Verroht die Gesellschaft wirklich?

Kein Tag vergeht mehr, an dem wir nicht von der „Verrohung der Gesellschaft“ hören. Alle möglichen Ereignisse werden damit begründet: Schlägereien oder Schlimmeres auf offener Straße, Angriffe auf Rettungsdienste und Polizei und nicht zuletzt wüste Beschimpfungen in Internetforen.

Auf den ersten Blick scheinen solche Ereignisse rein zahlenmäßig zuzunehmen, auch wenn man wahrscheinlich selbst noch nicht Opfer von Gewalttaten oder Beleidigungen geworden ist. Also stimmt es, dass unsere Gesellschaft zunehmend „verrohrt“? Und wenn ja, warum ist das so und was können wir dagegen tun?

Schaut man sich um in der Welt, sind Erklärung rasch gefunden. Große Konzerne handeln global, der Bürger aber lebt noch immer lokal. Früher gab es eine soziale Verantwortung der meist mittelständischen Unternehmer ihren Mitarbeitern gegenüber. Der Chef eines Global Players aber kennt seine Leute gar nicht mehr, warum sollte er Empathie entwickeln für völlig Fremde? Bei den Menschen schürt das die Angst vor Arbeitsplatzverlust und damit verbundenem sozialem Abstieg und erhöht zugleich den Leistungsdruck. Das Gefühl der Ohnmacht greift um sich, man kann nichts tun, muss es ertragen. Dieses Gefühl, nicht handeln zu können, sich nicht wehren zu dürfen, endet in Frust und entlädt sich in Wut. Neu ist das nicht. Ganz im Gegenteil. Nur haben wir früher von einem, der ausgerastet ist, höchsten in lokalen Zeitungen gelesen. Heute erfahren wir durch das Internet von wirklich jedem, der irgendwie aus der Rolle gefallen ist. Und genau das passiert doch, wenn Polizei oder Rettungskräfte angegriffen werden, die als Autorität stellvertretend für die „Obrigkeit“ handeln.

Auch früher wurde geschimpft und gezetert was das Zeug hält und gar nicht selten flogen am Ende auch die Fäuste und zwar an den Stammtischen, die es in jedem Lokal gab. Heute haben sich die Diskussionen ins Internet verlagert, schon weil es auf dem Land fast keine Lokal und mithin auch keine Stammtische mehr gibt. Im Internet werden zwangsläufig weit mehr Menschen erreicht, als eben nur die aktiven Stammtischbrüder und deren Familien und vielleicht noch Freunde. Sechs Menschen, sechs Meinungen, das war auch schon immer so. Und herzlich war die Sprache bei einem solchen Meinungsaustausch garantiert auch nicht. Gerade bei Reizthemen – Hundehaufen auf der Straße oder die gern gehasste Politessen zum Beispiel -, jagen Beleidigungen hin und her, und enden eben nicht in einer nützlichen Diskussion, wie sich das die Politiker so gerne ganz im Sinne der Demokratie wünschen. Wenn Weltanschauungen aufeinanderprallen – egal ob es sich um typisch populistische Themen vor Ort oder die große Weltpolitik handelt -, dann geht es zur Sache. Das ist mit der Gerechtigkeitsdebatte, Flüchtlingskrise und Globalisierung nicht anders. Nur beteiligen sich am digitalen Austausch von Beleidigungen eine weitaus größere Zahl von Meinungen. Dann bilden sich schnell Allianzen und es tut doch so gut, wenn jemand sagt (oder besser schreibt): Aber genau, du hast Recht!

Doch was haben wir anderes erwartet? In ihrem Buch „Die digitale Verrohung“, macht Gina Schad, eine Medienwissenschaftlerin, die sich durch Interviews mit fünfzehn Experten ausführlich mit dem Thema auseinandersetzt, nachvollziehbar klar, dass mit den Millionen an Nutzern eben nicht nur Intellektuelle mit Niveau die Forenbeiträge bereichern. Ganz im Gegenteil: Bei viel zu vielen sprechen allein schon die sprachlichen Fähigkeiten Bände. Das Internet ermögliche aber auf der anderen Seite eine öffentliche Diskussion, an der sich jeder jederzeit beteiligen könne. Die Zeit der einseitigen Darstellung von Sachverhalten sei unwiderruflich vorbei. Und darauf müsse sich die Gesellschaft erst einstellen. Noch aber gäbe es keinen Knigge fürs Internet. Und so lange das so ist, müssten Dauerpöbler rigoros ausgeschlossen werden. Nur darauf zu warten, dass die Community sie zurechtweist, sei in der Übergangsphase schlicht nicht genug. (Ausführliche Buchbesprechung hier). Der Gesetzgeber ist also gefragt, der die rechtlichen Rahmenbedingungen für das noch relativ neue Medium definieren muss, sowie Bildungseinrichtungen und Elternhaus, die unsere Kinder auf die Welt des Internets und die hoffentlich bald herrschenden Benimmregeln vorbereiten. Bis dahin hilft nur eine dauerhafte Sperre für all jene, die sich nicht zu benehmen wissen.

Mit dem Thema Beleidigungen beschäftigt sich auch Jan Sudlarek in seinem Buch „Der Aufstieg des Mittelfingers – Warum Beleidigungen heute zum guten Ton gehören“. Allerdings liefert er keinerlei Begründung für seine Behauptung und füllt die 252 Seiten mit langatmigen Begriffserläuterungen und öden Allgemeinplätzen. Er sieht die Ursache des Problems in geänderten Zeiten und der damit einhergehenden Änderung der Sprache. (Ausführliche Buchbesprechung). Am Ende wenig überraschend besteht denn auch sein Lösungsansatz für das vermeintliche Problem nur darin, an seine Leser zu appellieren, doch Anstand und gegenseitigen Respekt walten zu lassen, egal ob am Stammtisch oder im Internet.

Menschen sind nun einmal unterschiedlicher Auffassung und das ist auch sehr gut so. Gab es den gefürchteten Shitstorm früher ganz wortwörtlich am Pranger mitten im Dorf, schwappt die Welle der Empörung heute vor unser aller Augen eben durchs Netz. Deshalb sollte hinterfragt werden, ob der subjektive Eindruck, es gäbe eine zunehmende Gewaltbereitschaft sowohl in den Fäusten als auch in der Sprache, nicht zum überwiegenden Teil nur der Tatsache geschuldet ist, dass eine unendliche Zahl von Internet-Seiten täglich neues Kanonenfutter braucht. Und genau damit kommt das Problem der Gaffer in den Blick. Die meisten erhoffen sich von einem spektakulären Foto eines entsetzlichen Unfalls nämlich Ruhm und Anerkennung im Netz oder gar bare Münze, wenn sie ihr Foto meistbietend verkaufen können. Früher hatte man eben den Fotoapparat nicht zur Hand! Auch die neuerdings inflationsartig steigende Zahl an sogenannten Bürgerreportern trägt zu diesem Problem bei. Abhilfe schaffen drakonische Strafen: Gaffer, die Bilder von Unfällen machen: Führerschein weg! Im Wiederholungsfall lebenslang. Wetten, dass das Problem ganz schnell erledigt ist? /sis

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