Düstere Aussichten für die Menschheit

Düstere Aussichten für die Menschheit
Rezension Dirk Müller: „Machtbeben – Die Welt vor der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten. Hintergründe, Risiken, Chancen“

Es ist schon eine düstere Vision, die der Finanz- und Wirtschaftsexperte Dirk Müller in seinem Buch „Machtbeben“ für die Zukunft der Welt zeichnet. Automatisierung und Digitalisierung werden fast 60 Prozent der Arbeitsplätze vernichten und gewiss nicht so viele neue schaffen. Doch sieht er auch eine Chance in der rasanten technischen Entwicklung, Unternehmer müssen ihre Betriebe nicht mehr in Länder verlegen, in denen es billige Arbeitsplätze gibt. Im Gegenteil, künftig wird echtes Fachwissen gefordert sein und die Produktion genau dort stattfinden, wo die Produkte verkauft werden, vor Ort nämlich. Denn nicht mehr der Lohn, sondern Transportkosten und Liefergeschwindigkeit bestimmen den Standort. Vorausgesetzt, ja vorausgesetzt die vielen Pulverfässer, die Müller rund um den Globus ausmacht, gehen nicht hoch.

Und Pulverfässer gibt es viele, zum Beispiel neue Probleme auf dem amerikanischen Finanzmarkt. Waren es 2008 geplatzte Immobilienkredite, die die weltweite Finanzkrise auslösten, so könnten es jetzt ohne Grenzen vergebene Kredite an Studenten und für Autos sein. Wieder wurden diese Kredite ohne Risiko für die ausgebende Bank verbrieft und weltweit gestreut. Man hat zwar aus den Fehlern 2008 gelernt, aber eben nichts geändert, so Müllers Fazit. Den USA ist es dabei auch egal, wie andere Länder mit solchen Problemen umgehen, denn die Vereinigten Staaten von Amerika können gar nicht pleite gehen. Werden ihnen ihre Dollar-Anleihen zur Zahlung vorgelegt, druckt die FED so viel Geld wie gebraucht wird. Fertig. Die eigene Notenbank macht es möglich. Andere Länder können das nicht und die USA sorgen schon dafür, dass Schulden weltweit möglichst in Dollar gemacht werden. Wobei es natürlich nicht der Staat ist, der hier die Fäden zieht, sondern die Reichen und Mächtigen dieser Welt, Plutokraten, die ihre Interessen immer rigoroser durchsetzen. Trump, konstatiert der Autor, ist nur der Portier der USA, der Sprecher der Eigentümer und Manager. Sie bilden Netzwerke der Macht und nehmen Einfluss auf Politik, Wirtschaft und damit letztendlich auch auf die Gesellschaft. Wurde früher versucht, Politiker zu beeinflussen, setzt man heute gleich die eigenen Leute an die richtigen Positionen. Der französische Präsident Emmanuel Macron zum Beispiel ist Günstling von Rothschild. EZB-Chef Dragi war zuvor Vizepräsident bei Goldman Sachs, seine Politik freut die internationalen Banken und Steve Mnuchin war 17 Jahre lang Investment-Banker von Goldman Sachs, bevor er 2017 Finanzminister der Vereinigten Staaten wurde. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, versichert Müller. Wahlen ändern an dieser Konstellation gar nichts. Die großen Entscheidungen werden längst hinter den Kulissen getroffen. Denn wenn Wahlen etwas ändern würden, hätten die Machteliten sie längst abgeschafft. Lediglich Volksbefragungen und Volksentscheide könnten ihnen gefährlich werden, aber nur dann, wenn die Bevölkerung mit allen relevanten Informationen versorgt wird, damit sie eine Entscheidung auch tatsächlich treffen kann. Diese Informationen aber gibt es nicht mehr, denn auch die Medien sind längst in der Hand der Plutokraten. Für Enthüllungsjournalismus gibt es kein Geld mehr, nur hohe Klickzahlen bringen Werbeeinnahmen und zwar genau von den Unternehmen, die den Plutokraten gehören. Das kostenlose Internet hat die Krise des unabhängigen Journalismus und damit das Ende dieser Kontrollinstanz befördert. Und die wenigen Medienkonzerne, die noch übrig sind, gehören genau den Plutokraten, die sie eigentlich kontrollieren sollen. Sie werden dazu genutzt, die Feinde der Plutokratie zu jagen und zu diffamieren und damit die Macht der Reichen unabänderbar zu etablieren.

Die Machteliten dieser Welt stellen also die Politiker, die in ihrem Sinne entscheiden, sie kontrollieren die Medien und jeden Einzelnen durch die Analyse seiner Daten, filtern seine Schwächen heraus und schaffen so den perfekten Zustand für die Plutokratie. Und der Einzelne ist damit auch noch zufrieden, jedenfalls solange es ihm gut geht! Wie lange das aber noch sein wird, hängt davon ab, wie der Wandel der Gesellschaft durch Digitalisierung und Automatisierung gelingt. Denn der technische Fortschritt wird wie bereits erwähnt den Verlust von rund 60 Prozent aller Arbeitsplätze mit sich bringen. Benötigt werden dann nur noch hochspezialisierte Fachkräfte und nicht jeder LKW-Fahrer kann zum IT-Spezialisten umgeschult werden. Was wird also aus dem Heer der Arbeitslosen? Hier sieht Müller neben den Risiken auch Chancen, etwa durch das Grundeinkommen, das längst keine Fantasterei mehr ist, sondern mit Einzug der neuen Technologien sogar zur zwingenden Notwendigkeit wird. Aber auch hier haben die Reichen bereits eigene Pläne, wie sie ihre Macht weiter festigen und das „Volk“ unter ihre absolute Kontrolle bringen können: Geld bekommt nur, wer sich wunschgemäß verhält. Und die großen Datenkraken wie Amazon und Google sorgen für die lückenlose Überwachung. Was futuristisch klingt, ist in China mit dem Bonuspunktesystem bereits Realität. Überhaupt steht nicht nur ein Pulverfass in China: Die Wirtschaft schwächelt, auch wenn die Statistiken etwas anderes behaupten. Hier entsteht die nächste große Wirtschaftsblase, ist sich Dirk Müller sicher und belegt das anhand zahlreicher Beispiele, wobei das Seidenstraßenprojekt zwei unterschiedliche Szenarien ermöglich. Der Bau von Straßen, Schienen, Flughäfen und Tiefseehäfen könnte in der Tat die Wirtschaft auf dem gesamten eurasischen Kontinent ankurbeln, wie es einst der Bau der Highways in Amerika tat. Das Projekt könnte aber militärisch genutzt werden und China damit die Vorherrschaft auf dem eurasischen Kontinent sichern. Um nichts anderes geht es bei sämtlichen Konflikten unserer Zeit. Russland zum Beispiel wäre ohne die Ukraine eben kein eurasisches Reich mehr. Und die aktuellen Konflikte im Nahen Osten sind auch nur dazu da, den Kampf um die Vorherrschaft auf unserem Kontinent zwischen den USA und Russland auszutragen. Auch der Nordkorea-Konflikt hat kein anderes Ziel.

Überhaupt planen die Reichen und Mächtigen eine ganz andere Welt, in der es keine Einzelstaaten mehr gibt mit ihren unterschiedlichen Regelungen und Vorschriften. Das ist auch der Grund für die nachgerade geräuschlose Völkerwanderung unserer Tage. Man will die Verschmelzung aller Völker, auch wenn das nicht ohne Konflikte abgeht. Denn da wo Menschen ganz unterschiedlicher Kultur zum Zusammenleben gezwungen werden, bleiben Konflikte nicht aus. Und damit die Bevölkerung von alldem nichts mitbekommt, wird sie manipuliert und unterhalten. Brot und Spiele, wie im alten Rom. Kommt es doch einmal zu Widerständen, opfert man einen Politiker und alles ist wieder gut. Dagegen wehren kann sich die große Masse nur durch Zusammenhalt. Und dazu ruft Dirk Müller am Ende seines Buches auf. Er rät den Menschen sich nicht länger spalten zu lassen, sondern sich zusammenzutun, miteinander zu reden und zu diskutieren und sich vor allen Dingen gegenseitig mit Respekt zu begegnen.

Fazit: Dirk Müller gelingt eine umfangreiche Zusammenstellung der wirtschaftlichen und politischen Situation rund um den Globus mit hilfreichen Erläuterungen und Einzelinformationen, die es in dieser kompakten Form sonst nicht gibt. Er beschreibt, was aktuell und in naher Zukunft in Politik und Wirtschaft geschehen wird und welchen direkten Einfluss das auf unser aller Leben hat. Jeder, der verstehen will, was auf der Welt vor sich geht, sollte dieses Buch gelesen haben – auch wenn es einem mit Blick auf die düsteren Aussichten gewiss schlaflose Nächte bereitet.

Bibliographische Angaben
Dirk Müller: Machtbeben. Die Welt vor der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten – Hintergründe, Risiken, Chancen
Heyne Verlag, 2018, 352 Seiten
ISBN: 978-3-543-20489-8

Gefangen in einem Psychodrama

Gefangen in einem Psychodrama
Kritik zum Tatort Dortmund „Inferno“
ARD/WDR Tatort “Inferno”: Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann, mitte) besichtigt den Tatort, einen Ruheraum in der Notfallambulanz der Klinik. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Tatort zentrale Notaufnahme v.l.n.r.: Anna Schudt als Martina Bönisch, Jörg Hartmann als Peter Faber, Aylin Tezel als Nora Dalay, Rick Okon als Jan Pawlak. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Der Tatort aus Dortmund ist bekannt für seine – drücken wir es höflich aus – „schwierigen“ Ermittler. Doch in der neuen Folge mit dem Titel „Inferno“ drehen schließlich alle durch: Nora Dalay (Aylin Tezel) bekommt wieder eine Panikattacke als sie sich freiwillig eine Plastiktüte über den Kopf zieht. Nur Jan Pawlak (Rick Okon) erkennt die kritische Situation und eilt ihr gerade noch rechtzeitig zur Hilfe. Peter Faber (Jörg Hartmann) und Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt) schauen seelenruhig zu, wie die junge Kollegin fast erstickt. Faber stellt schließlich selbst mit Bönisch den Mord nach und bringt sie dabei ebenfalls fast um. Und zu guter Letzt lässt er sich auf einen Psychotrip mit Hilfe von vermeintlichem LSD ein, dreht dabei völlig durch und stellt in einem ultimativen Showdown den Täter in selbstmörderischer Absicht, in dem er mit seinem Auto mit Vollgas in die Luxuskarosse von Dr. Dr. Andreas Norstädter (Alex Brendemühl) donnert. Der Arzt, der keiner war, wird abgeführt und Faber schwer verletzt in das Krankenhaus gebracht, in dem er und seine Kollegen bis dahin mehr oder weniger erfolgreich ermittelt haben. Dabei bleibt offen, ob man den falschen Arzt nun anhand der Indizien tatsächlich überführen kann und natürlich, wie schwer Faber verletzt ist.

Bis zu diesem fulminanten Finale war aber schlicht Langeweile angesagt. Faber war wieder einmal mehr mit sich und seinen eigenen Problemen beschäftigt, machte dabei einen mehr als unaufgeräumten Eindruck, sowohl psychisch als auch optisch. Kein Polizeichef würde einen derart kaputten Typen auf die Menschheit loslassen, auch nicht auf ebenso kranke Täter, wie in diesem Fall einen vermeintlichen Arzt, der sich in maßloser Selbstüberschätzung durchaus für fähig hielt, als Arzt und Psychiater zu arbeiten. Ein Irrer trifft einen anderen, könnte man sagen, das konnte nur in der Katastrophe – einem Inferno eben – enden. Kein schlechter Ansatz des Drehbuchautors Markus Busch, aber letztlich doch wieder nichts weiter als das inzwischen hinreichend bekannte, persönliche Psychodrama der Dortmunder Ermittler. Der Fall an sich, der spektakuläre Tod einer Ärztin, war wieder nur Nebensache – wie leider viel zu oft im Tatort aus Dortmund. /sis

Das Mordopfer starb mit einer Plastiktüte über dem Kopf: Kommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel, links) macht den Selbstversuch. Peter Faber (Jörg Hartmann, links), Martina Bönisch (Anna Schudt, Mitte) und Jan Pawlak (Rick Okon, rechts) schauen zu. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Ein bedrückender Fall

Ein bedrückender Fall
Kritik zum Polizeiruf 110 aus Rostock „Kindeswohl“
ARD/NDR Polizeiruf 110 “Kinderwohl”: Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) suchen nach Keno und Bukows Sohn Samuel. (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Was ist passiert? Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) verschaffen sich einen Überblick. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Ein brisantes Thema hatten sich die Drehbuchautoren Christian Sothmann, Elke Schuch und Regisseur Lars Jessen für den neuen Polizeiruf 110 aus Rostock mit dem Titel „Kindeswohl“ vorgenommen. Es ging um die Unterbringung von schwer erziehbaren Kindern und Jugendlichen in Heimen privater Träger. Wie sich im Verlaufe des Films herausstellte, geben diese Heime und andere private Pflegeeinrichtungen die Kinder und Jugendlichen für den Bruchteil der im Inland anfallenden Kosten an Pflegeeltern im europäischen Ausland, in diesem Fall konkret in Polen und das in einvernehmlicher Zusammenarbeit mit dem zuständigen Jugendamt. Nun sind polnische Pflegeeltern nicht besser oder schlechter als deutsche, aber für die Kinder und Jugendlichen muss der Wechsel in eine völlig fremde Welt ohne Freunde und mit einer Sprache, die sie nicht verstehen, einen ganz gewaltigen Eingriff in ihr Leben bedeuten. Für Otto (Niklas Post) war die Veränderung so drastisch, dass er einfach nicht mehr leben wollte und mehrfach Selbstmordversuche unternahm, bis es ihm schließlich gelang, kurz bevor sein „Bruder“ Keno (Junis Marlon) ihn aus seinem neuen Gefängnis befreien konnte. Keno kam zu spät, weil ihn der Heimleiter nach einem nächtlichen Gewaltausbruch kurzerhand eingesperrt hatte. Wieder in Freiheit machte er sich mit Alexander Bukows (Charly Hübner) Sohn Samuel (Jack Owen Berglund) auf den Weg nach Polen, wobei Keno wortwörtlich über Leichen ging. Er erschoss den Heimleiter ohne Zögern, als der ihm in die Quere kam. Ein Fall für Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und das Team aus Rostock, Anton Pöschel (Andreas Guenther) und Volker Thiesler (Josef Heynert). Es folgte ein Wettrennen auf Leben und Tod zwischen den Ermittlern und den beiden Jugendlichen, die schließlich Ottos Pflegeeltern auf einem ärmlichen Hof in Polen ausfindig machen konnten und den Pflegevater mit vorgehaltener Waffe dazu zwangen, den im Wald verscharrten toten Otto wieder auszugraben.

Wie schon in den Folgen zuvor waren König und Bukow mehr mit ihrem ständig schwelenden Scharmützel und zudem den eigenen Lebensbaustellen beschäftigt. Und obwohl in diesem Fall sein Sohn involviert war, hielt sich Bukow, der es sonst bekanntlich nicht so genau mit Recht und Gesetz nimmt, auffällig zurück. Er ging wohl dem ein oder anderen vermeintlichen Mitwisser unsanft an den Kragen und setzte auch seine Dienstwaffe in Polen ein, ansonsten aber hat man ihn beileibe schon aufgebrachter gesehen.

