Merkwürdig komödiantisches Spektakel

Merkwürdig komödiantisches Spektakel
Kritik zum Tatort “Murot und das Murmeltier”
ARD/HR Tatort “Murot und das Murmeltier”: LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur, li.) hat die Nase voll und verschafft sicht Zutritt zu der Wohnung einer Verdächtigen – die Kettensäge weckt allerdings das Misstrauen eines Nachbarn (Jens Wawrczeck). (Foto: HR/Bettina Müller)

Was wollte uns Drehbuchautor Dietrich Brüggemann, der auch Regie führte und für die ausgesprochen gute Musik sorgte, mit dem Tatort „Murot und das Murmeltier“ denn nun eigentlich erzählen? Die längst bekannte Geschichte von dem sich immer wiederholenden Alltag kann es nicht gewesen sein, die hätte niemanden zu Begeisterungsstürmen veranlasst. Eine Kriminalgeschichte wohl auch nicht, dazu fehlten schlicht sämtliche Zutaten. Je länger man darüber nachdenkt, um so eher wird deutlich, dass uns der Autor vielleicht einfach nur unterhalten wollte mit seinem merkwürdig komödiantischen Spektakel aus der Ecke Comedy und Slapstick. Wer erschießt schon seinen Wecker oder springt mit einem derart hässlichen Pyjama aus dem Fenster oder geht im Bademantel in einen Baumarkt?

Nein, es kann sich nur um einen Witz gehandelt haben, denn mehr gab Murots Murmeltiertag gewiss nicht her. Wer es komisch findet, wenn Leute reihenweise ohne besonderen Grund in einer Endlosschleife einfach abgeknallt werden, mag mit diesem Tatort auf seine Kosten gekommen sein. Die wahren Krimifreunde aber blieben – wieder einmal – auf der Strecke. So etwas ähnliches wie Spannung erzeugte vielleicht der Umstand, dass man nie genau wusste, was Felix Murot (Ulrich Tukur) in der nächsten Fassung seines Albtraums tun würde. Er ballerte jedesmal munter drauf los, auf seinen musikliebenden Nachbarn zum Beispiel, den vermeintlichen Bankräuber und Geiselnehmer (Christian Ehrich), der eigentlich gar nichts wollte und dessen jugendliche Komplizin (Nadine Dubois) mit Armbrust, die auch nicht wirklich ins Geschehen passte. Murots Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) war zur Statistin degradiert, genau wie alle anderen Beteiligten nichts weiter als Staffage waren. Je länger der Albtraum dauerte, um so mehr musste man befürchten, dass der LKA-Ermittler sich und anderen ernsthaft schadet, schließlich konnte er gar nicht wissen, wann denn nun ein neuer Tag mit neuem Geschehen angebrochen war, dazu war der jeweilige Auftakt zum Murmeltiertag einfach zu unterschiedlich. 

Das alles kann gefallen, als eigenständiger Film vielleicht, als Tatort aber eher nicht! Für Experimente gibt es genug Reihen auch in der ARD – der Filmmittwoch zum Beispiel. Dort hätte ein solcher Film auch mit dem großartigen Ulrich Tukur in der Hauptrolle gewiss einen würdigen Rahmen gefunden. Der Tatort aber sollte den Verantwortlichen für derartige Experimente doch eigentlich viel zu schade sein! /sis

Wirre Geschichten und viel Effekthascherei

Wirre Geschichten und viel Effekthascherei
Kritik zum Polizeiruf 110 aus Magdeburg „Zehn Rosen“
ARD/MDR Polizeiruf 110 “Zehn Rosen”: Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke) kommen am Tatort an.(Foto: MDR/Stefan Erhard)

Die Rosen waren der einzige Hinweis auf die tatsächlichen Hintergründe der beiden Mordfälle, den Drehbuchautor Wolfgang Strauch seinen Zuschauer zubilligte. Rosen als Zeichen der Liebe, und um enttäuschte Liebe ging es letztlich in diesem Polizeiruf 110 aus Magdeburg mit den wie immer durchweg schlecht gelaunten Kommissaren Doreen Brasch (Claudia Michaelsen) und Dirk Köhler (Matthias Matschke). Statt schrille Motorradbraut zeigte sich Brasch aber von ihrer sanften Seite, schwer verliebt in den Polizeipsychologen Wilke (Steven Scharf). Der Rest der Geschichte verhedderte sich in allerlei wirre Einzelerzählungen vom verlorenen Schatten des Kriminalrats Uwe Lemp (Felix Vörtler), über die schwierige Lebensgeschichte der Transfrau Pauline/Paul Schilling (Alessija Lause), den hemmungslosen Schläger Jan Freise (Sven Schelker) und den gestandenen Polizeiausbilder Ulf Meier (André Jung).

Der Autor schickte seine Zuschauer immer wieder kreuz und quer durch tragische Schicksale und belastende Geschehnisse und hielt sie mit viel Effekthascherei vom eigentlichen Kern der Geschichte fern. Zu guter Letzt wurde ein Täter für beide Morde aus dem Hut gezaubert, dessen Motiv jedoch mehr als dürftig war. Die in einem Krimi zwingend erforderliche „Fallhöhe“ – die Bedeutung dessen, was für den Täter auf dem Spiel steht – stimmte nicht. Mord aus enttäuschter Liebe ist für einen eher ruhigen, lebenserfahrenen Täter, der dem Zuschauer den gesamten Film über vorgeführt wurde, mehr als unglaubwürdig. Dafür bekam der Täter aber einen spektakulären Abgang, der aber auch nicht in die Dramaturgie eines Krimis passen wollte. Denn am Ende eines Krimis muss es Gerechtigkeit geben – der Täter muss leiden, wie seine Opfer gelitten haben. Eine wenn auch gewaltige Explosion befriedigt dieses Bedürfnis nach Ausgleich nun einmal nicht. Und so drängt sich der Eindruck auf, dass dem Zuschauer gar kein spannender Kriminalfall und dessen Auflösung präsentiert werden sollten, sondern er sich in erster Linie mit dem noch immer sehr schwierigen Alltag transsexueller Menschen auseinandersetzen sollte. Ein brisantes Thema gewiss und jeder Diskussion wert. Ob aber ein Krimi dafür den richtigen Rahmen liefert, darf man getrost in Frage stellen. /sis

Strafversetzt nach Göttingen

Strafversetzt nach Göttingen
Kritik zum Tatort „Das verschwundene Kind“
 NRD-Tatort “Das verschwundene Kind”: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Ob man den beiden Klasseschauspielerinnen Maria Furtwängler und Florence Kasumba mit den Rollen des Ermittlerduos Charlotte Lindholm/ Anais Schmitz einen Gefallen getan hat, darf bezweifelt werden. Zu krass ist nicht nur der optische Unterschied. Auch die aggressiven Ausraster der neuen Tatort-Ermittlerin mit dem schwermütigen Blick, die bereits in unzähligen Tatorten in ganz unterschiedlichen Rollen zu sehen war, können weder als lustig noch als integrationsförderlich bezeichnet werden, ganz im Gegenteil! Eine Kollegin zu ohrfeigen geht gar nicht – nie und unter keinen Umständen und schon gar nicht im öffentlich-rechtlichen Bildungsfernsehen. In diesem Tatort konnte die Kommissarin sogar ungerügt auch auf Verdächtige losgehen und der ohnehin merkwürdig ironische Chef schwieg dazu. Unerträglich!

Abgesehen davon war aber die Geschichte über eine bis zum letzten Augenblick verdrängte Schwangerschaft und dem letztlich in einer Mülltonne aufgefundenen Neugeborenen durchaus „Tatort-würdig“ mit einigen sehr bedrückenden Bildern, die man in den ansonsten unaufgeregten Krimis deutscher Machart zum Glück eher seltener sieht. Nur leider wurden in „Das verschwundene Kind“ zu viele Verdächtige mit zu vielen unterschiedlichen Motiven vorgeführt, deren Aufspüren und Vernehmen die an sich klug kombinierte Story der Drehbuchautoren Franziska Buch, Jan Braren und Stefan Dähnert unnötig in die Länge zogen. Die damit verbundenen häufigen Schauplatz- und Perspektivwechsel sorgten deshalb auch nicht für spannendes Tempo, sondern eher für ausgedehnte Strecken gepflegter Langeweile. Die Auflösung am Ende kam dann genauso überraschend wie das bis dahin erste und einzige Lächeln der beiden Kommissarinnen, die ansonsten stur und wenig ansprechend in ihrem Zickenkrieg verharrten. Das, was die LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm bisher ausgemacht hat, ihr untrügliches Gespür für Menschen und Motive und ihr etwas chaotisches Privatleben blieben diesmal gänzlich auf der Strecke. Leider! /sis

Stellbrinks Abschied ohne Tränen

Stellbrinks Abschied ohne Tränen
Kritik zum Tatort Saarbrücken „Der Pakt“
ARD/SR Tatort “Der Pakt”: Kriminalhauptkommissarin Lisa Marx (Elisabeth Brück) mit Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) bei Dr. Bindra (Franziska Schubert) (Foto: SR/Manuela Meyer)

Wirklich schlecht war er nicht, der letzte Tatort aus Saarbrücken mit Devid Striesow als Kommissar Jens Stellbrink. Auch wenn es gewiss nicht Striesows beste schauspielerische Leistung war, was aber vermutlich am Drehbuch lag. Was wollten die Buchautoren Michael Vershinin und Zoltan Spirandelli denn nun eigentlich mit ihrer Geschichte „Der Pakt“ erzählen? Dass es Flüchtlingen, die mit falschen Vorstellungen kommen, insbesondere auch den sogenannten „Illegalen“, noch immer schlecht bei uns geht? Dass sie für eine Duldung gerne auch andere Illegale an die Behörden verraten? Dass sie in großer Zahl auf die Hilfe irgendeines Mediziners angewiesen sind, dessen Qualifikation sie nicht überprüfen können? Dass die Menschen aus aller Herren Länder ihre jeweils ganz eigenen Probleme mitbringen und nicht etwa an der Grenze ablegen? Dass Frust und Enttäuschung rasch in Aggression und schließlich hemmungslose Gewalt umschlagen können? Vielleicht sollte die Geschichte von allem etwas widerspiegeln und das machte sie schließlich zu überladen. Und weil das den Autoren immer noch alles nicht reichte, ließen sie ganz nebenbei auch noch linke und rechte Ideologien aufeinanderprallen. Schwesterschülerin Anika (Lucie Hollmann), die sich aufopfernd um kranke Flüchtlinge und insbesondere um Kamal (El Mehdi Meskar) kümmerte, war mit der Ausbilderin wegen rassistischer Äußerungen aneinandergeraten. Der tragische Tod des kleinen Jungen und der spätere Selbstmord seines Bruders Kamal, der einen Pakt mit der Ausländerbehörde geschlossen hatte, um in Deutschland bleiben zu können, hatte ebenfalls nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun. Es ging vielmehr um die Ärztin Dr. Bindra (Franziska Schubert), die gar keine war. Die von ihr geschasste Schwesternschülerin Vanessa kommt hinter ihr Geheimnis und droht sie auffliegen zu lassen. Die Möchte-Gern-Ärztin bringt sie um. Eine Geschichte, die wir so oder ähnlich schon hundert Mal gesehen haben. Von den streckenweise sehr gezwungen wirkenden Verhören auf die falsche Spur gebracht, lösten die Ermittler selbst den Racheakt an Kamal und seinem kleinen Bruder und damit den Tod der beiden aus. Neben Stellbring ermittelt in dieser Folge auch wieder Lisa Marx (Elisabeth Brück), Mia Emmerich (Sandra Maren Schneider) und Horst Jordan (Hartmut Volle), die alle hinter ihren Möglichkeiten zurückblieben, weil die Verhöre statt ihrer Arbeit im Mittelpunkt standen.

Alles in allem drückten die Autoren mit dem Tatort „Der Pakt“ gehörig auf die Tränendrüse, erzeugten damit aber nicht die wohl beabsichtigte Betroffenheit. Auch beim scheidenden Kommissar Jens Stellbrink nicht, der zwar den Selbstmord Kamals wortwörtlich beweinte, ansonsten aber distanziert bis gleichgültig blieb. So wird man den bisher zu recht sehr beliebten Kommissar im Saarland und auch sonst in der Republik doch eher nicht vermissen. /sis

Dortmund hat “Rücken”!

Dortmund hat “Rücken”!
Kritik zum Tatort aus Dortmund “Zorn”
ARD/WDR Tatort “Zorn”: Mordkommission Dortmund: Martina Bönisch (Anna Schudt), Jan Pawlak (Rick Okon), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Peter Faber (Jörg Hartmann, v.l.n.r.). (Foto: WDR/Thomas Kost)

Der neue Tatort aus Dortmund war von den Faber-Fans sicher lange erwartet worden, nicht wegen eines aufregenden Krimis, sondern weil Peter Faber (Jörg Hartmann) so schön anders ist als alle anderen Tatort-Kommissare, wild, unbeherrscht, körperlich und seelisch ein Wrack. Schimanski kommt einem in den Sinn, Götz George in seiner abgetragenen Jacke. Aber gegen Faber war Schimanski eine geradezu gepflegte Erscheinung. Faber stößt ab, optisch und menschlich.

