Ein Fall für Verschwörungstheoretiker

Ein Fall für Verschwörungstheoretiker
Kritik zum Tatort „Krieg im Kopf“
ARD/NDR Tatort “Krieg im Kopf”: War Roman (Anton Hüsgen) Zeuge eines Verbrechens? (mit Maria Furtwängler und Florence Kasumba) (Foto: NDR/Manju Sawhney)
Was hat Professor Bloch (Joachim Bißmeier) mit den Vorfällen zu tun? Anais (Florence Kasumba) und Charlotte (Maria Furtwängler) tappen noch im Dunkeln. (Foto: NDR/Manju Sawhney)

„Krieg im Kopf“ ist der Titel des neuen Tatorts aus Göttingen mit dem ungleichen Kommissarinnen-Duo Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba). Krieg herrschte indes nicht nur in den Köpfen der von Drehbuchautor Christian Jeltsch erdachten Figuren, sondern auch zwischen den Ermittlerinnen, die jede für sich und nur selten gemeinsam den Mörder der Ehefrau von Bundeswehrsoldat Benno Vegener (Matthias Lier) suchten. Der Fall führte die beiden gleich am Anfang in eine bedrohliche Situation, in der Anais Vegener erschießen muss, um Charlotte zu retten. Vegener stammelte von Stimmen in seinem Kopf, die ihn jagten. Tatsächlich waren Vegener und neun Kameraden Opfer eines bei einem Einsatz in Mali fehlgeschlagenen Experimentes der Waffenindustrie. Durch Manipulation über einen Spezialhelm starben sechs der Soldaten, von den vier Rückkehrern brachten sich zwei gleich um, die einzige Soldatin überlebte ihren Selbstmordversuch nur knapp. Mit Vegeners Tod schien auch der letzte Zeuge des missglückten Einsatzes und vermeintliche Mörder seiner Frau beseitigt. Nur Charlotte ließ sich nicht beirren und ermittelte trotz massiver Gegenwehr des Militärischen Abschirmdienstes weiter. Wie nicht anders zu erwarten, löste sie am Ende den Fall, keine Frage, und es gelang ihr sogar die Machenschaften des Militärs publik zu machen.

Soweit die recht wirre Story mit starkem Hang zu düsteren Zukunftsvisionen. Zu viel Science Fiction, zu viel Chaos in den Köpfen, zu viel Zickenkrieg und dann auch noch Anais’ Ehemann, der seine Finger nicht von Charlotte lassen konnte, machten diesen Tatort zu einer Herausforderung für den Zuschauer. Spannend war nur der Beginn, der Rest war doch eher was für Science-Fiction-Liebhaber und Verschwörungstheoretiker als für wahre Krimifans. Mit Wehmut denkt man an alte Fälle der LKA-Ermittlerin wie „Wegwerfmädchen“ und „Das goldene Band“, „Mord in der ersten Liga“ oder auch „Pauline“ zurück. Das waren starke Geschichten, rätselhaft und spannend zugleich, mit dem großartigen Ingo Naujoks als Mitbewohner und Freund Martin Felser an der Seite der taffen und doch verletzlichen Charlotte Lindholm. Die neueren Tatorte können da ganz einfach nicht mithalten. /sis

Eine emotionale Berg- und Talfahrt

Eine emotionale Berg- und Talfahrt
Kritik zum Tatort Köln „Niemals ohne mich“
ARD/WDR Tatort “Niemals ohne mich”: Unter einem Bahnbogen wurde die Leiche von Monika Fellner (Melanie Straub) gefunden. Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch, rechts) stellt noch am Tatort ein schweres Schädel-Hirn-Trauma fest. So viel kann er Freddy Schenk (Dietmar Bär, Mitte) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)
Norbert Jütte (Roland Riebeling, rechts) soll im Jugendamt Akten überprüfen.Die freundliche Ingrid Kugelmeier (Anna Böger) bietet ihm Unterstützung an. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Ja, die beiden alternden Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) aus Köln lassen es inzwischen ganz schön gemächlich angehen, auch wenn der Fall sehr bewegt. Und Assistent Norbert Jüttes (Roland Riebeling) Work-Life-Balance ist noch nie großartig in Richtung Arbeit ausgeschlagen und Multitasking zählt auch nicht gerade zu seinen bevorzugten Fähigkeiten. Heimlicher Star der Folge mit dem Titel „Niemals ohne mich“ aus der Feder von Jürgen Werner war denn auch Jüttes selbstgebastelte „Tageslichtdusche“, die ihm bei einem Außeneinsatz im Jugendamt weit mehr Kopfzerbrechen bereitete als die Manipulationsversuche der Mitarbeiterin der Unterhaltsvorschusskasse Ingrid Kugelmaier (Anna Böger) und deren Chef Markus Breitenbach (Christian Erdmann). Derweilen bemühten sich Ballauf und Schenk durch viel Fußarbeit aber fast schon empathielos den Mord an der Jugendamtsmitarbeiterin Monika Fellner aufzuklären, die zahlreichen säumigen Unterhaltsverweigerern mehr als einmal ziemlich heftig auf die Füße getreten war. Dabei lernten die Zuschauer einige bis aufs Blut zerstrittene Paare kennen, die die gemeinsamen Kinder als Waffen zur Durchsetzung ihrer persönlichen Interessen missbrauchten und gar nicht merkten, wie sehr sie diesen armen Würmchen und letztlich auch sich selbst damit schadeten. Ein heikles Thema, dessen Kernproblematik aber in diesem Tatort sehr gut herausgearbeitet wurde, auch wenn er sich nicht unbedingt durch viel Spannung und Dynamik auszeichnete. Die Auswirkungen der fehlenden Unterhaltszahlungen, die Probleme mit dem Amt, um einen Unterhaltsvorschuss zu bekommen, die finanzielle Not, in die Alleinerziehende mit säumigen Unterhaltszahlern nur allzu schnell geraten, die übermäßige Wut auf alles und jeden, die sich unaufhaltsam entwickelt und wie sehr all diese Probleme auch den Alltag der Jugendamtsmitarbeiter selbst beeinflussen, waren gut nachfühlbar dargestellt. Fast schon aus der Zeit gefallen wirkt indes Freddy Schenks nach wie vor ungebrochene Leidenschaft für große, schwere Autos. Was Kölns Radfahrer die ganze Woche über an Feinstaub einsparen, bläst Freddy Schenk in einer einzigen Tatortnacht locker aus dem Auspuff seiner Protzschlitten. Hier wäre endlich ein Umdenken der Figur angebracht, schließlich kann man auch in höherem Alter noch ganz gut dazulernen. /sis

Menschliche Grausamkeit in Worte gefasst

Menschliche Grausamkeit in Worte gefasst
Rezension Sebastian Fitzek „Der Insasse“

Wer ein Buch von Sebastian Fitzek in die Hand nimmt, weiß, dass er mit vielen Überraschungen rechnen muss. So auch in seinem Thriller “Der Insasse”, der einen Vater unter falscher Identität in eine geschlossene psychiatrische Anstalt führt, um dem vermeintlichen Mörder seines fünfjährigen Sohnes Max dessen Schicksal zu entlocken.

In der Anstalt trifft der Leser auf zahlreiche merkwürdige Gestalten, nicht nur völlig irre Insassen, sondern auch korrupte Ärzte, hörige Pfleger und eine undurchschaubare Leiterin. Alle menschlichen Schwächen sind hier vertreten. Als Leser überkommt einem gelegentlich das Gefühl, all das Ekelhafte, das Fitzek in genüsslicher Ausführlichkeit beschreibt, eigentlich gar nicht lesen zu wollen. Doch die Neugierde überwiegt, ob es dem Protagonisten Till Berkhoff trotz aller Widrigkeiten nicht doch noch gelingt, den bis ins Mark absonderlichen, mehrfachen Kindermörder Guido Tramnitz, der natürlich selbst eine grausame Kindheit durchlebt hat, dazu zu bringen, den Mord an Max zu gestehen und den Ort, wo er die Leiche des Jungen versteckt hat, zu verraten. Denn Till und seine Frau Ricarda brauchen Gewissheit, müssen Abschied nehmen von ihrem Kind. Nur erlebt der Leser eine überraschende Wendung und am Ende ist rein gar nichts so wie es scheint.

Auch wenn der Schluss des Buches, der alles auf den Kopf stellt, dem Leser schon einiges an Fantasie abverlangt, weil er nicht unbedingt nachvollziehbar scheint, so ist dem Autor eine atemberaubende Geschichte gelungen, die die tiefsten Niederungen menschlicher Grausamkeit in Worte fasst. Die Geschichte macht betroffen und wirkt mitunter abstoßend, fesselt den Leser aber dennoch bis zur letzten Seite. /sis

Biographische Angaben:
Sebastian Fitzek: Der Insasse, Knaur Taschenbuch, 2020, 365 Seiten, ISBN 978-3-426-51944-8

Beste deutsche Krimiunterhaltung

Beste deutsche Krimiunterhaltung
Kritik zum Tatort Berlin „Das perfekte Verbrechen“
ARD/rbb Tatort “Das perfekte Verbrechen”: Ein belebter Platz mitten in der Stadt, 12 Uhr mittags. Gerade winkt die Studentin Mina Jiang (Yun Huang) noch ihrer Kommilitonin Luise (Paula Kroh) von weitem zu, als sie plötzlich tot zusammenbricht. Ein Schuss in den Hinterkopf führt die Kommissare Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) in die historische Mitte Berlins. – Karow (Mark Waschke) und Rubin (Meret Becker) mit den Kollegen der Spurensicherung. (Foto: rbb/Volker Roloff)
Die Colloqiumsmitglieder Max Krause, Johannes Scheidweiler, Anton von Lucke, Lukas Walcher und Franz Pätzold (v.l.n.r.) sind sich mit der Anwältin Sander (Odine Jonen) sicher, dass sie wasserdichte Alibis haben. (Foto: rbb/die film gmbh/Volker Roloff)

Die Geschichte an sich war nicht neu, schon oft haben elitäre Studentenverbindungen in ihrer unermesslichen Arroganz versucht, das perfekte Verbrechen zu begehen. Filmisch wurde das Thema bereits häufig umgesetzt. Dennoch erwies sich diese Spannung garantierende Story auch in der Fassung als Berliner Tatort mit den Kommissaren Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) als beste deutsche Krimiunterhaltung. Ein echter, ehrlicher, in diesem Fall deutscher Krimi ist Drehbuchautor Michael Comtesse mit „Das perfekte Verbrechen“ gelungen, und das ganz ohne private Scharmützel der Kommissare. Die Beschreibung der unverhohlenen Überheblichkeit, mit der Juristen die Ermittlungsarbeit der Polizei torpedieren können, war schon beeindruckend. Auch das elitäre Gehabe der vier reichen, verwöhnten Jungjuristen und ihres weniger begüterten Primaners machte betroffen, meinten die fünf doch die Wahrheit nach ihrem Gutdünken gestalten zu können. Mit Hilfe der Staranwälte des großspurigen Professor Dr. Richard Liere (Peter Kurth) und dessen direkte Intervention als Vater einer der Jungs, gelang es den fünf Jurastudenten mit starkem Hang zur Selbstüberschätzung lange Zeit, die Polizei an der Nase herumzuführen. Letztlich stolperte der Täter aber dann doch über seinen Hochmut und machte einen dümmlichen Fehler. Nicht “das perfekte Verbrechen” war sein Motiv, sondern die verschmähte Gunst seines Vaters. Man hätte sich gewünscht, dass Rubin und Karow den fünf Verdächtigen mit legalen Mitteln beikommen. Stattdessen ließen sie sich dazu hinreißen, die wortgewandten Gegner mit ihren eigenen, unlauteren Waffen zu schlagen. Allerdings erreichten sie mit ihren gefälschten Beweisen und illegalen Abhör- und Überwachungsmethoden gar nichts. Hätte der Täter sich am Ende nicht einfach nur verplappert, er wäre ungeschoren davon gekommen und hätte es begangen, das perfekte Verbrechen.

„Das perfekte Verbrechen“ war endlich wieder einmal der perfekte Tatort mit einer spannenden Geschichte und großartigen Schauspielern, die es verstanden, die Zuschauer, wenn auch nur für kurze Zeit, von ihrem derzeit nicht gerade sorglosen Alltag abzulenken. /sis

Zähe Geschichte mit dramatischem Ende

Zähe Geschichte mit dramatischem Ende
Kritik zum Tatort Ludwigshafen „Leonessa“
ARD/SWR Tatort “Leonessa”: Die Ludwigshafener Tatort-Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter). (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)
Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Peter Becker (Peter Espeloer) rekonstruieren vor Samirs (Mohamed Issa) Augen den wahrscheinlichen Tathergang. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) zeigt sich recht dünnhäutig in ihrem neuesten Fall „Leonessa“ aus der Feder von Drehbuchautor Wolfgang Stauch. Alles andere als dünnhäutig aber waren die Protagonisten, Vanessa Michel (Lena Urzendowsky), Leon Grimminger (Michelangelo Fortuzzi) und Samir Tahan (Mohammed Issa), drei Jugendliche, die mit sich und der Welt nichts anzufangen wissen. Von den völlig hilflosen Eltern, die sich selbst kaum versorgen können, im Stich gelassen, versuchen die Teenager ihr Taschengeld durch Prostitution aufzubessern und können sich trotz gefüllter Kassen nicht aus dem allgegenwärtigen Sumpf aus Alkohol, Drogen und Missbrauch befreien, so sehr sie sich auch bemühen. Zudem bringt der Wirt ihrer Stammkneipe sie in Bedrängnis, so dass ihnen am Ende nichts weiter übrigbleibt, als ihn zu ermorden. Lena Odenthal und Johanna Stern (Lisa Bitter) kümmern sich aber weniger um die Mordermittlung, als vielmehr um die Jugendlichen, die sie meinen vor einem nicht auszumachenden Zuhälter beschützen zu müssen, auch wenn Vanessa und ihre beiden Bewunderer das gar nicht wollen. Der Titel “Leonessa” soll eine Kombination aus Leon und Vanessa sein, quasi Brangelina für Arme. Lena bringt die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen so in Rage, dass sie mit einem Apfel nach der eher nüchtern agierenden Johanna Stern wirft. Und am Ende, nachdem es Lena nicht gelingt, den jugendlichen Täter von seinem Selbstmord abzuhalten, bricht sie gar in Tränen aus.

Dramatisch das Ende, viel zu lang und zäh die Geschichte. Das ist das Fazit dieses Tatorts, bei dem man einmal mehr gegen den Schlaf ankämpfen musste: Eine gelungene Sozialstudie, aber von Spannung keine Spur, nicht immer nachvollziehbar die Handlungen und Emotionen – und das alles vor der Kulisse einer grauen, menschenunwürdigen Satelitensiedlung am Rande von Ludwigshafen. Kein schönes Bild der Chemiestadt am Rhein, das da gezeichnet wurde – und auch nicht unbedingt zutreffend. /sis

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ist erstaunt, wie wenig Cornelia (Camilla Nowogrodziki) und Kay (Konstantin-Philippe Benedikt) sich für das interessieren, was ihre minderjährige Tochter treibt. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

Solide Unterhaltung mit einigen Mängeln

Solide Unterhaltung mit einigen Mängeln
Kritik zum Tatort Franken „Die Nacht gehört dir”
ARD/BR Tatort “Die Nacht gehört dir”: Die Kriminalhauptkommissare Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) am Tatort. (Foto: BR/Hager Moss Film/Hendrik Heiden)

Da war er also, der Tatort-Sonntag nach dem ganz großen Absturz der Reihe mit dem Tatort aus dem Schwarzwald “Ich hab im Traum geweinet”. Die Franken sollten es richten, allen voran die Kommissare Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs). Sie hatten in ihrem neuesten Fall den Tod der Grundstücksmaklerin Barbara Sprenger (Anna Tenta) zu klären, die an ihrem Geburtstag mit einem Sushimesser erstochen wurde. Das taten sie denn auch in ihrer gewohnt gemächlichen Art. Gemächlich trifft in diesem Fall nicht nur auf die Arbeitsweise der Kommissare zu, sondern auch auf die Geschichte. Zwar waren Ringelhahn und Voss unentwegt von einem Schauplatz zum nächsten unterwegs, die Hintergründe der Geschichte ergaben sich aber nicht aus den Ermittlungen der beiden, sondern aus sehr langatmigen Rückblenden. Der Grundsatz aus jedem Lehrbuch fürs Drehbuchschreiben – so spät wie möglich rein und so früh wie möglich wieder raus aus einer Szene – wurde in sträflicher Weise vernachlässigt und so gerieten die Einblendungen viel zu lang, erzählten weit mehr als für das Verständnis der Story erforderlich gewesen wäre und sorgten damit für unnötige Langeweile. Grundsätze haben eben doch meistens einen guten Grund. Schade, denn die Geschichte an sich war durchaus interessant und auch die Charaktere – der stets plappernde Voss, der nie so recht weiß, was er eigentlich sagen will, die ruhige, zurückhaltende Ringelhahn, die ihre Altersweisheit gerne zur Schau trägt in Verbindung mit der Kollegin der Ermordeten, Theresa Hein (Anja Schneider), eine graue Maus, die wohl einmal in ihrem Leben im Mittelpunkt stehen wollte und deshalb den Mord gestand – bildeten genug Kontrast für einen wahrhaft spannenden Krimi. Das Ende war dafür Übertreibung pur, der wahre Täter, Anton Steiner (Lukas B. Amberger), ein schmächtiges, vom Leben enttäuschtes, bedauernswertes Bürschen um die 20, der in der Ermordeten seine wenn auch doppelt so alte wahre Liebe gefunden zu haben glaubte, wurde mit einem bis an die Zähne bewaffneten Großaufgebot an SEK-Leuten zur Strecke gebracht. Das war dann doch etwas dick aufgetragen.

Trotz der Längen war der Tatort „Die Nacht gehört dir“ solide Unterhaltung, aus der Regisseur Max Färberbäck, der zusammen mit Catharina Schuchmann auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, so viel mehr hätte machen können. Daran konnte auch das amüsante Liebesgeplänkel zwischen Voss und seiner „Honigfrau“ (Maja Beckmann) zu Beginn des Films nicht viel ändern. /sis

Begegnung zwischen Zukunft und Vergangenheit

Begegnung zwischen Zukunft und Vergangenheit
Rezension „Herr aller Dinge“ von Andreas Eschbach

Man muss viel Geduld mitbringen, bis in Andreas Eschbachs „Herr aller Dinge“ Spannung aufkommt. Das erste Drittel des Buches geht es nur um eine romantische Teenagerliebe zwischen Hiroshi Kato, Sohn einer Wäscherin und Charlotte Malroux, Tochter des französischen Botschafters in Tokio. Die beiden begegnen sich auf ungewöhnliche Weise und treffen im Verlauf ihres Lebens immer wieder aufeinander. Der technisch hochbegabte und vor allen Dingen an Robotern interessierte Hiroshi will Charlottes Herz gewinnen, kämpft aber gegen die Standesunterschiede. Er erkennt, es gibt nur einen Weg, um die gesellschaftliche Kluft zu überwinden: Er muss dafür sorgen, dass alle Menschen reich sind. Und dafür entwickelt er schon früh einen detaillierten Plan, der aber erst einmal in seinem kleinen Notizbüchlein ruht, bis er später während seines Studiums in den USA einen Gönner findet, der ihm den Weg in die Erforschung der Nano-Technologie öffnet. Charlotte verliert er nicht aus den Augen und sie ist es, die Hiroshi und sein Wissen über die Möglichkeiten der neuen Technologie ins Spiel bringt, als plötzlich auf einer einsamen Insel im Polarmeer Naniten scheinbar von Außerirdischen gesteuert ihr Unwesen treiben. Hiroshi kann die Katastrophe aufhalten, nimmt aus der direkten Begegnung mit den Naniten aber so viel Wissen mit, dass er am Ende gar Krankheiten heilen kann. Plötzlich ist er der „Herr aller Dinge“. Er möchte seine Entdeckungen mit der Welt teilen, erläutert sie in einer Videobotschaft und lässt die Naniten zum Beweis eine gigantische Arche Noah bauen, die um die Erde kreist. Doch das ruft die Geheimdienste auf den Plan, denn die Technologie eignet sich natürlich auch für militärische Zwecke und so beginnt ein Spießrutenlauf, an dessen Ende Hiroshi einen ehrenvollen Tod stirbt.