Alles in allem ist „Kindeswohl“ aber endlich wieder einmal ein spannender Krimi, der die dringend diskussionbedürftige Thematik gut nachvollziehbar und deshalb ungemein bedrückend herausarbeitet. Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner überzeugen mit ihrem leidenschaftlichen Spiel einmal mehr als ungleiches Paar, bei dem der nächste handgreifliche Wutausbruch nur eine Frage der Zeit scheint. Großartig! /sis

Der Fall der halben Gesichter

Der Fall der halben Gesichter
Kritik zum Tatort aus Köln „Bombengeschäft“
ARD/WDR Tatort “Bombengeschäft”: Schwierige Aufgabe für Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch, 2.v.r.) sowie die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär, links) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, 2.v.l.): Nur ein Stück Unterkiefer konnte der Kollege der KTU vom Toten sicherstellen. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Wo Sprengstoff im Spiel ist, verliert man schnell ein paar Körperteile – war es das, was Regisseur und Drehbuchautor Thomas Stiller seinen Zuschauern durch die immer wieder nur halb zu sehenden Gesichter der Akteure im neuen Tatort aus Köln mit dem Titel “Bombengeschäft” vermitteln wollte? Eine andere Erklärung jedenfalls lässt sich nicht finden. Und hilfreich war dieses merkwürdige Stilmittel auch nicht: Das Mienenspiel der Figuren, die eigentliche Kunst jedes Schauspielers, ging dadurch zu einem großen Teil verloren und es nervte schlicht, Max Ballauf (Klaus J. Behrend) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) und alle anderen Schauspieler, darunter so namhafte Größen wie Ralph Herforth und Thomas Darchinger, bei nahezu jeder Großaufnahme nur mit halben Kopf zu sehen.

Der Begriff „halb“ zog sich indes wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte. Nur mit halber Kraft, ja fast schon saft- und kraftlos gingen Ballauf und Schenk an die Ermittlungen. Man hätte ihnen hin und wieder eine Currywurst gewünscht, vielleicht hätten sie dann mehr Dynamik entwickelt. Auch war das zugrunde liegende Motiv für den anfänglichen Mord an dem Sprengmeister Peter Krämer, den Überfall auf dessen nicht gerade trauernde Witwe Alena Krämer (Alessija Lause) und den Mordversuch an seinem Proleten-Freund Alexander Haug (Sascha Alexander Gersak) viel zu schnell erkennbar. Schließlich ist jedem sofort klar, warum ein Sprengmeister plötzlich vom Kauf eines Grundstücks zurücktritt, das kann nur mit einer Bombe irgendwo tief unter der Erde des Neubaugebiets zu tun haben. Und damit das nicht bekannt wird und womöglich die schönen Gewinnpläne des Immobilienmaklers zerstört, kann es auch nur zwei Täter geben: den Immobilienmakler selbst (Marco Hofschneider) und den in diesem Fall als Gutachter fungierenden Mitarbeiter einer Kampfmittelbeseitigungsfirma (Adrian Topol), der, durch Spielsucht hochverschuldet, für die entsprechende Menge Bares grünes Licht für den Bau der idyllischen Reihenhaussiedlung gibt, ein wahrhaft bombiges Geschäft. Nur macht es eben wenig Spaß, dabei zuzuschauen, wie die Kommissare lange weiter im Trüben fischen. Spannung wollte so erst gar nicht aufkommen.

Das war schlicht zu wenig für einen Tatort aus Köln, zu wenig für die im Grunde gute Geschichte, auch wenn sie alles andere als neu war. Belastete Grundstücke und daraus resultierende Erpressung waren eben doch schon viel zu oft Grund für Mord und Totschlag in einem Fernsehkrimi. Da hätte man sich zumindest für die handelnden Figuren und ihre Motive etwas mehr Fantasie gewünscht. Typisch Tatort Köln war in diesem Fall nur Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling), der wie gewohnt mehr mit seinen Pausen als mit Arbeit beschäftigt war – eine Art “Running Gag”, der aber nicht richtig zu zünden vermag – und Freddy Schenk, der wieder mit einem großen, spritfressenden Ami-Schlitten durch das Feinstaub geplagte Köln kutschieren durfte. Es lebe der Klimaschutz! /sis

ARD/WDR Tatort “Bombengeschäft”: Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, hinten) befragen den Spielhallenbesitzer Sascha Feichdinger (Thomas Darchinger, rechts). (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Spannung trifft Humor

Spannung trifft Humor
Kritik zum Tatort Münster „Spieglein, Spieglein“
ARD/WDR Tatort “Spieglein, Spieglein”: Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, l), Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, vorn), Silke Haller (ChrisTine Urspruch) und Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann, r) sind entsetzt, dass sie Schuld am Tod ihrer Doppergänger sein sollen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Kaum zu glauben aber wahr, der neue Tatort aus Münster „Spieglein, Spieglein“ wusste wieder zu überzeugen, auch wenn die Kritiken im Vorfeld eher gegenteiliges voraussagten. Natürlich kann es nur Fantasie sein, wenn in der nordrhein-westfälischen Domstadt Münster unter etwas mehr als 300.000 Einwohnern gleich fünf Doppelgänger ausgemacht werden. Dennoch handelte es sich um eine kluge Geschichte mit viel Tempo gepaart mit Spannung und dem ganz besonderen Humor, ohne dabei die Ernsthaftigkeit einer Mordermittlung zu vernachlässigen. Das können eben nur Thiel (Axel Prahl) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers). Die Charaktere blieben sich selbst treu und verloren auch angesichts der skurrilen Geschehnisse nicht den Respekt vor ihrer Arbeit, was leider nicht alle Tatort-Ermittlerteams von sich behaupten können. Auch wenn es ein paar Schwächen gab. So war Thiels Assistentin Nadeshda Krusenstern zwar beurlaubt – weil Schauspielerin Friederike Kempter ihr erstes Kind bekommen hat und sich während der Dreharbeiten noch in Mutterschutz befand -, trotzdem war sie an den Ermittlungen rund um den 14. Fall „Wolfsstunde“ mit dem Sexualmörder Sascha Kröger (Arnd Klawitter) beteiligt, auf den diese Folge aufbaute. Mithin hätte logischerweise auch sie Ziel des Racheaktes sein müssen. Für alle Münsteraner Protagonisten hat Krögers Verlobte Birgit Brückner (Kathrin Angerer) Doppelgänger gesucht und gefunden, neben Thiel und Boerne eben auch für Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann), Boernes Assistentin Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch) und sogar Thiels Vater Herbert (Claus D. Clausnitzer), nur für Nadeshda nicht! Und als Thiel seinen Vater ermordet glaubte – in dieser Szene ganz ausgezeichnet gespielt von Axel Prahl -, hätte er eigentlich schon von fern erkennen müssen, dass es sich am Tatort nicht um das Taxi seines Vaters handelte.

Kleine Schönheitsfehler, die den Gesamteindruck indes nicht trüben können. Die Geschichte von Drehbuchautor Benjamin Hessler war schlüssig und die Mörderin handelte mit durchaus nachvollziehbaren Motiven, Grundvoraussetzung für einen guten Krimi. Dazu kommen mit dem selbstverliebten Boerne und dem eher zurückhaltend eitlen Thiel zwei großartige Charaktere, die in dieser Konstellation ganz einfach nicht zu übertreffen sind. Der Tatort aus Münster war deshalb wieder ein wahres Vergnügen für alle Krimifreunde, das gerne wiederholt werden darf. /sis

Besessen von gesunder Ernährung

Besessen von gesunder Ernährung
Im Gespräch mit Professor Thomas J. Huber, Chefarzt der Klinik am Korso

Wir alle möchten uns möglichst gesund ernähren. Viel Obst und Gemüse, wenig Fleisch, wenig Zucker umweltbewusst aus der Region und je nach Saison, immer frisch zubereitet, keine industriell be- oder verarbeiteten Lebensmittel. Das klingt doch recht einfach. Nur ist es das nicht mehr. Denn das Thema “gesunde Ernährung” nimmt inzwischen breiten Raum in unserem Alltag ein. Immer häufiger beschäftigen wir uns in Gedanken schon mit der nächsten Mahlzeit, nicht, weil wir hungrig sind, auf etwas Appetit haben oder uns einfach nur auf das Essen freuen, sondern weil wir darüber nachdenken, was genau wir essen sollen. Wir sind verunsichert angesichts der geradezu inflationär steigenden Zahl an Kochshows, deren agierende Sterneköche jeweils ganz eigene Tipps und Ratschläge bereithalten. Dazu kommen unzählige Ernährungsempfehlungen und Trends wie “Clean Eating”, “Raw Food” und “Detoxing“, die ganz erheblich voneinander abweichen, bei strikter Einhaltung aber allesamt Gesundheit und ein langes Leben versprechen.

Natürlich ist Essen mehr als die bloße Nahrungsaufnahme zur Erhaltung der Körperfunktionen. Gutes Essen hat etwas mit Lebensqualität zu tun. Wenn Essen aber zur Ersatzreligion wird, sollte man sein Verhalten überprüfen. Denn wenn die Gedanken täglichen Stunden um das Thema gesunde Nahrung kreisen, dann könnte es gut sein, dass „gesundes Essen“ bereits „krank“ gemacht hat.  Diese übermäßige Fixierung auf gesundes Essen wird „Orthorexie“ genannt, die Betroffenen sind regelrecht besessen davon, ausschließlich gesunde Nahrung zu sich zu nehmen. Sie entwickeln eine große Angst vor eventuell schädlichen Nahrungsmitteln. Sie legen strenge Regeln für ihre Ernährung fest und verbringen viel Zeit mit der Planung ihrer Mahlzeiten. Das Essen gewinnt die Oberhand im Alltag – genau wie bei Magersüchtigen oder Bulimie-Erkrankten. Noch zählt Orthorexie nicht zu den anerkannten Krankheiten, aber sie ist auf dem besten Weg dorthin.

Neuere Studien belegen, dass vor allem sportlich aktive Frauen – insbesondere Intensivsportlerinnen – ein orthorektisches Verhalten zeigen. Auch Kinder können schon von Orthorexie betroffen sein, wenn ihre Eltern ihnen ein entsprechend gesundheitsbewusstes Ernährungsverhalten vorleben. 

„Besser-klartext.de“ sprach darüber mit Professor Dr. Thomas J. Huber, Chefarzt der Klinik am Korso, einer Spezialklinik zur Behandlung von Essstörungen in Bad Oeynhausen, und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Ernährungs- und Sozialmedizin.

Professor Dr. Thomas J. Huber (Foto: privat)

Herr Professor Huber, wie hoch ist der Prozentsatz der von Orthorexie betroffenen Bevölkerung?

Professor Huber: Das ist leider überhaupt nicht zuverlässig zu beantworten, da Orthorexie keine anerkannte Erkrankung ist und dementsprechend auch keine verbindlichen Kriterien bestehen. Dennoch gibt es vorläufige Untersuchungsinstrumente, die jedoch nicht einheitliche Ergebnisse liefern. Vorsichtig vermutet geht man von etwa 1 Prozent Betroffenen aus. In Zusammenhang mit „anerkannten“ Essstörungen sind orthorektische Verhaltensweisen noch häufiger.

Wo kommt diese Ess- oder Verhaltensstörung plötzlich her? Kann das etwas mit dem inflationären Auftreten von Kochshows mit Sterneköchen zu tun haben, die permanent für eine „gesunde Ernährung“ plädieren und in jeder Show ein anderes Lebensmittel als gesund oder ungesund bezeichnet wird? Wurde ein solcher Einfluss überhaupt schon einmal untersucht?

Professor Huber: Beschrieben wurde die Orthorexie von Steven Bratman 1997, der sie an sich selbst feststellte. Ob ähnliche Phänomene vor seiner Beschreibung schon bestanden ist nicht wirklich geklärt. Seither wird es auf jeden Fall zunehmend diskutiert. Vermuten kann man in der Tat einen Zusammenhang zu der weltweiten Verbreitung von teilweise gut gemeinten, teilweise auch einfach unsinnigen Ernährungsempfehlungen und einer Sehnsucht der Menschen nach klaren Handlungsanweisungen in einer Welt, in der es immer schwieriger wird zwischen „richtig“ und „falsch“ zu unterscheiden. Eine diesbezügliche Untersuchung ist mir nicht bekannt.

 Gibt es überhaupt die „gesunde Ernährung“ und wenn ja, wie sieht sie aus?

Professor Huber: DIE gesunde Ernährung gibt es meines Erachtens nicht, aber durchaus verschiedene gesunde Ernährungsformen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass der Körper durch sie mit allen wichtigen Nahrungsbestandteilen in ausreichender Menge versorgt wird. Das ist bei der Orthorexie in der Regel nicht mehr der Fall. Insofern ist es eben keine gesunde Ernährungsweise. Gesund ist ein ausgewogenes Verhältnis von Fett, Kohlenhydraten und Protein mit ausreichender Menge von Vitaminen, Spurenelementen etc. wie es etwas die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt. Eigentlich „ungesunde“ Lebensmittel gibt es eigentlich nicht, es kommt vor allem auf die Menge an. Als ungünstig würde ich lediglich künstliche Süßstoffe und Geschmacksverstärker bezeichnen, da diese Hunger- und Sättigung durcheinander bringen.

Wie bewerten Sie den Selbsttest von Steven Bratman? Ist er geeignet, Orthorexie selbst zu diagnostizieren?

Professor Huber: Herr Bratman hat in diesem Selbsttest vor allem das beschrieben, was er bei sich selbst beobachtet hat. Er ist erst einmal geeignet, um Menschen mit ähnlich gelagertem Essverhalten zu identifizieren, stellt aber eben kein diagnostisches Instrument dar, da ja die Orthorexie gar keine anerkannte Krankheit ist. Insofern wäre ich auch mit dem Begriff „Diagnose“ vorsichtig.

Wie immer gibt es ja zahlreiche Abstufungen der Störung, ab wann kann man denn überhaupt von einer Störung (egal ob Ernährungs- oder Verhaltensstörung) sprechen, wann wird sie gefährlich und sollte behandelt werden? Was sind die wirksamsten Gegenmaßnahmen bei weniger dramatischem Verlauf?

Professor Huber: Da wie erwähnt, keine anerkannte Erkrankung, sind das noch nicht zu beantwortende Fragen. In Ermangelung wissenschaftlicher Ergebnisse oder gar Leitlinien zu diesem Thema würde ich empfehlen: wenn jemand unter seiner speziellen Ernährungsform (egal ob orthorektisch oder nicht) leidet, sie aber nicht eigenständig verändern kann, ist das Aufsuchen einer Beratungsstelle oder Ernährungsberatung zu empfehlen. In der Internationalen Klassifikation von Erkrankungen ist das subjektive Leid ein entscheidendes Kriterium dafür, ob etwas als Störung gilt oder nicht. Weitere Kriterien können natürlich Folgeschäden wie etwa Mangelzustände oder soziale Schwierigkeiten sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen zur Klinik am Korso gibt es unter www.klinik-am-korso.de

Weitere Informationen zum amerikanischen Alternativmediziner Steven Bratman und seinem Orthorexie-Selbsttext gibt es unter https://www.orthorexia.com/the-authorized-bratman-orthorexia-self-test/

Ein beinahe gelungener Thriller

Ein beinahe gelungener Thriller
Rezension Marc Elsberg: Helix – Sie werden uns ersetzen

Nach “Blackout” und “Zero” legt Marc Elsberg mit „Helix – Sie werden uns ersetzen“ sein drittes Buch vor. Nach den dramatischen Folgen eines europaweiten Stromausfalls und einem Abstecher in die Welt der Manipulation von jungen Menschen durch intelligente Computerprogramme ist es diesmal das Menschsein selbst, zumindest wie wir es kennen, das der Autor in seinem über 670 Seiten starken Thriller attackiert. Es geht um Genmanipulation bei Pflanzen, Tieren und letztlich den Menschen.

Der amerikanische Außenminister bricht auf der Sicherheitskonferenz in München tot zusammen. Herzprobleme, die sich aber bei der Obduktion als durch einen von Menschenhand geschaffenen Killervirus verursacht entpuppen. Zeitgleich werden an unterschiedlichen Orten auf der ganzen Erde äußerst robuste und krankheitsresistente Pflanzen und Tiere entdeckt. Das ruft natürlich die Regierung und sämtliche amerikanischen Geheimdienste und sonstige Spezialeinheiten auf den Plan. Jessica Roberts, von der Präsidentin der Vereinigten Staaten zur Sonderermittlerin in diesem Fall berufen, kommt mit Hilfe von Wissenschaftlern und einem Heer von Einsatzkräften dem Geheimnis um Killervirus und Genmanipulationen auf die Spur. Zur selben Zeit muss sich ein amerikanisches Ehepaar für die künstliche Befruchtung entscheiden zwischen einem ganz normalen Kind oder einem “modernen” Kind mit besonderen Eigenschaften nach Wunsch: Aussehen, Größe, Intelligenz sind nur einige der Wahlmöglichkeiten. Und dann wird auch noch die zehnjährige Jill vermisst, die wie 15 aussieht, bereits studiert und durch ihr außergewöhnliches Wissen, ohne dass es jemand gemerkt hätte, ein Vermögen an der Börse gemacht hat, das sie für die Weiterentwicklung “moderner Kinder” einsetzt. Das alles läuft zusammen in New Garden, einer Forschungseinrichtung, in der eben diese “modernen Kinder” bereits Wirklichkeit sind. Kinder, die sich schneller entwickeln, weit intelligenter sind und über ungeheure Kräfte verfügen, wie der zehnjährige Eugene, der unter anderem über eine enorme Sprungkraft verfügt.

