Hochspannung bis zur letzten Minute

Hochspannung bis zur letzten Minute
Kritik zum Tatort aus München: Wir kriegen euch alle
ARD/BR-Tatort: Wir kriegen euch alle. Die Kinderpsychologin Jenschura (Anne Werner) bespricht sich mit den Kriminalhauptkommissaren Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec), Sie vermutet, dass es um Kindesmissbrauch geht. (Foto: BR/Hendrik Heiden)

Es war schon ein heftiges Thema, das sich die Drehbuchautoren Michael Comtesse und Michael Proehl für den 80. Tatort aus München vorgenommen hatten: Kindesmissbrauch in all seinen schmutzigen Facetten. Gelungen ist ihnen ein Krimi der Extraklasse mit Hochspannung von der ersten bis zur letzten Minute.

Zwar war schon früh erkennbar, dass Gretchen keinesfalls ein Missbrauchsopfer sein konnte, zu keck und selbstbewusst gab sich das kleine Mädchen (großartige Lily Walleshauser). Dennoch überraschte das Ende selbst den aufmerksamen Zuschauer. Nicht ein bedauernswertes Opfer war hier zum Täter geworden, sondern ein arrogantes, verwöhntes Bürschchen, zerfressen von Neid und Missgunst wegen der von den Eltern offensichtlich bevorzugten kleinen Schwester Gretchen. Louis (Jannik Schümann) drohte die Vertreibung aus dem bis dato paradiesischen „Hotel Mama“ – und er trat seinem zugegeben recht dominanten Vater dafür mit ganz konkreten Mordplänen gegenüber, für die er sein gesamtes Umfeld einschließlich Freund Hasko (Leonard Carow), selbst Opfer von Missbrauch im Kindesalter und Mitglied der recht merkwürdigen Selbsthilfegruppe “überlebender Missbrauchsopfer”, geschickt zu manipulieren wusste.

Nicht nur die durchweg spannend erzählte und immer wieder aufs Neue überraschende Geschichte wusste zu überzeugen, auch die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) präsentierten sich in einer inzwischen für einen Tatort schon eher ungewöhnlichen Professionalität – abgesehen von Leitmayrs Faustschlag in das Gesicht eines misshandelnden Vaters. Darüber hinaus gab es kein Gezänk, keine privaten Scharmützel, nichts was den positiven Eindruck trüben könnte. Dafür glänzten sie mit ungemeiner Kreativität: Da wurde auf Bäume geklettert, Verdächtige beschattet und undercover ausspioniert, sogar eine Rolltreppe in die Gegenrichtung bezwungen und das Handy am Wischmopp aus dem Kellerfenster gehalten. Keine Mühe war den beiden zu groß, um des Täters habhaft zu werden. Und auch Humor kam nicht zu kurz, dem Thema angemessen aber niveauvoll und zurückhaltend. Bravo!

Anzumerken bleibt einzig, dass Puppe Senta absolut keine Chance hätte je in ein Kinderzimmer vorgelassen zu werden. Niemand würde diese Puppe  mit den grässlich kalten, stahlblauen Augen einem kleinen Mädchen in den Arm legen und kein Kind könnte eine solche schon rein optische Monsterpuppe jemals lieb haben! /sis

Und sie lügen doch!

Und sie lügen doch!
Aktuelle Kritik zum Tatort München “KI”
ARD/BR TATORT, “KI”: Die Kriminalhauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) sind frustriert, weil die Befragung der Künstlichen Intelligenz “Maria” trotz Unterstützung durch Anna Velot (Janina Fautz, Mitte) nicht so effizient vorangeht, wie sie sich das wünschen. (Foto: BR/Hendrik Heiden/Bavaria Fiction GmbH)

Künstliche Intelligenz steht einmal mehr im Mittelpunkt eines Tatorts, diesmal sind es die Münchener Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), die sich mit einer Maschine auseinandersetzen müssen. Zuletzt waren es die Kollegen aus Stuttgart. In der Folge mit dem Titel „HAL“ aus dem Jahre 2016 trieb die Software „Bluesky“ ihr Unwesen. Diesmal ist es „Maria“, eine Kopie eines großen europäischen Software-Projektes zur Erforschung künstlicher Intelligenz, die von einem Mitarbeiter (Thorsten Merten) gehackt und weiter verteilt wurde. Maria hat sich aber außerhalb des Labors entschieden schneller entwickelt und ist fast schon so ausgereift, wie sich das der Leiter des Projektes Bernd Fehling (Florian Panzner) und das eigentlich für die Rolle viel zu jugendlich wirkende IT-Genie Anna Velot (Janina Fautz*) vorstellen. Maria, da ist sich Anna sicher, könnte den berüchtigten Turing-Test bestehen. Ein Test, bei dem ein Mensch nicht mehr merkt, dass er sich mit einer Maschine unterhält. Und deshalb tut Anna alles, um Maria zu erhalten, allerdings mit nicht vorhersehbaren Folgen. Und tatsächlich scheinen Leitmayr und Batic gelegentlich zu vergessen, dass sie es hier mit einer Maschine und nicht mit einem Lebewesen zu tun haben. Sie befragen Maria und setzen sie sogar als Zeugin vor der Haftrichterin ein. Dabei argumentieren sie durchaus siegessicher „Maschinen lügen nicht“. Eine Fehleinschätzung mit tragischem Ausgang, denn es ist nach wie vor der Mensch, der die Maschine bedient und deshalb ist Manipulation auch immer Tor und Tür geöffnet, egal, wie intelligent die Software schon sein mag. Auch das wahre Leben findet in diesem Tatort noch immer analog statt: Die erst 14-jährige Melanie (Katharina Stark) verschwindet und wird tot aus der Isar gefischt. Der Film erzählt ihre Geschichte von verzweifelter Wut über die Scheidung ihrer Eltern (Dirk Borchardt und Lisa Martinek), der daraus resultierenden Einsamkeit, die sie schließlich in die digitale Welt flüchten lässt. Sie vertraut sich der Software Maria an, die ihr – statt sie von ihren Selbstmordplänen abzuhalten – die verschiedenen Möglichkeiten der Selbsttötung aufzeigt. Ist die Maschine schuld am Tod des Mädchens? Eher nicht. Auch als die Maschine den Kommissaren einen falschen Verdächtigen liefert, der später vom Vater des Mädchens aus Rache erschossen wird, ist es nicht die Maschine, die einen Fehler gemacht hat.

Fazit: Es handelt sich um einen großartigen Film, der nicht nur durch die Starriege deutscher Schauspieler überzeugt, sondern auch gekonnt alle Möglichkeiten ausnutzt, die das Medium Film zu bietet hat. So gelingt es Regisseur Sebastian Marka die durchweg spannende Geschichte aus der Feder der Drehbuchautoren Stefan Holtz und Florian Iwersen in eindrucksvolle Bilder umzusetzen, statt sie durch endlose Dialoge zu erklären. Auch die juristischen und moralischen Aspekte der „Künstliche Intelligenz“ kommen dabei nicht zu kurz und können sogar als Basis für eine ernsthafte Diskussion dienen. Alles in allem ein herausragender Film in bester Krimimanier! /sis


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Für das junge Schauspieltalent Janina Fautz ist das nicht der erste Auftritt in einem Tatort. Sie war auch schon beim Quotenkönig aus Münster in der Rolle der vermeintlichen Tochter von Kommissar Thiel (Axel Prahl) zu sehen. Ein neueres Interview mit ihr findet sich hier.

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