Kaum zu verstehen und viele offene Fragen

Kaum zu verstehen und viele offene Fragen
Kritik zum Tatort „Macht der Familie“
ARD/NDR Tatort “Macht der Familie”: Julia Grosz (Franziska Weisz) wird zur Hauptkommissarin ernannt und ist nun Thorsten Falkes (Wotan Wilke Möhring) Vorgesetzte. (Foto: NDR/Meyerbroeker)
Gleich die erste Aktion, die Grosz (Franziska Weisz) leitet, geht schief. (Foto: NDR/Meyerbroeker)

Die „Macht der Familie“ war das Thema des neuen Tatorts mit den Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz), auch wenn es nicht um Familie, sondern mehr um die Russenmafia ging. Leider hat man von den Dialogen akustisch nur wenig verstanden, so dass das Geschehen rund um die Nichte des Waffenhändlers Viktor Timofejew (Wladimir Tarasjanz) kaum durchschaubar war. Letztlich ging es aber darum, den Waffenhändler zur Strecke zu bringen, der neben seinem eigenen Sohn auch noch die Kinder seiner Frau aus der Ehe mit seinem Bruder für seine höchstkriminellen Machenschaften einzuspannen versuchte.

Während sich Nichte Marija (Tatiana Nekrasov) schon vor Jahren aus Timofejews Fängen befreit hat und für das LKA arbeitet, will Neffe Nicolai (Jakub Gierszal) jetzt gerne aussteigen. Er muss aber wohl noch einen letzten Deal für den Onkel abwickeln, bei dem er zusammen mit dem verdeckten Ermittler der Bundespolizei spektakulär durch einen Bombenanschlag auf sein Flugzeug ums Leben kommt. Damit ist zugleich aber auch die von der gerade erst beförderten Hauptkommissarin Julia Grosz geleitete Aktion der Bundespolizei gescheitert, Timofejew zur Strecke zu bringen. Ein Albtraum für Grosz, die erst in Ohnmacht fällt und dann gleich den Job hinschmeißen will – von wegen „Frauen-Power“. Jedenfalls erinnert sich just in diesem Moment Thorsten Falke an seine Freundin Marija, die die Aktion vielleicht doch noch retten kann, indem man sie als Spionin gegen den Onkel einsetzt. Marija geht scheinbar darauf ein, entzieht sich dann aber der Überwachung. Es wird nicht recht klar, ob sie den Onkel ans Messer liefern will oder nicht. Denn am Ende wird die ganze Familie urplötzlich und ohne Vorwarnung von der Russenmafia brutal über den Haufen geschossen, nur Marija und ihre Mutter überleben.

Woher der Killer stammt, wer ihn geschickt hat und ob er auch für den Flugzeugabsturz verantwortlich war, blieben offene Fragen, genauso wie die Rolle der Bundespolizistin Katia (Anja Taschenberg), die sich an Nicolai herangemacht hatte. Wollte sie ihn ausspionieren? Oder fand sie ihn nur interessant? Hat sie die Aktion der Bundespolizei verraten und war sie damit verantwortlich für das Scheitern? Neben dem katastrophal schlechten Ton sorgten auch die nicht immer gleich als solche zu erkennenden Rückblenden für einige Verwirrung. Zwar hoben Tolstoi-Zitate und Schostakowitsch-Musik das kulturelle Niveau, von einem guten Krimi aber war auch dieser Tatort wieder Meilen entfernt. /sis

Knapp einem Anschlag entgangen; Marija Timotejew (Tatiana Nekrasov). (Foto: NDR/Meyerbroeker)

Schon der letzte Tatort mit Falke und Grosz mit dem Titel “Tödliche Flut” konnte nicht überzeugen.

ARD/NDR Tatort “Tödliche Flut”:  Imke (Franziska Hartmann, l.) beschuldigt Stadtrat Lohmannn (Jonas Hien, r.). Julia Grosz (Franziska Weisz, 2. v.l.) und Falke (Wotan Wilke Möhring 2. v.r.) ermitteln. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

 

Endlose Dialoge und vorhersehbares Ende

Endlose Dialoge und vorhersehbares Ende
Kritik zum Tatort Ludwigshafen „Der böse König“
ARD/SWR Tatort “Der böse König”: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, links) und Johanna Stern (Lisa Bitter) verfolgen einen Tatverdächtigen. (Foto: SWR/Benoit Linder)
Demonstrativ zeigt Anton Maler (Christopher Schärf), der Kommissarin (Ulrike Folkerts), wie innig er sich um seine kranke Freundin Caro (Lana Cooper) kümmert. (Foto: SWR/Benoit Linder)

Man ist als Zuschauer schon froh, wenn der aktuelle Tatortfall nicht politisch angehaucht ist. Aber drei Mal in Folge einen Psychopaten als Täter ist auch nicht unbedingt so spannend. Nach “Die Amme“ aus Wien und „Der Herr des Waldes“ aus Saarbrücken mussten sich die Ludwigshafener Ermittlerinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) nun mit einem „König“ rumschlagen, einem armseligen Versagertyp, der nichts auf die Reihe bekam, sich aber dennoch bei jeder Gelegenheit als Held und guter Mensch inszenierte. Eine Persönlichkeitsstörung, keine Frage – vermutlich eine histrionische sollte es wohl sein. Anton Maler (Christopher Schärf), eine Art Johnny Depp für Arme, der lieber Antoine genannt werden wollte, brauchte den Applaus seiner Umwelt wie die Luft zum Atmen. Begriff einer seine Einzigartigkeit nicht, war es schnell vorbei mit seiner charmanten, freundlichen Art, dann griff er zum Baseballschläger. Ganz nebenbei versuchte er noch seine Ex-Freundin Caro Meinert (Lana Cooper) zu vergiften, weil die sich von ihm getrennt hatte, und stellte schließlich Johanna Stern nach. 70 Minuten bestand „Der böse König“ einzig aus Dialog. Keine Spannung, keine überraschenden Wendungen, nur Dauergequassel ohne Punkt und ohne Komma. Erst die letzten 20 Minuten, als Anton Antoine Maler bei Johanna Stern zuhause auftauchte und am Ende gar ins Haus eindrang und Sterns Tochter bedrohte, kam etwas Spannung auf, die aber rasch wieder abebbte. Denn der erwartete Showdown blieb aus: Lena Odenthal überwältigte Maler und vorbei war es.

Die Ursachen für Malers Persönlichkeitsstörung wurden nicht thematisiert. Johanna Sterns psychologische Kenntnisse standen im Vordergrund, konzentrierten sich aber mal auf den einen mal auf den anderen Verdächtigen. So konnte keine Spannung aufkommen. Zu schnell war jedem Zuschauer klar, was da gespielt wurde. Eine der Kommissarinnen in Gefahr zu bringen, war wieder einmal die einzige Möglichkeit für Drehbuchautor und Regisseur Martin Eigler, der Geschichte doch noch ein wenig Leben einzuhauchen. Die Darstellung der gestörten Persönlichkeit und deren Hang zur hemmungslosen Brutalität waren sicher interessant, für einen Krimi hätte es aber gerne etwas geheimnisvoller, überraschender und temporeicher sein dürfen! /sis

Was will Anton Maler (Christopher Schärf) mit dem Baseballschläger am Abend vor Johanna Sterns Zuhause? Johanna (Lisa Bitter) versucht die Situation einzuschätzen … (Foto: SWR/Benoit Linder)

Anders als im neuen Tatort aus Ludwigshafen konzentrierte sich Regisseur Tom Bohn beim letzten Fall “Hetzjagd” auf die Stärken des Films: Zeigen statt reden!

ARD/SWR Tatort “Hetzjagd”: Marias schlimmste Befürchtungen bewahrheiten sich, als sie am Rheinufer die Leiche ihres Freundes Tilmann sieht, dessen Tod von Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) untersucht wird. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

 

 

Neues Tatortspiel: Wer erinnert sich?

Neues Tatortspiel: Wer erinnert sich?
Kritik zum Tatort Saarbrücken „Der Herr des Waldes“
ARD/SR Tatort “Der Herr des Waldes”: Wer hat Jessi Pohlmann (Caroline Hartig) ermordet? Das Ermittlerteam beginnt mit der Arbeit: Hauptkommissare Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) und Adam Schürk (Daniel Sträßer), Hauptkommissarinnen Esther Baumann (Brigitte Urhausen) und Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer) sowie Rechtsmedizinerin Dr. Henny Wenzel (Anna Böttcher) (Foto: SR/Manuela Meyer)
Welches Geheimnis verbindet Peter Lausch (Kai Wiesinger) mit Adam Schürks Vater? (Foto: SR/Manuela Meyer)

Spannend war er schon, der zweite Fall der Saarbrücker Kommissare Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) und Adam Schürk (Daniel Sträßer), doch spielte die Geschichte von Drehbuchautor Hendrik Hölzemann viel zu sehr ins Private der neuen Kommissare. Es war nicht ganz leicht, sich nach fast einem Jahr Pause an den ersten Fall mit dem Titel „Das fleißige Lieschen“ zu erinnern und die tragische Verbindung von Leo und Adam zu rekapitulieren. Diese private Verquickung spielte im neuen Fall „Der Herr des Waldes“ aber eine entscheidende Rolle, denn auch der Mörder hat zu Adams Vater Roland Schürk (Torsten Michaelis) eine besondere Beziehung. Roland sollte eines der zahlreichen Opfer von Peter Lausch (Kai Wiesinger, der nicht ganz so überzeugend spielte) werden, doch er entkam. Dafür wurde er kurze Zeit später von Leo Hölzer, Adams Schulfreund, ins Koma geprügelt, aus dem Vater Roland zum Ende des ersten Falles – nach 15 Jahren – erwacht war.

Alles ziemlich wirr und alles auch wenig glaubwürdig. In Rekordzeit genesen behauptet Papa Roland zwar, dass ihm die Misshandlungen seines Sohnes leidtäten, glauben konnte der Zuschauer das nicht wirklich. Und auch die Motive des offensichtlich schwer gestörten Peter Lausch wollten nicht überzeugen. Sowohl Lausch als auch Roland Schürk haben ganz offensichtlich Lust, ihre Mitmenschen zu quälen. Der eine immer gerade denjenigen, der ihm in die Quere kommt, der andere eher die eigenen Familienmitglieder. Warum, bleibt unklar. Ausgerechnet diese beiden begegnen sich eher zufällig, nach 15 Jahren, in denen der eine im Koma liegt und der andere darauf wartet, dass er wieder aufwacht. Und nun treffen sie sich zum finalen Showdown. Der eine, um den Mitwisser endlich zu beseitigen, der andere, um sein Wissen um den Täter endlich preiszugeben. Wie gesagt, ziemlich wirr und unglaubwürdig, nichts destotrotz aber dennoch sehr spannend. Und auf jeden Fall etwas für Freunde ungehemmter Brutalität. Dazu zwei schuldbeladene Kommissare, die – sollte Adams Vater Roland reden – sich künftig eine Gefängniszelle statt das Büro teilen dürften. Denn versuchter Mord und Beihilfe verjähren nicht!

Ob Vater Roland seinen Sohn und dessen Freund tatsächlich verraten hat, bleibt indes bis zum nächsten Fall des neuen Ermittlerduos ein Geheimnis. Cliffhanger nennt man das – wenn es aber wieder ein Jahr dauert, dürften die Zuschauer wie schon bei diesem Fall die Hintergrundgeschichte längst vergessen haben. Genau aus diesem Grund sollten sich die Macher private Verwicklungen ihrer Kommissare in das Geschehen ersparen. Oder doch zumindest den alten Fall vor dem neuen wiederholen, wenn beide Teile derart entscheidend mit einander verbunden sind und die Ausstrahlung soweit auseinander liegt. Gelegenheit dazu hätte es am Osterwochenende reichlich gegeben. /sis

Der Vater von Hauptkommissar Schürk, Roland Schürk (Torsten Michaelis), begegnet seinem Peiniger zufällig im Präsidium. (Foto: SR/Manuela Meyer)

Schon im ersten Fall “Das fleißige Lieschen” spielte die private Geschichte der beiden neuen Kommissare aus Saarbrücken eine entscheidende Rolle.

ARD/SR Tatort “Das fleißige Lieschen”: Das neue Ermittlerteam in Saarbrücken: Adam Schürk (Daniel Sträßer) und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) (Foto: SR/Manuela Meyer)

Schlaflos in Wien

Schlaflos in Wien
Kritik zum Tatort aus Wien „Die Amme“
ARD Degeto Tatort “Die Amme”: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) wird der Fund einer Toten in einer trostlosen Wohngegend gemeldet. Indizien deuten darauf hin, dass die Frau als Prostituierte gearbeitet und dass sie ein Kind hatte. Doch das Kinderzimmer ist verwaist, von dem Kind, einem zehnjährigen Jungen, fehlt jede Spur. (Foto: ARD Degeto/ORF/Prisma Film/Petro Domenigg)
Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, Mitte) befragen Gustav Langer (Christian Strasser). (Foto: ARD Degeto/ORF/Prisma Film/Petro Domenigg)

Endlich, endlich wieder einmal ein Tatort, der diesen Namen auch wirklich verdient. Spannend von der ersten bis zur allerletzten Minute, emotional aufgeladen und mit immer neuen Überraschungen konnte der Tatort mit dem Titel “Die Amme” erneut begeistern. Dabei wusste der Zuschauer schon recht früh um den als Frau verkleideten psychopathischen Mörder Janko (großartiger Max Mayer), der tief in seinem Kindheitstrauma gefangen, Kinder von ihren „schlechten“ Müttern befreit. Sie alle waren Prostituierte, vor denen er die Kinder retten muss. Er will ihnen eine gute Mutter sein. Zwei Frauen, und alle, die sich ihm in den Weg stellten, hat er bereits getötet, zwei Söhne entführt. Ein weiteres Opfer konnte entkommen. Als verdeckter Ermittler im Drogenmilieu kennt er die Abläufe der Polizei und legt deshalb für Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) eine falsche Spur. Bibis untrügliches Bauchgefühl aber und eine gehörige Portion Zufall bringen die beiden Kommissare schließlich aber doch zu einem der entführten Jungen. Und hier bekamen die Zuschauer wieder einmal ein deutliches Beispiel dafür, warum Ermittler immer zu zweit auftauchen: Bibi und Moritz trennten sich auf der Suche nach dem Täter. Bibi begegnete ihm alleine, wurde niedergestochen und in sein Versteck geschleift.

Der Schreck saß tief und die Angst um die beiden Jungen war groß, die der völlig irre Janko in ein Haus außerhalb Wiens verschleppte. Wird Bibi überleben? Wird Eisner die Kinder rechtzeitig finden? Das war Krimi der allerersten Güte. Ein drogensüchtiger Psychopath, eine schlaflose Bibi und ein am Ende völlig aufgelöster Moritz Eisner, der seinen Gefühlen freien Lauf ließ. Einfach großartig! /sis

Schon der letzte Tatort aus Wien mit dem Titel “Unten” war beste Krimiunterhaltung. “Die Amme” wusste das noch einmal zu toppen.

ARD Degeto Tatort “Unten”: Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) sprechen mit der Obdachlosen Sackerl-Grete (Inge Maux). (Foto: ARD Degeto/ORF/Superfilm/Philipp Brozsek)

Von der Straße gibt es kein Zurück

Von der Straße gibt es kein Zurück
Kritik zum Tatort Köln „Wie alle anderen auch“
ARD/WDR Tatort “Wie alle anderen auch”: Regine Weigand (Hildegard Schroedter) leitet ein Café für Menschen, die kein eigenes Zuhause haben. Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, rechts) haben sie gerade darüber informiert, dass Monika Keller tot aufgefunden wurde. Die obdachlose Frau war Stammgast im Café. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)
Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling) entwickelt eine gewisse Sympathie für die Altenpflegerin Katja Fischer, die er im Auftrag von Ballauf und Schenk aufgesucht hat. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Eigentlich soll der Tatort eine Krimireihe sein. Doch das ist er schon lange nicht mehr. Auch der neueste Tatort aus Köln entpuppte sich wieder als klassisches Sozialdrama, von Krimi keine Spur. Selbst die Ermittler Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) spielten in der Folge mit dem Titel „Wie alle anderen auch“ überhaupt keine Rolle. Lediglich Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling) und die junge, frische Natalie Förster (Tinka Fürst) von der Spurensicherung brachten etwas Krimifeeling in das Geschehen. Ballauf und Schenk hingegen tauchten hin und wieder in der Szene der Obdachlosen auf, deren Akteure in diesen Fall allein im Mittelpunkt standen.

Ella Jung (Ricarda Seifried) wird jahrelang von ihrem Ehemann misshandelt. Dann schlägt sie zurück und ihren Mann krankenhausreif. Danach flieht sie, will untertauchen und landet auf der Straße. Sie trifft Monika Keller (Rike Eckermann), freundet sich mit ihr an. Sie planen gerade ihre Zukunft – „Wie alle anderen auch“ – in einer Wohnung, da begegnet ihnen Axel Fahl (Niklas Kohrt), bei dem Ella Unterschlupf findet. Monika dagegen wird ermordet und verbrannt. Ballauf und Schenk nehmen die Ermittlungen auf und lernen Regine Weigand (Hildegard Schroedter) kennen, die als städtische Angestellte in einer Notunterkunft arbeitet und sich sehr engagiert um die Obdachlosen kümmert. Sie bringt Ballauf und Schenk auf die Spur der Altenpflegerin Katja Fischer (Jana Julia Roth), die in ihrem Auto lebt und aus Angst, ihre Obdachlosigkeit könnte bei ihrem Arbeitgeber bekannt werden, lieber nichts mit der Polizei zu tun haben möchte. Und Regine Weigand erzählt den Kommissaren von Ella, die seit der Mordnacht verschwunden ist. Ella erlebt derweilen eine erneute Hölle, denn Axel Fahl entpuppt sich als ähnlich aggressiv wie ihr Mann. Mit dem Mord an Monika aber hat auch sie nichts zu tun.

Aber um den Mord geht es auch nicht. Vielmehr hält sich Drehbuchautor Jürgen Werner fast ausschließlich mit der Schilderung der bedrückenden Schicksale von Monika, Ella, Katja und Regine auf, die Regisseurin Nina Wolfrum in düstere Bilder umsetzt. Die Schwächen des Sozialstaates werden deutlich. Wer erst einmal auf der Straße gelandet ist, für den gibt es kein Zurück. „Die Straße gewinnt immer“, erklärt Regine am Ende den Kommissaren. Aber auch die Ignoranz der Gesellschaft kommt zur Sprache, genauso wie Gewalt gegen Frauen und die Not der Geringverdiener in diesem reichen Land. Spannung erzeugt das nicht, allenfalls Mitgefühl. Ob das aber hilft, an dem Elend etwas zu ändern, bleibt dahingestellt. Und wer einen spannenden Krimi erwartet hatte, wurde wieder einmal herbe enttäuscht. /sis

Der letzte Kölner Tatort “Der Tod der anderen” entführte die Zuschauer zurück in die deutsch-deutsche Geschichte.

ARD/WDR Tatort “Der Tod der anderen”: Wo steckt Jütte? Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, r) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) streiten darüber, was zu tun ist, um ihren verschwundenen Kollegen zu finden.
(Foto: WDR/Thomas Kost)

 

Packendes Sozialdrama mit Schock-Ende

Packendes Sozialdrama mit Schock-Ende
Kritik zum Polizeiruf 110 aus Rostock „Sabine“
ARD/NDR Polizeiruf 110 “Sabine”: Karaoke zu Ehren Veit Bukows (Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Minuten der Angst durchlebten die Polizeiruf Rostock-Fans am Ende der Folge „Sabine“: Bukow (Charly Hübner) wird niedergeschossen, König (Anneke Kim Sarnau) zieht ihn aus der Gefahrenzone, der Notarzt eilt herbei, Bukow liegt leblos am Boden. König ist verzweifelt, beugt sich über Bukow, rennt wieder weg. Der Leiter der Mordkommission Henning Röder (Uwe Preuss) wird telefonisch verständigt, auch seine Reaktion ist nicht eindeutig. Es dauert gefühlt ewig, bis König und Bukow schließlich gemeinsam am Strand stehen und Abschied nehmen von Bukows kürzlich verstorbenem Vater.

Der Fall gibt dem Team Rätsel auf (v.l.n.r. Charly Hübner, Anneke Kim Sarnau, Andreas Guenther, Josef Heynert) (Foto: NDR/Thorsten Jander)

Mit dem Tod von Veit Bukow (Klaus Manchen) beginnt die neue Folge. Der Abschied von seinem Vater steht für Alexander genannt „Sascha“ Bukow auch klar im Vordergrund. Halt sucht und findet er bei Kollegin Katrin König. Schon zum Ende der letzten Folge mit dem Titel „Der Tag wird kommen“, kam es zu einem ersten Kuss zwischen Bukow und König, in „Sabine“ nimmt das Verhältnis Fahrt auf. Dabei war es gerade die prickelnde Spannung zwischen den beiden, die dem Rostocker Ermittlerduo dieses gewisse Etwas verliehen hatte. Ob die Zweisamkeit das auf Dauer aufrecht erhalten kann, bleibt abzuwarten. Zum Auftakt jedenfalls verstanden es Drehbuchautor Florian Oeller und Regisseur Stefan Schaller sehr gut, die Spannung zwischen Bukow und König zu erhalten, durch kleine Gesten, liebevolle Blicke, einen sehnsüchtigen Tanz und ein gemeinsam gesungenes Liebeslied. Respekt für so viel Gefühl!

Während sich Bukow und König bei der privaten Trauerfeier für seinen Vater näherkommen, erlebt die Hauptakteurin Sabine Brenner (großartige Luise Heyer) ihren absoluten Tiefpunkt. Sie kramt die gut versteckte Makarow hervor. Ihre Arbeit als Aufstockerin in der Werft vor dem Aus, von der Bank gibt es kein Geld mehr, der Strom bereits abgestellt, sitzt sie auf ihrer Couch und hält sich die Pistole an den Kopf. Sie schafft es nicht abzudrücken, auch weil einer der Nachbarn in den menschenfeindlichen Wohnmaschinen lautstark schreit, während er seine Frau verprügelt. Sabine steht auf, geht mit versteinertem Gesicht nach draußen, trifft auf den Nachbarn und schießt ihn nieder. Die Erleichterung ist ihr anzusehen. Und so beginnt sie, sich von den „Arschlöchern“ in ihrem Leben zu befreien. Bukow und König haben Mühe, sie aufzuspüren. Am Ende pflastern vier Leichen ihren Weg, bevor sie in der Bankfiliale gestoppt wird. Mit Brennspiritus übergossen steht sie Bukow und König gegenüber – mit der Waffe in der einen und einem bereits brennenden Feuerzeug in der anderen Hand. Erst schießt sie Bukow nieder, dann tötet sie sich selbst. Feuer lodert auf. König zerrt Bukow ins Freie.

Mehr Sozialdrama denn Krimi verstand der Polizeiruf es doch, den Zuschauer zu fesseln. Nicht die Taten standen im Vordergrund, sondern die Personen. Die verzweifelte Sabine, der aussichtslose Kampf der Gewerkschafter und der Werft-Belegschaft gegen die gierige Geschäftsführung, der die Rendite nicht hoch genug ist. Die Nachbarin des ersten Mordopfers, die trotz der Prügel, die sie tagtäglich von ihrem Mann bezog, ihn dennoch liebt. Röder, der mit Gesundheitsproblemen zu kämpfen hat. Bukow, dem der Abschied von seinem Vater weit schwerer fällt als er wohl selbst erwartet hätte und die völlig verunsicherte Katrin König, die sich zu Bukow hingezogen fühlt und dennoch lieber das Weite gesucht hätte. Man darf gespannt sein, wie sich das Verhältnis der beiden weiterentwickelt und welche Rolle Bukows Halbschwester Melly Böwe (Lina Beckmann) künftig in Bukows Leben spielen wird. Bei so viel spannenden Nebengeschichten, subtilem Gefühl und den stimmungsvollen Aufnahmen am Strand waren die durchaus vorhandenen Längen gut auszuhalten. /sis

Sabine Brenner (Luise Heyer) ist am Ende: Als Bukow und König sie stellen, kommt es zur Katastrophe. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Schon im letzten Polizeiruf mit dem Titel “Der Tag wird kommen” kommen sich Bukow und König näher.

ARD/NDR Polizeiruf “Der Tag wird kommen”: Sascha Bukows (Charly Hübner) Vater ist tot. Katrin König (Anneke Kim Sarnau) tröstet ihn. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Interessant, aber keine Krimimeisterleistung

Interessant, aber keine Krimimeisterleistung
Kritik zum Tatort Kiel „Borowski und die Angst der weißen Männer“
ARD/NDR Tatort “Borowski und die Angst der weißen Männer”: In der Nähe eines Clubs wird eine junge Frau tot aufgefunden. Sie wurde schwer misshandelt. Klaus Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) nehmen die Ermittlungen auf. (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Borowski (Axel Milberg, vorne) gerät in die Fänge von Frauenhasser Hank Massmanns (Arnd Klawitter) Gefolgschaft. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Der neue Tatort aus Kiel mit dem Titel „Borowski und die Angst der weißen Männer“ aus der Feder von Peter Probst und Daniel Nocke wollte viel, eigentlich zu viel für einen 90 Minuten Krimi. Im Mittelpunkt stand der Frauenhass militanter Gruppen wie „Incel“, die vom Verfassungsschutz noch immer nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie dringend bekommen müsste. Hinter „Incel“ verstecken sich Männer, denen ihrer Meinung nach ein natürliches Recht auf Sex zusteht. Wenn nicht freiwillig, dann eben mit Gewalt. Um das krude Frauenbild zu untermauern, brachten die Autoren dann aber auch noch Neonazis der Gruppe „14 Words“ ins Spiel. Völlig unnötig, auch wenn sich die Interessen der Frauenhasser und die der Rechtsradikalen in einigen Bereichen überschneiden. Denn in diesem Fall war der selbsternannte Frauenversteher und Dating-Coach Hank Massmann (großartiger Arnd Klawitter) Beispiel genug, welch zerstörerische Wirkung Frauenhasser auf junge, verunsicherte Männer haben können. Mario Lohse (Joseph Bundschuh), von vielen Frauen und seiner Chefin ausgelacht und verspottet, ließ sich von Massmanns lautem Hassgeschrei mitreißen und, verstärkt von rechtsradikalen Hassposts im Internet, zu einem Amoklauf inspirieren. Hinzu kam, dass Klaus Borowski (Axel Milberg) und seine Assistentin Mila Sahin (Almila Bagriacik) den jungen Mann ausgerechnet in dem Augenblick zum Verhör abholten, als er erste zarte Bande zu einer sympathischen Frau knüpfen wollte. Mario Lohse war mit dem in der Nähe eines Kieler Clubs aufgefundenen Mordopfer auf einer Überwachungskamera zu sehen. Tatsächlich hatte Lohse den Club mit dem späteren Mordopfer verlassen. Umgebracht hatte er sie dennoch nicht, wohl aber schwer misshandelt.

Wie schon in den letzten Tatorten spielte der Tod des jungen Mädchens eine untergeordnete Rolle. Er wurde nur sehr am Rande abgehandelt und stellte sich am Ende auch wieder nicht als Mord heraus. Und auch die Vergewaltigung und der Mordanschlag auf eine Politikerin und ihre Assistentin fanden keine Aufklärung. Während das Mädchen wegen Drogenmissbrauchs einfach tot umgefallen ist, waren es im anderen Fall in weiße Schutzanzüge gehüllte Gestalten, die Frauen auf einer Liste angriffen, darunter eben auch die Politikerin Birte Reimers (Jördis Triebel). Anders als bei der Assistentin konnte in diesem Fall die mutige und diesmal besonders kampfeslustige Mila Sahin Birte Reimers aber vor Schlimmeren bewahren. Und auch Borowski stoppte Lohses geplanten Amoklauf ziemlich unspektakulär mit einem Schuss ins Knie des Angreifers. Spannung kam erst gegen Ende des Films auf, als Mila Sahin das Leben der Politikerin in deren Haus beschützen musste.