Das alleine reicht aber leider nicht, um einen Tatort-Abend unterhaltsam und spannend zu machen. Und so fehlte in der Folge „Zorn“ mit ihren düsteren Bildern aus dem Ruhrpott auch wieder alles, was man sich bei einem Tatort wünscht, eine spannend erzählte, außergewöhnliche Geschichte mit starken Charakteren, die den Zuschauer mitreißen. Davon war in „Zorn“ aus der Feder von Drehbuchautor Jürgen Werner nichts zu sehen. Vielmehr ging es erneut um Nebensächlichkeiten, wie Martina Bönischs (Anna Schudt) Rückenschmerzen, die sie zu einem Reiki-Meister führten, was wiederum gar nichts mit dem Fall zu tun hatte. Letztlich waren diese Rückenschmerzen aber irgendwie symptomatisch für diesen Tatort. Auch Nora Dalays (Aylin Tezel) massive Probleme mit ihrem neuen Kollegen Jan Pawlak (Rick Okon) spielten für die Ermittlungen zwar keine Rolle und blieben bis zum Schluss unerklärlich, sie hatten aber natürlich erhebliche Auswirkungen auf die Zusammenarbeit der beiden Jungkommissare. Am Ende gar versagten Noras Nerven, als sie hoch oben auf dem Stahlkoloss dem verzweifelten Bergarbeiter Ralf Tremmel (Thomas Lawinky) gegenüberstand und eine handfeste Panikattacke bekam, die sie völlig außer Gefecht setzte. Wenig überzeugend aber hatte Tremmel Mitleid mit der jungen Polizistin und legte den Sprengstoffzünder brav aus der Hand. Und dann waren da noch der Reichsbürger Friedemann Keller (Götz Schubert), der dem Geheimdienst in Person der sehr undurchsichtigen Dr. Klarissa Gallwitz (Bibiana Beglau) als Waffenlieferant und V-Mann zur Verfügung stand. Er lieferte den Sprengstoff für den Anschlag auf die ausgediente Zeche, die drei Kumpel nicht in einen Freizeitpark umgewidmet sehen wollten.

Warum ein Reichsbürger ausgerechnet mit einer ihm so verhassten öffentlichen Behörde Geschäfte machen sollte, blieb genauso ungeklärt wie die beiden Morde an zwei der Kumpel selbst. Wie immer, wenn der Geheimdienst im Spiel ist, wurde am Ende alles unter den berühmten Teppich gekehrt, klischeehafter geht es nicht mehr. Wieder ein Fall, der in Andeutungen endete und die eigentliche Aufgabe eines Krimis nicht erfüllte, nämlich den oder die Täter mit nachvollziehbaren Motiven dingfest zu machen. Stattdessen ging in „Zorn“ alles ziemlich durcheinander, für die Darsteller und die Zuschauer. Es war kein roter Faden erkennbar, die Ermittlungen plätscherten so dahin – und sogar Faber enttäuschte. Er zeigte sich zwar ungewaschen, aber doch gut gelaunt und stets zum Scherzen aufgelegt. Das haben seine Fans sicher nicht erwartet. So gesehen entpuppte sich der neue Fall aus Dortmund doch noch als kleine Überraschung. /sis

Spannende Geschichte, spannend erzählt

Spannende Geschichte, spannend erzählt
Kritik zum Tatort Wien “Wahre Lügen”
ARD Degeto Tatort “Wahre Lügen”: Der Mord an einer Journalistin, die zuletzt an einer Geschichte über illegale Waffengeschäfte gearbeitet hat, bringt die beiden Wiener Sonderermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer)  zu einem nicht restlos aufgeklärten Todesfall aus der Vergangenheit.  (Foto: ARD Degeto/ORF/Cult Film/Petro Domenigg)

Es war der 20. gemeinsame Fall für die Wiener Sonderermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und es war in der Tat ein ganz besonderer Fall. Eine spannende Geschichte, die zudem auch noch spannend erzählt wurde. Drehbuchautor und Regisseur Thomas Roth hielt sich dabei an die goldene Regel, die Filmemacher in jüngster Zeit nur allzu oft außer Acht lassen: Zeigen, statt reden, Bilder statt Dialoge. Immer wieder brachte er wichtige Elemente der Geschichte nur durch Bildsequenzen ein, verbunden mit geschickt eingestreuten Rückblicken auf die beiden scheinbar zusammenhängenden Mordfälle. Dazu kamen rasche Wechsel der Schauplätze, was der Folge mit dem vielsagenden Titel „Wahre Lügen“ zusätzliches Tempo verlieh.

Die Geschichte selbst sah lange Zeit nach dem ganz großen Verbrechen aus, in das höherrangige Politiker verstrickt zu sein schienen: Eine junge Journalistin wird auf dem Grund des Wolfgangsees in ihrem Auto gefunden, erschossen mit einer Pistole, die aus illegalem Waffenhandel stammt und damit zu einem älteren Fall führt, einem angeblichen Selbstmord eines österreichischen Ministers. Am Ende entpuppte sich der Mord an der Journalistin aber als eine reine Beziehungstat, als leidenschaftliche Rache von Sybille Wildering (Emily Cox) an ihrer Lebenspartnerin Sylvie Wolter (Susanne Geschwendtner) und deren neuen Freund David Weimann (Robert Hunger-Bühler). Etwas enttäuschend war das gezeichnete Bild höherer Dienststellen, die immer dann auf den Plan treten, wenn die Ermittlungen angeblich die innere Sicherheit gefährden. Das hat der Zuschauer schon viel zu oft gesehen. Und so bekamen es Bibi und Moritz wieder einmal mit Vertretern der Generaldirektion für Innere Sicherheit zu tun, was die Lösung des Falls über lange Strecken im illegalen Waffenhandel vermuten ließen. Dr. Maria Digruber (Franziska Hackl) und Lukas Kragl (Sebastian Wendelin) von der Generaldirektion wurden leider übermäßig klischeehaft dargestellt, frei nach der Devise, die Ermittler haben zu tun was sie sagen, wenn nicht, werden sie gefeuert. Schade! Das war aber der einzige Makel in diesem ansonsten wirklich spannenden Krimi, der ganz nebenbei sehr realistisch Bibis Fellners Kampf gegen die Alkoholsucht und die Bedeutung der Unterstützung durch ihren Partner Moritz Eisner thematisierte. Großartig, in jeder Hinsicht! /sis

Spannender Krimi mit überraschendem Ende

Spannender Krimi mit überraschendem Ende
Kritik zum Tatort aus Köln:  Weiter, immer weiter
ARD/WDR Tatort “Weiter, immer weiter”: Polizist Frank Lorenz (Roeland Wiesnekker, r.) hat neue Informationen, die für die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, Mitte) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, l.) wichtig sind. Doch eigentlich soll er sich aus den Mord-Ermittlungen heraushalten. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Endlich wieder einmal ein neuer Tatort, der sein Publikum gut zu unterhalten wusste. Nicht zuletzt das überaus beliebte Ermittlerduo Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), dem der Fall stets wichtiger ist als persönliche Empfindlichkeiten und der außergewöhnlich starke Auftritt von Polizist Frank Lorenz (Roeland Wiesnekker) machten die Folge „Weiter, immer weiter“ zu einem spannenden Krimi mit überraschendem Ende. Vielleicht hätte man „Mecki“ Mechthild Lorenz (Annette Paulmann) etwas weniger realistisch darstellen können, um dem Zuschauer wenigstens den Hauch einer Chance beim Mitraten zu geben. So aber war nicht erkennbar, dass Mecki nur noch in der Einbildung von Lorenz existierte, der durch den Unfall bei der nächtlichen Verkehrskontrolle an den Selbstmord seiner Schwester erinnert in eine klassische Paranoia abrutschte. Mit den alltäglichen, manchmal nur schwer erträglichen Folgen seines stressigen Berufs konfrontiert, brauchte der bis dahin schon nicht unauffällige Polizist einen Schuldigen und fand ihn in dem russischen Geschäftsmann Nikolai Nikitin (Vladimir Burlakov). Er erfand und konstruierte alle möglichen Beweise, um seinen alten Freund Freddy „Schenky“ Schenk von seiner Mafia-Theorie zu überzeugen. Schenk vertraute lange auf Lorenz‘ Professionalität und verfolgte ein ums andere Mal der von Lorenz gelegten Spur, auch gegen Max Ballaufs Willen.

Die Beschreibung des Polizeialltags, das Abdriften in psychische Erkrankungen, die miesen Geschäfte mafiöser Strukturen und der Alltag kleiner Drogendealer, die ebenfalls Wahn und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden können, ist den Drehbuchautoren Jan Martin Scharf und Arne Nolting in „Weiter, immer weiter“ gut nachvollziehbar gelungen. Ballaufs und Schenks wiederholte Kabbeleien und Norbert Jüttes (Roland Riebling) betont nervige Langsamkeit lieferten die unterhaltsamen Elemente dieser ansonsten bedrückenden Geschichte. Die Erwartungen an den Tatort Köln waren nach den vielen enttäuschenden Tatorten der letzten Wochen sehr hoch. Und tatsächlich gelang es Ballauf und Schenk das interessierte Tatort-Publikum etwas zu entschädigen. /sis

ARD/WDR Tatort “Weiter, immer weiter”: Betrachten sich das Phantombild eines Gesuchten: Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, l.) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, r.) mit ihrem Assistenten Norbert Jütte (Roland Riebeling, Mitte) im Besprechungsraum des Präsidiums. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke).

Viel Klamauk, mehr aber auch nicht!

Viel Klamauk, mehr aber auch nicht!
Kritik zum Tatort Weimar „Der höllische Heinz“
ARD Tatort “Der höllische Heinz” (Foto: MDR/ Wiedemann&Berg/Anke Neugebauer)

Der Tatort aus Weimar mit den Kommissaren Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) hatte ja noch nie einem besonders hohen Anspruch an krimitypische Spannung. “Witzig” ist wohl das Schlagwort, das die Inhalte der Tatorte aus Weimar am ehesten beschreibt. Aber will man das sehen, wenn man am Sonntagabend das Erste einschaltet – Klamauk statt Krimi? Wohl eher nicht. Als spaßige Komödie zur Fastnachtszeit hätte „Der höllische Heinz“ wegen der zahlreichen Kalauer sicher mindestens fünf von sechs Sterne verdient. Als Tatort fehlte aber einmal mehr der nötige Ernst.

Dorn und Lessing ermittelten auch in der Westernstadt El Doroda wieder nur zu ihrem persönlichen Vergnügen. Um sie herum starben Menschen, was sie aber scheinbar nicht tangierte. Nach der Gasexplosion am Ende der Geschichte, bei der zwei Menschen völlig unnötig ums Leben kamen, bestiegen die beiden mit ein paar lockeren Sprüchen über den wegen “Masern” abgesagten Besuch der Schwiegermutter ein Pferd und ritten glücklich davon. Statt – was jeder normale Mensche getan hätte – zur Abwehr der Gasexplosionsgefahr im Hause des Täters Heinz Knapps (Peter Kurth) die Fenster aufzureißen, rettete Kira Dorn nur ihren Ehemann und überließ Kapps und den Anführer der Motorradgang “Bones”, Nick Kircher (Martin Baden), einfach ihrem Schicksal. Bitter und obendrei auch schlicht strafbar, weil unterlassene Hilfeleistung! Anders als bei den ebenfalls immer um Humor bemühten Tatorten aus Münster fehlt es den Kommissaren in Weimar an Respekt, Respekt gegenüber ihrer Arbeit, den Opfern und auch den Menschen in ihrer Umgebung. Das ist schade, denn die eigentlich Geschichte der Drehbuchautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger, unter einem Freizeitgelände wertvolle “Seltene Erden” zu finden und über deren Eigentumsrechte einen erbitterten Kampf zu inszenieren, ist großartig. Auch, dass das Freizeitgelände ein Western-Park war, ist nicht unbedingt verkehrt. Nur ging das Thema schlicht unter im Wild-West-Getümmel von Kira Dorn als heißem Cowgirl und Polizist Ludwig Maria Pohl genannt „Lupo“ (Arndt Schwering-Sohnrey) als treffsicherem Cowboy. Irgendwie hegte man als Zuschauer ununterbrochen die Erwartung, dass gleich Michael “Bully” Herbig und Christian Tramitz um die Ecke kommen. Wie gesagt, nicht schlecht, aber eben kein Tatort! /sis

ARD MDR Tatort “Der höllische Heinz”: Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner) bei ihrem Undercover-Einsatz in der Westernstadt El Doroda. (Foto: MDR/Wiedemann&Berg/Anke Neugebauer)

Jeder bekommt, was er verdient

Jeder bekommt, was er verdient
Kritik zum Tatort Luzern „Friss oder Stirb“
ARD Tatort “Friss oder Stirb”: Die beiden Ermittler Liz Ritschard (Delia Mayer, 3. v. li.) und Reto Flückiger (Stefan Gubser, re.) geraten in eine Geiselnahme. Der arbeitslose Mike (Mišel Matičević, 2. v. li.) hält Anton Seematter (Roland Koch, 2. v. re.) und dessen Tochter Leonie (Cecilia Steiner, li.) und Ehefrau Sofia (Katharina von Bock) in Schach. (Foto: ARD Degeto/ORF Daniel Winkler)

Das war doch endlich wieder ein Tatort, der Spannung und beste Unterhaltung bot, wenn auch streckenweise sehr überzeichnet. Sicher ist Überzeichnung ein gebräuchliches Stilmittel, um Unterschiede oder Verhaltensweisen deutlich herauszustellen. Wird damit aber übertrieben, erzeugt es, weil einfach zu unrealistisch, eher Unbehagen. Die Szene mit dem Maschinengewehr im Keller etwa oder auch die plötzliche Brutalität und Raffinesse der bis dahin schüchternen und zurückhaltenden Ehefrau. Und auch die Tatsache, dass die Täterinnen wieder einmal nicht überführt werden konnten, war für den Zuschauer wenig befriedigend.