Elsberg erzählt auch dieses Mal seine Geschichte dramatisch und ungemein spannend, spart auch ethischen Fragen nicht aus und legt ein Buch vor, das man nicht mehr aus den Händen legen mag. Das ändert sich aber ab der Hälfte der Geschichte. Dann nämlich, als eine Handvoll Kleinkinder ein Heer von bis an die Zähne bewaffnete Soldaten, die Wissenschaftler und Sonderermittler mitsamt Jessica Roberts und der Präsidentin in New Garden überwältigt, die Präsidentin als Geisel nimmt und sich mit einem Hubschrauber, den eben jener Eugene fliegt, aus dem Staub macht. Man ahnt es schon, die Absichten von Wunderkind Eugene sind eher negativer Natur. Von da an läuft die Geschichte bis zu ihrem spektakulären Ende am Flughafen Sao Paulo einige Mal gehörig aus dem Ruder, gleitet ab in unglaubwürdige Science-Fiction eingebettet in unsere reale Gegenwart. Schade, hätte der Autor die unterschiedlichen Erzählstränge zu einem soliden Ende geführt, wäre das Buch vielleicht nur halb so dick, dafür aber spannend von der ersten bis zur letzten Seite geworden. /sis

Bibliographische Angaben
Marc Elsberg, Helix. Sie werden uns ersetzen
Blanvalet Verlag, 2018, 672 Seiten
ISBN 978-3734105579

Alles andere als überzeugend

Alles andere als überzeugend
Kritik zum Tatort aus dem Schwarzwald „Für immer und dich“
ARD/SWR Tatort “Für immer und dich”: Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) hat nicht mehr damit gerechnet, dass das verschwundene Mädchen nochmal auftaucht. Aber jetzt haben er und Franziska Tobler (Eva Löbau) tatsächlich Spuren von ihr gefunden. (Foto: SWR/Benoit Linder)

Schon der Titel des vierten Tatorts aus dem Schwarzwald gibt Rätsel auf, was ist gemeint mit der Verkürzung, „Für immer und dich“?  Soll es bedeuten, dass der ältere Mann und die Minderjährige „für immer“ zusammenbleiben und „für dich“ – für das junge Mädchen tut der ältere Mann alles was er tut? So kann es nicht gemeint sein, denn der ältere Mann – Martin Nussbaum (Andreas Lust) – entpuppte sich als pädophil veranlagter Versager, der nach einer Firmenpleite mit dem Geld seiner Mutter für sich und ein damals erst 13-jähriges Mädchen eine Auszeit auf der Flucht finanziert. Das Mädchen, Emily Arnold (Meira Durand), ist nicht etwa verliebt in Martin Nussbaum, sie will nur – wie jeder Teenager in dem Alter – weg von Zuhause, sich ausprobieren. Soweit so gut. Emily verschwindet mit Nussbaum und wird erfolglos zwei Jahre gesucht. Dann wird sie plötzlich von ihrer Mutter gesehen und die Polizei-Maschinerie läuft erneut an. Hauptkommissarin Franziska Tobler (Eva Löbau) bekommt den Fall auf den Tisch. Denn der ursprünglich mit der Vermisstensache betraute Hauptkommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) ist mit einem Unfall beschäftigt, bei dem ein Junge ums Leben kam. Eine Vermisstensache und eine Verkehrssache also – nicht unbedingt Aufgaben für die Kriminalpolizei möchte man meinen. Und in dieser Konstellation und Motivlage ganz gewiss auch nicht für einen spannenden Krimi geeignet. Tatsächlich war die Folge aus dem Schwarzwald dann auch ziemlich langweilig. Die Geschichte von Drehbuchautor Magnus Vattrodt verzettelte sich in viel Tatfolgegeschehen, beschäftigte sich mit der merkwürdigen Beziehung des ungleichen Pärchens, zeigte die Versuche des älteren Mannes an Geld zu kommen, um das Mädchen weiter bei sich zu halten und zugleich die Bemühungen des Mädchens aus der unheilvollen Beziehung auszubrechen. Dazu wurden zahlreiche Klischees bedient, frei nach dem Motto „Familie ist etwas Wunderbares“. Die Ermittlungen von Berg und Tobler spielten eine eher untergeordnete Rolle und basierten nicht auf Polizeiarbeit, sondern auf Zufallsfunden. Erst der Chip des zum Entsetzen aller Zuschauer brutal erschlagenen Hundes, der Nussbaum gehörte und Emily mehr faszinierte als sein Besitzer, brachte die Kommissare auf die Spur Nussbaums, der, von Emily unbemerkt, den tödlichen Unfall verursacht hatte.

Auch der vierte Tatort aus dem Schwarzwald war alles andere als überzeugend. Ein nachlässig zusammengezimmertes Gerüst für die wahre Geschichte des ungleichen Paares, das Monate lang die Schlagzeilen der Regenbogenpresse beherrschte. Obendrein präsentierten die Macher ein durch die Sommerhitze recht mitgenommen aussehendes Ermittlerteam, dem man so gerne eine erfrischende Dusche gegönnt hätte und zu allem Überfluss auch noch eine Hauptkommissarin auf der Toilette. Die völlig überflüssige Erzählung von Toblers vermeintlicher Schwangerschaft hätte man gewiss auch appetitlicher darstellen oder besser noch weglassen können, wie eigentlich den ganzen Film! /sis

Kurzweilige Unterhaltung mit viel Situationskomik

Kurzweilige Unterhaltung mit viel Situationskomik
Kritik zum Tatort “Borowski und das Glück der Anderen”
ARD/NRD Tatort “Borowski und das Glück der Anderen”: Almila Bagriacik (Mila Sahin) und Axel Milberg (Klaus Borowski). (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Ein bisschen verrückt sind Klaus Borowskis (Axel Milberg) Täter ja immer. So auch in seinem neuesten Fall, in dem Neid der Auslöser allen Übels ist. Supermarktkassiererin und Hausmütterchen Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) neidet ihren Nachbarn Victoria und Thomas Dell das vermeintliche Lottoglück. Sie haben den Jackpot gewonnen, ausgerechnet die, die sowieso schon alles haben. Das jedenfalls meint Peggy aus der im Haus gegenüber beobachteten Szene zu entnehmen. Und sie verrennt sich immer mehr in die Idee, dass auch ihr endlich ein Stück vom ganz großen Glück zustehen müsste, zumal ihr Ehemann Micha Stresemann (Aljoscha Stadelmann) mit sich und seinem Leben durchaus zufrieden scheint und ihren Zukunftsträumen nur Unverständnis entgegenbringt. Also steigt Peggy ins Nachbarhaus ein und sucht die Lottoquittung, noch wurde der Gewinn nicht abgeholt. Dabei wird sie aber vom Hausherrn ertappt und als der ein Beweisfoto der „süßen Szene mit den lila Gummihandschuhen“ machen will, ballert Peggy drauf los – mit gleich sieben Schuss streckt sie Thomas Dell (Volkram Zschiesche) nieder!

Alles in allem eine nette Geschichte mit viel Situationskomik und einer großartigen Katrin Wichmann. Borowski und seine neue Partnerin Mila Sahin (Almila Bagriacik) bleiben dagegen ungewöhnlich blass. Borowski ermittelt mit der Dynamik einer Schnecke und hält sich in erster Linie mit Verständnis für die unglücklichen Lebensumstände der vermeintlichen und der echten Täterin auf. Seine neue Partnerin Mila Sahin bekommt auch in diesem Tatort aus Kiel noch kein richtiges Profil. Da helfen auch das blaue Auge und die zur Sympathiesteigerung eingebaute Szene mit Borowski als Wohnung suchendes Brautpaar in froher Hoffnung nichts. Trotzdem entpuppte sich „Borowski und das Glück der Anderen“ als kurzweilige Unterhaltung, der zwar die Dramatik und Spannung eines echten Krimis fehlte, aber den wohlwollenden Zuschauer durchaus bis zum Ende bei der Stange hielt. /sis

ARD/NDR Tatort “Borowski und das Glück der Anderen”: Borowski (Axel Milberg) hat einen Verdacht. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Ein wenig zu viel des Guten

Ein wenig zu viel des Guten
Kritik zum Tatort Franken „Ein Tag wie jeder andere“
ARD/BR Tatort “Ein Tag wie jeder andere”: Kriminalhauptkommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), Kriminalhauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Kriminalkommissar Sebastian Fleischer (Andreas Leopold Schadt) betrachten die Leiche von Katrin Tscherna (Katharina Spiering). (Foto: BR/Hendrik Heiden/Claussen + Putz).

Rache ist immer ein starkes Motiv, auch wenn im fünften Tatort aus Franken der Aspekt ein wenig überbetont wurde. So war der Haupttäter Martin Kessler (Stephan Grossmann) einfach zu rachsüchtig, der beschuldigte Molkereibesitzer Rolf Koch (Jürgen Tarrach) dagegen zu emotionslos und der durch die Entführung seiner Tochter zu den Morden gezwungene Rechtsanwalt Thomas Peters (Thorsten Merten) doch ein wenig zu bereitwillig. Nun ist es natürlich in fantasievollen Geschichten durchaus erlaubt, ein wenig zu übertreiben, aber manchmal ist es eben ein Quäntchen zu viel des Guten. So auch in diesem Tatort, in dem dafür das Ermittlerteam Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) wiederum ein wenig zu blass blieben. Daran änderte auch Voss‘ herbe Ansprache nichts, in der er dem gesamten Team recht lautstark erklärte, dass Recht für alle gilt, eben auch für Täter, was immer sie auch getan haben mögen. Und Hauptkommissarin Ringelhahn wiederum wirkte ein wenig zu abgebrüht, nachdem sie Rechtsanwalt Peters durch einen tödlichen Schuss daran gehindert hatte, einen dritten Mord zu begehen. Überhaupt waren die Kommissare zu leichtfertig bereit, ein Leben zu opfern, um das entführte Mädchen zu retten. Welches Leben ist denn mehr wert?

Ein wenig verwirrend waren die Rückblenden, die dem Zuschauer die Ursachen des aktuellen Geschehens erläutern sollten. Dass es sich um Rückblenden und nicht etwa um Szenen der laufenden Geschichte handelte, war indes nicht immer gleich erkennbar. Etwas konstruiert wirkte schließlich auch die Auflösung des letzten Mordes, in der sich Kesslers Exfrau (Karina Plachetka) unter anderem Namen als Sekretärin des Polizeipräsidenten Zugang zu Kessler und so die Möglichkeit verschafft hatte, den Verursacher allen Unglücks zu ermorden.

Und doch handelte es sich hier endlich wieder einmal um einen ausgesprochen gefälligen Tatort, der mit einer spannendenden Geschichte auch kritische Zuschauer zu überzeugen wusste. Dazu trugen nicht zuletzt die Szenen im Bayreuther Festspielhaus mit Richard Wagners bombastischer Musik bei. /sis

Europa liegt nicht in Brüssel!

Europa liegt nicht in Brüssel!
Rezension Hans Magnus Enzensberger „Sanftes Monster Brüssel oder die Entmündigung Europas“

„Brüssel liegt in Europa, aber Europa nicht in Brüssel“ ist die Kernaussage in Hans Magnus Enzensbergers Essay  über die Irrungen und Wirrungen der Brüsseler Bürokraten, die die Allwissenheit für sich gepachtet zu haben scheinen und mithin am besten wissen wollen, was für die europäische Bevölkerung gut ist und was nicht. Ein Mitspracherecht gehört definitiv nicht dazu. Denn in den entscheidenden Institutionen Rat und Kommission sitzen nicht gewählte und damit auch nicht abwählbare Vertreter aus den Mitgliedstaaten, ein Heer von Räten, Kommissaren, Generaldirektoren und Verwaltungsräten in einer unüberschaubaren Zahl von Einzelinstitutionen mit ebenso unverständlichen Abkürzungen als Namen. Enzensberger listet eine Vielzahl auf, die erschrocken macht. Und er weist darauf hin, dass die Spitzenpositionen nicht nach Eignung, sondern nach Proporz vergeben werden, während die Beamten in der zweiten Reihe ihre Kompetenz in einem komplizierten Ausschreibungsverfahren unter Beweis stellen müssen: ohne entsprechende Ausbildung und Berufserfahrung kein Job in Brüssel.

Die Brüsseler Stellvertreter sind unbeliebt und das kommt nicht von ungefähr, denn ihr Normierungswahn kennt keine Grenzen, betont der Autor. Und wie das so ist mit einer machtbesessenen Institution, versucht sie ihre Kompetenzen immer weiter auszudehnen, obwohl das nicht im Sinne der Gründungsväter sein dürfte. Diese wollten die „Vereinigten Staaten von Europa“ viel eher unter ein Subsidiaritätsprinzip gestellt sehen, soll heißen, was in der Region entschieden werden kann, wird auch genau dort entschieden. Die Gemeinschaft hingegen sollte sich um Probleme kümmern, die kein Land alleine lösen kann, wie etwa die Luftfahrtkontrolle oder Fischfangquoten. Doch die europäischen Bürokraten haben sich durch Flexibilitätsklauseln auch da Eingriffsmöglichkeiten geschaffen, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben. Nur die Kultur blieb bisher von ihren Normierungsversuchen verschont, zu vielfältig zeigt sich dieser Bereich. Wobei Enzensberger deutlich macht, dass die Ideen für neue Normen in den Villen und Büroetagen der Lobbyisten entstehen und nicht etwa in den Köpfen der Brüsseler Abgeordneten und Beamten.

Trotz aller Ausdehnungsbemühungen ist die Europäische Union aber eine Wirtschaftsgemeinschaft geblieben, meint der Autor, denn die Wirtschaft bestimmt das Schicksal und nicht etwa die Politik. Dabei sei aber die wirtschaftliche Integration ohne Rücksicht auf die unterschiedlichen Kulturen der Länder vorangetrieben worden. Das trifft etwa auch auf die Eurozone zu, in die Länder aufgenommen wurden, die die Stabilitätskriterien gar nicht erfüllten, oder deren geschönte Zahlen nicht einmal überprüft wurden. Und so sei ein weiterer Grundsatz der Gründungsväter ausgehebelt worden, dass nämlich kein Mitgliedsstaat für die Schulden des anderen haften soll. Dank Gummiklauseln konnten diverse Rettungsschirme aufgespannt werden, die die Regelungen des Währungs- und Stabilitätspaktes schlicht umgehen und die Eurozone in eine Transferunion verwandelt haben, in der jedes Mitglied für alle anderen unbegrenzt zu haften hat. Die Spekulanten lachen sich ins Fäustchen, während der Europarat der Bevölkerung versichert, seine Entscheidungen seien „alternativlos“, was einem Denkverbot gleichkommt.