Keine gute Figur gab auch diesmal wieder der Verfassungsschutz ab, der die Ermittlungen wo es nur ging behinderte und ausgerechnet den Anführer Hank Massmann als „unbedenklich und gut“ einstufte. Die Gründe dafür blieben genauso im Dunkeln, wie die Identität der Angreifer in ihren weißen Anzügen. Die Spannung am Ende machte die langatmigen Schilderungen über weite Strecken aber durchaus wett. Das Thema „Frauenhass“ wurde hinreichend beleuchtet und die Verführung junger Menschen durch charismatische Anführer gut verständlich aufgezeigt. Alles in allem ein interessanter Streifen passend zum Weltfrauentag am 8. März, aber nicht unbedingt eine Krimimeisterleistung, wie man sie sonst aus Kiel kennt. /sis

Eine besonders kampfeslustige Mila Sahin (Almila Bagriacik) schützt Politikerin Birte Reimers (Jördis Triebel).
(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Der vorherige Tatort aus Kiel “Borowski und der Fluch der weißen Möwe” war spannend von der ersten bis zur letzten Minute. Das kann man vom neuen Tatort zum Weltfrauentag nicht gerade sagen.

ARD/NDR Tatort “Der Fluch der weißen Möwe”: Haben Borowski (Axel Milberg) und Sahin (Almila Bagriacik) versagt? (Foto: NDR/Gordon Timpen)

Pure Langeweile mit Schweizer Schokolade

Pure Langeweile mit Schweizer Schokolade
Kritik zum Tatort Zürich „Schoggiläbe“
ARD Degeto Tatort “Schoggiläbe”: Müssen sich zusammenraufen: Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher, re.) und ihre Kollegin Tessa Ott (Carol Schuler) (Foto: ARD Degeto/SRF/Sava Hlavacek)
Machtkampf zwischen Grossmutter und Enkelin: Mathilde Chevalier (Sibylle Brunner, li.) und Claire Chevalier (Elisa Plüss) (Foto: ARD Degeto/SRF/Sava Hlavacek)

Ein Leben auf der Schokoladenseite hatten Zürichs Profilerin Tessa Ott (Carol Schuler) und die vermeintliche Tochter des Mordopfers Claire Chevalier (Elisa Plüss) gemeinsam. Beide sind wohlbehütet in besten Verhältnissen aufgewachsen. Als Claires Vater, Leiter einer Schokoladenfabrik, ermordet wird, treffen die beiden wieder aufeinander. Das war aber für den Fall genauso unerheblich wie eine Reihe anderer Ereignisse, mit denen der Zuschauer in diesem zweiten Fall mit dem neuen Ermittlerteam aus Zürich gelangweilt wurde. Weder Tessas Frust über die Suspendierung, nachdem sie mit einer ungeladenen Waffe Isabelles Leben verteidigen musste, noch Isabelle Grandjeans (Anna Pieri Zuercher) Zorn über die ausgebliebene Beförderung waren für den Fall relevant. Auch die Geschichte um Claires profilneurotische Großmutter Mathilde (Sibylle Brunner), die sich plötzlich als Claires Mutter entpuppte, war völlig nebensächlich. Dazu kamen noch unverständliche Direktansprachen der Schauspieler an die Zuschauer, die auch so gar nicht in die eigentliche Geschichte passen wollten. Gerede von Obdachlosen, Schweizer Franken und Amnesty International. Beim Zuschauer erzeugte dieses „Durchbrechen der vierten Wand“ allenfalls Schulterzucken.

Alles in allem handelte es sich bei diesem Tatort  mit dem Titel “Schoggiläbe” um eine zähe Aneinanderreihung zusammenhangloser Ereignisse mit einem für Schweizer Verhältnisse skurrilen Ende: Claires schwuler und depressiver Vater wurde nicht ermordet, sondern hatte sich vom Bruder seines ungarischen Liebhabers umbringen lassen, weil er das allein nicht fertiggebracht hat.

Zu diesem Ergebnis kommen die Ermittlerinnen aber erst nach einer Reihe Irrungen und Wirrungen. Mal steht Claires Großmutter in Verdacht, weil sie sich einfach nicht aus der Leitung der Schokoladenfabrik raushalten kann. Mal steht Claire selbst in Verdacht, weil sie das neuere Testament ihres Vaters einfach verbrennt – typische Machtspielchen zweier Diven. Dann sind da noch die beiden Ungarn, der eine prostituiert sich, der andere ist arm, wie eine Kirchenmaus und natürlich eine illegale Haushalterin, die mit ihrer kleinen Tochter untertaucht, nachdem sie den vermeintlichen Mord mit angesehen hat. Dazu tut sich Tessa Ott schwer mit der Waffe, wird am Ende aber doch gezwungen, auf den Täter zu schießen.

Dieses wirre Durcheinander der Drehbuchautoren Stefan Brunner und Lorenz Langenegger führte zu ziemlicher Langeweile. Keine überraschenden Wendungen, kein richtiger Showdown, nichts, was einen Krimi interessant macht. Der Tatort aus Zürich war schon immer etwas anders. Besser ist er mit dem neuen Team bislang aber nicht geworden. /sis

Ist die Waffe diesmal geladen? Tessa Ott (Carol Schuler) muss ihre Kollegin verteildigen. (Foto: ARD Degeto/SRF/Sava Hlavacek)

Es kann ja nur noch besser werden, hatte man schon nach dem ersten Tatort “Züri brännt” mit dem neuen Ermittlerteam aus Zürich gehofft. Bislang ist es das nicht.

ARD Degeto Tatort “Züri brännt”: Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher), Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler) und Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig) (Foto: ARD Degeto/SRF/Sava Hlavacek)

In unerträglicher Genüsslichkeit vorgeführt

In unerträglicher Genüsslichkeit vorgeführt
Kritik zum Tatort Dortmund „Heile Welt“
ARD/WDR Tatort “Heile Welt”: Die Mordkommssion Dortmund mit neuer Kollegin: Martina Bönisch (Anna Schudt), Jan Pawlak | (Rick Okon), Peter Faber (Jörg Hartmann, sitzend), Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger, v.l.n.r.) (Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Menke)
Wo steckt ihr Sohn Hakim? Das wollen oder können Abdul Azim Khaled (Ferhat Keskin, 2.v.r.) und seine Frau Rana Khaled (Meryem Moutaoukkil, 2.v.l.) den Kommissaren Martina Bönisch (Anna Schudt, rechts) und Peter Faber (Jörg Hartmann, links) bei der Befragung im Wohnzimmer der Familie nicht verraten. (Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Menke)

Rassismus, Polizeigewalt, Fake News, Social Media und die Auswirkungen auf die Betroffenen, all das versuchte Drehbuchautor Jürgen Werner in den neuen Tatort „Heile Welt“ aus Dortmund zu packen. Dass ein solches Vorhaben angesichts der Komplexität der Themen nur holzschnittartig gelingen kann, versteht sich von selbst. Wieder einmal wäre weniger hier entschieden mehr gewesen, zumal Regisseur Sebastian Ko Gewaltexzesse zwischen Extremen jeder Couleur in einer fast unerträglichen Genüsslichkeit vorführte, mittendrin Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt), die nicht ganz unschuldig an den Ausschreitungen war. Ihr Partner und Kollege Peter Faber (Jörg Hartmann) begnügte sich in diesem Fall damit, seinen romantischen Gefühlen für Martina Bönisch nachzuhängen und lieber mit einem an Corona gescheiterten Geschäftsmann einen Schnaps zu viel zu trinken. Einzig die neue Kollegin Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) kümmerte sich um die Ermittlungen, ließ sich aber allzu schnell manipulieren und vor den Karren linksextremer Polizeihasser spannen. Die ohnehin ziemlich respektlose Rosa schob Martina Bönisch nur allzu leichtfertig in die rechte Schmuddelecke, ohne sich über den Wahrheitsgehalt einer Videoaufzeichnung zu informieren. Und auch Kollege Jan Pawlak (Rick Okon) war mehr mit seiner Familie beschäftigt. Pawlaks Frau war verschwunden, wohin blieb genauso ungeklärt wie das Warum. Dann gab es da noch die obligaten Drogenhändler, gerne Ausländer, ohne die es offenbar in deutschen Tatorten nicht mehr geht. Der Mord an der jungen Bewohnerin einer Wohnmaschine mit Einkaufszentrum und Keller auf dem Dach war irgendwie Nebensache und wurde auch nicht durch polizeiliche Ermittlungen, sondern Kommissar Zufall gelöst. Am Ende hatten weder Rechtsradikalismus noch Polizeigewalt und Fake News etwas mit dem Mord zu tun, sondern nur eine gescheiterte Existenz, die nicht mit der abwertenden Behandlung durch die Gesellschaft und in diesem Fall speziell des Mordopfers zurechtkam.

Auch wenn der Tatort aus Dortmund mit einem Krimi nichts zu tun hatte, zeigte er doch in beeindruckender Weise, wie schnell eine rein zufällige, aber völlig harmlose Begegnung zu einem gefährlichen Zusammentreffen werden kann, die das berufliche und private Leben im Handumdrehen auf den Kopf stellt. Eine Alltagsszene ungeprüft weitergegeben durch eine Möchte-Gern-Journalistin, von denen es im Netz geradezu wimmelt, wird zum Alptraum und die Wahrheit zur Nebensache. Das allein hätte als Stoff für einen spannenden Krimi sicher schon ausgereicht! /sis

Kommissarin Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger, links) ist neu in der Mordkommission. Als sie die Politbloggerin Annika Freytag (Jaëla Probst, rechts) in deren Büro befragt, hört sie von den Rassismus-Vorwürfen gegen ihre Kollegin Martina Bönisch, die sie nur allzu leichtfertig aufgreift. (Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Menke)

Schon der letzte Tatort aus Dortmund mit dem Titel “Monster” war an Brutalität nicht zu überbieten.

ARD/WDR Tatort “Monster”: Was hat das Verschwinden von Jan Pawlaks (Rick Okon, Mitte) Tochter mit Peter Faber (Jörg Hartmann, rechts) zu tun? Nora Dalay (Aylin Tezel) versucht, ihren Kollegen zurückzuhalten. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Eine Geschichte voller Zufälle und Missverständnisse

Eine Geschichte voller Zufälle und Missverständnisse
Kritik zum Tatort Ludwigshafen „Hetzjagd“
ARD/SWR Tatort “Hetzjagd”: Marias schlimmste Befürchtungen bewahrheiten sich, als sie am Rheinufer die Leiche ihres Freundes Tilmann sieht, dessen Tod von Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) untersucht wird. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

Etwas ratlos lässt der Tatort „Hetzjagd“ aus Ludwigshafen die Zuschauer zurück. War er gut? Nicht wirklich. War er schlecht? Auch nicht wirklich. Irgendwas zwischendrin. Tatsächlich hatte die Story einiges zu bieten. Insbesondere, dass Regisseur Tom Bohn sich auf die Stärke des Mediums Film besann und die Geschichte mehr in Bildern als in Dialogen erzählen ließ, wusste zu begeistern. Der Drehbuchautor, auch Tom Bohn, aber erlaubte sich einige Ungereimtheiten, die wiederum den gesamten Tatort konstruiert und wenig durchdacht erscheinen ließen.

Thomas Leonhard (Oliver Stritzel) hat damit gerechnet, dass die Kommissarinnen Odenthal (Ulrike Folkerts) und Stern (Lisa Bitter) sich über ein Eingreifen des Verfassungsschutzes nicht freuen. Aber wenn wirklich rechtsextreme Gruppen in den Fall verwickelt sind, geht kein Weg an ihm vorbei. (SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

So ist absolut nicht nachvollziehbar, warum Mordopfer Nummer 1, der Konzertveranstalter Tillmann Meinecke, so dringend Polizeischutz wünschte, um dann ganz allein am frühen Morgen am einsamen Rheinufer entlang zu joggen. Auch wie die Freundin des Mordopfers, Maria Karich (Anna Herrmann), und die Freundin des vermeintlichen Täters, Hedwig Joerges (Anne-Marie Lux), ausgerechnet am selben Imbissstand im benachbarten Mannheim aufeinandertreffen konnten, war mehr dem Zufall als einem intelligenten Konstrukt geschuldet. Wenig glaubwürdig war auch Marias respektloses Beschimpfen und Geduze der Kommissarinnen, das eher zu der angeblich rechtsradikalen Hedwig gepasst hätte, die aber wiederum sehr moderat und wenig aufbrausend daherkam. Dennoch gefielen kleine Gesten ganz besonders, wie etwa Edith Kellers (Annalena Schmidt) tiefe Betroffenheit über den Tod der Polizistin, die ganz ohne Worte auskam.

Die Geschichte selbst war wieder einmal und völlig unnötig im rechten Milieu angesiedelt. Tatsächlich soll Tilmann Meinecke von dem völlig verblendeten Ludger Reents (Daniel Noel Fleischmann) an diesem Morgen ermordet werden. Er unterstreicht seine Entschlossenheit gegenüber seiner Freundin Hedwig mit lautem Nazigebrüll. Doch Ludger kommt zu spät. Meinecke, der vorzugsweise Rockkonzerte „gegen Rechts“ veranstaltet, liegt schon tot am Rheinufer. Dass das den Verfassungsschutz in Person von Thomas Leonhardt (Oliver Stritzel) stilecht in Lederjacke auf den Plan ruft, war genauso klar wie unnötig. Leonhardt behinderte die Ermittlungen von Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) wenig bis gar nicht, trug aber auch nicht zur Aufklärung des Falles bei. Verfassungsschutz musste eben sein, weil der vermeintliche Mörder aus der rechten Szene kam, auch wenn er sonst in dieser Geschichte überhaupt keinen Sinn hatte.

Ebenfalls entbehrlich und in keiner Weise nachvollziehbar, geschweige denn die Motivation glaubhaft erklärt, war der Mord an der Polizistin. Ludger wird zusammen mit seiner Freundin Hedwig von einer Polizeikontrolle angehalten, er steigt aus, zieht die Waffe und ballert völlig unmotiviert drauf los. Natürlich wird er sofort geschnappt, während Hedwig auf der Suche nach einem Schlafplatz ausgerechnet auf die Freundin von Meinecke trifft und mit ihr zusammen die Nacht in einem Hotel verbringt. Als beide endlich verstehen, auf wen sie sich da jeweils eingelassen haben, kommt es zum Showdown, der wieder wenig nachvollziehbar war: Eben verstehen sich die Mädchen noch gut, da greift sich Maria ein Messer und Stich Hedwig nieder. Dabei hatte Hedwig weder etwas mit dem Mord an Marias Freund noch an der Polizistin zu tun. Eine Geschichte voller Zufälle und Missverständnisse eben, aber doch nicht völlig uninteressant.  /sis

Der Zufall hat sie zusammengebracht, als sie nicht wussten wohin, nun teilen sich Maria (Anna Herrmann) und Hedwig (Anna-Maria Lux) ein Hotelzimmer. Sie verstehen sich, bis endlich klar wird, auf wen sie sich jeweils eingelassen haben. (Foto: SWR/Patricia Neligan)

Der letzte Tatort aus Ludwigshafen “Unter Wölfen” führte die Zuschauer in den Wilden Westen.

ARD/SWR Tatort “Unter Wölfen”: Lena (Ulrike Folkerts, links) und Johanna (Lisa Bitter) müssen den Mord an einem Clubbetreiber aufklären. (SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

 

Dringendes Problem in eine spannende Geschichte verpackt

Dringendes Problem in eine spannende Geschichte verpackt
Kritik zum Tatort Dresden „Rettung so nah“
ARD/MDR Tatort “Rettung so nah”: Karin Gorniak (Karin Hanczewski, re.), Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) und Leo Winkler (Cornelia Gröschel) inspizieren das Lager einer Obdachlosen unter den Elbbrücken (Foto: MDR/MadeFor/Daniela Incoronato)

Schwieriges Thema, spannende Umsetzung und ein Ermittlerduo auf Augenhöhe, so wünscht man sich den Tatort. Drehbuchautor Christoph Busche hatte sich für den Tatort mit dem Titel „Rettung so nah“ die Probleme der Rettungsdienste ausgesucht. Welchen Bedrohungen die Retter Tag für Tag ausgesetzt sind, stand dabei im Vordergrund. Busche machte aber auch nicht vor der Beschreibung der anderen Seite halt. Er stellte die Eignung von Rettungssanitätern in Frage, die unter Drogeneinfluss Kranken oder Schwerverletzten zur Hilfe eilen. Können sie ihren Dienst dann noch im Interesse der Patienten ausführen? Was ist mit der moralischen Eignung von Rettern, die sich aus Angst vor Übergriffen bei ihren Einsätzen bewaffnen oder die die Rettungswache als kostenlosen Lieferanten von Medikamenten betrachten. In diesem Umfeld müssen die Dresdner Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) nach dem Mörder des Rettungssanitäters Tarik Wasir (Zeihun Demirov) suchen. Auch ein ausländerfeindlicher Hintergrund kann nicht ausgeschlossen werden, nachdem seine Kollegin Greta Blaschke (Luise Aschenbrenner) davon sprach, dass Tarik sich offenbar verfolgt fühlte. Tatsächlich aber ist es Greta selbst, die von Jens Schlüter (großartiger Golo Euler) ins Visier genommen wurde, nachdem Greta bei der Versorgung von Schlüters Tochter, die einen allergischen Schock erlitten hatte, im Drogenrausch vielleicht einen Fehler gemacht und damit den Tod des kleinen Mädchens verursachte. Nach einem weiteren Anschlag auf einen Rettungswagen der Wache, stellt Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) die gesamte Wache unter Polizeischutz und schickt Karin Gorniak mit Greta zu den Einsätzen. Nachdem der vermeintliche Täter gefasst ist, wird der Polizeischutz aufgehoben. Greta aber weiß, dass Schlüter weiter auf Rache sinnt und bietet dem vermeintlichen Mörder in dessen Haus die Stirn. Das kostet sie fast das Leben.

Dem Tatort gelang es, die Probleme der Rettungsdienste in eine berührende und zugleich ungemein spannende Geschichte zu verpacken. Der Zuschauer blieb mit der Frage zurück, was in einer Gesellschaft falsch läuft, die diejenigen angreift, beschimpft und bedroht, die anderen helfen wollen. Eine Frage, die dringend einer Antwort bedarf. Für beste Krimiunterhaltung sorgten dabei Gorniak und Winkler, die erstmals auf Augenhöhe agierten. Gorniak bekam mehr Raum in diesem Tatort, Winkler stand nicht mehr allein im Mittelpunkt. Dazu gab es noch ein bisschen Hygieneerziehung für das Publikum: Ganz Dresden litt zur Spielzeit an einer Grippe, nieste aber vorbildlich in die Armbeuge und desinfizierte sich die Hände! Corona lässt schön grüßen! /sis

Karin Gorniak (Karin Hanczewski, li.) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) ermitteln in “Rettung so nah” erstmals auf Augenhöhe. (Foto: MDR/MadeFor/Daniela Incoronato)

Das war in den bisherigen Tatorten der beiden aus Dresden nicht der Fall. In “Parasomnia” zum Beispiel stehen Talias Tagträume und Leonie Winklers Versuche, das Mädchen zu beruhigen im Vordergrund.

ARD/MDR Tatort “Parasomnia”: Talia (Hannah Schiller, re.) leuchtet aus dem Schlaf aufgeschreckt mit einer Taschenlampe, neben ihr im Bett schläft Leonie Winkler (Cornelia Gröschel). (Foto: MDR/MadeFor/Daniela Incoronato)

Ein starker Abgang für Olga Lenski

Ein starker Abgang für Olga Lenski
Kritik zum Polizeiruf 110 „Monstermutter“
ARD/rbb Polizeiruf 110 “Monstermutter”: Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon, l.) spürt die flüchtige Täterin Louisa „Lou“ Bronski (Luzia Oppermann, r.) auf und gerät ernsthaft in Gefahr. (Foto: rbb/Eikon/Oliver Feist)
Wo ist Olga und hat ihr Verschwinden etwas mit der flüchtigen Täterin zu tun? – Dienststellenleiter Karol Pawlak (Robert Gonera, r.) bespricht die akute Gefahrenlage mit Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, l.) und Polizeihauptmeister Wolfgang Neumann (Fritz Roth, Mitte). (Foto: rbb/Eikon/Oliver Feist)

Zehn Jahre ermittelte Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) erst an der Seite von Horst Krause, seit 2015 mit Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lukas Gregorowicz) im Dienst des deutsch-polnischen Polizeikommissariats bei Frankfurt an der Oder. Nicht immer wusste das Team Lenski/Raczek zu begeistern, der letzte gemeinsame Fall “Monstermutter” aber hatte es wahrhaft in sich. Die überzeugende Geschichte von Drehbuchautor und Regisseur Christian Bach führte den Zuschauer in die Welt einer jungen Mutter, die sich, geprägt durch ihre eigene Vergangenheit, mit den Fäusten durchs Leben schlägt.

Luisa „Lou“ Bronski (Luzia Oppermann) kommt nach zwei Jahren aus dem Gefängnis frei und hat nur ein Ziel: Sie will ihre Tochter zurückhaben, die vom Jugendamt in einer Pflegefamilie irgendwo in Brandenburg untergebracht wurde. Als Lou schließlich auf Kriminalkommissarin Olga Lenski trifft, nimmt sie sie kurzerhand als Geisel und macht sich mit ihr zusammen auf die Suche nach ihrem Kind. Sie bietet Adam Raczek und dem Team um Chef Karol Pawlak an, Olga freizulassen, wenn sie im Gegenzug ihre Tochter bekommt. Bei ihrem Trip durch Brandenburg lernen Olga und mit ihr die Zuschauer Lou besser kennen, erfahren von ihrer verkorksten Jugend, ihrer abweisenden Mutter und der Tatsache, dass ihr das Leben nur dann etwas übrigließ, wenn sie es sich unter Einsatz von Gewalt genommen hat. Olga, selbst Mutter und von ihrer Rolle als Alleinerziehende scheinbar überfordert, entwickelt Verständnis für Lou. Sie schafft es sogar, sie zur Aufgabe zu bewegen. Doch leider zu spät. Der tödliche Schuss des Sondereinsatzkommandos trifft Lou just in dem Moment, in dem sie Olga ihre Waffe zurückgibt.

Spannend von der ersten bis zur letzten Minute, hoch emotional und zum Schluss auch noch ein bisschen wehmütig, wenn Olga Lenski wie immer mit den Händen in den Hosentaschen in eine neue Zukunft davon geht, war dieser Polizeiruf 110 einer der besten aus Frankfurt an der Oder. Schade, dass ausgerechnet jetzt Schluss ist für Lenski und Raczek, die in ihrem letzten Fall endlich so etwas wie Empathie füreinander entwickelten. /sis

Raczek (Lucas Gregorowicz, l.) ist sauer, weil Lenski  (Maria Simon, r.) ihn nicht über ihre Kündigung informiert hat. (Foto: rbb/Eikon/Oliver Feist)

Schon vor einem Jahr hatte Maria Simon ihren Ausstieg aus dem Polizeiruf 110 angekündigt: “Heilig sollt ihr sein

ARD/rbb Polizeiruf “Heilig sollt ihr sein”: Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon, mi), Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, re) und ihr Kollege Wiktor Krol (Klaudiusz Kaufmann, li) haben die schwierige Aufgabe, eine Geiselnahme im Gefängnis zu deeskalieren. (Foto: rbb/Arnim Thomaß)

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil III)

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil III)

Missverständnisse beherrschen den Alltag

Wölfe müssen auf der Jagd zusammenarbeiten. Verletzungen zum Beispiel wegen Kämpfen um die Rudelführerschaft würden das ganze Rudel schwächen. Foto: Vincent Boulanger/Pixabay)
Wölfe müssen auf der Jagd zusammenarbeiten. Verletzungen zum Beispiel wegen Kämpfen um die Rudelführerschaft würden das ganze Rudel schwächen. (Foto: Vincent Boulanger/Pixabay

 

Ging es in den ersten beiden Teilen der Reihe um Lern- und ungeeignete Erziehungsmethoden, wollen wir uns im dritten Teil mit den Missverständnissen beschäftigen, die uns den Alltag mit unseren Hunden schwer machen. Wenn Erziehung nicht ordentlich stattgefunden hat und das Verständnis für den Hund fehlt, dann kommen die Tiere nicht selten ins Tierheim mit dem Argument: Der Hund ist aggressiv, er bedroht oder beißt gar die Familienmitglieder. „Der Hund ist dominant“, heißt es dann meist! Er will den Menschen beherrschen, ihn unterordnen. Das machen alle Hunde so, sie wollen im “Rudel bestimmen”. Wenn diese Überlegung stimmt, dann hieße das: Jeder Hund steht morgens auf, um zu schauen, ob er inzwischen die Herrschaft übernehmen kann! Und das ist natürlich ein völliger Unsinn. Nie hat es im Verhältnis Mensch/Hund je ein größeres Missverständnis gegeben als mit Blick auf die so genannte Dominanz. In diesem Zusammenhang wird dann gerne auf den Alphawolf im Wolfsrudel verwiesen. Aber: In dem Moment, in dem der Alphawolf sein Rudel mit Dominanz beherrschen muss, verliert er auch schon! Der Alphawolf ist souverän und niemals dominant! Im Wolfsrudel gilt das Prinzip des “Überlebens”. Überleben kann ein Rudel nur dann, wenn es gemeinsam – also mit allen verfügbaren Kräften – jagen kann. Streitigkeiten im Rudel mit Dominanz auszuräumen, hieße eine Unmenge Energie zu vergeuden, Energie, die zur Jagd gebraucht wird. Auf den Hund gebracht heißt das wiederum: Wenn Herrchen und Frauchen ihren Hund nur mit Dominanz beherrschen, braucht der Hund nur auf eine Schwäche zu warten, um den “Alpha” abzusetzen! Einen Hund dominieren zu wollen, ist mithin auch mit Blick auf das in diesem Zusammenhang gern zitierte Wolfsrudelverhalten absolut falsch. Dazu ein Tatsachenbericht: Ein Hundetrainer rühmte sich lange Zeit, alle Hunde zu “dominieren”! Mit Strenge herrschte er über die Tiere, mit Strenge und unbedingtem Verlangen nach Gehorsam erzog er sie. Die Hunde ließen sich das über einen langen Zeitraum widerstandslos gefallen. Bis der Trainer eines Tages mit einer Grippe auf den Trainingsplatz kam. Einer der Hunde griff ihn an! Er hatte die “Schwäche” des “Alphas” erkannt und ihn abgesetzt! Dieser Trainer ist nie mehr auf einen Trainingsplatz gegangen. Gut so! Und hier sind wir wieder an dem Punkt, den wir schon einmal hatten: Es kann immer etwas passieren! Man steckt nicht im Kopf seines Hundes. Wenn wir also weiter unsere Hunde auf den unzähligen Hundeplätzen und in Hundeschulen mit dem Ziel der “Dominanz” erziehen, dann schaffen wir uns die Monster, die Menschen angreifen letztlich selbst. Wer den Hund mit Dominanz behandelt, verliert seine Souveränität. Und wer seine Souveränität verliert, dessen Alpha-Position ist schon angekratzt! Der Hund braucht nur noch auf die Schwäche zu warten!

Ein Alphaproblem hat auch jeder “Wachhund”. Sie schaffen sich einen Hund an, der Sie bewachen soll. Dann müssen Sie ihm auch die berühmt-berüchtigte “Alpha-Position” in Ihrem Leben einräumen. Denn: In einem Wolfsrudel verteidigt nur ein einziger Hund eventuell attackierte andere Rudelmitglieder: der Alpha! Wenn Sie Ihrem Hund diese Alpha-Position nicht einräumen, dann müssen Sie ihn verteidigen. Wenn Sie also auf der Straße einem anderen Hund begegnen, der Ihren Hund angreift, dann müssen Sie dazwischen gehen und Ihren Hund verteidigen! Verlangen Sie, dass Ihr Hund Sie beschützt, dann können Sie nicht die Nummer eins im Rudel sein! Wenn Sie die Nummer eins sein wollen, dann müssen Sie auch die Aufgaben der Nummer eins übernehmen! Das sind die typischen Missverständnisse zwischen Mensch und Hund, die nicht selten in Aggressionen münden.

 Der Hund spricht nicht unsere Sprache!

