Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil II)

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil II)
Bild von Dorota Kudyba auf Pixabay

Ungeeignete Erziehungsmethoden

Nach dem ersten Teil, in dem es in erster Linie um die Lernmethodik ging, soll es in diesem zweiten Teil um ungeeignete Erziehungsmethoden gehen. Viele der früher gängigen Methoden sind heute längst überholt. So weiß man heute, dass es in freilebenden Wolfsrudeln zwar einen Leitwolf, aber keinen Chef gibt. Der „unterwirft“ Rudelmitglieder aber nicht, vielmehr hält er sein Rudel durch Souveränität zusammen. Würden Wölfe um den Chefposten kämpfen, wären permanent Tiere verletzt, die schließlich bei der Jagd fehlen. Gerade beim Jagen zeigt sich das ausgeprägte Teamgefüge des Rudels. Mit Dominanz (dazu später mehr) hat das nichts zu tun. Diese Erkenntnisse sind längst auch in die Hundeerziehung eingeflossen. Man führt seinen Hund mit Souveränität, nicht mit Strenge oder unterwirft ihn gar mit Gewalt. Vertrauen ist das Zauberwort. Der Hund muss wissen, dass sein Herrchen oder Frauchen alles für ihn regelt. Das gilt für Besucher zuhause genauso wie für Begegnungen mit aufmüpfigen Artgenossen auf dem Sparziergang. Herrchen macht das! Hilfsmittel, die Druck ausüben, oder Schmerzen verursachen, wie Stachelhalsband und Teletacter sind absolut tabu. Sie richten mehr Schaden an, als sie vorübergehend Nutzen versprechen, auch wenn beides noch immer verkauft wird.

Weg mit der Trillerpfeife

Nicht geeignet in der Hundeerziehung ist die “berühmte Trillerpfeife”. Man muss dabei das sehr empfindliche Gehör des Hundes berücksichtigen. Der Ton der Pfeife schmerzt den Hund und er wertet deshalb alle mit der Pfeife gemachten Erfahrungen als negativ! Sie verursachen ihm Schmerzen. Auf der einen Seite wird die Trillerpfeife zum Rückruf von Hunden propagiert und gleichzeitig machen die Hersteller Werbung für dieselben Pfeifen, um Tiere zu „verschrecken“, sie also zu vertreiben. Und zwar mit dem Argument, dass gerade Hochfrequenzpfeifen bei Hunden, Katzen und Vögel, für ein „unangenehmes Empfinden“ sorgen. Wer kann da noch erwarten, dass der Hund freudig zu Herrchen und Frauchen zurückkehrt, wenn er mit einem „unangenehmen Empfinden“ gerufen wird. Für die Pfeife soll doch sprechen, dass sie einen immer gleichbleibenden Ton erzeugt, während die menschliche Stimme nicht frei ist von Emotionen. Sie soll ja gerade nicht Ärger und Zorn übertragen und so den Hund erst recht davon abhalten zurückzukommen. Natürlich gibt es gute Gründe für eine Hundepfeife, etwa für tatsächlich schwerhörige Hunde. Hunden geht es wie Menschen, im Alter lassen die Leistungsfähigkeit von Augen und Ohren nach. Bei der Jagd mit Hunden kommt die Pfeife traditionell zum Abbruch der Jagd zum Einsatz. Ansonsten gibt es aber keinen Grund, den Hund mit Pfeife zurückzurufen. Wenn er von vornherein gelernt hat, sich nicht zu weit von seinem Herrchen zu entfernen, reicht ein einfaches Rufzeichen. Das berühmte „hier“ funktioniert vielleicht nicht immer und nicht sofort, stimmt aber die Bindung zwischen Mensch und Hund reicht es aus.

Das leidige „Fuß“-Thema

Schmerzen spielen im Übrigen auch eine entscheidende Rolle beim Thema “Fuß gehen” und an der “Leine zerren”. Wenn ein Hund permanent bei Fuß gehen soll, muss er vier Befehle auf einmal ausführen. Das kann er auf Dauer gar nicht. Er ist damit absolut überfordert. Wichtig ist nur, dass der Hund ohne zu zerren an der Leine geht, ob der Kopf dabei auf Kniehöhe ist oder nicht, ist völlig uninteressant. Lediglich in gefährlichen Situationen im Straßenverkehr ist es deshalb angezeigt, den Hund streng bei Fuß gehen zu lassen. Ansonsten sollte man ihm möglichst viel Raum mit einer etwa drei Meter langen Leine lassen, damit er sich bewegen kann. Mit den üblichen kurzen Leinen ist das zum Beispiel gar nicht möglich. Der Hund hat keinen Platz, um sich zu bewegen, also zerrt er an der Leine.

Und noch eine wichtige Erklärung für alle Interessierten: Das berühmte “Zerren” der Hunde an der Leine. Der Hals des Hundes entspricht vom anatomischen Aufbau her dem des Menschen. Nun stellen Sie sich bitte einmal vor, man würde Ihnen ein Hundehalsband umbinden und Sie daran auch noch ruckartig ziehen. Machen Sie sich diese Situation bitte bewusst: Genauso, wie Sie sich jetzt fühlen, fühlt sich auch der Hund. Nun kennt der Hund bei Schmerz ein “Meideverhalten” und das heißt “Flucht”! Er zieht, weil Sie ihm mit dem Halsband und der Leine Schmerzen zufügen. Sie ziehen zurück, der Schmerz für den Hund wird noch größer und er versucht seinem Instinkt folgend noch heftiger von Ihnen weg zu kommen. Und jetzt stellen Sie sich bitte die ganze Situation noch in Verbindung mit einem Stachelhalsband vor! Ich kann Ihnen hier aus meiner eigenen Erfahrung berichten: Einer meiner Hunde – ein ausgewachsener, damals 2 1/2 Jahre alter Dobermann-Rüde – war ein Meister im Zerren und Ziehen am Halsband. Bei seiner Begleithundeausbildung hat der Trainer allen Ernstes noch geraten, ihm ein Stachelhalsband anzulegen. Und wenn er zieht, heftig, ruckartig mit aller Kraft den Hund zurückzuholen. Können Sie sich vorstellen, welche Schmerzen ein Hund damit erdulden muss? Nun kommt es aber häufig vor, dass ein 40 Kilo-Bursche sein Frauchen hinter sich herzieht, wie ein Fähnchen im Wind! Vielen Frauen geht das mit ihren Hunden so: Der Hund geht mit ihnen spazieren, und zwar im wahrsten Sinn dieser Worte. Die Alternative? Ein Geschirr. Der Hund geht zwar nicht bedingungslos bei Fuß. Aber im Rahmen der Reichweite jetzt hoffentlich langen Leine bewegt er sich freudig und ohne großes Gezerre! Und man kann ihn trotzdem halten – zumindest, solange nicht einer seiner Artgenossen ebenfalls gerade spazieren geht und Ihren Weg kreuzt. Und für diesen leider immer sehr wahrscheinlichen Fall gibt es ebenfalls einen Vorschlag: Wann immer es möglich ist, diesen Begegnungen ausweichen – rechtzeitig mit Ruhe und Souveränität! Schämen Sie sich also nicht, wenn Sie lieber den geordneten Rückzug wählen, das ist weder verwerflich noch feige! Es ist einfach taktisch klüger, zumal auch mit Blick auf das Thema “Wachhund”, auf das wir noch zu sprechen kommen. Vielleicht sollten wir das Geschirr vorbehaltlos einfach einmal ausprobieren. Und wer jetzt wissen möchte, wie man sich mit einem Stachelhalsband um den Hals fühlt, darf das auch gerne einmal ausprobieren! Noch ein letztes Wort zum Thema “Fuß”! Der Begriff ähnelt sehr den Negativ-Begriffen “Schluss” und “Aus”. Man sollte den Befehl deshalb in der Kombination “bei Fuß” verwenden, um eventuelle Unterscheidungsschwierigkeiten beim Hund auszuräumen!