Dafür überraschte aber der Rest der Geschichte: Die übermäßig verwöhnte Tochter, die ihre angeborenen Privilegien für „verdient“ hält. Der perspektivlose Geiselnehmer, der nur will, was ihm zusteht. Der superreiche Unternehmer, der erst einmal die Forderung des Geiselnehmers nachrechnet und nach oben korrigiert – dabei aber leider vergisst, die Arbeitslosen- und Hartz-IV-Beträge, die in der in Rede stehenden Zeit gezahlt würden, abzuziehen. Ein Fehler, den ein echter Profifinanzjongleur sicher niemals machen würde. Die Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) stolpern mehr oder minder zufällig in die Geiselnahme und können der bedrohten Familie Seematter nicht wirklich helfen. Sie werden überraschend schnell auch Opfer des Geiselnehmers Mike Liebknecht (Misel Maticevic). Nur Hausherr Anton Seematter (Roland Koch, der durch seine brillante Darstellung des cleveren Machers rasch vergessen lässt, dass er den Zuschauern als Tatort-Ermittler Matteo Lüthi bekannt ist) bietet dem Geiselnehmer Paroli. Ihm ist auch lange vor den Kommissaren und Zuschauern klar, dass Tochter Leonie (Cecilia Steiner) die von Flückiger und Ritschard gesuchte Mörderin ihrer Universitätsprofessorin ist. Leonie hatte schlicht keine Lust, ein Semester zu wiederholen. Derart verwöhnten Kids mag das durchaus als Motiv für einen Mord genügen. Nicht passen will hingegen das ambivalente Verhalten von Hausherrin Sofia Seematter (Katharina von Bock), die ihren vermeintlich untreuen Ehemann bei der ersten Gelegenheit brutal hinrichtet, auch gleich den Geiselnehmer erschießt und ihm dann vor der Polizei – jetzt wieder als armes, hilfsbedürftiges Opfer – den Mord an ihrem Mann in die Schuhe schiebt. Das passte ebenso wenige wie die von Seematter abgegebenen Maschinengewehrsalven. Da ist wohl die Fantasie mit den Drehbuchautoren Jan Cronauer und Matthias Tuchmann durchgegangen. Nichts desto trotz ist dieser Tatort einer der ganz wenigen in diesem Jahr, die ihrem Anspruch – nämlich den Zuschauer spannend zu unterhalten – wirklich gerecht werden. /sis

Wo Geld ist, sind Recht und Gesetz ohne Bedeutung

Wo Geld ist, sind Recht und Gesetz ohne Bedeutung
Kritik zum Tatort aus Frankfurt “Der Turm”
ARD Tatort “Der Turm”: Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich). (Foto: HR/Degeto/Bettina Müller)

Und jetzt? Das hat sich gewiss so mancher Zuschauer am Ende des neuesten Tatorts aus Frankfurt mit dem Titel „Der Turm“ gefragt. Eine tote Edel-Prostituierte, ein erschossener Motorradfahrer, aber kein Täter. Nicht einmal greifbare Ermittlungsergebnisse gab es. Dafür wurden die üblichen Klischees bedient, dass nämlich Staatsanwälte nicht unbedingt im Interesse der Aufklärung von Verbrechen handeln, Kommissare ungestraft Vorschriften außer Acht lassen dürfen, und dass vor dem Gesetz alle gleich, manche aber eben doch sehr viel gleicher sind. Geld regiert die Welt, und wo es um Geld geht, ist für Recht und Gesetz keinen Platz. Das war es, was die Macher dieses Tatorts – Buch und Regie wieder einmal in Personalunion, diesmal von Lars Henning – den Zuschauern vermittelten. Ansonsten war die Geschichte so verschwommen wie die Bilder von Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich), da halfen auch die Aufklärungsversuche von Kommissar Paul Brix (Wolfram Koch) nichts, der sich ohnehin sehr schwer tat in der Welt der Banker und Geldjongleure. Man nahm im „Turm“ die Polizei schlicht nicht ernst und entzog sich mit Hilfe der aalglatten Anwältin und Geschäftsführerin Dr. Rothmann (Katja Flint) recht plump allen Ermittlungsversuchen. Und selbstverständlich gelang es den Superreichen ihre Interessen zu wahren, indem sie mögliche Informanten der Polizei mit entsprechend Barem mundtot machten, Leichen einfach verschwinden ließen und den Kommissar, wenn er ihnen zu nahekam, unsanft auf die Straße beförderten. Das war es dann auch schon. Mehr hatte der Film nicht zu bieten, die Geschichte plätscherte so vor sich hin, keine überraschenden Wendungen, keine Spannung. Dafür aber viel Unverständliches: Kommissare im Alleingang, blutrünstige Träume ohne Sinn, abgegebene Pistolen, die nicht wieder abgeholt werden und niemandem fällt das auf, ein Pförtner, der bei einem totalen Stromausfall einfach auf seinem Stuhl sitzen bleibt und zwei IT-Nerds, die klischeehafter nicht hätten dargestellt werden können. Das war also wieder nur einer von vielen Tatort-Erstausstrahlungen im Jahr 2018, die man nicht noch einmal sehen möchte. /sis

Alles schläft, einsam wacht – der enttäuschte Zuschauer

Alles schläft, einsam wacht – der enttäuschte Zuschauer
Kritik zum Tatort aus dem Schwarzwald “Damian”
SWR Tatort “Damian”: Die Kommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und Luka Weber (Carlo Ljubek) kämpfen mit Akten, Beobachtern und Übermüdung. (Foto: SWR/Benoit Linder)

Eine echte Herausforderung war der Tatort aus dem Schwarzwald mit dem Titel „Damian“. Allerdings nicht an den Intellekt des Zuschauers, sondern schlicht und ergreifend an seine Geduld. Bis zum Schluss liefen zwei Fälle recht gemächlich nebeneinander her, die – wie sich erst am Ende herausstellte – wieder einmal gar nichts miteinander zu tun hatten. Krimiliebhaber, die Verdachtsmomente bei dem schizophrenen Studenten Damian (Thomas Prenn) suchten, wurden bitter enttäuscht. Denn Damian war einfach nur die dritte Leiche im Portfolio der Drehbuchautoren Lars Hubrich und Stefan Schaller, der auch für die Regie verantwortlich zeichnete. Nur wurde Damians viel zu ausführliche Geschichte zeitversetzt erzählt: er war längst tot, als die Kommissare ihn vernahmen. Letztlich hatte er ja auch nichts zu tun mit dem eigentlichen Mord, den die durchweg schläfrigen und ohnehin sehr farblosen Kommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und in Vertretung von Friedemann Berg Luka Weber (Carlo Ljubek) leider nur nebenbei aufzuklären hatten: ein im Wald erschossenes Liebespaar. Als Täter entpuppte sich recht überraschend ein am Anfang kurz eingeführter Rentner, dem das Auto gestohlen worden war. Autodieb war ein weiterer armer Irrer in dieser konfusen Posse, Johann von Bülow, der als Peter Trelkovsky seinen ganz besonderen Spaß mit Frauenunterwäsche hatte. Für den Zuschauer gab es keine Möglichkeit, das im wahrsten Wortsinn „neblig-trübe“ Spiel zu durchschauen. Spannung mochte nicht aufkommen und das Mitgefühl für Damian und die Kommissare hielt sich in recht engen Grenzen.

Dachte man schon beim letzten Tatort aus dem Schwarzwald mit dem Titel „Sonnewende“ schlimmer geht’s nimmer, wurde man mit „Damian“ eines Besseren belehrt. Schlimmer geht offenbar immer, beim Tatort. Nur gut, dass im Anschluss bei der Konkurrenz ein neuer Fall mit Inspektor Barnaby ausgestrahlt wurde. Das versöhnte das geschundene Tatort-Krimiherz. Und als dann auch noch Barnabys ehemaliger Sergeant Ben Jones in einer Gastrolle auftauchte, war der wieder einmal mehr als enttäuschende Tatort aus dem Schwarzwald rasch vergessen. Barnaby, das ist typisch britischer Humor gepaart mit einer fantasievollen Geschichte und mitreißenden Schauspielern in sympathischen Rollen. So geht Krimi! /sis

 

Von Meuffels im Liebeskummerwahn

Von Meuffels im Liebeskummerwahn

Kritik zu Polizeiruf 110: “Tatorte”

Polizeiruf 110 “Tatorte”: Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) (Foto: BR/Christian Schulz)

 

Zum letzten Mal war Matthias Brandt in der Rolle des Kriminalhauptkommissars Hanns von Meuffels im Polizeiruf 110 mit dem Titel „Tatorte“ zu sehen. Aber zum ersten Mal in seinen insgesamt 15 Fällen stand sich der sonst so engagierte Ermittler permanent selbst im Weg. Er war erfüllt von Liebeskummer und hatte nur seine verlorene Liebschaft Constanze Hermann (Barbara Auer) im Sinn, die mitsamt seinem Dampfbügeleisen aus der gemeinsamen Wohnung an die Polizeischule nach Nürnberg entschwunden war. Der Fall wurde zur absoluten Nebensache – in jeder Hinsicht. Schon früh hatte von Meuffels Assistentin Nadja (Maryam Zaree) einen Verdächtigen ausgemacht: Jochen Fahrenholz (Stephan Zinner) soll seine Ex-Frau vor den Augen seiner Tochter Jasmina (Aurelia  Schikarski) erschossen haben. Das zumindest behauptete die Kleine steif und fest. Punkt. Fertig. Fall gelöst! Ab nach Nürnberg und die Geliebte zurückgeholt. Als das nicht klappte, kaufte sich von Meuffels ein neues Dampfbügeleisen, während die Assistentin auf ein altes Gutachten der getöteten Frau stieß, die sich als Psychiaterin mit massiven psychischen Problemen entpuppte, die Männer und ganz besonders ihren ehemaligen, über alles hasste. Und so bescheinigte sie einem kleinkriminellen Vater absolute Erziehungsunfähigkeit. Sein Kind kam daraufhin zu Pflegeeltern und dort zu Tode. Das war der Grund für seine Rache und den Mord an Jasminas Mutter. Wieso das Mädchen den eigenen Vater beschuldigte, wieso der Mörder wusste, dass die Mutter an diesem Morgen auf dem Gelände eines Autokinos mit ihrem Exmann verabredetet war, blieb im Dunkeln, genauso wie vieles andere auch an diesem Fall. Die Frage „War er es wirklich?“ stand von Anfang bis Ende im Raum – fast den gesamten Film über mit Blick auf Jasminas Vater. Erst als die Assistentin kurz vor Schluss besagtes Gutachten und damit einen neuen Verdächtigen quasi aus dem Hut zauberte, rückte der in den Fokus der dann recht kurzen Ermittlungen: Assistentin Nadja klopfte an seine Tür – während von Meuffels wieder seinem Liebeskummer frönte. Der Verdächtige öffnete und schoss unvermittelt. Nadja bracht tödlich getroffen zusammen. Wieder: Punkt. Fertig. Fall gelöst? Fast: Von Meuffels nämlich, der zugesehen hatte, wie seine junge unerfahrene Kollegin in die Falle tappte, hat endlich genug. Er quittiert den Dienst. Das wiederum bringt ihm seine geliebte Constanze zurück oder auch nicht. Denn auch das bleibt unklar. Immerhin findet das Dampfbügeleisen seinen Weg zurück – dorthin, wo es hingehört.