Abgesehen von dem etwas zähen Anfang, der gewiss auch kürzer zu erzählen gewesen wäre, liefert Andreas Eschbach mit „Herr aller Dinge“ doch noch eine fantastische und ungemein spannende Geschichte. Es ist die Mischung aus Wissenschaft und Utopie, aus einem Blick in die nahe Zukunft und zugleich in eine unendlich weit entfernte Vergangenheit der Menschheit, die den besonderen Reiz dieses Thrillers ausmacht, der sich auf jeden Fall zu lesen lohnt. /sis

 

Bibliographische Angaben:
Andreas Eschbach: „Herr aller Dinge“
Bastei Lübbe, 688 Seiten
ISBN 978-3785724293

Der schlechteste Tatort aller Zeiten

Der schlechteste Tatort aller Zeiten
Kritik zum Tatort „Ich hab im Traum geweinet“
ARD/SWR Tatort “Ich hab im Traum geweinet”:
Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) lassen sich durch die tollen Tage treiben. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Was hat sich Drehbuchautor Jan Eichberg bei dieser Geschichte wohl gedacht? Was wollte er den Zuschauern sagen? Dass Fasnacht und Alkohol eine gefährliche Mischung sind, die zu unüberlegten Exzessen führen? Durchaus ein brauchbares Filmthema, keine Frage, aber hat er die Ereignisse rund um die „Fasnet im Schwarzwald” wirklich nur in Form von Sexspielchen der aggressiven Art erzählen können? Einen wahrhaftigen Porno bekamen die Zuschauer zu sehen, die Hälfte des Films fand in unterschiedlichen Betten statt. Selbst die Kommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) suchten ein gemeinsames Abenteuer und präsentierten sich dabei in fast unerträglicher Lächerlichkeit. Peinlich! Nur gut, dass die beiden anschließend mit dem Konflikt über die Bedeutung ihres alkoholbedingten Ausrutschers beschäftigt waren und den Zuschauern weitere Nacktszenen der Hauptkommissare erspart blieben, bis auf eine erneut heruntergelassene Hose, als Berg in eine Gruppe junger Mädchen geriet – wie er dahin kam und warum wurde nicht klar. Tatsächlich gab es dann nach 45 Minuten doch noch einen Mord an einem ehemaligen Freier von Edel-Hure Romy Schindler (Darja Mahotkin), die ihm eigentlich nicht länger zu Diensten sein wollte, andererseits aber auch die Finger nicht von ihm lassen konnte. Da der Freier bei seinen Sexspielchen ohnehin auf harte Schläge auf den Kopf bestand, starb er stilecht, Romy hatte zu oft und zu häufig zugeschlagen. Für Berg und Tobler gab es nichts zu ermitteln. Die Täterin kam geständig ins Präsidium.

Wie können sich so renommierte Schauspieler wie Löbau und Wagner nur für einen derartigen Schund hergeben? Das war mit Abstand der schlechteste Tatort aller Zeiten, finanziert aus den Beiträgen der Zuschauer! Man sollte die Mitglieder der Rundfunkkommission zwingen, sich diesen Tatort anzusehen – ohne die Möglichkeit, sich den ebenso endlosen wie erbärmlichen und mit abscheulicher Musik unterlegten Nacktszenen zu entziehen -, und dann sollen sie noch einmal über die geplante Erhöhung der Beiträge beraten. „Ich hab im Traum geweinet“ – das kann man wohl sagen!  /sis

Kommissarin Brasch jetzt ganz im Alleingang

Kommissarin Brasch jetzt ganz im Alleingang
Kritik zum Polizeiruf 110 Magdeburg „Totes Rennen“
ARD/MDR Polizeiruf 110 “Totes Rennen”: Beim Gespräch im Restaurant erfahren Martina Rössler (Therese Hämer), Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Uwe Lemp (Felix Vörtler) von Hannes Kehr (Michael Maertens), dass das Mordopfer sein Informant war. (v.l.) (Foto: MDR/Stefan Erhard)
Micky (Martin Semmelrogge) hat Brasch (Claudia Michelsen) unter Drogen gesetzt.
(Foto: MDR/Stefan Erhard)

Gleich zum Auftakt des neuen Polizeiruf 110 aus Magdeburg stellte Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) ihrem Chef Uwe Lemp (Felix Vörtler) die Frage aller Fragen: Bin ich schuld, dass uns alle Kollegen weglaufen? Ein lautes “Ja” der Zuschauer hallte gewiss zu diesem Zeitpunkt durchs Land. Die sonst so darstellungsfreudige Claudia Michelsen zeigt in der Rolle der „Brasch“ nur minimalinvasives Mienenspiel, drückt damit unentwegt ihr Missfallen aus gegenüber sich selbst, ihre Arbeit, ihre Umgebung. Dieses Missfallen überträgt sich nicht nur auf die ständig wechselnden Partner an ihrer Seite, sondern leider auch auf die Zuschauer. „Braschs“ schlechte Laune steckt an, nicht nur in ihrem neuesten Fall „Totes Rennen“, in dem es außer um Wettmanipulation und Spielsucht auch noch um Visionen ging. Brasch erschien schon vor dem Mord der spätere Täter im Traum. Es dauerte indes bis zur letzten Minute, bis das falsche Spiel des LKA-Kollegen Hannes Kehr (Michael Maertens) aufflog. Dazwischen herrschte gähnende Langeweile, in der aber Brasch dem Publikum wieder einmal klar machte, warum die Polizei immer mindestens im Duett auftritt. Aus Sicherheitsgründen nämlich, die Brasch aber allzu gerne außer Acht lässt. So auch in diesem Fall, in dem sie erneut im Alleingang auf den Verdächtigen Micky Puhle (großartiger Martin Semmelrogge) traf, der sie auch prompt mit Drogen außer Gefecht setzte und offensichtlich Schlimmeres mit ihr vorhatte. Wenigstens entlockte der Rausch der missmutigen Kommissarin ein zartes Lächeln. Kehr kam der “Kollegin Brasch” unentwegt zur Hilfe, allerdings nur, um den Verdacht in eine falsche Richtung zu lenken und so sich und seine Machenschaften zu decken. Eine wirre Geschichte, die nur einen wahren Höhepunkt kannte, nämlich als Kriminalrat Lemp seine Gitarre in die Hand nahm und eine ungemein gefühlvolle Version von „Forever young“ durch die Nacht schmetterte.

So sehr sich die Schauspieler auch bemühten, die Geschichte aus der Feder von Stefan Dähnert und Lion H. Lau wollte nicht so recht in Gang kommen. Es ist eben nicht immer ein Garant für Spannung, wenn ein Polizist und an und für sich sympathischer Kollege in die kriminellen Machenschaften verwickelt ist, im Gegenteil, es wirft ein zunehmend schlechtes Licht auf die Ordnungshüter – was sie eigentlich nicht verdient haben. Für den Polizeiruf aus Magdeburg wünscht man sich nach dem Weggang von Matthias Matschke nun einen starken Partner für Brasch, der sie vielleicht endlich ein bisschen aufheitern kann!

Die Haustür zu Mickys Wohnhaus wird durch SEK-Beamte geöffnet. Brasch (Claudia Michelsen) und Kehr (Michael Maertens) nähern sich vorsichtig dem Einsatzort. (MDR/Stefan Erhard)

Merkwürdig blasser Tatort aus Hamburg

Merkwürdig blasser Tatort aus Hamburg
Kritik zum Tatort „Die goldene Zeit“
ARD/NDR Tatort “Die goldene Zeit”: Falke (W.W Möhring, 2.v.l.) und Grosz (F. 2.v.r.) müssen Egon Pohl (Christian Redl) eine traurige Nachricht überbringen (mit D. Kaufmann, r.) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

An den beiden Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) lag es eher nicht, dass der neue Tatort aus Hamburg mit dem Titel „Die goldene Zeit“ nicht so richtig begeistern wollte. Wenig Spannung kam auf, obwohl der Tatort-Fangemeinde diesmal ein blutjunger Auftragskiller präsentiert wurde, ein armes zitterndes Etwas, dessen Motiv doch mehr als dürftig war: Matei Dimenscu (Bogdan Iancu) war eigens aus Rumänien angereist, um im Hamburger Rotlicht-Milieu einen störenden Puff-Erben zu beseitigen, nur um für seinen Vater einen Fernseher kaufen zu können. Wenn es tatsächlich so einfach ist, junge Menschen für einen Mord zu gewinnen, dann dürfen wir uns alle vor einer recht ungewissen Zukunft fürchten. Nur gut, dass sich eine wahre Kiezgröße trotz aller Verbundenheit zu seinem ehemaligen Herrn nicht dazu entschließen konnte, den „Kleinen“ zu bestrafen. Thorsten Falkes Freund Michael Lübke (Michael Thomas) nahm sich des Jungen an, nachdem es ihm mehrfach nicht gelungen war, Rache zu üben. Dabei führte er Falke und seine Partnerin gehörig an der Nase herum. Die beiden Kommissare waren aber neben der Suche nach dem jugendlichen Mörder vor allem mit der Frage beschäftigt, wer dem Jungen denn den Auftrag erteilt hatte. Und so tauchten sie ein ins Hamburger Rotlicht-Milieu mit seinem ausgesprochen hässlichen Gesicht, mit missbrauchten Mädchen aus aller Herren Länder, mit größenwahnsinnigen Luden und brutalen Banden. Die Auflösung schließlich konnte den bis dahin doch recht gelangweilten Zuschauer dann doch noch überraschen.

Abgesehen von zahlreichen Klischees hatte dieser Tatort nicht viel zu bieten, auch wenn die Schauspieler durchweg eine gute Leistung zeigten. Von einer “goldenen Zeit”aber war trotz des Ausflugs in Falkes Jugendjahre weit und breit nichts zu sehen. /sis

Unterstützt Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) bei den Ermittlungen: LKA-Mitarbeiter Thomas Okonjo (Jonathan Kwesi Aikins, (rechts)) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

 

An Brutalität kaum zu überbieten

An Brutalität kaum zu überbieten
Kritik zum Tatort Dortmund „Monster“
ARD/WDR Tatort “Monster”: Mit dem sichergestellten Messer (in einer Schutzhülle) wurde Klaus Kaczmarek getötet. Die Kommissare Martina Bönisch (Anna Schudt) und Peter Faber (Jörg Hartmann) schauen sich den Tatort im Partykeller seines unscheinbaren Wohnhauses an. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Peter Faber (Jörg Hartmann) hat seine Waffe auf Markus Graf (Florian Bartholomäi) gerichtet – der hat die Familie des Kommissars auf dem Gewissen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

In hohem Maße brutal war der neue Tatort aus Dortmund mit dem Titel „Monster“ – und tatsächlich ging es um Monster im wahrsten Wortsinn. Monster, die Kinder zum Missbrauch verkaufen, Monster, die ohne Skrupel andere zum Morden anstiften, Monster, die hemmungslos auf andere einstechen. Viel zu viele Monster waren das für nur einen Tatort, und warum das Geschehen in dieser Brutalität gezeigt wurde, darf angesichts der Diskussion um die Verrohung der Gesellschaft nicht unkritisiert bleiben.

Spannung erzeugte Drehbuchautor Jürgen Werner, indem er die sechsjährige Tochter von Kommissar Jan Pawlak (Rick Okon) durch Peter Fabers (Jörg Hartmann) persönlichen Erzfeind Markus Graf (Florian Bartholomäi) entführen ließ mit der Drohung, sie meistbietend an pädophile Monster zu verkaufen und Faber so zum Selbstmord zu zwingen. Obendrein manipulierte Graf Evelyn Kohnai (Luisa-Céline Gaffron), selbst als Kind verkauft und missbraucht, einen ihrer Peiniger auf übelste Art zu ermorden und dann am Tatort auf Faber zu warten, um so den Druck auf Faber weiter zu erhöhen. Nur ein paar Stunden Zeit blieben Faber, Martina Bönisch (Anna Schudt) und Nora Dalay (Aylin Tezel), um Mia zu finden und damit Fabers Leben zu retten, der selbst in diesem Fall auffallend mitleidslos agierte. Natürlich gelang den Kommissaren das scheinbar Unmögliche. Und nachdem der Zuschauer mit dem armen Kind und seinen verzweifelten Eltern eifrig mitgelitten hatte, floss am Ende noch einmal kräftig Blut: Martina Bönisch erschoss sehr zu Fabers Leidwesen den offensichtlich irren Markus Graf und Evelyn Kohnai schnitt einem weiteren durch die Ermittlungen gefassten Peiniger im Polizeipräsidium die Kehle durch.

Das Thema abscheulich, die Umsetzung brutal, tiefes Mitleid erzeugt durch die persönliche Verstrickung der Protagonisten – das ist nur auf den ersten Blick spannend, in Wahrheit aber einfach nur abstoßend. Gut ist in diesem Fall nur, dass Graf nun für immer verschwunden ist und künftige Tatorte aus Dortmund und damit die Hauptfigur Peter Faber nicht weiter beinträchtigen kann. Das ist die Chance für Darsteller Jörg Hartmann, Peter Faber in eine ganz andere Richtung weiterzuentwickeln, hoffentlich weg von Aggressivität, Dauerhass und Mordgelüsten. /sis

Was hat das Verschwinden von Jan Pawlaks (Rick Okon, Mitte) Tochter mit Peter Faber (Jörg Hartmann, rechts) zu tun? Nora Dalay (Aylin Tezel) versucht, ihren Kollegen zurückzuhalten. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Spannender Thriller statt klassischer Krimi

Spannender Thriller statt klassischer Krimi
Kritik zum Tatort München „Unklare Lage“
ARD/BR Tatort “Unklare Lage”. Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) warten angespannt den SEK-Einsatz ab. (Foto: BR/Hagen Keller)

Die Stadt abgeriegelt, der Verkehr steht still, Blaulicht und schwer bewaffnete Sondereinsatzkommandos beherrschen das Bild. So zeigte sich München im Jahre 2016. Diese Situation stellte der neue Tatort aus München „Unklare Lage“ aus der Feder von Drehbuchautor Holger Joos unter der Regie von Pia Strietmann nach. Unklar war indes nicht nur die Lage, sondern auch die Taktik der Polizei mit einer solchen Gefahrenlage umzugehen. „Wir ermitteln in alle Richtungen“ hieß in diesem Fall nur „Wir haben auch keine Ahnung“. Tatsächlich wussten weder Einsatzleitung noch die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) was vor sich ging. Gab es einen zweiten Täter oder nicht? Hatte er eine Nagelbombe in seinem Rucksack? Mühsam tasteten sich die Kommissare an die Wahrheit heran, hetzten mit den SEKs von einem Einsatzort zum nächsten, ohne wirklichen Durchblick. Durch Zufall waren Batic und Leitmayr am Ende dann aber doch zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und mit einem gezielten Schuss konnte Batic den zweiten Täter außer Gefecht setzen. Ob er aber einen Sprengsatz bei sich hatte, blieb genauso ungewiss, wie die Vorstellung der Zuschauer, was sie denn nun in einer solchen unklaren Lage in der Realität zu erwarten hätten. Für alle Betroffenen des Anschlags im Film jedenfalls dürfte das Geschehen selbst leichter zu verdauen gewesen sein, als das harsche und ziemlich planlos wirkende Vorgehen der SEKs.

Spannend war dieser Tatort, keine Frage, und damit wesentlich besser als so manch andere Folge dieser Reihe. Es handelte sich aber eher um einen Thriller als einen klassischen Krimi. Warum ausgerechnet die in Ehrfurcht ergrauten Hauptkommissare hinter den vermeintlichen Tätern herhetzen mussten, statt die wesentlich jüngeren Kollegen des Einsatzkommandos, war nur eine weitere der Fragen, die am Ende offenblieben. Unverkennbar aber ist Kalle Hammermanns (Ferdinand Hofer) unaufhaltsamer Aufstieg. Diesmal durfte er gar das Bindeglied zwischen Einsatzzentrale und den Ermittlern spielen und das tat er wieder mit beeindruckendem Engagement. Wenn die altehrwürdigen Kommissare eines nicht mehr fernen Tages abtreten, dürfte ein Nachfolger schon feststehen! /sis

Atemberaubende Spannung mit unnötigen Abwegen

Atemberaubende Spannung mit unnötigen Abwegen
Rezension Sebastian Fitzek „Achtnacht“

Es ist schon eine spannende Geschichte, die Sebastian Fitzek seinen Lesern mit “AchtNacht” vorlegt. Inspiriert von dem amerikanischen Horrorklassiker “The Purge”, lässt Fitzek in seinem Thriller einen durch eine Art Todeslotterie auserkorenen, verhassten und deshalb für die “AchtNacht” nominierten Menschen, eine Nacht lang – am 8.8. von acht Uhr abends bis acht Uhr in der Früh – durch Berlin hetzen. Wer diesen „Achtnächter“ egal wie zu Tode bringt, erhält eine satte Belohnung, vorausgesetzt er hat sich vorher auf der Internetseite der “AchtNacht” angemeldet und seinen Jagdobulus entrichtet.

In Fitzeks Thriller sind gleich zwei Menschen in der „AchtNacht“ vogelfrei: Benjamin Rühmann, ein gescheiterter Musiker und in jeder Hinsicht geborener Loser und Arezu Herzsprung, eine noch junge Psychologiestudentin. Es ist aber nicht nur der Mob, der außer Rand und Band hinter den beiden her ist, sondern auch noch zwei völlig durchgeknallte Gestalten auf der Suche nach den ultimativ-spektakulären Videos, die Klicks und damit Bares bringen. Die beiden schicken Ben und Arezu mit einer üblen Erpressung durch die nächtliche Hölle. Nicht nur ihr eigenes Leben steht auf dem Spiel, Bens Tochter wurde von einem der Irren vergiftet und Ben hängt einmal mehr in seinem Leben an der Strippe eines anderen, muss tun, was von ihm verlangt wird, anstatt eigenverantwortlich zu entscheiden und handeln. Er und – wie es lange Zeit scheint – in seinem Schlepptau auch Arezu haben keine Chance, in einem sicheren Versteck das Ende der “AchtNacht” abzuwarten. Stattdessen müssen sie sich dem Willen der verrückten Erpresser beugen und ein ums andere Mal der blutrünstigen Masse gegenübertreten. Doch der Urheber der “AchtNacht” ist überhaupt nicht damit einverstanden, dass plötzlich andere die Spielregeln bestimmen und schlägt zurück.

Über 400 Seiten atemberaubende Spannung erwartet den Leser, typisch Fitzek mit Höhen und Tiefen, aber manchmal leider auch mit einem völlig unnötigen Abdriften ins allzu Brutale und Perverse. Zwar spiegelt Fitzek menschliche Skrupellosigkeit in all ihren Facetten, aber ob man das unbedingt in dieser Deutlichkeit lesen möchte, bleibt fraglich. Und so ist man am Ende der Lektüre irgendwie unzufrieden, denkt aber noch lange über die Geschichte nach, die nur scheinbar mit dem Tod des „Achtnächters“ ihr Ende findet. /sis

Bibliographische Angaben:
Sebastian Fitzek: AchtNacht
Verlag Knaur Taschenbuch, 7. Auflage 2017, 416 Seiten
ISBN 978-3426521083

Was wird aus König und Bukow?

Was wird aus König und Bukow?
Kritik zum Polizeiruf 110 „Söhne Rostocks“
ARD/NDR Polizeiruf 110 “Söhne Rostocks”: Anton Pöschel (Andreas Guenther), Alexander Bukow (Charly Hübner), Volker Thiesler (Josef Heynert), Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Henning Röder (Uwe Preuss) erörtern die bisherigen Ermittlungsergebnisse. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Alexander genannt „Sascha“ Bukow (Charly Hübner) und seine Kollegin vom LKA Katrin König (Anneke Kim Sarnau) jagen im neuesten Polizeiruf aus Rostock einen aufstrebenden Jungunternehmer, der sich nach dem Mord an seinem Freund Frank Fischer auf der Flucht befindet. Was dahintersteckt, bleibt bis zum Schluss geheim und schickt das Ermittlerduo quer durchs schöne Rostock, nicht etwa weil sie in Michael Norden (Tilman Strauß) den Mörder vermuten, sehr wohl aber weil er bei den schon bald zwei Morden seine Finger im Spiel zu haben scheint. Letztlich geht es um Betrug unter Freunden, der mit viel Aggressivität gerächt wird.

Eine interessante Story aus der Feder von Drehbuchautor Markus Busch, geschickt umgesetzt von Christian von Castelberg, der Regie führte. Der Titel ist Programm und so stellt der Film Söhne Rostocks vor, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten – auch wenn sie ebenso gut aus jeder anderen Stadt Deutschlands hätten kommen können. Da ist Jungunternehmer Michael Norden, der sich von seiner Familie losgesagt hat, dessen Sohn Jon Hövermann (Oskar Belton), den er erst überhaupt nicht gebrauchen kann, sich am Ende aber doch – etwas zu schnell – zu ihm bekennt. Und da ist Bukow, der wahre Sohn Rostocks, der entgegen seiner sonst so ruppigen Art diesmal recht gefühlvoll agiert – und natürlich seine kleine aber feine Liebelei mit Kollegin König weiterspinnt. Gut, dass es die Macher bei dezenten Anspielungen belassen und die beiden nicht in eine wirklich Affäre schreiben. Das würde dem Polizeiruf aus Rostock viel von seiner prickelnden Spannung rauben. Leider scheint Bukow und König aber ihre unrühmliche Vergangenheit einzuholen und man darf gespannt sein, wie diese Geschichte dann weitergeht. Stellt sich König ihrer Schuld, ist das definitiv das Aus für die beiden beliebten Ermittler, was man nicht wirklich wollen kann! Man darf also gespannt sein. /sis

Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) machen auf der Suche nach Michael Norden einen grausigen Fund (Stefan Becker) (Foto: NDR/Christine Schroeder).

