Bedürfnisse statt der Beseitigung von Mangel. Alle Menschen sind gut, die Welt ist schön. Wer das anders sieht, begeht Verrat an der guten Sache und an der Menschlichkeit. Die Welt hat sanft und gut zu sein und das wird mit aller Brutalität durchgesetzt. Gerade der Deutsche ist verliebt in Ideen, nicht in die Wirklichkeit. Er will die Welt retten, den Frieden, das Klima.

In seinem kurzen Essay gelingt es Alexander Grau die Entstehung und Bedeutung von politischem Kitsch anschaulich und nachvollziehbar herauszuarbeiten und vor ihren Gefahren nachdrücklich zu warnen. Diese kitschigen Leidenschaften seien es, die die Menschen unbedacht, rücksichtslos und selbstgerechten machten. /sis

Bibliographische Angaben:
Alexander Grau: Politischer Kitsch – eine Spezialität
Essay, Claudias Verlag, München 2019, 59 Seiten
ISBN 978-3-532-60042-9

Kurze Story, langatmige Nebenhandlungen

Kurze Story, langatmige Nebenhandlungen
Kritik zum Tatort Frankfurt „Die Guten und die Bösen“
ARD/HR Tatort “Die Guten und die Bösen”: Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich) vernehmen Ansgar Matzerath (Peter Lohmeyer, sitzend), der den Peiniger seiner Frau brutal ermordet hat. (Foto: HR/Degeto)

Ein Tatort mit der vor fast genau einem Jahr – am 21. April 2019 – leider viel zu früh verstorbenen Hannelore Elsner, das ließ aufhorchen und weckte große Erwartungen. Leider entpuppte sich der neue Tatort aus Frankfurt mit dem Titel „Die Guten und die Bösen“ aber als moralisch-philosophische Diskussionsrunde über Gut und Böse mit einer ganzen Reihe langatmiger und völlig unnötiger Nebenhandlungen. Die Geschichte selbst hätte gut und gerne in eine kurze Vorabendserie gepasst. Drehbuchautor David Ungureit ließ seine Figuren über die Werte diskutieren, die ein Polizist gemeinhin zu vertreten hat, stürzte die Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) nach einer durchzechten Nacht und mit einem gewaltigen Kater in eine Identitätskrise, nicht etwa wegen des aktuellen Falls, sondern in Zusammenhang mit einem Coaching, dessen Sinn auch nicht so recht nachvollziehbar war. Aber darum ging es auch nicht in diesem Tatort, nicht um eine spannende Geschichte, nicht um Logik und Nachvollziehbarkeit, sondern ausschließlich darum, ob ein Täter auch ein Opfer sein kann und Mitleid statt Strafe verdient.

Ansgar Matzerath (Peter Lohmeyer) hatte den vermeintlichen Peiniger seiner Frau brutal umgebracht und sich gleich selbst gestellt. Er wollte Strafe, die ihm Janneke und Brix aber einfach nicht ohne weiteres zugestehen wollten, frei nach der Devise: ein Polizist ist immer ein Guter, ein Mörder hingegen ein Böser. Als Kollege konnte Matzerath mithin nicht der Böse sein. Und so suchten die Kommissare nach Erklärungen für sein grausames Tun, nach mildernden Umständen für eine geringere Strafe, allerdings nur im Zwiegespräch, nicht etwa durch polizeiliche Ermittlungen, wie man das in einem Krimi hätte erwarten dürfen. Das war es auch schon. Die dialoglastige Geschichte spielte in einem offenbar völlig heruntergekommenen Gebäude, das unverständlicherweise noch immer als Polizeipräsidium diente, zum größten Teil aber schon leer stand. Im Keller studierte die pensionierte Kommissarin Elsa Bronski (Hannelore Elsner) alte, ungelöste Fälle, auf dem Dach hielt Olivia Dor (Dennenesch Zoudé) ihr Seminar ab, auf einer Etage hatten sich die Kommissare auf dem Flur eingerichtet, auf dem Anna Janneke – warum auch immer – gerade ihre Fotos ausstellte. Zwischen den Stockwerken jagte Bronskis Schäferhund hinter einem roten Ball her und nebenbei erklärten die Kommissare, Assistenten und der Staatsanwalt vor der Kamera im Rahmen des Coaching-Seminars, welche Bedeutung der Polizeiberuf für sie ganz persönlich hat, welche Werte sie vertreten. In diesem Zusammenhang erfuhren die Zuschauer dann auch gleich noch, wie viele frische Hemden Kommissar Brix vorsichtshalber im Auto mit sich führt. Nichts von alledem hatte mit dem Fall zu tun – und nichts war auch wirklich wichtig oder gar spannend. Für ein bisschen Action sorgten lediglich die Handwerker, die mit allerlei Material eifrig durch die Gänge huschten, ohne indes tatsächlich etwas zu reparieren oder renovieren.

Einzig Elsa Bronski ließ so etwas wie kriminalistisches Gespür durchblicken, übernahm Verantwortung für ihr Tun, besonders aber für das Unterlassen. Hätte sie damals den Vergewaltiger von Ansgar Matzeraths Frau dingfest machen können, hätte Ansgar nicht morden und seine Frau sich nicht umbringen müssen. Ursache und Wirkung, der wahre Sinn und Zweck von Polizeiarbeit – großartig dargestellt von einer der besten Schauspielerinnen, die Deutschland je hatte. Man hätte ihr gerne einen würdigeren Abschiedsfilm gewünscht! /sis

Hannelore Elsner als Elsa Bronski mit Anna Janneke (Margarita Broich). (Foto: HR/Degeto)

Was in Dortmund klappt, passt auch für Saarbrücken?