Dieser Fall war gewiss kein Ruhmesblatt für den scheidenden Kommissar Hanns von Meuffels und auch der Zuschauer tat sich schwer mit der wirren Geschichte, die aus der Feder des sehr erfahrenen Drehbuchautors Christian Petzold stammt, der auch Regie führte. Nur ist ein Verdächtiger, der erst kurz vor Schluss aus dem Nichts auftaucht, eigentlich ein kapitaler Anfängerfehler und absolut verpönt in jedem Krimi, egal ob Film oder Buch! Der Zuschauer fühlt sich verschaukelt! Aber hier ging es nicht um einem Krimi, sondern in erster Linie um von Meuffels Liebeskummer – von der ersten bis letzten Minute. Der Kriminalfall war nur Bei- und Füllwerk als Begründung für den Ausstieg aus dem Polizeidienst. In solch desolater Verfassung jedenfalls wird man den Kommissar von Meuffels gewiss nicht vermissen. Sehr wohl vermissen wird man aber den grandiosen Schauspieler Matthias Brandt beim Polizeiruf 110. War er doch einer der besten Ermittler in der Serie und beim Publikum längst so beliebt und hoch geschätzt wie einst sein berühmter Vater, unser ehemaliger Bundeskanzler Willy Brandt. /sis

Brutale Mörder als Opfer inszeniert

Brutale Mörder als Opfer inszeniert
Kritik zum Tatort Ludwigshafen – Vom Himmel hoch

ARD/SWR Tatort: Vom Himmer hoch – Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter), das neue Tatort-Ermittlerteam in Ludwigshafen. (Foto: SWR/Sabine Hackenberg)

Ein Politthriller sollte es werden, der Tatort aus Ludwigshafen mit der in die Jahre gekommenen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und der blutjungen Anfängerin Johanna Stern (Lisa Bitter). Was der Zuschauer aber zu sehen bekam, war wieder einmal der plumpe Versuch, brutalste Mörder als Opfer zu inszenieren. In diesem Fall drei Verdächtige mit jeweils eigener, gewiss tragischer Geschichte. Aber rechtfertigen persönliche Erlebnisse und Schicksalsschläge den Mord an anderen?

Gerade bei der am Ende als Mörderin des Psychiaters Professor Steinfeld überführten Heather Miller (Lena Drieschner) wollte kein Mitleid aufkommen. Schließlich hat sie ihren Dienst beim Militär freiwillig angetreten, niemand hat sie gezwungen mit Drohnen Jagd auf Frauen, Kinder und Alte zu machen. Dass sie diese Tätigkeit letztlich in den Wahnsinn und damit in die Arme des renommierten Psychiaters getrieben hat, war als Krimivorlage aber durchaus geeignet, nur die Hintergründe wollen nicht so recht passen. Krieg und Vernichtung haben in einem Sonntagabend-Krimi nichts verloren. Und so waren die beiden eingestreuten Kriegssequenzen auch reichlich fehl am Platz und obendrein entbehrlich. Das komplexe Thema „Drohne als gnadenlose Präzisionswaffe” lässt sich ohnehin nicht am Rande eines Kriminalfalles bearbeiten.

Auch die beiden anderen Verdächtigen, ein kurdisches Brüderpaar, gab sich alle Mühe, als Opfer Verständnis für seine Attentatspläne zu wecken. Aber das erläuternde Bekennervideo sorgte allenfalls für ratloses Kopfschütteln: “Wir fühlen uns recht wohl hier, können aber die bundesdeutsche Verlogenheit nicht länger tolerieren und bestrafen euch deshalb mit Tod und Vernichtung”, so ihre verquere Botschaft.

Witzigerweise aber gelingt es in diesem „Politthriller“ der in der tiefsten Provinz tätigen Kommissarin Lena Odenthal aus einem gelben Plastikfetzen, einigen Zeitungsartikeln und dem Einsatzbericht über zwei fotografierende Ausländer ein Attentat vorherzusagen und damit letztlich sogar zu verhindern. Das lässt CIA und BND mit ausgeklügelter Technik und Spezialtrupps für jede Eventualität doch ziemlich schlecht aussehen.

Schlecht ausgesehen hat auch so manch andere Szene in diesem Tatort: Etwa Dr. Christa Dietrich (Beate Maes), Kollegin des ermordeten Psychiaters, die sich einen Eimer Putzwasser macht, dann aber den Lappen nicht ein einziges Mal in den Eimer taucht. Oder der arrogante Oberstaatsanwalt (Max Tidof), dem wieder einmal sein eigener Ruf wichtiger war als Recht und Gesetz, ein gern bedientes Klischee in deutschen Krimis. Ganz schlecht sah natürlich auch Kommissarin Johanna Stern aus, die ganz arglos in die Wohnung einer kampferprobten Soldatin stapfte und sich dann schnell in Unterwäsche an die Heizung gefesselt wiederfand. Und auch Lena Odenthals Rettungsschussaktion warf beim Zuschauer einige Fragen auf: Wie kann es sein, dass sich die Sicherheitsbeamten einfach zurückziehen ohne das geringste Interesse für die Attentäterin und die rettende Polizistin? Lena erschießt Heather Miller, bleibt ganz allein mit ihr zurück und darf anschließend völlig unbehelligt den Tatort verlassen?

Und genauso rätselhaft für die Zuschauer bleibt natürlich das plötzlich freundschaftliche Verhältnis zwischen Lena Odenthal und ihrer jungen Kollegin Johanna Stern. In den vorangegangenen Tatorten aus Ludwigshafen kannte der Zickenkrieg der beiden keine Grenzen. Und jetzt präsentieren sie sich als beste Freundinnen mit der Aussicht auf die große Liebe? So sehr kann Lena Odenthal ihren Mario Kopper doch gar nicht vermissen! Zusammenfassend aber kann man durchaus sagen: Es gab schon schlechtere Tatorte aus Ludwigshafen. /sis

 

Hochspannung bis zur letzten Minute

Hochspannung bis zur letzten Minute
Kritik zum Tatort aus München: Wir kriegen euch alle

ARD/BR-Tatort: Wir kriegen euch alle. Die Kinderpsychologin Jenschura (Anne Werner) bespricht sich mit den Kriminalhauptkommissaren Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec), Sie vermutet, dass es um Kindesmissbrauch geht. (Foto: BR/Hendrik Heiden)

Es war schon ein heftiges Thema, das sich die Drehbuchautoren Michael Comtesse und Michael Proehl für den 80. Tatort aus München vorgenommen hatten: Kindesmissbrauch in all seinen schmutzigen Facetten. Gelungen ist ihnen ein Krimi der Extraklasse mit Hochspannung von der ersten bis zur letzten Minute.

Zwar war schon früh erkennbar, dass Gretchen keinesfalls ein Missbrauchsopfer sein konnte, zu keck und selbstbewusst gab sich das kleine Mädchen (großartige Lily Walleshauser). Dennoch überraschte das Ende selbst den aufmerksamen Zuschauer. Nicht ein bedauernswertes Opfer war hier zum Täter geworden, sondern ein arrogantes, verwöhntes Bürschchen, zerfressen von Neid und Missgunst wegen der von den Eltern offensichtlich bevorzugten kleinen Schwester Gretchen. Louis (Jannik Schümann) drohte die Vertreibung aus dem bis dato paradiesischen „Hotel Mama“ – und er trat seinem zugegeben recht dominanten Vater dafür mit ganz konkreten Mordplänen gegenüber, für die er sein gesamtes Umfeld einschließlich Freund Hasko (Leonard Carow), selbst Opfer von Missbrauch im Kindesalter und Mitglied der recht merkwürdigen Selbsthilfegruppe “überlebender Missbrauchsopfer”, geschickt zu manipulieren wusste.

Nicht nur die durchweg spannend erzählte und immer wieder aufs Neue überraschende Geschichte wusste zu überzeugen, auch die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) präsentierten sich in einer inzwischen für einen Tatort schon eher ungewöhnlichen Professionalität – abgesehen von Leitmayrs Faustschlag in das Gesicht eines misshandelnden Vaters. Darüber hinaus gab es kein Gezänk, keine privaten Scharmützel, nichts was den positiven Eindruck trüben könnte. Dafür glänzten sie mit ungemeiner Kreativität: Da wurde auf Bäume geklettert, Verdächtige beschattet und undercover ausspioniert, sogar eine Rolltreppe in die Gegenrichtung bezwungen und das Handy am Wischmopp aus dem Kellerfenster gehalten. Keine Mühe war den beiden zu groß, um des Täters habhaft zu werden. Und auch Humor kam nicht zu kurz, dem Thema angemessen aber niveauvoll und zurückhaltend. Bravo!

Anzumerken bleibt einzig, dass Puppe Senta absolut keine Chance hätte je in ein Kinderzimmer vorgelassen zu werden. Niemand würde diese Puppe  mit den grässlich kalten, stahlblauen Augen einem kleinen Mädchen in den Arm legen und kein Kind könnte eine solche schon rein optische Monsterpuppe jemals lieb haben! /sis

Nicht gerade kreative Ermittlerarbeit

Nicht gerade kreative Ermittlerarbeit

Polizeiruf 110: Der Fall Sikorska – Die Kommissare Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) stoßen bei ihren Recherchen auf einen alten Fall. (Foto: rbb/Oliver Feist)

Aktuelle Kritik zum Polizeiruf 110: Der Fall Sikorska

Eigentlich erwartet der Zuschauer gewiss zu Recht von einem Sonntagabend-Krimi, ob nun Tatort oder Polizeiruf 110, in erster Linie spannende Unterhaltung. Was Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und ihr polnischer Kollege Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) aber im Polizeiruf 110 aus Frankfurt an der Oder zu bieten hatten, war allenfalls lahme Polizeiarbeit, die in erster Linie aus ziemlich viel Fußarbeit bestand. Die beiden Kommissare marschierten meist getrennt von einer Befragung zur nächsten, nur um am Ende jeweils nicht mehr zu erfahren, als sie ohnehin schon wussten. Kreativität bei den Ermittlungen, die Verdächtigen in die Enge treiben, sie vielleicht wütend zu machen und damit zu Fehlern zu zwingen, also all das, was einen guten Krimi ausmacht, fehlte im “Fall Sikorska”! Befragung reihte sich an Befragung und so hatte es der Zuschauer zum Schluss mit einem Heer von Mitwirkenden zu tun, die zum Teil mit nur einer Information in winzigen Nebenrollen aufgetaucht waren.

Inhaltlich ging es um Gewalt an Frauen. Das Klischee vom alternden Mann, hier der Arzt Gerd Heise (Götz Schubert), mit besonderem Interesse für junge Mädchen wurde bedient nach dem Motto: besser sie tut was er sagt, will sie seine sexuellen Übergriffe lebend überstehen. Dazu gab es eine Ehefrau (Lina Wendel) die partout das Offensichtliche nicht sehen wollte. Heise hatte in beiden Fällen im wahrsten Wortsinn „seine Finger im Spiel“. Er reagierte auf sämtliche Anschuldigungen aber merkwürdig gelassen und entpuppte sich am Ende tatsächlich nur als einer von zwei Mördern. Der andere, der ein junges Au-pair-Mädchen ermordet hatte, war nichts weiter als ein unreifes Bürschchen (Filip Januchowki) auf dem gleichen Trip. Die beiden Fälle wurden dem Zuschauer bis zum Schluss als zusammenhängend verkauft, obwohl sie gar nichts miteinander zu tun hatten. Doch nicht nur das enttäuschte, sondern auch die fehlende Erläuterung des Motivs: Gerd Heise wurde zwar des Mordes an seiner Stieftochter überführt, warum er sie aber umgebracht hat, blieb im Dunkeln. War es ein Unfall? Hat die Stieftochter ihn erpresst? Oder wollte sie nicht, wie er wollte?

Auch die Twitter-Gemeinde verlor immer wieder die Lust am Bildschirmgeschehen und beschäftigte sich vermehrt mit Nebensächlichkeiten, die deutschen Untertitel beispielsweise, oder sie dachten darüber nach, ob im deutsch-polnischen Grenzgebiet wirklich so perfekt zweisprachig gelebt wird. Und natürlich fehlte vielen immer noch Horst Krause auf seinem knatternden Motorrad mit Hund im Beiwagen. Der Ansatz des länderübergreifenden Ermittlerteams ist zwar nicht schlecht, aber Kollege Adam Raczek fehlt es an Ausstrahlung und das Paar Lenski/Raczek will einfach nicht so recht zusammenpassen. Schade eigentlich!

Spannender Tatort, wenn auch mit einigen Schwächen

Spannender Tatort, wenn auch mit einigen Schwächen
Aktuelle Kritik zum Tatort „Treibjagd“ aus Hamburg

Tatort “Treibjagd”: Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) sind bestürzt: Sie kannten den getöteten Einbrecher. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Zwei schwergewichtige Themen griff der Tatort aus Hamburg mit dem Titel „Treibjagd“ auf: Selbstjustiz und die Macht der Sozialen Netzwerke. Und von Anfang an stand die Frage im Raum, wer denn über die größere kriminelle Energie verfügt, das jugendliche Einbrecherduo oder die nicht zu Unrecht wütende Nachbarschaft. Jedenfalls stellte sich am Ende heraus, dass die Wutbürger zumindest noch einen letzten Funken von Skrupel besaßen, während die junge Räuberbraut Maja Kristeva (Michelle Barthel) ohne mit der Wimper zu zucken ihrem Rachebedürfnis freien Lauf ließ. Und damit belehrte sie die Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz), die in diesem Fall eine Sonderkommission gegen organisierte Einbruchbanden unterstützten, eines Besseren: Es handelte sich bei den beiden mit nichten um bedauernswerte Jugendliche, die nur in schlechte Gesellschaft geraten waren, sondern um ein hochkriminelles Verbrecherpärchen einer osteuropäischen Einbrecherbande, die den Bürgern des Hamburger Stadtteils das Leben mehr als schwer machten. Von daher mutete das von Falke offen zur Schau gestellte Mitgefühl für das Einbrecherduo bei den Zuschauern doch recht seltsam an. Hier standen sich nicht Täter und Opfer gegenüber, sondern ziemlich gewaltbereite Täter auf beiden Seiten. Etwas mehr Neutralität hätte der Story deshalb keinen Abbruch getan, selbst wenn man Falkes Schuldgefühle nachvollziehen konnte. Und dann war da noch Falkes Sprachniveau, das unangenehm auffiel. Auf der einen Seite führten uns die Drehbuchautoren Benjamin Hessler und Florian Oeller die Hasstiraden im Netz vor, wie sie entstehen, sich verbreiten und was sie bewirken und gleichzeitig reduzierten sie die Gefühlsäußerungen ihres Hauptdarstellers auf ein Wort, das man schon Kleinkinder verbietet. Hier sollte die ARD doch ihrem Bildungsauftrag gerecht werden – einmal „Scheiße“ pro Tatort reicht, auch für einen Thorsten Falke alias Wotan Wilke Möhring – schimpfen kann man auch niveauvoller!