Unaufgeregt bis in die Haarspitzen

Unaufgeregt bis in die Haarspitzen
Kritik zum Tatort Köln „Kein Mitleid, keine Gnade“
ARD/WDR Tatort “Kein Mitleid, keine Gnade”: Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, r), Freddy Schenk (Dietmar Bär, m) und ihr Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling, l) im Polizeipräsidium. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Unaufgeregt bis in die Haarspitzen, ganz so wie man es für einen erholsamen Sonntagabend braucht, präsentierte sich der neue Tatort aus Köln mit dem Titel „Kein Mitleid, keine Gnade“. Nicht langweilig, aber eben auch nicht besonders spannend. Dabei war das Thema durchaus größere Aufregung wert. Ging es doch um nichts Geringeres als Homophobie, glaubt man der Darstellung noch immer ein äußerst brisantes Thema. So aufgeklärt und überaus tolerant, wie junge Menschen heute gerne sein wollen, kamen sie in dieser Geschichte nicht gut weg. Ganz im Gegenteil, die homosexuellen Jungs mussten in der Story von Drehbuchauto Johann Rotter allesamt um ihr Leben fürchten, wurden gemobbt und verfolgt, geprügelt und am Ende gar getötet von Mitschülern oder gleich der eigenen Familie, um der Ehre willen. Das war dann doch streckenweise etwa übertrieben. Die mitunter langatmigen Kameraeinstellungen, die nicht unbedingt immer die Stimmung spiegelten, zogen die Geschichte obendrein unnötig in die Länge und unterstrichen damit die wenig dynamische Handlung nur. Gut dargestellt wurde indes die Ambivalenz jugendlicher Verhaltensweisen in der intriganten Schülerin Nadine Wilcke (Emma Drogunova). Ebenfalls leicht nachvollziehbar und ungemein erschreckend kam auch die Nebengeschichte daher: Freddy Schenk (Dietmar Bär) wird Opfer von Cybermobbing und muss am eigenen Leib erfahren, wie schnell Freunde und Kollegen sich abwenden, selbst Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling), sonst ein immerwährender Quell der Gelassenheit, wusste sich nicht recht zu entscheiden, ob er Freddy nun glauben sollte oder nicht. Einzig Partner Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) hielt ihm unerschütterlich die Treue.

Ballauf und Schenk sind auch dann immer noch sehenswert, wenn die Geschichte an sich nicht gerade Begeisterungsstürme auslöst. Die beiden sind Garant für gute Unterhaltung und das macht letztlich auch die Anziehungskraft des Tatorts aus: Das Team muss passen, dann ist der Rest nicht mehr ganz so wichtig. Und inzwischen, das muss man entgegen der anfänglichen Skepsis zugeben, hat sich auch Jütte prima in das Team eingefügt. /sis

Freddy Schenk (Dietmar Bär, hinten Mitte) muss sich rechtfertigen. Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, hinten rechts) sieht zu, wie sein Kollege beschuldigt wird, Nadine Wilcke (Emma Drogunova, vorne) auf dem Schulhof belästigt zu haben. Ihr Freund Lennart (Moritz Jahn) nimmt sie in Schutz, während andere Schüler mit den Handys filmen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Ein empathischer Nick Tschiller ist auch nicht besser

Ein empathischer Nick Tschiller ist auch nicht besser
Kritik zum Tatort „Tschill out“
ARD/NDR Tatort “Tschill Out”: Yalcin Gümer (Fahri Yardim) bringt seinen Kronzeugen Tom Nix (Ben Münchow) zu Nick Tschiller (Til Schweiger), der auf Neuwerk auf sein Disziplinarverfahren wartet. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Wer auf wilde Ballerei und gewaltige Explosionen gehofft hatte, wurde enttäuscht: Nick Tschiller (Til Schweiger) hat in seinem neuesten Tatort mit dem Titel “Tschill Out” (der Titel war Programm) zwar auch einmal geschossen, aber nur mit einem Paintball-Geschütz, dafür enorm treffsicher genau zwischen die Augen des Angreifers. Überhaupt war dieser Tatort mit dem bekannten Schauspieler eher moderat. Das galt auch für die Ermittlungstätigkeit seines Partners Yalcin Gümer (Fahri Yardim) und dessen junge Assistentin Bonnie (Mascha Paul). Gümer sollte eigentlich zwei Kronzeugen in Sicherheit bringen, verlor den einen bei einer Schießerei und lud den anderen, Tom Nix (Ben Münchow), kurzerhand bei Nick Tschiller ab, der auf Neuwerk auf den Ausgang seines Disziplinarverfahrens wartete und dabei Patty Schmidt (Laura Tonke) bei der Betreuung von schwererziehbaren Jugendlichen half. Natürlich konnten der angeheuerte Killer und sein Auftraggeber den Kronzeugen ausfindig machen und am Ende gar auf Neuwerk stellen, doch da kam ihm wie gesagt Nick Tschiller mit seinen Paintball-Künsten in die Quere.

Das war es auch schon. Recht langatmig, wenig bis gar nicht spannend, plätscherte die Geschichte so vor sich hin. Ob Nick Tschiller nun den Superhelden mit Maschinengewehr und Panzerfaust mimt, oder ganz gediegen und überaus empathisch daherkommt, macht keinen großen Unterschied. So erfahren Til Schweiger als Schauspieler auch sein mag, den Kommissar in heikler Mission kauft man ihm einfach nicht ab! /sis

Yalcin (Fahri Yardim) und Nick (Til Schweiger) müssen Patti (Laura Tonke) überzeugen, dass Tom (Ben Münchow) ein paar Tage auf Neuwerk bleiben darf. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Nichts als wirres Theater

Nichts als wirres Theater
Kritik zum Tatort „Das Team“
ARD/WDR Tatort “Das Team”: V.l.n.r.: Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek), Peter Faber (Jörg Hartmann), Martin Scholz (Bjarne Mädel), Martina Bönisch (Anna Schudt), Marcus Rettenbach (Ben Becker), Sascha Ziesing (Friedrich Mücke), Christoph Scholz (Charly Hübner), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), Nadine Möller (Elena Uhlig) (Foto: WDR/Tom Trambow)
Ministerpräsident Armin Laschet (m) begrüßt die Dortmunder Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt). Zwei Coaches (Bjarne Mädel, Charly Hübner, hinten, v.l.) sollen aus sieben Ermittlern ein Team formen, das einen Serienmörder endlich stoppt. Aus Aachen gehört Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek, r) zum Team. (Foto: WDR/Tom Trambow)

Ein Tatort ohne Drehbuch, die Schauspieler erhalten nur die Grundelemente der Story, agieren intuitiv und reden, was sie wollen. Das nennt man gemeinhin „Improvisationstheater“ und nichts anderes war der Tatort „Das Team“ aus Nordrhein-Westfalen. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Kommissaren aus dem ganzen Land war in einem riesigen, leerstehenden Tagungshotel zusammengekommen, um – nach der kühlen Begrüßung durch Ministerpräsident Armin Laschet – von zwei Coaches zu einem Team zusammengeschweißt zu werden, das den Mörder von vier bestialisch getöteten Kommissaren dingfest machen sollte. Mit dabei waren die Dortmunder Kommissare Martina Bönisch (Anna Schudt) und Peter Faber (Jörg Hartmann) sowie Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) aus Münster und einige andere Kommissare, die bislang aber noch nicht als solche in Erscheinung getreten sind, außer Ben Becker, der zwei Mal als Dorfpolizist in Rheinland-Pfalz beim Tatort mitgespielt hat und Friedrich Mücke, für gewöhnlich Kommissar Henry Funck in Erfurt. Ebenfalls als Kommissar bekannt, nicht aber als Coach und schon gar nicht in NRW, ist natürlich Charly Hübner alias Alexander Bukow, der bei der Konkurrenz vom Polizeiruf 110 in Rostock tätig ist.

Gut die Hälfte des Films wirkte „das Team“ wie ein Klassentreffen mit Anwesenheitspflicht ehemals verfeindeter Mitschüler. Die Kommissare zickten sich an, allen voran Martina Bönisch, die nicht mit Nadeshda Krusenstern konnte und Marcus Rettenbach (Ben Becker), der sich als gänzlich teamunfähig erwies. Alles ging kreuz und quer durcheinander, angestachelt von einem völlig empathielosen Coach Christoph Scholz (Charly Hübner), der aus unerfindlichen Gründen das kindische Gehabe der Kommissare mit einem Dauergrinsen begleitete. Der zweite Coach Martin Scholz (Bjarne Mädel) spielte nur eine unbedeutende Nebenrolle und trat so gut wie gar nicht in Erscheinung. Man war versucht, abzuschalten, wäre da nicht der plötzliche Mord an Nadeshda Krusenstern gewesen, der ab etwa Mitte des Films vorrübergehend für Spannung sorgte. Man wollte schlicht wissen, wer für den Tod der beliebten Kommissarin aus Münster verantwortlich war. Bis zum Schluss aber wurden weder die Gründe für ihre Ermordung klar, noch erfuhr man, wer die Tote überhaupt aufgefunden und dann auch noch das SEK informiert haben soll, denn außer den Kommissaren und den Coaches war das Tagungshotel bis dahin ja menschenleer. Aber es blieben ohnehin sehr viele Fragen offen in diesem Fall, der – unter der Regie von Jan Georg Schütte – wohl eher wieder nicht für das Publikum, sondern mit Blick auf hochgelobte Preise gedreht wurde. Man merkte den Schauspielern an, dass man ihnen keinen Text vorgegeben hatte. Alle redeten durcheinander, kaum ein Satz war vollständig und dazu oft genug schon akustisch unverständlich. Dazu kam die fehlende Logik: Der Täter, der nach dem Mord an Nadeshda in den eigenen Reihen zu suchen war (warum eigentlich? Es hätte jederzeit eine weitere Person von außen das weitläufige Tagungshotel betreten können) war von den Verantwortlichen als einer der fähigen Kommissare eingeladen worden, die man als Team auf die Jagd nach dem Polizistenmörder schicken wollte. Sein Motiv: Er wollte befördert werden und weg aus seinem Einsatzort Paderborn – doch die vier ermordeten Kollegen standen seinem beruflichen Fortkommen gar nicht im Weg! Auch die arme Nadeshda nicht, die einen ganz anderen Kollegen als Täter im Visier hatte. Fragen über Fragen, die der Tatort ohne Drehbuch nicht beantworten konnte oder wollte. Vielleicht hätte man vorher doch aufschreiben sollen, was man eigentlich erzählen will!

Friederike Kempter hatte schon kurz nach der Ausstrahlung des Tatorts „Väterchen Frost“ am 22. Dezember 2019 ihren Ausstieg als Kommissarin Nadeshda Krusenstern in Münster erklärt. Warum man sie gleich umbringen musste, statt sie einfach mit einer zünftigen Abschiedsparty wegzubefördern, bleibt wieder einmal das Geheimnis der Macher. Friederike Kempter und den Zuschauern jedenfalls hätte man ein anderes Ende ihrer Laufbahn als Kommissarin an der Seite von Frank Thiel (Axel Prahl) gewünscht. /sis

Sie sollen ein Team werden: In einem alten, leerstehenden Hotel sind Ermittler aus NRW zusammengezogen worden, u.a. (v.l.n.r.) Nadine Möller (Elena Uhlig), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempte), Peter Faber (Jörg Hartmann) und Markus Rettenbach (Ben Becker). Coach Christoph Scholz (Charly Hübner, r) hat sie im Hotel-Pool versammelt. Hier soll jeder der Kommissare mal auf dem “heißen Stuhl” im leeren Schwimmbecken Platz nehmen. (Foto: WDR/Tom Trambow)

“Ausgebrannt” zwingt zum Weiterlesen

“Ausgebrannt” zwingt zum Weiterlesen
Rezension Andreas Eschbach „Ausgebrannt“

Spannend und erschreckend zugleich ist Andreas Eschbachs Thriller „Ausgebrannt“ aus dem Jahr 2007. Eschbach versteht es, mit einer klaren, gut les- und verstehbaren Sprache auch komplizierte Sachverhalte unterhaltsam darzulegen, ohne den Leser allzu sehr mit langatmigen Detailbeschreibungen zu langweilen.

Nicht ganz so einfach ist indes ist das erste Drittel des Buches, zu oft wechseln Zeiten, Personen und ihre Geschichten und die Orte des Geschehens, so dass man fast die Übersicht zu verlieren droht, auch wenn in den einzelnen Abschnitten recht interessante historische Ereignisse und ihre Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft erzählt werden. Vieles wäre sicher entbehrlich gewesen. Nach diesem etwas zähen Einstieg aber wird es ungemein spannend. Der Autor bleibt im Wesentlichen bei seinem Helden Markus Westermann und beschreibt seinen Überlebenskampf nach einem aufreibenden Jetset-Leben mit seinem Partner Karl Block und seiner Geliebten Amy-Lee.

Markus Westermann liebt Amerika und tut alles, um nach einer zeitlich begrenzten Anstellung in den USA bleiben zu können. Zufällig begegnet er dem österreichischen Erdöl-Experten Karl Block, gründet mit ihm eine Firma zur Erkundung von Ölvorkommen, scheitert grandios und steht nach einem schweren Autounfall plötzlich wieder zurück in Deutschland mit einer Millionen-Klage da. Einzig Blocks Unterlagen können ihm den Hals retten. Also macht er sich wieder auf ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, um die Unterlagen aus dem vermeintlich sicheren Versteck zu holen – zur einer Zeit, als gerade das größte Ölfeld in Saudi Arabien versiegt ist und politische und wirtschaftliche Unruhen den Globus überziehen.

Andreas Eschbach beschreibt, wie das Leben nach dem Versiegen des Erdöls aussehen könnte, in der Abgeschiedenheit eines kleinen Dorfes, in den fast ausgestorbenen Großstädten und in der deutschen Provinz, in der Markus Westermanns Schwester einen kleinen Laden betreibt, der von den Veränderungen der Welt profitiert.

Fazit: Der Autor versteht es, den Leser in den Bann seiner Geschichten zu ziehen und ihn zum Weiterlesen geradezu zu zwingen. Man kann dieses Buch einfach nicht aus der Hand legen. Nur der letzten Seiten 50 Seiten hätte es nicht bedurft, die eine mögliche Zukunft nach dem Ende des Erdölzeitalters und der Anpassung der Menschheit an die neuen Bedingungen skizzieren. Diese Vision hätte Andreas Eschbach getrost der Fantasie seiner Leser überlassen können.

Bibliographische Angaben:
Andreas Eschbach: Ausgebrannt, 2007, Bastei Lübbe Taschenbuch, 752 Seiten, ISBN 978-3-404-15923-9

Kluge Story spannend umgesetzt

Kluge Story spannend umgesetzt
Kritik zum Polizeiruf 110 „Tod einer Journalistin“
ARD/rbb Polizeiruf 110 “Tod einer Journalistin”: Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) am Tatort. (Foto: rbb/Degeto/Oliver Feist)
Polizeihauptmeister Wolfgang Neumann (Fritz Roth, r.) hat neue Hinweise für Olga Lensk und Adam Raczek (Foto: rbb/Degeto/Oliver Feist)

Mit dem Polizeiruf 110 „Tod einer Journalistin“ ist den Drehbuchautoren Silja Clemens, Stephan Rick und Thorsten Wettcke zum Abschluss des Krimijahres 2019 noch einmal ein ganz großer Wurf gelungen. Obwohl die Kerngeschichte – Journalistin deckt Riesenskandal auf und wird ermordet, bevor sie ihn veröffentlichen kann – mehr als einmal verfilmt wurde, kam dieser Film mit einer ganz neuen Variante daher: Ein Mordopfer, zwei Täter, dazu eine ehemalige Umweltaktivistin, die dem Angebot eines Energiekonzers, 50 Millionen Euro Provision für die Baugenehmigung eines Atomkraftwerkes zu bekommen, einfach nicht widerstehen kann, die Seiten wechselt und bei der Durchsetzung ihrer eigenen Interessen jedes Maß verliert, erpresst, entführt und bedroht, wer immer ihr in die Quere kommt. Und dieser Polizeiruf hatte endlich einmal eine Kommissarin zu bieten, die die Schusswaffe nicht nur zur Zierde trägt, sondern sie auch einsetzt als es sein muss, gezielt und treffsicher. Das ist nicht unbedingt immer der Fall in Krimis deutscher Machart.

Dennoch wussten die Kommissare Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) auch in dieser Folge des deutsch-polnischen Polizeirufs aus Frankfurt an der Oder nicht unbedingt zu begeistern. Wieder wirkten die beiden eher gelangweilt und desinteressiert. Trotzdem war „Tod einer Journalistin“ eine ausgesprochen kluge Story, spannend umgesetzt mit großartigen Schauspielern wie Julika Jenkins als polnischer Richter und zugleich Geliebter des Mordopfers, Markus Gertken als brutaler Killer und Max Herbrechter als Vater der Ermordeten, selbst Journalist und den Ermittlern immer einen Schritt voraus. Davon möchte man mehr sehen! /sis

Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) verfolgt den Prozess um die Baugenehmigung des ersten polnischen Atomkraftwerks. (Foto: rbb/Degeto/Oliver Feist.

Alt, gebrechlich, kriminell

Alt, gebrechlich, kriminell
Kritik zum Tatort München „One Way Ticket”
Tatort “One Way Ticket”: Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) müssen gleich zwei Todesfälle aufklären, auf den ersten Blick Autounfälle, die sich aber beide als brutale Morde entpuppen. (Foto: BR/Roxy Film/Marco Nagel)

Altersarmut treibt seltsame Blüten, das war das Kernthema des neuesten Münchner Tatorts mit dem Titel „One Way Ticket“ mit den Hauptkommissaren Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) aus der Feder von Rupert Henning, der zugleich auch Regie führte. Wobei nicht unbedingt mehr die beiden Hauptkommissare den Ton im Münchner Kommissariat angeben. Kriminalkommissar Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) läuft den in Ehrfurcht ergrauten Kommissaren langsam, aber sicher den Rang ab, man hat fast den Eindruck, der junge Kommissar wird von den Tatort-Machern schon mal in Stellung gebracht. Leitmayr und Batic sind schließlich selbst der Rente nah. Umso komischer wirkte der Satz, den Batic beim Verhör der Senioren abließ: „Wir haben Zeit, Sie nicht!“ Das dürfte beim Publikum für Erheiterung gesorgt haben.

Ansonsten war aber nichts Erheiterndes an diesem Tatort, im Gegenteil, er war überfrachtet mit allfälligen Problemen von der bereits erwähnten Altersarmut über die Zustände in afrikanischen Gefängnissen, Drogen, Geldwäsche bis hin zu den immer wieder gerne hervorgeholten Stasi-Ablegern und deren rigide Methoden und das alles unter dem Deckmantel einer gemeinnützigen Organisation, einer sogenannten NGO (Non-Governmental Organisation). In der Tat alles drückende Probleme unserer Zeit, die aber in einen einzigen Krimi gequetscht einfach zu viel des Guten waren. Und so entpuppte sich die Geschichte, in der sich sechs vom Leben gebeutelte Rentner mit viel zu wenig Geld zum Leben als Drogen- und Geldkuriere missbrauchen ließen, auch als ein Wirrwarr von Erzählsträngen, die sich am Ende nicht richtig in einander fügen wollten. Da halfen auch die durchweg guten schauspielerischen Leistungen nicht, allen voran Siemen Rühaak als gescheiterter Kleinunternehmer und frisch verliebter Gockel, der sich von einer blutjungen Afrikanerin in den Sumpf des Verbrechens hatte entführen lassen mit katastrophalen Folgen für ihn selbst und seine Rentner-Freunde. Ein guter Ansatz also, der für sich alleine erzählt einen unterhaltsamen und spannenden Krimi hätte ergeben können, so aber im Wust der Einzelthemen schlicht unterging. Schade drum! /sis

Nicht der beste Tatort aus Münster!

