Viel zu kurz gedacht

Viel zu kurz gedacht
Rezension Mary Beard: Frauen und Macht

Das entscheidende Buch zu Feminismus und Gleichberechtigung, ein leidenschaftlicher Aufruf an Frauen, sich jetzt die Macht zu nehmen, ein Buch, das weltweit Furore macht – so und ähnlich lauten die Schlagzeilen zu Mary Beards Büchlein „Frauen und Macht“. Das macht natürlich neugierig, doch leider ist die Enttäuschung nach der Lektüre auch entsprechend groß. Denn das gerade einmal 112 Seiten umfassende Heftchen, eine Zusammenstellung aus Vorträgen der sehr bekannten britischen Historikerin Mary Beard, verfängt sich in Geschichten einer längst vergessenen Zeit, sucht den Ursprung für die bis heute nachwirkende Frauenfeindlichkeit ausschließlich im Leben der Frauen im antiken Griechenland und Rom. Frauen, denen Dichter wie Homer in der Odyssee das Recht auf die öffentliche Rede absprachen, Frauen, die die Macht an sich gerissen, sie missbraucht und ein entsprechend großes Chaos angerichtet haben. Wahre Monsterfrauen, die von den Männern in ihre Schranken gewiesen werden mussten. Frauen, deren gespenstische Abbilder noch heute dazu benutzt werden, um führende Politikerinnen wie Theresa May, Hillary Clinton oder auch Angela Merkel zu diskreditieren: Das drastischste Beispiel dafür ist die Abbildung einer Medusa, die die Gesichtszüge von Hillary Clinton trägt und deren abgeschlagener Kopf von Donald Trump siegessicher in die Höhe gereckt wird.

Unser kulturelles Modell einer mächtigen Persönlichkeit ist männlich, Schwachheit ist weiblichen Ursprungs, schreibt die Autorin. Und so ist es schon die schrille, winselnde Stimme der Frau, die ihr das Recht auf freie, öffentliche Rede seit der Antike abspricht und damit den Zugang zur Macht verwehrt. Äußert eine Frau eine abweichende Meinung, dann schreibt man das ihrer Dummheit zu. Machen Frauen einen Fehler gibt man sie zum Abschuss frei, männliche Patzer hingegen werden mit Nachsicht behandelt, hatte er eben einen schlechten Tag. Frauen, die das Rederecht fordern, gelten noch heute als Mannweiber. Und tatsächlich präsentieren sich mächtige Frauen meist in Hosenanzügen. Ein Fehler, wie Mary Beard meint. Es gelte vielmehr gerade nicht dem männlichen Muster zu entsprechen. Als positives Beispiel für diese These führt sie Margaret Thatcher mit ihrem Handtaschen-Tick an, die sich damit klar von ihren männlichen Konkurrenten abzugrenzen wusste. Die Autorin kommt zu dem Schluss, der Ausschluss der Frauen von der Macht sei tief in Kultur, Sprache und Geschichte des Abendlandes verwurzelt. Als Lösung bietet sie an, den Begriff der Macht vom damit verbundenen Prestige zu trennen und neu zu definieren. Wie das zu erreichen und was damit gewonnen wäre, bleibt die Autorin ihren Lesern aber schuldig.

Mein Fazit: Das Buch ist eine sicher interessante Zusammenstellung weiblicher Diskriminierung in der Antike. Nur greift es viel zu kurz, wenn die Autorin deren Auswirkungen noch heute im defizitären Verhältnis von “Frau und Macht” sieht. Denn im Laufe der Jahrtausende gab es immer wieder und immer mehr Frauen, die Gehör fanden und über erhebliche Macht verfügten ohne zerstörerische Absichten, Herrscherinnen, Kämpferinnen, Wissenschaftlerin und Forscherinnen, unzählige Beispiele von Cleopatra über Hildegard von Bingen bis Katharina die Große ließen sich anführen. Wer sich für  Geschichte und Geschichten antiker Frauen interessiert, wird nicht enttäuscht. Wer neue Ideen und Ansätze für Gleichberechtigung und Feminismus erwartet, sollte sich nach anderer Literatur umschauen. /sis

Bibliographische Angaben:
Mary Beard: Frauen und Macht: Ein Manifest gegen das Schweigen
S. Fischer Verlag, 2019, 112 Seiten
ISBN 978-3-10-397399-0

Jedem seine eigene Meinung!

Jedem seine eigene Meinung!

Rezension zu Volker Kitz: Meinungsfreiheit. Demokratie für Fortgeschrittene

Fakenews, alternative Fakten und Lügenpresse nimmt der deutsche Sachbuchautor und Jurist Volker Kitz in seinem mit 125 Seiten recht überschaubaren Büchlein zum Anlass, die Meinungsfreiheit und ihre Grenzen herauszuarbeiten. „Meinungsfreiheit. Demokratie für Fortgeschrittene“ klärt aber nicht nur über die zahlreichen widersprüchlichen Ansichten auf, was denn Meinungsfreiheit nun eigentlich genau ist, sondern gibt auch Hilfestellung, wie ein „echter Demokrat“ mit unterschiedlichen Meinungen optimalerweise umgeht.

Meinungsfreiheit, das weiß jeder, ist ein hohes Gut der Demokratie. Sie ist eine Freiheit gegenüber dem Staat. Jeder kann und darf seine persönliche Meinung und Überzeugung auch öffentlich kundtun, ohne dass er dafür vor Gericht belangt werden kann. Jedenfalls solange sich seine Äußerungen im strafrechtlich unbedenklichen Rahmen bewegen. Was Meinungsfreiheit aber gewiss nicht ist und auch nicht sein will, ist „Wahrheit“. Wahrheit lässt sich anhand von Fakten überprüfen, Meinung ist immer subjektiv und deshalb weder falsch noch richtig. In einer Demokratie hat eine Meinungspolizei nichts zu suchen und es gibt auch keine Meinungsrichter. Meinungen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Das wird aber heutzutage leider allzu oft vergessen, und weil Meinung heute viel zu schnell etikettiert wird – als „linksversifft“ oder „rechts“ – kommt kein echter Austausch der Argumente mehr zustande. Allerdings sind Argumente, wenn sie auf Meinung treffen, für den Autor durchaus entbehrlich, denn er stellt fest, dass Meinungen auf Emotionen gründen, die Fakten schlicht nicht zugänglich sind. Tatsächlich sieht jeder Mensch die Welt aus seiner ureigensten Perspektive, die selbstverständlich in engem Zusammenhang mit Herkunft, Bildung und Umwelt steht. Diese einmal gefasste Meinung lässt sich, wenn überhaupt, nur durch Ereignisse ändern. Kitz erinnert in diesem Zusammenhang an die Änderung der Einstellung zur Atomkraft nach der Fukushima-Katastrophe. Sämtliche Bemühungen, Meinungen durch Fakten und Argumente zu verändern, können deshalb nur fehlschlagen. Vielmehr geht es den Menschen in der Diskussion nur darum, den anderen von seiner vermeintlich falschen Meinung abzubringen, ihn zu einer Meinungsänderung zu überreden. Es geht dabei auch gar nicht um falsch oder richtig, sondern nur ums “recht haben wollen”. Ein Fehler, den nicht nur Politiker viel zu häufig machen. Auch die viel beklagte Politikverdrossenheit resultiert laut Kitz nicht zuletzt aus dem Versuch, den politischen Diskurs durch Rechthaberei zu ersetzen. Dagegen besteht die Hauptaufgabe der Demokratie für den Autor in erster Linie darin, das möglichst reibungslose Zusammenleben unterschiedlicher Meinungen zu organisieren! Und daran kann jeder tagtäglich mitwirken, indem er zwar Unwahrheiten entlarvt und nicht unwidersprochen hinnimmt, zugleich aber andere Meinungen akzeptiert, ohne sie ändern oder gar vernichten zu wollen. /sis

Bibliographische Angaben:
Volker Kitz, Meinungsfreiheit – Demokratie für Fortgeschrittene
Fischer Verlag, Frankfurt 2018, 125 Seiten, ISBN 978-3-596-70224-4

Über Vergangenheit und Zukunft der Menschheit

Über Vergangenheit und Zukunft der Menschheit
Rezension Stephen W. Hawking: Kurze Antworten auf große Fragen

Kurz bevor er starb, hat Stephen W. Hawking noch mit der Zusammenstellung dieses Buches aus seinen Archiven begonnen. Die Veröffentlichung erlebte er nicht mehr. Stephen Hawking, einer der ganz großen Naturwissenschaftler und Forscher, Visionär und Mahner unserer Zeit, schwerstbehindert, aber nie hoffnungslos, starb am 14. März 2018 im Alter von 76 Jahren in Cambridge, dem Ort, an dem er lange gelehrt und geforscht hatte.