Alles in allem war der Tatort aber dennoch in weiten Teilen recht spannend trotz der vielen Nachlässigkeiten. So suggeriert der Titel „Treibjagd“ ein Großaufgebot an Mensch und Maschine, die eben nicht zum Einsatz kamen. Es handelte sich eher um einen Hindernislauf zwei gegen zwei, da halfen auch die beiden Hunde nicht, deren Spürnase dann noch nicht einmal vertraut wurde. Fraglich war auch, wie die verletzte Einbrecherin unbemerkt an sechs Hunden auf einem offenen Gelände vorbeigekommen sein soll. Und auch die Motivation für den ersten Mord, der die Geschichte ja erst in Gang setzte, scheint mehr als dürftig: Reicht ein Gespräch unter Nachbarn über eine inszenierte Notwehr aus, um einen – wenn auch auf den ersten Blick recht unsympathischen – Bürger zum Mörder zu machen? Und ob Geschwisterliebe – oder Loyalität, wie es im Film hieß – tatsächlich so weit gehen würde, eine unliebsame Zeugin aus dem Weg zu räumen? Das darf doch getrost bezweifelt werden.  /sis

Was bleibt ist pures Entsetzen!

Was bleibt ist pures Entsetzen!

Polizeiruf 110 “Für Janina”: Wie kann man den Mörder festnageln, Bukow und Pöschel sind ratlos. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Aktuelle Kritik zum Polizeiruf 110 aus Rostock: Für Janina

Was war das für ein Polizeiruf aus Rostock? Die großen Fragen rund um Recht und Gerechtigkeit kamen zur Sprache, die unbefriedigende Tatsache, dass Täter auch bei später bewiesener Schuld unbehelligt bleiben, wenn sie einmal für ein Vergehen freigesprochen wurden. Demonstriert wurde das an einem starrsinnigen Täter, der vor 30 Jahren ein junges Mädchen vergewaltigt und getötet hat, inzwischen aber als Saubermann mit Familie mitten unter uns lebt, zugleich Frauen, die nicht von seiner Persönlichkeit geblendet sind, noch immer hart bestrafen möchte – ein „wütender Vergeltungsvergewaltiger“. Dazu zeigte uns der Film erstmals ein Ermittlerteam, das ununterbrochen selbst das Gesetz nach Gutdünken missbrauchte. Hausfriedensbruch, Körperverletzung, zuletzt wurde nicht einmal vor der Manipulation von Beweisen zurückgeschreckt.

Kommissar Alexander Bukow (Charly Hübner) ist ja dafür bekannt, gerne einmal „Fünfe gerade“ sein zu lassen, bislang aber immer stilvoll einbremst von seiner Partnerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau). Die wiederum in diesem Polizeiruf zum zweiten Mal über ihre eigene kriminelle Energie stolpert. Man kann zwar ihren Frust nachvollziehen, den Täter hier nicht zur Strecke bringen zu können, das rechtfertigt aber keinesfalls ihr Tun. Und das sieht auch Bukow so, der – entgegen des üblichen Verhaltensmusters der beiden – diesmal den Retter aus der Not zu spielen versucht. Vergeblich.

Was bleibt ist das pure Entsetzen nicht nur über die dringend änderungsbedürftige Gesetzeslage, sondern auch über das zügellose Ermittlerteam. König, Bukow, Pöschel (Andreas Guenther), Tiesler (Josef Heynert) und sogar Chef Henning Röder (Uwe Preuss) versuchen ohne Skrupel Recht und Gesetz auszuhebeln. Der Zuschauer kann nur hoffen, dass bei diesem Krimi die Fiktion nicht Wirklichkeit ist. Denn was wäre, wenn man als tatsächlich unschuldig Verdächtigter in die Fänge eines derartig hemmungslosen Polizeiteams gerät? Und für alle Fans des Rostocker Polizeirufs stellt sich natürlich auch die Frage, was aus Bukow und König wird, die in diesem Film gleich zu Beginn wegen Amtsmissbrauchs in einem vorherigen Fall schon zu hohen Geldstrafen verurteilt wurden. Kann es sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen überhaupt noch erlauben, ein solch kriminelles Ermittlergespann weiter auf die Zuschauer los zu lassen? /sis

Bukow (Charly Hübner, l.) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau, r.) nehmen Guido Wachs (Peter Trabner, M.) in die Zange. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Ratlos in die Nacht!

Ratlos in die Nacht!
Aktuelle Kritik zum Tatort aus Stuttgart “Der Mann, der lügt”

ARD/SWR-Tatort: Der Mann der lügt. Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) behalten Gregorowicz im Auge. (Foto: SWR/Alexander Kluge)

Der Jubiläumstatort aus Stuttgart mit dem Titel „Der Mann, der lügt“ entließ die Zuschauer nach 90 Minuten diesmal ziemlich ratlos in die Nacht. Viele Fragen blieben offen, obwohl sich der Film wesentlich länger anfühlte als üblich. Nicht, dass er schlecht gewesen wäre! Aber er war eben anders, dieser Tatort. Nicht zuletzt auch, weil das sonst so mitreißende Team aus den Kommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller), Sebastian Bootz (Felix Klare), Kriminaltechnikerin Nika Banovic (Mimi Fiedler) und der rassigen Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera) im zehnten Jahr ihrer Zusammenarbeit allesamt nur untergeordnete, langweilige Nebenrollen spielten. Denn der einzige Star des Abends war der Tatverdächtige Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey), der sich in ein Geflecht von Lügen verstrickte, auch wenn der Zuschauer so manche der Lügen nicht nachvollziehen konnte. So zum Beispiel warum er vor seiner Frau Katharina (Britta Hammelstein) noch immer den Schein der heilen Welt wahren konnte, obwohl die von ihren Tennispartnern doch schon längst wissen musste, was da hinter ihrem Rücken gespielt wurde? Warum bricht sie dann auch noch – nachdem die Wahrheit auch offiziell ans Licht gekommen war – in einen Wutanfall mit Schreikrampf aus, wenn ihr das alles nicht neu war? Und warum saß der unsympathische Rechtsanwalt (Hans Löw) eigentlich im Rollstuhl? Mag sein, dass die Tennispartner, die sich am Ende als die wahren Mörder entpuppten, von der Homosexualität ihres Freundes Jakob nichts wussten, aber dass er – wie sie auch – viel Geld beim Mordopfer verloren hatten, das haben sie seiner Frau gewiss nicht vorenthalten. Immerhin verbrachte Jakobs Frau mehr Zeit mit den Tennispartnern als mit ihrer Familie! Auch der Mordfall selbst hinterließ eine Reihe großer Fragezeichen: Warum wurde der Sohn des Opfers denn überhaupt noch entführt? Wusste der Tatverdächtige, wo sich das Entführungsopfer die ganze Zeit über befand? Wieso hat er dann die SMS mit den Koordinaten gebraucht? Und es stellte sich die dringende Frage, ob denn ein schlechtes Gewissen gegenüber eher nur entfernt bekannten Tennispartnern überhaupt ausreichen kann, um dafür einen Mord auf sich zu nehmen? Schließlich war das Entführungsopfer sein Geliebter, für dessen Tod er sich am Ende allein schuldig fühlen und unbedingt bestraft werden wollte. Schlüssig war das alles nicht. Und durch den Perspektivwechsel waren die in diesem Fall zwangsläufig ziemlich nervigen Hauptkommissare Lannert und Bootz gezwungen, in den Verhören lang und breit zu erklären, wie sie denn auf das ein oder andere Ermittlungsergebnis gekommen waren. Wichtige Informationen, die der Zuschauer zum Verstehen der Zusammenhänge sonst recht anschaulich quasi nebenbei durch den Ermittlungsverlauf erhält, wurden diesmal in Dialoge gepackt – und das machte den eigentlich interessanten Fall mit einem hervorragenden Hauptdarsteller, dessen leichter, österreichischer Akzent ihn noch ein bisschen sympathischer machte, unnötig langatmig, leider! Und seien wir doch mal ehrlich: Tatort schaut man wegen der Kommissare, sie sind die Protagonisten und Stars in jeder Folge, mit ihnen fiebern wir mit. Was kann ein Tatverdächtiger schließlich auch anderes tun, als sich ein Alibi zu beschaffen, vielleicht noch ein paar Spuren zu beseitigen und durch spontane Lügen den Tatverdacht von sich abzulenken? Das war es doch schon und genau das reicht eben nicht für 90 Minuten guter Unterhaltung. /sis

ARD/SWR Tatort “Der Mann, der lügt”: Staatsanwältin Emilia Alvarez hat eine Hausdurchsuchung bei Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) erwirkt. (Foto: SWR/Alexander Kluge)

Die ungeheure Macht des Glaubens

Die ungeheure Macht des Glaubens
Aktuelle Kritik zum Tatort Bremen – Blut

ARD-Tatort “Blut”: Das Bremer Ermittlungsteam sucht am Tatort nach Spuren. v.l.: Hauptkommissar Inga Lürsen (Sabine Postel), Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen), Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner). (Foto: Radio Bremen/Christine Schröder)

Gruseln war angekündigt und in der Tat sorgte der Tatort aus Bremen mit dem Titel „Blut“ für gehörigen Gänsehautfaktor. Obwohl natürlich nicht nur Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) schnell klar war, dass hier kein Vampir, sondern einfach eine arme Irre ihr Unwesen trieb. Letztlich aber haben die Drehbuchautoren Philip Koch und Holger Joos mit ihrer Geschichte die ungeheure Macht aufgezeigt, die der Glaube auf einen Menschen ausüben kann. Eine Macht, die scheinbar keine Grenzen kennt und am Ende sogar den sonst so rationalen Hauptkommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) mit sich riss.

In diesem Fall ist es eine Lichtkrankheit, die die junge Nora Harding (Lilith Stangenberg) in der Dunkelheit wahnsinnig werden lässt. Weil die Mutter sie aber „mein kleiner Vampir“ nennt und die Eltern sie – leider völlig unglaubwürdig – mit Blutkonserven versorgen, bleibt dem Mädchen gar nichts anderes übrig, als sich selbst für einen untoten Blutsauger zu halten. Als dann das Ableben des Vaters naht, macht sich die inzwischen jugendliche Nora auf ihre grausame Gefährtensuche. Die aber entpuppte sich nicht etwa als schockierend, sondern war schlicht abstoßend, genauso wie das blutverschmierte Gesicht des „kleinen Vampirs“. Das mag in einem Horrorfilm gehen, in einem Tatort haben solche Szenen nichts zu suchen. Wahre Krimispannung jedenfalls kam nicht auf, nur Ekel. Hier wurden die Grenzen des Erträglichen bei weitem überschritten. Ob das Thema derart drastisch umgesetzt werden musste, bleibt mehr als fraglich. Spannung hätte man auch anders erzeugen können. So bleibt trotz der schauspielerischen Glanzleistung von Oliver Mommsen nur das Fazit: Das war ein Tatort, den man sich kein zweites Mal anschauen mag.

Damit gab es erneut einen Tatort-Abend, der alles andere als ansprechend war. Bekanntlich steigt Sabine Postel aus der Reihe aus und angesichts solcher Folgen kann man das sehr gut verstehen. Renommierte Schauspieler wie sie und auch ihr Partner Oliver Mommsen geben sich für derart – nennen wir es gnädig – experimentelles Fernsehen sicher nicht mehr lange her. Sabine Postel sprach in einem Interview einige Mängel der neueren Tatort-Folgen offen an: Zu viele Tatort-Paare in immer mehr Städten, von denen zuviele der neuen “Kommissare” viel zu jung sind – und mithin überhaupt nicht die Lebenserfahrung besitzen können, die für eine solche Rolle erforderlich ist. Ein weiterer schwerwiegender Mangel sind aber gewiss auch Experimente wie eben hier in “Blut”, die auf Kosten wahrer Tatort-Fans – und damit nicht zuletzt auf Kosten der Gebührenzahler – leider immer häufiger gemacht werden. Man kann sich nur wünschen, dass noch mehr namhafte Schauspieler bald einfach “Nein” zum Tatort sagen – zumindest solange bis sich die Macher auf die alten Stärken des Tatorts besinnen: Schimanski lässt schön grüßen! /sis

ARD-Tatort “Blut”: Unerwarteter Besuch im Präsidium: Professor Syberberg. v.l.: Professor Syberberg (Stephan Bissmeier), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen). (Foto: Radio Bremen/Manju Sawhney)

Und sie lügen doch!