Was in Dortmund klappt, passt auch für Saarbrücken?
Kritik zum Tatort Saarbrücken „Das fleißige Lieschen“
ARD/SR Tatort “Das fleißige Lieschen”: Die neuen Hauptkommissare in Saarbrücken: Adam Schürk (Daniel Sträßer) und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) (Foto: SR/Manuela Meyer)
Die Neuen in Saarbrücken: v.l. Hauptkommissar Adam Schürk (Daniel Sträßer), Hauptkommissarin Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer), Hauptkommissarin Esther Baumann (Brigitte Urhausen) und Hauptkommissar Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) (Foto: SR/Manuela Meyer)

Mit Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) und Adam Schürk (Daniel Sträßer) präsentieren die Tatortmacher zwei neue Saarbrücker Kommissare, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide wirken noch recht jung und unerfahren und teilen eine gemeinsame, dunkle Vergangenheit. Hölzer ist ein Weichei, der nicht in der Lage ist, von seiner Schusswaffe Gebrauch zu machen, offenbar auch dann nicht, wenn es darum geht, seinen Partner zu verteidigen. Schürk dagegen ist der wilde Draufgänger, der einfach zuhaut, wenn ihm danach ist. Beide eint die Geschichte um Schürks gewalttätigen Vater, der aus seinem Sohn einen „ganzen Kerl“ machen wollte, ihn dafür unerträglich quälte, bis Schürks Jugendfreund Hölzer ihn ins Koma prügelte. Nun ist es nie besonders sehenswert, wenn in einem Krimi die persönlichen Konflikte der Kommissare eine größere Rolle spielen als die zu lösenden Mordfälle. Was aber in Dortmund mit dem völlig kaputten Kommissar Faber so prima klappt, kann ja vielleicht in Saarbrücken auch funktionieren, dachten sich die Macher vermutlich. Es bleibt also abzuwarten, wie sich die neuen Kommissare weiterentwickeln, auch wenn sie eigentlich für den Polizeidienst gänzlich ungeeignet sind. Zu den beiden gesellen sich noch zwei Assistentinnen Ester Baumann (Brigitte Urhausen) und Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer), die im ersten Fall ebenfalls mehr durch ihr gezieltes Mobbing denn durch kriminalistisches Gespür aufgefallen sind. Auch hier gibt es noch viel Luft nach oben.

Der erste Fall des neuen Saarbrücken-Duos aber wusste den kritischen Zuschauer dann doch zu überzeugen: Bernhard Hofer (großartiger Dieter Schaad) führt sein Unternehmen und seine Familie in gnadenloser Gehässigkeit. Jeder hasst jeden und hat genug Grund, den anderen umzubringen. Die Ursache für den Mord an Hofers Enkel und Nachfolger aber reicht zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als Hofer seine Fabrik mit Zwangsarbeitern am Leben hielt, Zwangsarbeiter, die seiner herrischen Art hoffnungslos ausgeliefert waren. Die gelungene Story von Drehbuchautor Hendrik Hölzemann geschickt in Szene gesetzt von Regisseur Christian Theede ließ das eher ambivalent wirkende Kommissars-Duo am Ende doch noch ganz gut aussehen, auch wenn die Rückblenden in die Jugendjahre der Kommissare die eigentlichen Geschichte mehr als nötig an den Rand drängten. /sis

Zu viele Nachlässigkeiten

Zu viele Nachlässigkeiten
Kritik zum Tatort Dresden „Die Zeit ist gekommen“
ARD/MDR Tatort “Die Zeit ist gekommen”: Gemeinsam mit Peter Schnabel (Martin Brambach) verfolgen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) die Geschehnisse im Kinderheim. (Foto: MDR/W&B Television/Michael Kotschi)
Die Kommissarinnen Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) befinden sich gerade unterwegs, als sie die Nachricht von Louis Bürgers Flucht erreicht. (Foto: MDR/W&B Television/Michael Kotschi)

War es Nachlässigkeit? Oder doch die Überzeugung, dass der Zuschauer es nicht merkt? Wie kann ein und dasselbe Fluchtauto am Ende des Tatorts „Die Zeit ist gekommen“ – ohne Möglichkeit zum Austausch – zwei verschiedene Nummernschilder haben, an der Tankstelle gut sichtbar “TF” und kurze Zeit später im Feld dann “DD”? Derart grobe Fehler dürften eigentlich bei einem Tatort nicht passieren. Das und einige offene Fragen, etwa woher Louis Bürger (Max Riemelt) überhaupt das Auto zur Flucht und Klebeband und Schnur zum Fesseln seines Entführungsopfers Nico (Emil Belton) hatte, trübten den Eindruck der an sich guten Geschichte der Drehbuchautoren Stefanie Veith und Michael Comtesse doch erheblich. Auch die Durchschaubarkeit der Tathintergründe und die entsprechend nachlässigen Ermittlungen des Ausgangsmordes nahmen der Geschichte sehr viel Dynamik. So blieb am Ende nur eine Geiselnahme fast schon aus Versehen, die den Dresdner Kommissariatsleiter Peter Schnabel (Martin Brambach) und die immer noch sehr auf Distanz bedachten Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) weit mehr interessierten als der Fall selbst. Immerhin führte dieser Tatort den Zuschauern sehr deutlich vor Augen, was es für einen vermeintlich Verdächtigen heißt, wenn sich die Polizei auf ihn als Täter einschießt, weitere Spuren gar nicht mehr verfolgt, sondern ohne Rücksicht auf Verluste versucht, ihren Verdächtigen zu überführen. Für den armen Louis Bürger, den Gorniak und Winkler sich anhand weniger fragwürdiger Indizien als Mörder seines Nachbarn auserkoren hatten, war das offenbar nicht der erste Fall von Justizirrtum. Schon einmal will er zu Unrecht verurteilt worden sein. Fest entschlossen nicht noch einmal für ein Verbrechen ins Gefängnis zu gehen, das er nicht begangen hat, hilft ihm seine Frau Anna (großartige Katia Fellin) aus der Untersuchungshaft zu entkommen. Mit ihrem zwölfjährigen Sohn Tim (Claude Heinrich), der in einem Kinderheim untergebracht ist, wollen sie nach Kroatien fliehen und dort ein neues Leben beginnen. Doch im Kinderheim treffen die drei auf ein Großaufgebot an Polizei, das geradezu unfähig permanent für weitere Eskalation sorgt, völlig unnötig! Genauso unnötig wie die äußerst grobe Verhaftung Louis Bürgers am Ende seiner Flucht. Zwar hatte er sich nun doch einer Geiselnahme mit Waffengewalt schuldig gemacht, doch konnte man mit ihm und seiner Familie nur Mitleid haben. Und wofür die Zeit denn nun gekommen war, ließ sich auch nicht unbedingt erkennen. War es die Zeit für Louis und seine Familie zu fliehen oder die Zeit für Annas Schwägerin, Tim endgültig von Jugendamt zugesprochen zu bekommen? War es die Zeit für Annas Bruder, seiner Eifersucht freien Lauf zu lassen oder die Zeit für das bis an die Zähne bewaffnete Sondereinsatzkommando, die Geiseln nach langem Zögern doch mit Gewalt aus den Händen der Geiselnehmer zu befreien? Wer weiß?