Nicht der beste Tatort aus Münster!
Kritik zum Tatort Münster „Väterchen Frost“
ARD/WDR Tatort “Väterchen Frost”: Die Heldin dieser Tatort-Folge aus Münster war zweifelsohne Kommissarin Nadeshda Krustenstern (Friederike Kempter, links) hier mit der wie immer recht herrischen Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann, rechts). (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)
Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, links), Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, Mitte) und Silke Haller (ChrisTine Urspruch, rechts) hoffen auf dem Friedhof neue Erkenntnisse zu gewinnen. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Das war sicher nicht der beste Tatort aus Münster, obwohl auch diesmal das beste aller Autorenteams – nämlich Jan Hinter und Stephan Cantz – für das Drehbuch verantwortlich zeichnen. Woran lag es? Die Geschichte an sich war gut, keine Frage. Spannung fehlte aber ganz, auch wenn Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) in Hochform waren. Ursache für die Schwäche war wohl die Tatsache, dass Thiel und Boerne genauso wie Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann), Boernes Assistentin Silke Haller (ChrisTine Urspruch) und Herbert Thiel (Claus D. Clausnitzer) allesamt eher eine untergeordnete Nebenrolle spielten. Die wahre Heldin der Geschichte war Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter). Das ist an sich natürlich durchaus in Ordnung, doch genau hier begingen die Autoren den Fehler, die romantische Schwärmerei zwischen Nadeshda und ihrem Entführer Artjom Sascha (Alexander Gersak) viel zu früh beginnen zu lassen. Das nahm dem Fall die Dynamik, dem Zuschauer das Mitfiebern um die entführte Kommissarin und dann recht rasch auch noch den Spaß am Mitraten. Viel zu schnell waren die Hintergründe um den eigentlichen Killer Jörn Weig (großartiger David Bennent) und die Juwelierin Frau Lang (Heike Trinker) zu erahnen. Wenig überzeugend war dann auch noch der wegen Grippewelle unterbrochene Prozess, wobei die Grippewelle fortan in der gesamten Geschichte nicht mehr vorkam. So überschwänglich eingeführt, hätte man mehr aus diesem Umstand erwartet.

Wie immer beim Münsteraner Tatort waren einige Pointen gut gesetzt, das Zusammenspiel zwischen Thiel und Boerne wirkte perfekt, auch wenn von den sonst üblichen Kappeleien diesmal kaum etwas zu spüren war. Weihnachtsharmonie? Vielleicht! Aber gewiss nicht nötig! /sis

Auf zum Weihnachtsmarkt: Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann, Mitte) überredet Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, links) und Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, rechts) noch zu einem Glas Glühwein – oder besser: Sie befiehlt es ihnen. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Ohne Spannung, aber dennoch unterhaltsam

Ohne Spannung, aber dennoch unterhaltsam
Kritik zum Tatort Kiel „Borowski und das Haus am Meer“
ARD/NDR Tatort “Borowski und das Haus am Meer”: Fall gelöst: Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) (Foto: NDR/Sandra Hoever)
Kinderpsychologin Karen Matthiesen (Ute Hannig) befragt Simon (Anton Peltier, mit Axel Milberg) (Foto: NDR/Sandra Hoever)

In und um Kiel haben allerlei gestörte Mitbürger Unterschlupf gefunden. Das jedenfalls könnte man meinen, schaut man sich die Kieler Tatorte mit Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) an. Immer wieder bekommt er es mit Psychopathen der unterschiedlichsten Art zu tun, so auch in seinem neuesten Fall „Borowski und das Haus am Meer“. Jeder der Beteiligten hatte sein Päckchen Wahnsinn zu tragen: Großvater und Mordopfer Heinrich (Reiner Schöne) leidet an Alzheimer, ist aggressiv und möchte mit seinem Sohn Johann (Martin Lindow) und dessen Frau Nadja (Tatiana Nekrasov) nichts zu tun haben. Johann ist Pastor, als solcher aber recht eigensinnig in seiner Interpretation von Nächstenliebe, seine Frau Nadja erträgt geduldig seine Macken. Einzig Enkel Simon (Anton Peltier) hat einen Draht zu Opa Heinrich. Er bekommt mit, wie sich Johann und Heinrich streiten und der Großvater schließlich in einem Bachbett landet und nicht mehr aufsteht. Simon läuft weg, direkt vor das Auto von Borowski und dessen Assistentin Mila Sahin (Almila Bagriacik), erzählt von einem Hund, der den Großvater angegriffen und einem Indianer, der ihn beschützt hat. Am nächsten Morgen wird Großvater Heinrich tot an der Seite eines Hundeskeletts oberflächlich am Strand vergraben aufgefunden. Zu den Verdächtigen zählen außer Johann und seiner Familie auch die ehemalige dänische Lebensgefährtin von Heinrich, deren Tochter und ein von Heinrich und seinen rigiden Erziehungsmethoden misshandelter und seither stummer und behinderter Indianer.

Drehbuchautor und Regisseur Niki Stein hat den an sich guten Kriminalfall überfrachtet mit all den kranken Ansichten seiner Figuren, die von massiv übertriebener, religiös verwurzelter Vergebung bis hin zu fanatischer Ablehnung aller Nazinachkommen reichten. Mittendrin ein traumatisiertes Kind, Borowski mit seinen zum Teil recht eigenwilligen Verhörmethoden und schließlich eine Assistentin, die über den Status einer ungeordneten Hilfsarbeiterin nicht hinauskam. Spannung kam bei so vielen menschlichen Abgründen natürlich keine auf, kurzweilig war der Tatort aber dennoch, nicht zuletzt wegen des wie immer großartigen Axel Milberg. Bleibt nur noch anzumerken, dass Almila Bagriacik ihre Vorgängerin Sibel Kekilli auch in dieser Folge noch nicht vergessen machen konnte. Aber was nicht ist, kann ja noch werden! /sis

Mila Sahin (Almila Bagriacik), Borowski (Axel Milberg) mit Pastor Flemming (Martin Lindow) (Foto: NDR/Sandra Hoever)

Spannender Krimi mit überraschenden Wendungen

Spannender Krimi mit überraschenden Wendungen
Rezension Charlotte Link “Die Suche”

Zugegeben, es dauert eine Weile, bis man sich in den Kriminalroman „Die Suche“ von Bestseller-Autorin Charlotte Link eingelesen hat. Das liegt an der durchweg düsteren Stimmung, dem nicht enden wollenden Wehklagen der Protagonisten und der dazu durchaus passenden Novembertristesse. Wenn man sich aber darauf einlässt, entwickelt sich „Die Suche“ zu einem spannenden Krimi mit überraschenden Wendungen.

Wieder spielt die Geschichte im Norden Englands, in Scarborough an der rauen Nordseeküste. Im Mittelpunkt steht Detective Sergeant Kate Linville, 42 Jahre alt und mit ihrem Leben extrem unzufrieden. Sie sucht verzweifelt nach dem Mann fürs Leben, hält sich selbst aber für völlig unattraktiv und einfach nicht interessant genug, um einen Mann nachhaltig zu beeindrucken. Wie bei Selbstprophezeiungen geradezu zwingend wird ihr das im Verlauf der Geschichte auch tatsächlich zum Verhängnis. Sie hält sich gerade in Scarborough auf, um das von Mietnomaden völlig verwüstete Haus ihrer verstorbenen Eltern zu renovieren und dann endlich zu verkaufen. Weil sie in ihrem Haus nicht übernachten kann, mietet sie sich in der Pension der Goldsbys ein, just zu der Zeit, als deren 14-jährige Tochter Amelie verschwindet. Das ruft Detective Chief Inspector Caleb Hale auf den Plan, denn am selben Tag wird die Leiche der seit einem Jahr vermissten Saskia Morris gefunden, zum Zeitpunkt ihres Verschwindens ebenfalls 14 Jahre alt. Kate kennt DCI Hale von den gemeinsamen Ermittlungen im Zuge des Mordes an ihrem Vater. Als Amelies völlig verzweifelte Mutter Kate um Hilfe bittet, will sie sich zwar nicht in Hales Arbeit einmischen, kann aber nicht umhin, ein wenig zu recherchieren. Dabei stößt sie auf einen weiteren Vermisstenfall, Hannah Caswell, die vor einigen Jahren im gleichen Alter verschwunden ist. Hängen die Fälle zusammen? Gibt es den Hochmoor-Killer, von dem die Presse rasch spricht?

Charlotte Link ist mit „Die Suche“ ein spannender Krimi gelungen, den man – wenn man sich erst einmal auf die Geschichte eingelassen hat – nicht mehr aus der Hand legen mag! /sis

Biographie
Charlotte Link „Die Suche“
Taschenbuch Blanvalet Verlag, 2018, 656 Seiten
ISBN 978-3-7341-0742-9

Einfach unerträglich das Ganze!

Einfach unerträglich das Ganze!
Kritik zum Polizeiruf 110 „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“
Polizeiruf 110 “Die Lüge, die wir Zukunft nennen”: Ob es ein Kindergeburtstag oder doch eine wilde Faschingsparty war, mit der der Polizeiruf aus München in den zweiten Fall startete, war für den Zuschauer nicht auszumachen. Der Trupp im Morgengrauen vorm Zabriskie (von links): Chouaki (Berivan Kaya), Teddy (Niklas Kearney), Elisabeth (Verena Altenberger) und Maurer (Andreas Bittl). (Foto: BR/maze pictures GmbH/Hendrik Heiden)

Langsam fragt man sich schon, ob die ARD mit den neueren Tatort-Folgen und insbesondere auch mit dem Polizeiruf 110 die Schmerzgrenze der Zuschauer ausloten möchte. Das jedenfalls ist die einzige Erklärung, warum man das Publikum mit experimentellen Filmen der Marke „besonders wertvoll“ nur eben nicht für die Zuschauer ein ums andere Mal verprellt. Der zweite Fall der neuen Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) des Polizeirufs München jedenfalls war einfach nur zum Abgewöhnen. Bruchstückhafte, in keiner Phase nachvollziehbare Handlung auf unterschiedlichen, aber nicht klar abgegrenzten Zeitebenen, die von Musik und Nebengeräuschen größtenteils überlagerten Dialoge, die ein Verstehen weitgehend unmöglich machten und dazu äußerst verstörende Bilder mit Kindern lassen den Zuschauer völlig ratlos zurück. Dazu kamen wieder eine ungezügelte Brutalität, die man unter den Mitgliedern einer Polizeiwache keinesfalls vermuten würde und Figuren, deren Verhalten einzig von Gier und Willkür geprägt war. Überhaupt waren die handelnden Personen alles Ordnungshüter, die aber von Recht und Gesetz nicht das Geringste hielten, ausschließlich eigene Interessen durchzusetzen bemüht waren, sich gnadenlos bereicherten und schließlich bis aufs Blut bekämpften. Einfach unerträglich das Ganze.

Regisseur Dominik Graf ist bekannt für seine anspruchsvollen Filme und Drehbuchautor Günter Schütter hat schon so manche Polizeiruf-Geschichte geschrieben. Auch an der Qualität der Schauspieler, allen voran Verena Altenberger und Wolf Danny Homann, kann es ebenfalls nicht gelegen haben. Was also ist der Grund für ein derart schlechtes Ergebnis? Wissen deutsche Filmemacher nicht mehr, wie man gute Krimis macht? Schielen sie vielleicht einfach zu sehr auf die Meinungen von Jurymitgliedern, die den ein oder anderen renommierten Preis zu vergeben haben? Zählt der Zuschauer nicht mehr? Dem Publikum muss der Film gefallen, nicht der Kritik! Das und nur das sollte bei der Produktion ausschlaggebend sein! /sis

Exoribtanter Umfang macht das Lesen wahrhaft schwer

Exoribtanter Umfang macht das Lesen wahrhaft schwer
Rezension Frank Schätzing „Limit“

Fesselnd ist er schon, der 1394 Seiten starke Wälzer „Limit“ aus der Feder von Frank Schätzing. Aber eben im wahrsten Wortsinn auch schwergewichtig, wie die hohe Seitenzahl schon vermuten lässt, da hilft auch das hauchdünne Papier nicht viel, auf dem das Taschenbuch gedruckt wurde. Und so ist das Buch in erster Linie unhandlich und – wohl auch dem exorbitanten Umfang geschuldet – streckenweise sehr langatmig. Zu sehr geht Schätzing ins Detail bei der Beschreibung seiner Figuren, der Spielorte und der dazugehörigen Hintergrundgeschichten, die bis hin zu den politischen Umbrüchen in afrikanischen Kleinstaaten reichen. Die Kerngeschichte hätte sich sicher gut auf der Hälfte der Seitenzahl dann ungebrochen packend erzählen lassen. Und so quält man sich unter anderem durch die ausführlichen Autobiographien eines Dutzend äußerst finanzstarker Prominenter mit obendrein nicht gerade einfach zu merkenden Namen, die im Jahre 2024 ein spektakuläres Orley-Hotel auf dem Mond besuchen und so dazu bewegt werden sollen, dem Firmengestrüpp von Orley Enterprises unter der Leitung von Julian Orley und seiner Tochter Lynn zu einer weiteren Expansion zu verhelfen. Orley baut auf dem Mond Helium 3 ab, das künftig die umweltverträgliche Energieversorgung der Erde übernehmen soll. Und genau da liegt der Ausgangspunkt der Geschichte, denn die Erdölgesellschaften wollen sich ihr Geschäft, auch wenn es nur noch wenige Jahre bestehen wird, nicht kaputt machen lassen. Skrupellose, mit allen Wassern gewaschene und mit allen erdenklichen technischen Hilfsmitteln ausgestattete Gangster stehlen Atombomben, schaffen sie auf den Mond und wollen so Orley und seinen futuristischen Fahrstuhl ins Weltall zerstören. Auf die Schliche kommt ihnen aber ein in Shanghai lebender amerikanischer Cyberermittler namens Owen Jericho, der eigentlich nur die chinesische Dissidentin Yoyo im Auftrag ihres Vaters finden soll. Sie hat durch Zufall verschlüsselte Hinweise auf die bevorstehende Katastrophe für Julian Orley und seine Gäste auf dem Mond entdeckt. Für Yoyo, Jericho und Tu Tiang, einem Freund der Familie, beginnt eine wahrhaft mörderische Spurensuche rund um den Globus.

Die außergewöhnliche Geschichte verliert durch die teils langatmigen Ausführungen sehr an Anziehungskraft und auch das Gewicht des Buches zwingt den Leser immer wieder zu Pausen. „Limit“ ist ein echter Fall für einen E-Reader und wenn man die für den normalen Leser doch eher uninteressanten Stellen einfach großzügig überfliegt, lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall. /sis

Bibliographie
Frank Schätzing: Limit, Fischer Taschenbuchverlag, 4. Auflage 2018, 1394 Seiten
ISBN 978-3-596-18488-0

Eines guten Krimis durchaus würdig

Eines guten Krimis durchaus würdig
Kritik zum Tatort „Querschläger“
ARD/NDR Tatort “Querschläger”: Nehmen Spediteur Aksoy (Eray Egilmez, ganz links) unter die Lupe: Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz). Im Hintergrund: Aksoys Bruder Efe (Deniz Arora) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Das hat man schon oft gesehen – ein Kind ist todkrank, helfen kann nur ganz viel Geld und das versuchen die Eltern zu bekommen, egal wie und egal was es kostet. Dieses sicher bedrückende Szenario war auch Kern des neuen Tatorts mit den Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) mit dem Titel „Querschläger“. Natürlich war die Geschichte mit dem großartigen Milan Pöschel in der Rolle des amoklaufenden Vaters Steffen Thewes sehr leicht durchschaubar und bot vor daher kaum Überraschendes. Interessant waren aber dennoch die vorgestellten Gegensätze: Der eine Vater tut alles, um an Geld zu kommen, das seine kranke Tochter retten soll, der anderer hingegen ist skrupellos bereit, seine gesamte Familie zu opfern, um das – natürlich unrechtmäßig erworbene – Geld nicht hergeben zu müssen. Die so erzeugte Spannung zwischen dem Zollbeamten Thewes und dem zwielichtigen Spediteur Cem Aksoy (Eray Egilmez) war eines Krimis durchaus würdig, auch wenn die Geschichte aus der Feder von Oke Stielow einige Längen und Logikbrüche aufwies. Das Ermittlerduo indes war durchaus entbehrlich und das Ende fiel dann doch recht unglaubwürdig aus: Der bis dahin stur an seinem Geld festhaltende Cem Aksoy gibt es freiwillig, um Sara Thewes (Charlotte Lorenzen) doch noch zu retten!

Abgesehen von der Krimistory warf die Geschichte wieder einmal die dringende Frage auf, wieso Krankenkassen lebensrettende Operationen für Kinder und Jugendliche nicht bezahlen, warum eben diese Operationen immer nur in den USA vorgenommen werde können und warum sie so unsagbar viel Geld kosten müssen. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sich zudem rasch lösen ließe, wenn denn der politische Wille dazu vorhanden wäre. /sis

Philosophiestunde für Moritz Eisner

Philosophiestunde für Moritz Eisner
Kritik zum Tatort Wien „Baum fällt“
ARD/ORF Tatort “Baum fällt”: Ein Mordfall ohne Leiche – für Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) hat ihr Beruf immer noch Überraschungen parat. In der Bergwelt Kärntens muss das Wiener Tatortduo den Tod eines unbeliebten Holzbarons aufklären, der im eigenen Heizkessel verbrannt ist. (Foto: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga Rader)
In dem Brennofen wurde die Leiche offenbar verbrannt. Übrig gelieben ist nur ein künstliches Schultergelenk. (Foto: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga Rader)

Unterhaltsam war er, der neue Tatort „Baum fällt“ mit den Wiener Ermittlern Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Ein klassischer Kriminalfall, zwar ohne Leiche, aber mit einem Ermordeten, unzähligen Verdächtigen und einem alten Freund Eisners – Alois Feining, gespielt von Karl Fischer, einem sehr bekannten Krimigesicht. Als Sergente Vianello spielt Fischer seit vielen Jahren in den Donna Leon-Verfilmungen an der Seite von Commissario Brunetti in Venedig. Es ist immer schwierig, wenn ein so bekanntes Gesicht plötzlich in einem anderen Film auftaucht, aber Karl Fischer ist ein großartiger Schauspieler, der sehr schnell und überzeugend einen völlig anderen Charakter verkörpern kann. Das war es aber auch schon mit den Großartigkeiten dieses Tatorts. Geschichte und Charaktere waren eher durchschnittlich, zwar krimitauglich aber mit wenig Spannung erzählt. Abgesehen von der Philosophiestunde, die Moritz Eisner über sich ergehen lassen musste, hatte dieser Tatort nicht viel Überraschendes zu bieten, außer fantastischen Aufnahmen der Kärntner Bergwelt. Die Ermittlungen gestalteten sich eher zäh, Bibi Fellner spielte leider nur eine untergeordnete Rolle, was der sonst üblichen Spannung zwischen den beiden Ermittlern und der sich daraus ergebenden Komik doch recht abträglich war. Das Augenmerk lag auf dem Erinnerungsaustausch zwischen Eisner und Feining untermalt mit fetzigen Stones-Hits. Nicht schlecht, aber eben auch nicht umwerfend. Wie schon recht früh zu erahnen, nahm Polizeichef Feining eine weitaus bedeutendere Rolle im Geschehen um den Mord an dem Sägewerkinhaber Hubert Tribusser (Christoph von Friedl) ein, ein Mord, der eigentlich gar keiner war, sondern sich am Ende als Notwehr entpuppte. Warum der Polizeichef aus dieser eindeutigen Situation durch Vertuschen ein Verbrechen konstruierte, bleibt das Geheimnis der Drehbuchautorin Agnes Pluch. /sis

V. li. n. re.: Bibi (Adele Neuhauser), der Werksleiter (Vitus Wieser), Friedl Jantscher (Michael Glantschnig), Harald Krassnitzer (Moritz Eisner). (Foto: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga Rader)

Am Ende bleibt ein großes Fragezeichen

Am Ende bleibt ein großes Fragezeichen
Kritik zum Tatort Ludwigshafen „Die Pfalz von oben“
ARD/SWR Tatort “Die Pfalz von oben”: Reminiszenz an 1991: Ben Becker als Stefan Tries, Polizist in Zarten in der Westpfalz, Ulrike Folkerts als Lena Odenthal, Hauptkommissarin aus Ludwigshafen, die in ihrem 70. Fall im Einsatz ist und 30 Jahre Tatort feiert. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)
1991: In ihrem dritten Fall „Tatort – Der Tod im Häcksler“ arbeitet Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) in Zarten in der Westpfalz mit dem jungen Ortspolizisten Stefan Tries (Ben Becker) zusammen. (Foto: SWR/Johannes Hollmann)

Lena Odenthals (Ulrike Folkerts) 30-jähriges Dienstjubiläum feierte die Tatort-Fangemeinde mit einem mehr oder minder gelungenen Rückblick auf die kurze Affäre der damals noch blutjungen Kommissarin mit dem Dorfpolizisten Stefan Tries (Ben Becker). Und genau das Wiederaufleben der vor 28 Jahren vielleicht noch prickelnden Liebesbeziehung zog den Tatort mit dem Titel „Die Pfalz von oben“ eher ins Lächerliche, von Spannung oder gar Funkensprühen zwischen Odenthal und Tries war nichts zu spüren. Einen ordinären Kiffer mag ein Ben Becker authentisch spielen, eine Ulrike Folkerts kann das nicht und einer sonst eher weichen, mehr dem weiblichen Geschlecht zugetanen Lena Odenthal steht das schon gar nicht.