In der Trias von Parlament, Rat und Kommission verschwindet die Demokratie und wer dagegen aufbegehrt, wird als antieuropäisch denunziert. Aber das aus der Ohnmacht der Bevölkerung resultierende Desinteresse kommt den in Brüssel, Strasburg und Luxemburg kunstvoll geschaffenen Institutionen gerade recht, erklärt der Autor gut nachvollziehbar, denn die Brüsseler Bürokraten wollen und brauchen die Aufmerksamkeit der Bevölkerung nicht. Selbstkritik und Demut sind ohnehin nicht ihre Stärke. Sie leiden an Größenwahn, der keine Grenzen mehr kennt, attestiert Enzensberger und dem Leser bleibt nur die Erkenntnis, dass dies gewiss nicht das Europa ist, von dem die Völker auf dem europäischen Kontinent einst geträumt haben! /sis

Bibliographische Angaben:
Hans Magnus Enzensberger „Sanftes Monster Brüssel oder die Entmündigung Europas“
Sonderdruck Edition Suhrkamp
11. Auflage 2015, Suhrkamp Verlag Berlin, 73 Seiten
ISBN: 978-3-518-06172-5

Merkwürdig komödiantisches Spektakel

Merkwürdig komödiantisches Spektakel
Kritik zum Tatort “Murot und das Murmeltier”
ARD/HR Tatort “Murot und das Murmeltier”: LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur, li.) hat die Nase voll und verschafft sicht Zutritt zu der Wohnung einer Verdächtigen – die Kettensäge weckt allerdings das Misstrauen eines Nachbarn (Jens Wawrczeck). (Foto: HR/Bettina Müller)

Was wollte uns Drehbuchautor Dietrich Brüggemann, der auch Regie führte und für die ausgesprochen gute Musik sorgte, mit dem Tatort „Murot und das Murmeltier“ denn nun eigentlich erzählen? Die längst bekannte Geschichte von dem sich immer wiederholenden Alltag kann es nicht gewesen sein, die hätte niemanden zu Begeisterungsstürmen veranlasst. Eine Kriminalgeschichte wohl auch nicht, dazu fehlten schlicht sämtliche Zutaten. Je länger man darüber nachdenkt, um so eher wird deutlich, dass uns der Autor vielleicht einfach nur unterhalten wollte mit seinem merkwürdig komödiantischen Spektakel aus der Ecke Comedy und Slapstick. Wer erschießt schon seinen Wecker oder springt mit einem derart hässlichen Pyjama aus dem Fenster oder geht im Bademantel in einen Baumarkt?

Nein, es kann sich nur um einen Witz gehandelt haben, denn mehr gab Murots Murmeltiertag gewiss nicht her. Wer es komisch findet, wenn Leute reihenweise ohne besonderen Grund in einer Endlosschleife einfach abgeknallt werden, mag mit diesem Tatort auf seine Kosten gekommen sein. Die wahren Krimifreunde aber blieben – wieder einmal – auf der Strecke. So etwas ähnliches wie Spannung erzeugte vielleicht der Umstand, dass man nie genau wusste, was Felix Murot (Ulrich Tukur) in der nächsten Fassung seines Albtraums tun würde. Er ballerte jedesmal munter drauf los, auf seinen musikliebenden Nachbarn zum Beispiel, den vermeintlichen Bankräuber und Geiselnehmer (Christian Ehrich), der eigentlich gar nichts wollte und dessen jugendliche Komplizin (Nadine Dubois) mit Armbrust, die auch nicht wirklich ins Geschehen passte. Murots Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) war zur Statistin degradiert, genau wie alle anderen Beteiligten nichts weiter als Staffage waren. Je länger der Albtraum dauerte, um so mehr musste man befürchten, dass der LKA-Ermittler sich und anderen ernsthaft schadet, schließlich konnte er gar nicht wissen, wann denn nun ein neuer Tag mit neuem Geschehen angebrochen war, dazu war der jeweilige Auftakt zum Murmeltiertag einfach zu unterschiedlich. 

Das alles kann gefallen, als eigenständiger Film vielleicht, als Tatort aber eher nicht! Für Experimente gibt es genug Reihen auch in der ARD – der Filmmittwoch zum Beispiel. Dort hätte ein solcher Film auch mit dem großartigen Ulrich Tukur in der Hauptrolle gewiss einen würdigen Rahmen gefunden. Der Tatort aber sollte den Verantwortlichen für derartige Experimente doch eigentlich viel zu schade sein! /sis

Wirre Geschichten und viel Effekthascherei

Wirre Geschichten und viel Effekthascherei
Kritik zum Polizeiruf 110 aus Magdeburg „Zehn Rosen“
ARD/MDR Polizeiruf 110 “Zehn Rosen”: Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke) kommen am Tatort an.(Foto: MDR/Stefan Erhard)

Die Rosen waren der einzige Hinweis auf die tatsächlichen Hintergründe der beiden Mordfälle, den Drehbuchautor Wolfgang Strauch seinen Zuschauer zubilligte. Rosen als Zeichen der Liebe, und um enttäuschte Liebe ging es letztlich in diesem Polizeiruf 110 aus Magdeburg mit den wie immer durchweg schlecht gelaunten Kommissaren Doreen Brasch (Claudia Michaelsen) und Dirk Köhler (Matthias Matschke). Statt schrille Motorradbraut zeigte sich Brasch aber von ihrer sanften Seite, schwer verliebt in den Polizeipsychologen Wilke (Steven Scharf). Der Rest der Geschichte verhedderte sich in allerlei wirre Einzelerzählungen vom verlorenen Schatten des Kriminalrats Uwe Lemp (Felix Vörtler), über die schwierige Lebensgeschichte der Transfrau Pauline/Paul Schilling (Alessija Lause), den hemmungslosen Schläger Jan Freise (Sven Schelker) und den gestandenen Polizeiausbilder Ulf Meier (André Jung).

Der Autor schickte seine Zuschauer immer wieder kreuz und quer durch tragische Schicksale und belastende Geschehnisse und hielt sie mit viel Effekthascherei vom eigentlichen Kern der Geschichte fern. Zu guter Letzt wurde ein Täter für beide Morde aus dem Hut gezaubert, dessen Motiv jedoch mehr als dürftig war. Die in einem Krimi zwingend erforderliche „Fallhöhe“ – die Bedeutung dessen, was für den Täter auf dem Spiel steht – stimmte nicht. Mord aus enttäuschter Liebe ist für einen eher ruhigen, lebenserfahrenen Täter, der dem Zuschauer den gesamten Film über vorgeführt wurde, mehr als unglaubwürdig. Dafür bekam der Täter aber einen spektakulären Abgang, der aber auch nicht in die Dramaturgie eines Krimis passen wollte. Denn am Ende eines Krimis muss es Gerechtigkeit geben – der Täter muss leiden, wie seine Opfer gelitten haben. Eine wenn auch gewaltige Explosion befriedigt dieses Bedürfnis nach Ausgleich nun einmal nicht. Und so drängt sich der Eindruck auf, dass dem Zuschauer gar kein spannender Kriminalfall und dessen Auflösung präsentiert werden sollten, sondern er sich in erster Linie mit dem noch immer sehr schwierigen Alltag transsexueller Menschen auseinandersetzen sollte. Ein brisantes Thema gewiss und jeder Diskussion wert. Ob aber ein Krimi dafür den richtigen Rahmen liefert, darf man getrost in Frage stellen. /sis

Strafversetzt nach Göttingen

Strafversetzt nach Göttingen
Kritik zum Tatort „Das verschwundene Kind“
 NRD-Tatort “Das verschwundene Kind”: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Ob man den beiden Klasseschauspielerinnen Maria Furtwängler und Florence Kasumba mit den Rollen des Ermittlerduos Charlotte Lindholm/ Anais Schmitz einen Gefallen getan hat, darf bezweifelt werden. Zu krass ist nicht nur der optische Unterschied. Auch die aggressiven Ausraster der neuen Tatort-Ermittlerin mit dem schwermütigen Blick, die bereits in unzähligen Tatorten in ganz unterschiedlichen Rollen zu sehen war, können weder als lustig noch als integrationsförderlich bezeichnet werden, ganz im Gegenteil! Eine Kollegin zu ohrfeigen geht gar nicht – nie und unter keinen Umständen und schon gar nicht im öffentlich-rechtlichen Bildungsfernsehen. In diesem Tatort konnte die Kommissarin sogar ungerügt auch auf Verdächtige losgehen und der ohnehin merkwürdig ironische Chef schwieg dazu. Unerträglich!

Abgesehen davon war aber die Geschichte über eine bis zum letzten Augenblick verdrängte Schwangerschaft und dem letztlich in einer Mülltonne aufgefundenen Neugeborenen durchaus „Tatort-würdig“ mit einigen sehr bedrückenden Bildern, die man in den ansonsten unaufgeregten Krimis deutscher Machart zum Glück eher seltener sieht. Nur leider wurden in „Das verschwundene Kind“ zu viele Verdächtige mit zu vielen unterschiedlichen Motiven vorgeführt, deren Aufspüren und Vernehmen die an sich klug kombinierte Story der Drehbuchautoren Franziska Buch, Jan Braren und Stefan Dähnert unnötig in die Länge zogen. Die damit verbundenen häufigen Schauplatz- und Perspektivwechsel sorgten deshalb auch nicht für spannendes Tempo, sondern eher für ausgedehnte Strecken gepflegter Langeweile. Die Auflösung am Ende kam dann genauso überraschend wie das bis dahin erste und einzige Lächeln der beiden Kommissarinnen, die ansonsten stur und wenig ansprechend in ihrem Zickenkrieg verharrten. Das, was die LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm bisher ausgemacht hat, ihr untrügliches Gespür für Menschen und Motive und ihr etwas chaotisches Privatleben blieben diesmal gänzlich auf der Strecke. Leider! /sis

Stellbrinks Abschied ohne Tränen

Stellbrinks Abschied ohne Tränen
Kritik zum Tatort Saarbrücken „Der Pakt“
ARD/SR Tatort “Der Pakt”: Kriminalhauptkommissarin Lisa Marx (Elisabeth Brück) mit Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) bei Dr. Bindra (Franziska Schubert) (Foto: SR/Manuela Meyer)

Wirklich schlecht war er nicht, der letzte Tatort aus Saarbrücken mit Devid Striesow als Kommissar Jens Stellbrink. Auch wenn es gewiss nicht Striesows beste schauspielerische Leistung war, was aber vermutlich am Drehbuch lag. Was wollten die Buchautoren Michael Vershinin und Zoltan Spirandelli denn nun eigentlich mit ihrer Geschichte „Der Pakt“ erzählen? Dass es Flüchtlingen, die mit falschen Vorstellungen kommen, insbesondere auch den sogenannten „Illegalen“, noch immer schlecht bei uns geht? Dass sie für eine Duldung gerne auch andere Illegale an die Behörden verraten? Dass sie in großer Zahl auf die Hilfe irgendeines Mediziners angewiesen sind, dessen Qualifikation sie nicht überprüfen können? Dass die Menschen aus aller Herren Länder ihre jeweils ganz eigenen Probleme mitbringen und nicht etwa an der Grenze ablegen? Dass Frust und Enttäuschung rasch in Aggression und schließlich hemmungslose Gewalt umschlagen können? Vielleicht sollte die Geschichte von allem etwas widerspiegeln und das machte sie schließlich zu überladen. Und weil das den Autoren immer noch alles nicht reichte, ließen sie ganz nebenbei auch noch linke und rechte Ideologien aufeinanderprallen. Schwesterschülerin Anika (Lucie Hollmann), die sich aufopfernd um kranke Flüchtlinge und insbesondere um Kamal (El Mehdi Meskar) kümmerte, war mit der Ausbilderin wegen rassistischer Äußerungen aneinandergeraten. Der tragische Tod des kleinen Jungen und der spätere Selbstmord seines Bruders Kamal, der einen Pakt mit der Ausländerbehörde geschlossen hatte, um in Deutschland bleiben zu können, hatte ebenfalls nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun. Es ging vielmehr um die Ärztin Dr. Bindra (Franziska Schubert), die gar keine war. Die von ihr geschasste Schwesternschülerin Vanessa kommt hinter ihr Geheimnis und droht sie auffliegen zu lassen. Die Möchte-Gern-Ärztin bringt sie um. Eine Geschichte, die wir so oder ähnlich schon hundert Mal gesehen haben. Von den streckenweise sehr gezwungen wirkenden Verhören auf die falsche Spur gebracht, lösten die Ermittler selbst den Racheakt an Kamal und seinem kleinen Bruder und damit den Tod der beiden aus. Neben Stellbring ermittelt in dieser Folge auch wieder Lisa Marx (Elisabeth Brück), Mia Emmerich (Sandra Maren Schneider) und Horst Jordan (Hartmut Volle), die alle hinter ihren Möglichkeiten zurückblieben, weil die Verhöre statt ihrer Arbeit im Mittelpunkt standen.

Alles in allem drückten die Autoren mit dem Tatort „Der Pakt“ gehörig auf die Tränendrüse, erzeugten damit aber nicht die wohl beabsichtigte Betroffenheit. Auch beim scheidenden Kommissar Jens Stellbrink nicht, der zwar den Selbstmord Kamals wortwörtlich beweinte, ansonsten aber distanziert bis gleichgültig blieb. So wird man den bisher zu recht sehr beliebten Kommissar im Saarland und auch sonst in der Republik doch eher nicht vermissen. /sis

Verstehen, was auf der Welt vor sich geht

Verstehen, was auf der Welt vor sich geht
Rezension Gabor Steingart „Weltbeben – Leben im Zeitalter der Überforderung“

Die Welt ist verrückt geworden, das denken wohl die meisten Menschen angesichts von Krieg und Terror, politischen und wirtschaftlichen Skadalen und anderen alltäglichen Unabwägbarkeiten. Die Suche nach einer Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ aber ist ungemein kompliziert, so kompliziert wie die Welt selbst. Gabor Steingart ist es mit seinem Buch „Weltbeben – Leben im Zeitalter der Überforderung“ gelungen, die scheinbar unentwirrbaren Zusammenhänge von Politik und Wirtschaft aufzuräufeln und seinen Lesern mit klaren Worten gut nachvollziehbar offenzulegen. Er beschreibt die „Besinnungslosigkeiten des ökonomischen Größenwahns“, die Instrumente der Manipulation, mit denen uns die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft hinters Licht führen und wie sie statt nach Lösungen zu suchen, medientaugliche Geschichten erzählen. „Die Eliten kultivieren das Weghören“, konstatiert Steingart und hält den großen Knall für möglich. Aber, da ist er sicher, die Phänomene seien vom Menschen gemacht und könnten deshalb auch verändert werden. Deshalb schließt seine Analyse mit „einer hohen Dosis Zuversicht“, die allerdings nach der Lektüre des Buches nicht von jedem geteilt werden wird.

Steingarts Weltenschau beginnt mit der Überforderung und Selbstüberschätzung Amerikas. Amerika beschwört seine Größe und Einzigartigkeit, sieht sich als unverzichtbare Weltmacht und kann nicht glauben, dass nicht alle Welt das genauso sieht. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg Amerika zur mächtigsten Nation der Welt auf und dominierte alle anderen Staaten politisch, wirtschaftlich und militärisch. Doch Amerika ist schon lange keine Schutzmacht und kein Garant für Sicherheit mehr. Die Amerikaner können sich aber nicht damit abfinden, dass ihre Kultur eben nicht universell ist. Aus den vielen Lektionen des Scheiterns hat Amerika nichts gelernt und „die Misserfolge haben die USA nicht demütig, sondern rachsüchtig gemacht“.

Besondere Aufmerksamkeit widmet der Autor Europa, das von den frühen Anfängen bis 1945 nur Krieg und Gräueltaten vorzuweisen hat. Keine Seuche habe je so viel Tod gebracht, wie die mörderische Kriegslust der europäischen Völker. Erst mit der Kapitulation von Hitler-Deutschland sei Europa zur Besinnung gekommen und habe die Europäische Union als „Besserungsanstalt für fehlgeleitete Patrioten“ begründet. Ziel war die Nation zu überwinden, um Krieg zu verhindern. Dieses vernünftige Unterfangen aber sei von machtbesessenen Bürokraten in Brüssel gekapert worden. Nationalstaat und Patriotismus seien so diskreditiert worden, dass sich heute niemand mehr wage, ihnen Bedeutung beizumessen. Das einst geplante Europa in Vielfalt werde von der „europäischen Normierungsanstalt“ in einen europäischen Einheitsstaat umgewandelt. Brüssel normiert alles, von der Glühbirne bis zum Menschen. „Das Europa der Brüsseler Apparate ist ein Monster“, schreibt Steingart. Ein Monster im Übrigen, das auch Pöstchen-Selbstbedienung zu besten Konditionen beinhaltet. Politiker, die Zuhause ihren Posten verloren haben, können in Brüssel. Luxemburg oder Strasburg ein zweites Leben beginnen, ohne je wieder einem aufmüpfigen Wähler ausgeliefert zu sein. Nur wollten die Menschen sich nicht länger in diesen Schmelztiegel geworfen sehen, der alles und jeden glatt zu schleifen versuche. Brexit und Flüchtlingskrise seien nur zwei der Sollbruchstellen, die die Überforderung deutlich machten. Die europäische Idee indes sei die wertvollste, die dieser Kontinent in den letzten 100 Jahren hervorgebracht habe. Sie ermutige auch zum Widerstand gegen dieses nur halbdemokratische System, das sich als alternativlos ausgebe.