Seine Fachgebiete waren Theoretische Physik und Astrophysik. Und deshalb nimmt der Weltraum in seinem Buch auch den breitesten Raum ein. Tatsächlich sah Hawking, der seit seinem 20. Lebensjahr unter einer ALS-Erkrankung (Amyotrophe Lateralsklerose) litt, die ihn am Ende gänzlich bewegungsunfähig machte, die Zukunft der Menschheit nur durch Verlassen des Planeten Erde gesichert. Zu weit ist seiner Meinung nach die Ausbeutung und Zerstörung fortgeschritten, als dass die Erde noch auf die Evolution warten könnte, die den Menschen endlich klug macht. Und das wird sie. Hawking war sicher, es erwartet uns eine Explosion an Intelligenz, die nicht zuletzt die Wissenschaft dazu befähigen wird, Krankheiten zu heilen, perfekte Menschen zu designen, durch den Weltraum zu reisen und ferne Planeten zu besiedeln. Sie wird in der Lage sein, Künstliche Intelligenz zu erschaffen, die den Menschen schon bald übertreffen könnte. In all diesen Bereichen kommt es laut Hawking darauf an, dass der Mensch die Kontrolle behält und dafür sorgt, dass die Entwicklung zum Vorteil der Menschheit gereicht. Kommt beispielsweise Künstliche Intelligenz in Hände von Terroristen und Verbrecher, könnte sie ohne weiteres die Menschheit auslöschen. Doch dafür reicht allein schon das Atomwaffenarsenal, das wir noch immer horten. Mag manche Entwicklung in der Zukunft auch ethisch verwerflich sein oder sogar verboten werden, so wird es doch immer Menschen geben, die zu neugierig sind und sich solchen Verboten widersetzen. Demnach ist alles möglich. Und das gilt auch für alle anderen großen Fragen, denen sich Hawking in seinem Buch widmet. Er beschäftigt sich mit der Frage, woher wir kommen, ob es einen Gott gibt, ob wir die Zukunft vorhersagen können, ob Zeitreisen eines Tages möglich sein werden, ob wir die Erde überleben werden und den Weltraum besiedeln. Letztlich hat er auch keine Antworten, aber die sehr eindringliche Warnung, endlich auf dem – doch recht dümmlichen – Weg, den die Menschheit eingeschlagen hat, umzukehren, sich mit der Rettung unseres Planeten zu beschäftigen und im Weltraum nach Planeten zu suchen, auf denen die Menschheit weiter existieren kann. Die größten Bedrohungen führt er seinen Lesern vor Augen, warnt vor Atomkrieg, Klimawandel, Zerstörung der Ozeane und Wälder und auch vor der weiteren Zunahme der Weltbevölkerung. Gerade im letzten Punkt verweist er darauf, dass die Menschen auf unserer Erde schon in absehbarer Zukunft Schulter an Schulter stehen werden, wenn hier nicht endlich gegengesteuert wird. Die einzige Chance auf Veränderung sieht Hawking in der Bildung. Nur sie kann zukünftige Generationen mit dem erforderlichen Wissen ausstatten, das eventuell doch noch die Rettung bringt.

Fazit: Natürlich kann Stephen Hawking nicht auf alle Fragen eine befriedigende Antwort liefern. Denn diese Antworten liegen zum Teil einfach noch nicht vor. Es sind noch immer sehr viele Fragen offen, etwa wie die Milchstraße und damit die Erde nun wirklich entstanden sind, wie es zu den unzähligen Zufällen gekommen sein mag, die auf unserem Planeten letztlich Leben entstehen ließen und ob es doch eine Gott gibt, der bei all dem die Hand im Spiel hatte. Aber es gelingt ihm, den Stand der Wissenschaft verständlich darzulegen und zugleich für sein Wissensgebiet zu werben, nicht zuletzt auch, indem er immer wieder auf den bislang größten aller Wissenschaftler und Forscher dieser Welt zu verweisen: Albert Einstein.

Bibliografische Angaben:
Stephen W. Hawking: Kurze Antworten auf große Fragen
Verlag Klett-Cotta, 3. Auflage 2018, 252 Seiten, ISBN 978-3608-9637-62

 

Entscheidungen erleichtern oder doch vorschreiben?

Entscheidungen erleichtern oder doch vorschreiben?
Nudge Teil III: Besprechung des Buches von Thaler und Sunstein „Nudge – Wie man kluge Entscheidungen anstößt

Es ist schon starker Tobak, womit der Wirtschaftswissenschaftler Richard H. Thaler und der Rechtswissenschaftler Cass R. Sunstein 2008 in ihrem Buch „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt“ die mangelnde Entscheidungsfähigkeit der Menschen begründen. Zumindest werden es die wenigsten Leute glauben wollen, wenn die beiden Autoren behaupten, dass der „normale“ Mensch bei komplexen Sachverhalten, deren Ergebnisse auch noch weit in der Zukunft liegen, überhaupt nicht in der Lage ist, die für ihn beste Entscheidung zu treffen. Darum ist es wichtig, passende Anreize zu setzen, die ihn in die richtige Richtung schubsen. Das Autorenduo erläutert das eindrucksvoll an ökonomischen Entscheidungen, etwa Altersvorsorge, Hypothekendarlehen und Kreditkarten, deren Bedingungen alles andere als leicht zu verstehen und langfristige Auswirkungen kaum vorhersehbar sind. Da hilft auch keine Vielzahl von Optionen. Jedenfalls dann nicht, wenn es sich um Menschen handelt, die leicht zu beeinflussen sind – die Autoren nennen sie „Humans“ -, und die sind im Gegensatz zu den „Econs“, die sich zu nichts zwingen lassen, eindeutig in der Mehrheit. Ein Econ ist der weitsichtige Planer, ein Human dagegen der kurzfristige Macher. Im Alltag geht es nun darum, Strategien zu entwickeln, wie der Planer den Macher in Schach halten kann.

Ursächlich für die Entscheidungsschwäche sind nach Thaler und Sunstein, die sich hierbei auf eine Vielzahl von Untersuchungen und Studien berufen, kurz zusammengefasst drei menschliche Charakterzüge: beschränkte Rationalität, mangelnde Selbstkontrolle und Empfänglichkeit für soziale Einflüsse. Diese drei quasi schon angeborenen Eigenschaften sind – verbunden mit einer gehörigen Portion Gier und Korruption – etwa auch die Ursachen für die Finanzkrise 2008 gewesen, behaupten die Autoren. Thaler und Sunstein führen auf rund 390 Seiten zahlreiche Argumente an, warum der Mensch mit passenden Anreizen in die „richtige“ Richtung geschubst werden muss, das aber offen und ehrlich und unter Beibehaltung einer größtmöglichen Entscheidungsfreiheit. Sie nennen das „libertären Paternalismus“, eine auf den ersten Blick unvereinbare Paarung aus „freier Wille“ und „Bevormundung“. Denn unter Paternalismus versteht man eine Herrschaftsordnung, die auf Autorität gründet. „Libertäre Paternalisten“ hingegen wollen durch passende Anreize dafür sorgen, dass die Menschen länger, gesünder und besser leben. Das halten die Autoren für erforderlich, weil der Mensch in erster Linie träge ist und Entscheidungen gar nicht oder aus dem Bauch heraus trifft. Die Grundlage für diese meist schlechten Entscheidungen sind zum Teil über Generationen weitergereichte Faustregeln. Hinzu kommen neben gewichtigen, sozialen Einflüssen – darunter der berühmte Gruppenzwang – ein unrealistischer Optimismus, die Angst vor Verlust, Gedankenlosigkeit und die Bereitschaft sich verführen zu lassen. Immer und überall will der Mensch gefallen, bloß nicht anecken! Er passt sich lieber der Mehrheit an, auch wenn das für ihn selbst von Nachteil ist.  Deshalb haben Gruppen, die eine Meinung hartnäckig vertreten, eine gehörige Anziehungskraft. Außerdem halten Menschen gerne an einer einmal etablierten Meinung oder Tradition fest, weil sie denken, andere tun das auch. Es ist ihnen wichtig, was andere von ihnen denken und sie passen sich den Erwartungen anderer an. Das aber ist falsch, denn, so behaupten die Autoren, andere widmen einem gar nicht so viel Aufmerksamkeit, wie man selbst annimmt. Für andere ist es beispielsweise ganz und gar nicht interessant, wie wir aussehen. Deshalb, so ihr Fazit, kann man auch ruhig mit einem bekleckerten Hemd aus der Mittagspause kommen, niemand wird es merken.