Die vielen kleinen und großen Nachlässigkeiten jedenfalls reduzierten die grundsätzlich interessante Geschichte leider nur auf Mittelmaß. Dazu kamen einige Längen und wieder einmal viel zu viel Brutalität, die leicht hätte vermieden werden können. /sis

Während der Großteil der Heimkinder in Sicherheit gebracht wird, nähern sich Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) dem Ort der Geiselnahme – einige Kinder befinden sich noch im Gebäude. (Foto: MDR/W&B Television/Michael Kotschi)

Ein Fall für Verschwörungstheoretiker

Ein Fall für Verschwörungstheoretiker
Kritik zum Tatort „Krieg im Kopf“
ARD/NDR Tatort “Krieg im Kopf”: War Roman (Anton Hüsgen) Zeuge eines Verbrechens? (mit Maria Furtwängler und Florence Kasumba) (Foto: NDR/Manju Sawhney)
Was hat Professor Bloch (Joachim Bißmeier) mit den Vorfällen zu tun? Anais (Florence Kasumba) und Charlotte (Maria Furtwängler) tappen noch im Dunkeln. (Foto: NDR/Manju Sawhney)

„Krieg im Kopf“ ist der Titel des neuen Tatorts aus Göttingen mit dem ungleichen Kommissarinnen-Duo Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba). Krieg herrschte indes nicht nur in den Köpfen der von Drehbuchautor Christian Jeltsch erdachten Figuren, sondern auch zwischen den Ermittlerinnen, die jede für sich und nur selten gemeinsam den Mörder der Ehefrau von Bundeswehrsoldat Benno Vegener (Matthias Lier) suchten. Der Fall führte die beiden gleich am Anfang in eine bedrohliche Situation, in der Anais Vegener erschießen muss, um Charlotte zu retten. Vegener stammelte von Stimmen in seinem Kopf, die ihn jagten. Tatsächlich waren Vegener und neun Kameraden Opfer eines bei einem Einsatz in Mali fehlgeschlagenen Experimentes der Waffenindustrie. Durch Manipulation über einen Spezialhelm starben sechs der Soldaten, von den vier Rückkehrern brachten sich zwei gleich um, die einzige Soldatin überlebte ihren Selbstmordversuch nur knapp. Mit Vegeners Tod schien auch der letzte Zeuge des missglückten Einsatzes und vermeintliche Mörder seiner Frau beseitigt. Nur Charlotte ließ sich nicht beirren und ermittelte trotz massiver Gegenwehr des Militärischen Abschirmdienstes weiter. Wie nicht anders zu erwarten, löste sie am Ende den Fall, keine Frage, und es gelang ihr sogar die Machenschaften des Militärs publik zu machen.

Soweit die recht wirre Story mit starkem Hang zu düsteren Zukunftsvisionen. Zu viel Science Fiction, zu viel Chaos in den Köpfen, zu viel Zickenkrieg und dann auch noch Anais’ Ehemann, der seine Finger nicht von Charlotte lassen konnte, machten diesen Tatort zu einer Herausforderung für den Zuschauer. Spannend war nur der Beginn, der Rest war doch eher was für Science-Fiction-Liebhaber und Verschwörungstheoretiker als für wahre Krimifans. Mit Wehmut denkt man an alte Fälle der LKA-Ermittlerin wie „Wegwerfmädchen“ und „Das goldene Band“, „Mord in der ersten Liga“ oder auch „Pauline“ zurück. Das waren starke Geschichten, rätselhaft und spannend zugleich, mit dem großartigen Ingo Naujoks als Mitbewohner und Freund Martin Felser an der Seite der taffen und doch verletzlichen Charlotte Lindholm. Die neueren Tatorte können da ganz einfach nicht mithalten. /sis