Den weltweiten Terrorismus bezeichnet der Autor als neuen Krieg der religiös motivierten Terrornetzwerke gegen die westlichen Gesellschaften. Wobei in diesem Krieg nicht etwa die Neuordnung der Welt das Ziel sei, sondern ihre Erschütterung. Wir seien nicht Opfer, sondern Beteiligte dieses globalen Krieges. Und die Regierenden, die mit ihren öffentlichen Beileidsbekundungen für die Opfer nach einem Terroranschlag auch gleich die Grundlage für die nächste Attacke bereiteten, hätten keinen Plan, wie sie dem radikal-islamistischen Terror begegnen sollen, darum redeten sie ihn klein und unterschätzten ihn damit. Die globale Organisation des extremistischen Islam und sein kulturelles Hinterland, das bis tief in die deutsche Migrantenszene reiche, werde verharmlost. Die Ursache des Terrors sieht Steingart in der jüngeren Geschichte der internationalen Politik, bei der es nicht um Demokratie und Menschenrechte, sondern einzig und allein um Interessen von Staaten gehe –im Nahen Osten um den Zugang zu Erdöl. Deshalb habe Amerika den Iran mit einem Staatsstreich zu seiner „Tankstelle“ gemacht. Während der durch den Staatsstreich an die Macht gekommene Shah Reza Pahlevi und seine Frau Farah Diba nach außen hin Glanz und Glamour verbreiteten, herrschte im Innern des Landes Folter und Unterdrückung. Der Terror habe viele Wurzeln, betont Steingart, ein dicker Strang aber führe direkt in die USA. Im Nahen Osten seien sich die Kulturkreise zu nahegekommen. Sie müssten jetzt mit Dialog wieder auf Abstand gebracht werden.

Weltweite Zerstörung löse nicht nur der Terrorismus, sondern auch die Dynamik des Kapitalismus aus. Das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der Märkte sei längst verschwunden. Und der Staat komme aus dem Retten, Regulieren und Bestrafen der Großkonzerne gar nicht mehr heraus. Die soziale Marktwirtschaft sei von den Grundlagen eines Ludwig Erhard Lichtjahre entfernt. Umsatz-, Steuer- und Sozialgesetze würden nicht mehr als Gesellschaftsvertrag verstanden, sondern als zu überwindende Zumutung. Der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts sei der Augenblicksgier verfallen, auch im Ausland. In der Finanzindustrie gar zahle man lieber Strafen, als sich an Gesetze zu halten. Und die Kreditsucht der Staaten sei dem Finanzsektor außerordentlich gut bekommen, Banken wiesen eine historische Prosperität auf. Notenbanken seien längst schon keine Währungshüter mehr, sondern Gelddruckmaschinen. Irgendwann, so Steingart, hätten die Staaten gar keine andere Wahl mehr, als die „steuerliche Leistungskraft der Leistungsfähigen“ und der Sparer anzuzapfen.

Mit Blick auf die digitale Gesellschaft rät Steingart den politischen und wirtschaftlichen Eliten lieber auf die Störgeräusche der Unzufriedenen zu hören, statt sie nur als Populismus abzutun. Industrie 4.0 bedeute für viele Menschen eine Erniedrigung und gerade gering Qualifizierte seien chancenlos. Letztlich aber verlören auch die Eliten mit der Digitalisierung ihr Monopol auf die Massenkommunikation. Konnten die Politiker ihre Überforderung bislang gut verbergen und so ihre Position sichern, ändere sich das mit der zunehmenden Zahl an Kommunikationskanälen. Als Gegenmaßnahme habe sich eine ganze Industrie von Beratern formiert, die das Image der Politiker aufbessern sollen, in dem sie schlicht die Wahrnehmung der Wähler manipulieren. (Siehe dazu auch die Artikel zu “Nudging” Teil I und II sowie die Rezension Thaler/Sunstein). „Wir alle sind die Kaninchen bei dem Versuch, diese psychologischen Techniken der Manipulation und des Verkaufens auf die Demokratie zu übertragen“, meint Steingart und nennt Bio, Öko und Nachhaltigkeit „Tarnnamen der Scharlatanerie“. Neue Europaabgeordnete etwa lernten in eigens etablierten Kursen, wie man den Wähler durch Sprache und nicht mit Taten beeinflusst. Der Ablenkungspolitiker hätte seinen großen Auftritt.

Der Autor glaubt, dass die Bürger dem Treiben der politischen und wirtschaftlichen Eliten nicht länger gleichgültig zuschauen werden. Stattdessen werde er die bisherigen Eliten in ihrem Machtanspruch begrenzen, Transparenz, Mitbestimmung Teilhabe und Kommunikation einfordert und damit die Demokratisierung der Demokratie in Gang setzen.

Fazit: Gabor Steingart stellt Politik und Wirtschaft ein sehr schlechtes Zeugnis aus. In klaren Worten zählt er auf, was schief läuft bei uns und in der Welt, wobei er auch sein eigenes Umfeld – die Medien – nicht von harscher Kritik ausnimmt. Jeder Bereich hat offenbar seine eigenen Instrumente entwickelt, um die Überforderung zu vertuschen und diese Instrumente macht der Autor in seinem Buch sichtbar. Bei seinem Blick auf die Zukunft, für die er eine stille Revolution bereits in vollem Gange sieht, ist er aber wohl zu optimistisch. Denn die Menschen haben sich längst eingerichtet in der von Politik und Wirtschaft erzeugten, überaus bequemen Hängematte der großen Illusion. /sis

Bibliographische Angaben:
Gabor Steingart: Weltbeben. Leben im Zeitalter der Überforderung
Knaus Verlag, 2016, 240 Seiten
ISBN 978-3-8135-0519-1

Dortmund hat “Rücken”!

Dortmund hat “Rücken”!
Kritik zum Tatort aus Dortmund “Zorn”
ARD/WDR Tatort “Zorn”: Mordkommission Dortmund: Martina Bönisch (Anna Schudt), Jan Pawlak (Rick Okon), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Peter Faber (Jörg Hartmann, v.l.n.r.). (Foto: WDR/Thomas Kost)

Der neue Tatort aus Dortmund war von den Faber-Fans sicher lange erwartet worden, nicht wegen eines aufregenden Krimis, sondern weil Peter Faber (Jörg Hartmann) so schön anders ist als alle anderen Tatort-Kommissare, wild, unbeherrscht, körperlich und seelisch ein Wrack. Schimanski kommt einem in den Sinn, Götz George in seiner abgetragenen Jacke. Aber gegen Faber war Schimanski eine geradezu gepflegte Erscheinung. Faber stößt ab, optisch und menschlich.

Das alleine reicht aber leider nicht, um einen Tatort-Abend unterhaltsam und spannend zu machen. Und so fehlte in der Folge „Zorn“ mit ihren düsteren Bildern aus dem Ruhrpott auch wieder alles, was man sich bei einem Tatort wünscht, eine spannend erzählte, außergewöhnliche Geschichte mit starken Charakteren, die den Zuschauer mitreißen. Davon war in „Zorn“ aus der Feder von Drehbuchautor Jürgen Werner nichts zu sehen. Vielmehr ging es erneut um Nebensächlichkeiten, wie Martina Bönischs (Anna Schudt) Rückenschmerzen, die sie zu einem Reiki-Meister führten, was wiederum gar nichts mit dem Fall zu tun hatte. Letztlich waren diese Rückenschmerzen aber irgendwie symptomatisch für diesen Tatort. Auch Nora Dalays (Aylin Tezel) massive Probleme mit ihrem neuen Kollegen Jan Pawlak (Rick Okon) spielten für die Ermittlungen zwar keine Rolle und blieben bis zum Schluss unerklärlich, sie hatten aber natürlich erhebliche Auswirkungen auf die Zusammenarbeit der beiden Jungkommissare. Am Ende gar versagten Noras Nerven, als sie hoch oben auf dem Stahlkoloss dem verzweifelten Bergarbeiter Ralf Tremmel (Thomas Lawinky) gegenüberstand und eine handfeste Panikattacke bekam, die sie völlig außer Gefecht setzte. Wenig überzeugend aber hatte Tremmel Mitleid mit der jungen Polizistin und legte den Sprengstoffzünder brav aus der Hand. Und dann waren da noch der Reichsbürger Friedemann Keller (Götz Schubert), der dem Geheimdienst in Person der sehr undurchsichtigen Dr. Klarissa Gallwitz (Bibiana Beglau) als Waffenlieferant und V-Mann zur Verfügung stand. Er lieferte den Sprengstoff für den Anschlag auf die ausgediente Zeche, die drei Kumpel nicht in einen Freizeitpark umgewidmet sehen wollten.

Warum ein Reichsbürger ausgerechnet mit einer ihm so verhassten öffentlichen Behörde Geschäfte machen sollte, blieb genauso ungeklärt wie die beiden Morde an zwei der Kumpel selbst. Wie immer, wenn der Geheimdienst im Spiel ist, wurde am Ende alles unter den berühmten Teppich gekehrt, klischeehafter geht es nicht mehr. Wieder ein Fall, der in Andeutungen endete und die eigentliche Aufgabe eines Krimis nicht erfüllte, nämlich den oder die Täter mit nachvollziehbaren Motiven dingfest zu machen. Stattdessen ging in „Zorn“ alles ziemlich durcheinander, für die Darsteller und die Zuschauer. Es war kein roter Faden erkennbar, die Ermittlungen plätscherten so dahin – und sogar Faber enttäuschte. Er zeigte sich zwar ungewaschen, aber doch gut gelaunt und stets zum Scherzen aufgelegt. Das haben seine Fans sicher nicht erwartet. So gesehen entpuppte sich der neue Fall aus Dortmund doch noch als kleine Überraschung. /sis

Spannende Geschichte, spannend erzählt

Spannende Geschichte, spannend erzählt
Kritik zum Tatort Wien “Wahre Lügen”
ARD Degeto Tatort “Wahre Lügen”: Der Mord an einer Journalistin, die zuletzt an einer Geschichte über illegale Waffengeschäfte gearbeitet hat, bringt die beiden Wiener Sonderermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer)  zu einem nicht restlos aufgeklärten Todesfall aus der Vergangenheit.  (Foto: ARD Degeto/ORF/Cult Film/Petro Domenigg)

Es war der 20. gemeinsame Fall für die Wiener Sonderermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und es war in der Tat ein ganz besonderer Fall. Eine spannende Geschichte, die zudem auch noch spannend erzählt wurde. Drehbuchautor und Regisseur Thomas Roth hielt sich dabei an die goldene Regel, die Filmemacher in jüngster Zeit nur allzu oft außer Acht lassen: Zeigen, statt reden, Bilder statt Dialoge. Immer wieder brachte er wichtige Elemente der Geschichte nur durch Bildsequenzen ein, verbunden mit geschickt eingestreuten Rückblicken auf die beiden scheinbar zusammenhängenden Mordfälle. Dazu kamen rasche Wechsel der Schauplätze, was der Folge mit dem vielsagenden Titel „Wahre Lügen“ zusätzliches Tempo verlieh.

Die Geschichte selbst sah lange Zeit nach dem ganz großen Verbrechen aus, in das höherrangige Politiker verstrickt zu sein schienen: Eine junge Journalistin wird auf dem Grund des Wolfgangsees in ihrem Auto gefunden, erschossen mit einer Pistole, die aus illegalem Waffenhandel stammt und damit zu einem älteren Fall führt, einem angeblichen Selbstmord eines österreichischen Ministers. Am Ende entpuppte sich der Mord an der Journalistin aber als eine reine Beziehungstat, als leidenschaftliche Rache von Sybille Wildering (Emily Cox) an ihrer Lebenspartnerin Sylvie Wolter (Susanne Geschwendtner) und deren neuen Freund David Weimann (Robert Hunger-Bühler). Etwas enttäuschend war das gezeichnete Bild höherer Dienststellen, die immer dann auf den Plan treten, wenn die Ermittlungen angeblich die innere Sicherheit gefährden. Das hat der Zuschauer schon viel zu oft gesehen. Und so bekamen es Bibi und Moritz wieder einmal mit Vertretern der Generaldirektion für Innere Sicherheit zu tun, was die Lösung des Falls über lange Strecken im illegalen Waffenhandel vermuten ließen. Dr. Maria Digruber (Franziska Hackl) und Lukas Kragl (Sebastian Wendelin) von der Generaldirektion wurden leider übermäßig klischeehaft dargestellt, frei nach der Devise, die Ermittler haben zu tun was sie sagen, wenn nicht, werden sie gefeuert. Schade! Das war aber der einzige Makel in diesem ansonsten wirklich spannenden Krimi, der ganz nebenbei sehr realistisch Bibis Fellners Kampf gegen die Alkoholsucht und die Bedeutung der Unterstützung durch ihren Partner Moritz Eisner thematisierte. Großartig, in jeder Hinsicht! /sis

Intervallfasten befreit die Zellen von molekularem Schrott

Intervallfasten befreit die Zellen von molekularem Schrott
Im Gespräch mit Molekularbiologe Slaven Stekovic von der Universität Graz
Wer abnehmen will muss auf die Ernährung achten. Intervallfasten allein reicht nicht auf dem Weg zum Traumgewicht.

Was ist daran an den grandiosen Schlagzeilen über die sagenhaften Gewichtsverluste beim Intervallfasten? Was macht diese Ernährungsmethode so viel besser als andere Diäten? Diese und einige andere Fragen hat “besser-klartext.de” Molekularbiologe Slaven Stekovic von der Universität Graz gestellt. Stekovic hat im Forschungsteam von Professor Frank Madeo mitgearbeitet, der bekannt ist für seine Studien über die Auswirkungen von Intervallfasten auf den Menschen.

Herr Stekovic, kann es überhaupt sein, dass man bei völlig unverändertem Essverhalten allein durch Intervallfasten etliche Kilo die Woche verliert? Das hört sich fast so an, als ob die alte Weisheit – wer mehr Kalorien aufnimmt, als er verbraucht, bekommt auf Dauer Gewichtsprobleme – beim Intervallfasten keine Gültigkeit mehr hat. Das kann doch nicht sein, oder?

Slaven Stekovic: Regelmäßige Fastenintervalle verändern unseren Stoffwechsel eindeutig, vor allem auf der zellulären Ebene. Dadurch werden unterschiedliche Mechanismen in der Zelle eingeschaltet, unter anderem auch die Autophagie – ein zelluläres “Recycling”-Programm, das dafür sorgt, dass defekte Moleküle und Organellen (zum Beispiel alte Proteine oder nicht-funktionierende Mitochondrien) aus der Zelle entfernt werden. Dadurch wird der Zelle über einen alternativen Weg die Energie zur Verfügung gestellt und als positiver Nebeneffekt wird die Zelle von dem “molekularen Schrott” befreit. Gerade das Zweite hat einen positiven Effekt auf die Funktion verschiedener Zellen und wurde in unterschiedlichen Organismen und mit Hilfe von mehreren Methoden mit Langlebigkeit in Verbindung gesetzt. Gewichtsreduktion ist beim Intervallfasten nur ein zusätzlicher Nebeneffekt, zumindest aus der Sicht eines Alters- und Zellforschers. Ob Gewichtsreduktion tatsächlich nur durch die Essenspausen oder durch dadurch verursachte aber experimentell nicht bestätigte Kalorienreduktion entsteht, ist aus den meisten Studien nicht wirklich ersichtlich. Kalorieneinnahme und -verbrauch sind immer noch gültig als Richtlinie für die Erhaltung oder Regulation des Körpergewichts. Allerdings muss man betonen, dass unser Lebensstil, inklusive unsere Essensgewohnheiten und gerade verschiedene Formen des Fastens und Kalorienreduktion, die metabolische Rate im Körper verändern können. 

Was ist denn beim Intervallfasten anders, vielleicht besser als bei anderen Ernährungsmethoden? Man muss doch in den Essensintervallen auch auf ausgewogene Ernährung achten mit allen Vitaminen und Mineralstoffen. Das ist bei keiner Diät anders.