Soziale Einflüsse wirken sich also besonders stark auf das aus, was wir denken, sagen oder tun! Und genau dieser Umstand kann wunderbar dazu benutzt werden, uns bei unseren Handlungen und Entscheidungen in eine bestimmte Richtung zu schubsen. Grundsätzlich neigen Menschen dazu, sich für die Option zu entscheiden, die am wenigsten Aufwand erfordert. Man geht den einfachsten Weg und hält an ihm fest, auch wenn er sich als unbrauchbar erwiesen hat. Deshalb ist größtmögliche Wahlfreiheit nicht immer oberstes Gebot, vielmehr ist es nützlich, Empfehlungen auszusprechen, insbesondere bei den bereits erwähnten komplexen Situationen. Dieses „Schubsen in die richtige Richtung“ raten Thaler und Sunstein ganz offen auch der Politik, bestehen dabei aber auf Transparenz. Die Maxime bei Nudges jeder Art ist Öffentlichkeit und Respekt als Sicherung gegen Manipulation. Die Autoren geben dabei durchaus zu, dass es Grenzfälle gibt und unterschwelliges Verhalten – wie aus unterschwelliger Werbung wohlbekannt – abzulehnen ist. Solches Verhalten nämlich ist unmöglich zu kontrollieren. “Nudges” – übersetzen wir den Begriff der Einfachheit halber mit “einflussnehmende Maßnahmen” – gibt es sowieso schon lange und überall. Sie können bei komplexen Fragen, die etwa ein spezielles Fachwissen voraussetzen, durchaus helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Dabei dürfen aber Inkompetenz und Eigennutz nicht ins Spiel kommen. Wie dies aber verhindert werden kann, darauf haben Thaler und Sunstein leider keine überzeugende Antwort.

Mein Fazit: Das Buch ist eine hochinteressante Zusammenstellung all der Schwächen, denen wir alle tagtäglich begegnen und gegen die wir uns nicht wehren können, weil wir sie im entscheidenden Augenblick gar nicht bewusst wahrnehmen. Vielleicht können wir uns aber besser gegen ungewollte Beeinflussung – auch und gerade durch Nudges – schützen, wenn wir uns dieser Schwächen stellen. Nicht nur dafür liefert das Buch wertvolle Hilfestellung.

Bibliografische Angaben:
Richard H. Thaler, Cass R. Sunstein: Nudge – Wie man kluge Entscheidungen anstößt
13. Auflage, Ullstein Verlag 2010, 389 Seiten, ISBN 978-3-548-37366-9

Lesen Sie dazu auch:

 

Nudge Teil I: Nur ein Schubs in die richtige Richtung?

 

Nudge Teil II: Wie die Bundesregierung “wirksam regieren” will

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Die Projektgruppe “Wirksam regieren” ist im Bundeskanzleramt angesiedelt.

“Wir wollen die Zielgenauigkeit und Wirksamkeit politischer Vorhaben dadurch erhöhen, dass wir politische Vorhaben stärker aus Sicht und mit Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger entwickeln.” So stand es im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD vom Dezember 2013. Zur Umsetzung dieser Vereinbarung unterstützt seit 2015 eine Projektgruppe „Wirksam regieren“ im Bundeskanzleramt Ministerien und Behörden dabei, „Bürgerinnen und Bürger in die Gestaltung und Verbesserung konkreter Vorhaben einzubinden“. Diese Projektgruppe testet – so jedenfalls steht es auf der Website “Wirksam regieren” – bei ausgewählten politischen Vorhaben alternative Gestaltungs- und Umsetzungsmöglichkeiten und das ganz praktisch, unter realistischen Bedingungen und im Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern. (Website “Wirksam regieren”)

Das klingt erst einmal durchaus vernünftig. Was machen Gesetze, Vorschriften, Verwaltungsprozesse oder Formulare auch für einen Sinn, wenn sie am Alltag der Bürgerinnen und Bürger vorbeigehen? Dass dafür eine Projektgruppe eingesetzt wird, die den Willen und die Vorstellung der Bürger erkundet, scheint in diesem Zusammenhang zumindest wünschenswert. Wieso aber für eben diese Projektgruppe Experten mit psychologischem, verhaltensökonomischem beziehungsweise verhaltenswissenschaftlichem Hintergrund eingestellt wurden, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Diese Frage stellte die Bundestagesabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Britta Haßelmann, der Bundesregierung im April 2015 und fügte an: In welcher Weise sollen durch die Tätigkeit der genannten Experten beziehungsweise durch das Projekt “Wirksam regieren” Verhaltensänderungen in der Bevölkerung erzielt (Stichwort: Nudging) und der Deutsche Bundestag in die an die Bürgerinnen und Bürger adressierten Maßnahmen einbezogen werden? ( BT-Drucksache 18/4856). Die schriftliche Antwort kam am 24. April 2015. Staatsminister Dr. Helge Braun nannte das Ziel der Projektgruppe „im Zuge von Ex-ante-Wirksamkeitsanalysen empirische Erkenntnisse für die Beurteilung von alternativen Lösungsansätzen zu gewinnen und damit die Wirksamkeit politischer Maßnahmen zu erhöhen“. In erster Linie sollten Beratung, Aufklärung und Information gestärkt und öffentliche Dienstleistungen aus der Nutzerperspektive verbessert und vereinfacht werden. Die Nutzung wissenschaftlicher Expertise zur Erstellung von Gesetzen, Verordnungen, Normen und Anreizen sei gängige Praxis.

Alles ganz normal und unbedenklich? Tatsächlich übernimmt die Regierung Merkel damit etwas, was beispielsweise in Amerika und Großbritannien längst zum Alltag gehört: Das sogenannte “Nudging”, der berühmte Schubs in die richtige Richtung, wobei nicht definiert wird, was genau die richtige Richtung ist und ob das von jedem so „Angeschubsten“ gleichermaßen gewünscht wird. Kritiker sehen deshalb im “Nudging” eine Art Gängelei, bei der der Staat den Bürger elegant und ohne dass die Betroffenen davon etwas merken müssen, manipulieren und bevormunden kann.

Was ist Nudging denn nun? Eine besonders kluge Art, politische Ziele zu erreichen oder doch nur Manipulation? Was wissen die Bundestagesabgeordneten darüber? „besser klartext.de“ fragte nach bei den Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises Ludwigshafen, Frankenthal, Rhein-Platz-Kreis Torbjörn Kartes (CDU) und Doris Barnett (SPD).

CDU-Bundestagesabgeordneter Torbjörn Kartes (Foto: Privat)

1. Wissen Sie von der Expertengruppe? Was ist Ihre Meinung dazu?

Torbjörn Kartes: Ja, ich weiß von der Projektgruppe „Wirksam regieren“. Und ich halte es grundsätzlich für eine sinnvolle Idee, politische Maßnahmen und Regelungen auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen. Daraus kann man ableiten, was man in Zukunft anders machen kann, um noch mehr Menschen zu erreichen.