Eine emotionale Berg- und Talfahrt

Eine emotionale Berg- und Talfahrt
Kritik zum Tatort Köln „Niemals ohne mich“
ARD/WDR Tatort “Niemals ohne mich”: Unter einem Bahnbogen wurde die Leiche von Monika Fellner (Melanie Straub) gefunden. Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch, rechts) stellt noch am Tatort ein schweres Schädel-Hirn-Trauma fest. So viel kann er Freddy Schenk (Dietmar Bär, Mitte) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)
Norbert Jütte (Roland Riebeling, rechts) soll im Jugendamt Akten überprüfen.Die freundliche Ingrid Kugelmeier (Anna Böger) bietet ihm Unterstützung an. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Ja, die beiden alternden Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) aus Köln lassen es inzwischen ganz schön gemächlich angehen, auch wenn der Fall sehr bewegt. Und Assistent Norbert Jüttes (Roland Riebeling) Work-Life-Balance ist noch nie großartig in Richtung Arbeit ausgeschlagen und Multitasking zählt auch nicht gerade zu seinen bevorzugten Fähigkeiten. Heimlicher Star der Folge mit dem Titel „Niemals ohne mich“ aus der Feder von Jürgen Werner war denn auch Jüttes selbstgebastelte „Tageslichtdusche“, die ihm bei einem Außeneinsatz im Jugendamt weit mehr Kopfzerbrechen bereitete als die Manipulationsversuche der Mitarbeiterin der Unterhaltsvorschusskasse Ingrid Kugelmaier (Anna Böger) und deren Chef Markus Breitenbach (Christian Erdmann). Derweilen bemühten sich Ballauf und Schenk durch viel Fußarbeit aber fast schon empathielos den Mord an der Jugendamtsmitarbeiterin Monika Fellner aufzuklären, die zahlreichen säumigen Unterhaltsverweigerern mehr als einmal ziemlich heftig auf die Füße getreten war. Dabei lernten die Zuschauer einige bis aufs Blut zerstrittene Paare kennen, die die gemeinsamen Kinder als Waffen zur Durchsetzung ihrer persönlichen Interessen missbrauchten und gar nicht merkten, wie sehr sie diesen armen Würmchen und letztlich auch sich selbst damit schadeten. Ein heikles Thema, dessen Kernproblematik aber in diesem Tatort sehr gut herausgearbeitet wurde, auch wenn er sich nicht unbedingt durch viel Spannung und Dynamik auszeichnete. Die Auswirkungen der fehlenden Unterhaltszahlungen, die Probleme mit dem Amt, um einen Unterhaltsvorschuss zu bekommen, die finanzielle Not, in die Alleinerziehende mit säumigen Unterhaltszahlern nur allzu schnell geraten, die übermäßige Wut auf alles und jeden, die sich unaufhaltsam entwickelt und wie sehr all diese Probleme auch den Alltag der Jugendamtsmitarbeiter selbst beeinflussen, waren gut nachfühlbar dargestellt. Fast schon aus der Zeit gefallen wirkt indes Freddy Schenks nach wie vor ungebrochene Leidenschaft für große, schwere Autos. Was Kölns Radfahrer die ganze Woche über an Feinstaub einsparen, bläst Freddy Schenk in einer einzigen Tatortnacht locker aus dem Auspuff seiner Protzschlitten. Hier wäre endlich ein Umdenken der Figur angebracht, schließlich kann man auch in höherem Alter noch ganz gut dazulernen. /sis

Menschliche Grausamkeit in Worte gefasst

Menschliche Grausamkeit in Worte gefasst
Rezension Sebastian Fitzek „Der Insasse“

Wer ein Buch von Sebastian Fitzek in die Hand nimmt, weiß, dass er mit vielen Überraschungen rechnen muss. So auch in seinem Thriller “Der Insasse”, der einen Vater unter falscher Identität in eine geschlossene psychiatrische Anstalt führt, um dem vermeintlichen Mörder seines fünfjährigen Sohnes Max dessen Schicksal zu entlocken.

In der Anstalt trifft der Leser auf zahlreiche merkwürdige Gestalten, nicht nur völlig irre Insassen, sondern auch korrupte Ärzte, hörige Pfleger und eine undurchschaubare Leiterin. Alle menschlichen Schwächen sind hier vertreten. Als Leser überkommt einem gelegentlich das Gefühl, all das Ekelhafte, das Fitzek in genüsslicher Ausführlichkeit beschreibt, eigentlich gar nicht lesen zu wollen. Doch die Neugierde überwiegt, ob es dem Protagonisten Till Berkhoff trotz aller Widrigkeiten nicht doch noch gelingt, den bis ins Mark absonderlichen, mehrfachen Kindermörder Guido Tramnitz, der natürlich selbst eine grausame Kindheit durchlebt hat, dazu zu bringen, den Mord an Max zu gestehen und den Ort, wo er die Leiche des Jungen versteckt hat, zu verraten. Denn Till und seine Frau Ricarda brauchen Gewissheit, müssen Abschied nehmen von ihrem Kind. Nur erlebt der Leser eine überraschende Wendung und am Ende ist rein gar nichts so wie es scheint.

Auch wenn der Schluss des Buches, der alles auf den Kopf stellt, dem Leser schon einiges an Fantasie abverlangt, weil er nicht unbedingt nachvollziehbar scheint, so ist dem Autor eine atemberaubende Geschichte gelungen, die die tiefsten Niederungen menschlicher Grausamkeit in Worte fasst. Die Geschichte macht betroffen und wirkt mitunter abstoßend, fesselt den Leser aber dennoch bis zur letzten Seite. /sis

Biographische Angaben:
Sebastian Fitzek: Der Insasse, Knaur Taschenbuch, 2020, 365 Seiten, ISBN 978-3-426-51944-8

Beste deutsche Krimiunterhaltung

Beste deutsche Krimiunterhaltung
Kritik zum Tatort Berlin „Das perfekte Verbrechen“
ARD/rbb Tatort “Das perfekte Verbrechen”: Ein belebter Platz mitten in der Stadt, 12 Uhr mittags. Gerade winkt die Studentin Mina Jiang (Yun Huang) noch ihrer Kommilitonin Luise (Paula Kroh) von weitem zu, als sie plötzlich tot zusammenbricht. Ein Schuss in den Hinterkopf führt die Kommissare Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) in die historische Mitte Berlins. – Karow (Mark Waschke) und Rubin (Meret Becker) mit den Kollegen der Spurensicherung. (Foto: rbb/Volker Roloff)
Die Colloqiumsmitglieder Max Krause, Johannes Scheidweiler, Anton von Lucke, Lukas Walcher und Franz Pätzold (v.l.n.r.) sind sich mit der Anwältin Sander (Odine Jonen) sicher, dass sie wasserdichte Alibis haben. (Foto: rbb/die film gmbh/Volker Roloff)