Slaven Stekovic: Richtig! Was die Einnahme der essentiellen Mikro- und Makronährstoffen betrifft, sind verschiedene Fastenmethoden gleich wie andere diätetische Eingriffe. Es soll immer darauf geachtet werden, dass der Körper ausreichend Vitamine, Mineralien und andere gesundheitsrelevante Stoffe bekommt. Die Vorteile des Fastens liegen eher im Bereich der menschlichen Psychologie und unserer molekularen Regulation. Kontinuierliche Restriktionen verschiedener Nahrungsmittel und strikte Regulation der Nahrungsaufnahme verlangen sehr viel Disziplin. Dadurch ist es schwierig, eine sehr spezifische Diät langfristig umzusetzen. Diese werden daher eher als akute Eingriffe in unsere Ernährung verwendet. Intervallfasten lässt sich gut mit einer ausgeglichenen Ernährung kombinieren und wird sehr schnell zu einer Gewohnheit. Deswegen behaupten viele “Faster”, dass Intervallfasten “keine Diät, sondern ein Lebensstil” ist. Anders als bei vielen anderen Eingriffen in unsere Ernährung beeinflusst das Intervallfasten unser Sozialleben nur marginal, da die Ernährungsänderung nur in bestimmten zeitlichen Intervallen und nicht kontinuierlich praktiziert wird. 

Abgesehen von den sozialen Aspekten des Intervallfastens scheint ein regelmäßiger Nahrungsverzicht synchron mit unserer Biologie zu sein. Gerade in den letzten Jahrzehnten kamen einige bahnbrechende Ergebnisse aus dem Bereich der Chronobiologie, die sich mit periodischen Veränderungen in den biologischen Systemen auseinandersetzt. Für eine dieser Entdeckungen wurde sogar der Nobelpreis für Medizin und Physiologie in 2017 verliehen. Gleich wie bei der Lichtexposition scheint das Timing der Nahrungsaufnahme eine große Rolle in der Regulation verschiedener Gene zu spielen. So zeigte Professor Satchidananda Panda vom Salk Institut for Biological Studies, La Jolla, USA, dass Intervallfasten und Lichtexposition einige gemeinsame Genfamilien in den Zellen aktivieren können. Diese rhythmischen Veränderungen in unseren Zellen und unserem Körper können großen Einfluss auf das Risiko für verschiedene Erkrankungen haben und interessanterweise sind einige dieser Veränderungen auch mit Langlebigkeit und Methoden zur Lebensverlängerung in Verbindung zu setzen. Dieser Bereich der Biologie ist allerdings sehr jung und die nächsten Jahrzehnten werden uns helfen, einen tieferen Einblick in die zeitliche Regulation unserer Biologie zu bekommen.

Welche weiteren positiven Auswirkungen außer einer Gewichtsregulierung sind denn beim Intervallfasten zu erwarten?

Slaven Stekovic: Wie schon erwähnt, schaltet das Fasten die Autophagie ein. Dieser Prozess sorgt dafür, dass unsere Zellen den “molekularen Schrott” abbauen und aus alternativen Quellen Energie gewonnen wird. Die Erforschung dieses Prozesses wurde auch in 2016 mit dem Nobelpreis für Medizin und Physiologie ausgezeichnet. Die Wirkungen der Autophagieeinschaltung haben vor allem einen Effekt auf die zelluläre Langlebigkeit und Funktion. So kann durch die Einschaltung der Autophagie durch das Fasten oder verschiedene Naturstoffe (zum Beispiel Resveratrol, Spermidin, Rapamycin) die zelluläre Lebensspanne und unter bestimmten Umständen auch die Lebensspanne verschiedener Organismen verlängert werden. Die Übertragbarkeit dieser Ergebnisse auf Menschen wird gerade erforscht und in den nächsten zwei bis drei Jahren werden wir mehr über die Rolle der Autophagie bei der Lebensverlängerung wissen. Einschaltung der Autophagie steht auch in Verbindung mit der Risikosenkung für Herz- und Demenzerkrankungen, da intrazelluläre Ablagerungen dadurch beseitigt werden und die Zellfunktion länger erhalten bleibt. Fasten scheint auch bei Depressionen und Multiple Sklerose eine positive Wirkung zu haben. Weitere Studien dazu sind allerdings notwendig, bis wir wirklich genauer wissen, wie und unter welchen Bedingungen das Fasten hier eine Rolle spielt. 

Spielt die Dauer des Fastenintervalls eine Rolle und wenn ja, welche Intervalle empfiehlt die Ernährungsforscher? Was ist für den Körper besser: 16:8 oder 5/2 oder ein anderer Zeitrahmen?

Slaven Stekovic: Wir wissen es noch nicht genau, welcher zeitliche Abstand zwischen den Mahlzeiten für den Körper am besten geeignet ist. Das hängt stark von anderen Lebensgewohnheiten ab und sehr wahrscheinlich von unseren Genen. Neben den 16:8 und 5/2 Methoden gibt es zum Beispiel die sogenannte ADF (Alternate Day Fasting) Methode, in Österreich und Bayern bekannter als 10in2. Diese Methode wurde auch im Rahmen einer unserer Studien untersucht. Dabei handelt es sich um einen zweitägigen Zyklen von einem Fastentag und einem Esstag. Wir hoffen, dass wir im Laufe dieses Jahres die Ergebnisse dieser Studie veröffentlichen können.

Wie lange kann man Intervallfasten? Wochen, Monate, Jahre? Was ist noch gesund?

Slaven Stekovic: Diese Frage lässt sich noch nicht präzise beantworten. Grundsätzlich konnte die Wissenschaft noch keine Beweise liefern, die einen negativen Einfluss des Intervallfastens bestätigen konnten. Es ist eher wahrscheinlich, dass Intervallfasten langfristig positive Effekte auf die Biologie der Säugetiere und somit der Menschen haben kann, wie manche Studien von Professor Valter D. Longo (University of Southern California) und Rafael D. Cabo (National Institute on Aging) zeigen.

Es gibt eine Studie, die im Intervallfasten auch Risiken sieht: „Forscher der Universität von Sao Paulo in Brasilien haben beim jährlichen Treffen der European Society of Endocrinology in Barcelona eine neue Studie über die Auswirkungen des Intervallfastens präsentiert. In einem Experiment an Ratten fanden die Wissenschaftler heraus, dass Intervallfasten zwar zu Gewichtsverlust führen, allerdings auch der Bauchspeicheldrüse schaden und die Funktion des Hormons Insulin, das den Blutzucker reguliert, beinträchtigen kann, was wiederum zu Diabetes führen könnte.“  Wie stehen Sie dazu? Wie ist die Studienlage, gibt es neue Erkenntnisse?

Slaven Stekovic: Diese Studie wurde noch nicht veröffentlicht (es handelt sich nur um einen Abstract von einer Konferenz). Daher kann ich diese Ergebnisse noch nicht kommentieren. Je nach der Methode (Form des Intervallfastens, Zusammensetzung der Nahrung, Alter der Tiere) und durchgeführten Messungen können diese Ergebnisse für Menschen mehr oder weniger relevant sein. Grundsätzlich benötigen wir mehr Studien an Modellorganismen und vorsichtig durchgeführte klinische Studien, um die Effekte des Fastens auf unsere Biologie und Alterungsprozesse zu verstehen.

Was sollte auf jeden Fall vor dem Fastenbeginn beachtet werden?

Slaven Stekovic: Wer auf jeden Fall nicht fasten sollte, sind Kinder und Schwangere. Dies wird nicht oft genug betont, aber während des Wachstums des Körpers, ist es essenziell, ausreichend Nährstoffe zur Verfügung zu haben. Daher sollte das Intervallfasten in der Regel vor dem 25. Lebensjahr nicht empfohlen werden. Grundsätzlich ist es aber wichtiger, während als auch vor dem Fasten gewisse Sachen zu beachten. Zum Beispiel sollte man auf ausreichende Flüssigkeitsaufnahme und ausreichend Bewegung achten. Eine ausgewogene Ernährung ist sehr wichtig, denn der Körper bekommt nicht laufend die Möglichkeit, verschiedene Stoffe aufzunehmen. Aus praktischen Gründen ist es einfacher, unter der Woche zu fasten als am Wochenende, da wir unter der Woche mit anderen Sachen beschäftigt sind und den Heißhunger dadurch leichter überstehen. 

Vielen Dank für das Gespräch! /sis

Slaven Stekovic betreibt einen eigenen Blog (stekovic.com), auf dem er über seine Forschungen zu Langlebigkeit und Alter berichtet.

Mehr über die “InterFAST” Studie von Professor Madeo gibt es unter http://www.naturalrhythmeating.org/

Bericht über einen Selbstversuch mit der Methode 16:8 “Intervallfasten – gut, aber keine Wunderwaffe

Spannender Krimi mit überraschendem Ende

Spannender Krimi mit überraschendem Ende
Kritik zum Tatort aus Köln:  Weiter, immer weiter
ARD/WDR Tatort “Weiter, immer weiter”: Polizist Frank Lorenz (Roeland Wiesnekker, r.) hat neue Informationen, die für die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, Mitte) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, l.) wichtig sind. Doch eigentlich soll er sich aus den Mord-Ermittlungen heraushalten. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Endlich wieder einmal ein neuer Tatort, der sein Publikum gut zu unterhalten wusste. Nicht zuletzt das überaus beliebte Ermittlerduo Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), dem der Fall stets wichtiger ist als persönliche Empfindlichkeiten und der außergewöhnlich starke Auftritt von Polizist Frank Lorenz (Roeland Wiesnekker) machten die Folge „Weiter, immer weiter“ zu einem spannenden Krimi mit überraschendem Ende. Vielleicht hätte man „Mecki“ Mechthild Lorenz (Annette Paulmann) etwas weniger realistisch darstellen können, um dem Zuschauer wenigstens den Hauch einer Chance beim Mitraten zu geben. So aber war nicht erkennbar, dass Mecki nur noch in der Einbildung von Lorenz existierte, der durch den Unfall bei der nächtlichen Verkehrskontrolle an den Selbstmord seiner Schwester erinnert in eine klassische Paranoia abrutschte. Mit den alltäglichen, manchmal nur schwer erträglichen Folgen seines stressigen Berufs konfrontiert, brauchte der bis dahin schon nicht unauffällige Polizist einen Schuldigen und fand ihn in dem russischen Geschäftsmann Nikolai Nikitin (Vladimir Burlakov). Er erfand und konstruierte alle möglichen Beweise, um seinen alten Freund Freddy „Schenky“ Schenk von seiner Mafia-Theorie zu überzeugen. Schenk vertraute lange auf Lorenz‘ Professionalität und verfolgte ein ums andere Mal der von Lorenz gelegten Spur, auch gegen Max Ballaufs Willen.

Die Beschreibung des Polizeialltags, das Abdriften in psychische Erkrankungen, die miesen Geschäfte mafiöser Strukturen und der Alltag kleiner Drogendealer, die ebenfalls Wahn und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden können, ist den Drehbuchautoren Jan Martin Scharf und Arne Nolting in „Weiter, immer weiter“ gut nachvollziehbar gelungen. Ballaufs und Schenks wiederholte Kabbeleien und Norbert Jüttes (Roland Riebling) betont nervige Langsamkeit lieferten die unterhaltsamen Elemente dieser ansonsten bedrückenden Geschichte. Die Erwartungen an den Tatort Köln waren nach den vielen enttäuschenden Tatorten der letzten Wochen sehr hoch. Und tatsächlich gelang es Ballauf und Schenk das interessierte Tatort-Publikum etwas zu entschädigen. /sis

ARD/WDR Tatort “Weiter, immer weiter”: Betrachten sich das Phantombild eines Gesuchten: Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, l.) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, r.) mit ihrem Assistenten Norbert Jütte (Roland Riebeling, Mitte) im Besprechungsraum des Präsidiums. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke).

Viel Klamauk, mehr aber auch nicht!

Viel Klamauk, mehr aber auch nicht!
Kritik zum Tatort Weimar „Der höllische Heinz“
ARD Tatort “Der höllische Heinz” (Foto: MDR/ Wiedemann&Berg/Anke Neugebauer)

Der Tatort aus Weimar mit den Kommissaren Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) hatte ja noch nie einem besonders hohen Anspruch an krimitypische Spannung. “Witzig” ist wohl das Schlagwort, das die Inhalte der Tatorte aus Weimar am ehesten beschreibt. Aber will man das sehen, wenn man am Sonntagabend das Erste einschaltet – Klamauk statt Krimi? Wohl eher nicht. Als spaßige Komödie zur Fastnachtszeit hätte „Der höllische Heinz“ wegen der zahlreichen Kalauer sicher mindestens fünf von sechs Sterne verdient. Als Tatort fehlte aber einmal mehr der nötige Ernst.

Dorn und Lessing ermittelten auch in der Westernstadt El Doroda wieder nur zu ihrem persönlichen Vergnügen. Um sie herum starben Menschen, was sie aber scheinbar nicht tangierte. Nach der Gasexplosion am Ende der Geschichte, bei der zwei Menschen völlig unnötig ums Leben kamen, bestiegen die beiden mit ein paar lockeren Sprüchen über den wegen “Masern” abgesagten Besuch der Schwiegermutter ein Pferd und ritten glücklich davon. Statt – was jeder normale Mensche getan hätte – zur Abwehr der Gasexplosionsgefahr im Hause des Täters Heinz Knapps (Peter Kurth) die Fenster aufzureißen, rettete Kira Dorn nur ihren Ehemann und überließ Kapps und den Anführer der Motorradgang “Bones”, Nick Kircher (Martin Baden), einfach ihrem Schicksal. Bitter und obendrei auch schlicht strafbar, weil unterlassene Hilfeleistung! Anders als bei den ebenfalls immer um Humor bemühten Tatorten aus Münster fehlt es den Kommissaren in Weimar an Respekt, Respekt gegenüber ihrer Arbeit, den Opfern und auch den Menschen in ihrer Umgebung. Das ist schade, denn die eigentlich Geschichte der Drehbuchautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger, unter einem Freizeitgelände wertvolle “Seltene Erden” zu finden und über deren Eigentumsrechte einen erbitterten Kampf zu inszenieren, ist großartig. Auch, dass das Freizeitgelände ein Western-Park war, ist nicht unbedingt verkehrt. Nur ging das Thema schlicht unter im Wild-West-Getümmel von Kira Dorn als heißem Cowgirl und Polizist Ludwig Maria Pohl genannt „Lupo“ (Arndt Schwering-Sohnrey) als treffsicherem Cowboy. Irgendwie hegte man als Zuschauer ununterbrochen die Erwartung, dass gleich Michael “Bully” Herbig und Christian Tramitz um die Ecke kommen. Wie gesagt, nicht schlecht, aber eben kein Tatort! /sis

ARD MDR Tatort “Der höllische Heinz”: Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner) bei ihrem Undercover-Einsatz in der Westernstadt El Doroda. (Foto: MDR/Wiedemann&Berg/Anke Neugebauer)

Jeder bekommt, was er verdient

Jeder bekommt, was er verdient
Kritik zum Tatort Luzern „Friss oder Stirb“
ARD Tatort “Friss oder Stirb”: Die beiden Ermittler Liz Ritschard (Delia Mayer, 3. v. li.) und Reto Flückiger (Stefan Gubser, re.) geraten in eine Geiselnahme. Der arbeitslose Mike (Mišel Matičević, 2. v. li.) hält Anton Seematter (Roland Koch, 2. v. re.) und dessen Tochter Leonie (Cecilia Steiner, li.) und Ehefrau Sofia (Katharina von Bock) in Schach. (Foto: ARD Degeto/ORF Daniel Winkler)

Das war doch endlich wieder ein Tatort, der Spannung und beste Unterhaltung bot, wenn auch streckenweise sehr überzeichnet. Sicher ist Überzeichnung ein gebräuchliches Stilmittel, um Unterschiede oder Verhaltensweisen deutlich herauszustellen. Wird damit aber übertrieben, erzeugt es, weil einfach zu unrealistisch, eher Unbehagen. Die Szene mit dem Maschinengewehr im Keller etwa oder auch die plötzliche Brutalität und Raffinesse der bis dahin schüchternen und zurückhaltenden Ehefrau. Und auch die Tatsache, dass die Täterinnen wieder einmal nicht überführt werden konnten, war für den Zuschauer wenig befriedigend.