Aber letztlich ging es in Jubiläums-Fall nicht um die einstige Liebelei von Odenthal und Tries, sondern um ein durch und durch korruptes Polizeirevier im fiktiven Dörfchen Zarten in der Westpfalz, in dem nachts noch immer die Bürgersteige hochgeklappt werden und auch sonst die Zeit stehen geblieben scheint – sieht man von der Alpaka-Herde ab, die da plötzlich durchs Bild wackelte. Wie nicht anders zu erwarten, wollte der jüngste und engagierteste Polizist der Polizeistation Zarten das sehr lukrative Spiel seiner durchweg übertrieben protzig dargestellten Kollegen nicht mehr mitmachen – und wurde erschossen. Ausgerechnet von der Nummer zwei der Wache, der sich anschickte, Revierleiter Tries vom Chefsessel zu schubsen und gleich auch als Oberhaupt der kriminellen Vereinigung abzulösen. Für die Ermittlungen hatte Lena Odenthal diesmal ein Heer von Hilfskräften, die der großen Zahl wegen in einer Kegelhalle untergebracht werden mussten und das Geschehen dennoch nicht voranbrachten. Ein durchweg schlecht gelaunter und nur widerwillig eingebundener interner Ermittler sorgte für zusätzlichen Ärger und Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) überzeugte auch nicht gerade durch Übereifer. Und so plätscherte die Geschichte vor sich hin, ohne Dynamik, ohne Überraschungen. Am Ende gab es den obligaten Showdown, in dem sich Tries und sein Stellvertreter Ludger Trump (Thomas Loibl) gegenseitig beschuldigten und schließlich liquidierten. Die Kommissarinnen standen nach all den Mühen mit leeren Händen da.

Einen Bezug zum Titel „Die Pfalz von oben“ bot der Film nicht wirklich, nur einmal warf Stefan Tries einen Blick von oben auf sein Dorf und beschwerte sich darüber, dass er dies in den zurückliegenden 28 Jahren nicht öfter getan hatte. Nun ja, da kann man ihm auch nicht helfen. Was am Ende von diesem Tatort bleibt, ist ein großes Fragezeichen – da hatte man sich doch mehr erhofft vom Jubiläum der dienstältesten Tatort-Kommissarin. /sis

Ulrike Folkerts und Johanna Stern beim Dreh. (Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

 

Sämtliche Probleme der Gegenwart in einem Tatort

Sämtliche Probleme der Gegenwart in einem Tatort
Kritik zum Tatort Berlin „Das Leben nach dem Tod“
ARD/rbb Tatort “Das Leben nach dem Tod”: Robert Karow hat wochenlang neben einer Leiche gelebt und nichts bemerkt. Obwohl er nie Kontakt zu dem Mann hatte, betritt Karow spontan die Nachbarwohnung und erklärt sie zum Tatort. Über eine Einbruchserie von jungen Mädchen geraten Karow und Rubin an eines ihrer Opfer, den ehemaligen Richter a.D. Gerd Böhnke (Otto Mellies), der in der DDR die Todesstrafe verhängte. Gibt es von ihm zu dem Mord eine Verbindung? – Im Supermarkt hat sich Richter Gerd Böhnke verschanzt, wird Nina Rubin (Meret Becker) ihren Kollegen Karow (Mark Waschke) überzeugen dort hineinzugehen? (Foto: rbb/Marcus Glahn)
Staatsanwältin Jennifer Wieland (Lisa Hrdina) folgt Hauptkommissarin Nina Rubin (Meret Becker) zu einer Leichenschau. (Foto: rbb/Marcus Glahn)

Mit zwei Worten lässt sich der Tatort aus Berlin mit dem Titel „Das Leben nach dem Tod“ mit den Kommissaren Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) wohl am besten beschreiben: ekelhaft düster! Kein Sonnenstrahl erleuchtete diesen mit tausenden Fliegen und Maden beginnenden Krimi, der sich wieder einmal als wenig spannendes Psychodrama mit gehörigen Längen entpuppte. Zu viel Psycho, zu viel Drama, die Drehbuchautorin Sarah Schnier aus sämtlichen Alltags-Problemen der Gegenwart rekrutierte. Von Wohnungsnot über Vermieterwahnsinn reichte die Palette, von brutalen Jugendgangs und dem Wankelmut der Justiz bei ihrer Bestrafung, bis hin zur aktuellen Vereinsamung alter Menschen, die immer öfter wochenlang tot in ihrer Wohnung liegen und, nicht zu vergessen, die immer wieder gerne als Begründung für sämtliche Gräueltaten dieser Welt angeführte Biografie mit der besonderes schweren Kindheit. Alles wichtige Themen, keine Frage, jedes eine eigene Geschichte wert, aber viel zu viele, um sie alle in einen Tatort zu packen. Obendrein gab es noch eine gehörige Portion Geschichte aus den Bereichen Religion und DDR. Das Hauptthema, auf das sich auch der ungewöhnliche Titel bezieht, ging in diesem Wust naturgemäß nur grob angeschnittener Problemfelder völlig unter. Der Kern der Geschichte lag in einem nichtvollstreckten Todesurteil eines über 80-jährigen DDR-Richters (großartig gespielt von Otto Mellies) für einen Dreifachmörder. Der Täter nämlich lebte – nach einer Amnestie im Zuge der Wende – tatsächlich weiter, anonym und für Jahrzehnte unerkannt in einer Berliner Hochhaussiedlung – Tür an Tür mit Kommissar Karow.

Etwas unglaubwürdig war es schon, dass ein Hauptkommissar der Berliner Polizei in einem solchen Umfeld unmenschlicher Wohnmaschinen leben soll. Ebenfalls wenig glaubwürdig wurde dem Zuschauer eine blutjunge Staatsanwältin (Lisa Hrdina) auf der Durchreise vorgeführt, eine noch sehr mädchenhafte Frau, die wohl kaum bereits beide juristische Staatsexamen absolviert haben konnte, eine glatte Fehlbesetzung. Karow wiederum zeigte sich diesmal weniger impulsiv, dafür aber recht oberlehrerhaft mit leichtem Hang zur Theatralik, während seine Kollegin Rubin schon Ausschau nach neuen Ufern hielt, bekanntlich verlässt Meret Becker den Tatort. Und in diesem Zusammenhang bekam der Zuschauer zu guter Letzt auch noch ein bisschen Nachhilfe in Sachen Integration! Bildungsauftrag erfüllt, oberflächlich zwar, dafür aber allumfassend und äußerst gebührensparend in nur einem einzigen Tatort. Kann man mögen, muss man aber nicht! /sis  

Nina Rubin (Meret Becker) überrascht Karow (Mark Waschke) in einem Moment der Einsamkeit und Trauer. (Foto: rbb/Marcus Glahn)

 

Ein guter Krimi kommt auch ohne Gewalt aus

Ein guter Krimi kommt auch ohne Gewalt aus
Kritik zum Tatort Münster „Lakritz“
ARD/WDR Tatort “Lakritz”: Riecht verdächtig? Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, l) und Frank Thiel (Axel Prahl, r) untersuchen eine Dose Lakritz im Haus des Opfers. (Foto: WDR/Willi Weber)
Silke Haller (ChrisTine Urspruch, l) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, r) sind sich einig: Das Todesopfer, Marktmeister Wagner riecht nach tödlicher Blausäure. (Foto: WDR/Willi Weber)

Das war endlich wieder ein Tatort, wie ihn sich Krimifreunde wünschen. Münster mit dem unvergleichlichen Ermittlerduo Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Gerichtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ist in der Tatort-Reihe immer ein Garant für Erfolg und so enttäuschte auch die neueste Folge mit dem Titel „Lakritz“ nicht. Vielmehr verwob Drehbuchautor Thorsten Wettcke lehrbuchmäßig anfangs scheinbar zusammenhanglose Erzählstränge am Ende zu einer dichten, gut nachvollziehbaren Geschichte, die nur zwei Fragen offen ließ: Wie kam der Täter an das tödlich Gift und wie konnte er die Lakritze des Konkurrenten in der Wohnung des Opfers mit dem Gift präparieren? Das war die einzige Schwäche dieses Tatorts, der wie immer aus Münster mit sehr viel niveauvollem Humor daherkam. Es ging nur um die Geschichte, die keinerlei Spezialeffekte benötigte, keine Gewalt, keine Schießereien, ja sogar die sonst obligate Verfolgungsjagd konnte entfallen. Einfach großartig. Es gab zwar nicht viel Spannung, dafür aber konnte der Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute mitraten, wer denn nun den Marktmeister Wagner getötet hatte, wobei noch lobend zu erwähnen wäre, dass der wahre Täter bereits früh in die Geschichte eingeführt und bis zum Schluss geschickt getarnt wurde. Das ist Krimi, wie man ihn öfter sehen möchte. Auch ein paar Überraschungen hatte die Geschichte, die Teile aus Professor Boernes Jugend in Rückblenden erzählte, zu bieten. So kam Thiel plötzlich als Gesundheitsapostel daher, verbat sich sämtliche Schlemmereien und entwickelte sogar sportliche Ambitionen. Thiel war joggen – ob die Erdbebenwarte da wohl leichte bis mittelschwere Erschütterungen registriert hat? Natürlich hielt die Phase nicht lange an, am Ende des Films schwenkte Thiel wieder genüßlich eine Wurst und Boerne kam mit einer Flasche edlen Rotweins daher. Neu aber waren die teils innigen Freundschaftsbekundungen der sonst eher von einander genervten Paarung. Eine weitere Überraschung war Boernes plötzlicher Anfall von heftiger Zuneigung für seine „kleine“ Assistentin Alberich alias Silke Haller (ChrisTine Ursprung) und Staatsanwältin Klemms (Mechthild Großmanns) nicht ganz legales Verlangen, kompromittierendes Material namhafter Münsteraner Bürger in ihrem privaten Archiv aufzubewahren. Ausgerechnet die sonst so untadelige Staatsanwältin. Eine weitere angenehme Überraschung war die Rückkehr von Thiels Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), die in der letzten Folge aus Münster schmerzlich vermisst worden war. Und zuguter letzt überraschte auch Thiels “Vaddern” Herbert (Claus D. Clausnitzer) in dieser Geschichte mit seiner persönlichen Weiterentwicklung vom gewöhnlichen “Kiffer” zum selbsternannten “Schamanen”. Köstlich!

Das Team aus Münster hat auch mit der neuesten Folge bewiesen, dass der Tatort gar keine filmischen Experimente braucht, dass Krimi und Humor durchaus zusammenpassen, solange die Komik in pointierte Dialoge eingebettet ist und nicht nur groben Klamauk referiert. Und dieser Tator unter der Regie von Randa Chahoud hat eindrucksvoll bewiesen, dass ein guter Krimi auch ganz ohne Gewalt auskommen kann. Weiter so! /sis

Stöbern im Keller nach Spuren aus Boernes Kinderheit: Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) und Frank Thiel (Axel Prahl) wühlen sich durch alte Kisten. (Foto: WDR/Willi Weber)

Aggressiver Flückiger wirkt fehl am Platz

Aggressiver Flückiger wirkt fehl am Platz
Kritik zum Tatort Luzern „Der Elefant im Raum“
ARD Degeto Tatort “Der Elefant im Raum”: Kein Ausweg für Reto Flückiger (Stefan Gubser)? (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)
Liz Ritschard (Delia Mayer) und das SEK im Einsatz. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

So ganz verständlich war er nicht, der letzte Tatort aus Luzern mit Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer). Was denn nun der „Elefant im Raum“ gewesen sein soll, wurde ebenso wenig klar, wie Flückigers plötzliche Aggressivität, von der in den bisherigen Tatorten aus Luzern nichts zu bemerken war. Im Gegenteil, Reto Flückiger zeigte sich bislang immer als ein eher ruhiger besonnener Kommissar. In seinem letzten Fall aber schlug er von Anfang an und nicht immer nachvollziehbar wild um sich, am liebsten auf den Pseudojournalisten Frédéric Roux (Fabian Krüger), der recht klischeehaft die Zunft der Schreiberlinge als wahre Schmeißfliegen repräsentierte. Schemenhaft ging es weiter, die üblen Verquickungen von Rüstungsindustrie und Politik kamen zur Sprache, die mögliche Beteiligung höchster Polizeikreise, die begründete Angst der kleinen Leute abgehängt zu werden und die bittere Erkenntnis, sowie nie eine Chance auf Aufstieg gehabt zu haben. Schlicht und einfach zu viel für 90 Minuten Film und so erlebte der Zuschauer eine nur grobe Skizzierung der angesprochenen Themen, die wenig bis gar nicht zu überzeugen wusste. Liz Ritschard ging diesmal recht verschnupft gleich ihre eigenen Wege in weiser Voraussicht auf das absehbare Finale, nämlich Flückigers Abgang in Verbindung mit ihrer Beförderung.

Abgesehen von ein paar schönen Bildern vom Vierwaldstättersee hatte dieser Tatort nichts zu bieten. Die Geschichte von Felix Benesch und Mats Frey plätscherte vor sich hin, ließ jedwede Höhe- und Tiefpunkte vermissen und wusste die Zuschauer in keiner Phase wirklich mitzureißen. Selbst Flückigers heldenhafter Einsatz zum Schluss mit der gewaltigen Explosion konnte den doch eher langweiligen Tatort nicht mehr retten. Und wie schon so oft litt auch der letzte Tatort aus Luzern wieder an einer erschreckend schlechten Synchronisierung. /sis

Reto Flückiger (Stefan Gubser, re.) unter steter Beobachtung von Frédéric Roux (Fabian Krüger), einem aggressiven News-Portal-Betreibers. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Typisch “Murot” – alles, nur kein “Tatort”

Typisch “Murot” – alles, nur kein “Tatort”
Kritik zum Tatort „Angriff auf Wache 08“
ARD/HR Tatort “Angriff auf Wache 08”: (v.l.n.r.) Walter Brenner (Peter Kurth) und Felix Murot (Ulrich Tukur) sind alte Freunde. Bei ihrem Treffen in der “Wache 08” tauchen die Justizvollzugsbeamten Frank (Andreas Schröders) und Jörg (Jörn Hentschel) auf, die durch eine Panne ihres Gefangenentransporters zufällig in der Wache gestrandet sind. (Foto: HR/Bettina Müller)
Kurz nachdem Felix Murot (Ulrich Tukur) bei seinem Freund angekommen ist, bricht die Hölle los. (Foto: HR/Bettina Müller)

Ein Tatort mit dem eigentlich großartigen Ulrich Tukur in der Rolle des LKA-Hauptkommissars Felix Murot ist in der Regel alles, nur kein Tatort. Das weiß man inzwischen. Auch bekannt ist, dass gerne mal groß geballert wird mit und um Murot und, dass die Geschichten reine Fantasy-Erzählungen sind, die weder mit der Realität noch mit Logik etwas zu tun haben. Unter diesen Voraussetzungen kann man die Murot-Tatorte mögen oder aber auch nicht. Genauso verhält es sich auch mit der neuesten Murot-Geschichte mit dem Titel “Angriff auf Wache 08” aus der Feder von Clemens Meyer und Thomas Stuber, nur dass diesmal mehr als üblich übertrieben wurde, in jeder Hinsicht. Der ganze Film bestand aus eine einzigen Ballerei, ohne jeden Sinn und Verstand. Vier Familienmitglieder eines scheinbar kriminellen Clans begeben sich anfänglich auf einen Rachefeldzug, doch im Verlaufe der Geschichte werden es immer mehr bis an die Zähne bewaffnete Angreifer, deren Herkunft am Ende genauso fraglich bleibt, wie die Tatsache, dass ein Gefangenentransport mit Schwerstkriminellen von niemandem vermisst wurde und warum eigentlich der Eisverkäufer sterben musste. Was hatte das alles mit der Sonnenfinsternis zu tun und wieso hatten es die Angreifer auf eine Wache abgesehen, die nur noch als Museum diente? Überhaupt gab es viel zu viele Tote, aber keinen Mord, es gab endlose Schießereien aber keinen greifbaren Täter mit einem verständlichen Motiv. Selbst Murots Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) war in dieser Folge nur Beiwerk, sie marschierte erst kurz vor Schluss mitten im Showdown ganz alleine in die unter schwerem Beschuss liegende Wache 08, die wenig später nach einer gigantischen Explosion in einem Flammenmeer versank, während Wächter wie von Geisterhand unversehrt neben Murot und den letzten Überlebenden – Verkehrspolizistin Cynthia Roth (Christina Große), Serienmörder Kermann (Thomas Schmauser) und die Tochter des wohl auch eher zufällig erschossenen Arztes, Jenny Sibelius (Paula Hartmann) – auf der grünen Wiese weit weg vom Ort des Geschehens wieder auftauchte.

Wie gesagt, alles nicht verständlich, die gesamte Story eigentlich nicht viel mehr als eine Aneinanderreihung von längst bekannten Filmszenen, eine wilde Mischung aus „Stirb langsam“, „MacGyver“ und einer gehörigen Portion Wilder Westen. Nicht unbedingt schlecht, aber eben kein Tatort und schon gar kein Krimi. Warum solche Filme im Rahmen der Tatort-Reihe laufen müssen, bleibt das Geheimnis der Macher. Wird hier der Klasseschauspieler Ulrich Tukur als Zugpferd missbraucht? Für Freunde ungezügelter Ballerei in Verbindung mit lockeren Sprüchen aus der Mottenkiste klassischer amerikanischer Thriller und Western mag der Film unterhaltsam gewesen sein, für Liebhaber klug konstruierter Kriminalfälle mit einer Prise gern morbiden Humors und ebenso cleveren wie sympathischen Kommissaren war es einfach nur wieder Zeitverschwendung. Und noch ein Gedanken bleibt nach diesem an Brutalität kaum zu überbietenden Tatort: Die gerade in den letzten Wochen vielbeschworene Radikalisierung vieler junger Menschen kann offenbar nicht nur an Ballerspielen festgemacht werden. Auch Filme wie dieser, die die kranke Lust am Schießen und Töten so hemmungslos zelebrieren, tragen ihren Teil dazu bei. Und das auch noch finanziert durch die Gebühren der Fernsehzuschauer. Übel, ganz übel! /sis

Felix Murot (Ulrich Tukur, li.) holt Jenny Sibelius (Paula Hartmann) weg vom Serienkiller Kermann (Thomas Schmauser). (Foto: HR/Bettina Müller)

Endlich wieder ein gelungener Krimiabend

Endlich wieder ein gelungener Krimiabend
Kritik zum Polizeiruf 110 aus Rostock „Dunkler Zwilling“
ARD/NDR Polizeiruf 110 “Dunkler Zwilling”: Die Kommissare König (Anneke Kim Sarnau) und Bukow (Charly Hübner) suchen einen Serienmörder. Sie gehen jeder Spur nach. (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) schauen sich einen Tatort an. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Das war endlich wieder einmal ein gelungener Krimiabend in der ARD. Die Polizeiruf 110-Folge mit dem Titel „Dunkler Zwilling“ war tatsächlich ein klassischer Krimi mit viel Spannung und Dynamik, so wie man sich das als echter Krimifreund wünscht. Die Rostocker Kommissare Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) zogen die Zuschauer aber nicht nur mit ihrem außergewöhnlichen Fall einer Mordserie in ihren Bann, sondern auch mit der unausgesprochenen Anziehungskraft, die zwischen den beiden herrscht. Bleibt zu hoffen, dass die Macher des Rostocker Polizeirufs diese Kraft nicht durch eine billige Romanze zerstören. Denn es ist gerade die offensichtliche Zuneigung, die das Duo so interessant macht. Ständig steht die Frage im Raum, was denn wohl als nächstes passiert, wenn die beiden sich begegnen. Drehbuchautor und Regisseur Damir Lukacevic hat in der Folge „Dunkler Zwilling“ geschickt mit dieser Anziehungskraft gespielt, etwa wenn er Bukow klar zum Ausdruck bringen lässt, dass er König nicht mehr trauen kann, er ihr aber dennoch bei jeder Gelegenheit seine starke Schulter zum Anlehnen bietet oder ihre Nähe sucht. Zu dunkel ist aber die gemeinsame Vergangenheit.