Die Geschichte an sich war nicht neu, schon oft haben elitäre Studentenverbindungen in ihrer unermesslichen Arroganz versucht, das perfekte Verbrechen zu begehen. Filmisch wurde das Thema bereits häufig umgesetzt. Dennoch erwies sich diese Spannung garantierende Story auch in der Fassung als Berliner Tatort mit den Kommissaren Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) als beste deutsche Krimiunterhaltung. Ein echter, ehrlicher, in diesem Fall deutscher Krimi ist Drehbuchautor Michael Comtesse mit „Das perfekte Verbrechen“ gelungen, und das ganz ohne private Scharmützel der Kommissare. Die Beschreibung der unverhohlenen Überheblichkeit, mit der Juristen die Ermittlungsarbeit der Polizei torpedieren können, war schon beeindruckend. Auch das elitäre Gehabe der vier reichen, verwöhnten Jungjuristen und ihres weniger begüterten Primaners machte betroffen, meinten die fünf doch die Wahrheit nach ihrem Gutdünken gestalten zu können. Mit Hilfe der Staranwälte des großspurigen Professor Dr. Richard Liere (Peter Kurth) und dessen direkte Intervention als Vater einer der Jungs, gelang es den fünf Jurastudenten mit starkem Hang zur Selbstüberschätzung lange Zeit, die Polizei an der Nase herumzuführen. Letztlich stolperte der Täter aber dann doch über seinen Hochmut und machte einen dümmlichen Fehler. Nicht “das perfekte Verbrechen” war sein Motiv, sondern die verschmähte Gunst seines Vaters. Man hätte sich gewünscht, dass Rubin und Karow den fünf Verdächtigen mit legalen Mitteln beikommen. Stattdessen ließen sie sich dazu hinreißen, die wortgewandten Gegner mit ihren eigenen, unlauteren Waffen zu schlagen. Allerdings erreichten sie mit ihren gefälschten Beweisen und illegalen Abhör- und Überwachungsmethoden gar nichts. Hätte der Täter sich am Ende nicht einfach nur verplappert, er wäre ungeschoren davon gekommen und hätte es begangen, das perfekte Verbrechen.

„Das perfekte Verbrechen“ war endlich wieder einmal der perfekte Tatort mit einer spannenden Geschichte und großartigen Schauspielern, die es verstanden, die Zuschauer, wenn auch nur für kurze Zeit, von ihrem derzeit nicht gerade sorglosen Alltag abzulenken. /sis

Zähe Geschichte mit dramatischem Ende

Zähe Geschichte mit dramatischem Ende
Kritik zum Tatort Ludwigshafen „Leonessa“
ARD/SWR Tatort “Leonessa”: Die Ludwigshafener Tatort-Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter). (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)
Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Peter Becker (Peter Espeloer) rekonstruieren vor Samirs (Mohamed Issa) Augen den wahrscheinlichen Tathergang. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) zeigt sich recht dünnhäutig in ihrem neuesten Fall „Leonessa“ aus der Feder von Drehbuchautor Wolfgang Stauch. Alles andere als dünnhäutig aber waren die Protagonisten, Vanessa Michel (Lena Urzendowsky), Leon Grimminger (Michelangelo Fortuzzi) und Samir Tahan (Mohammed Issa), drei Jugendliche, die mit sich und der Welt nichts anzufangen wissen. Von den völlig hilflosen Eltern, die sich selbst kaum versorgen können, im Stich gelassen, versuchen die Teenager ihr Taschengeld durch Prostitution aufzubessern und können sich trotz gefüllter Kassen nicht aus dem allgegenwärtigen Sumpf aus Alkohol, Drogen und Missbrauch befreien, so sehr sie sich auch bemühen. Zudem bringt der Wirt ihrer Stammkneipe sie in Bedrängnis, so dass ihnen am Ende nichts weiter übrigbleibt, als ihn zu ermorden. Lena Odenthal und Johanna Stern (Lisa Bitter) kümmern sich aber weniger um die Mordermittlung, als vielmehr um die Jugendlichen, die sie meinen vor einem nicht auszumachenden Zuhälter beschützen zu müssen, auch wenn Vanessa und ihre beiden Bewunderer das gar nicht wollen. Der Titel “Leonessa” soll eine Kombination aus Leon und Vanessa sein, quasi Brangelina für Arme. Lena bringt die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen so in Rage, dass sie mit einem Apfel nach der eher nüchtern agierenden Johanna Stern wirft. Und am Ende, nachdem es Lena nicht gelingt, den jugendlichen Täter von seinem Selbstmord abzuhalten, bricht sie gar in Tränen aus.

Dramatisch das Ende, viel zu lang und zäh die Geschichte. Das ist das Fazit dieses Tatorts, bei dem man einmal mehr gegen den Schlaf ankämpfen musste: Eine gelungene Sozialstudie, aber von Spannung keine Spur, nicht immer nachvollziehbar die Handlungen und Emotionen – und das alles vor der Kulisse einer grauen, menschenunwürdigen Satelitensiedlung am Rande von Ludwigshafen. Kein schönes Bild der Chemiestadt am Rhein, das da gezeichnet wurde – und auch nicht unbedingt zutreffend. /sis

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ist erstaunt, wie wenig Cornelia (Camilla Nowogrodziki) und Kay (Konstantin-Philippe Benedikt) sich für das interessieren, was ihre minderjährige Tochter treibt. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

Solide Unterhaltung mit einigen Mängeln

Solide Unterhaltung mit einigen Mängeln
Kritik zum Tatort Franken „Die Nacht gehört dir”
ARD/BR Tatort “Die Nacht gehört dir”: Die Kriminalhauptkommissare Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) am Tatort. (Foto: BR/Hager Moss Film/Hendrik Heiden)