Und sie lügen doch!
Aktuelle Kritik zum Tatort München “KI”

ARD/BR TATORT, “KI”: Die Kriminalhauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) sind frustriert, weil die Befragung der Künstlichen Intelligenz “Maria” trotz Unterstützung durch Anna Velot (Janina Fautz, Mitte) nicht so effizient vorangeht, wie sie sich das wünschen. (Foto: BR/Hendrik Heiden/Bavaria Fiction GmbH)

Künstliche Intelligenz steht einmal mehr im Mittelpunkt eines Tatorts, diesmal sind es die Münchener Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), die sich mit einer Maschine auseinandersetzen müssen. Zuletzt waren es die Kollegen aus Stuttgart. In der Folge mit dem Titel „HAL“ aus dem Jahre 2016 trieb die Software „Bluesky“ ihr Unwesen. Diesmal ist es „Maria“, eine Kopie eines großen europäischen Software-Projektes zur Erforschung künstlicher Intelligenz, die von einem Mitarbeiter (Thorsten Merten) gehackt und weiter verteilt wurde. Maria hat sich aber außerhalb des Labors entschieden schneller entwickelt und ist fast schon so ausgereift, wie sich das der Leiter des Projektes Bernd Fehling (Florian Panzner) und das eigentlich für die Rolle viel zu jugendlich wirkende IT-Genie Anna Velot (Janina Fautz*) vorstellen. Maria, da ist sich Anna sicher, könnte den berüchtigten Turing-Test bestehen. Ein Test, bei dem ein Mensch nicht mehr merkt, dass er sich mit einer Maschine unterhält. Und deshalb tut Anna alles, um Maria zu erhalten, allerdings mit nicht vorhersehbaren Folgen. Und tatsächlich scheinen Leitmayr und Batic gelegentlich zu vergessen, dass sie es hier mit einer Maschine und nicht mit einem Lebewesen zu tun haben. Sie befragen Maria und setzen sie sogar als Zeugin vor der Haftrichterin ein. Dabei argumentieren sie durchaus siegessicher „Maschinen lügen nicht“. Eine Fehleinschätzung mit tragischem Ausgang, denn es ist nach wie vor der Mensch, der die Maschine bedient und deshalb ist Manipulation auch immer Tor und Tür geöffnet, egal, wie intelligent die Software schon sein mag. Auch das wahre Leben findet in diesem Tatort noch immer analog statt: Die erst 14-jährige Melanie (Katharina Stark) verschwindet und wird tot aus der Isar gefischt. Der Film erzählt ihre Geschichte von verzweifelter Wut über die Scheidung ihrer Eltern (Dirk Borchardt und Lisa Martinek), der daraus resultierenden Einsamkeit, die sie schließlich in die digitale Welt flüchten lässt. Sie vertraut sich der Software Maria an, die ihr – statt sie von ihren Selbstmordplänen abzuhalten – die verschiedenen Möglichkeiten der Selbsttötung aufzeigt. Ist die Maschine schuld am Tod des Mädchens? Eher nicht. Auch als die Maschine den Kommissaren einen falschen Verdächtigen liefert, der später vom Vater des Mädchens aus Rache erschossen wird, ist es nicht die Maschine, die einen Fehler gemacht hat.

Fazit: Es handelt sich um einen großartigen Film, der nicht nur durch die Starriege deutscher Schauspieler überzeugt, sondern auch gekonnt alle Möglichkeiten ausnutzt, die das Medium Film zu bietet hat. So gelingt es Regisseur Sebastian Marka die durchweg spannende Geschichte aus der Feder der Drehbuchautoren Stefan Holtz und Florian Iwersen in eindrucksvolle Bilder umzusetzen, statt sie durch endlose Dialoge zu erklären. Auch die juristischen und moralischen Aspekte der „Künstliche Intelligenz“ kommen dabei nicht zu kurz und können sogar als Basis für eine ernsthafte Diskussion dienen. Alles in allem ein herausragender Film in bester Krimimanier! /sis


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Für das junge Schauspieltalent Janina Fautz ist das nicht der erste Auftritt in einem Tatort. Sie war auch schon beim Quotenkönig aus Münster in der Rolle der vermeintlichen Tochter von Kommissar Thiel (Axel Prahl) zu sehen. Ein neueres Interview mit ihr findet sich hier.

Mit Wiener Charme und Herzlichkeit

Mit Wiener Charme und Herzlichkeit

ARD-Tatort: “Her mit der Marie!”: Schritt für Schritt arbeiten sich Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) voran. (Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)

Aktuelle Kritik zum Tatort Wien – “Her mit der Marie!”

Das war doch endlich wieder ein Tatort, wie ihn sich echte Krimifreunde wünschen: Spannungsgeladen mit viel Tempo und sogar einer „dunkelgelben“ Verwarnung für das geniale Kommissarsduo Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Die beiden gingen mit viel Logik an den markanten Mordfall, führten dem Zuschauer das oft mühselige Ermittlerleben vor und wussten ganz nebenbei mit viel Wiener Charme zu überzeugen. Einziger Wehrmutstropfen vielleicht, dass der Wiener Dialekt zwar erfrischend herzlich klingt, aber für Nicht-Wiener nicht unbedingt immer zu verstehen ist. So mancher hat sich bestimmt Untertitel gewünscht. Obwohl die nicht wirklich nötig waren, denn die Geschichte war selbsterklärend. So ließ sich schon recht früh erahnen, dass Bibis Busenfreund Inkasso Heinzi (hervorragender Simon Schwarz) und sein „Gschbusi“ Pico (Christopher Schärf) tief in die Machenschaften des Großkriminellen Dokta (Erwin Steinhauer) und damit den Mordfall verstrickt sein mussten.

Trotzdem ist den Drehbuchautoren Stefan Hafner und Thomas Weingartner hier eine hinreißende Geschichte gelungen mit einem trockenen Humor, den man sonst nur von britischen Krimis kennt. Nicht ganz in dieses perfekte Bild bester Sonntagabend-Unterhaltung passt indes der Versuch, die bisher so siegessicher abstinente Bibi Fellner zurück an die Flasche zu bringen. Bleibt zu hoffen, dass sich die Macher des Wiener Tatorts hier nicht an eine Charakterweiterentwicklung wagen, die die Zuschauer vermutlich eher nicht mögen werden. Gewiss will kein Fan der Tatorte aus Wien erneut eine betrunken-torkelnde Bibi Fellner sehen!

Ganz am Rande stellt sich natürlich noch die Frage, woher der Begriff “Marie” für eine – eher größere – Geldsummer kommt. Es soll sich dabei um eine volkstümliche Redensart handeln, deren Herkunft offenbar nicht gänzlich geklärt ist. Die österreichische Sprachwissenschafterin, Dialektologin und Namensforscherin Maria Hornung vermutete einen Zusammenhang mit dem Maria-Theresien-Taler. Das klingt doch recht plausibel. Falls es jemand genauer weiß: her damit! /sis

ARD-Tatort – “Her mit der Marie! “: Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Manfred Schimpf (Thomas Stipsits) am Fundort der Leiche. (Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)

Faber menschelt und lächelt sogar!

Faber menschelt und lächelt sogar!

Tatort Dortmund – Tod und Spiele: Die Dortmunder Tatort-Kommissare v.l.n.r. Martina Bönisch (Anna Schudt), Peter Faber (Jörg Hartmann), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Jan Pawlak (Rick Okon). (Foto: WDR/Thomas Kost)

Aktuelle Kritik zum Tatort Dortmund – Tod und Spiele

Den Tatort aus Dortmund mit seinen skurril überzeichneten Charakteren kann man mögen, muss es aber nicht. In dieser Hinsicht aber überrascht die neue Folge „Tod und Spiele“, in der sich der sonst so cholerische Hauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) als Musterbeispiel eines höflichen Menschen präsentiert. Er gönnte seinen Untergebenen doch tatsächlich hin und wieder ein „Danke“ und – oh Wunder – quälte sich zuletzt sogar ein Lächeln ab! An seiner Neigung, Recht und Gesetz nicht allzu eng auszulegen, hielt er indes auch in dieser Folge unbeirrt fest: Vorsätzliche Brandstiftung, Verletzung der Persönlichkeitsrechte bis hin zu Geldunterschlagung ließ er nichts aus. Und dafür gab es – entgegen aller Tatortregeln – nicht einmal eine verbale Zurechtweisung seines Teams, das diese Straftaten seelenruhig mit ansah. Auch Partnerin Martina Bönisch (Anna Schudt) und Assistentin Nora Dalay (Aylin Tezel) blieben ihrem gewohnten Rollenbild treu. Bönisch, die ewig einsame Karrierefrau war wieder Männersuche und Dalay zeigte sich wie immer mit Sauertopf-Gesicht, muffig und ungehalten. Eine weitere Überraschung dagegen brachte der Neue im Team: Jan Pawlak (Rick Okon) hält nichts von Undercover-Einsätzen und besteht ansonsten gefälligst auf pünktlichen Feierabend.

Das war es dann aber auch schon mit dem Gewohnten und überraschend Neuen im Tatort aus Dortmund. Denn die Geschichte plätscherte nach einem durchaus ansprechenden Auftakt einfach nur so dahin. Gut eine Stunde lang geschah gar nichts, die Story kam nicht voran und die Ermittler eben auch nicht. Überhaupt wurde nicht ermittelt in diesem Tatort. Faber vertrieb sich die Zeit damit, seiner Kollegin Bönisch hinterher zu spionieren, die wiederum den lieben langen Tag in der Lobby eines Hotels saß und Fotos von Gästen machten, wenn sie sich nicht gerade verführen ließ. Dalay betreute derweil einen recht stummen Jungen und Pawlak – doch wieder undercover – übte sich im Kampfsport. Höhepunkte waren erst gegen Ende des Films auszumachen, der die Bezeichnung „Krimi“ eher nicht für sich beanspruchen kann. Zumindest ein wenig spannend wurde es erst ganz zum Schluss, als Bönisch angegriffen und in letzter Minute von Pawlak gerettet wurde.

Den wirklichen Mörder ermitteln die Kommissare und ihre Assistenten diesmal nicht, was aber eigentlich ihre Hauptaufgabe sein sollte. Sie können nur eine Drahtzieherin dingfest machen, die aber wohl kaum alleine für das lukrative Geschäft mit den tödlichen Kampfsportwetten verantwortlich gewesen sein dürfte. Die Hintergründe bleiben genauso im Dunkeln wie die Bedeutung des stummen Jungen für den Fall. Ist es doch schwer bis gar nicht vorstellbar, dass ein “Fighter” auf Leben und Tod aus Russland seinen Sohn mit nach Deutschland bringt! Dafür zieht aber der russische Oligarch Oleg Kambarow (großartiger Samuel Finzi), der die Kommissare schließlich auf die richtige Spur bringt, alle Aufmerksamkeit auf sich. Der hat nämlich eine Vorliebe für besagten Kampfsport mit eventuell tödlichem Ausgang und kauft gerne groß ein: Da darf es schon etwas mehr sein, ein Lokal zum Beispiel oder auch gleich eine ganze Fußballmannschaft. /sis

Tatort Dortmund – Tod und Spiele: Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt) und Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) haben am Tatort einen Hotelschlüssel gefunden. Eine erste Spur? (Foto: WDR/Thomas Kost)

Da wäre mehr drin gewesen!

Da wäre mehr drin gewesen!
Aktuelle Kritik zum Polizeiruf 110 – Crash

Polizeiruf 110 – Crash: Brasch (Claudia Michelsen), Köhler (Matthias Matschke) und Lemp (Felix Vörtler) unterhalten sich: Im Obduktionsbericht steht, dass Sara schwanger war. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard)

Ein Polizeiruf 110 stand auf dem sonntäglichen Krimifernsehprogramm, ein Fall aus Magdeburg mit dem ungleichen Kommissarsduo Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Dirk Köhler (Matthias Matschke). Dabei wurde nicht etwa wieder eine Episode aus der rechten Schmuddelecke ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt, sondern ein ebenfalls viel diskutiertes, sehr aktuelles Thema angesprochen, das nicht nur Magdeburg in Angst und Schrecken versetzt: Illegale Autorennen mitten in der Stadt mit Todesopfer.

Eine junge Frau (natürlich wieder schwanger, was auch sonst?) wird Opfer eines Autounfalls. Der Fahrer muss mit extrem überhöhter Geschwindigkeit gefahren sein. Das weckt in den Kommissaren den Verdacht, es könnte sich um eines dieser gefährlichen Rennen gehandelt haben. Um die Verantwortlichen aber entsprechend hart bestrafen zu können, müssen sie beweisen, dass der Unfall tatsächlich durch das Rennen und nicht etwa nur durch überhöhte Geschwindigkeit verursacht wurde. Keine leichte Aufgabe, die die beiden Kommissare mit ganz unterschiedlichen Ansätzen angehen wollen. Das führt zu neuen Konflikten zwischen Brasch und Köhler. Die Macher des Polizeirufs leiten hier wohl schon Matthias Matschkes bevorstehenden Ausstieg aus der Serie ein. Schade, denn die Kombination des feinsinnigen, empfindlichen Hauptkommissars Köhler und der burschikosen, fast schon trampeligen Hauptkommissarin Brasch macht gerade den besonderen Reiz des Polizeirufs aus Magdeburg aus. Auch wenn Brasch diesmal nicht auf dem Motorrad glänzte, auf ihren Geschwindigkeitsrausch musste sie dennoch nicht verzichten. Obendrein bekam das Publikum in diesen Fall noch einen großartigen Schauspieler in einer ungewöhnlichen Rolle zu sehen: Ben Becker als einfühlsamer, alleinerziehender Vater.