2. Welche Aufgaben genau hat diese Expertengruppe denn nun?

Torbjörn Kartes: Die Projektgruppe hat die Aufgabe, zu analysieren, wie der Nutzen für die Bürgerinnen und Bürger von politischen Maßnahmen erhöht werden kann. Es geht dabei um Fragen, wie politische Ziele durch ihre konkrete Ausgestaltung am besten verwirklicht, wie ihre Sichtbarkeit erhöht oder die betreffenden Zielgruppen passgenauer angesprochen werden können. Ein Blick in den Koalitionsvertrag von 2013 lohnt sich: Die Regierung will die Wirksamkeit ihres Handelns steigern, also effizienter machen. Konkret ist davon die Rede, „die Kompetenzen und Kapazitäten der strategischen Vorausschau“ zu steigern. Dazu sollen Wirkungsanalysen und Evaluationen bestehender Gesetze genutzt werden. Vorhaben sollen „aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger“ und unter ihrer Beteiligung entwickelt werden. „Nudging“ ist deswegen in diesem Zusammenhang auch ein irreführender Begriff. Nehmen wir das Beispiel Förderprogramme: Hier werden Aspekte wie die Art, Dauer und Förderhöhe, aber auch die Sichtbarkeit von solchen Programmen untersucht. Es geht darum, welche Hürden es gibt, wenn die Politik mit einer bestimmten Maßnahme die Menschen erreichen will, und wie man sie umgehen kann. Es geht nicht darum, die Menschen zu einem gewissen Verhalten zu bewegen. Sie sollen vielmehr dazu befähigt werden, informierte Entscheidungen zu treffen.

3. Welche Erkenntnisse wurden bislang gewonnen, welche alternativen Lösungssätze gefunden?

Torbjörn Kartes: Die Projektgruppe verfolgt das Ziel, die Wirksamkeit politischer Maßnahmen zu erhöhen. Dafür müssen Maßnahmen mehr vom Bürger her gedacht werden. Deswegen werden Bürgerinnen und Bürger auch aktiv in die Arbeitsprozesse der Gruppe eingebunden. Am Anfang steht die Frage, ob auch wirklich alle Betroffenen von einer bestimmten Maßnahme profitieren. Dafür werden Verbraucher und Nutzer – eben die Bürgerinnen und Bürger – befragt. Wie nehmen sie die Maßnahme wahr, wie verständlich sind die Informationen, wie groß die Unterstützung auf Seiten der Behörden, was kann aus ihrer Sicht verbessert werden? Die Erkenntnisse werden von den Ministerien in ihrer Arbeit aufgenommen und bei der Entscheidungsfindung über die Umsetzung politischer Ziele berücksichtigt. Letztlich werden Informationen dadurch verständlicher, unnötig sperrige bürokratische Abläufe können schlanker gestaltet und somit Steuergelder gespart werden. Die Arbeitsweise der Projektgruppe wird auf den Internetseiten der Bundesregierung detailliert dargestellt. Sie möchten ein konkretes Beispiel der Arbeit der Projektgruppe? Erhöhung der Impfquote gegen Masern! Die Krankheit wird oft unterschätzt, die Impfquote ist gerade bei jüngeren Erwachsenen niedrig. In Zusammenarbeit mit dem Bundesgesundheitsministerium prüft die Projektgruppe alternative Zugänge zu Erwachsenen, wie auffällige Informationsbriefe zum Versand an die Versicherten, die Bereitstellung von Infomaterialien bei Hausärzten oder die direkte Ansprache beim Hausarztbesuch. Zur Förderung nachhaltigen Konsums diskutiert das Bundesumweltministerium zudem die Einführung eines Lebensdauerlabels für Elektrogeräte. „Wirksam regieren hat mit dem Ministerium daher eine Studie durchgeführt, in der die Situation in einem Online-Shop simuliert wurde. Das Ergebnis: Produkte mit längerer Lebensdauer wurden eher gekauft, wenn sie den gleichen Preis haben. Allerdings haben Verbraucherinnen und Verbraucher sich nicht unbedingt aufgrund einer höheren Lebensdauer für teurere Produkte entschieden. Wenn jedoch die jährlichen Gesamtkosten ebenfalls auf dem Label ausgewiesen wurden, wurde die Produktlebensdauer bei der Kaufentscheidung häufiger berücksichtigt.

4. Wie wird sichergestellt, dass diese Erkenntnisse nicht doch manipulativ eingesetzt werden?

Torbjörn Kartes: Wie gesagt: Es geht darum, politische Maßnahmen effizienter, verständlicher – einfach bürgernäher – zu gestalten.

5. Was hat der Einsatz der Expertengruppe bisher gekostet?

Torbjörn Kartes: Nach meinem Kenntnisstand beschränkt sich der Einsatz der Projektgruppe im Wesentlichen auf Personalkosten von 3,5 Planstellen. Ansonsten fallen zusätzlich projektbezogene Kosten an, die von den einzelnen Ressorts getragen werden.

 

SPD-Bundestagesabgeordnete Doris Barnett (Foto: Privat)

Doris Barnett hat die Fragen dem Bundeskanzleramt (Referat 612 – wirksam regieren / Abteilung 6 Politische Planung, Innovation und Digitalpolitik, Strategische IT-Steuerung) vorgelegt und folgende Antwort erhalten: „Zur Beantwortung der Fragen 1-3 verweisen wir auf unsere Webseite www.bundesregierung.de/wirksam-regieren, dort sind unsere Aufgaben sowie unsere konkreten Projekte im Detail beschrieben. Ebenso sind dort umfangreiche Berichte zu unseren abgeschlossenen Projekten abrufbar. Zur Frage 4 ist ebenfalls die Webseite zentral: Der Gefahr der Manipulation begegnen wir dadurch, dass wir bei unserer Arbeit in allen Belangen Transparenz herstellen. Sowohl die Themen unserer Projekte als auch das methodische Vorgehen sind offen zugänglich auf der Webseite dokumentiert und dadurch jederzeit nachvollziehbar. Zu Frage 5 bezüglich der Kosten können wir insofern keine Auskunft geben, als die Budgetverantwortung für die Projekte bei den durchführenden Ressorts liegt. Im Referat 612 – wirksam regieren selbst sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine projektspezifischen Kosten angefallen.“

Ergänzend schreibt Doris Barnett: “Bereits 2012 hat die SPD mit ihren verbraucherpolitischen Leitlinien beschlossen, die Erkenntnisse der Verbraucherverhaltensforschung zu nutzen, um wirksame verbraucherpolitische Maßnahmen zu entwickeln. Nudging als verhaltensbasierter Ansatz kann in bestimmten Problemkonstellationen eine gesetzliche Regelung wie Verbot, Steuer oder Gebot überflüssig machen. Laut Umfragen (zum Beispiel der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in Zusammenarbeit mit dem Münster-Research-Institute aus Dezember 2016*) fühlen sich Verbraucher durch informations- und verhaltensbasierte Ansätze wesentlich weniger bevormundet als durch gesetzliche Maßnahmen. Im Hinblick auf politische Legitimität und auf gesellschaftliche Akzeptanz ist zu beachten, dass Nudges per Definition IMMER transparent und IMMER mit einer abweichenden Entscheidungsmöglichkeit für den Verbraucher eingesetzt werden müssen. Nudges sind immer fallspezifisch: Evidenzbasiert muss entschieden werden, ob eine Steuer, ein Gesetz, eine Infokampagne, ein neues Schulfach oder eben ein Nudge eingesetzt werden soll.”

* Die Studie “Das solltest du essen – Orientierung versus Bevormundung”, die der Verein “Die Lebensmittelwirtschaft”  in Kooperation mit Professor Dr. Peter
Kenning von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf durchgeführt hat, bietet eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme, ob und wie stark Verbraucher in Deutschland derzeit eine Bevormundung empfinden . 1000 Befragte haben im August 2016 für die erste deutschlandweite Studie zum Thema „Bevormundung“ Rede und
Antwort gestanden. Die vollständige Ergebnispräsentation und den Fragebogen zu dieser Studie zum Download gibt es hier: Studie

Weitere Artikel zum Thema “Nudging”:

Nudge Teil I: Nur ein Schubs in die richtige Richtung? hier

Nudge Teil III: Ausführliche Besprechung des Buches von Richard Thaler und Cass Sunstein: Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt hier

 

 

Nudge Teil I: Nur ein Schubs in die richtige Richtung?

