Beste Krimiunterhaltung aus Wien

Beste Krimiunterhaltung aus Wien
Kritik zum Tatort Wien „Unten“
ARD Degeto Tatort “Unten”: Bibi Fellner (Adele Neuhauser), Manfred Schimpf (Thomas Stipsits), Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) am Tatort. (Foto: ARD Degeto/ORF/Superfilm/Philipp Brozsek)
Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) müssen Tina Kranzinger (Maya Unger, re.) zur Wahrheit erst überreden. (ARD Degeto/ORF/Superfilm/Philipp Brozsek)

Ein schwieriges Thema hatten sich die Drehbuchautoren Thomas Christian Eichtinger und Samuel R. Schultschik für ihren Wiener Tatort „Unten“ ausgesucht – Leben auf der Straße und die damit verbundenen Gefahren. In diesem Fall traf es einen obdachlosen Journalisten, der auch unter schlimmsten Bedingungen mit Leidenschaft seinem Beruf nachging, nur dass ihm wegen seines Alkoholproblems niemand mehr seine Geschichten abkaufen wollte. Nicht einmal Bibi Fellner (Adele Neuhauser) wollte ihrem ehemaligen Informanten Gregor Aigner (Jonathan Fetka) noch Glauben schenken. Umso niedergeschlagener war die Wiener Sonderermittlerin als sie in der in einem verlassenen Industriegelände aufgefundenen Leiche Gregor wiedererkannte. Ihre Schuldgefühle ließen sie denn auch erst einmal mehr hinter der Ermordung vermuten, als die am Tatort gefundenen Beweise eigentlich hergaben. Kollege Oberleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) ließ sich dennoch rasch von Bibis Zweifeln an einem Streit zwischen Obdachlosen um Drogen oder Alkohol überzeugen. In mühevoller Kleinarbeit ermittelten die beiden im Schneckentempo und wieder einmal gegen den ausdrücklichen Willen ihres Chefs „Ernstl“ Rauter (Hubert Kramar) zusammen mit Assistent Manfred „Fredo“ Schimpf (Thomas Stipsits) die wahren Hintergründe für Gregors Ermordung. Der hatte tatsächlich einen Riesenskandal um die von Anfang an sehr verdächtige Ärztin Dr. Steiner-Reeves (Jutta Fastian) und den Leiter des Obdachlosenheimes Frank Zanger (Michael Pink) aufgedeckt: Organhandel. Nur wollte ihm niemand glauben! Und dann wurde es am Ende richtig spannend: Als Fellner und Eisner schließlich doch auf der richtigen Spur waren und endlich den Standort der illegalen „Klinik“ herausgefunden hatten, ging es für eine gerade erst in die Obdachlosigkeit abgerutschte junge Frau (Johanna Wallner) und ihren Sohn Tobi (Finn Reiter), deren beklemmendes Schicksal den Zuschauern in einem zweiten Erzählstrang vor Augen geführt wurde, wahrhaftig um Leben und Tod. Dr. Steiner-Reeves hatte schon mit der Entnahme von Organen der jungen Frau angefangen, als die Wiener Sonderermittler mit einer Spezialeinheit gerade noch rechtzeitig die illegale „Klinik“ stürmten.

Obwohl die Geschichte an sich durch viele Personen und Umwege sehr in die Länge gezogen wirkte, verlor der Zuschauer doch nie das Interesse. Unaufgeregt gingen Bibi Fellner und Moritz Eisner zu Werke und doch mit viel Empathie für die Menschen und ihre Schicksale, denen sie im Laufe der Ermittlungen begegneten. Zusammen mit dem dramatischen Ende bot der Tatort aus Wien wieder einmal beste Krimiunterhaltung. /sis

Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) besuchen nach Abschluss der Ermittlungen noch einmal die Obdachlosen Sackerl-Grete (Inge Maux), die ihnen sehr geholfen hatte. (Foto: ARD Degeto/ORF/Superfilm/Philipp Brozsek)

Das “personifizierte höherwertige Interesse”

Das “personifizierte höherwertige Interesse”
Kritik zum Tatort “Krank” aus Wien
ARD Degeto Tatort “Krank”: Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser). (Foto: ARD Degeto/ORF/Lotus Film/Anjeza Cikopano).
Maria Ana Moreno (Sabine Timoteo) prügelt sich durch Wien, um sich für den Tod ihrer Tochter zu rächen. (Foto: ARD Degeto/ORF/Lotus Film/Anjeza Cikopano)