Ein Husky muss laufen, jeden Tag! (Foto: StockSnap/Pixaby)

Die Hauptprobleme mit den Hunden entstehen, weil sie zu wenig Auslauf haben. Hier muss man den eingangs in Zusammenhang mit der Auswahl des Tieres näher beleuchteten Aspekt des “Lebenssinns des Hundes” im Auge haben. Ein Husky muss laufen! Und ein Hund muss beschäftigt werden! Man kann nicht erwarten, dass er den ganzen Tag friedlich in der Ecke liegt, bis man selbst Lust und Laune verspürt, ein paar Schritte mit ihm um den Block zu trollen! Und Probleme entstehen, weil wir die Körpersprache der Hunde nicht beherrschen. Der Hund aber “liest” den Menschen. Wenn nun Stimmlage und Körpersprache nicht zusammenpassen, dann kommt es zwangsläufig zu Konfliktsituationen, die natürlich beileibe nicht immer besonders ernsthaft ausfallen müssen. Also: Hunde lesen unsere Körpersignale ganz exakt. Beispiel: Der Hund soll zu uns kommen, er ist uns vielleicht beim Spaziergang zu weit weggelaufen. Wir brüllen mit lauter Stimme und gestikulieren mit den Arm: Kommst du jetzt endlich her! Der Hund hört unsere durch die Lautstärke und Aufregung hohe Stimme und versteht: “Das machst du aber gut! Mach weiter!” Die hohe Stimme bedeutet für ihn etwas Positives! “Alles in Ordnung mein Junge, renn nur weiter!” Das Gestikulieren mit den Armen und die Nervosität wertet er aber als negativ: Mann, denkt er, ist Frauchen wütend, da bleib ich doch lieber weg! Noch besser wird es, wenn wir nun hinter dem Hund herrennen. Wir schreien laut “kommst du her!” und rennen los. Der Hund denkt: Tolles Spiel! Mal sehen, ob sie mich kriegt! Das “Sen der Hundeerziehung” ist aber: Tief Luft holen und immer die Ruhe bewahren!

Dass Hunde sehr feine Antennen für Stimmungen haben, weiß jeder, der einen Hund besitzt. Er spürt jede noch so kleine Aufregung. Ein klassisches Beispiel dafür ist die bereits erwähnte Begegnung mit einem anderen Hund: Der Hund wird die Aufregung, Befürchtung, Nervosität, was auch immer, die Frauchen oder Herrchen schon lange vor der eigentlichen Begegnung ausstrahlen spüren, er empfindet diese Aufregung als “Bedrohung”. Und wird gleichfalls nervös! Wenn Sie jetzt auch noch anfangen zu flüstern, haben Sie schon verloren: Hunde (und Wölfe) sind nur aus zwei Gründen ganz leise: Beute oder Feind in der Nähe! Entsprechend hoch ist die Aufmerksamkeit des Hundes, wenn Herrchen oder Frauchen mit leisen Tönen kommen! Deshalb gilt: Sich selbst und die Signale, die man dem Hund übermittelt, genau kontrollieren und mit Blick auf das Hundeverständnis abstimmen.

Aggressionsauslöser finden und vermeiden

Wer von seinem Hund beschützt werden will, muss ihm auch die Rolle des Beschützers lassen. (Foto: Pehjakroon/Pixabay)

Auf den Alltag übertragen bedeutet dies: Es gilt Aggressionsauslöser zu finden und in der Folge zu meiden. Wenn der Hund also beim Spaziergang auf andere Hunde mit Aggression reagiert, ist es besser, die Begegnung zu vermeiden. Aggressionsauslöser können nun unterschiedlichster Art sein. Sie können auf den beispielhaft aufgeführten und zahlreichen anderen Missverständnissen basieren. Der Hund hat nicht gelernt, dem Menschen zu vertrauen, er ist nicht “erzogen”, er wurde mit Gewalt “erzogen” oder er zeigt rassespezifische Verhaltensprobleme. Hier sind wir also wieder beim Zuchtziel. Ist das Zuchtziel Schutzhund, Wachhund, dann habe ich einen Alpha-Hund. Will ich diese Position, habe ich ein Problem. Jagdhund: Er rennt nach allem, was sich bewegt. Hütehund: Er hat einen ausgeprägten “Schutztrieb”, und so weiter und so weiter. Also muss jeder Hund in erster Linie nach seinen rassespezifischen Merkmalen eingeordnet werden. Auch gab und gibt es bei bestimmten Rassen in der Zucht Probleme: Man erinnere sich in diesem Zusammenhang an die Golden Retriever-Wut. Damit kann man einen Teil der möglichen Aggressionsauslöser schon festschreiben. Dann muss das Verhalten des Tieres beobachtet werden. Nicht gewünschtes Verhalten muss anhand geeigneter, dem Tier entsprechenden Trainingsmethoden abtrainiert werden. Und das mit Ruhe und Geduld!

Häufiger Auslöser von Aggressionen sind auch nicht erkannte Schmerzen. Man kennt das Phänomen von den Jagdhunden: Wenn sich ein Jagdhund während der Jagd verletzt, rennt er so lange der Beute hinterher, bis er sie endgültig hat. Erst dann bricht er zusammen und schreit vor Schmerzen. Der Grund ist ein von der Natur vorgegebener. Die Aggression schüttet im Gehirn das gleiche Hormon aus, wie beim schnellen Hinterherhetzen etwa hinter einer Beute. Dieses Hormon dämpft den Schmerz. Wenn also ein Hund urplötzlich “aggressiv” reagiert und dann nicht selten seine eigenen Familienmitglieder angreift, dann kann das auch auf einen Schmerz hindeuten. Bekannt ist hier beispielsweise der Fall eines Rottweilers: Er griff sein Frauchen völlig unvermittelt nach einem langen Spaziergang an. Der Hund lag müde auf dem Flur. Als sein Frauchen an ihm vorbeigehen wollte, sprang er auf und biss sie in den Arm. Die Frau ließ ihren Hund nicht einschläfern, wie ein bekannter Schlagerstar, sondern brachte ihn zum Tierarzt. Der fand heraus, dass der Hund an einer Hüftgelenksfehlstellung litt. Der Hund wurde operiert und kuriert! Hüftgelenksdysplasie gerne beim Schäferhund, Probleme der Hunde mit Flachnasen, Zahnprobleme und Kopfprobleme bei Hunden mit schmalgezüchtetem Kopf – Dobermann -, übersteigertes Gehör beim Berner Sennenhund, all das sind schon “rassespezifische” Probleme, die bei Aggressionen immer mit ins Kalkül gezogen werden müssen. Auf Aggression gezüchtet werden zum Beispiel sogar die ach so niedlichen West-Highland-Terrier, die einst dazu gebraucht wurden, um Kaninchen aus ihren Bauten zu holen. Wer weiß das aber, wenn er die hübschen kleinen weißen Kerlchen in der Hundefutter-Werbung durch die Wohnung flitzen sieht! Nun kann man einen “wild gewordenen Westie” leicht beherrschen. Einen Rottweiler, Schäferhund, Dobermann oder Mastiff dagegen lässt sich nicht so schnell wieder zur Raison bringen. Aggressionsauslöser zu finden und zu meiden ist da sicher die bessere Lösung. Bleibt noch zu erwähnen, dass mit jedem Aggressionsschub natürlich die Hemmschwelle beim Tier sinkt. Auch hier ist das “Vermeiden” die bessere Lösung als das gewaltsame Beenden einer dann bereits bestehenden Aggressionssituation.

Körpersignale beachten

Die Rasse eines Hundes hat viel mit seinem instinktiven Verhalten zu tun. (Foto: JamesQube/Pixabay)

Aggressionen vermeiden kann man auch durch die ausgesendeten Körpersignale. Zum einen erkennt man an den Signalen des Hundes, in welcher Stimmung er sich befindet. Ein aggressiver Hund stellt das Nackenhaar! Wenn Hunde sich begegnen, sind sehr schön die einzelnen Beschwichtigungssignale zu beobachten: Die Natur hat dem Hund ein ganzes Repertoire an möglichen Signalen mitgegeben, die ihm helfen, einen echten Kampf zu vermeiden. Das gilt im Übrigen auch für die Wölfe. Stellen Sie sich vor, die Kerle würden sich bei ihren Streitereien permanent verletzen, dann wäre wieder der Jagderfolg und damit das Überleben des ganzen Rudels gefährdet. Gehen Hunde frontal aufeinander zu, ist der Kampf vorprogrammiert. Geht einer der Hunde in Schlangenlinien, signalisiert er dem anderen: Ich tu Dir nichts, ich will mal gucken, wer du bist. Interessant in diesem Zusammenhang: Die Kopfstellung. Nicht nur das frontale Aufeinanderzugehen wird vermieden, sondern auch das direkte “Aug um Aug!” Einer der beiden legt den Kopf schief! Diese und zahlreiche andere Signale kann sich auch der Mensch im Umgang mit dem Hund zunutze machen. Ich habe eingangs bereits erwähnt, nie mit der flachen, offenen Hand auf einen Hund zugehen, sondern ihm den Handrücken bieten. Nie dem Hund direkt in die Augen schauen, den Kopf ein wenig schräg halten. Auf die Stimme achten: ruhige, hohe Stimme heißt “alles klar”, tiefe, drohende Stimme “lass das!” Leise Töne bedeuten “Feind oder Beute in der Nähe”. Laute Stimme: “Weiter so”. Es gibt also mit Hilfe der Körpersprache eine ganze Reihe von Möglichkeiten, um sich auch einem fremden Hund gegenüber einigermaßen ungefährdet nähern zu können. Man muss diese Signale aber kennen! Es gibt ausgezeichnete Fachliteratur zum Thema Körpersprache und Ausdrucksverhalten von Hunden und Wölfen.

 

 

Kurz und bündig

Lassen Sie dem Hund seinen Distanzrahmen

Nähern Sie sich ihm mit dem Handrücken

Beobachten Sie sein Verhalten – über einen längeren Zeitraum

Beobachten Sie Ihr Verhalten

Signalisieren Sie ihm durch die Haltung Ihres Kopfes und Ihrer Stimme: Es ist alles in Ordnung.

Und denken Sie daran: Es kann immer etwas passieren. Sie stecken nicht im Kopf dieses Hundes! Wer das nicht akzeptiert, hat das Wesen des Hundes nicht verstanden!

 

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier Teil I finden Sie hier und Teil II hier

Das war einmal mehr gar nichts!

Das war einmal mehr gar nichts!
Kritik zum Tatort Hamburg „Tödliche Flut“
ARD/NDR Tatort “Tödliche Flut”: Imke (Franziska Hartmann, l.) beschuldigt Stadtrat Lohmannn (Jonas Hien, r.). Julia Grosz (Franziska Weisz, 2. v.l.) und Falke (Wotan Wilke Möhring 2. v.r.) ermitteln. (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Imke (Franziska Hartmann) reißt Falke (Wotan Wilke Möhring) mit in die tödliche Flut. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Düstere Inselbilder, eine vorhersehbare Geschichte, dazu ein unglaubwürdiges Ende – der Tatort „Tödliche Flut“ mit den Kommissaren Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) wusste so gar nicht zu begeistern. Allenfalls die eigens für diesen Tatort komponierte und von der NRD Radiophilharmonie eingespielte Musik war außergewöhnlich gut. Ansonsten gab es – wieder einmal – überhaupt keine Spannung. Die Geschichte, die Imke Leopold (Franziska Hartmann), eine alte Bekannte von Falke, den Kommissaren auftischte, war von Anfang an ziemlich durchsichtig, ihr eigenes Verhalten mehr als verdächtig.

Übergriffige Imke Leopold

Als investigative Journalistin ist Imke Leopold auf der Suche nach dem ganz großen Skandal auf Norderney, in den nicht nur Stadtrat Lohmann (Jonas Hien) und der Bürgermeister (Veit Stübner), sondern auch Polizeichef Recker (Christoph Tomanek) verstrickt sein sollen. Imke wird von einem Unbekannten angegriffen und der einzige Zeuge liegt tot in seinem Haus. Während Falke mehr mit einem ausgiebigen Flirt mit Imke beschäftigt ist, erfährt Grosz von Imkes psychischen Problemen, die im Laufe der Geschichte immer deutlicher zutage treten und in einem Selbstmordversuch gipfeln. Sie stürzt sich in die herannahende Flut und nimmt Falke gleich mit. Grosz lässt mit Hubschrauber und Wasserpolizei nach ihnen suchen und findet schließlich Falke mit der toten Imke am Strand. Imke selbst hat den Mord begangen und Falke mit dem angeblichen Überfall nach Norderney gelockt.

Ein bisschen durchgeknallt aber nicht irre!

Als Krimi geht dieser Tatort aus der Feder von David Sandreuter, Arne Nolting und Jan Martin Scharf nicht durch, dazu gab es schlicht zu wenig kriminalistische Aktivitäten. Stattdessen machten es sich Imke und die beiden Kommissare in Großmutters Haus oder in der Kneipe gemütlich und plauderten über alte Zeiten. Auch Psychodrama trifft es nicht, dazu war Imke nun doch wieder nicht krank genug. Ein bisschen durchgeknallt war sie nur, ein bisschen besessen von ihrer Arbeit, ein bisschen unkontrolliert und sehr einsam. Aber bestimmt nicht irre! Als unterhaltsame Bilderreise auf der wunderschönen Nordseeinsel kann man den Film auch nicht bezeichnen, die wenigen Aufnahmen am Strand und in den Dünen konnten die vergleichsweise langen Innenszenen bei weiten nicht aufwiegen.

Im Grunde war dieser Tatort gar nichts, nicht einmal unterhaltsam. Einzig die Hoffnung auf überraschende Wendungen, vielleicht doch noch spannende Verstrickungen und einen dramatischen Showdown hielt den Zuschauer davon ab, sich vorzeitig zu verabschieden. /sis

Wo ist Falke? Julia Grosz (Franziska Weisz) kämpft gegen die Zeit. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Schon der letzte Tatort mit Falke und Grosz im Februar 2020 mit dem Titel “Die goldene Zeit” war eher blass (Bild NDR/Christine Schroeder): https://besser-klartext.de/merkwuerdig-blasser-tatort-aus-hamburg/

Unaufgeregt oder auch einfach langweilig

Unaufgeregt oder auch einfach langweilig
Kritik zum Tatort Stuttgart „Das ist unser Haus“
ARD/SWR Tatort “Das ist unser Haus”: Ulrike (Christiane Rösinger) bringt die Kommissare Bootz und Lannert (Richy Müller, re.) in den Gemeinschaftsraum des Hauses. (Foto: SWR/Benoit Linder)
Einfach wird das nicht für die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller, li.) und Sebastian Bootz (Felix Klare), sie haben es bei ihren Befragungen gleich mit einem ganzen Kollektiv zu tun. (Foto: SWR/Benoit Linder)

Gelungene Milieustudie, bitterböse Satire, witzige Komödie: Der neue Tatort aus Stuttgart mit dem Titel „Das ist unser Haus“ war einmal mehr alles, nur kein spannender Krimi. Wem es Spaß macht als heimlicher Zuschauer bei lächerlichen Stuhlkreissitzungen völlig durchgeknallter Ökofreaks dabei zu sein, der kam vielleicht auf seine Kosten. Auch Satirefans dürften sich über diesen Tatort aus der Feder von Regisseur Dietrich Brüggemann und Co-Autor Daniel Bickermann gefreut haben. Für Freunde spannender Krimis aber blieb nur auf Inspector Barnaby zu hoffen, der etwas später auf dem Konkurrenzsender einem wirklich skurrilen Mord aufzuklären hatte.

Im Stuttgarter Tatort ging es eher gemächlich zu. Unaufgeregt, wie die Öffentlich-Rechtlichen ihre Krimis gerne haben wollen. Man könnte auch langweilig sagen. Sicher waren die Lebenseinstellungen der neun WG-Bewohner schon recht spleenig und damit komisch. Die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) jagten aber zwei Drittel der Filmzeit hinter der falschen Leiche her und lernten dabei die merkwürdigen Bewohner des Hauses mit der treffenden Bezeichnung „Oase Ostfildern“ einen nach dem anderen kennen – und der Zuschauer mit ihnen. Am Ende entpuppte sich der Mord als Unfall und der Täter floh mit dem Fahrrad vor Lannerts Porsche. Wie lustig! Allenfalls die Erkenntnis der einzig älteren Hausbewohnerin (Christiane Rösinger), die die wahren Motive für ihren Einzug in die WG erläuterte, gaben dem Schluss der Geschichte etwas Reales, Greifbares. Nicht die Suche nach der idealen Wohngemeinschaft waren der Grund, sondern die Angst vor dem Sterben in Einsamkeit. Genau das war der vermeintlich Ermordeten in unmittelbarer Nachbarschaft des „WG-Hauses“ nämlich passiert – sie war gestorben und vor über einem Jahr in der Baugrube des WG-Hauses verbuddelt worden, ohne dass sie auch nur von einem einzigen Menschen vermisst worden war.

Der neue Tatort aus Stuttgart hatte eigentlich alles, was man von einem Agatha Christi-Krimi erwarten würde: ein Mordfall in einem schrägen Haus, viele schrullige Verdächtige, die alle als Mörder in Betracht kommen und zwei sympathische Kommissare. Was aber Agatha Christis Morde ausmacht, fehlte dem Tatort völlig: durch überraschende Wendungen erzeugte Spannung. Lannert und Bootz bekamen von den WG-Bewohnern die immer gleichen esoterischen Plattheiten vorgebetet. Und das war auf Dauer eben doch nur langweilig. /sis

Noch mitten in der Einzugsphase sind die Bewohner plötzlich nicht nur miteinander, sondern mit den Ermittlungen konfrontiert. Was wird aus der Gemeinschaft von Viktoria, Birgit, Wendelin, Martina, Marco, Karsten, Ulrike, Kerstin und Udo (v.l.n.r. Lana Cooper, Désirée Klaeukens, Eike Jon Ahrens, Anna Brüggemann, Joseph Bundschuh, Michael Kranz, Christiane Rösinger, Nadine Dubois und Oliver Gehrs)? (Foto: SWR/Benoit Linder)

Stasiauflauf in Köln

Stasiauflauf in Köln
Kritik zum Tatort aus Köln “Der Tod der anderen”
ARD/WDR Tatort “Der Tod der anderen”: Wo steckt Jütte? Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, r) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) streiten darüber, was zu tun ist, um ihren verschwundenen Kollegen zu finden. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Bettina Mai (Ulrike Krumbiegel, l) steht unter Mordverdacht. Sie erpresst Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) – er soll beweisen, dass sie nicht schuldig ist. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Etwas zwiespältig fällt die Resonanz auf den neuesten Tatort aus Köln mit dem Titel „Der Tod der anderen“ aus. Langatmig und doch kurzweilig präsentierte sich die Geschichte von Drehbuchautor Wolfgang Stauch, die den Zuschauer weit zurück in die deutsch-deutsche Geschichte führte, als Stasi-Mitarbeiter und Westeinkäufer sich noch richtig gut verstanden. Die Messe Leipzig und das so gar nicht sozialistische Gebaren der Ost- und Westbekanntschaften rund um das Messegeschehen standen schon zu häufig im Mittelpunkt einer Filmgeschichte, als dass sie noch groß zu begeistern wüssten. Etwas unglaubwürdig kam die massenhafte Ansammlung ehemaliger Stasi-Spitzel und ihrer westlichen Helfershelfer an einem Ort dann schon daher.

Die einst hohe IM Februar Bettina Mai (Ulrike Krumbiegel), Ost-Opfer Kathrin Kampe (Eva Weißenborn), der ehemalige West-Einkäufer Peter Wagner (Bernhard Schütz), Wendegewinnler Frank Heldt (Rolf Kanies) und Parteifreund Matteo Schneider (Moritz Führmann) versammeln sich in einem Kölner Hotel, um eine längst vergessene Fehde aus den guten alten Messetagen auszutragen. Kathrin Kampe inszeniert ihren Tod als grausamen Mord und zwingt so die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) zu ermitteln. Kampe hat den Ermittlern eindeutige Hinweise auf Hotelinhaberin Bettina Mai hinterlassen. Die aber denkt gar nicht daran, sich von Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling) verhaften zu lassen, entführt den völlig hilflosen Jütte kurzerhand und zwingt damit Freddy Schenk mit ihr zusammen nach dem wahren Mörder im Umfeld von Peter Wagner zu suchen, der sich gerade anschickt Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen zu werden. Ballauf, plötzlich auf sich allein gestellt, bekommt unerwartete Hilfe von der Spurensicherung, Natalie Förster (Tinka Fürst) steht ihm zur Seite bei der Suche nach Schenk und Jütte und der Stasivergangenheit von Bettina Mai.

Die Geschichte zog sich ziemlich in die Länge, wusste dann aber durch Jüttes Entführung und Freddys Alleingang doch zu überzeugen. Nur standen die Kommissare am Ende wieder einmal mit leeren Händen da. Es gab keinen Mord, dementsprechend auch keinen Mörder. Lediglich die beiden Entführungen und in diesem Zusammenhang einige Körperverletzungsdelikte lieferten strafrechtliche Relevanz. Und so blieb denn auch die Frage offen, was Bettina Mai für ihren nicht gerade zimperlichen Auftritt zu erwarten hat. Für ihre Vergehen aus Stasi-Zeiten konnten weder sie noch die anderen Akteure rund um Peter Wagner belangt werden, sie waren längst verjährt. Offen blieb auch die Frage nach Jüttes Wohlergehen, er wurde nach mehreren Tagen eingesperrt in einem Keller ohne Wasser und Essen ins Krankenhaus gebracht. Ob er nach dieser bitterbösen Erfahrung noch einmal auf seinen Assistentenposten bei der Kripo Köln zurückkehren wird, ist fraglich. Vielleicht wird er ja von der sympathischen Natalie Förster abgelöst, die eine wirklich gute Figur an Ballaufs Seite abgab. Man würde es sich wünschen, könnte sie doch frischen Wind in die Kölner Alt-Herren-Riege bringen. /sis

War es Mord oder Selbstmord? Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und seine Kollegin, die KTUlerin Natalie Förster (Tinka Fürst, rechts) stellen die Situation nach, in der Kathrin Kampe in ihrem Hotelzimmer zu Tode gekommen ist. (Foto: WDR/Thomas Kost)

 

Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, r.) im Tatort “Gefangen” (Foto: WDR/Thomas Kost

Auch der vorige Kölner Tatort mit dem Titel “Gefangen” wusste zu überzeugen.

Das Ende der Leichtigkeit

Das Ende der Leichtigkeit
Kritik zum Tatort Weimar „Der feine Geist“
ARD/MDR Tatort “Der feine Geist”: Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) vor der Parkhöhle. (Foto: MDR/MadeFor/Steffen Junghans)

Nur sehr schwer zu verstehen war der neue Tatort aus Weimar mit dem Titel „Der feine Geist“. Nicht nur akustisch ließ der Streifen aus der Feder von Drehbuchautor Murmel Clausen zu wünschen übrig, auch der Inhalt wirkte eher verworren: Eine Sicherheitsfirma, die nur Ex-Kriminelle als Mitarbeiter beschäftigt und sich wie eine große Familie fühlt, ein Papageien-Zoo, der offensichtlich mit den exotischen Vögeln handelt, dazu ein Raubüberfall, den der Chef der Kripo Weimar Kurt Stich (Thorsten Merten) der Konkurrenz des Sicherheitsunternehmens anlasten möchte, während er selbst von einer neuen Aufgabe träumt und dazu ein sichtlich gut gelaunter Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey), der sich schon als Nachfolger Stichs sieht. Und natürlich Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner), die zusammen mit Ehemann und Kollege Lessing (Christian Ulmen) mit der Renovierung eines alten Hauses beschäftigt ist. Sie werden unvermittelt Zeugen des Raubüberfalls, bei dem der Geschäftsführer der Sicherheitsfirma „Geist“ erschossen wird. Sie verfolgen den Täter, der eine rote Farbwolke hinter sich herzieht, bis in die Parkhöhle. Lessing wird scheinbar angeschossen und landet im Krankenhaus.

Soweit so gut. Dorn ermittelt allein, kommt den illegalen Geschäften mit den Papageien auf die Spur und erkennt, dass das Motiv für den Mord am Geschäftsführer und später dem Inhaber der Sicherheitsfirma John Geist (Ronald Zehrfeld) ein ganz anderes ist. Und plötzlich findet Lupo Lessing tot in der Höhle! Großes Fragezeichen! Wie kommt er aus dem Krankenhaus in die Höhle? Kira saß doch eben noch an seinem Krankenbett und hat ihm sogar eine liebevoll belegte Brotscheibe von Söhnchen „Zwerg“ (Jona Truschkowski) mitgebracht? Man braucht schon eine Weile, bis man kapiert, dass Lessing bei der anfänglichen Verfolgungsjagd nicht nur an-, sondern erschossen wurde und tot in der Höhle zurückblieb, bis Lupo ihn schließlich findet. Kira hatte sich nur eingebildet, dass er kurz nach ihr aus der Höhle gekrochen kam und dann wegen eines vermeintlichen Streifschusses im Krankenhaus lag. Sie sah ihn später gar als Geist am heimischen Küchentisch. Und selbst zum großen Showdown mit der Mörderin stand er noch immer an ihrer Seite. Im Schlussbild aber mit Lupo und Kurt Stich verschwindet er dann endgültig. Lessing ist tot!

Der sonst für seinen besonderen Witz bekannte Tatort aus Weimar war diesmal alles andere als witzig. Daran ändern auch ein paar komische Szenen nichts. Und witzig kann der Tatort aus Weimar auch nicht mehr werden, denn selbst wenn Kira Dorn künftig ohne Lessing ermittelt, wird sie nie mehr mit der bisherigen Leichtigkeit agieren können. Immerhin drehten sich die Fälle aus Weimar in erster Linie um das Paar Dorn/Lessing. Das gibt es nicht mehr. Und das bedeutet vermutlich auch das Aus für den Tatort aus Weimar. /sis

Die Revierfamilie Kurt Stich (Thorsten Merten), Kira Dorn (Nora Tschirner), Lessing (Christian Ulmen), Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) an der Ilm. (MDR/MadeFor/Steffen Junghans)

Der Tatort aus Weimar ist eigentlich bekannt für viel Humor wie in “Der letzte Schrey

ARD/MDR Tatort “Der letzte Schrey”: Frau Dr. Seelenbinder (Ute Wieckhorst) erklärt Kira Dorn (Nora Tschirner), Lessing (Christian Ulmen) und Kurt Stich (Thorsten Merten) ihre ersten Erkenntnisse nach Inspektion der Leiche.
(Foto: MDR/Steffen Junghans)

Entschieden zu viel des Guten

Entschieden zu viel des Guten
Kritik zum Tatort Ludwigshafen „Unter Wölfen“
ARD/SWR Tatort “Unter Wölfen”: Lena (Ulrike Folkerts) und Johanna (Lisa Bitter) haben ein Video sichergestellt, das erklärt, woher die guten Beziehungen ihres Hauptverdächtigen kommen. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)
Gerhard Arentzen (Thure Riefenstein, rechts) und seine muskelbepackte Einsatztruppe. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

Einen blutrünstigen Tatort präsentierte Drehbuchautor und Regisseur Thomas Bohn seinen Zuschauern ausgerechnet am zweiten Weihnachtsfeiertag. Der vermeintliche Krimi entpuppte sich als knallharter Western mit einer schießwütigen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), die sich den Weg zum Zentrum des Bösen, das passender Weise in einem luxuriös ausgebauten Eisenbahnwagon residierte, im wahrsten Wortsinn frei schoss. Zum finalen Showdown aber stand sie dennoch einem übermächtigen Gegner gegenüber.

Und übermächtig scheinen auch private Sicherheitsfirmen zu werden, die immer mehr Aufgaben für den Staat übernehmen und sich dabei zu einer weiteren Machtebene entwickeln, die über Recht und Gesetz steht. So jedenfalls sieht es Gerhard Arentzen (Thure Riefenstein), arroganter und überheblicher Chef einer privaten Sicherheitsfirma in Ludwigshafen. Er hält sich für allmächtig und wer das nicht akzeptieren will, sieht sich den Fausthieben und Fußtritten seiner muskelbepackten Einsatztruppe ausgesetzt. Wer auch nach dieser Spezialbehandlung nicht klein beigibt, wird eben ganz aus dem Weg geräumt. So ergeht es auch dem Clubbetreiber Timur Kerala, der sich anschickte, Arentzen seine bevorzugte Position in der Stadt und im Land abzujagen. Lena Odenthal und Johanna Stern (Lisa Bitter) müssen schnell erkennen, dass Arentzen unter dem besonderen Schutz des Innenministers steht, der zusammen mit Oberstaatsanwalt Marquardt (Max Tidof) die Ermittlungen torpediert. Während Johanna Stern sich den Anweisungen von oben lieber fügen will, gerät Lena Odenthal regelrecht in Rage und macht sich auf einen ganz privaten Rachefeldzug, nachdem Arentzen ihre Wohnung zerlegt, Kater Mikesch getötet und die Tochter des Mordopfers, die unter Lenas Schutz stand, entführt hat. Zum Showdown steht Lena Arentzen und zwei seiner Bodyguards gegenüber. Nur gut, dass Johanna Stern und der Kollege von der Drogenfahndung gerade noch rechtzeitig dazukommen. Alle drei müssen von der Schusswaffe Gebrauch machen, um den unbesiegbaren Gegner schließlich doch niederzustrecken.