Nudge Teil I: Nur ein Schubs in die richtige Richtung?

In Großbritannien bekommen die Bürger Post vom Finanzamt mit dem zwar freundlich formulierten, aber nicht unbedingt so freundlich gemeinten Hinweis, dass die Anwohner in der Nachbarschaft allesamt zuverlässig und pünktlich ihre Steuern bezahlen! Das macht ein schlechtes Gewissen und genau das soll es auch. Wer will schon schlechter dastehen als sein Nachbar? Und die Steuerbehörde muss gewiss nicht fürchten, dass sich die Bürger im betreffenden Wohngebiet darüber austauschen. Wer würde einen solchen Brief wohl vorzeigen? Nein, der kleine Schwindel fliegt nicht auf und die Steuerbehörde erreicht was sie will: Pünktliche Steuereingänge. Natürlich nennt das niemand „Lüge“ oder „Trick“ oder verweist in diesem Zusammenhang gar auf den unverblümten Einsatz von verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnissen, die nämlich diese Taktik von der reinen Wirtschafts- längst auch auf die Politik- und Verwaltungsebene befördert haben. Man nennt es „Anstupsen“, den Bürgern einen kleinen Schubs in die richtige Richtung geben, im Englischen wird dafür der Begriff „Nudging“ gebraucht.

Dass „Nudging“ nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Alltag und nicht zuletzt in der Politik funktioniert, haben der Wirtschaftswissenschaftler Richard H. Thaler und der Rechtswissenschaftler Cass R. Sunstein 2008 in ihrem Buch „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt“ beschrieben. Thaler gilt als der führende Verhaltensökonom und wurde 2017 mit dem Nobel-Preis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Und wie kommen nun die britischen Steuerbehörden dazu, einen solchen „Nudge“ einzusetzen? Die Regierung Großbritanniens machte sich kurzerhand die Erkenntnisse Thalers und Sunsteins zunutze und gründete 2010 das „Behavioural Insights Team“, besser bekannt als “Nudge Unit”, also eine „Einheit für Einsichten in das menschliche Verhalten“, die die freundlichen, aber manipulativen Zeilen für die Finanzbehörden ersann. Die Unit wurde später teilprivatisiert und berät heute Regierungen in aller Welt.

„Nudging“, das Anstoßen von Entscheidungen in die gewünschte Richtung, ist in vielen Ländern der Erde längst eine Selbstverständlichkeit. Auch in Deutschland hat die Methode Einzug in die Regierungsarbeit gehalten. 2015 wurde im Bundeskanzleramt – öffentlich kaum  beachtet – eine Arbeitsgruppe “Wirksam regieren” etabliert. Die dafür gesuchten drei Bewerber sollten unter anderem über hervorragende psychologische und verhaltenswissenschaftliche Kenntnisse verfügen. Wofür? Will die Bundesregierung jetzt auch nach Mitteln und Wegen suchen, wie sie die Bevölkerung auf sanfte, möglichst unmerkliche Art dazu bringen kann, das „Richtige“ zu tun? Wer legt fest, was das Richtige für wen ist? Wer garantiert den Bürgern, dass aus dem Anstupser nicht handfeste Manipulation wird?

Die Thesen von Thaler und Sunstein basieren auf der Annahme, dass jedes menschliche Wesen fehlerhaft ist und ganz und gar nicht immer das Richtige tut. Entscheidungen fällt der Mensch meist aus dem Bauch heraus und begründet sie im Nachgang gerne mit vielfach erprobten Faustregeln. Dabei erliegt er aber allgegenwärtigen Verführungen und nicht zuletzt der ureigenen Bequemlichkeit, man könnte auch Trägheit sagen. Thaler und Sunstein nennen das den Kampf zwischen dem weitsichtigen Planer und dem kurzsichtigen Macher in jedem von uns. Die Autoren belegen mit einer Vielzahl von Studien und anschaulichen Tests wie leicht der Mensch zu manipulieren ist. Jeder kennt beispielsweise das „Abo-Phänomen“. Das kostenlose Probeabo führt zu lebenslänglichem Bezug, weil man einfach zu faul ist, es zu kündigen. Die Menschen rauchen, obwohl sie genau wissen, wie schädlich das für die Gesundheit ist und von der Verführung durch Essen und dem damit verbundenen gesundheitsgefährdenden Übergewicht ganz zu schweigen. Nudging soll helfen, klügere Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel indem man Übergewichtigen einen kleineren Teller vorsetzt, der weitsichtige Planer, der gerne abnehmen möchte, hält den kurzsichtigen Macher, der nicht aufs Essen verzichten kann, mit diesem Trick – man könnte auch “Nudge” sagen – in Schach.

Wie einfach der Mensch zu beeinflussen ist, beweist allein schon ein Besuch im Supermarkt. Die Entscheidung, was eingekauft wird, hängt im Wesentlichen von der Präsentation ab. Jeder weiß inzwischen, dass billigere, qualitativ aber genauso gute Waren ganz weit unten oder hoch oben im Regal zu “suchen” sind – finden soll man sie ja möglichst gar nicht. Obst und Gemüse wirken durch entsprechende Beleuchtung frischer als sie sind und große Verpackungen täuschen viel Inhalt vor. Kleine aber feine Tricks, die der Lebensmittelindustrie seit Jahrzehnten zuverlässig Milliarden in die Kassen spülen. Obwohl der Verbraucher immer wieder darüber informiert wird, lässt er sich ein ums andere Mal zu falschen Kauf-“Entscheidungen” verführen.

Natürlich wecken solche Erkenntnisse auch politische Begehrlichkeiten. Was spricht dagegen, den Bürger mit sanften Schubsern dazu zu bringen, Energie zu sparen, fürs Alter vorzusorgen, mit dem Rauchen aufzuhören, sich gesünder zu ernähren oder eben pünktlich seine Steuern zu zahlen. Kleine Tricks statt harter Ge- und Verbote! Klingt doch erst einmal gut. Kritiker aber sehen im Nudging eine Form der Bevormundung. Der Staat kann seine Bürger mittels Nudging manipulieren, ganz ohne demokratische Kontrolle. Wer sollte ihn daran hindern, sich Bürger nach seiner Vorstellung zu formen?

Wie schon heute Verhaltenspsychologie auch bei uns in der Politik eingesetzt wird, zeigt der jüngste Vorstoß von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn aus der Freiwilligkeit der Organspende eine Pflicht zu machen. Bislang muss jeder Deutsche seine Bereitschaft zur Organspende erklären. Tut er das nicht, lehnt er sie automatisch ab. Jetzt wird an die Umkehr der bisherigen Praxis gedacht, die einfach auf die menschliche Trägheit setzt: Jeder ist Organspender, es sei denn, er widerspricht ausdrücklich. Da haben wir es, das „Abo-Phänomen“, auf das der Bundesgesundheitsminister hier spekuliert: Der Widerspruch bleibt Vorsatz, die Umsetzung lässt auf sich warten, im besten Fall bis zum Nimmerleinstag. Und nur so ist es gewollt! Die britischen Finanzbehörden machen sich übrigens die verhaltenwissenschaftliche Erkenntnis zu nutzen, dass der Einzelne dazu neigt, sich in Ansichten und Verhaltensweisen den Menschen in seiner Umgebung anzupassen. Selbst wenn er erkennt, dass die Gruppe sich irrt, unterwirft er sich lieber dem Gruppenzwang als anzuecken. Auch das erläutern Thaler und Sunstein in ihrem Buch ausführlich. Ein lesenswertes Buch für alle, die sich nicht länger ohne Gegenwehr den fortgesetzten Manipulationen von Wirtschaft, Politik und Umwelt aussetzen wollen.  /sis

 

 

 

Nudge Teil II: Wie die Bundesregierung “wirksam regieren” will. “besser-klartext.de” sprach darüber mit Bundestagsabgeordneten der Regierungsparteien CDU und SPD. hier

 

 

 

 

 

Nudge Teil III: Ausführliche Besprechung des Buches von Richard Thaler und Cass Sunstein: Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt hier

Probleme benennen, statt sie schönzureden

Probleme benennen, statt sie schönzureden
Rezension Christian Ude: Die Alternative oder: Macht endlich Politik!