Clicker-Training – Vor- und Nachteile

Als nicht unbedingt abzulehnen ist die so genannte “Clicker-Methode, die derzeit unter Hundehaltern geradezu in ist. Vorausgesetzt, sie wird richtig angewandt. Die Vorteile des Clicker-Trainings bestehen darin, durch die Arbeit über positive Verstärkung wird die Aufmerksamkeit des Besitzers darauf gelenkt, was der Hund gut macht, und nicht, was er mal wieder schlecht oder falsch gemacht hat. Jeder von uns kennt das sicher, wie oft sagen wir “Nein”, “Aus”, Pfui” und wie selten loben wir das Tier ausgiebig. Hier sind wir Menschen ganz Mensch: Das Gute ist selbstverständlich, das Schlechte wird bedingungslos beklagt! Weiterer Vorteil: Man kann mit dem Hund kommunizieren, ohne ihn “zuzulabern”! Eine Erklärung erübrigt sich hier. Wir quatschen auf unsere Tiere ein, ohne daran zu denken, dass sie uns ja gar nicht verstehen! Sie könnten genauso gut Chinesisch sprechen, das Ergebnis beim Hund bliebe gleich! Man kann mit dem Clicker-Training ein Vertrauensverhältnis aufbauen: Geclickert wird nur, wenn etwas gut ist. Das Clickgeräusch vermittelt dem Tier “Das hast du gut gemacht!” Es ist ein emotionsloses, neutrales leicht reproduzierbares Geräusch. Emotionslos und neutral sind hier die wichtigen Punkte, das Clickern signalisiert dem Hund: alles okay! Kein Grund zu irgendwelcher Aufregung. Man kann es dazu einsetzen, den Hund zu beschäftigen, ihn mit dem Click-Geräusch beispielsweise ein Spielzeug anschleppen lassen, oder sonst ein Kunststück einüben. Und man kann den Clicker dazu verwenden, sich mit dem Hund zu beschäftigen, ohne an der Leine zu rucken!

Die Methode hat indes auch Nachteile: Man kann sie nicht einsetzen bei geräuschempfindlichen Hunden, bei ängstlichen oder nervösen Hunden, bei hyperaktiven Hunden und einigen Verhaltensweisen mehr. Hinzu kommt, dass inzwischen so viele Hundehalter “clicken”, dass der Hund draußen vermutlich das eigene von den fremden Clickgeräuschen nicht mehr unterscheiden kann! Außerdem hat der Clicker den Nachteil, dass Sie ihn wirklich die ganze Zeit, die Sie mit ihrem Hund zusammen sind, in der Hand halten müssen. Ganz schön lästig!

Ein fataler Irrglaube

Eine absolut ungeeignete Erziehungsmethode, die früher jedem Anfänger-Hundehalter mit auf den Weg gegeben wurde, wenn er seinen Welpen abgeholt hat, das im Genick packen und schütteln. Das, so wurde ihm erklärt, würde die Mutterhündin auch so machen. Aber: Einen Hund im Genick zu schütteln, heißt schlicht “Ich kill dich jetzt”. Mutterhündinnen schütteln ihre Welpen nicht! Das ist ein absoluter Irrglaube, auf den in immer mehr Fachbüchen mittlerweile auch hingewiesen wird. Wenn ein Hund ein Lebewesen im Fang hält, dann handelt es sich um Beute! Und die Beute wird geschüttelt, bis sie sich nicht mehr bewegt, erst dann kann der Hund von der Natur so vorgegeben den Fang öffnen und die Beute fallen lassen. Wer also einen Hund am Genick packt und ihn schüttelt, signalisiert ihm: Ich bring dich jetzt um!” Kaum vorstellbar, was dieser Hund emotional durchmacht. Spätere negative Verhaltensmuster sind da keine Seltenheit, denn noch immer erzählt man angehenden Hundebesitzern, sie sollten den Kleinen, wenn er etwas falsch macht, ordentlich schütteln, das täte die Mutter auch! Tut sie nicht. Die Mutter nimmt ihr Junges nur dann zwischen die Zähne, wenn sie es transportieren will. Und das Kleine verfällt in diesem Augenblick in die sogenannte “Welpenstarre”, es rührt sich nicht: Übertragen heißt das, “ich bin schon tot, ich zappele nicht mehr, bitte schüttel mich nicht”. Ansonsten verwendet die Hundemutter nur “Drohgebärden”, um den Kleinen zur Raison zu bringen: Sie knurrt, fletscht die Zähne und schnappt nach ihm, ohne es wirklich zu verletzen. Diese Verhaltensmuster stuft die Mutterhündin exakt auf das jeweilige Verhalten des Welpen ab. Erst bei hartnäckigen Provokationen setzt sie das Schnappen ein. Und das kapiert letztlich auch der schlimmste Welpenrüpel! Mit dem Nackengriff und Schütteln raubt man gerade dem Jungtier jegliches Vertrauen in den Menschen!

Alles mit “Maß und Ziel“

Ebenfalls völlig ungeeignet in der Hundeerziehung sind Kommandos aus Lust und Laune, etwa um den Trainingserfolg zu optimieren. Kommandos sollten aber niemals willkürlich gegeben werden, weil man als Mensch das gerade mal so will. Die Probleme entstehen, weil der Mensch mit minimalem Aufwand versucht, den Hund zum Funktionieren zu bringen. Sie lassen ihre Tiere in den unmöglichsten Situationen Sitz und Platz machen, ohne den Sinn oder Unsinn in der jeweiligen Situation zu überlegen. Der Hund muss nicht auf jeden Befehl prompt hören. Man muss vielmehr festlegen, was man an seinem Hund nicht haben will und das dann durch gezieltes Training (mit einer der oben vorgestellten Methoden) abstellen. Klassisches Beispiel: Der Hund freut sich wie verrückt, wenn er endlich raus darf und führt einen derartigen Tanz auf, dass man ihm kaum die Leine anlegen kann. Wenn man sich nun überlegt, dass das Tier den größten Teil des Tages eingesperrt war, ist seine Freude mit Blick auf sein Bewegungsbedürfnis nur all zu verständlich. Auf das Bewegungsbedürfnis eines Menschen übertragen stellt sich die Situation so dar: Stellen Sie sich vor, Sie sind 8 Stunden am Stück in einem Raum, der die Größe eines durchschnittlichen Badezimmers hat, eingesperrt. Und jetzt kommt endlich jemand, der sie rauslässt! Würden Sie nicht auch Luftsprünge vor Freude machen? Und die Freude des Hundes, wenn er endlich raus darf, ist absolut echt! Wenn Sie nun aber gerade diese Luftsprünge stören, dann sollten Sie dem Hund dieses Verhalten nicht abgewöhnen, wenn er sich gerade wie wild freut, dass er endlich raus darf. Viel besser ist es, hier erst zu trainieren, wenn man wieder vom Spaziergang zurück ist. Man nimmt einfach öfter einmal im Haus die Leine und legt sie dem Hund an, ohne mit ihm wegzugehen. Irgendwann begreift er, dass Frauchen oder Herrchen die Leine in die Hand nimmt, heißt nicht, dass ich jetzt raus darf! Also wozu aufregen, ich weiß ja nicht, ob oder ob nicht!

Im 3. Teil der Reihe geht es Missverständnisse im Alltag und wie man ihnen begegnet!

Im ersten Teil geht es um Lernmethoden Link zu Teil I

Weitere Beiträge zum Thema Hund hier

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil I)

Hundeerziehung ohne Stress für Mensch und Tier (Teil I)
Huskys sind keine Couchpotatos! (Foto: Pixabay/Adina Voicu)

Geht es um die richtige Methode bei der Erziehung unserer Hunde, scheiden sich die Geister. Noch immer sind viele Hundehalter davon überzeugt, dass ein Hund unterworfen werden muss. Diese Methode des absoluten Gehorsams wird nach wie vor auf vielen Hundeplätzen angewandt, wo selbsternannte Hundetrainer dem Anfänger zeigen, wie er sich bei seinem Hund zum Chef oder „Rudelführer“ macht. Die Forschung ist aber in den letzten Jahrzehnten nicht stehen geblieben. So manche Erziehungsmethode erwies sich als gänzlich ungeeignet und wurde längst revidiert. Die Ergebnisse sind indes noch nicht überall angekommen, wie die Zahl der Problemhunde in deutschen Tierheimen eindrucksvoll belegt. Diese Arbeit soll den Wandel in der Hundeerziehung voranbringen und dazu beitragen, die Erziehung unserer Hunde mit den neuesten Erkenntnissen der Verhaltensforschung in Einklang zu bringen. Gewalt in der Hundeerziehung ist völlig indiskutabel, Zwang nicht nötig. Hundeerziehung kann ganz ohne Strenge und Stress erfolgen. Ziel dieser Arbeit ist es, unsere Hunde anhand einiger wichtiger Grundregeln besser zu verstehen und ihnen so möglicherweise ein künftiges Schicksal als „Problemhund“ zu ersparen.