Recht dunkel war auch die Vergangenheit eines der beiden Verdächtigen. Sechs Morde soll der Unternehmer Kern (Simon Schwarz) begangenen haben, sechs grausige Morde verbunden mit kranken Ritualen. Geschickt führte er Bukow und König an der Nase herum, die sich auf Kerns Tochter Marla (Emilia Nöth) konzentrierten und ihr eine Mitschuld einräumten, sollte sie tatsächlich ihren Vater decken. Neben der spannenden Geschichte um die Morde und deren Aufklärung war es genau der Aspekt der Mitschuld, den dieser Polizeiruf geschickt in den Mittelpunkt rückte. Was heißt es wirklich für eine Familie, wenn der Vater sich als Monster entpuppt, wie trifft es das persönliche Umfeld und den Alltag? Das alles wurde in diesem Polizeiruf thematisiert und großartig in Szene gesetzt.  

Und doch gibt es auch kleinere Kritikpunkte. So war das Motiv für den Serienmörder etwas dürftig. Auch wurde nicht hinreichend geklärt, was es mit den grausigen Ritualen auf sich hatte. Und auch Katrin Königs anfängliche Wortfindungsstörungen erfuhren am Ende leider keine plausible Aufklärung. Das sind aber vergleichsweise unbedeutende Mängel angesichts der außergewöhnlichen Geschichte, die den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute in Atem hielt und der durchweg großartigen Leistung der Schauspieler, allen voran Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner. /sis

Zwischen Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) knistert es gewaltig. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Unglaubliche Zumutung für die Zuschauer

Unglaubliche Zumutung für die Zuschauer
Kritik zum Tatort Stuttgart „Hüter der Schwelle“
ARD/SWR Tatort “Hüter der Schwelle: Sebastian Bootz (Felix Klare, li.) und Thorsten Lannert (Richy Müller) treffen am hoch gelegenen Tatort ein. (Foto: SWR/Benoît Lindner)
Lannert und Bootz  wissen nicht, was sie im Keller ihres Hauptverdächtigen erwartet. (Foto: SWR/Benoît Lindner)

Wirr, unverständlich, lächerlich, unsinnig, man findet gar keine passenden Worte, um den neuen Tatort aus Stuttgart mit dem Titel „Hüter der Schwelle“ hinreichend zu beschreiben. Schwachsinn trifft es – leider einmal mehr – am ehesten. Opfer und sämtliche potenziellen Täter waren reif für die Klapsmühle, der Film eine einzige Zumutung für die Zuschauer. Keine Dynamik, keine Spannung, keine nachvollziehbare Handlung, einfach sinnlos aneinander gereihte Szenen dafür aber von einer ungeheuren Brutalität. Tatsächlich gab es auch für die an sich sehr beliebten Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) nichts zu ermitteln, sie stolperten durch die Geschichte, ohne irgendwelche Erkenntnisse zu gewinnen, unterbrochen von zwischen den Szenen aufblitzenden Bildern aus längst vergessenen Zeiten. Die letzte Viertelstunde war denn auch nötig, um die Geschehnisse rund um das Opfer Marcel Richter (Max Breitschneider, eine schöne Leiche!), dessen ziemlich gestörte Mutter Heide Richter (Victoria Trauttmansdorff, sonst eher als Serien-Pathologin bekannt), den „Hüter der Schwelle“ und besessenen Magier Emil Luxinger (André M. Hennicke) und die von Bootz umschwärmte selbsternannte Hexe Diana Jäger (Saskia Rosendahl) aufzuklären. Aber selbst mit den am Ende in viel zu ausführlichen Rückblenden erzählten Ereignissen, die zum Tod von Marcel Richter geführt hatten, ergab die Geschichte keinen Sinn. Und dann entpuppte sich der Mord auch noch als makabre Selbsthinrichtung. Die Kommissare standen mit leeren Händen da. Ein Unding für einen guten Krimi!

Aber als Krimi lässt sich dieser Streifen ohnehin nicht einordnen, nicht einmal als Horrorfilm oder Psychothriller. Das war ganz einfach gar nichts. Natürlich gibt es mehr zwischen Himmel und Erde als der Mensch gemeinhin annimmt. Und natürlich existieren die gezeigten und andere okkulte Kreise in unserer Gesellschaft. Auch sind dem Wahnsinn sicher keine Grenzen gesetzt. Was Drehbuchautor Michael Glasauer und Regisseur Piotr J. Lewandowski dem Publikum mit diesem Film unter der Marke „Tatort“ allerdings zumuteten, war an Absurdität kaum zu überbieten. Einmal ganz abgesehen davon, dass der Zuschauer mit seinen Gebühren die Produktion solcher Filme finanzieren muss, fragt man sich doch, wie lange so renommierte Schauspieler wie Richy Müller und Sebastian Bootz sich noch für einer derartigen Unsinn hergeben! /sis

Bootz lässt sich auf einen für den Fortgang der Geschichte völlig unnötigen, ungemein brutalen Kampf ein. (Foto: SWR/Benoît Lindner)

Überraschend anders

Überraschend anders
Kritik zum Tatort Weimar „Die harte Kern“
ARD/MDR Tatort Weimar “Die harte Kern”: Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) sind tatverdächtig und müssen vor ihren Kollegen fliehen. (Foto: MDR/Wiedemann&Berg/Stephanie Kulbach)
Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) können nicht fassen, dass Stich (Thorsten Merten) zu Eva Kern (Nina Proll) hält. (Foto: MDR/Wiedemann&Berg/Stephanie Kulbach)

Überraschend anders präsentierte sich der Tatort Weimar mit dem Titel „Die harte Kern“. Statt der zu erwartenden Slapstickkomödie mit den Kriminalhauptkommissaren Kira Dorn (Nora Tschirner) und dem immer noch vornamenlosen Lessing (Christian Ulmen) war die Folge ein spannender Krimi mit einer außergewöhnlichen Geschichte und klugem Humor. Es gibt ihn also doch noch, den Tatort, der Spannung mit Spaß zu vereinen weiß. Zum ersten Mal nahmen Dorn und Lessing einen Fall ernst, vielleicht auch nur, weil sie persönlich betroffen waren. Irgendwer versuchte Lessing den Mord an dem Schrotthändler Harald Knopp (Heiko Pinkowski) und Kira Dorn einen Mordversuch an Rainer Falk (Jan Messutat), der Knopp in einem Mordprozess völlig überraschend ein Alibi gegeben hatte und damit einen Schuldspruch verhinderte, anzuhängen. Hier kam dann auch die Sonderermittlerin Eva Kern (Nina Proll) ins Spiel, die sich als beinharte Karrierefrau nicht von Lessings Unschuld überzeugen lassen wollte und ihn unter Mordverdacht in Untersuchungshaft steckte – zwar in einer Ausnüchterungszelle, aber immerhin. Lessing saß ein, Dorn musste den Fall weitgehend alleine aufklären, im eigenen Interesse, wollte sie ihren Ehemann doch bei der Geburtstagsparty des gemeinsamen Sohnes an ihrer Seite wissen und sei es auch nur zum Aufräumen. Grund genug also, die Ermittlungen etwas ernsthafter als für den Weimarer Tatort üblich anzugehen. Ein spannendes Katz- und Mausspiel rund um die verschwundene, millionenschwere Statue der “Göttin des Unheils” begann, in dem sich Kommissariatsleiter Kurt Stich (Thorsten Merten) im Zweifel hinter die Sonderermittlerin und nicht seine Kommissare stellte und Streifenhörnchen Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) mehr mit seiner neuen großen Liebe als mit dem Fall beschäftigt war. Die Auflösung kam etwas plötzlich und die Täterin war wieder Katharina Marie Schubert in diesem Fall in der Rolle der Hannah Knopp, der geldgierigen Schwägerin des Opfers. Nach Schuberts Auftritten als mörderische Altenpflegerin im Tatort Stuttgart und schussfeste Unternehmergattin im Tatort Frankfurt spielte sie in diesem Tatort zum dritten Mal in diesem Jahr die Täterin – etwas zu viel des Guten, zumal die drei Täterfiguren sich nicht wirklich von einander unterschieden.

Abgesehen davon war das der erste Tatort aus Weimar, der den Namen Krimi verdient. Die kurzweilige und von Regisseurin Helena Hufnagel durchdacht in Szene gesetzte Geschichte aus der Feder der Drehbuchautoren Sebastian Kutscher und Deniz Yildizr wusste durchweg zu überzeugen. Und die neue Ernsthaftigkeit steht dem sonst so komödiantischen Ermittlerduo Dorn und Lessing ausgesprochen gut. So darf es im Tatort aus Weimar gerne weitergehen! /sis

Kira Dorn (Nora Tschirner) verspricht Lessing (Christian Ulmen) aus der U-Haft zu holen. (Foto: MDR/Wiedemann&Berg/Stephanie Kulbach)

Jetzt ermittelt Bessie mit Dick und Doof

Jetzt ermittelt Bessie mit Dick und Doof
Kritik zum Polizeiruf 110 München „Der Ort, von dem die Wolken kommen“
Polizeiruf 110 “Der Ort, von dem die Wolken kommen”: Polou (Dennis Doms) wird verwahrlost am Isarufer aufgefunden. (Foto:  BR/Roxy Film/Hendrik Heiden)

Ein neues Team war dem Publikum nach dem Ausstieg von Matthias Brandt als Hanns von Meuffels versprochen worden. Ein neues Team, von dem man sich neuen Elan, neue Ideen und neue Impulse für den Polizeiruf aus München erhofft hatte. Doch was die Zuschauer in der Auftaktfolge über sich ergehen lassen mussten, war an Schwachsinn nicht zu überbieten. Die neue „Ermittlerin“ des Polizeirufs aus München ist eine unreife Streifenpolizistin namens Elisabeth genannt Bessie Eyckhoff (Verena Altenberger), zwar mit viel Herz, aber wenig Verstand. Ihr zur Seite stehen der dauergeile Wolfgang „Wolfi“ Maurer (Andreas Bittl) und Cem Halac (Cam Lukas Yeginer), Bessies verfressener Halbbruder mit einer gehörigen Portion Übergewicht, die im Streifendienst wohl eher hinderlich sein dürfte. Angeleitet werden Bessie und “Dick und Doof” von Kriminalhauptkommissar Christian Strasser (Norman Hacker), der aber mehr an Bessies Beförderung interessiert ist, als an der Aufklärung des Falles. Ein zugegeben außergewöhnlicher, aber dennoch nicht neuer Fall: Wo kommt der verwahrlost an der Isar aufgefundene Junge Polou (großartiger Dennis Doms) her, was hat er erlebt und sind noch mehr Kinder in Gefahr? Einen Mord gibt es nur am Rande, das Motiv für die Isolation und Misshandlungen der Kinder wird ebenso wenig klar, wie der Fortgang der Ermittlungen. Denn Bessie löst ihren Fall ganz allein vom bequemen Sessel aus – in Doppelhypnose marschiert sie zusammen mit Polou in das Horrorhaus und rettet zwei weitere Kinder und das alles, ohne den leerstehenden, eher gruseligen Krankenhausflügel auch nur zu verlassen. Für Polou nimmt die von der ehrgeizigen Psychologin Dr. Kutay (Katja Bürkle) rücksichtslos durchgeführte Hypnosetherapie ein dramatisches Ende. Und auch die beteiligte Jugendbeamtin hat eher ihre eigenen Interessen als das Wohl der Kinder im Sinn.

Mit Krimi hatte dieser Polizeiruf der Drehbuchautoren Thomas Korte und Michael Proehl unter der Regie von Florian Schwarz wieder einmal gar nichts zu tun. Als Psychothriller könnte er gerade noch durchgehen, wäre da nicht so viel Unrealistisches im Spiel. Polizeioberkommissarin Bessie ermittelt in Trance, immer zwischen Wirklichkeit und Traum. Das mag für Freunde dieses Genres interessant sein, für echte Krimifreunde aber war es verlorene Zeit. /sis

Goya – eine überragende Erscheinung der Kunstgeschichte

Goya – eine überragende Erscheinung der Kunstgeschichte
Selbstporträt – Prado Madrid

Francisco José de Goya y Lucientes war der wohl begabteste und vielschichtigste Künstler Spaniens, eine überragende Erscheinung der Kunstgeschichte, der alle Techniken beherrschte und bis ins hohe Alter perfektionierte. Er verfügte über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe, die sich nicht nur an der Natur, sondern insbesondere auch an den politischen und gesellschaftlichen Begebenheiten seiner Zeit ausrichtete. Er prangerte die Missstände der Gesellschaft an, die Gräueltaten des Krieges, aber auch die Dummheit der Menschheit ganz allgemein, ihre Fehler und Schwächen. Seine pessimistische Weltsicht, geprägt von seiner katholischen Gläubigkeit in Verbindung mit den Erfahrungen und Erlebnissen durch Krieg und Vernichtung und den Freiheitsgedanken der Französischen Revolution, findet sich in seinen Zeichnungen und Grafiken wieder, die auch sein eigenes Schicksal spiegeln. Denn der junge Goya wollte gerne aufsteigen in der adeligen Gesellschaft, wollte Gefallen finden bei Hofe, was ihm aber lange Zeit versagt blieb. So sehr er sich auch um die Gunst der Madrider Aristokratie und ihrer Akademie der Künste bemühte, die strengen Hierarchien verhinderten den Aufstieg des unbekannten Malers aus der Provinz. Erst spät fand er die gewünschte Anerkennung, wurde durch König Carlos III. sogar zum Hofmaler ernannt, portraitierte die Königsfamilie Carlos IV. und wurde schließlich doch noch in die Akademie aufgenommen. Dennoch blieb er Untergebener, selbst im Kreise der Akademiekollegen hatte er keinen leichten Stand. Schließlich löste er sich vom Hof, von der Akademie und deren Zwängen. Am Ende emigrierte er nach Bordeaux, wo er im hohen Alter von 81 Jahren starb.

Geboren wurde Francisco Goya am 30. März 1746 in Fuendetodos in der Provinz Saragossa im Hause seines Onkels. Seine Mutter Gracia Lucientes hielt sich mehr bei ihrem Bruder, denn bei ihrem Mann José in Saragossa auf. Francisco war das vierte Kind der Familie, zwei weitere folgten. Wie in jener Zeit üblich übernahm der älteste Sohn Tomás die einst sehr gut gehende Vergolderwerkstatt des Vaters. Francisco musste sich einen eigenen Beruf und Broterwerb suchen. Mit 13 Jahren entschied er sich für eine Ausbildung als Maler bei José Luzán, der wie viele seiner Zeitgenossen die Akademisierung der Kunst in Spanien voranbringen wollte. Luzán ermöglichte Goya den Zugang zu einflussreichen Kreisen und Förderern der Künste und so lernte Goya auch Francisco Bayeu kennen, der ebenfalls eine Ausbildung bei Luzán machte und dessen Schwester Josefa 1773 Goyas Frau wurde. Im selben Jahr siedelte er nach Madrid über. Als Maler aus der Provinz musste er eine akademische Ausbildung anstreben und um am Hofe anerkannt zu werden, benötigte er Bürgen. Talent alleine reichte nicht, ohne Beziehungen war kein Fortkommen. Er war deshalb weiter als Kirchenmaler in der Provinz tätig und machte auch vor unfairen Mitteln nicht halt, um an Aufträge zu kommen. So schlug er seine Konkurrenz mit niedrigen Kostenvoranschlägen aus dem Feld, konnte dann aber die erwarteten Leistungen nicht erbringen. Er sparte an der Ausmalung der Figuren, was ihm den Unmut seiner Auftraggeber einbrachte. Die Tätigkeit als Maler in der königlichen Teppichmanufaktur schließlich eröffnete ihm den Weg zum spanischen Hof, er wurde Hofmaler, portraitierte die königliche Familie und wurde mit dem Gemälde eines Kruzifixes schließlich doch in die Akademie in Madrid aufgenommen. 1785 wurde er Professor mit der Verpflichtung, Schüler zu unterrichten. Obwohl er mehrfach für die unterschiedlichsten Positionen in der Akademie vorgeschlagen wurde, unterlag er stets seinen Mitbewerbern. Dennoch war er in den 1780er Jahren mit sich und seinem Leben durchaus zufrieden, das jedenfalls schrieb er einem Schulfreud aus Saragossa, dem er ein Leben lang verbunden blieb. In dieser Zeit versuchte er gar ein Leben als Höfling zu führen, kaufte sich ein Pferd und eine Kutsche. Doch schon die erste Ausfahrt endete mit einem Unfall.

Die Privilegien, die ihm die Aufnahme in der Akademie bescherten, führten unter anderem dazu, dass Goya sich nicht mehr um Aufträge bemühen musste, sie kamen endlich von selbst. Doch die Verunsicherungen durch die Französische Revolution machten auch vor Goya nicht Halt. Plötzlich war ihm die Anerkennung am Hofe nicht mehr so wichtig und er hielt Kunst nicht mehr für erlernbar. Inwieweit diese äußeren Umstände zu seiner schweren Krankheit 1793 beitrugen, kann man nur mutmaßen. Goya wurde taub, musste die Taubstummensprache erlernen und zog sich von allen Ämtern zurück. Die Erkrankung erschien wie eine Flucht, sie war der Ausweg aus seinem bis dahin so starken Drang nach Posten und Bedeutung. Er sympathisierte mit dem französischen Zeitgeist, machte sich in Radierungen über die ererbten Privilegien und das aristokratische Erbfolgeprinzip lustig. Er stellt aber auch die Laster und das Fehlverhalten der Menschen dar, die Dummheit des Volkes. Gleichzeitig forderte er die Abkehr von der akademischen Lehre, vom ästhetischen Idealbild hin zur Abbildung der ungeschönten Natur. Er arbeitete jetzt für den anonymen Markt. Seine Radierungen waren für die breite Masse gedacht und mussten von ihr verstanden werden. Seine Stierkampfbilder etwa waren einerseits Abbilder der spanischen Kultur, andererseits aber auch eine Anspielung auf den Kampf gegen den französischen Erzfeind, der vom Volk bekämpft wurde. Nach dem spanischen Aufstand schlug Goya sich auf die Seite der Volksmassen und machte die Grausamkeit des Krieges in weiteren Radierungen sichtbar. Mitten in dieser turbulenten Zeit starb seine Frau Josefa. Goya blieb nur der 1784 geborene Sohn Francisco Javier und der 1806 geborene Enkel Mariano. 1824 verließ Goya Spanien und ließ sich nach einem Kuraufenthalt mit seiner Lebensgefährtin Leocardia und deren Kinder ganz in Bordeaux nieder. Glücklich war er nicht, auch wenn er Klima, Essen und Unabhängigkeit sehr zu schätzen wusste. 1826 und 1827 reiste er nochmals nach Madrid, um seine Pensionierung durchzusetzen und seine Familienangelegenheiten zu regeln. 1828 kamen Schwiegertochter Gumersinda und Enkel Mariano zu Besuch nach Bordeaux. Ein Besuch, über den sich Goya sehr gefreut haben soll. Es war das letzte Mal, dass er seinen Enkel sehen sollte: Francisco Goya starb am 16. April 1828. In seinen letzten Skizzenbüchern hatte er die Themen Alter und Wahnsinn aufgegriffen. Seine Greise sind hilflose Riesen, wie er am Ende selbst einer war. /sis

Bildbeschreibungen: 1) Dem Krieg und seinen Gräueltaten widmete Goya eine ganze Serie von Zeichnungen. 2) Erst strebte Goya nach Anerkernnung in Adelskreisen, dann macht er sich über sie in den Caprichos (hier Blatt 39) lustig. 3) Auch dem Stierkampf widmete er eine Sammlung, Tauromaquia Nr. 11. 4) Furcht beherrschte Goyas Träume, das kam auch in seinen Zeichnungen zum Ausdruck. 5) Das Familienportrait Karls IV. hängt heute im Prado in Madrid. (alle Bilder frei).