Da war er also, der Tatort-Sonntag nach dem ganz großen Absturz der Reihe mit dem Tatort aus dem Schwarzwald “Ich hab im Traum geweinet”. Die Franken sollten es richten, allen voran die Kommissare Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs). Sie hatten in ihrem neuesten Fall den Tod der Grundstücksmaklerin Barbara Sprenger (Anna Tenta) zu klären, die an ihrem Geburtstag mit einem Sushimesser erstochen wurde. Das taten sie denn auch in ihrer gewohnt gemächlichen Art. Gemächlich trifft in diesem Fall nicht nur auf die Arbeitsweise der Kommissare zu, sondern auch auf die Geschichte. Zwar waren Ringelhahn und Voss unentwegt von einem Schauplatz zum nächsten unterwegs, die Hintergründe der Geschichte ergaben sich aber nicht aus den Ermittlungen der beiden, sondern aus sehr langatmigen Rückblenden. Der Grundsatz aus jedem Lehrbuch fürs Drehbuchschreiben – so spät wie möglich rein und so früh wie möglich wieder raus aus einer Szene – wurde in sträflicher Weise vernachlässigt und so gerieten die Einblendungen viel zu lang, erzählten weit mehr als für das Verständnis der Story erforderlich gewesen wäre und sorgten damit für unnötige Langeweile. Grundsätze haben eben doch meistens einen guten Grund. Schade, denn die Geschichte an sich war durchaus interessant und auch die Charaktere – der stets plappernde Voss, der nie so recht weiß, was er eigentlich sagen will, die ruhige, zurückhaltende Ringelhahn, die ihre Altersweisheit gerne zur Schau trägt in Verbindung mit der Kollegin der Ermordeten, Theresa Hein (Anja Schneider), eine graue Maus, die wohl einmal in ihrem Leben im Mittelpunkt stehen wollte und deshalb den Mord gestand – bildeten genug Kontrast für einen wahrhaft spannenden Krimi. Das Ende war dafür Übertreibung pur, der wahre Täter, Anton Steiner (Lukas B. Amberger), ein schmächtiges, vom Leben enttäuschtes, bedauernswertes Bürschen um die 20, der in der Ermordeten seine wenn auch doppelt so alte wahre Liebe gefunden zu haben glaubte, wurde mit einem bis an die Zähne bewaffneten Großaufgebot an SEK-Leuten zur Strecke gebracht. Das war dann doch etwas dick aufgetragen.

Trotz der Längen war der Tatort „Die Nacht gehört dir“ solide Unterhaltung, aus der Regisseur Max Färberbäck, der zusammen mit Catharina Schuchmann auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, so viel mehr hätte machen können. Daran konnte auch das amüsante Liebesgeplänkel zwischen Voss und seiner „Honigfrau“ (Maja Beckmann) zu Beginn des Films nicht viel ändern. /sis

Begegnung zwischen Zukunft und Vergangenheit

Begegnung zwischen Zukunft und Vergangenheit
Rezension „Herr aller Dinge“ von Andreas Eschbach

Man muss viel Geduld mitbringen, bis in Andreas Eschbachs „Herr aller Dinge“ Spannung aufkommt. Das erste Drittel des Buches geht es nur um eine romantische Teenagerliebe zwischen Hiroshi Kato, Sohn einer Wäscherin und Charlotte Malroux, Tochter des französischen Botschafters in Tokio. Die beiden begegnen sich auf ungewöhnliche Weise und treffen im Verlauf ihres Lebens immer wieder aufeinander. Der technisch hochbegabte und vor allen Dingen an Robotern interessierte Hiroshi will Charlottes Herz gewinnen, kämpft aber gegen die Standesunterschiede. Er erkennt, es gibt nur einen Weg, um die gesellschaftliche Kluft zu überwinden: Er muss dafür sorgen, dass alle Menschen reich sind. Und dafür entwickelt er schon früh einen detaillierten Plan, der aber erst einmal in seinem kleinen Notizbüchlein ruht, bis er später während seines Studiums in den USA einen Gönner findet, der ihm den Weg in die Erforschung der Nano-Technologie öffnet. Charlotte verliert er nicht aus den Augen und sie ist es, die Hiroshi und sein Wissen über die Möglichkeiten der neuen Technologie ins Spiel bringt, als plötzlich auf einer einsamen Insel im Polarmeer Naniten scheinbar von Außerirdischen gesteuert ihr Unwesen treiben. Hiroshi kann die Katastrophe aufhalten, nimmt aus der direkten Begegnung mit den Naniten aber so viel Wissen mit, dass er am Ende gar Krankheiten heilen kann. Plötzlich ist er der „Herr aller Dinge“. Er möchte seine Entdeckungen mit der Welt teilen, erläutert sie in einer Videobotschaft und lässt die Naniten zum Beweis eine gigantische Arche Noah bauen, die um die Erde kreist. Doch das ruft die Geheimdienste auf den Plan, denn die Technologie eignet sich natürlich auch für militärische Zwecke und so beginnt ein Spießrutenlauf, an dessen Ende Hiroshi einen ehrenvollen Tod stirbt.

Abgesehen von dem etwas zähen Anfang, der gewiss auch kürzer zu erzählen gewesen wäre, liefert Andreas Eschbach mit „Herr aller Dinge“ doch noch eine fantastische und ungemein spannende Geschichte. Es ist die Mischung aus Wissenschaft und Utopie, aus einem Blick in die nahe Zukunft und zugleich in eine unendlich weit entfernte Vergangenheit der Menschheit, die den besonderen Reiz dieses Thrillers ausmacht, der sich auf jeden Fall zu lesen lohnt. /sis

 

Bibliographische Angaben:
Andreas Eschbach: „Herr aller Dinge“
Bastei Lübbe, 688 Seiten
ISBN 978-3785724293