Der Hund macht nichts falsch

Grundsätzlich gilt: Der Hund macht nichts falsch! Der Halter des Hundes ist gefordert. Der Hund verfügt über eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit. Er ist in der Lage, sich in eine Familie oder auf einzelne Menschen einzustellen und sich so zu verhalten als sei das für ihn das Selbstverständlichste der Welt. Das funktioniert aber nur, wenn der Mensch die Körpersprache des Hundes versteht und schon bei der Auswahl eines Hundes an dessen Bestimmung, das eigentliche Zuchtziel, denkt.

Das heißt konkret: Ich kann keinen Husky bei 30 Grad im Schatten acht Stunden lang in einer 2-Zimmer-Dachwohnung einsperren. Wenn ich dann nach Hause komme und der Hund hat das Mobiliar zerlegt, dann schlicht deshalb, weil er sich gelangweilt hat. Ein Husky liebt Kälte und ein Husky will und muss laufen. Wenn ich mir einen Hütehund aussuche, dann muss ich wissen, dass dieser Hund sein “Rudel” hütet, und zwar ohne Wenn und Aber. Wenn ich mir einen Jagdhund aussuche, dann muss ich wissen, dass dieser Hund hinter allem her hetzt, was sich bewegt.

Aus der falschen Wahl eines Tieres entstehen also die ersten Probleme, die die Hunde schließlich in die Tierheime bringen. Bei der Anschaffung eines Hundes, ganz egal ob als Welpe von einem renommierten Züchter (niemals aus dubiosen Quellen im Internet!) oder aus dem Tierheim darf nicht das Aussehen des Hundes und die Sympathie („der ist ja so niedlich!“) im Vordergrund stehen, sondern das Zusammenspiel “Hund in seiner rassespezifischen Verhaltensweise” und “Mensch mit seinen Erwartungen an den Hund”. Wer sich einen Hund aus dem Tierheim holt, sollte deshalb auf die Aussagen der Mitarbeiter vertrauen. Sie kennen die Hunde und können meist schon im Voraus sagen, ob „Hund” und „neue Familie” miteinander können werden oder nicht.

Jeder Hund kann lernen

Natürlich ist nicht jedes Fehlverhalten eines auch schon älteren Hundes unumkehrbar. Tatsächlich ist der Hund nur deshalb zum besten Freund des Menschen geworden, weil er sich durch Lernen an die jeweilige Situation in einer Familie anpassen kann. Ein junger Hund lernt schneller, aber auch ein „alter” Hund ist durchaus in der Lage, in unseren Augen “falsches” Verhalten durch “richtiges” zu ersetzen. Dazu haben sich drei Methoden herausgebildet. Der Hund lernt durch Nachahmen, Erklären mit Geduld und Ruhe und durch Versuch und Irrtum. Ein Pauschalprogramm gibt es nicht. Die Frage des jeweiligen Trainers muss also lauten: “Was bringt mich zum Erfolg?“

Distanz wahren!

Wichtig ist, dass man die “Distanz” zum Tier wahrt. Jedes Lebewesen hat einen natürlichen Distanzrahmen. Kein Mensch würde es dulden, wenn ein Fremder ihm freundlich, aber heftig über den Kopf streichelt, nach dem Motto: “Na, Du bist aber ein feiner Mensch!” Ein Beispiel macht das Bedürfnis nach Distanz deutlich: Warum erschrecken wir Menschen so unglaublich, wenn wir plötzlich eine Spinne auf unserer Schulter sehen? Weil eine Spinne – als eines der wenigen Lebewesen – in der Lage ist, unseren Distanzrahmen zu durchbrechen, ohne dass wir es merken! Daran erkennt man die Bedeutung des Distanzrahmens. Gewähren wir unseren Hunden deshalb auch den ihren. Wenn wir also einem Hund etwas beibringen wollen, dann bitte mit der nötigen Distanz. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass wir unsere Hand dem Hund mit dem Handrücken nähern. Er empfindet das nicht als so bedrohlich, wie die offene Innenseite der Hand, die ihm entgegengestreckt wird.

Zurück zu den Lernmethoden. Nachahmen ist ein klar definierter Begriff: Der Hund sieht ein Verhalten, irgendwann – nach der hundertsten oder tausendsten Wiederholung – macht er es nach. Das gilt vor allem für Welpen. Sie machen ihre Mutter und Geschwister nach: Wenn einer der kleinen Racker es geschafft hat, mit einer bestimmten Technik die Wurfkiste auf eigene Faust und so ganz ohne Erlaubnis des Menschen zu verlassen, darf man sicher sein, dass seine Geschwister ihm alsbald nacheifern werden. Dieses Lernen durch Nachahmen wird beispielsweise in der Ausbildung von Blindenhunden eingesetzt. Die Welpen lernen durch das bloße Abgucken der Aufgaben eines Blindenhundes, was sie zu tun haben. Zuhause wird sich ein Welpe oder auch ein älterer Hund von einem vorhandenen Hund auch rasch abschauen, wie er sich in der Familie zu verhalten hat.

Der Hund spricht nicht unsere Sprache

Ein häufiges Missverständnis in der Hundeausbildung ist noch immer, dass der Hund beim Wort “Sitz” oder “Platz” weiß, was er zu tun hat. Bei “Sitz” drückt man ihm solange den Hintern auf den Boden, bis er es kapiert hat, bei “Platz” wird in der klassischen Hundeausbildung der Hund solange am Halsband nach unten gezogen, bis er sich freiwillig hinlegt. Nun ist es aber so, dass der Hund nicht unsere Sprache spricht. Er weiß also nicht, was “Platz” und “Sitz” heißen, er erkennt nur die Bedeutung der Worte im Zusammenhang mit den Taten. Überhaupt ist bei den Menschen das Zusammenspiel von Stimme und Körpersprache sehr häufig sehr willkürlich. Doch dazu kommen wir später noch. Mit Ruhe und Zeit kann man dem Hund “Sitz” und “Platz” beibringen, ohne Gewalt auszuüben. Das funktioniert durch Motivation. Motivieren kann ich den Hund durch Futterbelohnung (dabei sollte auf die Tagesration geachtet werden), durch Spielmotivation (Training und Spiel verbinden) und durch positive Zuwendung (Streicheln). Wenn das alles nicht hilft, durch Ritualisierung. Ich muss ihm den Begriff “Sitz” beibringen, indem ich ihn mit dem Wort “Sitz” auffordere, sich zu setzen. Gleichzeitig halte ich ein Leckerli in der Hand. Der Hund wird vor mir stehen bleiben in Erwartung seines Leckerlis. Das bekommt er aber nicht. Sondern ich wiederhole das Wort “Sitz”. Wenn nun ein Hund uns anschauen will, dann muss er – ob er will oder nicht – den Kopf nach oben richten und damit setzt er sich in aller Regel automatisch auf seinen Hintern, damit er sich nicht die Halswirbel verrenken muss. Plumps, sitzt er schon. Ich lobe ihn ausführlich und er bekommt sein Leckerli. Das muss solange wiederholt werden, bis das Hörzeichen “Sitz” mit der positiven Erfahrung, jetzt bekomme ich ein Leckerli, oder es wird gespielt, oder ich werde gelobt, im Kopf des Hundes in Verbindung gebracht werden. Dabei gilt die Regel: Ich habe drei Sekunden, um dem Hund die “Verbindung – auf das Hörzeichen gehorchen und Gabe des Leckerlis/Lob” – klar zu machen. Nach diesen drei Sekunden wird der Hund die Belohnung nicht mehr mit seinem zuvor gezeigten Verhalten in Verbindung bringen. Noch eines ist in diesem Zusammenhang wichtig: Ich muss den Befehl “Sitz” wieder aufheben, den Hund also explizit zur Aufgabe der Sitzposition bewegen. Das erreicht man, indem man das Leckerli nicht von oben im Sitzen einfach in den Rachen des Hundes schiebt, sondern es ihn durch die nach unten/hinten geführte Hand holen lässt. Erklären mit Ruhe und Zeit! Sich Zeit zu nehmen und in Ruhe mit dem Hund zu arbeiten, ist dabei das wichtigste. Wenn der Hund nicht kapiert, dann muss ich eine Methode suchen, die ihn verstehen lässt.

Versuch und Irrtum ist die klassische durch Verhaltensforschung entwickelte Lernmethode, wie wir sie von Pawlows Mäusen kennen. Darüber hinaus kennt die Verhaltensforschung noch die klassische und operante Konditionierung, bei denen dem Tier eben so lange immer mit einem bestimmten Verhalten etwas beigebracht wird, bis es das Tier kapiert hat und nachahmt.