Abgesehen vom Ausflug in den Wilden Westen wartete dieser Tatort mit einer ganzen Reihe von Klischees auf: Üble Verquickungen von Politik und Sicherheitsbranche, menschliche Kolosse als Mitarbeiter mit typisch aggressivem Aussehen, keine Scheu vor dem Einsatz von Schusswaffen. Demgegenüber steht die kaputtgesparte Polizei, die durch den Draht in höchste politische Kreise auch noch machtlos zu sein scheint. Dazu ignorante Politiker, die nur ihre eigenen Interessen vertreten und karrieregeile Staatsdiener, die für den Sprung nach oben keine Schweinereien scheuen. Das war entschieden zu viel des Guten! /sis

Arentzen (Thure Riefenstein) hat Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) in den Ludwigshafener Hafen bestellt, um sie davon zu überzeugen, dass nicht er, sondern Gangs wie die des getöteten Kerala die Kriminellen sind. Dabei will er nur von sich und seinen kriminellen Verstrickungen ablenken. (Foto: SWR/Patricia Neligan)

Spannung durch brutale Grausamkeiten

Spannung durch brutale Grausamkeiten
Kritik zum Polizeiruf 110 aus Magdeburg „Der Verurteilte“
ARD/MDR Polizeiruf 110 “Der Verurteilte”: Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) schickt auf eigene Faust eine Suchmannschaft los. Sie sollen ein Waldstück nach den Leichen von zwei verschwundenen Frauen suchen. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard)
Wegner (Sascha Gerssak) will Brasch (Claudia Michelsen) zeigen, wo er die Leichen der beiden vermissten Frauen angeblich vergraben hat. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard)

Das war schon ein spannender Polizeiruf 110 aus Magdeburg. Die Spannung resultierte aber nicht aus der eigentlichen Geschichte, sondern einzig aus der brutalen Misshandlung von Kommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) durch den bereits wegen diverser Straftaten aufgefallenen, geistig eingeschränkten und äußerst aggressiven Gärtner Markus Wegner (Sascha Alexander Gersak). Mit Hilfe seiner ebenfalls geistig zurückgebliebenen Frau Annegret (Laura Tonke) lockt er Brasch in eine Falle und rächt sich mit grausamer Wut für die Ermittlungen gegen ihn.

Brasch sucht eine junge Frau, die nach einem Blind Date verschwunden ist. Sie findet eine erste Spur im Haus einer kürzlich verstorbenen Patientin der vermissten Altenpflegerin. Wegner hat auf dem Hof der Verstorbenen eine Scheune angemietet. Als Brasch ihn befragen will, verweigert er jede Mitarbeit. Bei der anschließenden Vernehmung aber gibt er unvermittelt zu, die Vermisste und eine weitere Frau getötet zu haben. Der Ehemann der zweiten Getöteten sitzt seit Jahren dafür im Gefängnis. Brasch hält Wegner für schuldig und stellt sich damit gegen ihren Chef Kriminalrat Uwe Lemp (Felix Vörtler) und Staatsanwalt Dellow (Jan-Peter Kampwirth). Denn bevor Gericht und Staatsanwalt einen Justizirrtum zugeben, friert bekanntlich die Hölle zu. Brasch aber lässt sich nicht einschüchtern und sucht trotz Suspendierung nach der Wahrheit. Dabei bietet sie Wegners Frau Hilfe an, wenn sie gegen ihren Mann aussagt. Das bringt Brasch schließlich in die Fänge des psychopathischen Ehepaares, die beide an den Tötungsdelikten beteiligt waren. Sie halten Brasch in einem Keller mit einer langen Leine um den Hals gefangen und misshandeln sie mit Faustschlägen, Fußtritten, grausamen Fesselspielen und einem Messerstich in den Rücken. Schließlich kommt bei Wegners Ehefrau doch so etwas wie Mitleid auf und sie verhilft Brasch zur Flucht.

Der Polizeiruf mit dem Titel „Der Verurteilte“ aus der Feder von Jan Braren erinnert an den grausamen Kriminalfall in Höxter, bei dem ein Ehepaar auch Frauen zu sich nach Hause lockte, sie misshandelte und tötete. Am Ende bleibt die Frage nach dem „Warum“. Was ist die Ursache für so viel Brutalität? Und der Film wirft eine weitere Frage auf, nämlich die nach den Unschuldigen, die für Taten im Gefängnis sitzen, die sie nicht begangen haben und die hartnäckige Weigerung der Justiz, sich einen Irrtum einzugestehen. Beides ist nur schwer zu ertragen, genau wie die im Film so drastisch vorgeführte Unmenschlichkeit! Weniger brutal hätte sicher auch gereicht. /sis

Brasch (Claudia Michelsen) gelingt schwer verletzt die Flucht aus den Fängen des psychopathischen Ehepaares. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard)

Beste Krimiunterhaltung aus Wien

Beste Krimiunterhaltung aus Wien
Kritik zum Tatort Wien „Unten“
ARD Degeto Tatort “Unten”: Bibi Fellner (Adele Neuhauser), Manfred Schimpf (Thomas Stipsits), Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) am Tatort. (Foto: ARD Degeto/ORF/Superfilm/Philipp Brozsek)
Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) müssen Tina Kranzinger (Maya Unger, re.) zur Wahrheit erst überreden. (ARD Degeto/ORF/Superfilm/Philipp Brozsek)

Ein schwieriges Thema hatten sich die Drehbuchautoren Thomas Christian Eichtinger und Samuel R. Schultschik für ihren Wiener Tatort „Unten“ ausgesucht – Leben auf der Straße und die damit verbundenen Gefahren. In diesem Fall traf es einen obdachlosen Journalisten, der auch unter schlimmsten Bedingungen mit Leidenschaft seinem Beruf nachging, nur dass ihm wegen seines Alkoholproblems niemand mehr seine Geschichten abkaufen wollte. Nicht einmal Bibi Fellner (Adele Neuhauser) wollte ihrem ehemaligen Informanten Gregor Aigner (Jonathan Fetka) noch Glauben schenken. Umso niedergeschlagener war die Wiener Sonderermittlerin als sie in der in einem verlassenen Industriegelände aufgefundenen Leiche Gregor wiedererkannte. Ihre Schuldgefühle ließen sie denn auch erst einmal mehr hinter der Ermordung vermuten, als die am Tatort gefundenen Beweise eigentlich hergaben. Kollege Oberleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) ließ sich dennoch rasch von Bibis Zweifeln an einem Streit zwischen Obdachlosen um Drogen oder Alkohol überzeugen. In mühevoller Kleinarbeit ermittelten die beiden im Schneckentempo und wieder einmal gegen den ausdrücklichen Willen ihres Chefs „Ernstl“ Rauter (Hubert Kramar) zusammen mit Assistent Manfred „Fredo“ Schimpf (Thomas Stipsits) die wahren Hintergründe für Gregors Ermordung. Der hatte tatsächlich einen Riesenskandal um die von Anfang an sehr verdächtige Ärztin Dr. Steiner-Reeves (Jutta Fastian) und den Leiter des Obdachlosenheimes Frank Zanger (Michael Pink) aufgedeckt: Organhandel. Nur wollte ihm niemand glauben! Und dann wurde es am Ende richtig spannend: Als Fellner und Eisner schließlich doch auf der richtigen Spur waren und endlich den Standort der illegalen „Klinik“ herausgefunden hatten, ging es für eine gerade erst in die Obdachlosigkeit abgerutschte junge Frau (Johanna Wallner) und ihren Sohn Tobi (Finn Reiter), deren beklemmendes Schicksal den Zuschauern in einem zweiten Erzählstrang vor Augen geführt wurde, wahrhaftig um Leben und Tod. Dr. Steiner-Reeves hatte schon mit der Entnahme von Organen der jungen Frau angefangen, als die Wiener Sonderermittler mit einer Spezialeinheit gerade noch rechtzeitig die illegale „Klinik“ stürmten.

Obwohl die Geschichte an sich durch viele Personen und Umwege sehr in die Länge gezogen wirkte, verlor der Zuschauer doch nie das Interesse. Unaufgeregt gingen Bibi Fellner und Moritz Eisner zu Werke und doch mit viel Empathie für die Menschen und ihre Schicksale, denen sie im Laufe der Ermittlungen begegneten. Zusammen mit dem dramatischen Ende bot der Tatort aus Wien wieder einmal beste Krimiunterhaltung. /sis

Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) besuchen nach Abschluss der Ermittlungen noch einmal die Obdachlosen Sackerl-Grete (Inge Maux), die ihnen sehr geholfen hatte. (Foto: ARD Degeto/ORF/Superfilm/Philipp Brozsek)

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil II)

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil II)
Bild von Dorota Kudyba auf Pixabay

Ungeeignete Erziehungsmethoden

Nach dem ersten Teil, in dem es in erster Linie um die Lernmethodik ging, soll es in diesem zweiten Teil um ungeeignete Erziehungsmethoden gehen. Viele der früher gängigen Methoden sind heute längst überholt. So weiß man heute, dass es in freilebenden Wolfsrudeln zwar einen Leitwolf, aber keinen Chef gibt. Der „unterwirft“ Rudelmitglieder aber nicht, vielmehr hält er sein Rudel durch Souveränität zusammen. Würden Wölfe um den Chefposten kämpfen, wären permanent Tiere verletzt, die schließlich bei der Jagd fehlen. Gerade beim Jagen zeigt sich das ausgeprägte Teamgefüge des Rudels. Mit Dominanz (dazu später mehr) hat das nichts zu tun. Diese Erkenntnisse sind längst auch in die Hundeerziehung eingeflossen. Man führt seinen Hund mit Souveränität, nicht mit Strenge oder unterwirft ihn gar mit Gewalt. Vertrauen ist das Zauberwort. Der Hund muss wissen, dass sein Herrchen oder Frauchen alles für ihn regelt. Das gilt für Besucher zuhause genauso wie für Begegnungen mit aufmüpfigen Artgenossen auf dem Sparziergang. Herrchen macht das! Hilfsmittel, die Druck ausüben, oder Schmerzen verursachen, wie Stachelhalsband und Teletacter sind absolut tabu. Sie richten mehr Schaden an, als sie vorübergehend Nutzen versprechen, auch wenn beides noch immer verkauft wird.

Weg mit der Trillerpfeife

Nicht geeignet in der Hundeerziehung ist die “berühmte Trillerpfeife”. Man muss dabei das sehr empfindliche Gehör des Hundes berücksichtigen. Der Ton der Pfeife schmerzt den Hund und er wertet deshalb alle mit der Pfeife gemachten Erfahrungen als negativ! Sie verursachen ihm Schmerzen. Auf der einen Seite wird die Trillerpfeife zum Rückruf von Hunden propagiert und gleichzeitig machen die Hersteller Werbung für dieselben Pfeifen, um Tiere zu „verschrecken“, sie also zu vertreiben. Und zwar mit dem Argument, dass gerade Hochfrequenzpfeifen bei Hunden, Katzen und Vögel, für ein „unangenehmes Empfinden“ sorgen. Wer kann da noch erwarten, dass der Hund freudig zu Herrchen und Frauchen zurückkehrt, wenn er mit einem „unangenehmen Empfinden“ gerufen wird. Für die Pfeife soll doch sprechen, dass sie einen immer gleichbleibenden Ton erzeugt, während die menschliche Stimme nicht frei ist von Emotionen. Sie soll ja gerade nicht Ärger und Zorn übertragen und so den Hund erst recht davon abhalten zurückzukommen. Natürlich gibt es gute Gründe für eine Hundepfeife, etwa für tatsächlich schwerhörige Hunde. Hunden geht es wie Menschen, im Alter lassen die Leistungsfähigkeit von Augen und Ohren nach. Bei der Jagd mit Hunden kommt die Pfeife traditionell zum Abbruch der Jagd zum Einsatz. Ansonsten gibt es aber keinen Grund, den Hund mit Pfeife zurückzurufen. Wenn er von vornherein gelernt hat, sich nicht zu weit von seinem Herrchen zu entfernen, reicht ein einfaches Rufzeichen. Das berühmte „hier“ funktioniert vielleicht nicht immer und nicht sofort, stimmt aber die Bindung zwischen Mensch und Hund reicht es aus.

Das leidige „Fuß“-Thema

Schmerzen spielen im Übrigen auch eine entscheidende Rolle beim Thema “Fuß gehen” und an der “Leine zerren”. Wenn ein Hund permanent bei Fuß gehen soll, muss er vier Befehle auf einmal ausführen. Das kann er auf Dauer gar nicht. Er ist damit absolut überfordert. Wichtig ist nur, dass der Hund ohne zu zerren an der Leine geht, ob der Kopf dabei auf Kniehöhe ist oder nicht, ist völlig uninteressant. Lediglich in gefährlichen Situationen im Straßenverkehr ist es deshalb angezeigt, den Hund streng bei Fuß gehen zu lassen. Ansonsten sollte man ihm möglichst viel Raum mit einer etwa drei Meter langen Leine lassen, damit er sich bewegen kann. Mit den üblichen kurzen Leinen ist das zum Beispiel gar nicht möglich. Der Hund hat keinen Platz, um sich zu bewegen, also zerrt er an der Leine.

Und noch eine wichtige Erklärung für alle Interessierten: Das berühmte “Zerren” der Hunde an der Leine. Der Hals des Hundes entspricht vom anatomischen Aufbau her dem des Menschen. Nun stellen Sie sich bitte einmal vor, man würde Ihnen ein Hundehalsband umbinden und Sie daran auch noch ruckartig ziehen. Machen Sie sich diese Situation bitte bewusst: Genauso, wie Sie sich jetzt fühlen, fühlt sich auch der Hund. Nun kennt der Hund bei Schmerz ein “Meideverhalten” und das heißt “Flucht”! Er zieht, weil Sie ihm mit dem Halsband und der Leine Schmerzen zufügen. Sie ziehen zurück, der Schmerz für den Hund wird noch größer und er versucht seinem Instinkt folgend noch heftiger von Ihnen weg zu kommen. Und jetzt stellen Sie sich bitte die ganze Situation noch in Verbindung mit einem Stachelhalsband vor! Ich kann Ihnen hier aus meiner eigenen Erfahrung berichten: Einer meiner Hunde – ein ausgewachsener, damals 2 1/2 Jahre alter Dobermann-Rüde – war ein Meister im Zerren und Ziehen am Halsband. Bei seiner Begleithundeausbildung hat der Trainer allen Ernstes noch geraten, ihm ein Stachelhalsband anzulegen. Und wenn er zieht, heftig, ruckartig mit aller Kraft den Hund zurückzuholen. Können Sie sich vorstellen, welche Schmerzen ein Hund damit erdulden muss? Nun kommt es aber häufig vor, dass ein 40 Kilo-Bursche sein Frauchen hinter sich herzieht, wie ein Fähnchen im Wind! Vielen Frauen geht das mit ihren Hunden so: Der Hund geht mit ihnen spazieren, und zwar im wahrsten Sinn dieser Worte. Die Alternative? Ein Geschirr. Der Hund geht zwar nicht bedingungslos bei Fuß. Aber im Rahmen der Reichweite jetzt hoffentlich langen Leine bewegt er sich freudig und ohne großes Gezerre! Und man kann ihn trotzdem halten – zumindest, solange nicht einer seiner Artgenossen ebenfalls gerade spazieren geht und Ihren Weg kreuzt. Und für diesen leider immer sehr wahrscheinlichen Fall gibt es ebenfalls einen Vorschlag: Wann immer es möglich ist, diesen Begegnungen ausweichen – rechtzeitig mit Ruhe und Souveränität! Schämen Sie sich also nicht, wenn Sie lieber den geordneten Rückzug wählen, das ist weder verwerflich noch feige! Es ist einfach taktisch klüger, zumal auch mit Blick auf das Thema “Wachhund”, auf das wir noch zu sprechen kommen. Vielleicht sollten wir das Geschirr vorbehaltlos einfach einmal ausprobieren. Und wer jetzt wissen möchte, wie man sich mit einem Stachelhalsband um den Hals fühlt, darf das auch gerne einmal ausprobieren! Noch ein letztes Wort zum Thema “Fuß”! Der Begriff ähnelt sehr den Negativ-Begriffen “Schluss” und “Aus”. Man sollte den Befehl deshalb in der Kombination “bei Fuß” verwenden, um eventuelle Unterscheidungsschwierigkeiten beim Hund auszuräumen!

Clicker-Training – Vor- und Nachteile

Als nicht unbedingt abzulehnen ist die so genannte “Clicker-Methode, die derzeit unter Hundehaltern geradezu in ist. Vorausgesetzt, sie wird richtig angewandt. Die Vorteile des Clicker-Trainings bestehen darin, durch die Arbeit über positive Verstärkung wird die Aufmerksamkeit des Besitzers darauf gelenkt, was der Hund gut macht, und nicht, was er mal wieder schlecht oder falsch gemacht hat. Jeder von uns kennt das sicher, wie oft sagen wir “Nein”, “Aus”, Pfui” und wie selten loben wir das Tier ausgiebig. Hier sind wir Menschen ganz Mensch: Das Gute ist selbstverständlich, das Schlechte wird bedingungslos beklagt! Weiterer Vorteil: Man kann mit dem Hund kommunizieren, ohne ihn “zuzulabern”! Eine Erklärung erübrigt sich hier. Wir quatschen auf unsere Tiere ein, ohne daran zu denken, dass sie uns ja gar nicht verstehen! Sie könnten genauso gut Chinesisch sprechen, das Ergebnis beim Hund bliebe gleich! Man kann mit dem Clicker-Training ein Vertrauensverhältnis aufbauen: Geclickert wird nur, wenn etwas gut ist. Das Clickgeräusch vermittelt dem Tier “Das hast du gut gemacht!” Es ist ein emotionsloses, neutrales leicht reproduzierbares Geräusch. Emotionslos und neutral sind hier die wichtigen Punkte, das Clickern signalisiert dem Hund: alles okay! Kein Grund zu irgendwelcher Aufregung. Man kann es dazu einsetzen, den Hund zu beschäftigen, ihn mit dem Click-Geräusch beispielsweise ein Spielzeug anschleppen lassen, oder sonst ein Kunststück einüben. Und man kann den Clicker dazu verwenden, sich mit dem Hund zu beschäftigen, ohne an der Leine zu rucken!

Die Methode hat indes auch Nachteile: Man kann sie nicht einsetzen bei geräuschempfindlichen Hunden, bei ängstlichen oder nervösen Hunden, bei hyperaktiven Hunden und einigen Verhaltensweisen mehr. Hinzu kommt, dass inzwischen so viele Hundehalter “clicken”, dass der Hund draußen vermutlich das eigene von den fremden Clickgeräuschen nicht mehr unterscheiden kann! Außerdem hat der Clicker den Nachteil, dass Sie ihn wirklich die ganze Zeit, die Sie mit ihrem Hund zusammen sind, in der Hand halten müssen. Ganz schön lästig!

Ein fataler Irrglaube

Eine absolut ungeeignete Erziehungsmethode, die früher jedem Anfänger-Hundehalter mit auf den Weg gegeben wurde, wenn er seinen Welpen abgeholt hat, das im Genick packen und schütteln. Das, so wurde ihm erklärt, würde die Mutterhündin auch so machen. Aber: Einen Hund im Genick zu schütteln, heißt schlicht “Ich kill dich jetzt”. Mutterhündinnen schütteln ihre Welpen nicht! Das ist ein absoluter Irrglaube, auf den in immer mehr Fachbüchen mittlerweile auch hingewiesen wird. Wenn ein Hund ein Lebewesen im Fang hält, dann handelt es sich um Beute! Und die Beute wird geschüttelt, bis sie sich nicht mehr bewegt, erst dann kann der Hund von der Natur so vorgegeben den Fang öffnen und die Beute fallen lassen. Wer also einen Hund am Genick packt und ihn schüttelt, signalisiert ihm: Ich bring dich jetzt um!” Kaum vorstellbar, was dieser Hund emotional durchmacht. Spätere negative Verhaltensmuster sind da keine Seltenheit, denn noch immer erzählt man angehenden Hundebesitzern, sie sollten den Kleinen, wenn er etwas falsch macht, ordentlich schütteln, das täte die Mutter auch! Tut sie nicht. Die Mutter nimmt ihr Junges nur dann zwischen die Zähne, wenn sie es transportieren will. Und das Kleine verfällt in diesem Augenblick in die sogenannte “Welpenstarre”, es rührt sich nicht: Übertragen heißt das, “ich bin schon tot, ich zappele nicht mehr, bitte schüttel mich nicht”. Ansonsten verwendet die Hundemutter nur “Drohgebärden”, um den Kleinen zur Raison zu bringen: Sie knurrt, fletscht die Zähne und schnappt nach ihm, ohne es wirklich zu verletzen. Diese Verhaltensmuster stuft die Mutterhündin exakt auf das jeweilige Verhalten des Welpen ab. Erst bei hartnäckigen Provokationen setzt sie das Schnappen ein. Und das kapiert letztlich auch der schlimmste Welpenrüpel! Mit dem Nackengriff und Schütteln raubt man gerade dem Jungtier jegliches Vertrauen in den Menschen!

Alles mit “Maß und Ziel“

Ebenfalls völlig ungeeignet in der Hundeerziehung sind Kommandos aus Lust und Laune, etwa um den Trainingserfolg zu optimieren. Kommandos sollten aber niemals willkürlich gegeben werden, weil man als Mensch das gerade mal so will. Die Probleme entstehen, weil der Mensch mit minimalem Aufwand versucht, den Hund zum Funktionieren zu bringen. Sie lassen ihre Tiere in den unmöglichsten Situationen Sitz und Platz machen, ohne den Sinn oder Unsinn in der jeweiligen Situation zu überlegen. Der Hund muss nicht auf jeden Befehl prompt hören. Man muss vielmehr festlegen, was man an seinem Hund nicht haben will und das dann durch gezieltes Training (mit einer der oben vorgestellten Methoden) abstellen. Klassisches Beispiel: Der Hund freut sich wie verrückt, wenn er endlich raus darf und führt einen derartigen Tanz auf, dass man ihm kaum die Leine anlegen kann. Wenn man sich nun überlegt, dass das Tier den größten Teil des Tages eingesperrt war, ist seine Freude mit Blick auf sein Bewegungsbedürfnis nur all zu verständlich. Auf das Bewegungsbedürfnis eines Menschen übertragen stellt sich die Situation so dar: Stellen Sie sich vor, Sie sind 8 Stunden am Stück in einem Raum, der die Größe eines durchschnittlichen Badezimmers hat, eingesperrt. Und jetzt kommt endlich jemand, der sie rauslässt! Würden Sie nicht auch Luftsprünge vor Freude machen? Und die Freude des Hundes, wenn er endlich raus darf, ist absolut echt! Wenn Sie nun aber gerade diese Luftsprünge stören, dann sollten Sie dem Hund dieses Verhalten nicht abgewöhnen, wenn er sich gerade wie wild freut, dass er endlich raus darf. Viel besser ist es, hier erst zu trainieren, wenn man wieder vom Spaziergang zurück ist. Man nimmt einfach öfter einmal im Haus die Leine und legt sie dem Hund an, ohne mit ihm wegzugehen. Irgendwann begreift er, dass Frauchen oder Herrchen die Leine in die Hand nimmt, heißt nicht, dass ich jetzt raus darf! Also wozu aufregen, ich weiß ja nicht, ob oder ob nicht!

Im 3. Teil der Reihe geht es Missverständnisse im Alltag und wie man ihnen begegnet!

Im ersten Teil geht es um Lernmethoden Link zu Teil I

Weitere Beiträge zum Thema Hund hier

Münster war schon besser!

Münster war schon besser!
Kritik zum Tatort Münster „Es lebe der König!“
ARD/WDR Tatort “Es lebe der König!” Eine Leiche in Ritterrüstung, das sahen selbst Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, links) , Silke Haller (ChrisTine Urspruch) und Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) noch nie auf einem Seziertisch. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Das lässt Boerne sich natürlich nicht entgehen: Silke Haller (ChrisTine Urspruch) hilft ihm dabei, die Ritterrüstung anzulegen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Der Tatort Münster ist immer mit viel Humor gespickt, das kennt und mag der Zuschauer. Dennoch ließen Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Pathologe Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) bisher nie die nötige Ernsthaftigkeit bei der Arbeit und vor allem auch den Respekt vor den Opfern vermissen. Im neuesten Tatort „Es lebe der König!“ aus der Feder von Benjamin Hessler allerdings ging es nur noch um Klamauk, teils wirklich recht lustig, teils aber auch einfach nur flach. Thiels Äußeres war schon immer eher leger, jetzt aber kam er nicht nur mit ausgeleierter Kleidung, sondern auch mit wucherndem Bart und ungeschnittenen Haaren daher, kein Anblick, der seine Zeugen und Verdächtigen großartig beeindruckt hätte, eher im Gegenteil. Boerne hingegen zeigte sich wie immer geschniegelt und gebügelt, aber eben doch mehr als sonst zu Übertreibungen aufgelegt. Übertrieben gebärdete sich auch Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann), die ihren Kollegen Lutz Söltenfuss (Christian Hockenbrink) wegen seiner offensichtlichen Abneigung gegen Zigarettenrauch gerne als Komplizen der verdächtigen Familie Radtke und des Drogenbarons Hugo Draak (Paul Faßnacht) gesehen hätte. Eigentlich fehlte es der gesamten Geschichte an Tiefgang: Der Kirmeskönig Radtke erpresst sich eine altehrwürdige Burg und will dort mit seiner Familie künftig Mittelalterspiele abhalten. Doch dann wird er in seiner Ritterrüstung im Burggraben tot aufgefunden. Natürlich kann Boerne nicht umhin, die Rüstung selbst anzuprobieren – natürlich nur um zu beweisen, dass Ritter Radtke beim Ankleiden einen Helfer gehabt haben muss. Ansonsten aber deutet alles auf Tod durch Ertrinken hin. Da sich Staatanwalt Söltenfuss auffällig für den Fall interessiert und auch noch ein gesuchter Drogenboss involviert zu sein scheint, nehmen Thiel und Boerne die Familie des Toten genauer unter die Lupe. Die Ermittlungen gipfeln in einer doch eher lächerlichen Observation der Burg samt Festgästem durch das gesamte Team inklusive Staatsanwältin und Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch). Bei so viel Klamauk konnten auch der überraschende Ausgang mit Verwicklung des LKA und die unerwartete Enttarnung des Mörders, dessen Motiv obendrein nur Mitleid war, die Story nicht mehr retten.

Nicht spannende Verwicklungen standen im Mittelpunkt, sondern Boernes Hang zur Besserwisserei, Frau Klemms Abneigung gegenüber Nichtrauchern und die unumstößliche Grundgesetztreue von Thiels neuem Assistenten Mirko Schrader (Björn Meyer), der mit seinen großspurigen Staatsrechtskenntnissen die Ermittlungen eher bremst als sie voranbringt. Man hätte sich eine junge, dynamische Assistentin für Thiel gewünscht, die dem alternden Kommissar etwas mehr Schwung verleiht, statt seine Bemühungen zusätzlich abzuwürgen. Dazu reicht schon Boerne. Noch ein Besserwisser wäre nicht nötig gewesen, auch wenn er guten Kaffee kochen kann. /sis

Gespräch in der Mittagspause – mit Blick über Münster: Staatsanwalt Lutz Söltenfuss (Christian Hockenbrink) mit seiner Kollegin Wilhelmine Klemm (Mechthild Grossmann). (Foto: WDR/Thomas Kost)

Drei Kommissare im Abseits

Drei Kommissare im Abseits
Kritik zum Tatort „In der Familie“ Teil 2
ARD/BR Tatort “In der Familie” Teil 2: Durch den Mord am Bauamtsleiter kommen die Kriminalhauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) wieder auf die Spur von Luca Modica und Pippo Mauro. (Foto: BR/WDR/X Filme Creative Pool GmbH/Hagen Keller)
Peter Faber (Jörg Hartmann, links) stört die Observation von Leitmayr (Udo Wachtveitl, rechts) und Batic und macht so den Mafia-Boss Domenico Palladio (Paolo Sassanelli, Mitte) auf die Überwachung aufmerksam. (Foto: BR/WDR/X Filme Creative Pool GmbH/Hagen Keller)

Man hatte sich mehr erwartet von der Jubiläumsdoppelfolge des Tatorts mit dem Titel „In der Familie“. Auch im zweiten Teil standen die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und ihre Ermittlungen abseits des Geschehens wie schon im ersten Teil in Dortmund. Und der groß angekündigte Besuch der Dortmunder Kollegen in München entpuppte sich als Solokurzauftritt von Peter Faber (Jörg Hartmann), der genauso gut hätte unterbleiben können.