Der schlechteste Tatort aller Zeiten

Der schlechteste Tatort aller Zeiten
Kritik zum Tatort „Ich hab im Traum geweinet“
ARD/SWR Tatort “Ich hab im Traum geweinet”:
Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) lassen sich durch die tollen Tage treiben. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Was hat sich Drehbuchautor Jan Eichberg bei dieser Geschichte wohl gedacht? Was wollte er den Zuschauern sagen? Dass Fasnacht und Alkohol eine gefährliche Mischung sind, die zu unüberlegten Exzessen führen? Durchaus ein brauchbares Filmthema, keine Frage, aber hat er die Ereignisse rund um die „Fasnet im Schwarzwald” wirklich nur in Form von Sexspielchen der aggressiven Art erzählen können? Einen wahrhaftigen Porno bekamen die Zuschauer zu sehen, die Hälfte des Films fand in unterschiedlichen Betten statt. Selbst die Kommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) suchten ein gemeinsames Abenteuer und präsentierten sich dabei in fast unerträglicher Lächerlichkeit. Peinlich! Nur gut, dass die beiden anschließend mit dem Konflikt über die Bedeutung ihres alkoholbedingten Ausrutschers beschäftigt waren und den Zuschauern weitere Nacktszenen der Hauptkommissare erspart blieben, bis auf eine erneut heruntergelassene Hose, als Berg in eine Gruppe junger Mädchen geriet – wie er dahin kam und warum wurde nicht klar. Tatsächlich gab es dann nach 45 Minuten doch noch einen Mord an einem ehemaligen Freier von Edel-Hure Romy Schindler (Darja Mahotkin), die ihm eigentlich nicht länger zu Diensten sein wollte, andererseits aber auch die Finger nicht von ihm lassen konnte. Da der Freier bei seinen Sexspielchen ohnehin auf harte Schläge auf den Kopf bestand, starb er stilecht, Romy hatte zu oft und zu häufig zugeschlagen. Für Berg und Tobler gab es nichts zu ermitteln. Die Täterin kam geständig ins Präsidium.

Wie können sich so renommierte Schauspieler wie Löbau und Wagner nur für einen derartigen Schund hergeben? Das war mit Abstand der schlechteste Tatort aller Zeiten, finanziert aus den Beiträgen der Zuschauer! Man sollte die Mitglieder der Rundfunkkommission zwingen, sich diesen Tatort anzusehen – ohne die Möglichkeit, sich den ebenso endlosen wie erbärmlichen und mit abscheulicher Musik unterlegten Nacktszenen zu entziehen -, und dann sollen sie noch einmal über die geplante Erhöhung der Beiträge beraten. „Ich hab im Traum geweinet“ – das kann man wohl sagen!  /sis

Kommissarin Brasch jetzt ganz im Alleingang

Kommissarin Brasch jetzt ganz im Alleingang
Kritik zum Polizeiruf 110 Magdeburg „Totes Rennen“
ARD/MDR Polizeiruf 110 “Totes Rennen”: Beim Gespräch im Restaurant erfahren Martina Rössler (Therese Hämer), Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Uwe Lemp (Felix Vörtler) von Hannes Kehr (Michael Maertens), dass das Mordopfer sein Informant war. (v.l.) (Foto: MDR/Stefan Erhard)
Micky (Martin Semmelrogge) hat Brasch (Claudia Michelsen) unter Drogen gesetzt.
(Foto: MDR/Stefan Erhard)

Gleich zum Auftakt des neuen Polizeiruf 110 aus Magdeburg stellte Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) ihrem Chef Uwe Lemp (Felix Vörtler) die Frage aller Fragen: Bin ich schuld, dass uns alle Kollegen weglaufen? Ein lautes “Ja” der Zuschauer hallte gewiss zu diesem Zeitpunkt durchs Land. Die sonst so darstellungsfreudige Claudia Michelsen zeigt in der Rolle der „Brasch“ nur minimalinvasives Mienenspiel, drückt damit unentwegt ihr Missfallen aus gegenüber sich selbst, ihre Arbeit, ihre Umgebung. Dieses Missfallen überträgt sich nicht nur auf die ständig wechselnden Partner an ihrer Seite, sondern leider auch auf die Zuschauer. „Braschs“ schlechte Laune steckt an, nicht nur in ihrem neuesten Fall „Totes Rennen“, in dem es außer um Wettmanipulation und Spielsucht auch noch um Visionen ging. Brasch erschien schon vor dem Mord der spätere Täter im Traum. Es dauerte indes bis zur letzten Minute, bis das falsche Spiel des LKA-Kollegen Hannes Kehr (Michael Maertens) aufflog. Dazwischen herrschte gähnende Langeweile, in der aber Brasch dem Publikum wieder einmal klar machte, warum die Polizei immer mindestens im Duett auftritt. Aus Sicherheitsgründen nämlich, die Brasch aber allzu gerne außer Acht lässt. So auch in diesem Fall, in dem sie erneut im Alleingang auf den Verdächtigen Micky Puhle (großartiger Martin Semmelrogge) traf, der sie auch prompt mit Drogen außer Gefecht setzte und offensichtlich Schlimmeres mit ihr vorhatte. Wenigstens entlockte der Rausch der missmutigen Kommissarin ein zartes Lächeln. Kehr kam der “Kollegin Brasch” unentwegt zur Hilfe, allerdings nur, um den Verdacht in eine falsche Richtung zu lenken und so sich und seine Machenschaften zu decken. Eine wirre Geschichte, die nur einen wahren Höhepunkt kannte, nämlich als Kriminalrat Lemp seine Gitarre in die Hand nahm und eine ungemein gefühlvolle Version von „Forever young“ durch die Nacht schmetterte.

So sehr sich die Schauspieler auch bemühten, die Geschichte aus der Feder von Stefan Dähnert und Lion H. Lau wollte nicht so recht in Gang kommen. Es ist eben nicht immer ein Garant für Spannung, wenn ein Polizist und an und für sich sympathischer Kollege in die kriminellen Machenschaften verwickelt ist, im Gegenteil, es wirft ein zunehmend schlechtes Licht auf die Ordnungshüter – was sie eigentlich nicht verdient haben. Für den Polizeiruf aus Magdeburg wünscht man sich nach dem Weggang von Matthias Matschke nun einen starken Partner für Brasch, der sie vielleicht endlich ein bisschen aufheitern kann!