Es gibt keine Garantie

“Erklären mit Ruhe und Zeit” hat sich durch viele positive Erfahrungen von renommierten Hundeexperten in den letzten Jahren als beste Methode zur Erziehung von Hunden herausgebildet. Aber Achtung: Selbst wenn der Hund etwa die „Begleithundeprüfung“ mit Bravour absolviert hat, ist das noch lange keine Garantie für die Verkehrs- und Alltagstauglichkeit eines Hundes. Was ein Hund auf dem Hundeplatz oder im Training perfekt beherrscht, muss nicht unbedingt auch auf den Alltag und in verschiedene Verkehrssituationen übertragbar sein. Eines sollte jeder Hundehalter immer im Hinterkopf behalten: “Es kann immer etwas passieren. Und wer das nicht glauben will, hat das Wesen des Hundes nicht verstanden!”

Im zweiten Teil geht es um ungeeignete Erziehungsmethoden. Link zu Teil II

Besessen von gesunder Ernährung

Besessen von gesunder Ernährung
Im Gespräch mit Professor Thomas J. Huber, Chefarzt der Klinik am Korso

Wir alle möchten uns möglichst gesund ernähren. Viel Obst und Gemüse, wenig Fleisch, wenig Zucker umweltbewusst aus der Region und je nach Saison, immer frisch zubereitet, keine industriell be- oder verarbeiteten Lebensmittel. Das klingt doch recht einfach. Nur ist es das nicht mehr. Denn das Thema “gesunde Ernährung” nimmt inzwischen breiten Raum in unserem Alltag ein. Immer häufiger beschäftigen wir uns in Gedanken schon mit der nächsten Mahlzeit, nicht, weil wir hungrig sind, auf etwas Appetit haben oder uns einfach nur auf das Essen freuen, sondern weil wir darüber nachdenken, was genau wir essen sollen. Wir sind verunsichert angesichts der geradezu inflationär steigenden Zahl an Kochshows, deren agierende Sterneköche jeweils ganz eigene Tipps und Ratschläge bereithalten. Dazu kommen unzählige Ernährungsempfehlungen und Trends wie “Clean Eating”, “Raw Food” und “Detoxing“, die ganz erheblich voneinander abweichen, bei strikter Einhaltung aber allesamt Gesundheit und ein langes Leben versprechen.

Natürlich ist Essen mehr als die bloße Nahrungsaufnahme zur Erhaltung der Körperfunktionen. Gutes Essen hat etwas mit Lebensqualität zu tun. Wenn Essen aber zur Ersatzreligion wird, sollte man sein Verhalten überprüfen. Denn wenn die Gedanken täglichen Stunden um das Thema gesunde Nahrung kreisen, dann könnte es gut sein, dass „gesundes Essen“ bereits „krank“ gemacht hat.  Diese übermäßige Fixierung auf gesundes Essen wird „Orthorexie“ genannt, die Betroffenen sind regelrecht besessen davon, ausschließlich gesunde Nahrung zu sich zu nehmen. Sie entwickeln eine große Angst vor eventuell schädlichen Nahrungsmitteln. Sie legen strenge Regeln für ihre Ernährung fest und verbringen viel Zeit mit der Planung ihrer Mahlzeiten. Das Essen gewinnt die Oberhand im Alltag – genau wie bei Magersüchtigen oder Bulimie-Erkrankten. Noch zählt Orthorexie nicht zu den anerkannten Krankheiten, aber sie ist auf dem besten Weg dorthin.

Neuere Studien belegen, dass vor allem sportlich aktive Frauen – insbesondere Intensivsportlerinnen – ein orthorektisches Verhalten zeigen. Auch Kinder können schon von Orthorexie betroffen sein, wenn ihre Eltern ihnen ein entsprechend gesundheitsbewusstes Ernährungsverhalten vorleben. 

„Besser-klartext.de“ sprach darüber mit Professor Dr. Thomas J. Huber, Chefarzt der Klinik am Korso, einer Spezialklinik zur Behandlung von Essstörungen in Bad Oeynhausen, und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Ernährungs- und Sozialmedizin.

Professor Dr. Thomas J. Huber (Foto: privat)

Herr Professor Huber, wie hoch ist der Prozentsatz der von Orthorexie betroffenen Bevölkerung?

Professor Huber: Das ist leider überhaupt nicht zuverlässig zu beantworten, da Orthorexie keine anerkannte Erkrankung ist und dementsprechend auch keine verbindlichen Kriterien bestehen. Dennoch gibt es vorläufige Untersuchungsinstrumente, die jedoch nicht einheitliche Ergebnisse liefern. Vorsichtig vermutet geht man von etwa 1 Prozent Betroffenen aus. In Zusammenhang mit „anerkannten“ Essstörungen sind orthorektische Verhaltensweisen noch häufiger.

Wo kommt diese Ess- oder Verhaltensstörung plötzlich her? Kann das etwas mit dem inflationären Auftreten von Kochshows mit Sterneköchen zu tun haben, die permanent für eine „gesunde Ernährung“ plädieren und in jeder Show ein anderes Lebensmittel als gesund oder ungesund bezeichnet wird? Wurde ein solcher Einfluss überhaupt schon einmal untersucht?

Professor Huber: Beschrieben wurde die Orthorexie von Steven Bratman 1997, der sie an sich selbst feststellte. Ob ähnliche Phänomene vor seiner Beschreibung schon bestanden ist nicht wirklich geklärt. Seither wird es auf jeden Fall zunehmend diskutiert. Vermuten kann man in der Tat einen Zusammenhang zu der weltweiten Verbreitung von teilweise gut gemeinten, teilweise auch einfach unsinnigen Ernährungsempfehlungen und einer Sehnsucht der Menschen nach klaren Handlungsanweisungen in einer Welt, in der es immer schwieriger wird zwischen „richtig“ und „falsch“ zu unterscheiden. Eine diesbezügliche Untersuchung ist mir nicht bekannt.

 Gibt es überhaupt die „gesunde Ernährung“ und wenn ja, wie sieht sie aus?

Professor Huber: DIE gesunde Ernährung gibt es meines Erachtens nicht, aber durchaus verschiedene gesunde Ernährungsformen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass der Körper durch sie mit allen wichtigen Nahrungsbestandteilen in ausreichender Menge versorgt wird. Das ist bei der Orthorexie in der Regel nicht mehr der Fall. Insofern ist es eben keine gesunde Ernährungsweise. Gesund ist ein ausgewogenes Verhältnis von Fett, Kohlenhydraten und Protein mit ausreichender Menge von Vitaminen, Spurenelementen etc. wie es etwas die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt. Eigentlich „ungesunde“ Lebensmittel gibt es eigentlich nicht, es kommt vor allem auf die Menge an. Als ungünstig würde ich lediglich künstliche Süßstoffe und Geschmacksverstärker bezeichnen, da diese Hunger- und Sättigung durcheinander bringen.

Wie bewerten Sie den Selbsttest von Steven Bratman? Ist er geeignet, Orthorexie selbst zu diagnostizieren?

Professor Huber: Herr Bratman hat in diesem Selbsttest vor allem das beschrieben, was er bei sich selbst beobachtet hat. Er ist erst einmal geeignet, um Menschen mit ähnlich gelagertem Essverhalten zu identifizieren, stellt aber eben kein diagnostisches Instrument dar, da ja die Orthorexie gar keine anerkannte Krankheit ist. Insofern wäre ich auch mit dem Begriff „Diagnose“ vorsichtig.

Wie immer gibt es ja zahlreiche Abstufungen der Störung, ab wann kann man denn überhaupt von einer Störung (egal ob Ernährungs- oder Verhaltensstörung) sprechen, wann wird sie gefährlich und sollte behandelt werden? Was sind die wirksamsten Gegenmaßnahmen bei weniger dramatischem Verlauf?

Professor Huber: Da wie erwähnt, keine anerkannte Erkrankung, sind das noch nicht zu beantwortende Fragen. In Ermangelung wissenschaftlicher Ergebnisse oder gar Leitlinien zu diesem Thema würde ich empfehlen: wenn jemand unter seiner speziellen Ernährungsform (egal ob orthorektisch oder nicht) leidet, sie aber nicht eigenständig verändern kann, ist das Aufsuchen einer Beratungsstelle oder Ernährungsberatung zu empfehlen. In der Internationalen Klassifikation von Erkrankungen ist das subjektive Leid ein entscheidendes Kriterium dafür, ob etwas als Störung gilt oder nicht. Weitere Kriterien können natürlich Folgeschäden wie etwa Mangelzustände oder soziale Schwierigkeiten sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen zur Klinik am Korso gibt es unter www.klinik-am-korso.de

Weitere Informationen zum amerikanischen Alternativmediziner Steven Bratman und seinem Orthorexie-Selbsttext gibt es unter https://www.orthorexia.com/the-authorized-bratman-orthorexia-self-test/

Intervallfasten befreit die Zellen von molekularem Schrott

Intervallfasten befreit die Zellen von molekularem Schrott
Im Gespräch mit Molekularbiologe Slaven Stekovic von der Universität Graz
Wer abnehmen will muss auf die Ernährung achten. Intervallfasten allein reicht nicht auf dem Weg zum Traumgewicht.