Unterhaltsame Geschichte mit albernem Ende

Unterhaltsame Geschichte mit albernem Ende
Kritik zum Tatort Ludwigshafen “Maleficius”
ARD/SWR Tatort “Maleficius”: In der Autowerkstatt erhoffen sich Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) Auskünfte über den verschwundenen Rollstuhlfahrer. (Foto: SWR/Sabine Hackenberg)
Zum zweiten Mal in kurzer Zeit sammeln Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) Spuren am Rhein. Diesmal hat der Fluss die Leiche der Ärztin Marie Anzell (Jana Voosen) angeschwemmt. (Foto: SWR/Sabine Hackenberg)

„Maleficus“ kommt aus dem Lateinischen und heißt „bösartig, gottlos“ – und genau das sollte der neue Tatort aus Ludwigshafen dem Publikum wohl vorstellen, wie gottlos und bösartig Menschen sein können. Im konkreten Fall war es ein Wissenschaftler, der in Menschenversuchen eine Verbindung von Künstlicher Intelligenz und menschlichem Gehirn erprobte, dabei aber kläglich scheiterte. Denn das Ergebnis seiner Bemühungen, das dem Zuschauer am Ende des Films „Maleficius“ mit den Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) vorgestellt wurde, war nicht mehr als ein äußerst lächerlicher Terminatorverschnitt, eine jämmerlich-wackelige Figur, die sich dank überdimensionierter Maschinenteile gerade mal so auf den Beinen halten konnte. Ob das den besonderen Humor dieses Tatorts unterstreichen sollte, darf bezweifelt werden. Es raubte der an sich guten Geschichte mit einem sehr interessanten, weil ethisch und moralisch äußerst umstrittenen Thema, die Glaubwürdigkeit. Es war ganz einfach albern, wie auch Professor Bordauer selbst, denn anders als man von einem ernsthaften Wissenschaftler mit Nobelpreis-Ambitionen erwarten sollte, präsentierte sich Sebastian Bezzel, ehedem Kai Perlmann im Konstanzer Tatort, schlicht als Witzfigur mit Dreitage-Bart im abgetragenen T-Shirt. Bezzel war hier definitiv die falsche Besetzung. Ihm und seiner eiskalten Assistentin standen am Ende nicht nur die Kommissarinnen gegenüber, sondern eine intellektuell minderbemittelte Gruppe passionierter Autoschrauber unter Führung von Ali Kaymaz (Gregor Bloéb), die mit schierer Muskelkraft den Professor und seine monströse Maschine zu Fall brachten. Herrlich! Wenig professionell aber verhielt sich die doch so diensterfahrene Lena Odenthal am Fundort der toten Ärztin: Sie zieht Handschuhe über, fasst sich dann an die Nase und greift anschließend nach der Hand der Leiche! Wieder der besondere Humor der Folge, oder Test der Aufmerksamkeit der Zuschauer? Oder doch einfach nur Oberflächlichkeit von Ulrike Folkerts und Regisseur Tom Bohn?

Unterhaltsam war dieser Tatort, daran besteht kein Zweifel. Die wissenschaftlichen Aspekte und vor allen Dingen den Professor hätte man sich seriöser gewünscht. Das Ende war leider völlig daneben. Dafür entschädigten aber die religiösen Anregungen, die der großartige Heinz Hoenig in der Rolle des Pfarrers Ellig den Zuschauern mit in die Nacht gab. Er verlangte mehr Demut vor der Schöpfung und kämpfte geschickt gegen den Teufel. Das brachte sogar die so taffe Lena Odenthal ins Grübeln. /sis

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) will auf keinen Fall von Profesoor Bordauer (Sebastian Bezzel) und seiner Assistentin Malina (Dominique Chiout) beim Spionieren ertappt werden. (Foto: SWR/Sabine Hackenberg)

Auf der Jagd nach “Lachern”

Auf der Jagd nach “Lachern”
Kritik zum Tatort Frankfurt „Falscher Hase“
ARD/HR Tatort “Falscher Hase”: Paul Brix (Wolfram Koch, li.), Anna Janneke (Margarita Broich) und Staatsanwalt Bachmann (Werner Wölbern), der, wie die Kommissare auch, nichts zum Fortgang der Geschichte beizutragen hatte, sondern seinerseits mit merkwürdigem Humor auf der Jagd nach “Lachern” war. (Foto: HR)
Paul Brix (Wolfram Koch) ärgert sich über die vorlaute Kriminaltechnikerin (Eva Meckbach) (Foto: HR/Bettina Müller)

Wer sich auf einen spannenden Tatort-Abend aus Frankfurt gefreut hatte, wurde einmal mehr enttäuscht. Der „Falsche Hase“ mit den Kommissaren Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich) entpuppte sich als völlig überzeichnete Komödie mit im Mittelmaß stecken gebliebenen Kleinganoven, die sich gegenseitig die Beute eines Versicherungsbetruges abjagen wollten und bis auf die Haupttäterin alle mit einem schönen runden Loch im Kopf endeten. Die ohne Zusammenhang zur Geschichte aufgezeigte Brutalität – einem nicht im geringsten in die Geschehnisse verstrickten Mitarbeiter einer Feinkostfirma wurde der kleine Finger abgehakt (tricktechnisch sehr gut gemacht) –  ließ sich genauso wenig nachvollziehen, wie die überraschenden Schlussfolgerungen der Kommissare, die eigentlich nur eine bedeutungslose Nebenrolle spielten und wenig zum Fortgang der Geschichte beitrugen. Sogar einen Zeitsprung in der Videoaufzeichnung entdeckten sie erst am Ende der Geschichte, schlossen dann aber messerscharf auf die richtige Täterin, Revolver-Biggi, eine ebenfalls in jeder Hinsicht mittelmäßige Unternehmergattin  (Katharina Marie Schubert) mit einem einzigen Talent: als ehemalige Schützenkönigin legte sie jeden mit einem gezielten Schuss zwischen die Augen um, der sich ihr und ihrem Mann Hajo (Peter Trabner) bei dem Versuch, die Versicherung zu betrügen, in den Weg stellte. Natürlich waren die Kommissare Biggis besonderem Talent nicht auf die Spur gekommen, wie es eigentlich im Zuge engagierter Ermittlung zu erwarten gewesen wäre, nein, sie ließen sich von ihrer kleinbürgerlichen Fassade und ihrem besonders leckeren „falschen Hasen“ täuschen. So taff  und unerbittlich Biggi im Laufe der Geschichte auch gewesen sein mag, zum Schluss gestand sie völlig ohne Not, bereitete damit aber der gähnenden Langeweile ein erlösendes Ende. Schon rein optisch war die Geschichte in den 80er Jahren stecken geblieben und die Kommissare überzeugten nicht etwa durch kluge Ermittlungsarbeit, sondern sie stolperten einfach über die Leichen, ohne auch nur einen Schritt weiterzukommen.

Wenn der Täter schon von Anfang an bekannt ist, dann sollte wenigstens eine spannende Jagd im Mittelpunkt eines Krimis stehen. Aber davon war der neue Tatort aus Frankfurt aus der Feder von Emily Atef, die auch Regie führte, und Lars Hubrich meilenweit entfernt. Schwarzer Humor ist ganz gewiss nicht verkehrt in einem guten Krimi, das beweisen britische Krimis mehr als eindrucksvoll. Nur Klamauk indes ist einfach zur wenig! Schade für die Schauspieler, schade für die gelangweilten Zuschauer und besonders schade für die Marke “Tatort”, die immer mehr zu einer beliebigen Filmreihe mutiert. Mit Wehmut denkt man an frühere Zeiten, als jeder Tatort noch für atemlose Spannung von der ersten bis zur letzten Minute sorgte – und der Humor dabei trotzdem nicht zu kurz kam. /sis

Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) beobachten und warten, viel mehr hatten sie in diesem Tatort auch nicht zu tun. (Foto: HR/Bettina Müller)

Viel zu viel Hass im Spiel

Viel zu viel Hass im Spiel
Kritik zum Polizeiruf 110 “Heimatliebe”
ARD/RBB Polizeiruf 110 “Heimatliebe”: Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) durchsuchen das Haus eines verdächtigen polnischen Geschäftsmannes. (Foto: RBB/Oliver Feist)

Eine merkwürdige Form von Heimatliebe zeigte der Polizeiruf 110 aus dem deutsch-polnischen Grenzbereich um Frankfurt (Oder): Auf der einen Seite rechtsradikale Polen, die Deutsche abgrundtief hassen und alles tun, um den Verkauf von ihrem Land an wen auch immer zu verhindern. Und auf der anderen Seite eine Handvoll Deutsche, die sich keinesfalls in die bundesdeutsche Ordnung und deren Ländergrenzen einfügen wollen. Wieder einmal wurden also Reichsbürger thematisiert, man kann es fast schon nicht mehr hören! Das alles wurde in einer äußerst deftigen Sprache vorgetragen, die polnisch nicht besser klingt als deutsch. An dieser Stelle fällt einem der Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein verbunden mit der allseits beklagten „hate speech“ – die ARD machts vor! Auch das gnadenlose Geballer am Ende der an sich klugen Geschichte spiegelte den Zeitgeist. Leider! Die Story aus der Feder des Regisseurs und Drehbuchautors Christian Bach wäre auch mit weniger Hass gut ausgekommen.

Harsche Worte fielen sogar zwischen den beiden Kriminalhauptkommissaren Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz), die die Ermittlungen dafür aber gemächlicher angingen, ja sogar eine gewisse Unlust an den Tag legten. Sie gipfelte in Lenskis Bemerkung mitten im finalen Kugelhagel „einfach nach Hause zu gehen“. Und dass, obwohl ein alter Bekannter Lenskis, Roland Seedow (Hanns Zischler), aufgetaucht war und offensichtlich mit Reichsbürger Bernd Emil Jaschke (Waldemar Kobus) sympathisierte. Dazu gab es noch die deutsche Jenny Sekula (Anna König), die den polnischen Hofbesitzer Wojciech Sekula (Grzegorz Stosz) übers Internet kennengelernt und geheiratet hatte und gleich nach dessen Ermordung recht skrupellos ihr Erbe einforderte. Zwischen all diesen Fronten versuchte Sekulas Sohn Tomasz (Joshio Marlon) seine „Heimat“ verzweifelt zu erhalten, die ihm der ehemalige Besitzer Seedow durch einen Strohmann streitig machte. Und darum ging es im Kern, die ehemals adlige Großgrundbesitzerin Helena von Seedow-Winterfeld (Gudrun Ritter), nach dem Krieg enteignet, wollte ihren Besitz zurück und dafür war ihr, respektive ihrem Sohn Roland Seedow, jedes Mittel recht. Wie gesagt, eine an sich kluge Geschichte, die aber im Wirrwarr der Personen und politisch und menschlich gravierend unterschiedlichen Sichtweisen einfach unterging. Und wieder wurden am Ende zwar die Verantwortlichen benannt. Wer von den Reichsbürgern genau den Brand gelegt und Wojciech Sekula brutal erschlagen hatte, blieb indes der Fantasie der Zuschauer überlassen. /sis

Olga Lenski (Maria Simon) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, re.) sichern Spuren nach dem tödlichen Übergriff auf den polnischen Bauern Wojciech Sekula (Grzegorz Stosz, li.). (Foto: RBB/Oliver Feist)

Sie konnten zusammen nicht kommen

Sie konnten zusammen nicht kommen
Rezension Charlotte Link „Das andere Kind“

Charlotte Linke gilt als eine der besten deutschen Autoren – und das zu Recht. Ihr Stil ist flüssig, sie verzichtet auf ausschweifende Beschreibungen, konzentriert sich auf das Wesentliche ihre äußerst geschickt konstruierten Geschichten. Das mündet in einem wahren Leserausch. „Das andere Kind“ aus ihrer Feder mag man nicht aus der Hand legen. Es handelt sich dabei eigentlich nur in zweiter Linie um einen Kriminalroman, im Vordergrund steht die ungewöhnliche Lebensgeschichte von Fiona Barnes und Chad Beckett, die sich im Zuge der Landverschickung Londoner Kinder nach Yorkshire Ende 1940 in der rauen Küstenstadt Scarborough noch als Kinder kennen und lieben lernen und ein Leben lang nicht mehr von einander lassen können. Und dass, obwohl den beiden kein klassisches Happyend beschert ist, jeder einen anderen Partner heiratet und eigene Kinder bekommt. Was sie verbindet ist eine grausame Schuld, ein Vergehen an einem Kind, eben dem „anderen Kind“, wie der kleine Brian von Fiona und Chad genannt wird. Brian gerät mehr zufällig in das Geschehen, wird aber zum zentralen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, die mit dem Mord an einer Studentin ihren Ausgang nimmt und in Fionas Ermordung gipfelt. Für die ehrgeizige Kommissarin Valerie Almond sieht es so aus, als ob die beiden Morde von ein- und demselben Täter begangen wurden. Nach und nach aber taucht sie, zusammen mit Dr. Leslie Cramer, Fionas Enkelin, immer tiefer in die Geschichte von Fiona und Chad ein, die ihre dunklen Schatten bis in die Gegenwart wirft, denn Fionas Mörder kennt plötzlich kein Halten mehr.

Das 672 Seiten umfassende Buch erzählt nicht nur die eigentliche Geschichte um den Mord der beiden Frauen, sondern wirft auch einen bemerkenswerten Blick auf die Geschichte des Zweiten Weltkrieges in London, den vom Überlebenskampf geprägten Alltag der Menschen und die Nachwirkungen, die das grausame Geschehen auf ihr Leben hatte. /sis

Bibliographische Angaben:
Charlotte Link: Das andere Kind
Verlag Blanvalet, Erstveröffentlichung 2009, Ausgabe 2019, 672 Seiten
ISBN 978-3-7341-0793-1

Kommissare auf Irrwegen

Kommissare auf Irrwegen
Kritik zum Tatort aus Dresden „Nemesis“
ARD/MDR Tatort “Nemesis”: Auf der Suche nach Nazarians Kreditkarte findet die Barkeeperin Lissy (Dena Abay) den ermordeten Joachim Benda in dessen Büro. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato.
Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) haben den entscheidenden Beweis gefunden und sind auf dem Weg, um den Täter zu verhaften. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato.

„Nemesis“ hieß der erste neue Tatort nach der Sommerpause mit dem ebenfalls noch neuen Dresdener Ermittlerduo Oberkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczweski) und Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel). Und der Titel war Programm, denn die Gattin des Mordopfers, Katharina Benda (Britta Hammelstein), entpuppte sich als wahre „Rachegöttin“. Nur leider verwies eben dieser Titel auch schon von Anfang an auf die Hintergründe der Tat und das nahm der Geschichte aus der Feder der Drehbuchautoren Mark Monheim und Stephan Wagner, der zugleich Regie führte, viel der möglichen Spannung. Und so zogen sich die Ermittlungen doch etwas in die Länge, die die Kommissarinnen erst einmal auf einen Irrweg ins Mafia-Milieu mit klassischer Schutzgelderpressung und Geldwäsche führten. Leider wurden in diesem Zusammenhang auch gleich wieder die alten Klischees von verdienten Polizisten bedient, die früher gerne einmal ein Auge zugedrückt haben. So soll Leonie Winklers Vater Otto Winkler (Uwe Preuß) eben solchen Geldwäschegeschäften einfach zugeschaut haben, was natürlich der Tochter überhaupt nicht schmecken wollte. Auch Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (großartiger Martin Brambach) hatte mit „Befangenheit“ zu kämpfen, entpuppte er sich doch als guter Freund und Vertrauter des Opfers und dessen rachsüchtiger Ehefrau. Dass sowohl Leonie Winkler als auch Chef Schnabel von den Ermittlungen hätten ausgeschlossen werden müssen, sei nur am Rande erwähnt. Spätestens als die Ermittlungen nur noch in Richtung Ehefrau des Opfers und deren beiden Söhne Valentin (Caspar Hoffmann) und Viktor (Juri Sam Winkler) wiesen, wäre das Aus für Schnabel angezeigt gewesen. Doch er glaubte hartnäckig an die Unschuld seiner Freundin Katharina Benda und legte seinem Team einige Steine in den Weg, bis es beim dann endlich auch spannenden, wenn auch etwas übertriebenen Finale keinen Zweifel mehr an ihrer Schuld gab.

Nicht hinweg sehen kann man über die Tatsache, dass Oberkommissarin Gorniak an der Seite ihrer neuen Kollegin eigentlich nur noch die zweite Geige spielt, ja fast schon zur Nebenfigur degradiert wird. Schade, mit Leonie Winklers Vorgängerin Hennie Sieland (Alwara Höfels) gab es zwar gelegentliche Reibereien, aber sie arbeiteten doch zumindest auf Augenhöhe. Bleibt zu hoffen, dass sich in den nächsten Folgen aus Dresden das Niveau des neuen Ermittlerduos wieder angleicht. /sis

Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Peter Schnabel (Martin Brambach) koordinieren die Einsatzkräfte am Einsatzort. Schnabel beschreibt der Feuerwehr die Lage. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato

Müder Auftakt in die Krimisaison

Müder Auftakt in die Krimisaison
Kritik zum Polizeiruf 110 Magdeburg – Mörderische Dorfgemeinschaft
ARD/MDR Polizeiruf 110 “Mörderische Dorfgemeinschaft”: Die Kollegen Lemp (Felix Vörtler), Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke) starren auf die Überreste einer Hand. Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhardt
Auf einer einsamen Waldlichtung wurde ein verlassenes Auto mit Unmengen an Blut im Kofferraum gefunden. Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke) inspizieren den Fundort. Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhardt

Wenn man während eines Krimis immer mal wieder kurz wegdämmert, dann ist das nicht unbedingt ein Zeichen für Spannung und Dynamik. Und so war denn auch der Auftakt in die neue ARD-Krimisaison mit dem Polizeiruf 110 „Mörderische Dorfgemeinschaft“ einfach nur langweilig. Daran änderten auch die recht unromantischen, harten Sexszenen nichts, die der Zuschauer über sich ergehen lassen musste. Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Hauptkommissar Dirk Köhler (Matthias Matschke) untersuchten einen Mord ohne Leiche in einem abgeschiedenen Dorf, dessen Bewohner, obwohl fast durchweg noch jüngeren Alters, irgendwo in grauer – oder besser gelber – Vergangenheit hängengeblieben waren. Ganz im Gegensatz zu Jurij Sergey Rehberg (Tambet Tuisk), der neu in diese skurrile Dorfgemeinschaft gekommen war und neben einem ausgeprägten Freiheitsdrang, was seine Liebschaften anbelangte, die Dorfbewohner auch geschickt auszunehmen wusste. Kein Mann zum Liebhaben – und so fand er auch ein grausiges Ende in diesem Dorf ohne hübsche Vorgärten und ganz ohne fröhlich spielende Kinder. Kein Ende fanden dagegen die Ermittlungen der beiden Magdeburger Hauptkommissare, die bis zum Schluss auch nicht den Hauch einer Ahnung hatten, wo denn nun die Leiche und wer als Jurijs Mörder zu verhaften war. Nur, dass das ganze Dorf dafür verantwortlich sein musste, war von Anfang an klar. Das verriet ja schon der Titel.

Selten hat man Doreen Brasch so unaufgeregt, fast schon gelangweilt gesehen. Bis auf eine Szene tat sie einfach ihre Arbeit, ohne laut zu werden, ohne anzuecken, ohne Konflikte mit Chef und Kollege Köhler. Eher seltsam mutete die Rolle von Matthias Matschke an, der das letzte Mal als Kommissar Köhler auf Mörderjagd ging. Auch sein Auftritt plätscherte so dahin, ohne große Höhepunkte, ohne würdigen Abschied. Schade, denn gerade er machte den Polizeiruf aus Magdeburg zu einer der besseren Krimis dieser Reihe. Man hätte ihm zum Ausstieg einen spektakulären Abgang gewünscht. /sis

Köhler (Matthias Matschke) befragt Werner (Hans-Uwe Bauer), dieser ist nicht gut auf Jurij zu sprechen. Seine Tochter Annette (Katharina Heyer) hört zu. Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhardt.

Den Erwartungen nicht gerecht geworden

Den Erwartungen nicht gerecht geworden
Rezension Dan Brown „Origin“

Wer sich ein Buch des amerikanischen Bestsellerautors Dan Brown aussucht, weiß in der Regel, was ihn erwartet: Viel religiös angehaucht Historisches verbunden mit spektakulären Erkenntnissen und natürlich eine gehörige Portion architektonisch Wissenswertes. In seinem neuesten Buch „Origin“ entführt Dan Brown seine Leser nach Spanien. Wieder spielt Religion eine wichtige Rolle, allerdings steht diesmal nicht die römisch-katholische Kirche im Mittelpunkt, sondern eine Abspaltung namens palmarianisch-katholische Kirche, die auf den ersten Blick für die Morde im Zusammenhang mit den spektakulären Enthüllungen des Zukunftsforschers Edmond Kirsch verantwortlich scheint. Kirsch will Antworten gefunden haben auf die elementaren Fragen der Menschheit „Wo kommen wir her?“ und „Wo gehen wir hin?“  Natürlich ist auch aller Leser Lieblingsprofessor Robert Langdon mit von der Partie, als Kirschs ehemaliger Lehrer und enger Freund spielt er eine zentrale Rolle in der von Kirsch geplanten Präsentation eben dieser Antworten im Guggenheim Museum in Bilbao. Kirsch wird von einem Anhänger der palmarianischen Kirche ermordet und Robert Langdon muss zusammen mit der Verlobten des spanischen Kronprinzen, Ambra Vidal – wie bei Bown üblich wieder eine junge, ausgesprochen hübsche und natürlich hoch intelligente Frau -, Edmond Kirschs Passwort entschlüsseln, um die Präsentation doch noch auszustrahlen. Die wilde Jagd geht von Bilbao nach Barcelona. Ganz nebenbei erfährt der Leser wieder viel über Barcelonas Sehenswürdigkeiten wie die Casa Milá und die Kathedrale Sagrada Familia des Stararchitekten Antonio Gaudi, außerdem reist er mit dem Kronprinzen Julián von Madrid in den Palast El Escorial und das Tal der Gefangenen mit dem gigantischen Franco-Mausoleum.