Das Gespenst der „Alternativlosigkeit“ geht um in Deutschland und das nicht zum ersten Mal. In den 1960er Jahren gab es schon einmal einen Bundeskanzler, der als alternativlos galt: Konrad Adenauer. Einer, der es wissen muss und die Zeit aus eigener politischer Erfahrung gut kennt, ist der ehemalige Oberbürgermeister von München Christian Ude – seit über 50 Jahren SPD-Mitglied und heute als „Ruheständler“ geradezu prädestiniert, um den „Herrschenden“ den Marsch zu blasen. Das tut er in seinem im März 2017 erschienenen Buch „Die Alternative oder: Macht endlich Politik“. Allein schon der Titel führt zu zustimmendem Kopfnicken in allen Teilen der Bevölkerung. Nie war der aus der vermeintlichen Alternativlosigkeit resultierende Stillstand so schmerzhaft spürbar wie gerade heute in einer international und national unruhigen Zeit. Christian Ude findet deutliche Worte für Probleme der jüngsten Vergangenheit und spart nicht mit Kritik auch an der SPD, die sich gerade den Opfern ihrer eigenen Politik eng verbunden fühlt und nach Gerechtigkeit lechzt. Flüchtlingskrise, Griechenlandkrise, EU und Türkei, keinen Aspekt lässt Ude aus und er zeigt Alternativen auf. Alternativen, die auch die Regierenden durchaus hätten finden können, wenn sie denn den Mut gehabt hätten, die Probleme klar zu benennen, statt sie schönzureden oder gar totzuschweigen.

Mit der Weisheit der Erfahrung ruft Christian Ude dazu auf, nicht in Frust und Ratlosigkeit zu versinken, sondern Politik zu machen, geht es doch um nichts geringeres als unsere Zukunft. Er rät dazu, das Grundgesetz mit allen Grundrechten und die Rechtsstaatlichkeit als Basis zu wahren und zu verteidigen. Ein “weiter so wie bisher” mit Diätenerhöhungen, Nebenverdiensten und gebrochenen Wahlversprechen, mit Spendenskandalen, Versorgungsprivilegien und Aufblähen des politischen Apparats dürfe es nicht geben. Mit Blick auf das Erstarken der Rechten spricht Ude von einer Bewährungszeit, die die etablierten Parteien erhalten hätten. Jetzt gehe es darum, die Menschen wirklich ernst zu nehmen. Deregulierungswahn, Privatisierung als vorhersehbares Risiko für die Entfesselung der Finanzindustrie und viele Fehlprognosen hätten das Vertrauen der Wähler gekosten. Es sei an der Zeit vom hohen Ross der Allwissenheit herunterzusteigen, um Vertrauen und Kompetenzzuweisung zurückzuerlangen. Moralische Selbsterhöhung jedenfalls sei der falsche Weg.

Insbesondere fehlende Grundsatzdebatten als Folge der Alternativlosigkeit prangert Ude an und erinnert an den Schlagabtausch zwischen Willy Brandt und Franz-Josef Strauß. „Da war das Parlament noch die Bühne der Nation“, schwärmt Ude und wünscht sich genau diesen Austragungsort politischer Kontroversen zurück. Er will politische Themen nicht länger nur in den Talkshows platt gewalzt sehen. „Statt in Selbstzufriedenheit zu baden, sich moralisch überlegen zu fühlen oder die Lage mit grandiosen Verheißungen schönzureden, sollten alle politisch Verantwortlichen die zentralen Probleme wirklich benennen“, fordert Ude. Echte Alternativen aufzuzeigen sei das Gebot der Stunde, „damit der Bürger wieder ein Wahlrecht hat – zwischen verschiedenen Richtungen und nicht nur zwischen den verschiedenen Logos, Slogans oder Gesichtern.“ Vor einer wichtigen Entscheidung müsse wieder politische Öffentlichkeit hergestellt werden, damit der Bürger nicht nur Fertigprodukte „der EU-Erweiterung, der Bundeswehreinsätze, der Bankenrettung, der Milliardenhilfe oder internationaler Sanktionen in den Medien serviert“ bekomme, sondern solche Aktionen als Ergebnis eines öffentlichen Diskurses erlebe. Und er ruft dazu auf, zu differenzieren, um nicht in „Schwarz-Weiß-Klischees mit zunehmendem Giftgehalt und Hasseffekten“ zu verfallen.

Mein Fazit: Eine lesenswerte Zusammenfassung der derzeitigen Lage in und um Deutschland mit zahlreichen  Denkanstößen und nicht zuletzt einem eindringlichen Appell an den „Souverän“ – das Volk – nicht nur auf Besserung zu warten, sondern sich wieder einzumischen, denn was er als Politik bekommt, ist das, was er sich ausgesucht hat! /sis

Bibliographische Angaben:
Christian Ude: Die Alternative oder: Macht endlich Politik
Albrecht Knaus Verlag, 2017, 240 Seiten
ISBN 978-3813507744

Nicht Problemlösung steht im Mittelpunkt, sondern Imagepflege

Nicht Problemlösung steht im Mittelpunkt, sondern Imagepflege
Die etwas andere Rezension von Robin Alexanders Buch „Die Getriebenen“

Es ist schon eine Weile her, dass das Buch von Welt-Journalist Robin Alexander die Schlagzeilen beherrschte. Ganz unterschiedliche Rezensionen erschienen im Nachgang, die einen lobten die journalistisch saubere Berichterstattung über die Ereignisse rund um die Flüchtlingskrise, die anderen kritisierten die angeblich unverhohlene Wut des Autors auf die Kanzlerin. Grund genug, das Buch selbst zu lesen.

Wie erwartet handelt es sich um eine minutiöse Auflistungen der Ereignisse von September 2015 bis zum Abschluss des sogenannten Türkei-Deals im März 2016, sachlich wie eine wissenschaftliche Analyse und doch hochspannend wie ein Politthriller, der auch vor den menschlichen Eitelkeiten der Großen und Mächtigen dieser Welt nicht Halt macht. Kern der Geschichte ist Bundeskanzlerin Angela Merkels Grenzöffnung im Alleingang im September 2015 und ihre anschließende Behauptung, man könne heutzutage eine Grenze nicht mehr schließen. Um diese Behauptung zu stützen und gegen die Bemühungen des damaligen österreichischen Bundesministers für Europa, Integration und Äußeres, Sebastian Kurz, die Balkanroute und damit die Grenze zu Mazedonien eben doch schließen zu können, zu verteidigen, ging Merkel sogar den berühmten Pakt mit der Türkei in einer Nacht- und Nebelaktion ein, wiederum unter Ausschluss sämtlicher parlamentarischer Gepflogenheiten. Wie sehr sie mit ihrer Argumentation den deutschen Sicherheitsbehörden vor den Kopf gestoßen hat, wie sie sich von den damaligen Akteuren, Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann, Sebastian Kurz und dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu, hat vorführen lassen, wie parteiintern um sie und ihre ambivalenten Vorstellungen auch mit dem Vorsitzenden der Schwesterpartei gerungen wurde, das erzählt Robin Alexander bis ins Detail. Da der Autor ein renommierter Journalist ist, kann per se davon ausgegangen werden, dass die Fakten akribisch recherchiert wurden und schlicht den Tatsachen entsprechen. Schließlich kommt auch Medienschelte nicht zu kurz, war es doch die vereinigte Presse, die den Einzug tausender Flüchtlinge unisono bejubelt und sie nicht nur als Rettung vor der deutschen Überalterung gepriesen hatte. Sie lieferten fast ausschließlich rührende Bilder von Familien mit niedlichen kleinen Kindern und verschwiegen, dass überwiegend nur junge Männer gekommen waren, die wenigsten davon so gebildet, wie es sich die deutschen Konzernlenker gerne öffentlich erträumten.