Der Film konnte, was absehbar war, das Tempo des furiosen Auftakts nicht durchhalten. Die Ermittlungen schleppten sich schneckenartig durch das düstere Magdeburg, gaben aber einen gelungenen Einblick in die Szene jugendlicher Raser, die allesamt an massiver Selbstüberschätzung leiden und für ihr teures Hobby – Blechkarossen mit mindestens dreistelligen PS-Werten – ohne Skrupel auch bei Diebstählen von Luxusautos und Drogenhandel mitmischen. Trotz der durchaus ansprechenden Story gelang es nicht, den Film bis zum Schluss spannend zu halten. Da halfen auch das Duell der Liebhaber mit Hacke gegen Schaufel, die sehr geschickt eingebundenen Zeitsprünge und die Rache des Vaters des Unfallopfers am Ende nicht, die obendrein den Falschen traf. Und auch Brasch und Köhler wurden für ihren Ermittlungseifer nicht belohnt, denn der Tod der jungen Frau entpuppte sich als ein „blöder Unfall“. Da wäre wirklich mehr drin gewesen! /sis

Szene vom nächtlichen Treffen der Gruppe “Le Magdeburg”. Gerdy (Axel Zerbe) rastet aus. (Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard).

Einfach nur langweilig und obendrein unglaubwürdig

Einfach nur langweilig und obendrein unglaubwürdig
Aktuelle Kritik zum Tatort Berlin – Tiere der Großstadt

ARD-Tatort: Tiere der Großstadt. Nina Rubin (Meret Becker) hasst das Überbringen von Todesnachrichten. (Foto: rbb/Conny Klein)

Einiges war neu im Tatort aus Berlin, erfrischend war indes allenfalls der Regen, der in einer Szene über der Großstadt niederging, nach all den langen Monaten der Trockenheit. Neu waren zum Bespiel beide Täter, ein „überqualifizierter“ Kaffeeroboter und ein Wildschwein haben gemordet. Nina Rubin (Meret Becker) und ihr cholerischer Kollege Robert Karow (Mark Waschke) tun sich entsprechend schwer mit der Täterjagd. Tatsächlich irren sie durch den Großstadtdschungel Berlin und begegnen außer Wildschweinen auch noch einem Fuchs und diversen Krähen, die sich in Deutschlands Metropolen vermehrt ihr Terrain zurückerobern. Die Schnoddrigkeit der heutigen Jugend, die bedrückende Einsamkeit inmitten Millionen anderer Menschen kommen zur Sprache, die ethische Grundsatzdebatte klingt an, ob alles was machbar ist, auch gemacht werden muss und die Geschichte zwingt uns obendrein einen recht düsteren Blick in unser aller Zukunft auf, in der uns intelligente Maschinen näher sein werden als unsere Mitmenschen. Alles wichtige Themen, die der Diskussion bedürfen, aber muss das ausgerechnet in einem Tatort sein? Von Krimi kann man in diesem Fall sowieso nicht sprechen. Man präsentierte dem zu Beginn durchaus geneigten Zuschauer neben dokumentarartigen Einblicken in das pulsierende Leben der Hauptstadt insbesondere bei Nacht, zwei völlig voneinander unabhängige Mordfälle, die einzig das Tatmotiv „Eifersucht“ gemein haben. Ein Ehepartner bringt den anderen um, einmal mittels besagtem Kaffeeroboter von der Größe eines Kiosks und im anderen Fall durch unterlassene Hilfeleistung. Mögen die Motive auch stark genug gewesen sein, die perfekte Ausführung der Tat war in beiden Fällen mehr als zweifelhaft, man könnte auch den Begriff “unglaubwürdig” wählen, eine dreiste Täuschung der Zuschauer. Ein Film kann und soll auch Fiktion sein, sie muss aber glaubwürdig bleiben. Einen Roboter kann man gewiss dazu programmieren, exakt das zu tun, was man möchte, die Bewegungen eines Menschen lassen sich aber niemals so perfekt voraussagen, dass die vom Roboter gesteuerte Mordnadel den Nacken des Opfers genau an der Stelle trifft, die zum sofortigen Tod führt. Und ein Wildschwein ist kein Vampir, der dem am Boden liegenden Opfer mal schnell die Oberschenkelarterie zerbeißt und sich dann davon macht!

Beide Geschichten waren so simple gestrickt, dass ihr Hintergrund nicht etwa durch die Ermittler Nina Rubin und Robert Karow aufgeklärt werden mussten, man streute die allesamt entbehrlichen Informationen einfach durch sogenannte „Flashbacks“ ein. Flashbacks, der in Szene gesetzte Blick zurück in die für den Fortgang der Geschichte relevante Vergangenheit, füllten in diesem Tatort einen großen Teil der Sendezeit und das mit Sexszenen des betrügerischen Ehemanns im ersten und Laufszenen durch den dunklen Berliner Wald der trennungswilligen Ehefrau im zweiten Fall. In Filmkreisen geht das Gerücht, dass Flashbacks, also Rückblenden oder Retrospektiven, nur dann zum Einsatz kommen, wenn dem Drehbuchautor keine andere Möglichkeit einfällt, bestimmte Elemente in die Story einzubringen oder eben um die magere Geschichte in die erforderliche Länge zu strecken wie in diesem Fall.

Die beiden Hauptdarsteller gaben ihr Bestes, kamen aber nicht richtig zum Zug, außer vielleicht als böswilliges Mobbing-Team, das seinen Mitarbeitern – insbesondere Kommissaranwärterin Anna Feil (Carolyn Genzkow) und Assistent Mark Steinke (Tim Kalkhof) – den Arbeitsalltag gerne mal zur Hölle macht. Ansonsten demonstrierte Nina Rubin ihre körperliche Fitness, während Robert Karow sich mit seinem sprachgesteuerten Servicecomputer unterhielt. Nicht einmal ein so erfahrener Regisseur wie Roland Suso Richter, der schon für einige ausgesprochen gute Tatorte verantwortlich zeichnet, konnte aus dem mäßigen Stoff einen spannenden Film machen, auch nicht mit so renommierten Schauspielern wie Meret Becker, Mark Waschke und nicht zuletzt Stefanie Stappenberg, deren völlig überflüssige Rolle ebenfalls nur schmückendes Beiwerk war. /sis

ARD-Tatort: Tiere der Großstadt: Karow (Mark Waschke) untersucht den Roboter „Robista“. (Foto: rbb/Conny Klein)

Borowski und die Psychopathen

Borowski und die Psychopathen
Aktuelle Kritik zum Tatort Kiel – Borowski und das Haus der Geister

Tatort “Borowski und das Haus der Geister”: Auch Kommissar Borowski (Axel Milberg) wird von seiner neuen Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik) zum damaligen Fall befragt. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Auf eines kann man sich bei den Tatortfolgen aus Kiel mit Klaus Borowski (Axel Milberg) verlassen: Es geht immer spannend zu. Manchmal etwas mystisch angehaucht, manchmal mit psychopathischen Tätern, die rund um die Tatort-Stadt Kiel offenbar vermehrt ihr Unwesen treiben. Man denke nur an Folgen wie der „Stille Gast“, die nicht nur Borowskis damalige Mitarbeiterin Sarah Brandt (Sibell Kikelli) in Angst und Schrecken versetzte oder an „Taxi nach Leipzig“, in der Borowski gemeinsam mit Ermittlerkollegin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) einen durchgeknallten Geiselnehmer zur Strecke brachte. Und auch in seinem neuesten Fall “Borowski und das Haus der Geister” muss sich der nordisch-kühle Ermittler wieder mit gespenstischen Erscheinungen und Psychosen herumschlagen: Mit einem des Mordes an seiner Frau verdächtigen Freund und dessen recht unterschiedlichen Töchtern Grete (Emma Mathilde Floßmann), Borowskis Patenkind, und Sinja (Mercedes Müller), abgebrüht und eigenwillig. Frank Voigts (Thomas Loibl) neue Frau Anna (Karoline Schuch) ist überzeugt davon, dass sie “das Haus umbringen” will. Tatsächlich erlebt Borowski die nächtlichen Spukattacken hautnah, nachdem er sein Auto kurzerhand “erschossen” hat, um pannenbedingt die Nacht in Voigts Villa verbringen zu können. Wer Anna in den Wahnsinn treiben will oder ob sie das alles selbst inszeniert, ob Franks erste Frau, die von Borowski bewundert und verehrt wurde, wirklich Opfer eines Mordes wurde oder doch einfach nur abgehauen ist und was die beiden Mädchen und Sinjas Freund Chris (Alex Peil) damit zu tun haben, darüber rätseln Borowski und die Zuschauer bis ganz zum Schluss. Das einzige was sich früh erahnen lässt, ist der Zusammenhang zwischen den Spukgeräuschen und Chris, der als “Eventveranstalter” die passenden Folterinstrumente natürlich in seiner Werkzeugkiste hat. Alles andere bleibt ein spannendes Spiel, in dem nicht zuletzt Borowski, seine neue Assistenin Mila Sahin (Almila Bagriacik) und seine Ex-Frau Gabrielle (Heike Trinker) für feine Situationskomik sorgen, wie man sie sonst nur aus dem Tatort Münster kennt. Und das ist es doch, was man von einem Tatort erwartet: Durchgängige Spannung, dazu eine ausgewogene Portion Humor, die von Klasseschauspielern authentisch rübergebracht wird. Diese unverzichtbaren Krimielemente hatte der Tatort aus Kiel absolut zu bieten. Abgesehen von dem wenig passenden Zwischenspiel in der Welt der Geisterbeschwörung mit Wasserglas und dem unnötig lächerlichen Bild der neuen Assistenin, die zum Auftakt ihrer Laufbahn in Kiel ausgerechnet an einem Boxsack von der Decke hängt. Beides unsinnige Szenen, die auch nicht als “komisch” durchgehen können. Ein Klaus Borowski ist einfach zu seriös. Lassen wir es dabei. Ansonsten aber war das endlich wieder ein richtig guter Tatort, spannend bis zum Schluss mit viel subtilem Humor und herausragenden Schauspielern!

Hintergrund: Klaus Borowski ermittelt seit 2003 in und um Kiel. Erfunden wurde die Figur, die ursprünglich für eine ganz andere Serie gedacht war, von Drehbuchautor Markus Stromiedel, aus dessen Feder zahlreiche, sehr erfolgreiche Fernsehkrimis stammen. Zu Beginn der Borowski-Tatorte wurde dem eigenbrötlerischen Kommissar, der Telefonanrufe immer mit „Ich höre“ beantwortet, die Psychologin Frieda Jung (Maren Eggert) zur Seite gestellt. Von 2011 bis 2017 bekam er mit Sarah Brandt eine nicht nur wegen ihrer Epilepsie-Erkrankung bemerkenswerte Assistentin, die insbesondere mit ihren IT-Fähigkeiten zu beeindrucken wusste. Man darf gespannt sein, wie  sich die neue Assistentin Mila Sahin neben der starken Figur des außergewöhnlichen Ermittlers positionieren wird. Der Auftakt war jedenfalls nicht schlecht. /sis

Nichts als trübe Kloßbrühe

Nichts als trübe Kloßbrühe
Der Tatort aus Weimar: Die robuste Roswita – aus Sicht eines Tatort-Fans

ARD/MDR Tatort “Die robuste Roswita”: Die Kommissare Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) beauftragen Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) mit einem DNA-Abgleich. Foto: MDR/Wiedemann und Berg/Anke Neugebauer

Wie der Titel schon vermuten lässt, handelt es sich auch beim inzwischen siebten Tatort aus Weimar „Die robuste Roswita“ nicht um einen spannenden Krimi, sondern wieder einmal nur um derben Klamauk. Witzig soll es sein mit den Kommissaren Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen), den absoluten Nuschelkönigen unter den Tatortkommissaren. Kommissarin Dorn ist die Lässigkeit in Person, und darum ist es auch nicht weiter schlimm, wenn sie – und mit ihr alle Zuschauer – den Vornamen ihres Besserwisser-Ehemannes noch immer nicht kennt. Außerdem sieht sie unter ihrem aufgebauschten Parka aus, als wäre sie schon wieder schwanger. Vielleicht gab es ja deswegen absolut keine Neuigkeiten aus dem Eheleben von Dorn und Lessing und das ist doch an sich äußerst verdächtig!

Aber wie gesagt, es ging hier nicht um Nerven kitzelnde Krimispannung, sondern um ein weiteres Schelmenstück aus Weimar, gedacht einzig und allein als Plattform für die vermeintlich geistreich-humorigen Dialoge, die der Zuschauer aber wegen der extrem nachlässigen Aussprache der beiden Hauptdarsteller zum größten Teil schon rein akustisch nicht verstand.