Was ist daran an den grandiosen Schlagzeilen über die sagenhaften Gewichtsverluste beim Intervallfasten? Was macht diese Ernährungsmethode so viel besser als andere Diäten? Diese und einige andere Fragen hat “besser-klartext.de” Molekularbiologe Slaven Stekovic von der Universität Graz gestellt. Stekovic hat im Forschungsteam von Professor Frank Madeo mitgearbeitet, der bekannt ist für seine Studien über die Auswirkungen von Intervallfasten auf den Menschen.

Herr Stekovic, kann es überhaupt sein, dass man bei völlig unverändertem Essverhalten allein durch Intervallfasten etliche Kilo die Woche verliert? Das hört sich fast so an, als ob die alte Weisheit – wer mehr Kalorien aufnimmt, als er verbraucht, bekommt auf Dauer Gewichtsprobleme – beim Intervallfasten keine Gültigkeit mehr hat. Das kann doch nicht sein, oder?

Slaven Stekovic: Regelmäßige Fastenintervalle verändern unseren Stoffwechsel eindeutig, vor allem auf der zellulären Ebene. Dadurch werden unterschiedliche Mechanismen in der Zelle eingeschaltet, unter anderem auch die Autophagie – ein zelluläres “Recycling”-Programm, das dafür sorgt, dass defekte Moleküle und Organellen (zum Beispiel alte Proteine oder nicht-funktionierende Mitochondrien) aus der Zelle entfernt werden. Dadurch wird der Zelle über einen alternativen Weg die Energie zur Verfügung gestellt und als positiver Nebeneffekt wird die Zelle von dem “molekularen Schrott” befreit. Gerade das Zweite hat einen positiven Effekt auf die Funktion verschiedener Zellen und wurde in unterschiedlichen Organismen und mit Hilfe von mehreren Methoden mit Langlebigkeit in Verbindung gesetzt. Gewichtsreduktion ist beim Intervallfasten nur ein zusätzlicher Nebeneffekt, zumindest aus der Sicht eines Alters- und Zellforschers. Ob Gewichtsreduktion tatsächlich nur durch die Essenspausen oder durch dadurch verursachte aber experimentell nicht bestätigte Kalorienreduktion entsteht, ist aus den meisten Studien nicht wirklich ersichtlich. Kalorieneinnahme und -verbrauch sind immer noch gültig als Richtlinie für die Erhaltung oder Regulation des Körpergewichts. Allerdings muss man betonen, dass unser Lebensstil, inklusive unsere Essensgewohnheiten und gerade verschiedene Formen des Fastens und Kalorienreduktion, die metabolische Rate im Körper verändern können. 

Was ist denn beim Intervallfasten anders, vielleicht besser als bei anderen Ernährungsmethoden? Man muss doch in den Essensintervallen auch auf ausgewogene Ernährung achten mit allen Vitaminen und Mineralstoffen. Das ist bei keiner Diät anders.

Slaven Stekovic: Richtig! Was die Einnahme der essentiellen Mikro- und Makronährstoffen betrifft, sind verschiedene Fastenmethoden gleich wie andere diätetische Eingriffe. Es soll immer darauf geachtet werden, dass der Körper ausreichend Vitamine, Mineralien und andere gesundheitsrelevante Stoffe bekommt. Die Vorteile des Fastens liegen eher im Bereich der menschlichen Psychologie und unserer molekularen Regulation. Kontinuierliche Restriktionen verschiedener Nahrungsmittel und strikte Regulation der Nahrungsaufnahme verlangen sehr viel Disziplin. Dadurch ist es schwierig, eine sehr spezifische Diät langfristig umzusetzen. Diese werden daher eher als akute Eingriffe in unsere Ernährung verwendet. Intervallfasten lässt sich gut mit einer ausgeglichenen Ernährung kombinieren und wird sehr schnell zu einer Gewohnheit. Deswegen behaupten viele “Faster”, dass Intervallfasten “keine Diät, sondern ein Lebensstil” ist. Anders als bei vielen anderen Eingriffen in unsere Ernährung beeinflusst das Intervallfasten unser Sozialleben nur marginal, da die Ernährungsänderung nur in bestimmten zeitlichen Intervallen und nicht kontinuierlich praktiziert wird. 

Abgesehen von den sozialen Aspekten des Intervallfastens scheint ein regelmäßiger Nahrungsverzicht synchron mit unserer Biologie zu sein. Gerade in den letzten Jahrzehnten kamen einige bahnbrechende Ergebnisse aus dem Bereich der Chronobiologie, die sich mit periodischen Veränderungen in den biologischen Systemen auseinandersetzt. Für eine dieser Entdeckungen wurde sogar der Nobelpreis für Medizin und Physiologie in 2017 verliehen. Gleich wie bei der Lichtexposition scheint das Timing der Nahrungsaufnahme eine große Rolle in der Regulation verschiedener Gene zu spielen. So zeigte Professor Satchidananda Panda vom Salk Institut for Biological Studies, La Jolla, USA, dass Intervallfasten und Lichtexposition einige gemeinsame Genfamilien in den Zellen aktivieren können. Diese rhythmischen Veränderungen in unseren Zellen und unserem Körper können großen Einfluss auf das Risiko für verschiedene Erkrankungen haben und interessanterweise sind einige dieser Veränderungen auch mit Langlebigkeit und Methoden zur Lebensverlängerung in Verbindung zu setzen. Dieser Bereich der Biologie ist allerdings sehr jung und die nächsten Jahrzehnten werden uns helfen, einen tieferen Einblick in die zeitliche Regulation unserer Biologie zu bekommen.

Welche weiteren positiven Auswirkungen außer einer Gewichtsregulierung sind denn beim Intervallfasten zu erwarten?

Slaven Stekovic: Wie schon erwähnt, schaltet das Fasten die Autophagie ein. Dieser Prozess sorgt dafür, dass unsere Zellen den “molekularen Schrott” abbauen und aus alternativen Quellen Energie gewonnen wird. Die Erforschung dieses Prozesses wurde auch in 2016 mit dem Nobelpreis für Medizin und Physiologie ausgezeichnet. Die Wirkungen der Autophagieeinschaltung haben vor allem einen Effekt auf die zelluläre Langlebigkeit und Funktion. So kann durch die Einschaltung der Autophagie durch das Fasten oder verschiedene Naturstoffe (zum Beispiel Resveratrol, Spermidin, Rapamycin) die zelluläre Lebensspanne und unter bestimmten Umständen auch die Lebensspanne verschiedener Organismen verlängert werden. Die Übertragbarkeit dieser Ergebnisse auf Menschen wird gerade erforscht und in den nächsten zwei bis drei Jahren werden wir mehr über die Rolle der Autophagie bei der Lebensverlängerung wissen. Einschaltung der Autophagie steht auch in Verbindung mit der Risikosenkung für Herz- und Demenzerkrankungen, da intrazelluläre Ablagerungen dadurch beseitigt werden und die Zellfunktion länger erhalten bleibt. Fasten scheint auch bei Depressionen und Multiple Sklerose eine positive Wirkung zu haben. Weitere Studien dazu sind allerdings notwendig, bis wir wirklich genauer wissen, wie und unter welchen Bedingungen das Fasten hier eine Rolle spielt. 

Spielt die Dauer des Fastenintervalls eine Rolle und wenn ja, welche Intervalle empfiehlt die Ernährungsforscher? Was ist für den Körper besser: 16:8 oder 5/2 oder ein anderer Zeitrahmen?

Slaven Stekovic: Wir wissen es noch nicht genau, welcher zeitliche Abstand zwischen den Mahlzeiten für den Körper am besten geeignet ist. Das hängt stark von anderen Lebensgewohnheiten ab und sehr wahrscheinlich von unseren Genen. Neben den 16:8 und 5/2 Methoden gibt es zum Beispiel die sogenannte ADF (Alternate Day Fasting) Methode, in Österreich und Bayern bekannter als 10in2. Diese Methode wurde auch im Rahmen einer unserer Studien untersucht. Dabei handelt es sich um einen zweitägigen Zyklen von einem Fastentag und einem Esstag. Wir hoffen, dass wir im Laufe dieses Jahres die Ergebnisse dieser Studie veröffentlichen können.

