Starker Tatort vor perfekter Kulisse

Starker Tatort vor perfekter Kulisse
Kritik zum Tatort „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“
ARD/NDR Tatort “Borowski und der Fluch der weißen Möwe”: Die Ermittlungen sind nervenaufreibend: Mila Sahin (Almila Bagriacik), Klaus Borowski (Axel Milberg, rechts) und Roland Schladitz (Thomas Kügel) (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Borowski und Mila Sahin versuchen, Nasrin (Soma Pysall) zu beruhigen (Foto: NDR/Christine Schroeder)

„Der Fluch der weißen Möwe“ heißt der neue Tatort aus Kiel mit Klaus Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik). Die weiße Möwe symbolisiert eigentlich die Sehnsucht nach Freiheit und Unendlichkeit. Die junge Frau namens Jule, die gleich zu Beginn des Tatorts vor den Augen ihrer ehemaligen Freundin Nasrin Erkmen (Soma Pysall) und den beiden Polizeischülern Tobias Engel (Enno Trebs) und Leroy Schüttler (Stefan Hergli) von einem Hochhausdach springt, sehnt sich aber vermutlich mehr nach Vergessen. Sie war vor Jahren Opfer einer Vergewaltigung geworden, ein traumatisches Erlebnis, dessen Erinnerung sie nicht länger ertragen kann. Ausgerechnet ihre Freundin Nasrin hatte sie damals den beiden Tätern zugespielt. Nasrin ist inzwischen Polizeimusterschülerin, die zusammen mit ihrem Freund Tobias, Leroy und Sandro (Louis Held) das Leben genießt. Bis zu diesem Zeitpunkt. Denn während einer Übung an der Polizeischule, die Borowski und Mila Sahin leiten, sticht Nasrin wie von Sinnen auf Sandro ein, niemand kann sie stoppen, Sandro stirbt.

Bis dahin eine spannende Geschichte mit dramatischen Szenen. Dann nimmt die Story aber einen eher unrealistischen Verlauf: Statt Nasrin in die Psychiatrie zu stecken und Borowski und Sahin als unmittelbare Zeugen des Geschehens von den Ermittlungen auszuschließen, schickt das erfahrene Autorenduo Eva und Volker Zahn Nasrin ins Gefängnis und lässt die beiden Kieler Kommissare die Hintergründe der Tat beleuchten. Dabei pflastern noch mehr Leichen ihren Weg. Nasrins Freund Tobias, der ebenfalls keinen psychologischen Beistand bekommt und völlig ungehindert seine Dienstwaffe mit nach Hause nehmen kann, übt blutige Rache an den beiden mutmaßlichen Vergewaltigern, Mitschüler Leroy hilft beim Vertuschen, das alles vor der fantastischen Kulisse Kiels, von dem in diesem Tatort endlich einmal etwas mehr zu sehen war. Überhaupt hat Regisseur Hüseyin Tabak seinen ersten Tatort grandios in Szene gesetzt, die Spannung von der ersten bis zur letzten Minute gehalten, trotz der Ausflüge ins Unrealistische. Für sein Debüt stand ihm ein großartiges Schauspielerensemble zur Verfügung, neben Axel Milberg und Almila Bagriacik ganz besonders auch Soma Pysall. Davon würde man sehr gerne sehr viel mehr sehen! /sis

Haben Borowski (Axel Milberg) und Sahin (Almila Bagriacik) versagt? Wie konnte es zu dem Vorfall kommen? (Foto: NDR/Gordon Timpen)

Ohne Spannung, aber dennoch unterhaltsam

Ohne Spannung, aber dennoch unterhaltsam
Kritik zum Tatort Kiel „Borowski und das Haus am Meer“
ARD/NDR Tatort “Borowski und das Haus am Meer”: Fall gelöst: Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) (Foto: NDR/Sandra Hoever)
Kinderpsychologin Karen Matthiesen (Ute Hannig) befragt Simon (Anton Peltier, mit Axel Milberg) (Foto: NDR/Sandra Hoever)

In und um Kiel haben allerlei gestörte Mitbürger Unterschlupf gefunden. Das jedenfalls könnte man meinen, schaut man sich die Kieler Tatorte mit Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) an. Immer wieder bekommt er es mit Psychopathen der unterschiedlichsten Art zu tun, so auch in seinem neuesten Fall „Borowski und das Haus am Meer“. Jeder der Beteiligten hatte sein Päckchen Wahnsinn zu tragen: Großvater und Mordopfer Heinrich (Reiner Schöne) leidet an Alzheimer, ist aggressiv und möchte mit seinem Sohn Johann (Martin Lindow) und dessen Frau Nadja (Tatiana Nekrasov) nichts zu tun haben. Johann ist Pastor, als solcher aber recht eigensinnig in seiner Interpretation von Nächstenliebe, seine Frau Nadja erträgt geduldig seine Macken. Einzig Enkel Simon (Anton Peltier) hat einen Draht zu Opa Heinrich. Er bekommt mit, wie sich Johann und Heinrich streiten und der Großvater schließlich in einem Bachbett landet und nicht mehr aufsteht. Simon läuft weg, direkt vor das Auto von Borowski und dessen Assistentin Mila Sahin (Almila Bagriacik), erzählt von einem Hund, der den Großvater angegriffen und einem Indianer, der ihn beschützt hat. Am nächsten Morgen wird Großvater Heinrich tot an der Seite eines Hundeskeletts oberflächlich am Strand vergraben aufgefunden. Zu den Verdächtigen zählen außer Johann und seiner Familie auch die ehemalige dänische Lebensgefährtin von Heinrich, deren Tochter und ein von Heinrich und seinen rigiden Erziehungsmethoden misshandelter und seither stummer und behinderter Indianer.

Drehbuchautor und Regisseur Niki Stein hat den an sich guten Kriminalfall überfrachtet mit all den kranken Ansichten seiner Figuren, die von massiv übertriebener, religiös verwurzelter Vergebung bis hin zu fanatischer Ablehnung aller Nazinachkommen reichten. Mittendrin ein traumatisiertes Kind, Borowski mit seinen zum Teil recht eigenwilligen Verhörmethoden und schließlich eine Assistentin, die über den Status einer ungeordneten Hilfsarbeiterin nicht hinauskam. Spannung kam bei so vielen menschlichen Abgründen natürlich keine auf, kurzweilig war der Tatort aber dennoch, nicht zuletzt wegen des wie immer großartigen Axel Milberg. Bleibt nur noch anzumerken, dass Almila Bagriacik ihre Vorgängerin Sibel Kekilli auch in dieser Folge noch nicht vergessen machen konnte. Aber was nicht ist, kann ja noch werden! /sis

Mila Sahin (Almila Bagriacik), Borowski (Axel Milberg) mit Pastor Flemming (Martin Lindow) (Foto: NDR/Sandra Hoever)
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