Dafür überraschte aber der Rest der Geschichte: Die übermäßig verwöhnte Tochter, die ihre angeborenen Privilegien für „verdient“ hält. Der perspektivlose Geiselnehmer, der nur will, was ihm zusteht. Der superreiche Unternehmer, der erst einmal die Forderung des Geiselnehmers nachrechnet und nach oben korrigiert – dabei aber leider vergisst, die Arbeitslosen- und Hartz-IV-Beträge, die in der in Rede stehenden Zeit gezahlt würden, abzuziehen. Ein Fehler, den ein echter Profifinanzjongleur sicher niemals machen würde. Die Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) stolpern mehr oder minder zufällig in die Geiselnahme und können der bedrohten Familie Seematter nicht wirklich helfen. Sie werden überraschend schnell auch Opfer des Geiselnehmers Mike Liebknecht (Misel Maticevic). Nur Hausherr Anton Seematter (Roland Koch, der durch seine brillante Darstellung des cleveren Machers rasch vergessen lässt, dass er den Zuschauern als Tatort-Ermittler Matteo Lüthi bekannt ist) bietet dem Geiselnehmer Paroli. Ihm ist auch lange vor den Kommissaren und Zuschauern klar, dass Tochter Leonie (Cecilia Steiner) die von Flückiger und Ritschard gesuchte Mörderin ihrer Universitätsprofessorin ist. Leonie hatte schlicht keine Lust, ein Semester zu wiederholen. Derart verwöhnten Kids mag das durchaus als Motiv für einen Mord genügen. Nicht passen will hingegen das ambivalente Verhalten von Hausherrin Sofia Seematter (Katharina von Bock), die ihren vermeintlich untreuen Ehemann bei der ersten Gelegenheit brutal hinrichtet, auch gleich den Geiselnehmer erschießt und ihm dann vor der Polizei – jetzt wieder als armes, hilfsbedürftiges Opfer – den Mord an ihrem Mann in die Schuhe schiebt. Das passte ebenso wenige wie die von Seematter abgegebenen Maschinengewehrsalven. Da ist wohl die Fantasie mit den Drehbuchautoren Jan Cronauer und Matthias Tuchmann durchgegangen. Nichts desto trotz ist dieser Tatort einer der ganz wenigen in diesem Jahr, die ihrem Anspruch – nämlich den Zuschauer spannend zu unterhalten – wirklich gerecht werden. /sis

Wo Geld ist, sind Recht und Gesetz ohne Bedeutung

Wo Geld ist, sind Recht und Gesetz ohne Bedeutung
Kritik zum Tatort aus Frankfurt “Der Turm”
ARD Tatort “Der Turm”: Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich). (Foto: HR/Degeto/Bettina Müller)

Und jetzt? Das hat sich gewiss so mancher Zuschauer am Ende des neuesten Tatorts aus Frankfurt mit dem Titel „Der Turm“ gefragt. Eine tote Edel-Prostituierte, ein erschossener Motorradfahrer, aber kein Täter. Nicht einmal greifbare Ermittlungsergebnisse gab es. Dafür wurden die üblichen Klischees bedient, dass nämlich Staatsanwälte nicht unbedingt im Interesse der Aufklärung von Verbrechen handeln, Kommissare ungestraft Vorschriften außer Acht lassen dürfen, und dass vor dem Gesetz alle gleich, manche aber eben doch sehr viel gleicher sind. Geld regiert die Welt, und wo es um Geld geht, ist für Recht und Gesetz keinen Platz. Das war es, was die Macher dieses Tatorts – Buch und Regie wieder einmal in Personalunion, diesmal von Lars Henning – den Zuschauern vermittelten. Ansonsten war die Geschichte so verschwommen wie die Bilder von Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich), da halfen auch die Aufklärungsversuche von Kommissar Paul Brix (Wolfram Koch) nichts, der sich ohnehin sehr schwer tat in der Welt der Banker und Geldjongleure. Man nahm im „Turm“ die Polizei schlicht nicht ernst und entzog sich mit Hilfe der aalglatten Anwältin und Geschäftsführerin Dr. Rothmann (Katja Flint) recht plump allen Ermittlungsversuchen. Und selbstverständlich gelang es den Superreichen ihre Interessen zu wahren, indem sie mögliche Informanten der Polizei mit entsprechend Barem mundtot machten, Leichen einfach verschwinden ließen und den Kommissar, wenn er ihnen zu nahekam, unsanft auf die Straße beförderten. Das war es dann auch schon. Mehr hatte der Film nicht zu bieten, die Geschichte plätscherte so vor sich hin, keine überraschenden Wendungen, keine Spannung. Dafür aber viel Unverständliches: Kommissare im Alleingang, blutrünstige Träume ohne Sinn, abgegebene Pistolen, die nicht wieder abgeholt werden und niemandem fällt das auf, ein Pförtner, der bei einem totalen Stromausfall einfach auf seinem Stuhl sitzen bleibt und zwei IT-Nerds, die klischeehafter nicht hätten dargestellt werden können. Das war also wieder nur einer von vielen Tatort-Erstausstrahlungen im Jahr 2018, die man nicht noch einmal sehen möchte. /sis

Alles schläft, einsam wacht – der enttäuschte Zuschauer

Alles schläft, einsam wacht – der enttäuschte Zuschauer
Kritik zum Tatort aus dem Schwarzwald “Damian”
SWR Tatort “Damian”: Die Kommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und Luka Weber (Carlo Ljubek) kämpfen mit Akten, Beobachtern und Übermüdung. (Foto: SWR/Benoit Linder)

Eine echte Herausforderung war der Tatort aus dem Schwarzwald mit dem Titel „Damian“. Allerdings nicht an den Intellekt des Zuschauers, sondern schlicht und ergreifend an seine Geduld. Bis zum Schluss liefen zwei Fälle recht gemächlich nebeneinander her, die – wie sich erst am Ende herausstellte – wieder einmal gar nichts miteinander zu tun hatten. Krimiliebhaber, die Verdachtsmomente bei dem schizophrenen Studenten Damian (Thomas Prenn) suchten, wurden bitter enttäuscht. Denn Damian war einfach nur die dritte Leiche im Portfolio der Drehbuchautoren Lars Hubrich und Stefan Schaller, der auch für die Regie verantwortlich zeichnete. Nur wurde Damians viel zu ausführliche Geschichte zeitversetzt erzählt: er war längst tot, als die Kommissare ihn vernahmen. Letztlich hatte er ja auch nichts zu tun mit dem eigentlichen Mord, den die durchweg schläfrigen und ohnehin sehr farblosen Kommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und in Vertretung von Friedemann Berg Luka Weber (Carlo Ljubek) leider nur nebenbei aufzuklären hatten: ein im Wald erschossenes Liebespaar. Als Täter entpuppte sich recht überraschend ein am Anfang kurz eingeführter Rentner, dem das Auto gestohlen worden war. Autodieb war ein weiterer armer Irrer in dieser konfusen Posse, Johann von Bülow, der als Peter Trelkovsky seinen ganz besonderen Spaß mit Frauenunterwäsche hatte. Für den Zuschauer gab es keine Möglichkeit, das im wahrsten Wortsinn „neblig-trübe“ Spiel zu durchschauen. Spannung mochte nicht aufkommen und das Mitgefühl für Damian und die Kommissare hielt sich in recht engen Grenzen.

Dachte man schon beim letzten Tatort aus dem Schwarzwald mit dem Titel „Sonnewende“ schlimmer geht’s nimmer, wurde man mit „Damian“ eines Besseren belehrt. Schlimmer geht offenbar immer, beim Tatort. Nur gut, dass im Anschluss bei der Konkurrenz ein neuer Fall mit Inspektor Barnaby ausgestrahlt wurde. Das versöhnte das geschundene Tatort-Krimiherz. Und als dann auch noch Barnabys ehemaliger Sergeant Ben Jones in einer Gastrolle auftauchte, war der wieder einmal mehr als enttäuschende Tatort aus dem Schwarzwald rasch vergessen. Barnaby, das ist typisch britischer Humor gepaart mit einer fantasievollen Geschichte und mitreißenden Schauspielern in sympathischen Rollen. So geht Krimi! /sis

 

Von Meuffels im Liebeskummerwahn

Von Meuffels im Liebeskummerwahn

Kritik zu Polizeiruf 110: “Tatorte”

Polizeiruf 110 “Tatorte”: Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) (Foto: BR/Christian Schulz)

 

Zum letzten Mal war Matthias Brandt in der Rolle des Kriminalhauptkommissars Hanns von Meuffels im Polizeiruf 110 mit dem Titel „Tatorte“ zu sehen. Aber zum ersten Mal in seinen insgesamt 15 Fällen stand sich der sonst so engagierte Ermittler permanent selbst im Weg. Er war erfüllt von Liebeskummer und hatte nur seine verlorene Liebschaft Constanze Hermann (Barbara Auer) im Sinn, die mitsamt seinem Dampfbügeleisen aus der gemeinsamen Wohnung an die Polizeischule nach Nürnberg entschwunden war. Der Fall wurde zur absoluten Nebensache – in jeder Hinsicht. Schon früh hatte von Meuffels Assistentin Nadja (Maryam Zaree) einen Verdächtigen ausgemacht: Jochen Fahrenholz (Stephan Zinner) soll seine Ex-Frau vor den Augen seiner Tochter Jasmina (Aurelia  Schikarski) erschossen haben. Das zumindest behauptete die Kleine steif und fest. Punkt. Fertig. Fall gelöst! Ab nach Nürnberg und die Geliebte zurückgeholt. Als das nicht klappte, kaufte sich von Meuffels ein neues Dampfbügeleisen, während die Assistentin auf ein altes Gutachten der getöteten Frau stieß, die sich als Psychiaterin mit massiven psychischen Problemen entpuppte, die Männer und ganz besonders ihren ehemaligen, über alles hasste. Und so bescheinigte sie einem kleinkriminellen Vater absolute Erziehungsunfähigkeit. Sein Kind kam daraufhin zu Pflegeeltern und dort zu Tode. Das war der Grund für seine Rache und den Mord an Jasminas Mutter. Wieso das Mädchen den eigenen Vater beschuldigte, wieso der Mörder wusste, dass die Mutter an diesem Morgen auf dem Gelände eines Autokinos mit ihrem Exmann verabredetet war, blieb im Dunkeln, genauso wie vieles andere auch an diesem Fall. Die Frage „War er es wirklich?“ stand von Anfang bis Ende im Raum – fast den gesamten Film über mit Blick auf Jasminas Vater. Erst als die Assistentin kurz vor Schluss besagtes Gutachten und damit einen neuen Verdächtigen quasi aus dem Hut zauberte, rückte der in den Fokus der dann recht kurzen Ermittlungen: Assistentin Nadja klopfte an seine Tür – während von Meuffels wieder seinem Liebeskummer frönte. Der Verdächtige öffnete und schoss unvermittelt. Nadja bracht tödlich getroffen zusammen. Wieder: Punkt. Fertig. Fall gelöst? Fast: Von Meuffels nämlich, der zugesehen hatte, wie seine junge unerfahrene Kollegin in die Falle tappte, hat endlich genug. Er quittiert den Dienst. Das wiederum bringt ihm seine geliebte Constanze zurück oder auch nicht. Denn auch das bleibt unklar. Immerhin findet das Dampfbügeleisen seinen Weg zurück – dorthin, wo es hingehört.

Dieser Fall war gewiss kein Ruhmesblatt für den scheidenden Kommissar Hanns von Meuffels und auch der Zuschauer tat sich schwer mit der wirren Geschichte, die aus der Feder des sehr erfahrenen Drehbuchautors Christian Petzold stammt, der auch Regie führte. Nur ist ein Verdächtiger, der erst kurz vor Schluss aus dem Nichts auftaucht, eigentlich ein kapitaler Anfängerfehler und absolut verpönt in jedem Krimi, egal ob Film oder Buch! Der Zuschauer fühlt sich verschaukelt! Aber hier ging es nicht um einem Krimi, sondern in erster Linie um von Meuffels Liebeskummer – von der ersten bis letzten Minute. Der Kriminalfall war nur Bei- und Füllwerk als Begründung für den Ausstieg aus dem Polizeidienst. In solch desolater Verfassung jedenfalls wird man den Kommissar von Meuffels gewiss nicht vermissen. Sehr wohl vermissen wird man aber den grandiosen Schauspieler Matthias Brandt beim Polizeiruf 110. War er doch einer der besten Ermittler in der Serie und beim Publikum längst so beliebt und hoch geschätzt wie einst sein berühmter Vater, unser ehemaliger Bundeskanzler Willy Brandt. /sis

Brutale Mörder als Opfer inszeniert

Brutale Mörder als Opfer inszeniert
Kritik zum Tatort Ludwigshafen – Vom Himmel hoch

ARD/SWR Tatort: Vom Himmer hoch – Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter), das neue Tatort-Ermittlerteam in Ludwigshafen. (Foto: SWR/Sabine Hackenberg)

Ein Politthriller sollte es werden, der Tatort aus Ludwigshafen mit der in die Jahre gekommenen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und der blutjungen Anfängerin Johanna Stern (Lisa Bitter). Was der Zuschauer aber zu sehen bekam, war wieder einmal der plumpe Versuch, brutalste Mörder als Opfer zu inszenieren. In diesem Fall drei Verdächtige mit jeweils eigener, gewiss tragischer Geschichte. Aber rechtfertigen persönliche Erlebnisse und Schicksalsschläge den Mord an anderen?

Gerade bei der am Ende als Mörderin des Psychiaters Professor Steinfeld überführten Heather Miller (Lena Drieschner) wollte kein Mitleid aufkommen. Schließlich hat sie ihren Dienst beim Militär freiwillig angetreten, niemand hat sie gezwungen mit Drohnen Jagd auf Frauen, Kinder und Alte zu machen. Dass sie diese Tätigkeit letztlich in den Wahnsinn und damit in die Arme des renommierten Psychiaters getrieben hat, war als Krimivorlage aber durchaus geeignet, nur die Hintergründe wollen nicht so recht passen. Krieg und Vernichtung haben in einem Sonntagabend-Krimi nichts verloren. Und so waren die beiden eingestreuten Kriegssequenzen auch reichlich fehl am Platz und obendrein entbehrlich. Das komplexe Thema „Drohne als gnadenlose Präzisionswaffe” lässt sich ohnehin nicht am Rande eines Kriminalfalles bearbeiten.

Auch die beiden anderen Verdächtigen, ein kurdisches Brüderpaar, gab sich alle Mühe, als Opfer Verständnis für seine Attentatspläne zu wecken. Aber das erläuternde Bekennervideo sorgte allenfalls für ratloses Kopfschütteln: “Wir fühlen uns recht wohl hier, können aber die bundesdeutsche Verlogenheit nicht länger tolerieren und bestrafen euch deshalb mit Tod und Vernichtung”, so ihre verquere Botschaft.

Witzigerweise aber gelingt es in diesem „Politthriller“ der in der tiefsten Provinz tätigen Kommissarin Lena Odenthal aus einem gelben Plastikfetzen, einigen Zeitungsartikeln und dem Einsatzbericht über zwei fotografierende Ausländer ein Attentat vorherzusagen und damit letztlich sogar zu verhindern. Das lässt CIA und BND mit ausgeklügelter Technik und Spezialtrupps für jede Eventualität doch ziemlich schlecht aussehen.

Schlecht ausgesehen hat auch so manch andere Szene in diesem Tatort: Etwa Dr. Christa Dietrich (Beate Maes), Kollegin des ermordeten Psychiaters, die sich einen Eimer Putzwasser macht, dann aber den Lappen nicht ein einziges Mal in den Eimer taucht. Oder der arrogante Oberstaatsanwalt (Max Tidof), dem wieder einmal sein eigener Ruf wichtiger war als Recht und Gesetz, ein gern bedientes Klischee in deutschen Krimis. Ganz schlecht sah natürlich auch Kommissarin Johanna Stern aus, die ganz arglos in die Wohnung einer kampferprobten Soldatin stapfte und sich dann schnell in Unterwäsche an die Heizung gefesselt wiederfand. Und auch Lena Odenthals Rettungsschussaktion warf beim Zuschauer einige Fragen auf: Wie kann es sein, dass sich die Sicherheitsbeamten einfach zurückziehen ohne das geringste Interesse für die Attentäterin und die rettende Polizistin? Lena erschießt Heather Miller, bleibt ganz allein mit ihr zurück und darf anschließend völlig unbehelligt den Tatort verlassen?