Wie lange kann man Intervallfasten? Wochen, Monate, Jahre? Was ist noch gesund?

Slaven Stekovic: Diese Frage lässt sich noch nicht präzise beantworten. Grundsätzlich konnte die Wissenschaft noch keine Beweise liefern, die einen negativen Einfluss des Intervallfastens bestätigen konnten. Es ist eher wahrscheinlich, dass Intervallfasten langfristig positive Effekte auf die Biologie der Säugetiere und somit der Menschen haben kann, wie manche Studien von Professor Valter D. Longo (University of Southern California) und Rafael D. Cabo (National Institute on Aging) zeigen.

Es gibt eine Studie, die im Intervallfasten auch Risiken sieht: „Forscher der Universität von Sao Paulo in Brasilien haben beim jährlichen Treffen der European Society of Endocrinology in Barcelona eine neue Studie über die Auswirkungen des Intervallfastens präsentiert. In einem Experiment an Ratten fanden die Wissenschaftler heraus, dass Intervallfasten zwar zu Gewichtsverlust führen, allerdings auch der Bauchspeicheldrüse schaden und die Funktion des Hormons Insulin, das den Blutzucker reguliert, beinträchtigen kann, was wiederum zu Diabetes führen könnte.“  Wie stehen Sie dazu? Wie ist die Studienlage, gibt es neue Erkenntnisse?

Slaven Stekovic: Diese Studie wurde noch nicht veröffentlicht (es handelt sich nur um einen Abstract von einer Konferenz). Daher kann ich diese Ergebnisse noch nicht kommentieren. Je nach der Methode (Form des Intervallfastens, Zusammensetzung der Nahrung, Alter der Tiere) und durchgeführten Messungen können diese Ergebnisse für Menschen mehr oder weniger relevant sein. Grundsätzlich benötigen wir mehr Studien an Modellorganismen und vorsichtig durchgeführte klinische Studien, um die Effekte des Fastens auf unsere Biologie und Alterungsprozesse zu verstehen.

Was sollte auf jeden Fall vor dem Fastenbeginn beachtet werden?

Slaven Stekovic: Wer auf jeden Fall nicht fasten sollte, sind Kinder und Schwangere. Dies wird nicht oft genug betont, aber während des Wachstums des Körpers, ist es essenziell, ausreichend Nährstoffe zur Verfügung zu haben. Daher sollte das Intervallfasten in der Regel vor dem 25. Lebensjahr nicht empfohlen werden. Grundsätzlich ist es aber wichtiger, während als auch vor dem Fasten gewisse Sachen zu beachten. Zum Beispiel sollte man auf ausreichende Flüssigkeitsaufnahme und ausreichend Bewegung achten. Eine ausgewogene Ernährung ist sehr wichtig, denn der Körper bekommt nicht laufend die Möglichkeit, verschiedene Stoffe aufzunehmen. Aus praktischen Gründen ist es einfacher, unter der Woche zu fasten als am Wochenende, da wir unter der Woche mit anderen Sachen beschäftigt sind und den Heißhunger dadurch leichter überstehen. 

Vielen Dank für das Gespräch! /sis

Slaven Stekovic betreibt einen eigenen Blog (stekovic.com), auf dem er über seine Forschungen zu Langlebigkeit und Alter berichtet.

Mehr über die “InterFAST” Studie von Professor Madeo gibt es unter http://www.naturalrhythmeating.org/.  

Die Ergebnisse der Studie über ADF (Alternate Day Fasting), von der Slaven Stekovic spricht, liegen inzwischen vor und wurde unter https://www.cell.com/cell-metabolism/fulltext/S1550-4131(19)30429-2 veröffentlicht.

Bericht über einen Selbstversuch mit der Methode 16:8 “Intervallfasten – gut, aber keine Wunderwaffe

Nur ein dummer Hund?

Nur ein dummer Hund?

Schlau oder dumm: Wie man Mensch um den Finger wickelt, wissen alle Hunde!

Noch zu Beginn des Jahrtausends schrieb der kanadische Psychologe und ausgewiesene Hundekenner Stanley Coren: „Die Wissenschaft wird wohl nie ganz verstehen, was Hunde über Kommunikation, Problemlösen, Vergangenheit, Zukunft, Gott, Zeit und Philosophie wissen“. Das deckte sich damals schon nicht mit den Erfahrungen von Hundehaltern, die tagtäglich erleben, dass ihr vierbeiniger Liebling sehr wohl versteht, was man ihm sagt – auch wenn er nicht immer danach handelt und die Ohren, so hat man den Eindruck, ohnehin nur zum Saubermachen da zu sein scheinen. Inzwischen hat aber auch die Wissenschaft Fortschritte gemacht und der Verhaltensbiologe Professor Dr. Norbert Sachser hat mit seinen Erkenntnissen das Weltbild in der Tierverhaltensforschung dramatisch verändert. „Tatsächlich hat die Verhaltensbiologie in den letzten Jahr(zehnt)en große Fortschritte bei der Untersuchung der kognitiven (und emotionalen) Leistungen der Tiere gemacht und unter anderem nachgewiesen: Einige von ihnen können denken, können sich im Spiegel erkennen, können sich in andere hineinversetzen, haben offenbar zumindest Ansätze von Ich-Bewusstsein“, teilt Professor Sachser auf Anfrage von besser-klartext.de mit. Den aktuellen Kenntnisstand hat er in seinem Buch „Der Mensch im Tier“ allgemeinverständlich zusammengefasst (Der Mensch im Tier). Demnach weiß man heute, dass Tiere sich sogar ärgern können, sie trauern und tricksen.

Hundehalter können davon ein Lied siegen – ist es doch dieser tiefsinnige Blick, mit dem jeder Hund sein Herrchen oder Frauchen einmal rund um alle Finger wickelt. Insoweit deckt sich das natürliche Empfinden von Hundefreunden durchaus mit dem derzeitigen Stand der Wissenschaft – zumindest bis die englischen Forscher Dr. Britta Osthaus von der Canterbury Christ Church University und Stephen Lea von der University of Exeter im Oktober 2018 in einer Studien nachwiesen, dass Hunde durchweg nicht so schlau sind wie gedacht, sondern im Vergleich mit anderen Tieren sogar schlechter abschneiden. Die beiden Wissenschaftler haben dazu mehr als 300 Dokumente über die Intelligenz von Hunden und anderen Tieren ausgewertet und fanden heraus, dass man in vielen Fällen die Fähigkeiten von Hunden überbewertet hatte.

Das enttäuscht den Hundeliebhaber – aber nur auf den ersten Blick. Denn letztlich haben Menschen, die ihr Leben mit Hunden verbracht haben, längst selbst die Erfahrung gemacht, dass es erhebliche Unterschiede in den kognitiven Fähigkeiten – also in Wahrnehmung und Denken – von Hunde gibt. Der eine Vierbeiner ist wissbegierig, lernt schnell und gern, ist gehorsam und zu allerlei Späßen aufgelegt. Der andere Hund aber will von all dem einfach nichts wissen. Er spielt nicht, kuschelt nicht und weiß auch sonst nicht viel mit sich und den Menschen in seinem Rudel anzufangen. Er braucht nur seine Spaziergänge, gutes Futter und das möglichst reichlich und ansonsten seine Ruhe! Stanley Coren hat sogar eine Rangliste der intelligentesten und dümmsten Hunderassen aufgestellt (Stanley Coren, Die Intelligenz der Hunde, Rowohlt Taschenbuch 1997, ISBN 9783499602467). Aber haben die unterschiedlichen Verhaltensweisen wirklich etwas mit Intelligenz zu tun? Denkt der Hund über sein Tun nach? Oder macht Hund in jedem Fall einfach nur was er will? Ist der dumme Hund am Ende nicht schlauer als der Gehorsame, weil er sich eben nicht von seinem Menschen zu etwas zwingen lässt, stattdessen instinktgetreu genau das tut, wonach ihm gerade ist? Fragen über Fragen, auf die die Wissenschaft noch immer keine Antworten gefunden hat und vermutlich auch nicht finden wird. Denn auch die Wissenschaft kann das Verhalten von Hunden mit allerlei Experimenten, Untersuchungen und Studien nur interpretieren. Ob die jeweilige Deutung aber tatsächlich stimmt, weiß letztlich doch niemand ganz genau! /sis

Lesen Sie auch:

Hunde müssen Hund sein dürfen hier

Hundeattacken: Es kann immer etwas passieren hier

Hunde müssen Hund sein dürfen

Hunde müssen Hund sein dürfen
Huskys sind noch mehr als andere Rassen instinktgesteuert. Sie können nicht acht Stunden am Tag in einer kleinen Wohnung unterm Dach alleine darauf warten, dass ihre Besitzer nach Hause kommen. Das grenzt an Tierquälerei!