Die Wiener Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) waren bisher immer Garant für einen besonderen Krimiabend. Das gelang auch mit ihrem neuesten Tatort mit dem Titel „Krank“ aus der Feder von Hubert Henning, der auch Regie führte. Ungetrübt war das Vergnügen aber nicht. Zwar spiegelte der Fall den immer aktuellen und brandgefährlichen Konflikt zwischen Schul- und Alternativ-Medizin, verstrickte sich aber in zu viele Nebenschauplätze. Nicht zuletzt der übermäßige Einsatz der Voice-over-Technik behinderte das Verständnis der Zusammenhänge. Voice-over sorgt für Tempo. Die nächste Szene beginnt, während der Dialog der vorherigen Szene noch weiter zu hören ist oder umgekehrt. Wenn aber mehr als die Hälfte des Films Bild und Ton nicht dasselbe erzählen, wird es sehr kompliziert. Im Vordergrund laufen Bilder bereits vergangener oder nächster Geschehnisse – auch das war nicht immer auf den ersten Blick unterscheidbar – und im Hintergrund werden durch Sprache Informationen oft sogar zu einem ganz anderen Geschehen geliefert. Hier hat es Regisseur Hubert Henning schlicht und ergreifend übertrieben und die hochemotionale Geschichte um den Tod eines kleinen Mädchens und die Verzweiflung der Mutter, die ihr Kind nicht sehen und ihm nicht helfen durfte, nur unnötig belastet. Weniger ist meist eben doch mehr. Und das wäre es in diesem Fall gewiss gewesen. Denn die Story an sich bot genug Sprengstoff für einen spannenden Krimi mit überraschenden Wendungen. Dazu hätte es weder der südamerikanischen Guerillamethoden von Maria Ana Moreno (Sabine Timoteo) bedurft, noch des Erzfeindes von Eisner Heinz Roggisch (Jan Erik Rippmann), auch wenn es ohne ihn Eisners Entführung und Fast-Ermordung am Ende der Geschichte nicht gegeben hätte. Wenn ein ernsthaft erkranktes Kind in die Fänge von unseriösen Heilern gerät und sich daraus ein Rachefeldzug der vom Vater gänzlich aus dem Leben ausgeschlossenen Mutter entwickelt, dann reicht das für eine Geschichte. Die von den Heilern entwickelte Judas-Strategie, um mit Hilfe einer Fusion mit einem Pharmakonzern und der Unterstützung durch eine dubiose Beraterfirma auch künftig satte Gewinne zu generieren, hätte eine eigene Geschichte verdient.

Spannend war es allemal, auch wenn die Spielereien des Regisseurs das Verständnis der Zusammenhänge erst im zweiten Anlauf ermöglicht. Krassnitzer und Neuhauser verstehen es aber wie kein zweites Tatort-Ermittlerteam, die Schwächen einer Geschichte durch starkes Spiel mehr als auszugleichen. Es macht Spaß, den beiden zuzuschauen, sie sind einfach das „personifizierte höherwertige Interesse“. /sis

Heinz Roggisch (Erik Jan Rippmann) will sich an Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, re.) rächen dafür, dass er ihn einst verfolgt und damit aus Wien und der Nähe seiner Mutter vertrieben hat. (ARD Degeto/ORF/Lotus Film/Anjeza Cikopano)

Philosophiestunde für Moritz Eisner

Philosophiestunde für Moritz Eisner
Kritik zum Tatort Wien „Baum fällt“
ARD/ORF Tatort “Baum fällt”: Ein Mordfall ohne Leiche – für Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) hat ihr Beruf immer noch Überraschungen parat. In der Bergwelt Kärntens muss das Wiener Tatortduo den Tod eines unbeliebten Holzbarons aufklären, der im eigenen Heizkessel verbrannt ist. (Foto: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga Rader)
In dem Brennofen wurde die Leiche offenbar verbrannt. Übrig gelieben ist nur ein künstliches Schultergelenk. (Foto: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga Rader)

Unterhaltsam war er, der neue Tatort „Baum fällt“ mit den Wiener Ermittlern Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Ein klassischer Kriminalfall, zwar ohne Leiche, aber mit einem Ermordeten, unzähligen Verdächtigen und einem alten Freund Eisners – Alois Feining, gespielt von Karl Fischer, einem sehr bekannten Krimigesicht. Als Sergente Vianello spielt Fischer seit vielen Jahren in den Donna Leon-Verfilmungen an der Seite von Commissario Brunetti in Venedig. Es ist immer schwierig, wenn ein so bekanntes Gesicht plötzlich in einem anderen Film auftaucht, aber Karl Fischer ist ein großartiger Schauspieler, der sehr schnell und überzeugend einen völlig anderen Charakter verkörpern kann. Das war es aber auch schon mit den Großartigkeiten dieses Tatorts. Geschichte und Charaktere waren eher durchschnittlich, zwar krimitauglich aber mit wenig Spannung erzählt. Abgesehen von der Philosophiestunde, die Moritz Eisner über sich ergehen lassen musste, hatte dieser Tatort nicht viel Überraschendes zu bieten, außer fantastischen Aufnahmen der Kärntner Bergwelt. Die Ermittlungen gestalteten sich eher zäh, Bibi Fellner spielte leider nur eine untergeordnete Rolle, was der sonst üblichen Spannung zwischen den beiden Ermittlern und der sich daraus ergebenden Komik doch recht abträglich war. Das Augenmerk lag auf dem Erinnerungsaustausch zwischen Eisner und Feining untermalt mit fetzigen Stones-Hits. Nicht schlecht, aber eben auch nicht umwerfend. Wie schon recht früh zu erahnen, nahm Polizeichef Feining eine weitaus bedeutendere Rolle im Geschehen um den Mord an dem Sägewerkinhaber Hubert Tribusser (Christoph von Friedl) ein, ein Mord, der eigentlich gar keiner war, sondern sich am Ende als Notwehr entpuppte. Warum der Polizeichef aus dieser eindeutigen Situation durch Vertuschen ein Verbrechen konstruierte, bleibt das Geheimnis der Drehbuchautorin Agnes Pluch. /sis