Von Wut ist auf den knapp 300 Seiten aber dennoch nichts zu spüren, Sachlichkeit herrscht vor in den Beschreibungen des Politalltags, der offenbar weniger davon geprägt wird, was gut für das Land, sondern wohl eher für das Image des jeweiligen Politikers ist. Im Vordergrund steht dabei die Frage, welche Bilder könnten bei öffentlichen Auftritten entstehen und wie wirken sie auf den Betrachter? Und es geht um die Deutungshoheit, da ist jeder Politiker penibel darauf bedacht, keinen Millimeter Meinungsraum preiszugeben.

Mein Fazit: Jeder sollte das Buch selbst lesen, der in Sachen „Flüchtlingskrise“ mitreden möchte, denn die Hintergründe, die uns 2015 und 2016 bewusst verschwiegen wurden, wissen selbst den gut informierten Bürger noch zu überraschen. /sis

Bibliographische Angaben:
Robin Alexander: Die Getriebenen. Merkel und die Flüchtlingspolitik: Report aus dem Innern der Macht,
Siedler Verlag 2017, 288 Seiten, ISBN 978-3-8275-0093-9

Overtourism? – Ein Hauch von Ahnung!

Overtourism? – Ein Hauch von Ahnung!
Hektik am Hamburger Hauptbahnhof.

Samstagmittag in den Sommerferien am Hamburger Hauptbahnhof. Ein Meer von Menschen rauscht durch die riesige Halle, hetzt zum Wechseln der Gleise die Treppen nach oben und unten. Auf den Gleisen verfehlen Rucksäcke um Haaresbreite die Köpfe Wartender, dafür krachen Rollkoffer ungebremst in die Fersen der nebenstehenden Mitreisenden. Hektik. Wo muss man hin, von welchem Gleis fährt der Zug? Die Durchsagen gehen unter im Getöse der ein- und ausfahrenden Züge, im von der hohen Decke widerhallenden Stimmengewirr babylonischen Ausmaßes. Richtig verstanden? Das Abfahrtgleis wurde geändert? Fragezeichen in den Gesichtern der Umstehenden. Einer kann die Aufmerksamkeit eines uniformierten Bahnmitarbeiters erzwingen. Der winkt ab, weiß von nichts. Dann ruft jemand aus der Tiefe der Menge: Falsches Gleis! Alle rennen los, wieder kommen Rucksäcke und Rollkoffer gefährlich nahe. Und dann bringt einer zum Ausdruck, was alle denken: Nie wieder in den Ferien am Wochenende verreisen! Umsteigen in der Ferienzeit an einem wirklich chaotischen Bahnhof wie in Hamburg gibt einem aber auch einen Hauch von Ahnung, was Massentourismus bedeutet, für die Reisenden und die Einheimischen.

 

Sehenswürdigkeiten nur noch aus der zweiten Reihe.

Die Bilder kennt inzwischen jeder: Sehenswürdigkeiten, an die man nicht mehr herankommt, Gänsemarsch auf den Straßen, Strände, an denen die Gäste wie Ölsardinen aufgereiht liegen – „Overtourism“ ist seit einiger Zeit in aller Munde. Die Reisebranche spielt die damit einhergehenden Probleme gerne herunter, bietet die ein oder andere Verlegenheitslösung, aber Abhilfe schaffen will sie nicht wirklich. Schließlich brachten die 1,32 Milliarden (!) Touristen, die 2017 die Hotspots dieser Welt besuchten, ein sattes Umsatzplus. Dabei sind es nicht nur die regulären Ferienzeiten, die für Massenandrang sorgen, sondern Billig-Flieger bringen die Touristenflut inzwischen an jedem freien Tag im Jahr nach Venedig, Amsterdam oder Barcelona. Und in Dubrovnik sind 12.000 Passagiere von Kreuzfahrtschiffen gleichzeitig auf Landgang. Die Folge: Venedig (30 Millionen Besucher im Jahr) sperrt die Sehenswürdigkeiten ab und lässt nur noch eine bestimmte Menge Menschen zur selben Zeit auf Rialto-Brücke oder Markusplatz. Amsterdam (20 Millionen Besucher im Jahr) lässt nur noch Gäste mit Städteführer an die Grachten. Gleichzeitig greift man hart durch bei der Vermietungserlaubnis von Privatwohnungen, sie wird drastisch eingeschränkt. Ähnlich versucht sich Barcelona (17 Millionen Besucher pro Jahr) gegen die Touristenschwemme zu wehren. Und sie müssen sich wehren, nicht nur gegen volle Straßen und Plätze: Die Einheimischen können sich Wohnungen in den besonders begehrten Städten nicht mehr leisten, die Geschäfte zur Versorgung der Bevölkerung werden zu Souvenirshops, Restaurants und Bars umfunktioniert, die Bürger stehen auf dem Weg zur Arbeit im Stau zwischen den Mietautos der Touristen. Dazu kommen der erhöhte Energie- und Wasserverbrauch, ausgerechnet da, wo Wasser ohnehin knapp ist, und aberwitzige Berge von Müll, die die Touristen hinterlassen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, die vielen kleinen Ärgernisse in Form von menschlichen Hinterlassenschaften in Gärten und Parks, will man gar nicht ansprechen. Kein Wunder also, dass Urlauber nicht mehr immer und überall willkommen sind.

Wie die Ölsardinen in der Dose fühlt man sich an einem derart überlaufenen Strand.

Für die Tourismusbranche, Hotels und Vermittler von Privatunterkünften sind das unvermeidbare Kollateralschäden. Schließlich bringen die Touristen Geld und Arbeit! Und sie denken allenfalls darüber nach, Foren im Internet einzurichten, auf denen man freie Zeiten an Sehenswürdigkeiten buchen kann! Terminplaner auch im Urlaub? Wer will das schon? Eine andere Lösung sehen sie im “Entzerren”, aber nicht etwa, indem man die Besucherströme beschränkt und lenkt, sondern indem man sie zu anderen Sehenswürdigkeiten umleitet, frei nach dem Motto: die Kirche neben der berühmten Kathedrale ist doch auch ganz nett! Augenwischerei ist das – und Besserung nicht in Sicht.

Dabei ist die Lösung dieses dringenden Problems ganz einfach: Weniger ist mehr! Qualität statt Masse. Man muss nicht am Wochenende nach Barcelona jetten und man muss auch nicht jedes Jahr in Urlaub fahren – oder doch zumindest nicht dahin, wo alle hinfahren. Es gibt alternative Reiseziele, die es zu entdecken gilt und die ja nicht zwangsläufig über den Hamburger Hauptbahnhof an einem Feriensamstag führen müssen. /sis

Keine Rolle rückwärts bei der Emanzipation

Keine Rolle rückwärts bei der Emanzipation
Nicht verhandelbar von Julia Kloeckner

„Nicht verhandelbar“ sind für die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und CDU-Parteivorsitzende in Rheinland-Pfalz Julia Klöckner die Frauenrechte in Deutschland. Welche Rechte sie durch die Zuwanderung hauptsächlich junger Männer aus patriarchalischen Ländern nachhaltig in Gefahr sieht, arbeitet sie in ihrem Buch „Nicht verhandelbar. Integration nur mit Frauenrechten“ detailliert und gut nachvollziehbar heraus.

Tatsächlich scheint die Stunde der Kritiker gekommen, wie sonst kann es sein, dass eine Frontfrau deutscher Politik jetzt offen Missstände in der Integration ansprechen kann, wofür der einfache Bürger bislang umgehend mit der rechten Keule mundtot geprügelt wurde? Ohne die sonst so beschämenden Versuche, Dinge schön oder gar weg reden zu wollen, erkennt hier eine prominente deutsche Politikerin die Rolle rückwärts, die das ständige Nachgeben gegenüber den Forderungen des Islam für die Frauenrechte in Deutschland bedeutet. Jeder Kompromiss sei ein Einknicken, das nicht etwa mit Dialogbereitschaft, sondern mit dem nächsten Versuch, die Grenzen noch weiter hinauszuschieben, beantwortet werde. Aus Rücksicht auf den Islam falle man modernen Muslimas damit in den Rücken, die einfach nur die Rechte in Anspruch nehmen wollten, die deutschen Frauen ganz selbstverständlich zustünden. Sonst werde immer schnell „Sexismus“ gerufen, nur nicht bei der Unterdrückung ausländischer Frauen in Deutschland. Da werde Rücksicht genommen auf die religiösen Ansichten ihrer Männer, für die Julia Klöckner aber an anderer Stelle ihres Buches durchaus Verständnis zeigt: Zugewanderte Männer hätten alles verloren und sollten nun in Deutschland angekommen, auch noch die Gewalt über ihre Frauen verlieren.   