Wieder standen die Mafia und ihre Menschenverachtung im Vordergrund. Ging es im ersten Teil um Schutzgelderpressung, bekamen die Zuschauer im zweiten Teil Einblicke in die Methoden der Geldwäsche in Zusammenhang mit öffentlichen Bauaufträgen. Diesmal spielte aber Tochter Sofia Modica (Emma Preisendanz) die Hauptrolle, die verzweifelt versucht Kontakt zu ihrer Mutter aufzunehmen und damit den Mafia-Boss Domenico Palladio (Paolo Sassanelli) gegen sich aufbringt. Wieso Sofia mit ihrem Vater Luca Modica (Beniamino Brogi) und Pippo Mauro (Emiliano De Martino) nach dem Mord an Sofias Mutter ausgerechnet nach München geflohen sind, wo Pippo von den Münchener Kommissaren im ersten Teil wegen Mordes an einem Drogendealer gesucht wurde – deswegen war er ja in Dortmund untergetaucht -, weiß vermutlich nur Drehbuchautor Bernd Lange. Aber auch in München haben die beiden Pseudo-Mafia-Gangster kein Glück, sie bringen in Domenicos Auftrag den abtrünnigen Bauamtsleiter aus Versehen um, statt ihn nur zu erschrecken. Damit aber rücken sie wieder ins Blickfeld der Münchener Kommissare und auch Kollege Peter Faber taucht völlig unvermittelt in München auf. Sofias Anruf bei ihrer Mutter wurde abgehört. Da sie dafür das Handy von Domenicos Sohn Marc (Valentin Mirow) benutzt hat, erscheint Faber just an dem Ort, an dem Batic und Leitmayr gerade Domenico wegen des Mordes an dem Bauamtsleiter observieren.

Als Sofia erfährt, dass ihre Mutter nicht mehr lebt, erschießt sie erst Pippo und bringt dann Marc in ihre Gewalt, um so von Domenico zu erfahren, wer ihre Mutter getötet hat. Obwohl die geballte Polizeigewalt samt Faber zur Stelle ist, gelingt Sofia die Flucht. Und Batic und Leitmayr lassen sie bewusst laufen, um ihr so „eine Chance“ zu geben. Faber will das nicht glauben und auch dem Zuschauer fällt es schwer, diese Aktion nachzuvollziehen. Wie lange eine echte Mafia-Tochter, die sich als Verräterin entpuppt hat, wohl überlebt? Zwar wird schließlich auch Luca Modica geschnappt, der sich noch einmal als Würger versuchte, ob Batic und Leitmayr am Ende aber genug Beweise gegen Domenico und seine Handlanger im städtischen Bauamt vorlegen konnten, um ihm das Handwerk zu legen, blieb genauso offen wie Sofias Zukunft. Wohin geht eine 17-Jährige auf der Flucht vor der Mafia allein auf sich gestellt?

Die Story war durchaus für einen spannenden Krimi geeignet. Aber wie schon der erste Teil so war auch Teil 2 eine brutale Mafiageschichte, in der die Polizei einfach keine Rolle spielt. Und so spielten denn auch die Teams aus Dortmund und München in den beiden Fällen überhaupt keine Rolle. Der Zuschauer war aber ohnehin mehr mit den nicht enden wollenden Untertiteln beschäftigt, war die überwiegend vorherrschende Dialogsprache doch italienisch. /sis

Sofia Modica (Emma Preisendanz) übt sich als Mafia-Tochter. Dennoch sucht sie verzweifelt Kontakt zu ihrer Mutter, während Pippo Mauro (Emiliano De Martino) sie nicht aus den Augen lässt. (Foto: BR/WDR/X Filme Creative Pool GmbH/Hagen Keller)

Hoffen auf Teil 2 der Jubiläumsfolge

Hoffen auf Teil 2 der Jubiläumsfolge
Kritik zum Tatort Jubiläums-Tatort „In der Familie“ Teil 1
ARD/WDR Tatort “In der Familie” Teil 1: Das Dortmunder und das Münchner Team ermitteln gemeinsam in einem Fall um Drogenhandel und Geldwäsche der kalabrischen Mafia. V.l. Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), Jan Pawlak (Rick Okon), Nora Dalay (Aylin Tezel), Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Boenisch (Anna Schudt), Ivo Batic (Miroslav Nemec). (Foto: WDR/Frank Dicks)
Nora Dalay (Aylin Tezel) geht ein hohes persönliches Risiko ein und steht unter Druck bei den Ermittlungen mit Peter Faber (Jörg Hartmann), Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, v.l.n.r.). (Foto: WDR/Frank Dicks)

Die Mafia und ihre ausufernden Drogengeschäfte waren Thema des ersten Teils der Tatort-Jubiläumsfolge „In der Familie“ mit den Ermittlern aus Dortmund und München. Der Italiener Luca Modica (Beniamino Brogi) betreibt mit seiner Frau Juliane (Antje Traue) und Tochter Sofia (Emma Preisendanz) eine kleine Pizzeria in Dortmund. Wegen seiner Verbindungen zur Mafia wird er von Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) observiert, denn Modicas Pizzeria ist Umschlagplatz für Kokain aus Italien. Derweilen wird in München ein Drogendealer ermordet. Der Mörder Pippo Mauro (Emiliano De Martino) flieht und bekommt auf Geheiß der Mafia Unterschlupf bei Familie Modica. Als Jan Pawlak (Rick Okon) Auskunft über Pippo haben will, erscheinen die Münchener Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) in Dortmund, um Pippo zu verhaften. Damit ist Faber aber ganz und gar nicht einverstanden. Er will an die Hintermänner der Drogengeschäfte. Mit Martina Bönischs (Anna Schudt) Hilfe gelingt es, die Münchener Kollegen in die Beobachtungen zu involvieren. Während Nora Dalay (Aylin Tezel) die Bekanntschaft zu Juliane Modica sucht, fliegt Pawlak auf. Faber weiß das, ist aber nicht bereit, Juliane, die dank Dalays Bemühungen bereit ist, ihren Mann und die Organisation an die Polizei auszuliefern, zu stoppen. Es kommt, wie es kommen muss: Luca bringt seine Frau um. Ihm und Pippo gelingt die Flucht. Nora Dalay wirft das Handtuch, Faber ist uneinsichtig wie eh und je und die Kommissare aus München machen sich ohne ihren Mörder auf den Heimweg.

Trotz des explosiven Themas ist es dem Jubiläumstatort nicht gelungen, einen spannenden Krimi zu präsentieren. Stattdessen bekamen die Zuschauer ausgiebig den schwierigen Alltag einer Mafia-Familie zu sehen. Einen Alltag, der aus dem Ruder läuft, als der skrupellose Pippo auftaucht und Luca mit in seine äußerst brutalen Geschäfte zieht. Dabei kamen all die typischen Mafia-Klischees zum Tragen, die man so kennt: Schutzgelderpressung mit Baseball-Schläger, massenhaft gerollte Geldbündel, Waffen und der obligate Sportwagen in quietschgelb. Die Tochter schätzt den Luxus, der Vater eifert Pippo nach, die Mutter möchte lieber ein normales Leben, kann ihren Mann aber doch nicht verraten. Ihr Mann indes ist viel zu feige, um sich und seine Familie aus den Fängen der Mafia zu befreien und tötet lieber seine Frau, als seine “Mafia-Familie” zu enttäuschen. Und dann ist da noch Faber, der diesmal wieder den völlig weltfremden Egomanen mimt, der nicht davor zurückschreckt, andere in Lebensgefahr zu bringen. Auch bei den Beobachtungen gab er nicht gerade einen professionellen Ermittler ab. Er passte zusammen mit Batic und Leitmayr Nora Dalay direkt vor einem Fitnessstudio ab, in dem sie sich mit Juliane Modica getroffen hatte. Natürlich wurden die vier bei diesem “geheimen” Treffen auf offener Straße beobachtet und die Italiener gewarnt! Eine glaubwürdigere Wendung war Drehbuchautor Bernd Lange leider nicht eingefallen. Und auch die beiden Münchener Kommissare waren in diesem Tatort nur Staffage, genauso wie Jan Pawlak und Martina Bönisch, die Faber einfach machen ließ. Bleibt zu hoffen, dass Teil 2 besser wird! /sis

Nora Dalay (Aylin Tezel), Jan Pawlak (Rick Okon), Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, v.l.n.r.) beobachten die Befragung von Juliane Modica. (WDR/Frank Dicks)

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil I)

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil I)
Huskys sind keine Couchpotatos! (Foto: Pixabay/Adina Voicu)

Geht es um die richtige Methode bei der Erziehung unserer Hunde, scheiden sich die Geister. Noch immer sind viele Hundehalter davon überzeugt, dass ein Hund unterworfen werden muss. Diese Methode des absoluten Gehorsams wird nach wie vor auf vielen Hundeplätzen angewandt, wo selbsternannte Hundetrainer dem Anfänger zeigen, wie er sich bei seinem Hund zum Chef oder „Rudelführer“ macht. Die Forschung ist aber in den letzten Jahrzehnten nicht stehen geblieben. So manche Erziehungsmethode erwies sich als gänzlich ungeeignet und wurde längst revidiert. Die Ergebnisse sind indes noch nicht überall angekommen, wie die Zahl der Problemhunde in deutschen Tierheimen eindrucksvoll belegt. Diese Arbeit soll den Wandel in der Hundeerziehung voranbringen und dazu beitragen, die Erziehung unserer Hunde mit den neuesten Erkenntnissen der Verhaltensforschung in Einklang zu bringen. Gewalt in der Hundeerziehung ist völlig indiskutabel, Zwang nicht nötig. Hundeerziehung kann ganz ohne Strenge und Stress erfolgen. Ziel dieser Arbeit ist es, unsere Hunde anhand einiger wichtiger Grundregeln besser zu verstehen und ihnen so möglicherweise ein künftiges Schicksal als „Problemhund“ zu ersparen.

Der Hund macht nichts falsch

Grundsätzlich gilt: Der Hund macht nichts falsch! Der Halter des Hundes ist gefordert. Der Hund verfügt über eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit. Er ist in der Lage, sich in eine Familie oder auf einzelne Menschen einzustellen und sich so zu verhalten als sei das für ihn das Selbstverständlichste der Welt. Das funktioniert aber nur, wenn der Mensch die Körpersprache des Hundes versteht und schon bei der Auswahl eines Hundes an dessen Bestimmung, das eigentliche Zuchtziel, denkt.

Das heißt konkret: Ich kann keinen Husky bei 30 Grad im Schatten acht Stunden lang in einer 2-Zimmer-Dachwohnung einsperren. Wenn ich dann nach Hause komme und der Hund hat das Mobiliar zerlegt, dann schlicht deshalb, weil er sich gelangweilt hat. Ein Husky liebt Kälte und ein Husky will und muss laufen. Wenn ich mir einen Hütehund aussuche, dann muss ich wissen, dass dieser Hund sein “Rudel” hütet, und zwar ohne Wenn und Aber. Wenn ich mir einen Jagdhund aussuche, dann muss ich wissen, dass dieser Hund hinter allem her hetzt, was sich bewegt.

Aus der falschen Wahl eines Tieres entstehen also die ersten Probleme, die die Hunde schließlich in die Tierheime bringen. Bei der Anschaffung eines Hundes, ganz egal ob als Welpe von einem renommierten Züchter (niemals aus dubiosen Quellen im Internet!) oder aus dem Tierheim darf nicht das Aussehen des Hundes und die Sympathie („der ist ja so niedlich!“) im Vordergrund stehen, sondern das Zusammenspiel “Hund in seiner rassespezifischen Verhaltensweise” und “Mensch mit seinen Erwartungen an den Hund”. Wer sich einen Hund aus dem Tierheim holt, sollte deshalb auf die Aussagen der Mitarbeiter vertrauen. Sie kennen die Hunde und können meist schon im Voraus sagen, ob „Hund” und „neue Familie” miteinander können werden oder nicht.

Jeder Hund kann lernen

Natürlich ist nicht jedes Fehlverhalten eines auch schon älteren Hundes unumkehrbar. Tatsächlich ist der Hund nur deshalb zum besten Freund des Menschen geworden, weil er sich durch Lernen an die jeweilige Situation in einer Familie anpassen kann. Ein junger Hund lernt schneller, aber auch ein „alter” Hund ist durchaus in der Lage, in unseren Augen “falsches” Verhalten durch “richtiges” zu ersetzen. Dazu haben sich drei Methoden herausgebildet. Der Hund lernt durch Nachahmen, Erklären mit Geduld und Ruhe und durch Versuch und Irrtum. Ein Pauschalprogramm gibt es nicht. Die Frage des jeweiligen Trainers muss also lauten: “Was bringt mich zum Erfolg?“

Distanz wahren!

Wichtig ist, dass man die “Distanz” zum Tier wahrt. Jedes Lebewesen hat einen natürlichen Distanzrahmen. Kein Mensch würde es dulden, wenn ein Fremder ihm freundlich, aber heftig über den Kopf streichelt, nach dem Motto: “Na, Du bist aber ein feiner Mensch!” Ein Beispiel macht das Bedürfnis nach Distanz deutlich: Warum erschrecken wir Menschen so unglaublich, wenn wir plötzlich eine Spinne auf unserer Schulter sehen? Weil eine Spinne – als eines der wenigen Lebewesen – in der Lage ist, unseren Distanzrahmen zu durchbrechen, ohne dass wir es merken! Daran erkennt man die Bedeutung des Distanzrahmens. Gewähren wir unseren Hunden deshalb auch den ihren. Wenn wir also einem Hund etwas beibringen wollen, dann bitte mit der nötigen Distanz. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass wir unsere Hand dem Hund mit dem Handrücken nähern. Er empfindet das nicht als so bedrohlich, wie die offene Innenseite der Hand, die ihm entgegengestreckt wird.

Zurück zu den Lernmethoden. Nachahmen ist ein klar definierter Begriff: Der Hund sieht ein Verhalten, irgendwann – nach der hundertsten oder tausendsten Wiederholung – macht er es nach. Das gilt vor allem für Welpen. Sie machen ihre Mutter und Geschwister nach: Wenn einer der kleinen Racker es geschafft hat, mit einer bestimmten Technik die Wurfkiste auf eigene Faust und so ganz ohne Erlaubnis des Menschen zu verlassen, darf man sicher sein, dass seine Geschwister ihm alsbald nacheifern werden. Dieses Lernen durch Nachahmen wird beispielsweise in der Ausbildung von Blindenhunden eingesetzt. Die Welpen lernen durch das bloße Abgucken der Aufgaben eines Blindenhundes, was sie zu tun haben. Zuhause wird sich ein Welpe oder auch ein älterer Hund von einem vorhandenen Hund auch rasch abschauen, wie er sich in der Familie zu verhalten hat.

Der Hund spricht nicht unsere Sprache

Ein häufiges Missverständnis in der Hundeausbildung ist noch immer, dass der Hund beim Wort “Sitz” oder “Platz” weiß, was er zu tun hat. Bei “Sitz” drückt man ihm solange den Hintern auf den Boden, bis er es kapiert hat, bei “Platz” wird in der klassischen Hundeausbildung der Hund solange am Halsband nach unten gezogen, bis er sich freiwillig hinlegt. Nun ist es aber so, dass der Hund nicht unsere Sprache spricht. Er weiß also nicht, was “Platz” und “Sitz” heißen, er erkennt nur die Bedeutung der Worte im Zusammenhang mit den Taten. Überhaupt ist bei den Menschen das Zusammenspiel von Stimme und Körpersprache sehr häufig sehr willkürlich. Doch dazu kommen wir später noch. Mit Ruhe und Zeit kann man dem Hund “Sitz” und “Platz” beibringen, ohne Gewalt auszuüben. Das funktioniert durch Motivation. Motivieren kann ich den Hund durch Futterbelohnung (dabei sollte auf die Tagesration geachtet werden), durch Spielmotivation (Training und Spiel verbinden) und durch positive Zuwendung (Streicheln). Wenn das alles nicht hilft, durch Ritualisierung. Ich muss ihm den Begriff “Sitz” beibringen, indem ich ihn mit dem Wort “Sitz” auffordere, sich zu setzen. Gleichzeitig halte ich ein Leckerli in der Hand. Der Hund wird vor mir stehen bleiben in Erwartung seines Leckerlis. Das bekommt er aber nicht. Sondern ich wiederhole das Wort “Sitz”. Wenn nun ein Hund uns anschauen will, dann muss er – ob er will oder nicht – den Kopf nach oben richten und damit setzt er sich in aller Regel automatisch auf seinen Hintern, damit er sich nicht die Halswirbel verrenken muss. Plumps, sitzt er schon. Ich lobe ihn ausführlich und er bekommt sein Leckerli. Das muss solange wiederholt werden, bis das Hörzeichen “Sitz” mit der positiven Erfahrung, jetzt bekomme ich ein Leckerli, oder es wird gespielt, oder ich werde gelobt, im Kopf des Hundes in Verbindung gebracht werden. Dabei gilt die Regel: Ich habe drei Sekunden, um dem Hund die “Verbindung – auf das Hörzeichen gehorchen und Gabe des Leckerlis/Lob” – klar zu machen. Nach diesen drei Sekunden wird der Hund die Belohnung nicht mehr mit seinem zuvor gezeigten Verhalten in Verbindung bringen. Noch eines ist in diesem Zusammenhang wichtig: Ich muss den Befehl “Sitz” wieder aufheben, den Hund also explizit zur Aufgabe der Sitzposition bewegen. Das erreicht man, indem man das Leckerli nicht von oben im Sitzen einfach in den Rachen des Hundes schiebt, sondern es ihn durch die nach unten/hinten geführte Hand holen lässt. Erklären mit Ruhe und Zeit! Sich Zeit zu nehmen und in Ruhe mit dem Hund zu arbeiten, ist dabei das wichtigste. Wenn der Hund nicht kapiert, dann muss ich eine Methode suchen, die ihn verstehen lässt.

Versuch und Irrtum ist die klassische durch Verhaltensforschung entwickelte Lernmethode, wie wir sie von Pawlows Mäusen kennen. Darüber hinaus kennt die Verhaltensforschung noch die klassische und operante Konditionierung, bei denen dem Tier eben so lange immer mit einem bestimmten Verhalten etwas beigebracht wird, bis es das Tier kapiert hat und nachahmt.

Es gibt keine Garantie

“Erklären mit Ruhe und Zeit” hat sich durch viele positive Erfahrungen von renommierten Hundeexperten in den letzten Jahren als beste Methode zur Erziehung von Hunden herausgebildet. Aber Achtung: Selbst wenn der Hund etwa die „Begleithundeprüfung“ mit Bravour absolviert hat, ist das noch lange keine Garantie für die Verkehrs- und Alltagstauglichkeit eines Hundes. Was ein Hund auf dem Hundeplatz oder im Training perfekt beherrscht, muss nicht unbedingt auch auf den Alltag und in verschiedene Verkehrssituationen übertragbar sein. Eines sollte jeder Hundehalter immer im Hinterkopf behalten: “Es kann immer etwas passieren. Und wer das nicht glauben will, hat das Wesen des Hundes nicht verstanden!”

Im zweiten Teil geht es um ungeeignete Erziehungsmethoden. Link zu Teil II

Spannungsfreie Unterhaltung zur besten Krimizeit

Spannungsfreie Unterhaltung zur besten Krimizeit
Kritik zum Tatort „Die Ferien des Monsieur Murot“
ARD/HR Tatort “Die Ferien des Monsieur Murot”: Magda Wächter (Barbara Philipp) hat kein Verständnis für Felix Murots Alleingang (Ulrich Tukur). (Foto: HR/Bettina Müller)
Felix Murot (Ulrich Tukur) trifft seinem Dopperlgänger. (Foto: HR/Bettina Müller)

Ein Tatort mit Murot ist immer experimentelles Kino, das weiß man, bevor der Film beginnt. Mit Krimi hat Murot meist wenig bis nichts zu tun. Was genau Murot sein soll, wissen vermutlich auch die Macher nicht. Die Kritik spricht meist von einer „Hommage“ – diesmal wohl an „Das doppelte Lottchen“. Denn Felix Murot (Ulrich Tukur) begegnet im beschaulichen Urlaub seinem Doppelgänger, einem recht nervigen Autohändler, der Murot aber eines voraushat: Ein ganz gewöhnliches Leben mit Haus, Frau, Hund und Freunden in ländlicher Idylle. Nach einer durchzechten Nacht, in der Doppelgänger Walter Boenfeld Murot die Befürchtung gesteht, seine Frau wolle ihn umbringen, wacht Murot völlig verkatert in der Kleidung Boenfelds in dessen Garten auf. Auf dem Weg zurück in sein Hotel wird er von Polizisten gestoppt, die einen Unfall aufnehmen. Murot erkennt schnell, dass Boenfeld in seinem Anzug und mit seiner Dienstmarke in der Tasche tot auf der Straße liegt. Murot kehrt zurück in Boenfelds Haus und in dessen Leben, das ihm zunehmend besser gefällt. Von da an geht es recht vorhersehbar und daher doch eher langweilig bis zum bitteren Ende weiter. Murots Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp) ist natürlich empört als Murot auf seiner eigenen Beerdigung auftaucht. Boenfelds Frau Monika (Anne Ratte-Polle) genießt die Aufmerksamkeit, die sie von ihrem vermeintlichen Ehemann plötzlich bekommt, die Mitarbeiter im Autohaus wundern sich über ihren neuerdings etwas verpeilten Chef und Doppelgänger Boenfeld spukt in Murots Träumen und appelliert an sein schlechtes Gewissen. Niemand scheint Boenfelds Veränderung wahrzunehmen. Allerdings sind Murots Undercover-Ermittlungen auch nicht gerade besonders intensiv, er geht lieber Tennisspielen. Dafür behält Magda Wächter den Überblick. Als dann auch noch ein Mitarbeiter aus dem Autohaus sein Leben lassen muss, nachdem er Monika erpresst hatte, ist Wächter nicht länger bereit, Murots Spielchen mitzuspielen. Für sie besteht an Monikas Schuld nicht der geringste Zweifel – für die Zuschauer im Übrigen auch nicht.

Selten war die Aufklärung eines Falles so vorhersehbar. Man kann es gar nicht glauben, dass den Autoren Ben Braeunlich und Regisseur Grzegorz Muskala kein anderes Ende eingefallen ist, eine überraschende Wendung vielleicht, ein anderer Täter mit nachvollbarem Motiv, eine geheimnisvolle Geschichte aus der Vergangenheit. Stattdessen wird dem Zuschauer eine Täterin serviert, die von Anfang an unter Verdacht stand. Und so lösen sich auch die wenigen Krimi-Elemente des neuen Murot-Experiments in Rauch auf. Was am Ende bleibt ist die nette Geschichte eines Rollentauschs zweier ungleicher Charaktere mit gleichem Aussehen. Eine Geschichte, die mit der Besetzung gut als Mittwochsfilm oder unaufgeregte Unterhaltung am Freitagabend gepasst hätte, als Krimi am Sonntagabend zur Tatortzeit war sie aber völlig fehl am Platz. /sis

Felix Murot/Walter Boenfeld (Ulrich Tukur) findet das normale Leben an der Seite seiner vermeintlichen Ehefrau Monika Boenfeld (Anne Ratte-Polle) zunehmend attraktiver. (Foto: HR/Bettina Müller)

Horrorthriller statt Krimi

Horrorthriller statt Krimi
Kritik zum Tatort Dresden Parasomnia
ARD/MDR Tatort “Parasomnia”: Die Ermittlerinnen Leonie Winkler (Cornelia Gröschel, li.) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) finden die Tatwaffe, an der das Blut von mehr als einer Personen haftet. (Foto: MDR/MadeFor/Daniela Incoronato)
Talia (Hannah Schiller, re.) fürchtet sich im Dunkel und hat deshalb immer eine Taschenlampe um den Hals hängen. (Foto: MDR/MadeFor/Daniela Incoronato)

Unter Parasomnie versteht man eigentlich verschiedene Schlafstörungen. Dazu gehören Schlafwandeln, Albträume und der sogenannte Schlafterror, auch Nachtangst genannt. Dahinter versteckt sich das aus Horrorfilmen bekannte Bild: Ein Mensch sitzt kerzengerade im Bett, schreit, ist völlig von der Rolle und lässt sich kaum beruhigen. Die Hauptfigur des neuen Dresdener Tatorts mit dem Titel „Parasomnia“ litt an einer Mischung aus tief verwurzelten Schuldgefühlen in Verbindung mit Nachtangst, sie sah ihre Gespenster aber nicht nur in der Nacht, sondern selbst am helligten Tag in der Schule zum Beispiel. Und so war denn auch die Geschichte ziemlich unwirklich und zielte lediglich auf den Gruselfaktor der Nachtangst ab. Talia (Hannah Schiller) und ihr Vater Ben (Wanja Mues) kämpfen mit dem Unfalltod der Mutter, jeder der beiden hält sich für schuldig. Während Ben seine Schuld in seinen dämonischen Bildern verarbeitet, beginnt Tochter Talia eine tote Frau zu sehen, nachdem sie direkt beim Einzug in ihr altes, halb verfallenes Haus einen Mörder überrascht hat. Seit dem Tod der Mutter hat sie sich angewöhnt, Unangenehmes zu verdrängen. Und so kann sie den Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) nicht wirklich bei der Aufklärung des Mordes an dem unbekannten Mann helfen, der in einem leeren Zimmer des Hauses gefunden wird. Weil sich Talia aber durch die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter zu Leonie Winkler hingezogen fühlt, offenbart sich das junge Mädchen nach und nach der Kommissarin und führt die Ermittler so zu einem Serienmörder aus DDR-Zeiten.

Die Geschichte an sich hatte einiges an überraschenden Wendungen zu bieten, bezog die gesamte Spannung aber aus den Gruselszenen. Die „Untote“ trieb nicht nur in Talias Kopf ihr Unwesen, sondern spukte recht real durch das ohnehin gruselige Haus. Während die Kommissarinnen und ihr eigenwilliger Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) das Gruselhaus immer wieder verlassen konnten, ließ Drehbuchautor Erol Yestilkava die Zuschauer Talias Nachtangst miterleben. Die gesamte Geschichte drehte sich auch mehr um Talias Trauma durch den Tod ihrer Mutter und Leonie Winklers Versuche, sie zu beruhigen und zu ermutigen, sich ihren Ängsten zu stellen. Ermittlungen fanden eher am Rande statt und bezogen sich auch rasch nicht mehr auf den ursprünglichen Fall. Es ging nur noch um die Identifizierung der toten Frau, die Talia verfolgte und die die Ermittler mit mehr als unglaubwürdigen Mitteln letztlich zu weiteren im Garten verscharrten Leichen und dem Serienmörder führten. Alles in allem handelt es sich bei „Parasomnia“ um einen gut gemachten Horrorthriller, der aber einmal mehr so gar nichts mit einem spannenden Krimi gemein hat. Nicht jeder, der Spannung liebt, mag auch Horror! /sis

Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach, li) und Kollegen der Spurensicherung finden im Garten des Gruselhauses noch mehr Leichen. (Foto: MDR/MadeFor/Daniela Incoronato)

Ungemein spannend und unterhaltsam

Ungemein spannend und unterhaltsam
Kritik zum Tatort Münster „Limbus“
ARD/WDR Tatort “Limbus”: Silke Haller (Christine Urspruch, links), Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann, 2.v.l.) und Frank Thiel (Axel Prahl, 2.v.r.) verlassen das Restaurant und verabschieden Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, rechts), der einen dreimonatigen Urlaub nimmt. Seiner Urlaubsvertretung soll Silke Haller die Wohnungsschlüssel von Boerne übergeben. (WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke)
 Boerne (Jan Josef Liefers, rechts) versucht, zu Silke Haller (Christine Urspruch, links) durchzudringen, die ihn aber nicht sehen kann.
(Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke)

Das ist schon ein ganz besonderer Tatort aus Münster. Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) landet nach einen Autounfall in der Vorhölle (Limbus), büxt aber immer wieder aus, um Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und seiner Mitarbeiterin Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch) bei den Ermittlungen über die Ursache des Unfalls auf die richtige Spur zu bringen. Dabei wird er immer wieder vom Wärter der Vorhölle, der – oh Wunder – genauso aussieht wie Thiel, aber penetrant bürokratisch agiert und überhaupt keinen Spaß versteht, eingefangen und zurückgebracht. Interessanterweise hat die Vorhölle einen Ausgang mitten in Münster! Das klingt auf den ersten Blick nach viel Klamauk und tatsächlich stört Boerne „den natürlichen Lauf der Dinge“ als Geist genauso nervig wie sonst auch. Der Kern und der Ablauf der Geschichte von Magnus Vattrodt, grandios umgesetzt von Max Zähle, sind aber höchst interessant und ungemein spannend.