V. li. n. re.: Bibi (Adele Neuhauser), der Werksleiter (Vitus Wieser), Friedl Jantscher (Michael Glantschnig), Harald Krassnitzer (Moritz Eisner). (Foto: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga Rader)

Kurzweilige Unterhaltung mit viel subtilem Humor

Kurzweilige Unterhaltung mit viel subtilem Humor
ARD Degeto Tatort “Glück allein”: Von links: Raoul Ladurner (Cornelius Obonya), Julia Soraperra (Gerti Drassl), Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer). (Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)
Kritik zum Tatort Wien „Glück allein“
Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ziehen einen rätselhaften Fall an sich. (Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)

Es ist schon eine ganz besondere Beziehung, die die beiden Wiener Tatort-Ermittler Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser) im Laufe von inzwischen über 20 Fällen entwickelt haben. Sie geben sich gerne als kaputte Charaktertypen, für die sowieso alles schon längst zu spät ist. Und genau so ermitteln sie mittlerweile auch, kompromisslos, ohne Rücksicht auf Verluste und sehr gerne gegen alle Anweisungen von oben. Ihr Chef, Oberst Ernst „Ernstl“ Rauter (Hubert Kramar), hat dadurch oft genug seine liebe Mühe, die beiden BKA-Ermittler vor dem Unmut höherer Stellen zu bewahren. Denn nicht selten geht es in den Fällen aus Wien um politische Scharmützel, um Korruption und Filz bis in die höchsten Kreise der österreichischen Politik. So auch in ihrem neuesten Fall mit dem Titel „Glück allein“, in dem der Parlamentarier Raoul Ladurner (Cornelius Obonya) die verbrecherischen Machenschaften der ukrainischen Geschäftsfrau Natalia Petrenko (Dorka Gryllus) als Leiter eines Untersuchungsausschusses ans Licht der Öffentlichkeit bringen will. Doch dann liegen seine Frau und Tochter tot in ihrem Haus. Moritz Eisner und Bibi Fellner möchten gerne ermitteln, dürfen es aber erst einmal wieder nicht. Der Innenminister persönlich will, dass die Kollegin Julia Soraperra (Gerti Drassl) den Fall übernimmt und die findet nur allzu schnell einen Verdächtigen, einen Einbrecher, der bei seinem Raubzug von Ladurners Frau und der erst zehnjährigen Tochter überrascht worden ist und  die beiden dann in Panik erstochen haben soll. Ladurner selbst beschuldigt natürlich die ukrainische Geschäftsfrau. Als der Verdächtige, auch ein Ukrainer, schließlich selbst tot in seiner Zelle liegt, lassen Eisner und Fellner sich nicht mehr aufhalten und schnell führt ihre Spur zu Ladurner, der sich als alles andere als ein aufklärerischer Saubermann und unbescholtener Politiker und Familienvater entpuppt.

Die Geschichte von Drehbuchautor Uli Brée ist nicht ganz einfach zu durchschauen und durch den in dieser Folge recht breiten Dialekt zumindest für den bundesdeutschen Zuschauer nicht an jeder Stelle auf Anhieb zu verstehen. Und am Ende bleiben auch einige entscheidende Fragen offen, etwa warum Ladurner seine Tochter rauschgiftsüchtig gemacht hat. Dazu hat der von Catalina Molina in Szene gesetzte Tatort aus dem schönen Wien noch einige Längen. Dennoch handelt es sich um einen fantasievollen Krimi mit starken Charakteren gespielt von überzeugenden Darstellern. Insgesamt bietet der Streifen kurzweilige Unterhaltung mit einigen überraschenden Wendungen und viel subtilem Humor. Durchaus sehenswert und im Vergleich zu den letzten Tatort-Folgen eine echte Freude für Tatort-Fans. /sis

Das Wiener Ermittler-Duo Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) setzt sich gerne einmal über Anweisungen auch von ganz oben hinweg. (Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)
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