Julia Klöckner verlangt eine fundierte Analyse der Zuwanderung gerade auch mit Blick auf die Frauenrechte. Ein Staat, der das frauenfeindliche Verhalten junger Männer einfach hinnehme, sei nicht tolerant, sondern ignorant. Grabschergruppen, Verschleierung und Kinderehen seien ein absolutes “No-Go” genauso wie das Fernhalten von Mädchen von Schwimmunterricht und Klassenfahrten. Unsere Gesetze müssten eingehalten werden, ohne Wenn und Aber und religiöse Gesetze müssten hinter weltliche Gesetze zurücktreten. Die Neuankömmlinge müssten sich anpassen, nicht die Einheimischen, so ihr Fazit.

Mein Resümee: Eine durchaus lesenswerte Zusammenfassung der derzeitigen Situation in Deutschland mit einigen vielversprechenden Ansätzen, aber auch vielen Vorschlägen, die wir schon viel zu oft gehört haben, ohne dass sie auch nur ansatzweise umgesetzt worden wären: Verpflichtende Sprachkurse mit Erfolgsmessungen und Sanktionen als Folge von Nachlässigkeiten oder Abbruch, schnelle Strafen für Vergehen, Auswirkungen auf den Asylstatus bei Fehlverhalten. Julia Klöckner sieht das Heil der Integration in den Frauen selbst. Wenn es gelänge, sie etwa in Jobs zu vermitteln, wäre es leichter, sie dazu zu bringen, ihre Rechte, von denen sie ja nicht einmal wissen, dass es sie gibt, auch einzufordern. Doch wie will sie an diese Frauen herankommen, die bekanntlich ohne Begleitung männlicher Verwandter die Wohnung nicht verlassen dürfen? Wie sie informieren und überzeugen, wenn schon ganz junge Mädchen rigoros abgeschottet werden? Solange es nicht gelingt, diese Mädchen und Frauen am deutschen Alltag in all seinen Facetten teilhaben zu lassen und sie weiter den frauenfeindlichen Ansichten ihrer Männer und religiösen Führer ausgesetzt sind, wird sich definitiv nichts ändern. Da helfen dann auch die neuerdings modisch-stylischen Kopftücher nicht weiter! /sis

Bibliografischen Angaben:

Julia Klöckner
Nicht verhandelbar. Integration nur mit Frauenrechten.
Gütersloher Verlagshaus, 2018, gebundene Ausgabe, 176 Seiten, 18 Euro
ISBN-13 078-3579087122
Das Honorar spendet Julia Klöckner einer Frauenorganisation.

 

Mit Feigheit möglichst unbehelligt durchs Leben gehen!

Mit Feigheit möglichst unbehelligt durchs Leben gehen!

Es sind schon einige skurrile Tatbestände, die der bekannte Journalist und TV-Moderator in seinem neuesten Buch „Schluss mit euren ewigen Mogelpackungen. Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen“ auflistet. Von drei Bundestagsabgeordneten ist da die Rede, deren Amtszeit genau eine Woche betrug und für die der Steuerzahler runde 36.000 Euro berappen musste. Ein Bürgermeister wird zitiert, der auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise gesagt haben soll: „Jesus konnte die Zehntausend speisen, meine Gemeinde kann das nicht“. Der Kirchentag wird angeprangert, für den ein genderüberarbeitetes Liederbuch hermusste, das Kirchenlieder, die über Jahrhunderte Menschen in Krisensituationen Trost und Zuversicht gespendet haben, jetzt der Lächerlichkeit preisgibt. Peter Hahne sucht und findet in jeder Ecke unsere Landes Mogelpackungen, von kleinen Schummeleien bis hin zu den ganz großen Unwahrheiten, mit denen uns hauptsächlich Politik und Kirche hinters Licht zu führen sucht. Das beginnt bei der Flüchtlingskrise, in der Kritiker schlicht „einpacken“ konnten, führt über den Genderwahn, der aus so mancher gewachsenen Tradition und der einst so positiven Gleichstellung der Geschlechter einen schlechten Witz macht, schaut in die Gerichte, die für zulässig erachten, dass die Deutschen als „Köterrasse“ bezeichnet werden. Hahne findet harsche Worte insbesondere für die Kirchen, deren hohe Vertreter angeblich aus Toleranz vor einer Begegnung mit anderen Religionen ihr Kreuz ablegen oder mit einer scheußlichen Mischung aus Deutsch und Englisch versuchen, die Jugend zu ködern. Luther, so Hahne überzeugend, hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, damit die Menschen mitreden können und nicht länger ausgegrenzt werden. Genau das tut die Kirche jetzt mit ihrem Denglisch-Schwachsinn, sie grenzt diejenigen aus, die kein Englisch können. Beispiel gefällig? Ein Angebot in Frankfurt trug den Titel „Help the Oma!“

Und der Staat? Er benutzt unsere Kinder als Versuchskaninchen, wenn er sie nach Gehör schreiben lehrt und die Menschen ihrem Schicksal überlässt, indem er nichts gegen die durch vorwiegend osteuropäische Banden organisierte Einbruchskriminalität tut. Statt endlich all die großen und wichtigen Aufgaben in unserem Land anzupacken, kümmert sich die Politik lieber um die gendergerechte Überarbeitung der Verkehrsordnung und die EU um das richtige Frittieren von Pommes! Deutschland, so Peter Hahnes klares Bekenntnis, ist ein Staat, der sich selbst verachtet. Und „niemand hat den Mumm, dem Mumpitz, dieser lächerlichen und vor allem Millionen teuren Infantilisierung abendländischen Kulturgutes ein Ende zu machen“, schreibt Hahne. Und das trifft weiß Gott nicht nur auf den Genderwahn zu.

Mein Fazit: „Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen“ ist eher Hoffnung als Realität. Tatsächlich aber dürfte Hahnes Beobachtung zutreffen, dass wir heutzutage versuchen, mit einer gehörigen Portion Feigheit möglichst unbehelligt durch Leben und Beruf zu kommen. Wir lassen uns nur allzu gerne für dumm verkaufen, das erspart eigenes Denken und Handeln. Dagegen kämpft Peter Hahne entschlossen und doch recht unterhaltsam mit seinem Buch an. Wirklich lesens- und vor allen Dingen überdenkenswert!

Bibliographische Angaben:

Peter Hahne
Schluss mit euren ewigen Mogelpackungen. Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen.
Bastei Lübbe, 128 Seiten, 2018
ISBN: 978-3-7857-2621-1

Geschichte der Nationalhymne – eng mit ihrer Vergangenheit verbunden

Geschichte der Nationalhymne – eng mit ihrer Vergangenheit verbunden

Seit die Gleichstellungsbeauftragte im Bundesfamilienministerium die deutsche Nationalhymne umfassend „genderüberholen” wollte (lesen Sie dazu auch “Meine Meinung” – hier), ist das „Lied der Deutschen“– wieder einmal in aller Munde. “Endlich” ist man versucht zu sagen, denn ein öffentliches Überdenken des Umgangs mit dieser Hymne ist längst überfällig. Weiterlesen

Die Spielregeln müssen erst noch ausgehandelt werden

Die Spielregeln müssen erst noch ausgehandelt werden

Mit den Vor- und Nachteilen der Kommunikation im Internet befasst sich die Medienwissenschaftlerin Gina Schad in ihrem Buch „Digitale Verrohung. Was die Kommunikation im Netz mit unserem Mitgefühl macht.“ Dabei arbeitet sie recht verständlich und doch wissenschaftlich fundiert heraus, dass die Digitalisierung nicht in erster Linie einen technischen, sondern einen sozialen Wandel mit sich bringt.

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