Boerne ist eigentlich auf dem Weg in einen längeren Urlaub, um ein Buch über den Tod zu schreiben, als ihn sein Vertreter Dr. Jens Jacoby (Hans Löw), der sich rasch als gemeiner Hochstapler entpuppt, auf offener Straße mit einer Insulin-Spritze fahruntüchtig macht und dadurch den Unfall verursacht. Thiels Bauchgefühl, dass an dem Unfall etwas nicht stimmt, wovon Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) natürlich erst einmal nichts wissen will, und Alberichs Gespür für die Anwesenheit von Boernes Geist führen letztlich zu Boernes Rettung in letzter Minute. Dazwischen wird der arme Professor immer wieder mit der Vorhölle konfrontiert, einer typisch deutschen Version mit Formularen für jede Eventualität inklusive Widerspruch, in der man ganz ordentlich eine Nummer ziehen und dann geduldig bis ewig warten muss, bis man an der Reihe ist. In der Vorhölle hat auch Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) ihren letzten Auftritt. Sie begegnet Boerne ein letztes Mal, ehe es für sie „nach oben“ geht, während der Professor etwas später 229 Etagen nach unten geschickt wird.

Auch wenn man anfänglich der Vorhöllen-Geschichte etwas skeptisch gegenüberstehen mag, im Verlauf der Ereignisse wird eine ungeheure Spannung aufgebaut, der man sich kaum entziehen kann. Dazu die wie immer grandiosen Sprüche, das großartige Zusammenspiel des Münsteraner Teams, das herzige letzte Zusammentreffen mit Nadeshda und Boernes Widerwille, sich mit seinen charakterlichen Schwächen auseinanderzusetzen, machen den Tatort „Limbus“ außergewöhnlich unterhaltsam. Bitte mehr davon! /sis

 Boerne (Jan Josef Liefers, rechts) findet sich im Limbus – der Vorhölle – wieder. Der Herr, der hier das Sagen hat, sieht Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) zum Verwechseln ähnlich, ist aber ein Bürokrat, wie er im Buche steht. (Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valtentin Menke)

Ein Bauernopfer dreht durch

Ein Bauernopfer dreht durch
Kritik zum Tatort Stuttgart „Der Welten Lohn“
ARD/SWR Tatort “Der Welten Lohn”: Sebastian Bootz (Felix Klare) und Thorsten Lannert (Richy Müller) finden am Tatort das Pfefferspray, mit dem das Opfer versucht hat sich zu verteidigen. (Foto: SWR/Benoît Linder)
Ein Bombenattentat auf den Wagen des Vorstandsvorsitzenden hat stattgefunden. Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) vermuten, dass das mit ihrem Fall zu tun hat, Miriam Mätzler von der KTU (Diane Marie Müller) sammelt Indizien dafür. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Die Kommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) stehen für solide Tatort-Unterhaltung. Solide, ja fast schon unaufgeregt, war der neue Tatort mit dem Titel „Der Welten Lohn“ auch diesmal, erfreulicherweise ganz ohne persönliche Verstrickungen des Ermittlerduos, wenn auch mit einem recht unbeherrschten Sebastian Bootz. Tatsächlich stellte der ekelhaft arrogante und maßlos selbstverliebte Joachim Bässler (Stephan Schad), Vorstandschef eines Stuttgarter Automobilzulieferers, die Geduld der Kommissare auf eine harte Probe. Und auch der sehr rasch aufgespürte Hauptverdächtige für einen Bombenanschlag auf Bässler, Oliver Manlik (Barnaby Metschurat), erwies sich als wenig kooperativ. Es dauerte einfach zu lange, bis Lannert und Bootz hinter den persönlichen Kleinkrieg von Bässler und Manlik kamen. Eigentlich suchten sie den eventuellen Mörder von Bässlers Personalchefin. Der Tod der Personalchefin aber trat im Verlauf der Geschichte völlig in den Hintergrund. Die Erzählung aus der Feder von Drehbuchautor Boris Dennulat konzentrierte sich mehr auf Manlik, der von Bässler für dessen dunkle Geschäfte missbraucht, gerade aus dem amerikanischen Gefängnis entlassen, Wiedergutmachung in Form von einer gewaltigen Geldsumme forderte. Der unantastbare Bässler aber setzte lieber einen Killer auf Manlik an, dessen übermäßige Aggressivität auch vor seiner Familie nicht Halt machte. Und so stolperten Lannert und Bootz den Ereignissen hinterher, hefteten sich an Manliks Fersen, verhinderten den Mord an ihm, konnten ihm aber weder die Ermordung der Personalchefin noch den Bombenanschlag auf Bässler nachweisen. Am Ende zwang Manlik Bässler zu einem Geständnis mit vorgehaltener Waffe, ehe er, überraschend und in der aufgeheizten Stimmung des Showdowns nicht nachvollziehbar, einfach aufgab.

Lannert und Bootz standen mit leeren Händen da. Der Mord an der Personalchefin entpuppte sich als Unfall, sie war von Manlik aufgeschreckt auf ihrer Joggingstrecke einfach abgestürzt. Manlik war allenfalls wegen der Bedrohung mit Waffengewalt ein strafrechtlich relevanter Vorwurf zu machen, der Bombenanschlag blieb gänzlich unaufgeklärt. Und das von Bässler erzwungene Geständnis führte zwar zu dessen Verhaftung, dürfte aber in der Folge ebenfalls keine Konsequenzen gehabt haben. Nur die Aufforderung an seinen Sicherheitschef, Manlik endgültig zu beseitigen, blieb als Ermittlungserfolg für die Kommissare übrig. Und so fragte sich der geneigte Zuschauer am Ende dann doch nach der Sinnhaftigkeit eines Tatorts, der nicht als spannender Krimi, sondern allenfalls als interessante Studie eines durchdrehenden Bauernopfers daherkam. Trotz der Längen und des unbefriedigenden Endes aber wussten Richy Müller, Felix Klare und vor allen Dingen Barnaby Metschurat schauspielerisch zu überzeugen und die Längen in der Erzählung aufzufangen. Solide eben, wie immer beim Tatort aus Stuttgart. /sis

Showdown: Oliver Manlik (Barnaby Metschurat) erzwingt von Joachim Bässler (Stephan Schad) ein Geständnis. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Das “personifizierte höherwertige Interesse”

Das “personifizierte höherwertige Interesse”
Kritik zum Tatort “Krank” aus Wien
ARD Degeto Tatort “Krank”: Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser). (Foto: ARD Degeto/ORF/Lotus Film/Anjeza Cikopano).
Maria Ana Moreno (Sabine Timoteo) prügelt sich durch Wien, um sich für den Tod ihrer Tochter zu rächen. (Foto: ARD Degeto/ORF/Lotus Film/Anjeza Cikopano)

Die Wiener Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) waren bisher immer Garant für einen besonderen Krimiabend. Das gelang auch mit ihrem neuesten Tatort mit dem Titel „Krank“ aus der Feder von Hubert Henning, der auch Regie führte. Ungetrübt war das Vergnügen aber nicht. Zwar spiegelte der Fall den immer aktuellen und brandgefährlichen Konflikt zwischen Schul- und Alternativ-Medizin, verstrickte sich aber in zu viele Nebenschauplätze. Nicht zuletzt der übermäßige Einsatz der Voice-over-Technik behinderte das Verständnis der Zusammenhänge. Voice-over sorgt für Tempo. Die nächste Szene beginnt, während der Dialog der vorherigen Szene noch weiter zu hören ist oder umgekehrt. Wenn aber mehr als die Hälfte des Films Bild und Ton nicht dasselbe erzählen, wird es sehr kompliziert. Im Vordergrund laufen Bilder bereits vergangener oder nächster Geschehnisse – auch das war nicht immer auf den ersten Blick unterscheidbar – und im Hintergrund werden durch Sprache Informationen oft sogar zu einem ganz anderen Geschehen geliefert. Hier hat es Regisseur Hubert Henning schlicht und ergreifend übertrieben und die hochemotionale Geschichte um den Tod eines kleinen Mädchens und die Verzweiflung der Mutter, die ihr Kind nicht sehen und ihm nicht helfen durfte, nur unnötig belastet. Weniger ist meist eben doch mehr. Und das wäre es in diesem Fall gewiss gewesen. Denn die Story an sich bot genug Sprengstoff für einen spannenden Krimi mit überraschenden Wendungen. Dazu hätte es weder der südamerikanischen Guerillamethoden von Maria Ana Moreno (Sabine Timoteo) bedurft, noch des Erzfeindes von Eisner Heinz Roggisch (Jan Erik Rippmann), auch wenn es ohne ihn Eisners Entführung und Fast-Ermordung am Ende der Geschichte nicht gegeben hätte. Wenn ein ernsthaft erkranktes Kind in die Fänge von unseriösen Heilern gerät und sich daraus ein Rachefeldzug der vom Vater gänzlich aus dem Leben ausgeschlossenen Mutter entwickelt, dann reicht das für eine Geschichte. Die von den Heilern entwickelte Judas-Strategie, um mit Hilfe einer Fusion mit einem Pharmakonzern und der Unterstützung durch eine dubiose Beraterfirma auch künftig satte Gewinne zu generieren, hätte eine eigene Geschichte verdient.

Spannend war es allemal, auch wenn die Spielereien des Regisseurs das Verständnis der Zusammenhänge erst im zweiten Anlauf ermöglicht. Krassnitzer und Neuhauser verstehen es aber wie kein zweites Tatort-Ermittlerteam, die Schwächen einer Geschichte durch starkes Spiel mehr als auszugleichen. Es macht Spaß, den beiden zuzuschauen, sie sind einfach das „personifizierte höherwertige Interesse“. /sis

Heinz Roggisch (Erik Jan Rippmann) will sich an Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, re.) rächen dafür, dass er ihn einst verfolgt und damit aus Wien und der Nähe seiner Mutter vertrieben hat. (ARD Degeto/ORF/Lotus Film/Anjeza Cikopano)

Noch viel Luft nach oben

Noch viel Luft nach oben
Kritik zum Tatort aus Zürich „Züri brännt“
ARD Degeto Tatort “Züri brännt”: Sind sich nicht sicher, ob es sich um einen zweiten Mord handelt v. l. n. re.: Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher), Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler) und Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig) (Foto: ARD Degeto/SRF/Sava Hlavacek)

Neues Team, neues Tatortglück für die Schweiz? Das hatten die Tatort-Fans zumindest gehofft. Der erste Fall der beiden neuen Ermittlerinnen Tessa Ott (Carola Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) war dann aber doch etwas wirr, um wirklich zu begeistern. Die Story führte zurück in die Züricher Geschichte der 1980er Jahre und konstruierte die nicht immer nachvollziehbaren Nachwehen einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe damals Jugendlicher und der Polizei. Und wie schon so oft gelesen und gesehen, kommt nach 40 Jahren ein inzwischen totkranker Beteiligter zurück, um sein Gewissen zu erleichtern, den Mord an einem jungen Mädchen zu gestehen und die weiteren Beteiligten ebenfalls zur Offenbarung zu zwingen. Das wiederum führt zu seiner Ermordung, klar, was auch sonst.

Bei „Züri brännt“ standen aber gar nicht die beiden Morde im Mittelpunkt, sondern der obligate Zickenkrieg der Ermittlerinnen. Die eine, weil aus einer bekannten Familie stammend, entsprechend von allen Seiten die Karriereleiter hinaufgeschubst, die andere schon viel länger im Job, obendrein zurückhaltend, beinahe schon devot und nicht unbedingt angetan vom jungen Protegé. Einmal mehr bedienten die Drehbuchautoren Lorenz Langenegger und Stefan Brunner sowie Regisseurin Viviane Andereggen das Klischee von Frauen, die einfach nicht miteinander arbeiten können und das in wirklich übertriebener Art und Weise. Zudem fiel die eine durch ziemliche Respektlosigkeit sowohl ihrer älteren Kollegin als auch verhörten Zeugen gegenüber auf. Grandjean bestand auf das höfliche „Sie“, was Ott aber nicht im mindesten störte. Sie duzte ihre Kollegin munter weiter, egal wie oft ihr ein “Sie” entgegnet wurde. Die streckenweise erschreckend langweiligen Ermittlungsversuche jedenfalls machte dieser Umstand nicht wirklich interessanter.

Wie daraus eine gedeihliche Zusammenarbeit werden soll, wissen wohl nur die Autoren. Aber bekanntlich ist aller Anfang schwer und so sollte man dem neuen Tatort-Team aus Zürich auch erst einmal eine Chance auf Entwicklung geben. Es kann ja immer noch besser werden! /sis

Interessante Geschichte, aber kein Krimi

Interessante Geschichte, aber kein Krimi
Kritik zum Tatort aus Berlin „Ein paar Worte nach Mitternacht“
ARD/rbb Tatort “Ein paar Worte nach Mitternacht”: Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke, li.) finden Klaus Keller (Rolf Becker) an seinem 90. Geburtstag tot auf. Um seinen Hals hängt eine seltsame Nachricht. (Foto: rbb/Stefan Erhard)
Robert Karow (Mark Waschke) sucht nach Moritz Keller. (Foto: rbb/Stefan Erhard)

Da meinte es Drehbuchautor Christoph Darnstädt etwas zu gut mit dem Tatort zu 30 Jahre deutsche Einheit und packte die komplette jüngere Geschichte Deutschlands in seinen Film „Ein paar Worte nach Mitternacht“. Worte, in denen ein 90-jähriger Bauunternehmer auf seiner Geburtsfeier eigentlich seine Schuld aus Nazitagen gestehen will, stattdessen aber am nächsten Morgen tot auf seinem Balkon aufgefunden wird. In der Folge kommt dann neben Hitlerjugend, Stasi, Neonazis, Antisemiten, Rechtsradikale auch der gern bemühte Ost-West-Überbietungskonflikt zur Sprache, reicher Westbruder verschmäht den armen Ostbruder samt Übertragung auf die nächste und übernächste Generation. Und obendrein gab es den klassischen Vater-Sohn-Konflikt ebenfalls gleich in doppelter Ausführung und nicht zu vergessen: eine demente Großmutter im Heim. Mehr ging wirklich nicht. 90 Minuten sollten für eine derart breite Themenpalette schlicht zu wenig sein. Waren sie aber nicht. Das Berliner Kommissars-Duo Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) hatten noch Zeit für private Dates, während sie in aller Ruhe den Schuldigen in den Reihen der beiden betroffenen Familien suchten, die eine sehr erfolgreiche aus dem Westen, die andere aus dem Osten, mehrfach gescheitert und entsprechend wütend auf den Westen und alles was damit zu tun hat. Klischees soweit das Auge reichte. Es gab aber gar keinen Schuldigen, sondern nur eine Schuld, die – typisch deutsch – von den Großeltern auf die Eltern und weiter auf die Enkel übertragen worden war. Der Enkel der reichen Wessis, Moritz Keller (Leonard Scheicher) wiederum war hin und hergerissen zwischen der Liebe zu seinem Großvater Klaus Keller (Rolf Becker), der eben die schwere Schuld mit sich trug und der Liebe zu seiner Freundin Ruth (Victoria Schulz), die ebenfalls mit der Schuld des Alten zu tun hatte. Sie versuchte Moritz zu manipulieren. Er sollte auf seinen Großvater einwirken, dass der seine Schuld öffentlich bekennt und so der frühe Tod eines ihrer Familienmitglieder in der Nazizeit endlich gerecht würde. Und das alles in 90 Minuten! Man musste höllisch aufpassen, wollte man den Geschehnissen bis zum erhellenden Ende folgen. Und dann standen Rubin und Karow zu guter Letzt auch noch mit leeren Händen da. Kein Mord, kein Täter, trotz zweier Toter.

Die Geschichte an sich war sehr interessant. Warum man sie aber in einen Tatort verpacken musste, bleibt das Geheimnis der Macher. Denn statt der für einen Krimi erforderlichen Spannung gab es nur beklemmende Gefühle und tiefes Mitleid für den zwischen den Welten stecken gebliebenen Enkel. /sis

Schlechter ging sowieso nicht mehr

Schlechter ging sowieso nicht mehr
Kritik zum Tatort „Rebland“
ARD/SWR Tatort “Rebland”: Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) und Franziska Tobler (Eva Löbau) haben Informationen von französischen Kollegen, mit deren Hilfe sie den Kreis der in ihrem Fall Verdächtigen einschränken. (Foto: SWR/Benoit Linder)
Die Kommissare (Hans-Jochen Wagner und Eva Löbau) hoffen, dass Beate Schmidbauer (Victoria Trauttmansdorff) bei einem Vor-Ort-Termin noch etwas zum Hergang des Überfalls auf sie einfällt. (Foto: SWR/Benoit Linder)

Schlechter als sein Vorgänger (Ich hab im Traum geweinet), das war von vornherein klar, konnte der neue Tatort aus dem Schwarzwald nicht werden. Und tatsächlich war „Rebland“ ein solider Krimi mit einer interessanten Story, die am Ende aber zu langatmig geriet. Die Vergewaltigung von Beate Schmidbauer (Victoria Trauttmansdorff), Freundin von Kripochefin Cornelia Harms (Steffi Kühnert), sollten Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Joachim Wagner) aufklären. Als Täter infrage kamen drei Verdächtige, die Tobler und Berg mithilfe erweiterter DNA-Analyse ausfindig gemacht hatten. Inzwischen dank einer Reform auch in Deutschland erlaubt, war diese Ermittlungspraxis zum Zeitpunkt der Entstehung des Drehbuchs von Nicole Armbruster durchaus noch verboten und damit bewegten sich Tobler und Berg auf verbotenem Terrain. Die Informationen hatten sie sich illegal von ihren französischen Kollegen geholt, die seit langem einen Mörder mit gleicher DNA suchten. Warum die Methode noch immer sehr umstritten ist, zeigte die Geschichte dann auch überdeutlich: Das Leben der drei Verdächtigen lief vollkommen aus dem Ruder. Am Anfangen hatten die Kommissare auch nicht mehr als ein paar ungefähre Angaben wie Alter, Haut- und Augenfarbe. Mit diesen groben Angaben wählten sie die drei Verdächtigen aus rund 80 DNA-Proben-Verweigerern aus und stolperten dann im Laufe der Geschichte auf immer mehr Ungereimtheiten im Leben der drei. Der Streifenpolizist Mario Lewandowsky (Marek Harloff) war wegen unkontrollierter Aggressivität aufgefallen, Frisör Victor Baumann (Roman Knizka) hatte bereits Kontakt mit der Polizei wegen sexueller Belästigung und der alleinerziehende Vater Klaus Kleinert (Fabian Busch) tat sich schwer mit den Auflagen des Jugendamtes. Durch die Ermittlungen gerieten alle drei in völlig unnötige Turbulenzen mit Nachbarn und Kollegen, die ihnen massiv zusetzten. Hinzu kamen die verzweifelten Kinder, die die Welt plötzlich nicht mehr verstanden. Polizeitaktisch mag die „erweiterte Merkmalsuntersuchung“ ihren Sinn haben, ethisch und moralisch ist sie höchst fragwürdig, weil die Ermittlungen eben auch Unschuldige treffen und deren Leben völlig zerstören können.

Die Geschichte war schlüssig, wenn auch in Teilen überholt. Allerdings geriet die Inszenierung von Regisseurin Barbara Kulcsar zu langatmig, streckenweise gar langweilig. Einzig die netten Landschaftsaufnahmen vom „Rebland“ versöhnten den Zuschauer ein wenig, wenn der Film auch sonst so gar nichts mit Wein zu tun hatte. Lediglich der Tatort befand sich in einem Weinberg. Dass Beate Schmidbauer überhaupt zum Opfer werden konnte, erschloss sich dem Zuschauer auch nicht wirklich. Keine erwachsene Frau würde mitten in der Nacht ganz allein durch einen Weinberg nach Hause laufen, mag sie auch noch so mutig sein. Es handelte sich bei ihr ja beileibe nicht mehr um ein naives junges Mädchen. Das machte den Tatort vorn vorherein wenig glaubwürdig. Dazu schien die Ermittlungsarbeit mehr vom Zufall als von Erkenntnissen geleitet und Tobler und Berg konnten auch diesmal wieder nicht überzeugen, weder einzeln noch im Zusammenspiel. /sis

Sind es die Ermittlungen, die das Leben von Viktor Baumann (Roman Knizka) umgestülpt haben? Jedenfalls hat seine Frau ihn verlassen und den Sohn mitgenommen. (Foto: SWR/Benoit Linder)

Überzeugende Geschichte mit viel Spannung

Überzeugende Geschichte mit viel Spannung
Kritik zum Polizeiruf 110 aus Magdeburg „Tod einer Toten“
ARD/MDR Polizeiruf 110 “Tod einer Toten”: Doreen Brasch (Claudia Michelsen) muss den Mord an einer jungen Frau aufklären, die eigentlich schon seit vier Jahren tot sein soll. Das jedenfalls behauptet ihr Vater Werner Mannfeld (Christian Kuchenbuch). Maria (Madeleine Tanfal), die Tochter der Toten, hat plötzlich einen Großvater. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard)
Kriminalrat Lemp (Felix Vörtler) lässt sich gehen und verursacht prompt alkoholisiert einen Unfall. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard)

Spannende Unterhaltung, das hatte der neue Polizeiruf 110 aus Magdeburg mit dem Titel „Tod einer Toten“ zu bieten. Die Geschichte spielte im Drogenmilieu mit all seinen hässlichen Gesichtern zwischen Erpressung und Hinrichtung. Angenehm unkompliziert zeigte sich diesmal Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen), die ganz ohne private Probleme und schlechte Laune dafür aber mit viel Gefühl ermittelte. Recht eigenwillig gab sich Kriminalrat Uwe Lemp (Felix Vörtler). Er litt unter den Folgen einer Alkoholfahrt mit vorhersehbarem Unfall. Zwar zeigte er sich selbst an, am Ende spielte dieses Ereignis im Gesamtzusammenhang aber keine Rolle mehr. Unverständlicherweise. Dafür aber rückten die Drogenfahnder Pia Sommer (Luisa-Céline Gaffron) und Anton Lobrecht (Steffen C. Jürgens) in den Mittelpunkt des Geschehens. Brasch und Sommer verstanden sich ausnehmend gut und der Zuschauer glaubte schon an ein künftiges Ermittlerduo, als die junge Drogenfahnderin völlig überraschend von ihrem Partner erschossen wurde. Ein Partner, der voller Hass seinen privaten Rachefeldzug angetreten hatte und für vier Tote verantwortlich war.

Etwas fraglich war die Aktion des Jugendamtes, die Tochter der Toten unvermittelt bei ihrem Großvater abzugeben. Die erst vierjährige Maria hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Realistisch war das gewiss nicht, dramaturgisch aber eine reizvolle Wende. Maria und Opa Werner Mannfeld (Christian Kuchenbuch) verstanden sich wider Erwarten auf Anhieb sehr gut. Und Werner Mannfeld bekam die Gelegenheit, an der Enkelin und dem Schwiegersohn Alex Zapf (Ben Münchow) wieder gut zu machen, was er bei seiner Tochter Jessica versäumt hatte. Eine gute Geschichte, mit durchgängiger Spannung und einem zufriedenstellenden Ende. So, wie ein echter Krimi eben sein muss. /sis

Lemp (Felix Vörtler) erscheint geschockt am Tatort und erfährt von Brasch (Claudia Michelsen) von dem Mord an Jessica. Er musste befürchten, dass es sich um das Unfallopfer handelt. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard)

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Entdeckung der Langsamkeit
Kritik zum Tatort Frankfurt Funkstille
ARD/HR Tatort “Funkstille”: (v.l.n.r.) Raymond Fisher (Kai Scheve), Gretchen Fisher (Tessa Mittelstaedt) im Gespräch mit Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). Was eine Befragung werden sollte, entpuppt sich als nette Plauderei bei Milch und Keksen. ( Foto: HR/Bettina Müller)
Raymond Fisher (Kai Scheve) und seine Frau Gretchen (Tessa Mittelstaedt) wollen die Welt retten, indem sie sich als Doppelagenten betätigen. (Foto: HR/Bettina Müller)

„Funkstille“ herrschte im wahrsten Wortsinn zur besten Krimizeit am Sonntagabend: Es gab keinerlei Spannung im neuen Tatort aus Frankfurt mit den Kommissaren Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). Tatsächlich entdeckten die Drehbuchautoren Stephan Brüggenthies und Andrea Heller mit Regisseur Stanislaw Mucha die Langsamkeit als Stilmittel für sich. Und diese Langsamkeit zog sich durch den ganzen Film, der statt Krimi gerne Agententhriller gewesen wären. Lange, völlig belanglose Kameraeinstellungen sorgten beim Zuschauer für einen heftigen Kampf mit den Augenlidern. Tessa Mittelstaedt ist zwar eine schöne Frau, ihr aber ausgiebig beim Kauen zuzusehen, erfüllt nicht unbedingt den Anspruch an gute Unterhaltung. Worum ging es in diesen Krimi? Die junge Emily Fisher (Emilia Bernsdorf), Tochter der amerikanisch-russischen Doppelagenten Gretchen (Tessa Mittelstaedt) und Raymond Fisher (Kai Scheve), durchlebt ihre erste Liebe, die durch den Mord an ihrem Freund ein dramatisches Ende findet. Im Laufe der Ermittlungen stoßen Janneke und Brix auf das Agentenehepaar, das am Ende tatsächlich den Tod des Jungen verursacht hat. Bis die Kommissare das aber herausfinden dürfen, muss sich der Zuschauer die geheimen Treffen der Agenten anschauen, ohne zu wissen, was sie da gerade ausspionieren. Sie spionieren einfach, hören ab, geben ihre Erkenntnisse an beide Seiten weiter und sind ansonsten mit ihrer rebellischen Tochter beschäftigt, die nicht verstehen will, wieso ausgerechnet ihre Eltern die Welt retten müssen. So großspurig, wie sich das anhört, kam der ganze Film daher. Übertrieben in jeder Hinsicht. Sebastian musste sterben, weil Emilys Mutter eine Affäre mit ihm hatte und er dabei aus Versehen auf ihr geheimes Abhörequipment gestoßen war. Emilys Vater fällt dann auch noch der Mordlust seiner Frau zum Opfer, weil Mitwisser in der Agentenszene per se unerwünscht sind. Er wird vergiftet und stirbt stilecht im Fahrstuhl.

Vielleicht wollten die Macher dieses Tatorts zu viel: Agenten, erste Liebe, Mutter hat Affäre mit Freund der Tochter, das alles in einer Geschichte, das kann in 90 Minuten nur oberflächlich abgehandelt werden. Hinzu kamen die langen Kameraeinstellungen, die keineswegs interessante Aspekte offenbarten, sondern für weitere unnötige Längen sorgten. War hier wieder eher Kunst statt Krimi beabsichtigt? Wenn ja, dann ging auch das daneben: „Funkstille“ ist einfach nur langweilig!