Ein Hund zieht ein. Welches Körbchen ist das Beste, passt idealerweise auch noch zur Einrichtung und nimmt nicht zu viel Platz weg? Vielleicht mit orthopädischer Matratze? Wie ist es mit den Futternäpfen, Blech oder Porzellan, auf dem Fußboden stehend? Nein, natürlich nicht! Nur mit in der Höhe verstellbarem Ständer, keine Frage! Und das Halsband? Schick sind sie ja schon, die breiten Lederbänder mit Strass oder Goldapplikation! Rollleine oder doch lieber die aus Leder? Trockenfutter, Dose oder doch besser selbst gekocht oder gar nur rohes Fleisch? Wer von solchen Vorbereitungen für den Einzug eines Hundes hört, kann nur mit dem Kopf schütteln. Alles wird mit in die Überlegungen einbezogen, nur der Hund nicht. Und so kommt es vor, dass ein Husky-Rüde im besten Alter zwar in übergroßem Luxus, sehr wohl aber acht Stunden am Tag alleine eingesperrt und permanent jaulend in einer 3-Zimmer-Wohnung unterm Dach ausharren muss, der Dobermann unter ähnlichen Bedingungen zum kreativen Innenarchitekten mutiert, der Rottweiler Löcher in Wände und Türen frisst und der Pekinese die Nachbarn mit seinem ununterbrochenen Gebell in quietschiger Tonlage direkt in den Wahnsinn treibt. Zweimal die Woche müssen diese sogenannten besten Freunde des Menschen obendrein zum Erziehungskurs in die Hundeschule und dort werden von ihnen stundenlang Handlungen verlangt, die ihnen völlig wesensfremd sind: Sitz, Platz, Bleib, Fuß – und das natürlich mit allerlei Artgenossen im Gleichschritt. Von alleine käme kein Hund auf die Idee, solche Befehle auszuführen oder gar den Artgenossen, der keinen Meter entfernt auch gerade Sitz oder Bleib probt, einfach nur zu ignorieren! Das ist völlig gegen ihre Natur, genauso wie Dog Dancing oder Flyball oder was es sonst noch alles an Beschäftigungstherapie für den modernen Hund gibt. Überhaupt ist das ständige Beschäftigt werden wirklich so gut für den Hund, wie moderne Hundetrainer – für die es nach wie vor keine verbindliche Ausbildung gibt – behaupten? Langweilt sich der Hund wirklich, wenn er von uns nicht rund um die Uhr bespaßt wird?

Natürlich näherte sich der Hund dem Menschen – man schätzt vor etwa 10.000 Jahren – von alleine an. Niemand hat ihn dazu gezwungen. Er hat nur schnell erkannt, dass es bei den Zweibeinern gar nicht so übel ist: Regelmäßig Futter und ein Plätzchen im Warmen, wenn es draußen kalt ist, das hat doch was! Er dankte es dem Menschen, indem er wichtige Aufgaben übernahm: Herde hüten, bei der Jagd helfen, Kaninchen aus ihren Bauten treiben, Haus und Hof beschützen. Dazu brauchte es selbstbewusste Hunde, die allein entscheiden konnten und das auch taten. Dafür gab es Futter und ansonsten ließ man sie ganz einfach Hund sein. Erst seit wenigen Jahren wird der Hund immer mehr zur Marionette, zu einer Puppe, die mitunter sogar in vermeintlich niedliche Kleidung gestopft wird, zum Kindersatz, der viel zu viel von unserem ungesunden Essen bekommt, dick und rund und letztlich krank wird, oder zu dem Kind oder Partner erzogen wird, den man so gerne hätte: ein zu einhundert Prozent gehorsamer, einfach perfekter Begleiter. Seine einzige Aufgabe besteht darin, unsere Mitmenschen von seinen oder besser unseren Qualitäten zu überzeugen: Seht her, was ich für ein toller Typ bin. Mein Hund macht was ich will und zwar nur wann ich es will! Toll, oder?

Sicher gibt es gewisse Voraussetzungen für das Zusammenleben von Mensch und Hund in der heutigen Zeit. Aber übertreiben es die Menschen nicht längst mit ihren Forderungen? Warum dürfen unsere Hunde nicht einfach mal wieder Hund sein! Warum soll ein Hund nicht bellen, wenn Fremde an die Tür kommen? Das war einst sein Job! Warum sollen sich Hunde, die sich nicht mögen, nicht auch mal fetzen? Wir Menschen tun das – zumindest verbal – ja auch jeden Tag! Warum darf ein Hund uns nicht mit gefletschten Zähnen klar machen, dass wir gefälligst seinen Knochen in Ruhe zu lassen haben? Wie würden wir wohl reagieren, wenn uns jemand das Brot aus dem Mund klaut? Und warum soll ein Hund fremde Menschen nicht anknurren, die sich vor ihm aufbauen, ihm mehr oder mindert zärtlich über dem Kopf streicheln und ihm „Guter“ direkt in seinen empfindlichen Gehörgang schreien? Was würden wir wohl tun, wenn wir durch die Stadt spazieren und es kommt ein fremder Mensch auf uns zu, streicht uns über dem Kopf und brüllt so laut er kann: „Ja du bist ja ein Guter!“ /sis

Lesen Sie auch:

Wie schlau sind Hunde? Nur ein dummer Hund hier

Hundeattacken: Es kann immer etwas passieren hier

Intervallfasten – gut, aber keine Wunderwaffe

Intervallfasten – gut, aber keine Wunderwaffe

Intervallfasten ist ein Schlagwort unserer Zeit. Einem Jungbrunnen gleich werden dieser Ernährungsmethode geradezu magische Kräfte zugeschrieben. Von grandiosen Gewichtsabnahmen ist die Rede, von verjüngter Haut bis hin zu mehr Bewegungsfreude, auch bei nicht mehr ganz so jungen Menschen. Auf unzähligen Seiten im Netz wird von echten, aber leider auch vielen selbsternannten Ernährungs- und Gesundheitsexperten von der großartigen Wirkung des Intervallfastens geschwärmt. Was ist dran an der Wunderwaffe Intervallfasten? Hält die Methode was sie verspricht?

Ein Selbstversuch über acht Monate mit der 16:8-Methode, also 16 Stunden fasten, acht Stunden essen, spricht in der Tat für das Intervallfasten. In den 16 Fastenstunden werden keine Kalorien aufgenommen, es gibt nur Wasser oder Tee und am Morgen eine Tasse Kaffee, aber ohne Zucker und Milch selbstverständlich. Mit den anderen Intervallen, beispielsweise zwei Tage fasten bei maximal 500 Kalorien, fünf Tage essen was man will, liegen keine eigenen Erfahrungen vor, sie werden deshalb hier nicht berücksichtigt. Man kann aber anhand der Berichte davon ausgehen, dass sich bei ihnen kaum andere Wirkungen zeigen. Bei der 16:8-Methode jedenfalls nimmt man tatsächlich ab, allerdings in winzig kleinen Schritten, dafür aber stetig, Gramm für Gramm. Aber leider nicht durch das Intervallfasten alleine. Vielmehr muss man in den acht Essensstunden sehr wohl darauf achten, was und vor allen Dingen wieviel man isst. Denn auch hier gilt ganz klar, wer mehr „Energie“ zu sich nimmt, als er verbraucht, hat ein Problem, da hilft auch Intervallfasten nicht. Auch die so hoch gelobte „Flexibilität des Zeitrahmens“ hat ihre Tücken. Es ist nämlich nicht wirklich egal, ob man heute von 20 bis 12 Uhr und am nächsten Tag von 18 bis 10 Uhr fastet. Denn: Der innere Schweinehund muss jeden Tag aufs Neue überwunden werden, wenn man sich nicht an die einmal festgelegte Zeitspanne hält. Nach dem Motto „Kein Problem, esse ich morgen eben später“ geht es nur mit sehr viel mehr Disziplin, als wenn man stur jeden Tag die gleichen Zeiten beibehält und zwar tatsächlich auf die Minute genau. Gegessen wird um 12, nicht 5 Minuten und auch nicht zwei Minuten vorher, punkt 12, fertig! Wer das nicht schafft, tut sich mit wechselnden Zeiten vermutlich noch viel schwerer. Natürlich kann man auch einmal den festgelegten Zeitrahmen verschieben, etwa bei Festen, Einladungen und sonstigen wichtigen Ereignissen. Nur sollte man das lieber nicht zu häufig tun. Die Versuchung wird sonst jeden Tag größer und die Ausnahme dann rasch zur Regel.