Und genauso rätselhaft für die Zuschauer bleibt natürlich das plötzlich freundschaftliche Verhältnis zwischen Lena Odenthal und ihrer jungen Kollegin Johanna Stern. In den vorangegangenen Tatorten aus Ludwigshafen kannte der Zickenkrieg der beiden keine Grenzen. Und jetzt präsentieren sie sich als beste Freundinnen mit der Aussicht auf die große Liebe? So sehr kann Lena Odenthal ihren Mario Kopper doch gar nicht vermissen! Zusammenfassend aber kann man durchaus sagen: Es gab schon schlechtere Tatorte aus Ludwigshafen. /sis

 

Viel zu kurz gedacht

Viel zu kurz gedacht
Rezension Mary Beard: Frauen und Macht

Das entscheidende Buch zu Feminismus und Gleichberechtigung, ein leidenschaftlicher Aufruf an Frauen, sich jetzt die Macht zu nehmen, ein Buch, das weltweit Furore macht – so und ähnlich lauten die Schlagzeilen zu Mary Beards Büchlein „Frauen und Macht“. Das macht natürlich neugierig, doch leider ist die Enttäuschung nach der Lektüre auch entsprechend groß. Denn das gerade einmal 112 Seiten umfassende Heftchen, eine Zusammenstellung aus Vorträgen der sehr bekannten britischen Historikerin Mary Beard, verfängt sich in Geschichten einer längst vergessenen Zeit, sucht den Ursprung für die bis heute nachwirkende Frauenfeindlichkeit ausschließlich im Leben der Frauen im antiken Griechenland und Rom. Frauen, denen Dichter wie Homer in der Odyssee das Recht auf die öffentliche Rede absprachen, Frauen, die die Macht an sich gerissen, sie missbraucht und ein entsprechend großes Chaos angerichtet haben. Wahre Monsterfrauen, die von den Männern in ihre Schranken gewiesen werden mussten. Frauen, deren gespenstische Abbilder noch heute dazu benutzt werden, um führende Politikerinnen wie Theresa May, Hillary Clinton oder auch Angela Merkel zu diskreditieren: Das drastischste Beispiel dafür ist die Abbildung einer Medusa, die die Gesichtszüge von Hillary Clinton trägt und deren abgeschlagener Kopf von Donald Trump siegessicher in die Höhe gereckt wird.

Unser kulturelles Modell einer mächtigen Persönlichkeit ist männlich, Schwachheit ist weiblichen Ursprungs, schreibt die Autorin. Und so ist es schon die schrille, winselnde Stimme der Frau, die ihr das Recht auf freie, öffentliche Rede seit der Antike abspricht und damit den Zugang zur Macht verwehrt. Äußert eine Frau eine abweichende Meinung, dann schreibt man das ihrer Dummheit zu. Machen Frauen einen Fehler gibt man sie zum Abschuss frei, männliche Patzer hingegen werden mit Nachsicht behandelt, hatte er eben einen schlechten Tag. Frauen, die das Rederecht fordern, gelten noch heute als Mannweiber. Und tatsächlich präsentieren sich mächtige Frauen meist in Hosenanzügen. Ein Fehler, wie Mary Beard meint. Es gelte vielmehr gerade nicht dem männlichen Muster zu entsprechen. Als positives Beispiel für diese These führt sie Margaret Thatcher mit ihrem Handtaschen-Tick an, die sich damit klar von ihren männlichen Konkurrenten abzugrenzen wusste. Die Autorin kommt zu dem Schluss, der Ausschluss der Frauen von der Macht sei tief in Kultur, Sprache und Geschichte des Abendlandes verwurzelt. Als Lösung bietet sie an, den Begriff der Macht vom damit verbundenen Prestige zu trennen und neu zu definieren. Wie das zu erreichen und was damit gewonnen wäre, bleibt die Autorin ihren Lesern aber schuldig.

Mein Fazit: Das Buch ist eine sicher interessante Zusammenstellung weiblicher Diskriminierung in der Antike. Nur greift es viel zu kurz, wenn die Autorin deren Auswirkungen noch heute im defizitären Verhältnis von “Frau und Macht” sieht. Denn im Laufe der Jahrtausende gab es immer wieder und immer mehr Frauen, die Gehör fanden und über erhebliche Macht verfügten ohne zerstörerische Absichten, Herrscherinnen, Kämpferinnen, Wissenschaftlerin und Forscherinnen, unzählige Beispiele von Cleopatra über Hildegard von Bingen bis Katharina die Große ließen sich anführen. Wer sich für  Geschichte und Geschichten antiker Frauen interessiert, wird nicht enttäuscht. Wer neue Ideen und Ansätze für Gleichberechtigung und Feminismus erwartet, sollte sich nach anderer Literatur umschauen. /sis

Bibliographische Angaben:
Mary Beard: Frauen und Macht: Ein Manifest gegen das Schweigen
S. Fischer Verlag, 2019, 112 Seiten
ISBN 978-3-10-397399-0

Hochspannung bis zur letzten Minute

Hochspannung bis zur letzten Minute
Kritik zum Tatort aus München: Wir kriegen euch alle

ARD/BR-Tatort: Wir kriegen euch alle. Die Kinderpsychologin Jenschura (Anne Werner) bespricht sich mit den Kriminalhauptkommissaren Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec), Sie vermutet, dass es um Kindesmissbrauch geht. (Foto: BR/Hendrik Heiden)

Es war schon ein heftiges Thema, das sich die Drehbuchautoren Michael Comtesse und Michael Proehl für den 80. Tatort aus München vorgenommen hatten: Kindesmissbrauch in all seinen schmutzigen Facetten. Gelungen ist ihnen ein Krimi der Extraklasse mit Hochspannung von der ersten bis zur letzten Minute.

Zwar war schon früh erkennbar, dass Gretchen keinesfalls ein Missbrauchsopfer sein konnte, zu keck und selbstbewusst gab sich das kleine Mädchen (großartige Lily Walleshauser). Dennoch überraschte das Ende selbst den aufmerksamen Zuschauer. Nicht ein bedauernswertes Opfer war hier zum Täter geworden, sondern ein arrogantes, verwöhntes Bürschchen, zerfressen von Neid und Missgunst wegen der von den Eltern offensichtlich bevorzugten kleinen Schwester Gretchen. Louis (Jannik Schümann) drohte die Vertreibung aus dem bis dato paradiesischen „Hotel Mama“ – und er trat seinem zugegeben recht dominanten Vater dafür mit ganz konkreten Mordplänen gegenüber, für die er sein gesamtes Umfeld einschließlich Freund Hasko (Leonard Carow), selbst Opfer von Missbrauch im Kindesalter und Mitglied der recht merkwürdigen Selbsthilfegruppe “überlebender Missbrauchsopfer”, geschickt zu manipulieren wusste.

Nicht nur die durchweg spannend erzählte und immer wieder aufs Neue überraschende Geschichte wusste zu überzeugen, auch die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) präsentierten sich in einer inzwischen für einen Tatort schon eher ungewöhnlichen Professionalität – abgesehen von Leitmayrs Faustschlag in das Gesicht eines misshandelnden Vaters. Darüber hinaus gab es kein Gezänk, keine privaten Scharmützel, nichts was den positiven Eindruck trüben könnte. Dafür glänzten sie mit ungemeiner Kreativität: Da wurde auf Bäume geklettert, Verdächtige beschattet und undercover ausspioniert, sogar eine Rolltreppe in die Gegenrichtung bezwungen und das Handy am Wischmopp aus dem Kellerfenster gehalten. Keine Mühe war den beiden zu groß, um des Täters habhaft zu werden. Und auch Humor kam nicht zu kurz, dem Thema angemessen aber niveauvoll und zurückhaltend. Bravo!

Anzumerken bleibt einzig, dass Puppe Senta absolut keine Chance hätte je in ein Kinderzimmer vorgelassen zu werden. Niemand würde diese Puppe  mit den grässlich kalten, stahlblauen Augen einem kleinen Mädchen in den Arm legen und kein Kind könnte eine solche schon rein optische Monsterpuppe jemals lieb haben! /sis

Nicht gerade kreative Ermittlerarbeit

Nicht gerade kreative Ermittlerarbeit

Polizeiruf 110: Der Fall Sikorska – Die Kommissare Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) stoßen bei ihren Recherchen auf einen alten Fall. (Foto: rbb/Oliver Feist)

Aktuelle Kritik zum Polizeiruf 110: Der Fall Sikorska

Eigentlich erwartet der Zuschauer gewiss zu Recht von einem Sonntagabend-Krimi, ob nun Tatort oder Polizeiruf 110, in erster Linie spannende Unterhaltung. Was Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und ihr polnischer Kollege Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) aber im Polizeiruf 110 aus Frankfurt an der Oder zu bieten hatten, war allenfalls lahme Polizeiarbeit, die in erster Linie aus ziemlich viel Fußarbeit bestand. Die beiden Kommissare marschierten meist getrennt von einer Befragung zur nächsten, nur um am Ende jeweils nicht mehr zu erfahren, als sie ohnehin schon wussten. Kreativität bei den Ermittlungen, die Verdächtigen in die Enge treiben, sie vielleicht wütend zu machen und damit zu Fehlern zu zwingen, also all das, was einen guten Krimi ausmacht, fehlte im “Fall Sikorska”! Befragung reihte sich an Befragung und so hatte es der Zuschauer zum Schluss mit einem Heer von Mitwirkenden zu tun, die zum Teil mit nur einer Information in winzigen Nebenrollen aufgetaucht waren.

Inhaltlich ging es um Gewalt an Frauen. Das Klischee vom alternden Mann, hier der Arzt Gerd Heise (Götz Schubert), mit besonderem Interesse für junge Mädchen wurde bedient nach dem Motto: besser sie tut was er sagt, will sie seine sexuellen Übergriffe lebend überstehen. Dazu gab es eine Ehefrau (Lina Wendel) die partout das Offensichtliche nicht sehen wollte. Heise hatte in beiden Fällen im wahrsten Wortsinn „seine Finger im Spiel“. Er reagierte auf sämtliche Anschuldigungen aber merkwürdig gelassen und entpuppte sich am Ende tatsächlich nur als einer von zwei Mördern. Der andere, der ein junges Au-pair-Mädchen ermordet hatte, war nichts weiter als ein unreifes Bürschchen (Filip Januchowki) auf dem gleichen Trip. Die beiden Fälle wurden dem Zuschauer bis zum Schluss als zusammenhängend verkauft, obwohl sie gar nichts miteinander zu tun hatten. Doch nicht nur das enttäuschte, sondern auch die fehlende Erläuterung des Motivs: Gerd Heise wurde zwar des Mordes an seiner Stieftochter überführt, warum er sie aber umgebracht hat, blieb im Dunkeln. War es ein Unfall? Hat die Stieftochter ihn erpresst? Oder wollte sie nicht, wie er wollte?

Auch die Twitter-Gemeinde verlor immer wieder die Lust am Bildschirmgeschehen und beschäftigte sich vermehrt mit Nebensächlichkeiten, die deutschen Untertitel beispielsweise, oder sie dachten darüber nach, ob im deutsch-polnischen Grenzgebiet wirklich so perfekt zweisprachig gelebt wird. Und natürlich fehlte vielen immer noch Horst Krause auf seinem knatternden Motorrad mit Hund im Beiwagen. Der Ansatz des länderübergreifenden Ermittlerteams ist zwar nicht schlecht, aber Kollege Adam Raczek fehlt es an Ausstrahlung und das Paar Lenski/Raczek will einfach nicht so recht zusammenpassen. Schade eigentlich!

Nur ein dummer Hund?

Nur ein dummer Hund?

Schlau oder dumm: Wie man Mensch um den Finger wickelt, wissen alle Hunde!

Noch zu Beginn des Jahrtausends schrieb der kanadische Psychologe und ausgewiesene Hundekenner Stanley Coren: „Die Wissenschaft wird wohl nie ganz verstehen, was Hunde über Kommunikation, Problemlösen, Vergangenheit, Zukunft, Gott, Zeit und Philosophie wissen“. Das deckte sich damals schon nicht mit den Erfahrungen von Hundehaltern, die tagtäglich erleben, dass ihr vierbeiniger Liebling sehr wohl versteht, was man ihm sagt – auch wenn er nicht immer danach handelt und die Ohren, so hat man den Eindruck, ohnehin nur zum Saubermachen da zu sein scheinen. Inzwischen hat aber auch die Wissenschaft Fortschritte gemacht und der Verhaltensbiologe Professor Dr. Norbert Sachser hat mit seinen Erkenntnissen das Weltbild in der Tierverhaltensforschung dramatisch verändert. „Tatsächlich hat die Verhaltensbiologie in den letzten Jahr(zehnt)en große Fortschritte bei der Untersuchung der kognitiven (und emotionalen) Leistungen der Tiere gemacht und unter anderem nachgewiesen: Einige von ihnen können denken, können sich im Spiegel erkennen, können sich in andere hineinversetzen, haben offenbar zumindest Ansätze von Ich-Bewusstsein“, teilt Professor Sachser auf Anfrage von besser-klartext.de mit. Den aktuellen Kenntnisstand hat er in seinem Buch „Der Mensch im Tier“ allgemeinverständlich zusammengefasst (Der Mensch im Tier). Demnach weiß man heute, dass Tiere sich sogar ärgern können, sie trauern und tricksen.

Hundehalter können davon ein Lied siegen – ist es doch dieser tiefsinnige Blick, mit dem jeder Hund sein Herrchen oder Frauchen einmal rund um alle Finger wickelt. Insoweit deckt sich das natürliche Empfinden von Hundefreunden durchaus mit dem derzeitigen Stand der Wissenschaft – zumindest bis die englischen Forscher Dr. Britta Osthaus von der Canterbury Christ Church University und Stephen Lea von der University of Exeter im Oktober 2018 in einer Studien nachwiesen, dass Hunde durchweg nicht so schlau sind wie gedacht, sondern im Vergleich mit anderen Tieren sogar schlechter abschneiden. Die beiden Wissenschaftler haben dazu mehr als 300 Dokumente über die Intelligenz von Hunden und anderen Tieren ausgewertet und fanden heraus, dass man in vielen Fällen die Fähigkeiten von Hunden überbewertet hatte. (Studie).

Das enttäuscht den Hundeliebhaber – aber nur auf den ersten Blick. Denn letztlich haben Menschen, die ihr Leben mit Hunden verbracht haben, längst selbst die Erfahrung gemacht, dass es erhebliche Unterschiede in den kognitiven Fähigkeiten – also in Wahrnehmung und Denken – von Hunde gibt. Der eine Vierbeiner ist wissbegierig, lernt schnell und gern, ist gehorsam und zu allerlei Späßen aufgelegt. Der andere Hund aber will von all dem einfach nichts wissen. Er spielt nicht, kuschelt nicht und weiß auch sonst nicht viel mit sich und den Menschen in seinem Rudel anzufangen. Er braucht nur seine Spaziergänge, gutes Futter und das möglichst reichlich und ansonsten seine Ruhe! Stanley Coren hat sogar eine Rangliste der intelligentesten und dümmsten Hunderassen aufgestellt (Stanley Coren, Die Intelligenz der Hunde, Rowohlt Taschenbuch 1997, ISBN 9783499602467). Aber haben die unterschiedlichen Verhaltensweisen wirklich etwas mit Intelligenz zu tun? Denkt der Hund über sein Tun nach? Oder macht Hund in jedem Fall einfach nur was er will? Ist der dumme Hund am Ende nicht schlauer als der Gehorsame, weil er sich eben nicht von seinem Menschen zu etwas zwingen lässt, stattdessen instinktgetreu genau das tut, wonach ihm gerade ist? Fragen über Fragen, auf die die Wissenschaft noch immer keine Antworten gefunden hat und vermutlich auch nicht finden wird. Denn auch die Wissenschaft kann das Verhalten von Hunden mit allerlei Experimenten, Untersuchungen und Studien nur interpretieren. Ob die jeweilige Deutung aber tatsächlich stimmt, weiß letztlich doch niemand ganz genau! /sis

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