Die Haustür zu Mickys Wohnhaus wird durch SEK-Beamte geöffnet. Brasch (Claudia Michelsen) und Kehr (Michael Maertens) nähern sich vorsichtig dem Einsatzort. (MDR/Stefan Erhard)

Merkwürdig blasser Tatort aus Hamburg

Merkwürdig blasser Tatort aus Hamburg
Kritik zum Tatort „Die goldene Zeit“
ARD/NDR Tatort “Die goldene Zeit”: Falke (W.W Möhring, 2.v.l.) und Grosz (F. 2.v.r.) müssen Egon Pohl (Christian Redl) eine traurige Nachricht überbringen (mit D. Kaufmann, r.) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

An den beiden Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) lag es eher nicht, dass der neue Tatort aus Hamburg mit dem Titel „Die goldene Zeit“ nicht so richtig begeistern wollte. Wenig Spannung kam auf, obwohl der Tatort-Fangemeinde diesmal ein blutjunger Auftragskiller präsentiert wurde, ein armes zitterndes Etwas, dessen Motiv doch mehr als dürftig war: Matei Dimenscu (Bogdan Iancu) war eigens aus Rumänien angereist, um im Hamburger Rotlicht-Milieu einen störenden Puff-Erben zu beseitigen, nur um für seinen Vater einen Fernseher kaufen zu können. Wenn es tatsächlich so einfach ist, junge Menschen für einen Mord zu gewinnen, dann dürfen wir uns alle vor einer recht ungewissen Zukunft fürchten. Nur gut, dass sich eine wahre Kiezgröße trotz aller Verbundenheit zu seinem ehemaligen Herrn nicht dazu entschließen konnte, den „Kleinen“ zu bestrafen. Thorsten Falkes Freund Michael Lübke (Michael Thomas) nahm sich des Jungen an, nachdem es ihm mehrfach nicht gelungen war, Rache zu üben. Dabei führte er Falke und seine Partnerin gehörig an der Nase herum. Die beiden Kommissare waren aber neben der Suche nach dem jugendlichen Mörder vor allem mit der Frage beschäftigt, wer dem Jungen denn den Auftrag erteilt hatte. Und so tauchten sie ein ins Hamburger Rotlicht-Milieu mit seinem ausgesprochen hässlichen Gesicht, mit missbrauchten Mädchen aus aller Herren Länder, mit größenwahnsinnigen Luden und brutalen Banden. Die Auflösung schließlich konnte den bis dahin doch recht gelangweilten Zuschauer dann doch noch überraschen.

Abgesehen von zahlreichen Klischees hatte dieser Tatort nicht viel zu bieten, auch wenn die Schauspieler durchweg eine gute Leistung zeigten. Von einer “goldenen Zeit”aber war trotz des Ausflugs in Falkes Jugendjahre weit und breit nichts zu sehen. /sis

Unterstützt Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) bei den Ermittlungen: LKA-Mitarbeiter Thomas Okonjo (Jonathan Kwesi Aikins, (rechts)) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

 

An Brutalität kaum zu überbieten

An Brutalität kaum zu überbieten
Kritik zum Tatort Dortmund „Monster“
ARD/WDR Tatort “Monster”: Mit dem sichergestellten Messer (in einer Schutzhülle) wurde Klaus Kaczmarek getötet. Die Kommissare Martina Bönisch (Anna Schudt) und Peter Faber (Jörg Hartmann) schauen sich den Tatort im Partykeller seines unscheinbaren Wohnhauses an. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Peter Faber (Jörg Hartmann) hat seine Waffe auf Markus Graf (Florian Bartholomäi) gerichtet – der hat die Familie des Kommissars auf dem Gewissen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

In hohem Maße brutal war der neue Tatort aus Dortmund mit dem Titel „Monster“ – und tatsächlich ging es um Monster im wahrsten Wortsinn. Monster, die Kinder zum Missbrauch verkaufen, Monster, die ohne Skrupel andere zum Morden anstiften, Monster, die hemmungslos auf andere einstechen. Viel zu viele Monster waren das für nur einen Tatort, und warum das Geschehen in dieser Brutalität gezeigt wurde, darf angesichts der Diskussion um die Verrohung der Gesellschaft nicht unkritisiert bleiben.

Spannung erzeugte Drehbuchautor Jürgen Werner, indem er die sechsjährige Tochter von Kommissar Jan Pawlak (Rick Okon) durch Peter Fabers (Jörg Hartmann) persönlichen Erzfeind Markus Graf (Florian Bartholomäi) entführen ließ mit der Drohung, sie meistbietend an pädophile Monster zu verkaufen und Faber so zum Selbstmord zu zwingen. Obendrein manipulierte Graf Evelyn Kohnai (Luisa-Céline Gaffron), selbst als Kind verkauft und missbraucht, einen ihrer Peiniger auf übelste Art zu ermorden und dann am Tatort auf Faber zu warten, um so den Druck auf Faber weiter zu erhöhen. Nur ein paar Stunden Zeit blieben Faber, Martina Bönisch (Anna Schudt) und Nora Dalay (Aylin Tezel), um Mia zu finden und damit Fabers Leben zu retten, der selbst in diesem Fall auffallend mitleidslos agierte. Natürlich gelang den Kommissaren das scheinbar Unmögliche. Und nachdem der Zuschauer mit dem armen Kind und seinen verzweifelten Eltern eifrig mitgelitten hatte, floss am Ende noch einmal kräftig Blut: Martina Bönisch erschoss sehr zu Fabers Leidwesen den offensichtlich irren Markus Graf und Evelyn Kohnai schnitt einem weiteren durch die Ermittlungen gefassten Peiniger im Polizeipräsidium die Kehle durch.

Das Thema abscheulich, die Umsetzung brutal, tiefes Mitleid erzeugt durch die persönliche Verstrickung der Protagonisten – das ist nur auf den ersten Blick spannend, in Wahrheit aber einfach nur abstoßend. Gut ist in diesem Fall nur, dass Graf nun für immer verschwunden ist und künftige Tatorte aus Dortmund und damit die Hauptfigur Peter Faber nicht weiter beinträchtigen kann. Das ist die Chance für Darsteller Jörg Hartmann, Peter Faber in eine ganz andere Richtung weiterzuentwickeln, hoffentlich weg von Aggressivität, Dauerhass und Mordgelüsten. /sis

Was hat das Verschwinden von Jan Pawlaks (Rick Okon, Mitte) Tochter mit Peter Faber (Jörg Hartmann, rechts) zu tun? Nora Dalay (Aylin Tezel) versucht, ihren Kollegen zurückzuhalten. (Foto: WDR/Thomas Kost)
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