Kommen wir zum Positiven am Intervallfasten, natürlich ohne auf die wissenschaftlich noch nicht nachgewiesenen Auswirkungen auf allerlei schwere Krankheiten einzugehen. Das kann ohnehin niemals Thema eines Selbstversuches sein. Wer krank ist, geht zum Arzt und nicht ins Internet! Auch wenn man allein durch das zeitlich begrenzte tägliche Fasten kein Gramm an Gewicht verliert, sind die körperlichen und psychischen Auswirkungen dennoch beachtlich. Zu diesen kleinen aber sehr angenehmen Veränderungen zählt beispielsweise eine Regulierung des gesamten Verdauungssystems mit allen damit in Zusammenhang stehenden positiven Einflüssen auf das körperliche Wohlbefinden. Man fühlt sich insgesamt fitter, lebendiger und eine gehörige Portion mobiler. Und selbstverständlich wird die Nahrungsaufnahme bewusster. Man stopft nicht mehr achtlos irgendetwas in sich hinein. Und man freut sich auf die erste Mahlzeit nach der Fastenperiode, wählt das, was man isst mit sehr viel Bedacht und genießt es wie ein Fünf-Sterne-Menü, auch wenn es sich nur um einen ganz profanen Teller Linsensuppe handelt.

Gerade für ältere Menschen kann Intervallfasten – so es der Arzt erlaubt – tatsächlich zum ersehnten Jungbrunnen werden. Nein, die Falten und grauen Haare verschwinden nicht, aber man hat wieder mehr Energie und damit das Bedürfnis etwas zu tun. Auch Dinge, die einem in letzter Zeit vielleicht zu beschwerlich waren oder zu denen man keine Lust mehr hatte. Und ehrlich gesagt, wenn nur die Hälfte dessen zutrifft, was dem Intervallfasten nachgesagt wird, dann ist es auf jeden Fall einen Versuch wert! /sis

Interview mit Molekularbiologe Slaven Stekovic: “Intervallfasten befreit die Zellen von molekularem Schrott

Recht muss Recht bleiben

Recht muss Recht bleiben

Meine Meinung – von Sibylle Schwertner

Im Zuge der missglückten Abschiebung des mutmaßlichen Gefährders Sami A. ist eine heftige Diskussion entbrannt, ob Richter sich an das vorliegende Gesetz halten müssen oder doch – wie es der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul, nach dem Beschluss des Oberverwaltungsgerichts (OVG) Münster gefordert hat – ihre Entscheidungen dem “Rechtsempfinden der Bevölkerung” anpassen sollten.

Zwei Meinungen scheinen sich unversöhnlich gegenüber zu stehen: Zum einen wird die Auffassung vertreten, das Urteil sei schlicht ein Skandal und man lästert mehr oder minder deftig über „unsere Bananenrepublik“. Zum anderen gibt es jene, die das Urteil wenn auch zähneknirschend akzeptieren und darauf verweisen, dass richterliche Entscheidungen auf keinen Fall dem Rechtsempfinden von irgendwem angepasst werden dürfen. Und es gibt wie immer die Besserwisser, die einfach meinen, man müsse das Gesetz ändern – und zwar so lange bis es passt!

In dem in Rede stehenden Beschluss des OVG Münster, mit dem lediglich über den Beschwerdeantrag der Stadt Bochum und nicht die Abschiebung von Sami A. entschieden wurde, geht es nicht nur um die Rückholung des nach Tunesien abgeschobenen Gefährders, sondern nicht zuletzt auch um das indiskutable Verhalten einer Behörde im Umgang mit der Justiz. Die Diskussion über die Anpassung an das “Rechtsempfinden der Bevölkerung” zielt also in diesem Zusammenhang in die völlig falsche Richtung! Das “Rechtsempfinden der Bevölkerung” wäre im Gegenteil sogar ganz erheblich gestört worden, wenn das Gericht dieses Fehlverhalten nachträglich wie auch immer gebilligt hätte. Denn auch eine Behörde kann nicht machen was sie will! 

Recht muss Recht bleiben. Was passiert, wenn Recht und Gesetz nach Gutdünken ausgelegt, umgangen oder gar ausgesetzt werden, haben viel zu viele Menschen rund um den Globus auch in jüngster Zeit wieder bitter erfahren müssen. Und in Deutschland vertiefen die permanenten Diskussionen, gerade wenn es um das sensible Thema Abschiebung geht, den bereits vorhandenen Riss in der Gesellschaft. Darum sollten wenigstens die Entscheidungen unserer Gerichte von der “Bevölkerung”, die in juristischen Belangen doch überwiegend nur über rudimentäres Wissen verfügt, auch erst einmal ohne Wenn und Aber anerkannt werden. Wir alle können nämlich sicher sein, es finden sich rasch genügend Rechtskundige, die, besteht auch nur der Hauch eines Zweifels, garantiert dafür sorgen, dass Recht und Gesetz am Ende “obsiegen” – wie es in Juristendeutsch so schön heißt.

Hundeattacken: Es kann immer etwas passieren!

Hundeattacken: Es kann immer etwas passieren!
Dobermänner liegen bei Beißattacken auch weit vorne. Ein Steuereintreiber hat diese Rasse 1870 gezüchtet. Damit ist eigentlich alles gesagt. Foto: Schwertner

Wenn sie zubeißen, bekommen sie grausige Schlagzeilen. Von Bestien ist dann die Rede, von unberechenbaren Killern. Gemeint ist der beste Freund des Menschen: der Hund. Was ist er denn nun, Freund oder Feind?

Früher, als jeder Hund noch eine Aufgabe hatte, war er unverzichtbares Nutztier auf jedem Hof. Er bewachte Hab und Gut, hielt die Herde zusammen, holte die erlegte Beute ab oder trieb Hasen aus ihren Bauten. Er wurde gebraucht, wenn auch nicht immer geliebt. Er fraß das, was die Menschen übrig ließen, hauste in Zwinger oder Stall und durfte, wenn er nicht im Einsatz war, einfach nur Hund sein. Und heute? Nur wenige Hunde haben noch eine Aufgabe. Rund 8 Millionen Hunde sind nur noch Haustier. Genaue Zahlen gibt es nicht – was eigenartig anmutet, in Deutschland gibt es sonst für alles und jedes eine genaue Zahl. Zu wissen glaubt man aber, dass von diesen 8 Millionen Hunden 69 Prozent Rassehunde und 31 Prozent Mischlinge sind. Und die Hitliste der beliebtesten Rassen führt der Schäferhund an. Schäferhunde haben auch die Schnauzen vorn, wenn es um Beißattacken geht – angesichts ihrer Verbreitung verwundert das nicht. Also gehörten eigentlich sie auf die „Rasselisten“, gefolgt von Bullterriern und Rottweilern. Unwissend ist man auch, wenn es um die tatsächliche Zahl der Beißattacken geht. Schätzungen gehen von 30.000 bis 50.000 pro Jahr aus. Gesichert ist auch diese Zahl nicht. Man will aber wissen, dass es in den letzten Jahren zu mehr Beißvorfällen gekommen ist. Das liegt vermutlich nur daran, dass über diese Vorfälle auf allen denkbaren Kanälen berichtet wird, über jeden einzelnen gerne mehr als ein Mal. Vielleicht sind es mehr Beißattacken als früher. Bedenkt man aber die Lebensumstände der Hunde heute kann auch das nicht wirklich verwundern.

Natürlich steht kein Hund morgens auf und beschließt mal eben seine Besitzer zu zerfleischen. Es muss schon eine Menge schiefgelaufen sein, ehe ein Hund zubeißt – und jeder halbwegs gesunde Hund warnt vorher. Für Erwachsene ist das gut erkennbar – wenn sie denn hinschauen. Für Kinder nicht. Deshalb gilt: Nie ein Kind mit einem Hund alleine lassen, auch wenn gerade dieser Hund der berühmte, brave Familienhund ist, der gerne mit „Der tut nix“ auf die Menschheit losgelassen wird.

Tatsache ist: Es kann immer etwas passieren! Wer das nicht akzeptiert, hat schlicht das Wesen des Hundes nicht verstanden. /sis

Lesen Sie auch:

Wie schlau sind Hunde: Nur ein dummer Hund? hier

Hunde müssen Hund sein dürfen hier

error: Content is protected !!