(v.l.n.r.) Paul Brix (Wolfram Koch), Anna Janneke (Margarita Broich), Fanny (Zazie de Paris) und Kriminalassistent Jonas (Isaak Dentler) gönnen sich eine Pause. (Foto: HR/Bettina Müller)

 

Einfach nur solide Unterhaltung

Einfach nur solide Unterhaltung
Kritik zum Tatort Wien “Pumpen”
ARD Degeto Tatort “Pumpen”: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) befragen Rainer Kovacs (Anton Noori). (Foto: ARD Degeto/ORF/Allegro Film/Hubert Mican)
Moritz Eisner und Bibi Fellner ermitteln im Umfeld eines Fitnessstudios (Foto: ARD Degeto/ORF/Allegro Film/Hubert Mican

Der Auftakt in die neue Tatort-Saison fiel eher etwas gediegen aus. Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermittelten in der Body Builder-Szene, oberflächlich ging es um den Handel mit illegalen Anabolika einer schon rein optisch recht „aufgepumpten“ Gangstersippe vom Balkan. Klischees über Klischees – wäre da nicht das grandiose Ermittlerteam, man hätte frühzeitig abgeschaltet. Eisner und Fellner bekamen in diesem Fall Unterstützung von ihrem übereifrigen Assistenten Manfred Schimpf (Thomas Stipsits), der seinen Undercover-Einsatz im Fitnessstudio mit einer ordentlichen Tracht Prügel bezahlte, und dem Ex-Kollegen Rainer Kovacs (Anton Noori), der aber von Anfang an anderes im Sinn hatte, als die Kommissare mit seinen Erkenntnissen zu erhellen. Tatsächlich ging es nämlich nur auf den ersten Blick um den Anabolika-Handel. Die Kraftprotze vom Balkan ergaunerten sich ihr üppiges Einkommen durch klassischen Sozialbetrug. Kranke Menschen aus Osteuropa bezahlten sie unter anderem für die Benutzung falscher Identitäten, um so in den Genuss guter medizinischer Versorgung zu kommen. Der vermeintliche Selbstmörder, das Opfer Nummer 1, schien hinter die Machenschaften der Balkan-Connection gekommen zu sein, Opfer Nummer 2, der Chef des Fitnessstudios dagegen, wurde aus Rache ermordet. Die Benutzung elektronischer Gesundheitskarten durch Unbefugte kann durchaus auch unangenehme Folgen haben, wenn unwissentlich Risiken und Nebenwirkungen beim eigentlichen Inhaber der Karte wegen falscher Eintragungen übersehen werden. Ein höchst interessantes Thema, das bislang noch nicht richtig in der Öffentlichkeit angekommen ist. Für einen Krimi aber waren das zu viele Themen auf einmal. Recht unterhaltsam hingegen war die Nebengeschichte: Bibi Fellner unterstellt ihrem neuen Freund Franz Heiss (Christoph Kail) eine Affäre, weil sie einfach nicht anders kann, als misstrauisch zu sein.

Verwirrend war der Tatort aus Wien, aber doch solide Unterhaltung. Viele Klischees, einige Längen und dazu die rein akustisch nicht immer gut zu verstehenden Dialoge riefen nicht direkt Begeisterungsstürme hervor, auch wenn es gegen Ende doch noch spannend wurde. Krassnitzer und Neuhauser aber sind ein unschlagbares Team, das mit seiner ganz eigenen Ausstrahlung und viel Wiener Charme den ersten Tatort der Saison dann doch noch zu einem sehenswerten Krimi machten. /sis

“Pumpen” für die Fitness war duchaus wörtlich gemeint: Manfred Schimpf (Thomas Stipsits) ermittelt undergover im Fitnessstudio und trifft auf den Mitarbeiter Markus Hangl (Laurence Rupp), der nicht nur die Betreuung der Mitglieder im Sinn hat. (Foto: ARD Degeto/ORF/Allegro Film/Hubert Mican)

Traum oder Albtraum?

Traum oder Albtraum?
Rezension Andreas Eschbach „Eine Billion Dollar“

Es ist schon eine sensationelle Geschichte, die Andreas Eschbach in seinem 2001 erschienen Roman „Eine Billion Dollar“ erzählt. Eine Geschichte, von der vermutlich sehr viele Menschen träumen. Für John Salvatore Fontanelli wird dieser Traum wahr. Er ist am 23. April 1995 der jüngste Nachfahre des Kaufmanns Giacomo Fontanelli und damit der Erbe eines vor genau 500 Jahren angelegten Vermögens. Und dieses Vermögen ist gigantisch, größer als ein Mensch es sich vorstellen kann: Eine Billion Dollar. Damit wird John Fontanelli auf einen Schlag zum reichsten Mann der Erde.

John erfährt von dieser Erbschaft in einer Zeit, in der er in seinem noch jungen Leben ganz unten angekommen ist. Nach einer unglücklichen Liebe findet er Unterschlupf bei seinem Freund Marvin, einem recht eigenwilligen Musiker. Er fährt Pizzen aus, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Darum kann er sein Glück kaum fassen, als er von der italienischen Anwaltsfamilie Vacchi, die das zu Beginn noch recht bescheidene Vermögen des Giacomo Fontanelli seit 1495 bewahrt und dafür gesorgt hat, dass es sich reichlich mehrt, in einem nobel New Yorker Hotel von der Erbschaft erfährt. Eduardo Vacchi, dessen Vater Gregorio und Onkel Alberto sowie Großvater Cristoforo Vacchi, der Padrone der Familie, führen John während der Testamentseröffnung kurz nach dem 23. April 1995 behutsam an die tatsächliche Höhe seines Erbes heran. Es dauert eine ganze Weile, bis John das Ausmaß begreift. Und auch mit der Prophezeiung, die sich an das Erbe knüpft, kann er lange nichts anfangen. Giacomo Fontanelli hat in seinem Testament festgeschrieben, dass der Erbe mit dem Geld der Menschheit die verlorene Zukunft zurückgegen soll. John reist mit den Vacchis nach Florenz und genießt erst einmal seinen Reichtum. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht die Prophezeiung. Ausgerechnet er, der arme Schlucker aus New York, der noch nie mit Geld umgehen konnte, soll der Menschheit ihre Zukunft zurückgeben? Und dann taucht Malcom McCaine in Johns Leben auf und behauptet, einen Plan für die Erfüllung der Prophezeiung zu haben.

Andreas Eschbach versteht es, den Leser mit seiner Hauptfigur mitleiden zu lassen. Über fast 900 Seiten lang fürchtet der Leser, dass der sympathische John Salvatore Fontanelli sein Vermögen wieder verlieren könnte. Und tatsächlich finden sich außer den Geheimnissen um McCaine weitere Neider, die ihm sein Vermögen abjagen wollen und jede Menge Ungereimtheiten, die Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Erbschaft aufkommen lassen. Die Geschichte bleibt spannend bis zum Schluss und entführt den Leser in die Welt der Reichen und Mächtigen. Sehr deutlich wird die umfassende Macht großer Konzerne, die mit ihrem Geld Staaten in die Knie zwingen und über das Wohl und Wehe ganzer Völker entscheiden können. Dazu liefert Eschbach in den Seitenzahlen Informationen über riesengroße Geldbeträge, wie etwa die Gesamtausgaben im Gesundheitswesen in Deutschland oder die Auslandsschulden Mexikos. Eigentlich interessante Informationen, die aber den Lesefluss unterbrechen und deshalb eher störend wirken. Dennoch sollte man „Eine Billion Dollar“ unbedingt lesen, es lohnt sich! /sis

Bibliographische Angaben
Andreas Eschbach: Eine Billion Dollar
Roman, Lübbe, 2001, 896 Seiten
ISBN 3-7857-2049-1

Politiker sind auch nur Menschen

Politiker sind auch nur Menschen
Rezension “Sagen, was Sache ist” von Wolfgang Kubicki

„Sagen, was Sache ist“, so lautet der Titel von Wolfgang Kubickis neuem Buch und er sagt, was seiner Meinung nach wirklich Sache ist. Der FDP-Politiker aus Schleswig-Holstein plädiert für mehr Mut zu Offenheit, Direktheit und Ehrlichkeit. Mut, den er sein Politiker-Leben lang gezeigt hat. Nicht von ungefähr nannte man ihn Intrigant, Schuft, Abzocker und Querulant, von der Öffentlichkeit und insbesondere der Presse gescholten, von der Partei gar zum Austritt gedrängt und mit Prozessen überzogen. Nie hat er sich unterkriegen lassen. Kubicki kam zurück wie Phönix aus der Asche. Er war 25 Jahre lang Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein, 23 Jahre davon als Vorsitzender seiner Fraktion.

„Mich kann nichts mehr schocken“, gesteht Kubicki und nach „15 Jahren Ralf Stegner“ könne ihn auch nichts mehr beleidigen. Das glaubt man ihm gern, weiß er doch seine Leser mit allerlei politischen Ränkespielchen innerhalb der Parteien zu unterhalten. Barschel, Engholm, Möllemann, Westerwelle – Kubicki hat viel erlebt in seinem Politikeralltag und auch privat hat er einiges zu berichten. Er spricht offen über seine drei Ehen, ist stolz auf seine Töchter, die heute beide wie er selbst Juristinnen sind, und er schildert seine Ängste, als man ihn 1990 mit dem Verdacht auf einen Hirntumor konfrontierte. Aus seinen Erfahrungen bringt er Weisheiten mit ein, die einen tiefen Einblick in seine persönliche Entwicklung geben, aber auch die Berg- und Talfahrten der FDP widerspiegeln.

Auch vor der Bundespolitik macht er nicht Halt, spricht beispielsweise über die Fehler, die in der Flüchtlingspolitik gemacht wurden, lässt sich über die Heuchelei der Kirchen aus, die die Verarmung der Menschen beklagen und zugleich ihrem Präses ein Auto mit Chauffeur stellen.  Auch die deutsche Doppelmoral mit Blick auf Russland kommt zur Sprache, genauso wie der inzwischen wieder weit verbreitete Wunsch der Politik, etwa durch “Nudging” in den Bereich der privaten Selbstbestimmung einzudringen. Auch der SPD gibt er einige klare Worte mit auf den Weg. So beklagt er die Abkehr der Sozialdemokraten von der Agenda 2010, die Deutschland zu einem Erfolgsmodell gemacht habe. Überhaupt sei Erfolg für die SPD inzwischen per se schlecht. Die Partei kümmere sich nur noch um die „durchs Rost Gefallenen“ ohne Bezug zu den Leistungsträgern unserer Gesellschaft. Und er beklagt die Konzertration der Politik auf Minderheiten, die die Interessen der Mehrheit vernachlässige. Schließlich könne niemand etwas dagegen sagen, wenn man sich für Belange einer Minderheit engagiere. Überhaupt sieht Kubicki kalkulierte Untätigkeit als politisches Geschäftsmodell. Das eröffne die Möglichkeit, Missstände öffentlichkeitswirksam anzuprangern und sich so ohne große Umschweife zu profilieren.

Im Gegensatz zu den Transparenzorganisationen fordert Kubicki die existenzielle Unabhängigkeit der Politiker durch eigene Berufstätigkeit, denn wer nur von der Politik lebe, sei auf den guten Willen seiner Parteifreunde angewiesen und damit nicht mehr frei in seinen Entscheidungen. Und um die Freiheit geht es dem sozialliberalen Politiker Wolfgang Kubicki, der die Menschen explizit dazu auffordert, ihre Meinung angstfrei in der Öffentlichkeit zu sagen. Man könne kein Gesamtbild einfangen und keine passenden Lösungen erarbeiten, wenn bestimmte Meinungen erst gar nicht geäußert würden. Überhaupt sei eine Gesellschaft, die nur noch zwischen „gut“ und „böse“ unterscheide, nicht mehr frei!

Auf rund 200 Seiten beschreibt Kubicki sein Leben von der Kindheit bis heute. Außer recht amüsanten Schilderungen seiner persönlichen Lebenserfahrungen lernt der Leser seinen aufreibenden Politikeralltag kennen, der so manches Ereignis der Vergangenheit in ein anderes Licht rückt. Der Autor versteht es, den Leser mitzunehmen in eine Welt, in der es hinter den Kulissen alles andere als zimperlich zugeht. /sis

Bibliographische Angaben

Wolfgang Kubicki: Sagen, was Sache ist
Ullstein Verlag 2019, 205 Seiten mit umfangreichen Bilderanhang
ISBN 978-3-8437-2106-8

Wieder in der Spur

Wieder in der Spur
Kritik zum Polizeiruf 110 „Der Tag wird kommen“
ARD/NDR Polizeiruf 110 “Der Tag wird kommen”: Sascha Bukows (Charly Hübner) Vater ist tot. Katrin König (Anneke Kim Sarnau) versucht ihn zu trösten. (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Haben die Flemmings etwas mit Nadjas Tod zu tun? (v.l n.r. Charly Hübner, Anneke Kim Sarnau, Teo Centoal, Helgi Schmid, Victoria Schulz) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Man hatte sich schon ernsthafte Sorgen gemacht, um LKA-Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und ihren Kollegen Alexander Bukow (Charly Hübner) von der Kripo Rostock. Schließlich nahmen sie ihren Auftrag, für Recht und Gesetz zu arbeiten, in den letzten Folgen des Polizeiruf 110 aus Rostock nicht mehr ganz so ernst, fälschten gar Beweise, um einen verdächtigen Sexualstraftäter hinter Gitter zu bringen. Und das, obwohl ihre Personalakte zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr so makellos war. Eigentlich hätte man beide längst vom Dienst suspendieren müssen. Doch jetzt wollen sie lieber wieder „in der Spur“ bleiben, wie Katrin König explizit in ihrem neuen Fall „Der Tag wird kommen“ betonte. Ursache für den Sinneswandel waren offensichtlich die endlosen Gewissensbisse, die König quälten, das schlechte Gewissen gipfelte in Schlaflosigkeit und Wahnvorstellungen, die sie aber nicht davon abhielten, nach dem wahren Schuldigen für den Mord an einer jungen Frau zu suchen. Bukow und Volker Thiesler (Josef Heynert) konzentrierten sich derweil auf zwei Schlägertypen, die kurz vor dem Mord an Nadja Flemming Katrin König zusammengeschlagen hatten und Kollege Anton Pöschel (Andreas Guenther) machte sich gleich ganz selbstständig und jagte hinter einem Drogendealer her, mit dem Bukows Vater Veith (Klaus Manchen) ein letztes großes Geschäft machen wollte. Vier Erzählstränge, die auf den ersten Blick nichts mit einander zu tun hatten, bis klar wurde, dass hinter den merkwürdigen Ereignissen ein perfider Racheplan von Guido Wachs (Peter Trabner) stand, jener Verdächtige, den Bukow und König mit manipulierten Beweisen ins Gefängnis gebracht hatten. Jetzt drehte Guido Wachs den Spieß um und versuchte mit Hilfe eines ehemaligen Zellengenossens nicht nur Katrin König in den Wahnsinn zu treiben, sondern er ließ auch Bukows Vater kaltblütig ermorden.

Florian Oeller schrieb die ungemein packende und geschickt zusammengefügte Story, Eoin Moore setzte sie spannend und mit viel Gefühl in Szene. Dafür standen ihnen ein hervorragendes Schauspieler-Ensemble zur Verfügung, allen voran Charly Hübner, derzeit wohl der beste deutsche Schauspieler überhaupt. Anneke Kim Sarnaus Mienenspiel hingegen war streckenweisen etwas zu dick aufgetragen, auch wenn beginnender Wahnsinn jeder Schauspielerin einiges an Emotionen abverlangt. Ohne Zweifel aber war dieser Polizeiruf aus Rostock einer der besten, die es je in dieser Reihe gegeben hat. Davon könnte sich so manch andere Krimireihe eine ganz dicke Scheibe abschneiden. /sis

Überragend gut: Charly Hübner in der Rolle des Alexander Bukow. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Am Ende bleibt ein großes Nichts

Am Ende bleibt ein großes Nichts
Kritik zum Tatort München „Lass den Mond am Himmel stehn“
ARD/BR Tatort “Lass den Mond am Himmel stehn”: Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) betrachten den Fundort von Emils Fahrrad im Wald, in der Nähe eines Parkplatzes. ( Foto: BR/Bavaria Fiction GmbH/Hendrik Heiden)

Das ist schon ein sehr bedrückender Fall, der im neuen Tatort aus München mit dem Titel “Lass den Mond am Himmel stehn” im Mittelpunkt steht. Ein Teenager erschlägt seinen angeblich besten Freund Emil Kovacic (Ben Lehmann), einfach nur, weil er ihn in einem Computerspiel zu besiegen droht, die Eltern entsorgen die Leiche in der Isar, das Fahrrad im Wald. Und sie schweigen, beharrlich und völlig emotionslos. Das können sie auch, denn weder sie noch ihr Sohn können für das Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. Basti Schellenberger (Tim Offerhaus) ist erst dreizehn und damit strafunmündig, die Vertuschung der Straftat für einen Angehörigen ist nach § 258 Abs. 6 Strafgesetztbuch ebenfalls straffrei. Das weiß Bastis Mutter als erfolgreiche Rechtsanwältin Antonia Schellenberg (Victoria Mayer) sehr genau und so lässt sie die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) ein ums andere Mal auflaufen. Auch Vater Martin Schellenberg (Hans Löw) schweigt, obwohl er sich damit scheinbar etwas schwerer tut. Einzig für Tochter Hannah Schellenberger (Lea Zoe Voss) ist die Kälte und Abgebrühtheit ihrer Familie unerträglich. Sie packt ihre Sachen und sucht das Weite.

Aber nicht so sehr die Ermittlungen stehen im Vordergrund dieser ungewöhnlichen Geschichte von Stefan Hafner und Thomas Weingartner, sondern das unendliche Leid von Emils Mutter Judith Kovacic (Laura Tonke) und ihrem Mann David, die nicht nur ihren Sohn verloren haben, sondern auch ertragen müssen, dass Emils Tod ungesühnt bleibt. Lange Zeit jagen Leitmayr, Batic und Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) falschen Spuren nach, bis ihnen die angeblich letzte Handynachricht des Opfers den Weg in Bastis Kinderzimmer weist. Selbst als die Spurensicherung das Blutbad der Tatnacht wieder sichtbar macht, sind Basti und seine Eltern zu keiner Regung fähig, scheinen auch überhaupt keine Schuldgefühle, geschweige denn Mitleid mit dem Opfer zu entwickeln.

Die Geschichte spielt sich in einer durchgängig düsteren Atmosphäre ab, die das Grauen fühlbar werden lässt. „Lass den Mond am Himmel stehn“ ist ein gelungenes Psychodrama, das einen jugendlichen Täter schützt, dafür aber die Eltern des Opfers in purer Verzweiflung und die Kommissare am Ende mit leeren Händen zurücklässt. /sis

Witzig auf Teufel komm raus!

Witzig auf Teufel komm raus!
Kritik zum Tatort Weimar „Der letzte Schrey“
ARD/MDR Tatort “Der letzt Schrey”: Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) berichtet Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner), wer die Polizei verständigt hat. (Foto: MDR/Steffen Junghans)
Frau Dr. Seelenbinder (Ute Wieckhorst) erklärt Kira Dorn (Nora Tschirner), Lessing (Christian Ulmen) und Kurt Stich (Thorsten Merten) ihre ersten Erkenntnisse nach Inspektion der Leiche. (Foto: MDR/Steffen Junghans)

Wer sich einen Tatort aus Weimar mit den Kommissaren Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) anschaut, weiß von vornherein, dass er eher eine locker-flockige Komödie zu sehen bekommt als einen spannenden Krimi. “Witzig auf Teufel komm raus” ist die Devise. Genauso war denn auch wieder der neueste Tatort aus Weimar mit dem Titel „Der letzte Schrey“ aus der Feder von Murmel Clausen unter der Regie von Mira Thiel. Wobei diesmal nicht unbedingt Lessing und Dorn die besten Witze von sich gaben, sie waren eigentlich nur Nebendarsteller und entspechend weniger komisch. Es sei denn, man findet Lessings Bad in der Jauchegrube besonders erquicklich. Die Hauptrollen spielten viel eher die beiden Entführer Freya (Sarah Viktoria Frick) und Zecke (Christoph Vantis), die mit dem IQ einer Ameise (wobei nicht die Ameise beleidigt werden soll) den Sohn von Marlies Schrey (Nina Petri) und Gerd Schrey (einfach großartiger Jörg Schüttauf) mit der Entführung seiner Eltern erpressen wollten. Erst erschlugen sie Marlies Schrey mit einem Fleischklopfer, kurz darauf musste auch Freya daran glauben. Zecke, plötzlich auf sich allein gestellt, überlebte seinen recht witzigen Drahtseilakt auf einer Hochspannungsleitung natürlich auch nicht. Übrig blieb der entführte Gerd Schrey, der sich mit gefesselten Füßen – eines Pinguins durchaus würdig – und der Million Lösegeld ungestört auf den Heimweg machen konnte. Opfer gerettet, Entführer tot, Fall gelöst. Jedenfalls fast. Denn Dorn und Lessing waren sich durchaus bewusst, dass Freya und Zecke die Entführung mit ihrer „geistigen Grundausstattung“ nie im Leben alleine hatten planen und durchführen können. Und sie wussten auch gleich, wo sie die Urheberin finden konnten: Da wo Gerd Schrey vor seinem Auftauchen bei der Polizei das Lösegeld versteckt hatte. Wieso Sohn Maik Schrey (Julius Nitschkoff), der einzige der in diesem ganzen Schlamassel von nichts eine Ahnung hatte, wissen konnte, wo sich sein Vater, das Lösegeld und die Anstifterin zur Entführung – zugleich Maiks Freundin – Doreen Grobe (Antonia Münchow) aufhielten, blieb eine der vielen offenen Fragen. Aber darum geht es beim Tatort Weimar in aller Regel auch nicht. Ungereimtheiten in der Story sind nicht so wichtig, es zählt nur Witz, mag er auch noch so gezwungen daherkommen. Wer es sich mit dieser Erwartungshaltung vor dem Fernseher bequem gemacht hatte, wurde nicht enttäuscht. /sis

Eindrucksvoll in Szene gesetzt

Eindrucksvoll in Szene gesetzt
Kritik zum Tatort Stuttgart „Du allein“
ARD/SWR Tatort “Du allein“: Letzter Einsatz von Carolina Vera als Staatsanwältin Emilia Álvarez im Polizeipräsidium mit Richy Müller als Hauptkommissar Thorsten Lannert und Felix Klare als Hauptkommissar Sebastian Bootz. (Foto: SWR/Johannes Krieg)
Thorsten Lannert (Richy Müller) und KTI-Spezialistin Andrea Botros (Isabel Schosnig) machen sich Gedanken über die Schussbahn. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Im Herbst 2016 starb ein damals 83-jähriger Rentner, nachdem er zuvor in einer Bankfiliale in Essen ohnmächtig zusammengebrochen war und ihm nicht geholfen wurde. Insgesamt vier Personen gingen an ihm vorüber, ohne sich um ihn zu kümmern. Sie hatten ihn für einen schlafenden Obdachlosen gehalten, sagten sie ein Jahr später vor Gericht aus. Sie wurden vom Amtsgericht Essen wegen unterlassener Hilfeleistung zu moderaten Geldstrafen verurteilt.

Dieser Fall scheint Drehbuchautor Wolfgang Stauch als Vorlage für seinen Tatort Stuttgart mit dem Titel „Du allein“ gedient zu haben. Genau das gleiche Geschehen beschreibt er als Motiv für einen Rachefeldzug. Für die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) sowie Staatsanwältin Emilia Alvarez (Caroline Vera) sieht es lange Zeit so aus, als erschieße eine Irre völlig wahllos Menschen in Stuttgart. Erst nach einer scheinbar absichtlich misslungenen Geldübergabe erkennen Lannert und Bootz den Zusammenhang zwischen den bis zu diesem Zeitpunkt zwei Toten. Sie waren – zusammen mit zwei weiteren Personen – an einem Abend in der Bank, in der ein Schreinermeister mit Herzinfarkt zusammengebrochen war. Alle vier gingen an ihm vorüber, hielten ihn für einen Penner. Anders als in der wahren Geschichte aber werden die vier weder angeklagt noch verurteilt. Grund genug für die Geliebte des Toten, Tamara Stuber (großartige Katja Bürkle), sich grausam zu rächen. Drei der vier verlieren ihr Leben, ehe es Lannert und Bootz gelingt, die Täterin zu stoppen. Nur Tabakwarenhändler Peter Jensch (Karl Markovics) überlebt. Er ist der einzige der vier Beschuldigten, der unter der unterlassenen Hilfeleistung ernsthaft gelitten hat, sein Leben seither für „nicht mehr angenehm“ hält und sich aus Angst – vielleicht vor berechtigter Strafe – nicht mehr aus dem Haus traut. Er kümmerte sich nicht um den am Boden liegenden Schreiner, weil er noch schnell in den Supermarkt wollte, um Butter fürs Frühstück einzukaufen. Ein Stück Butter für ein Menschenleben!

Der Erpresser hat Sebastian Bootz (Felix Klare) in eine S-Bahn gelenkt, aus deren Fenster er zu einem bestimmten Zeitpunkt die Geldpakete werfen soll. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Die von Regisseurin Friederike Jehn eindrucksvoll in Szene gesetzte Geschichte überzeugt nicht zuletzt, weil einmal die aufwendigen Ermittlungsarbeiten im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Lannert und Bootz werden von einem Heer von Spezialisten unterstützt, darunter die Leiterin des Kriminaltechnischen Instituts (KTI) des Landeskriminalamtes Andrea Botros (Isabel Schosnig), die mit besonderen Fähigkeiten glänzte. Sie konnte aber Mimi Fiedler als Kriminaltechnikerin Nika Banovicgs auch nicht wirklich ersetzten, Mimi Fiedler hat den Stuttgarter Tatort 2018 verlassen. Wenig verständlich dagegen waren die eingestreuten Rückblenden, die nicht so recht in den Verlauf der Geschichte passen wollten und deshalb erst kurz vor der Auflösung des Falles als Rückblicke auf das Geschehen vor drei Jahren zu erkennen waren. Angenehm fallbezogen präsentierten sich die beiden Kommissare, fast gänzlich ohne die im Tatort inzwischen leider üblichen privaten Scharmützel. Warum allerdings die Täterin ihren Rachefeldzug erst nach drei Jahren angetreten hat und woher ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten im Umgang mit Schusswaffen stammten, wurde nicht erläutert.

Der 25. Stuttgarter Tatort ist der letzte mit der beim Publikum sehr beliebten Staatsanwältin Emilia Alvarez. Darstellerin Carolina Vera steigt aus. Schade, dass man sie so gar nicht verabschiedet hat. /sis

Thorsten (Richy Müller) und Sebastian (Felix Klare) fürchten, dass all ihre Routinen ihnen in einem Heckenschützen-Fall nichts nutzen. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Klare Sprache für eine klare Position

Klare Sprache für eine klare Position
Rezension Peter Hahne: Seid ihr noch ganz bei Trost! Schluss mit Sprachpolizei und Bürokraten-Terror

„Seid ihr noch ganz bei Trost“ fragt Journalist und Autor Peter Hahne in seinem neuesten Büchlein und zielt dabei auf all die kleinen und großen Ärgernisse ab, die uns Politiker und andere Institutionen beinahe täglich bescheren. Der Frage kann man sich nur anschließen! Sind unsere Politiker denn wirklich noch ganz bei Trost, wenn sie die schleichende Islamisierung verdrängen und verharmlosen? Erkennen sie nicht, was sie anrichten, wenn etwa Weihnachtsmärkte plötzlich zu Wintermärkten, St. Martin zum Lichterfest oder auch Schweinefleisch von den Speiseplänen gestrichen werden? „Bunt“ wird hier mit „bekloppt“ verwechselt, meint Peter Hahne und ermahnt seine Journalistenkollegen wachsam und kritisch zu sein, statt die Augen zu verschließen etwa vor Erdogans Einfluss auf die hier lebenden Muslime. Sie sollten nicht verharmlosen, sondern anprangern, was gegen die Freiheit unseres Grundgesetzes steht.