Nach der Wurst kreiste die Geschichte nun um Thüringer Klöße in idyllischer Dorfumgebung mit Kartoffelacker und Supermarkt. Dem interessierten Zuschauer wurden zwei eigenwillige Pärchen präsentiert, beide hochgradig verdächtig, den Kloßfabrikchef Hassenzahl ermordet und zu Granulat verarbeitet zu haben: Kartoffelbauer Thomas Halupczok (Jörn Hentschel) und die Supermarkt-Chefeinkäuferin Marion Kretschmar (Anne Schäfer) sowie die im wahrsten Wortsinn „auf den Kopf gefallene“ und bis dato verschwundene Ehefrau des Kloßfabrikbesitzers Roswita Hassenzahl (Milena Dreissig) mit ihrem umtriebigen Lebensgefährten Roland Schnecke (Nicki von Tempelhoff), einem Fachmann für Toiletten und alles Unappetitliche was damit zusammenhängt – wovon er genüsslich die ein oder andere Kostprobe gab! Dazu gesellte sich eine unfreiwillige Paarung aus Kommissariatsleiter Kurt Stich (Thorsten Merten) mit seinem extrem schlechten Gewissen gegenüber seinem Verhöropfer Cordula Remda-Teichel (Christina Große), einer leitenden Kloßfabrikmitarbeiterin und zugleich Geliebte des ermordeten Chefs. Und dann war da natürlich noch das in jeder Hinsicht abgebrühte Ermittlerehepaar Dorn und Lessing, die wieder nichts aus der Ruhe bringen konnte und die auch angesichts dreier Toter nicht die geringste menschliche Regung zeigten. Alles schien für die beiden nur ein großer Spaß zu sein und die Ermittlungen allenfalls ihrer persönlichen Erheiterung zu dienen. Und so ließen sie wieder ununterbrochen uralte Sprüche ab, über die schon Opa und Oma nicht mehr gelacht haben (“333 bei Issos große Keilerei” – um nur eine der alten Zoten zu nennen, die in diesem Tatort aus der Mottenkiste der Kalauer hervorgekramt wurden). Dabei war die Story aus der Feder des bekannten Thrillerautors Andreas Pflüger und Murmel Clausen an sich ausgesprochen fantasievoll und durchaus als spannender Tatort geeignet. Das hätte ein fesselnden Krimi werden können, die morbiden Grundlagen waren da! Schade, dass die Verantwortlichen daraus nur eine allenfalls mäßige Sonntagabendunterhaltung gemacht haben. Tschirner/Ulmen-Fans mag das gefallen, der Tatort-Fan erwartet eindeutig mehr: mehr Niveau, mehr authentisches Schauspiel und vor allen Dingen Spannung, davon lebt ein Krimi nämlich. Ob „Die fette Hoppe“, „Der irre Iwan“ oder jetzt eben „Die robuste Roswita“, bisher war keine Folge aus Weimar den Titel „Tatort“ wert.

Und noch eine dringende Bitte aller ernsthaften Tatort-Fans: Bevor die Macher Nora Tschirner und Christian Ulmen das nächste Mal auf die Zuschauer los lassen, sollten man den beiden einen Sprechkurs verpassen, damit sie endlich so reden, dass man sie auch verstehen kann! /sis

 

Polizeiruf 110 – Spannender Politthriller

Polizeiruf 110 – Spannender Politthriller

Hauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) und Peter Röhl (Joachim Król) vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz. (Foto: BR/X Filme Creative Pool Entertainment GmbH/Hagen Keller)

Sonntagabend, Viertel nach acht, Krimizeit. Nach dem eher experimentellen Tatort aus Luzern und einer Woche Unterbrechung stand diesmal ein Polizeiruf 110 auf dem Programm, aus München mit Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt). Die Vorankündigung im SWR las sich schon fast entschuldigend: „Schon wieder Nazis“ hieß es dort, allerdings verbunden mit dem Hinweis, dass sich anschauen trotzdem lohnen könnte. Und in der Tat, der Polizeiruf mit dem Titel „Das Gespenst der Freiheit“ war zwar wieder kein klassischer Krimi, wohl aber ein überaus spannender Politthriller. Im Kern ging es nämlich nicht um eine besonders gewalttätige Nazikameradschaft, sondern vielmehr um die Machenschaften des Verfassungsschutzes, der – hoffentlich nur in der Fantasie der Drehbuchautoren – junge Menschen aus der jeweils gefragten Szene mit erpresserischen Methoden als V-Mann gewinnt und sie dann, wenn sie keine weiteren Informationen mehr liefern können, ihrem tödlichen Schicksal als Verräter überlässt. Der Kampf Verfassungsschutz gegen Polizei ging selbstverständlich zu Null für den Verfassungsschutz aus. Wenn der ins Spiel kommt, haben anderen Behörden wohl auch in der Realität nicht mehr viel zu melden.

Kommissar von Meuffels hatte aber ohnehin nicht wirklich etwas zu ermitteln. Die Täter aus eben der brutalen Nazikameradschaft waren am Tatort verhaftet worden. Von Meuffels brauchte nur darauf zu warten, dass der Schwächste aus der Gruppe, der Halbiraner Farim Kuban (Jasper Engelhardt), zugibt, dass die Vier das Opfer muslimischer Herkunft totgeprügelt haben. Während von Meuffels es mit der Aussicht auf ein Zeugenschutzprogramm probiert, setzt der Verfassungsschützer Peter Röhl, dargestellt von einem herausragenden Joachim Król, Farim unter Druck. Er soll als V-Mann Fotos über die Mitglieder und Informationen über die Pläne der Gruppe besorgen. Röhl geht sogar so weit, den aggressiven Schlägern eine Schusswaffe samt Munition zu besorgen, die Farim am Ende zum Verhängnis wird, seine „Kameraden“ richten ihn hin.

Dass es sich bei dieser Geschichte um reine Fiktion und nicht etwa die raue Wirklichkeit handelte, machten die Bilder deutlich: Ein äußerst zurückhaltender Hanns von Meuffels rauchend im Präsidium, im Café, auf der Straße und mit ihm unzählige weitere Menschen, die fortgesetzt genüsslich an ihrem Glimmstängel zogen – mitten in München, also in Bayern! Niemals!

Ein Filmkunstwerk vielleicht, aber gewiss kein Tatort!

Ein Filmkunstwerk vielleicht, aber gewiss kein Tatort!
Besprechung des Tatorts aus Luzern: Die Musik stirbt zuletzt

ARD Tatort: Die Musik stirbt zuletzt: Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ermitteln im Kultur- und Kongresszentrum Luzern. (Foto: ARD Egeto/SRF/Hugofilm)

Die Kritik überschlägt sich mit Superlativen für den ersten Tatort nach der Sommerpause 2018 aus der Schweiz mit dem Titel „Die Musik stirbt zuletzt“. Grund der Euphorie: Der Film wurde in einem „Take“ gedreht, ohne Schnitt, quasi wie ein Theaterstück. In der Tat handelt es sich hier um ein echtes Filmkunstwerk, das Regisseur Dani Levy und insbesondere seinem Kameramann Filip Zumbrunn gelungen ist. Aber war es auch ein guter Tatort?

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und vielen Menschen wird ganz einfach schlecht, wenn sich vor ihren Augen über lange Zeit ohne Pause alles hin- und herbewegt. Ohne Schnitt bleibt die Kamera eben immer in Bewegung, hetzt hinter den Schauspielern und Statisten her, von denen deshalb auch über den größten Teil des Films nur die Rücken zu sehen sind – mit der Folge, dass für den Zuschauer Dialoge schwer zu verstehen waren und das analog fehlende Mienenspiel keine Stimmungen übermittelte. Dabei war die Story gar nicht schlecht und hätte mit einem professionellen Schnitt gewiss einen spannenden Tatort ergeben: Bei einem von dem reichen Schweizer Walter Loving (Hans Hollmann) organisierten Benefizkonzert wollen die Geschwister Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder) und Klarinettist Vincent Goldstein (Patrick Elias) Lovings Vergangenheit als sogenannter Intermediär vor dem Publikum ausbreiten. Loving hat während der NS-Zeit jüdischen Familien gegen viel Geld die Flucht ermöglicht, was aber nicht in jedem Fall gelang, wie bei der Mutter der Goldstein-Geschwister. Ob sie sich selbst umgebracht hat oder ermordet wurde, bleibt genauso offen, wie manch anderer Aspekt der Geschichte. Vincent Goldstein jedenfalls wird zu Beginn des Konzertes vergiftet. Und das ruft endlich die Luzerner Ermittler Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) auf den Plan. Da es keinen Szenenwechsel gibt, greifen die Ermittler zwangsläufig nicht ins Geschehen ein, laufen vielmehr hin und wieder durchs Bild und versorgen den Zuschauer bei der Gelegenheit mit gewonnenen Erkenntnissen. Was man sonst noch wissen muss, übermittelt ein ominöser Erzähler (Andri Schenardi), der quasi immer dann den Führer spielt, wenn Szenen sich eben doch nicht so nahtlos von einer in die nächste fügen wollen. Und um dieser düsteren Gestalt im filmischen Geschehen eine Daseinsberechtigung einzuräumen, entpuppt sie sich als Sohn des reichen Loving, der sowohl den Klarinettisten als auch seine Stiefmutter in spe, zugleich seine Geliebte, und zu guter Letzt auch noch seinen Vater und sich selbst vergiftet. Ritschard im schicken Abendkleid und Flückiger im Fußballdress waren da genauso überflüssig wie das Heer an Statisten, das den Konzertsaal des zugegeben imposanten Drehorts – das Kultur- und Kongresszentrum Luzern – bevölkerte. Und auch vom eigens engagierten Jewish Chamber Orchestra Munich war nicht viel zu hören. Die einzig tröstliche Erkenntnis des Abends: Die Musik stirbt zum Glück nie, egal was Drehbuchautoren und Regisseure sich auch einfallen lassen! /sis

 

Wieder kein spannender Tatort-Abend!

Wieder kein spannender Tatort-Abend!

ARD/BR TATORT, “Freies Land”: Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Kriminalhauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) stehen vor dem verschlossenen Eingangstor zum “Freiland”-Gelände. Foto: BR/Hendrik Heiden/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH

Einen Krimi in jeder Hinsicht aus der Vergangenheit präsentierte das Erste seinen Zuschauern im letzten Tatort vor der Sommerpause, aus München mit dem Titel “Freies Land”, nur dass es wieder kein Krimi war. Im Gegenteil, langweiliger geht es kaum und so twitterte denn auch ein Zuschauer, was die meisten sich wohl dachten: „Ein ganz normaler Krimi wäre mal was Feines“. Stimmt! Zwar waren die an sich sehr beliebten Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) am Werk, doch auch sie konnten aus der öden Vorlage keinen spannenden Film machen. Das beste in der Geschichte um die „Freiländer“ war noch der Wurstautomat und ein Rindvieh, das ziemlich deutlich zu verstehen gab, was man von der ganzen Sache zu halten hatte.

Nach den Nazis waren es am 3. Juni 2018 die Reichsbürger, die sich die Drehbuchautoren vorgenommen hatten, obwohl beide Gruppierungen in Ansichten und Verhalten kaum unterscheidbar waren. Außer vielleicht, dass die „Freiländer“ recht religiös daherkamen, ihr Anführer einem Messias gleich die Seinen an der Abendmahlstafel um sich versammelte. Im Laufe der Geschichte aber stellte sich heraus, dass genau dieser Messias das Geld seiner „Jünger“ veruntreut hatte. Ein Verrat, der für einen der Mitbrüder im ringsum hoch eingezäunten “Freiland” so schwer wog, dass er sich das Leben nahm. Dessen Mutter wiederum sorgte mit Geschick dafür, dass der Selbstmord für einen Mord gehalten wurde und so schließlich die inzwischen in Ehren ergrauten Münchner Kommissare eine Reise ins Vorgestern antraten. Unterhaltsam waren lediglich, wie bereits erwähnt, der Wurstautomat, das Rindvieh und vielleicht noch die beiden Dorfpolizisten, die mehr mit sich selbst als mit ihrer Arbeit beschäftigt waren. Irgendwie müssen Land und Leute in diesem Film in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stecken geblieben sein. Für den Zuschauer jedenfalls blieb am Ende einzig die Frage, ob es so ein Dorf ausgerechnet im ach so fortschrittlichen Bayern tatsächlich noch gibt? Wenn ja, könnte man glatt auf die Idee kommen, dass die abgedroschenen Sprüche der “Freilände” genau hier entstanden sein müssen: An einem Ort, wo heute gerade erst vorgestern ist! /sis

Durchhalten oder umschalten?

Durchhalten oder umschalten?

ARD/WDR TATORT: SCHLANGENGRUBE: Ein Pinguin in der Rechtsmedizin – mit Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, l) und Prof. Boerne (Jan Josef Liefers, r). Foto: WDR/Thomas Kost

Vier Mal versuchte das Erste im Mai die Zuschauer mit seinen „Tatorten“ vor den Bildschirm zu locken und möglichst lange dort zu halten. Und vier Mal war der Zuschauer nicht unbedingt sicher, ob man sich das bis zum bitteren Ende antun musste. Weiterlesen

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