Nicht nur der Islamisierung widmet sich der Autor, sondern auch der Tatsache, dass in unserem Land nur noch die Mainstream-Meinung gelte. Die Intoleranz der angeblich Toleranten mache nicht einmal vor der Wissenschaft halt. Und er fragt sich, wie es soweit kommen konnte, dass bestimmte Meinungen zu Gender, Islam, Globalisierung und Umweltpolitik einfach ausgegrenzt würden. Keiner wolle mehr mit Streitfragen oder gar irritierenden Ideen belastet werden. Hahne aber findet, eine echte Persönlichkeit brauche den Meinungsstreit nicht zu fürchten. Er verweist auf Harald Schmidt, dessen Satire heute gar nicht mehr möglich wäre: „Die Sprachpolizei“ hätte ihn längst geköpft. Die Deutschen wollten Exportweltmeister der Hochmoral werden. Dabei hätten die Bürger längst das Vertrauen zum Beispiel auch in die Justiz verloren. Richter, Staatsanwälte und Beamte in den Ausländerämtern hätten inzwischen mehr Angst vor Araber-Clans als vor dem jüngsten Gericht. Dabei ist ihm als bekennender Christ insbesondere auch die zunehmende Christenverfolgung rund um den Globus ein Dorn im Auge.

Auch die Überheblichkeit der Gesellschaft prangert Hahne an. Ehrliche Handwerks- und Lehrberufe zählten nicht mehr. Metzger und Bäcker stürben aus und wir wunderten uns über Industrielebensmittel auf unseren Tellern, die den Namen Lebensmittel gar nicht verdienten. Ebenso fragwürdig sind für den Autor Politiker, die in die Wirtschaft gehen, dort horrende Gehälter, Abfindungen und Pensionen kassierten und Abgeordnete, die ihre Diäten erhöhten, während der kleine Sparer sein Geld durch die Null-Zins-Politik verliere. Er moniert den Frust der Eliten, die das Land verließen, weil politische Fehlentscheidungen und die Ansprüche der Integrationspolitik sie überforderten. Deutschland, meint Hahne, habe einst auf Maß und Mitte gesetzt, heute sei es nicht einmal mehr Mittelmaß.

Überheblich findet der Autor auch die neue Umweltbewegung. Er spricht gar von einer „Infantilisierung der Politik“. Und er wehrt sich entschieden gegen die Beschimpfung seiner Generation als Umweltsünder von technisch hochgerüsteten und mit Flugreisen verwöhnten Kindern. Keine andere Generation habe je so nachhaltig gelebt wie die in den 1950er Jahren geborene: Kleider wurden geflickt, den Weg zur Schule ging man zu Fuß, gespielt wurde auf der Straße, gegessen wurde was die Natur gerade hergab und Urlaubsreisen gab es höchstens mit dem Fahrrad. Recht hat er! Besser wäre es, die jugendlichen Umweltaktivisten würden die Freitage für ein doppeltes Lernpensum verwenden, um durch Bildung die Probleme der Zukunft zu lösen, so sein durchaus bedenkenswerter Vorschlag.

Besonders hart geht Hahne mit der irrsinnigen “Sprachpolizei” ins Gericht, für die letztlich die Steuerzahlen aufkommen müssten. Ihr Genderwahn mache vor Pipi Langstrumpf genauso wenig halt wie vor der Bibel, die selbsternannten Missionare der politischen Korrektheit gäben absurde sprachliche Empfehlungen und beschäftigten nicht selten gar die Gerichte mit ihrem Unfug. All das hätte uns die angeblich wissenschaftliche Genderforschung eingebracht. Dabei wollten 73 Prozent der Deutschen diese Sprachanpassungen gar nicht. Das Ziel von Sprache sei es, zu verstehen. Ohne klare Sprache könne man keine klare Position beziehen. Selbst die Medien verschanzten sich hinter Fachchinesisch und Expertensprech.

Peter Hahne tut das nicht. Er sagt klar war Sache ist und mahnt zu Respekt, Anstand und Haltung, an denen es nicht nur den Politikern in unserem Land mangele. Nach der Lektüre bleibt in der Tat nur eine Frage übrig: “Sind die denn alle noch ganz bei Trost“? /sis

Bibliographische Angaben:
Peter Hahne: Seid ihr noch ganz bei Trost! Schluss mit Sprachpolizei und Bürokraten-Terror
Quadriga Verlag 2020, 128 Seiten
ISBN 978-3-86995-096-9

Eine wahre Freude für echte Krimifans

Eine wahre Freude für echte Krimifans
Kritik zum Tatort Köln „Gefangen“
ARD/WDR Tatort “Gefangen”: Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, rechts) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) an der Wurstbraterei, neben der Hohenzollernbrücke mit dem Kölner Dom im Hintergrund. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Max Ballauf ist im Dienst, aber nicht richtig da. Er wendet sich ab, während Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch) und Freddy Schenk die Leiche von Professor Krüger (Thomas Fehlen) untersuchen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Mit einem überraschenden Ende wusste der neue Tatort aus Köln mit dem Titel „Gefangen“ zu überzeugen. Schien der Fall am Anfang recht durchschaubar, verstand es Drehbuchautor Christoph Wortberg die Zuschauer geschickt in die Irre zu führen und die wahre Täterin erst durch eine Eingebung von Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) zu überführen. Weniger gelungen war dagegen die Darstellung von Ballaufs Trauma. Ballauf hatte im Fall „Kaputt“ im Einsatz die Kollegin Melanie Sommer (Anna Brüggemann) erschossen. Nun plagen ihn Albträume und Schuldgefühle. Im neuen Fall „Gefangen“ taucht die tote Melanie immer wieder vor Ballaufs Augen auf und beeinträchtigt seine Arbeit und sein Verhältnis zu seinen Kollegen. Freddy Schenks (Dietmar Bär), Norbert Jüttes (Roland Riebeling) und Psychotherapeutin Lydia Rosenbergs (Juliane Köhler) Bemühungen, Ballauf zu helfen, weist der schroff zurück. Im Laufe des Geschehens aber treten die Erscheinungen der toten Melanie immer mehr in den Hintergrund, Ballauf konzentriert sich auf den Fall und die darin verwickelte Julia Frey (Frida-Lovisa Hamann). Julia sitzt in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik, zu Unrecht, wie Ballauf herausfindet. Während Freddy Schenk den wahren Täter in Rechtsanwalt Florian Weiss (Andreas Döhler), Julias Schwager, gefunden haben will, erkennt Ballauf Julias geschickte Manipulation. Damit war dann aber nicht nur der Fall gelöst, sondern auch gleich Ballaufs Trauma – wenig glaubwürdig zwar, aber dennoch fesselnd erzählt.

Überzeugen konnte nicht nur die geschickt konstruierte Geschichte, eine wahre Freude für echte Krimifans, sondern auch die durchaus denkbare Konstellation, als Gesunder in der Psychiatrie gefangen zu sein, weil ein Arzt oder irgendjemand sonst das aus irgendeinem Grund so will. Dieser Tatort wusste nicht nur gut zu unterhalten, sondern schickte seine Zuschauer auch mit dem unguten Gefühl in die Nacht, dass womöglich viele Opfer solch perfider Intrigen ihre Leben in geschlossenen psychiatrischen Abteilungen verbringen. /sis

Bei Übungen im Schießstand erleidet Max Ballauf einen Zusammenbruch. Sein Trauma lässt ihn nicht los, Freddy Schenk will ihm helfen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Starker Tatort vor perfekter Kulisse

Starker Tatort vor perfekter Kulisse
Kritik zum Tatort „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“
ARD/NDR Tatort “Borowski und der Fluch der weißen Möwe”: Die Ermittlungen sind nervenaufreibend: Mila Sahin (Almila Bagriacik), Klaus Borowski (Axel Milberg, rechts) und Roland Schladitz (Thomas Kügel) (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Borowski und Mila Sahin versuchen, Nasrin (Soma Pysall) zu beruhigen (Foto: NDR/Christine Schroeder)

„Der Fluch der weißen Möwe“ heißt der neue Tatort aus Kiel mit Klaus Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik). Die weiße Möwe symbolisiert eigentlich die Sehnsucht nach Freiheit und Unendlichkeit. Die junge Frau namens Jule, die gleich zu Beginn des Tatorts vor den Augen ihrer ehemaligen Freundin Nasrin Erkmen (Soma Pysall) und den beiden Polizeischülern Tobias Engel (Enno Trebs) und Leroy Schüttler (Stefan Hergli) von einem Hochhausdach springt, sehnt sich aber vermutlich mehr nach Vergessen. Sie war vor Jahren Opfer einer Vergewaltigung geworden, ein traumatisches Erlebnis, dessen Erinnerung sie nicht länger ertragen kann. Ausgerechnet ihre Freundin Nasrin hatte sie damals den beiden Tätern zugespielt. Nasrin ist inzwischen Polizeimusterschülerin, die zusammen mit ihrem Freund Tobias, Leroy und Sandro (Louis Held) das Leben genießt. Bis zu diesem Zeitpunkt. Denn während einer Übung an der Polizeischule, die Borowski und Mila Sahin leiten, sticht Nasrin wie von Sinnen auf Sandro ein, niemand kann sie stoppen, Sandro stirbt.

Bis dahin eine spannende Geschichte mit dramatischen Szenen. Dann nimmt die Story aber einen eher unrealistischen Verlauf: Statt Nasrin in die Psychiatrie zu stecken und Borowski und Sahin als unmittelbare Zeugen des Geschehens von den Ermittlungen auszuschließen, schickt das erfahrene Autorenduo Eva und Volker Zahn Nasrin ins Gefängnis und lässt die beiden Kieler Kommissare die Hintergründe der Tat beleuchten. Dabei pflastern noch mehr Leichen ihren Weg. Nasrins Freund Tobias, der ebenfalls keinen psychologischen Beistand bekommt und völlig ungehindert seine Dienstwaffe mit nach Hause nehmen kann, übt blutige Rache an den beiden mutmaßlichen Vergewaltigern, Mitschüler Leroy hilft beim Vertuschen, das alles vor der fantastischen Kulisse Kiels, von dem in diesem Tatort endlich einmal etwas mehr zu sehen war. Überhaupt hat Regisseur Hüseyin Tabak seinen ersten Tatort grandios in Szene gesetzt, die Spannung von der ersten bis zur letzten Minute gehalten, trotz der Ausflüge ins Unrealistische. Für sein Debüt stand ihm ein großartiges Schauspielerensemble zur Verfügung, neben Axel Milberg und Almila Bagriacik ganz besonders auch Soma Pysall. Davon würde man sehr gerne sehr viel mehr sehen! /sis

Haben Borowski (Axel Milberg) und Sahin (Almila Bagriacik) versagt? Wie konnte es zu dem Vorfall kommen? (Foto: NDR/Gordon Timpen)

Wie viel mehr “weniger” sein kann!

Wie viel mehr “weniger” sein kann!
Rezension Anne Weiss „Mein Leben in drei Kisten“

Endlich ausmisten, alles los werden, was nicht mehr gebraucht wird und nur Platz beansprucht! Wie oft nimmt man sich das vor, schafft aber angesichts der Krempelberge einfach den ersten Schritt nicht. Die Autorin Anne Weiss hat es geschafft, sie hat nicht nur den ersten Schritt gemacht und sich von allem getrennt, was sie nicht wirklich mehr braucht, sondern sie hat nach der Wohnung auch ihr Leben ausgemistet und sich so viel mehr Freiräume geschaffen, nicht nur in ihrem Umfeld. Anne Weiss wirft in ihrem Buch nicht nur einen Blick auf die Unordnung in unseren Schränken, sondern auch in unseren Köpfen, sie schaut auf unsere Konsumdenkweise, unser Reiseverhalten und das berufliche Hamsterrad, das uns zielsicher an den Abgrund eines Burn-outs katapultiert. Sie legt den Finger in all unsere Alltagswunden, bleibt dabei aber nicht stehen, sondern zeigt Alternativen auf, Wege, die sie gegangen ist, die auch jeder andere gehen kann. Und sie schafft es mit ihrer begeisternden Art von sich zu berichten, genug Motivation zu entfesseln. Am liebsten möchte man das Buch aus der Hand legen und selbst gleich mit dem Ausmisten beginnen, wollte man nicht vorher wissen, wie sich das lebensentscheidende Jahr, von dem Anne Weiss in ihrem Buch erzählt, weiterentwickelt, wie es endet. Anne Weiss verzichtet nicht nur auf jeden Krempel in ihren Leben, sie verzichtet auch auf einen gutdotierten Job, nachdem ihr bewusst geworden ist, was sie wirklich glücklich macht: ein freies, selbstbestimmtes Leben.

Nun mag es nicht jedem gelingen, sein Leben in nur drei Kisten zu packen. Doch selbst wenn der Erfolg nicht so durchschlagend ist, kann man nach der Lektüre des Buches sehr deutlich erkennen, wie viel mehr „weniger“ sein kann. Es ist der Wechsel der Perspektive, mit dem man auf all den Tand und Tinnef schaut, den man im Laufe seines Lebens angehäuft hat. Braucht man das alles wirklich? Macht der bloße Besitz glücklich? Die Autorin gibt auf diese und viele andere Fragen brauchbare Antworten und dazu viele nützliche Tipps und Informationen, wie man mit dem Ausmisten anfängt und vor allen Dingen auch wie man all den Krempel nachhaltig wieder los wird! /sis

Bibliographische Angaben:
Anne Weiss „Mein Leben in drei Kisten. Wie ich Krempel rauswarf und das Glück reinließ“
Knaur Verlag 2019, 288 Seiten
ISBN 978-3-426-79060-1

Göttliche Märchenstunde aus Frankfurt Oder

Göttliche Märchenstunde aus Frankfurt Oder
Kritik zum Polizeiruf 110 „Heilig sollt ihr sein“
ARD/rbb Polizeiruf 110 “Heilig sollt ihr sein”: Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon), Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) und ihr Kollege Wiktor Krol (Klaudiusz Kaufmann) haben die schwierige Aufgabe, eine Geiselnahme im Gefängnis zu deeskalieren. (Foto: rbb/Arnim Thomaß)
Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon, re) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, li) dursuchen das Zimmer des flüchtigen Täters. (Foto: rbb/Arnim Thomaß)

“Was war das?”, fragte sich der Zuschauer nach dem Polizeiruf 110 mit dem Titel „Heilig sollt ihr sein“ aus Frankfurt (Oder). Ein Scherz? Satire? Ernst können es die Macher, Drehbuchautor Hendrik Hölzemann und Regisseur Rainer Kaufmann, jedenfalls nicht gemeint haben, dazu war die Story viel zu wirr mit unendlich vielen offenen Fragen am Ende. Hinzu kam eine gehörige Portion Ungereimtheiten, eine völlig verunglückte Reanimation zum Beispiel, ein angeblich Frühgeborenes, das mindestens schon ein oder mehr Monate alt war und neben Kommissar Zufall spielten auch private Verquickungen wieder einmal eine erhebliche Rolle.  Hauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) war mehr mit seiner an Krebs erkrankten Mutter beschäftigt als mit dem aktuellen Fall. Seine Partnerin Olga Lenski (Maria Simon) wies ebenfalls kaum kriminalische Leidenschaft auf, hatte aber auch nicht wirklich großartige Ermittlungsarbeit zu erbringen. Von Anfang an war klar, wer als “Heiliger Elias” alias Jonas Fleischauer (Tom Gronau) durch die Gegend spazierte und seine guten Taten vollbrachte, ob sie nun erwünscht waren oder nicht. Da kamen auch die Bemühungen eines im Auftrag der Mutter Magda Fleischauer (Anna Grycewicz), einer fanatischen Katholikin, tätige Exorzisten nicht gegen an. Und zu guter Letzt war noch eine „unbefleckte Empfängnis“ im Spiel. Unerträglich für gläubige Christen. Eine Erklärung dafür gab es nicht. Jonas konnte seinen Verfolgern immer wieder entkommen und versuchte sich sogar an der Auferweckung einer Toten, fiel am Ende aber einer völlig durchgeknallten Drogensüchtigen zum Opfer, deren Bekehrung ihm partout nicht gelingen wollte. Das alles in einer bunten deutsch-polnischen Sprachmischung mit unzähligen Untertiteln. Der des Polnischen nicht mächtige Zuschauer war so aber wenigstens mit Lesen beschäftigt und konnte der völlig abwegigen Geschichte nicht ganz so konzentriert folgen. Absicht?

Maria Simon wird den Polizeiruf noch in diesem Jahr verlassen. Das kann man ihr, nach derart schlechten Vorlagen, nicht wirklich verübeln. Vielleicht aber gibt ein Wechsel gerade diesem Polizeiruf neuen Schwung, mit neuen Gesichtern und dann hoffenlich auch wieder guten, spannenden Geschichten. Ein Spielort in Grenznähe muss doch mehr zu bieten haben! /sis

Sammy Fauler (Kyra Sophia Kahre) versucht, mit Jonas Fleischauer (Tom Gronau, re) als Geisel aus dem Gefängnis zu entkommen. (Foto: rbb/Arnim Thomaß)

Wieder ein Tatort mit erhobenem Zeigefinger

Wieder ein Tatort mit erhobenem Zeigefinger
Kritik zum Tatort Göttingen „National feminin
ARD/NDR Tatort “National feminin”: Anais Schmitz (Florence Kasumba) und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) verhören drei Studenten, die der “Jungen Bewegung” angehören. (Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus)
Vor dem Polizeipräsidium machen Mitglieder der “Jungen Bewegung” Stimmung gegen die Polizei. (Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus)

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben bekanntermaßen einen Bildungsauftrag. Warum der sich aber nur im Vorführen der rechtsradikalen Szene erschöpfen muss, bleibt das Geheimnis der Tatort-Macher. Der Tatort aus Göttingen mit dem Titel “National feminin” indes hatte neben der rechtsradikalen Gruppe mit dem Namen “Junge Bewegung”, die aus drei durchweg intelligenten, jungen Menschen bestand, auch die radikalen Feministinnen im Blick, eine eher ungewöhnliche Mischung. In diesem Umfeld musste das so ungleiche Kommissarinnen-Duo Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba) nach dem Mörder von Marie Jäger (Emilia Schüle), einer erfolgreichen Bloggerin, fahnden. Allzu schwierig war das nicht, halten die Jugendlichen heute doch jeden ihrer Atemzüge im Video fest, das dann seinen Weg ins Netz oder eben auch nur auf ein privates Speichermedium findet. Schmitz und Lindholm mussten also nur auf die Entschlüsselung der natürlich streng geheimen Passwörter warten und schon konnten sie den Tathergang lückenlos rekonstruieren. Entsprechend kurz und heftig waren die Vernehmungen der „Jungen Bewegung“, in denen es mehr um typisch braunes Geschwätz und “Ausländer-raus”-Parolen als um Maries Tod ging. Mord und Polizeiarbeiten wurden – wie nicht anders zu erwarten – dafür heftig kritisiert und an den öffentlichen Pranger gestellt. Eine Lehrstunde, wie Radikale ihre Bühne bauen und nutzen. Dazu gab es zwei völlig bedeutungslose Nebengeschichten: Ein junger Mann, der seinen Vater hasst, wegen einer Farbbeutelattacke ins Visier der Polizei gerät und dafür mit dem Leben bezahlt und Charlotte, die ungeniert mit Anais Ehemann Nick (Daniel Donskoy) flirtet. Spannung gab es keine. Dass der Hintergrund des Geschehens eher im komplizierten Beziehungsgeflecht des Opfers als in einer politisch motivierten Tat zu suchen war, war nur allzu leicht durchschaubar. Obwohl dem wahren Täter von Anfang bis zur Auflösung nicht das geringste anzumerken war, was wiederum schlicht unglaubwürdig wirkte.

Wer sich gerne belehren lässt und vielleicht auch ein bisschen Nachhilfe in Sachen Rechtsradikalismus und Feminismus benötigte, war mit diesem Tatort aus der Feder von Daniela Baumgärtl und Florian Oeller sicher gut bedient. Für Krimifreunde bedeutete „National feminin“ doch eher gepflegte Langeweile, allenfalls unterbrochen von der Empörung über Charlotte Lindholms – augenscheinlich – plumpen Versuch, sich an den Ehemann ihrer Partnerin Anais Schmitz heranzumachen. Ein absolutes “No-go”, wie es neudeutsch so kurz und treffend heißt! /sis

Ciaballa (Jonas Minthe), Anais (Florence Kasumba) und Charlotte (Maria Furtwängler) entdecken einen verdächtigen Fahrradfahrer. (Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus)

Vorsicht vor rührseliger Empfindsamkeit

Vorsicht vor rührseliger Empfindsamkeit
Rezension Alexander Grau, Politischer Kitsch – eine deutsche Spezialität

Der deutsche Philosoph, Publizist und Autor Alexander Grau führt seinen interessierten Lesern mit seinem Essay „Politischer Kitsch – eine deutsche Spezialität“ vor Augen, wie mit zur Schau getragene Empfindsamkeit Politik gemacht wird, wie sich diese Art, autoritäre Politik zu legitimieren, im Laufe der Geschichte entwickelt hat und wie wichtig es ist, diese manipulative Kommunikation zu verstehen. Dabei ist politischer Kitsch ganz einfach zu entlarven, wenn Politiker mit purer Berechnung an die Rührseligkeit der Zuhörer appellieren, dann hat das nichts mit der Realität zu tun. Die schwere Jugend, Armut, Ungerechtigkeit – ist gibt viele Themenfelder, die sich dafür eigenen. Auch die Medien machen eifrig mit, sie führen verzweifelte Menschenmassen vor und ersticken damit jede Diskussion im Keim. Wer will sich schon gegen Empfindsamkeiten stellen, wenn Mahnwachen und Lichterketten Solidarität verlangen. Diese Art politischer Kitsch wird, so der Autor, zum tragenden Element der Gesellschaft, kühle Vernunft dagegen als Zynismus abgetan. Es sei zwar nicht verboten, große Gefühle zu seinen Gunsten zu nutzen, es könne indes in der Politik verheerende Folgen haben, wenn der moderne Mensch die manipulative Form der Kommunikation nicht durchschaut. „Wenn das Herz spricht, ziemt es sich nicht, dass der Verstand etwas dagegen einwendet“, zitiert Alexander Grau den tschechisch-französischen Schriftsteller Milan Kundera. Und tatsächlich hat man den Eindruck, dass zur Schau getragene Empfindsamkeit den Verstand der Massen benebelt.

Seinen Ursprung hat politischer Kitsch nach Alexander Grau im Christentum, in dem die reale Welt ins Transzendentale abdriftete, ins Übernatürliche, Metaphysische also. Kitschiges Denken entstand dort, wo die Realität idealisiert wurde. Im 19. Jahrhundert setzte sich Kitsch schließlich als Mittel der politischen Kommunikation auch in Deutschland durch. Säkulare Institutionen überzeichneten profane Botschaften und suggerierten so Überweltlichkeit. Im 20. Jahrhundert wurde das kitschige Denken gar Programm. Emotionen spielten die entscheidende Rolle, das subjektive Empfinden wurde zum Maßstab, der Wohlfahrtsstaat fand seine Daseinsberechtigung in der Befriedigung der subjektiven Bedürfnisse statt der Beseitigung von Mangel. Alle Menschen sind gut, die Welt ist schön. Wer das anders sieht, begeht Verrat an der guten Sache und an der Menschlichkeit. Die Welt hat sanft und gut zu sein und das wird mit aller Brutalität durchgesetzt. Gerade der Deutsche ist verliebt in Ideen, nicht in die Wirklichkeit. Er will die Welt retten, den Frieden, das Klima.

In seinem kurzen Essay gelingt es Alexander Grau die Entstehung und Bedeutung von politischem Kitsch anschaulich und nachvollziehbar herauszuarbeiten und vor ihren Gefahren nachdrücklich zu warnen. Diese kitschigen Leidenschaften seien es, die die Menschen unbedacht, rücksichtslos und selbstgerechten machten. /sis

Bibliographische Angaben:
Alexander Grau: Politischer Kitsch – eine Spezialität
Essay, Claudias Verlag, München 2019, 59 Seiten
ISBN 978-3-532-60042-9

Kurze Story, langatmige Nebenhandlungen

Kurze Story, langatmige Nebenhandlungen
Kritik zum Tatort Frankfurt „Die Guten und die Bösen“
ARD/HR Tatort “Die Guten und die Bösen”: Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich) vernehmen Ansgar Matzerath (Peter Lohmeyer, sitzend), der den Peiniger seiner Frau brutal ermordet hat. (Foto: HR/Degeto)

Ein Tatort mit der vor fast genau einem Jahr – am 21. April 2019 – leider viel zu früh verstorbenen Hannelore Elsner, das ließ aufhorchen und weckte große Erwartungen. Leider entpuppte sich der neue Tatort aus Frankfurt mit dem Titel „Die Guten und die Bösen“ aber als moralisch-philosophische Diskussionsrunde über Gut und Böse mit einer ganzen Reihe langatmiger und völlig unnötiger Nebenhandlungen. Die Geschichte selbst hätte gut und gerne in eine kurze Vorabendserie gepasst. Drehbuchautor David Ungureit ließ seine Figuren über die Werte diskutieren, die ein Polizist gemeinhin zu vertreten hat, stürzte die Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) nach einer durchzechten Nacht und mit einem gewaltigen Kater in eine Identitätskrise, nicht etwa wegen des aktuellen Falls, sondern in Zusammenhang mit einem Coaching, dessen Sinn auch nicht so recht nachvollziehbar war. Aber darum ging es auch nicht in diesem Tatort, nicht um eine spannende Geschichte, nicht um Logik und Nachvollziehbarkeit, sondern ausschließlich darum, ob ein Täter auch ein Opfer sein kann und Mitleid statt Strafe verdient.

Ansgar Matzerath (Peter Lohmeyer) hatte den vermeintlichen Peiniger seiner Frau brutal umgebracht und sich gleich selbst gestellt. Er wollte Strafe, die ihm Janneke und Brix aber einfach nicht ohne weiteres zugestehen wollten, frei nach der Devise: ein Polizist ist immer ein Guter, ein Mörder hingegen ein Böser. Als Kollege konnte Matzerath mithin nicht der Böse sein. Und so suchten die Kommissare nach Erklärungen für sein grausames Tun, nach mildernden Umständen für eine geringere Strafe, allerdings nur im Zwiegespräch, nicht etwa durch polizeiliche Ermittlungen, wie man das in einem Krimi hätte erwarten dürfen. Das war es auch schon. Die dialoglastige Geschichte spielte in einem offenbar völlig heruntergekommenen Gebäude, das unverständlicherweise noch immer als Polizeipräsidium diente, zum größten Teil aber schon leer stand. Im Keller studierte die pensionierte Kommissarin Elsa Bronski (Hannelore Elsner) alte, ungelöste Fälle, auf dem Dach hielt Olivia Dor (Dennenesch Zoudé) ihr Seminar ab, auf einer Etage hatten sich die Kommissare auf dem Flur eingerichtet, auf dem Anna Janneke – warum auch immer – gerade ihre Fotos ausstellte. Zwischen den Stockwerken jagte Bronskis Schäferhund hinter einem roten Ball her und nebenbei erklärten die Kommissare, Assistenten und der Staatsanwalt vor der Kamera im Rahmen des Coaching-Seminars, welche Bedeutung der Polizeiberuf für sie ganz persönlich hat, welche Werte sie vertreten. In diesem Zusammenhang erfuhren die Zuschauer dann auch gleich noch, wie viele frische Hemden Kommissar Brix vorsichtshalber im Auto mit sich führt. Nichts von alledem hatte mit dem Fall zu tun – und nichts war auch wirklich wichtig oder gar spannend. Für ein bisschen Action sorgten lediglich die Handwerker, die mit allerlei Material eifrig durch die Gänge huschten, ohne indes tatsächlich etwas zu reparieren oder renovieren.

Einzig Elsa Bronski ließ so etwas wie kriminalistisches Gespür durchblicken, übernahm Verantwortung für ihr Tun, besonders aber für das Unterlassen. Hätte sie damals den Vergewaltiger von Ansgar Matzeraths Frau dingfest machen können, hätte Ansgar nicht morden und seine Frau sich nicht umbringen müssen. Ursache und Wirkung, der wahre Sinn und Zweck von Polizeiarbeit – großartig dargestellt von einer der besten Schauspielerinnen, die Deutschland je hatte. Man hätte ihr gerne einen würdigeren Abschiedsfilm gewünscht! /sis

Hannelore Elsner als Elsa Bronski mit Anna Janneke (Margarita Broich). (Foto: HR/Degeto)
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