Interessant, gewiss, zumal wenn man nicht die Übersetzung benötigt, sondern das englische Original lesen kann. Trotzdem wird „Origin“ den Erwartungen nicht gerecht. So spektakulär sind Edmond Kirschs Enthüllungen am Ende nicht, als dass sie die daraus resultierenden, zum Teil wieder recht brutalen Reaktionen der beteiligten Figuren begründen könnten. Daran ändert auch der geniale Einfall mit der Künstlichen Intelligenz namens „Winston“ nichts, die nur ein Ziel kennt: Die Vorstellungen ihres Erfinders und „Herren“ Edmond Kirsch ohne Rücksicht auf Verluste durchzusetzen. Ein bisschen viel Intelligenz für eine Maschine – nach Kirschs Erkenntnissen aber sind genau solche Maschinen die Zukunft, während die Menschheit untergeht. Da also “gehen wir hin”! /sis

Bibliographische Angaben
Dan Brown: “Origin”
Englisches Original, Random House, 2017, 480 Seiten
ISBN 0385514239

Für dumm verkauft?

Für dumm verkauft?
Rezension Vincent Kliesch/Sebastian Fitzek „Auris“

Hochgelobt wird der Thriller „Auris“ von Vincent Kliesch nach einer Idee von Sebastian Fitzek. Allerdings wird das 352 Seiten umfassende Buch diesen Vorschusslorbeeren nicht gerecht. Es ist in der Tat zwar eine äußert ungewöhnliche und auch sehr spannende Geschichte, deren Ende aber den Leser geradezu verhöhnt. So stellt Kliesch seiner Protagonistin Jula Ansorge bei der Suche nach dem Entführer ihres Halbbruders Elyas einen genialen Fallanalytiker an die Seite, der durch seine Fähigkeit, aus der Stimme eines Menschen seine Herkunft, sein Aussehen und die psychische Verfassung des möglichen Täters herauszulesen, für die Polizei schon viele Fälle gelöst hat. Nur sitzt dieser akustische Profiler namens Matthias Hegel, genannt “Auris” (lateinisch “das Ohr”), selbst wegen Mordes im Gefängnis – unschuldig. Das jedenfalls macht der Autor seinen Lesern weis bis zum Schluss. Dann nämlich stellen sich alle Bemühungen, den jungen Elyas aufzuspüren, als eine einzige Intrige heraus, die nur dazu dienen soll, Hegel selbst aus dem Gefängnis zu befreien. Hegel, der über 300 Seiten lang als absolut integer, ehrlich und zurückhaltend geschildert wird, entpuppt sich ohne jede Vorwarnung als Monster, das aus dem Gefängnis heraus das Geschehen um Elyas’ Entführung inszeniert haben soll – aber nur vielleicht. Ob das tatsächlich so ist, bleibt letztlich offen. Hegel bestreitet glaubwürdig jede Schuld, will aber aus den Drohanrufen die Stimmen seines besten Freundes und seiner Schwiegermutter nicht herausgehört haben. Der Leser nimmt dem Erzähler diese Wendung nicht ab. Sie wirkt unglaubwürdig und führt das gesamte Geschehen ad absurdum. Und dann taucht zu guter Letzt und ganz nebenbei auch noch Julas richtiger Bruder Moritz wieder auf, der sich zu Beginn der Geschichte bei einer gemeinsamen Reise in Argentinien das Leben genommen haben soll. Hegel will ihn aus dem Gefängnis heraus in einem Zeugenschutzprogramm, von dem zuvor nie die Rede war, aufgespürt haben. Was Moritz getan hat, um in dieses Schutzprogramm aufgenommen zu werden, bleibt genauso im Dunkeln wie die Frage, was das alles mit Julas Vergewaltigung in Argentinien zu tun haben soll. Ein einziges Chaos, aus dem der Autor mit fragwürdigen Erklärungen zu entkommen sucht. Schade!

Vincent Kliesch gibt in seiner seitenlangen Dankesrede am Ende des Buches an, drei Jahre an diesem Thriller gearbeitet zu haben. Man hätte ihm ein weiteres Jahr gegönnt, um vielleicht doch noch einen durchdachten, logischen Schluss für seine an sich packende Geschichte zu finden. So beschleicht den Leser am Ende nur das ungute Gefühl, für dumm verkauft worden zu sein. /sis

Bibliographische Angaben:
Vincent Kliesch/Sebastian Fitzek: „Auris“
Droemer Verlag, 2019, 352 Seiten
ISBN 978-3-426-30718-2

Giuseppe Verdi: Ein Jetset-Leben

Giuseppe Verdi: Ein Jetset-Leben
Giuseppe Verdi (1813 – 1901)

Wie die meisten großen Künstler war Giuseppe Verdi am Ende seines Lebens wirklich reich. Er besaß Ländereien, betrieb Ackerbau und Viehzucht im großen Stil, lebte im Frühjahr und Sommer in seiner Villa Sant’Agata in der Nähe von Busseto und verbrachte die Winter in Genua und Mailand. Ein Jetset-Leben würde man heute sagen. Aber dafür musste Verdi hart arbeiten. Am Ende seines Lebens hatte er neben geistlicher Musik, Kammermusik und Kantaten 32 Opern komponiert, darunter die weltberühmten Opern “Nabucco”, “Rigoletto” und “Aida”. Für Verdi stand stets die Bühnenwirksamkeit seiner Werke im Mittelpunkt. Er hatte eine Vorliebe für Shakespeare und kämpfte mit der von Kritikern erdachten Konkurrenz zu Richard Wagner.

Giuseppe Verdi lernte früh, welche Bedeutung Geld hat und strebte deshalb von Anfang an nach finanzieller Unabhängigkeit. Dabei begann seine Karriere alles andere als erfolgversprechend. Verdi wurde am 10. Oktober 1813 in Le Roncole in der Provinz Parma, damals zum französischen Kaiserreich gehörend, geboren. Der Vater, Carlo Verdi, war Gastwirt und Lebensmittelhändler, die Mutter, Luigia Uttino, stand in der Gaststube, wenn der Vater zum Einkauf von Waren unterwegs war. Zwei Jahre später kam seine Schwester Giuseppa zur Welt. Als Verdi vier Jahre alt war, lernte er beim Dorflehrer lesen und schreiben und bekam später seinen ersten Orgelunterricht, denn es war die Musik, die den eher schüchternen kleinen Jungen begeisterte. Damit war klar, Verdi sollte später Organist werden. Verdis Vater kaufte dem damals erst Siebenjährigen ein gebrauchtes Spinett, das Giuseppe bis an sein Lebensende in Ehren hielt. Obwohl Verdi also in relativem Wohlstand aufwuchs, dachte er später an seine Kindheit stets in Verbindung mit Armut zurück, doch war es eher die Abhängigkeit von anderen, die Verdi geprägt haben musste. Mit zehn Jahren wechselte er aufs Gymnasium nach Busseto, mit zwölf erhielt er beim Kapellmeister und Komponist Ferdinando Provesi Harmonielehre und Kompositionsunterricht. Von da an komponierte Verdi selbst und konnte mit dem Orchester der Philharmonischen Gesellschaft von Busseto seine Kompositionen auch gleich ausprobieren und aufführen. Proben und Konzerte fanden im Haus des Präsidenten der Gesellschaft statt, dem Kaufmann Antonio Barezzi, der Verdi 1831 bei sich aufnahm. Die beiden verband eine tiefe Freundschaft, die 38 Jahre hielt.

Provesi aber drängte Verdi zum Studium am Mailänder Konservatorium, doch Verdi bestand die Aufnahmeprüfung nicht, eine Niederlage, die er nie verwunden hat. Noch im Alter von 84 Jahren empörte er sich über das Konservatorium, sprach von einem „Anschlag auf seine Existenz“. Dennoch blieb Verdi in Mailand, nahm Unterricht bei einem Lehrer des Konservatoriums und lebte bei einem Bekannten Barezzis, der sich allerdings in Briefen fortgesetzt über Verdi beklagte. Verdi zog deshalb in ein anderes Zimmer in der Nähe der Scala, in der er als Zwanzigjähriger auch gleich einen ersten Erfolg feierte. Bei einer Probe von Haydns „Schöpfung“ vertrat er den erkrankten Cembalisten mit so viel Hingabe, dass man ihm gleich die Aufführung des Oratoriums übertrug. Obwohl Mailand mit seinen Konzerten und Maskenfesten den jungen Verdi sehr beeindruckte, kehrte er 1833 nach Busseto zurück, um dort die frei gewordene Stelle des Organisten und Kapellmeisters anzutreten, die aber der Bischof unter der Hand bereits anderweitig vergeben hatte. Verdi blieb in Busseto, arbeitete wieder mit den Philharmonikern zusammen und bekam 1836 schließlich die Stelle des städtischen Musikdirektors. Im selben Jahr heiratete er Barezzis Tochter Margherita, 1837 kam Tochter Virginia und ein Jahr später Sohn Icilio Romano zur Welt. Virginia starb 1838. Zu der Zeit unternahm Verdi allerlei Versuche, seine erste Oper zur Aufführung zu bringen. Da er in Busseto damit nicht weiterkam, zog er mit seiner Familie nach Mailand. Die Premiere 1839 war nicht gerade ein Triumpf, brachte ihm aber einen Auftrag für drei weitere Opern ein. Doch dann starb auch noch sein Sohn und 1840 seine Frau Margherita. Völlig verzweifelt kehrte Verdi nach Busseto zurück und vergrub sich lange Zeit im Hause seines Schwiegervaters. Mailand aber entließ ihn nicht aus dem Vertrag und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die angefangene Oper zu Ende zu komponieren. Die Premiere wurde ein Fiasko.

Durch Zufall fiel Verdi das Textbuch zu „Nabucco“ in die Hände. In den Versen fand er die polititschen Erfahrungen und Träume seines eigenen Volkes wieder, die ihn zu seiner weltberühmten Musik inspirierten. Mit der Premiere 1842 avancierte Verdi zum Star der Mailänder Oper. Schon 1844 konnte er ein Anwesen in Villanova sull’Arda, drei Kilometer nordwestlich von Busseto, mit Wiesen und Weingärten erwerben und ein Jahr später kaufte er sich den Palazzo Cavalli in Busseto. Denn endlich konnte Verdi seine Verträge selbst aushandeln und auch die Höhe seiner Honorare selbst bestimmen. Bis 1850 schrieb er zwölf weitere Opern. Die Arbeitsbelastung empfand er als enorm, zudem litt er unter Magenbeschwerden, Bronchitis und Rheuma. Dazu kam die Zensur des Staates über die Theater, vieles war verboten und mancher Schriftsteller, wie beispielsweise Victor Hugo, per se verdächtig. 1849 besuchte die Sängerin Giuseppe Strepponi Verdi in seiner Villa in Busseto, damals ein Skandal. 1851 zogen die beiden in das zur Villa Sant’Agata aufwendig umgebaute Gutshaus in Villanova sull’Arda. Verdi eignete sich Kenntnisse in Acker- und Weinbau an und kannte sich bald auch in der Rinder- und Pferdezucht bestens aus. Er entwickelte eine Leidenschaft für das Landleben, die ihn bis ans Lebensende begleitete. 1859 schließlich heiratete er Giuseppa Strepponi. 1860 musste er nach vier Jahren des Müßiggangs einen Auftrag aus St. Petersburg annehmen, er brauchte Geld, die Zukäufe von Land und der Umbau des Hauses hatten Unsummen verschlungen. 1864 war die Villa Sant’Agata aber zu einem Paradies geworden, großbürgerlich eingerichtet, mit Skulpturen und Bildern, die Verdi und seine Frau von ihren Reisen mitgebracht hatten, auch seltene Pflanzen waren dabei.

Frühjahr und Spätsommer verbrachte das Paar in Sant’Agata, wo Verdi rund 200 Land- und Bauarbeiter beschäftigte. Sie luden sich Gäste ein, die Verdi gelegentlich sogar selbst bekochte, sie spielten gerne Karten oder Billard. Im Hochsommer ging es zur Kur nach Tabiano, einmal im Jahr nach Mailand und recht häufig nach Paris. Nach einem Schwächeanfall 1886 konzentrierte sich Verdi ganz auf die Landwirtschaft, baute eine Meierei, um den Bewohnern der Umgebung Arbeit zu verschaffen und ließ sogar ein Krankenhaus erbauen. Doch ohne zu komponieren konnte Verdi auf Dauer nicht leben. So entstand “Otello”. Am Tag der Uraufführung 1887 waren schon zur Mittagszeit alle Straßen in Mailand verstopft und die Viva-Verdi-Rufe wollten kein Ende nehmen.

Im Mai 1889 begann er mit den Arbeiten zu seiner letzten Oper “Falstaff”. Nur war Verdi inzwischen von dem Gedanken besessen, die Arbeit nicht mehr beenden zu können. Tatsächlich erlitt er 1897 einen Schlaganfall und im November des gleichen Jahres starb seine zweite Ehefrau Giuseppa. Verdi schrieb sein Testament, in dem er viele soziale Einrichtungen bedachte. Am 21. Januar 1901 folgte der zweite Schlaganfall, am 27. Januar starb Verdi. Am 26. Februar 1901 wurden beide Särge in die Kapelle der Casa di Riposo, einem Altenheim für Sänger und Musiker, das Verdi gestiftet hatte, überführt. Über 300.000 Menschen reihten sich in den Trauerzug ein, um Abschied zu nehmen von dem Komponisten, der über 50 Jahre lang die Openwelt dominierte und noch heute begeisterte Anhänger hat. /sis

Bühnenbild zu “Rigoletto” (Foto: Bregenzer Festspiele)

Lesen Sie dazu auch: “Rigoletto” – ein schaurig schönes Meisterwerk

Buchempfehlung: Barbara Meier, Giuseppe Verdi, Rowohlt E-Book 2013, 154 Seiten, ISBN 978-3-6444969-10

 

Spannender Blick in die Überwachungszukunft

Spannender Blick in die Überwachungszukunft
Rezension Tom Hillenbrand „Drohnenland“

Wer den Zugriff auf die Daten hat, der hat die absolute Macht. Und um diese Macht zu erhalten, schrecken Menschen auch vor massenhaftem Mord nicht zurück. Das ist der Kern des futuristischen Thrillers „Drohnenland“ von Tom Hillenbrand, der 2014 veröffentlicht, mit dem Friedrich-Glauser-Preis als bester Kriminalroman ausgezeichnet wurde und inzwischen in der 12. Auflage erschienen ist.

In Hillenbrands Geschichte wird das Europa der Zukunft von den unterschiedlichsten Drohnen überwacht, die alles sehen, alles hören und alles aufzeichnen. Diese Aufzeichnungen kann man sich nicht nur anschauen, man sich auch direkt in sie hineinspiegeln lassen, erfährt die Situation quasi als unsichtbarer Geist direkt und hautnah mit. So jedenfalls löst Kriminalhauptkommissar Arthur van der Westerhuizen vorzugsweise seine Fälle in Brüssel. Keiner entkommt dieser allumfassenden Überwachung, ein Computer weiß jederzeit, wo wer ist und was er gerade tut, mehr noch, er kann sogar voraussagen, was der jeweilige Mensch in Zukunft tun wird, mit einer gewissen Schwankungstoleranz. Um diesen Zustand totaler Kontrolle abzusichern, haben sich Kommission, Polizei und Geheimdienst in einer neuen, in Kürze zur Abstimmung stehenden Verfassung umfangreiche Rechte festschreiben und durch den allwissenden Polizeicomputer Terry auch gleich die eventuellen Neinsager unter den Abgeordneten bestimmen lassen. Sie sind ein unkalkulierbares Risiko für die machtbesessenen Chefs der drei Institutionen und so stirbt ein potentieller Neinsager nach dem anderen unbemerkt eines mehr oder minder natürlichen Todes, bis Kommissar Westerhuizen und seine Datenanalystin Ava Bittman den Verschwörern auf die Spur kommen, selbstverständlich nicht ohne selbst in höchste Lebensgefahr zu geraten.

Tom Hillenbrand erzählt aus der „Ich-Perspektive“ des Kommissars in der Gegenwart, was anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig ist. Von der ersten bis zur letzten Seite begleitet der Leser den ungewöhnlichen Polizisten durch die spannende Geschichte, die durch diese Erzählweise aber naturgemäß sehr dialoglastig ist. Das stört nicht weiter, außer vielleicht, dass Westerhuizens Mitarbeiterin Ava nahezu jeden ihrer Sätze mit einem liebevollen „Aart“ enden lässt, wie sie den Kommissar nennt. Trotzdem ist das Buch uneingeschränkt beste Krimiunterhaltung, die einen Blick in eine Zukunft gewährt, die hoffentlich niemals kommen wird. /sis

Bibliographische Angaben:
Tom Hillenbrand: „Drohnenland“
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, 423 Seiten, 12. Auflage 2019, ISBN978-3-462-04662-5

Von zäh zu spannend, aber viel zu unglaubwürdig

Von zäh zu spannend, aber viel zu unglaubwürdig
Rezension Sebastian Fitzek “Flugangst 7A”

Es sind schon recht gemischte Gefühle, die die Lektüre von Sebastian Fitzeks „Flugangst 7A“ hinterlässt. Anfangs findet man keinen rechten Zugang zur Geschichte und den handelnden Figuren. Immer wieder ist das Ende eines Kapitels auch das Ende der Lesezeit. In der Mitte schließlich wird es plötzlich ganz spannend, ein Buch, das man nicht aus der Hand legen mag. Und am Ende folgt die totale Übertreibung, die das Lesevergnügen doch sehr trübt. Jeder, wirklich jeder, der im Laufe der Geschichte aufgetauchten Figuren ist in irgendeiner Form in die Ereignisse verstrickt, es gibt keine „Guten“, nur komplett durchgeknallte Zeitgenossen, die vor keine Grausamkeit zurückschrecken. Das, und die Art und Weise, wie zur Auflösung ein Komatöser mit den Behörden kommuniziert, macht die gesamte Geschichte leider viel zu unglaubwürdig.

Der Psychiater Dr. Mats Krüger fliegt von Buenos Aires nach Berlin, um bei der Geburt seines Enkelkindes dabei zu sein. Krüger leidet unter extremer Flugangst, die erst wortreich beschrieben, dann aber urplötzlich nebensächlich wird, als er einen Anruf erhält mit der Nachricht, dass seine Tochter Nele entführt wurde und er sie nur retten kann, indem er eine der Flugbegleiterinnen, eine ehemalige Patientin, dazu bringt, das Flugzeug, in dem mit ihm weitere 600 Passagiere sitzen, abstürzen zu lassen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Krüger bittet seine Ex-Geliebte Feli, ebenfalls Psychiaterin, um Hilfe, die sich zusammen mit dem cleveren Kleinganoven Livio auf die Suche nach Nele macht. Krüger selbst versucht die Flugbegleiterin zu manipulieren, muss am Ende aber feststellen, dass er selbst manipuliert wurde. Er überlebt den Flug nicht, kann aber mit Hilfe eines Wunderarztes trotz „Locked-in-Syndrom“ der Polizei noch verraten, was er über den Entführer herausgefunden hat. Und dann macht Livio, der weit mehr Anteil am Geschehen hat, als zu Beginn zu vermuten wäre, einen entscheidenden, man könnte fast schon sagen, viel zu dummen Fehler, der zu Nele, dem Baby und Feli führt. Alle drei sind trotz der Höllenqualen, die sie erleiden mussten, wie durch ein Wunder unverletzt. Sie werden gerettet, alle anderen kommen um.

Blutrünstig geht es über die 380 Seiten zu, wobei die letzten 50 nur der Auflösung und Erläuterung vorbehalten sind. Streckenweise kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass so manche Wendung und Überraschung einfach nur Seiten füllen soll und deshalb vieles konstruiert und wenig ansprechend wirkt. Und zu guter Letzt hätte der Autor sicher ein glaubwürdigeres Ende finden können. Schade, denn die Geschichte an sich, ist sehr gut. Wie gesagt, es bleiben gemischte Gefühle! /sis

Bibliographische Daten
Sebastian Fitzek, Flugangst 7A
Knaur Taschenbuch, 2019, 400 Seiten
ISBN 978-3-426-51019-3

“Rigoletto” – ein schaurig schönes Meisterwerk

“Rigoletto” – ein schaurig schönes Meisterwerk
Das Bühnenbild der Bregenzer Festspiele 2019/2020 für Verdis Meisterwerk “Rigoletto”, entworfen von Regisseur Philipp Stölzl, der schon in Filmen wie “Der Medicus” für spektakuläre Szenen sorgte. (Foto: Bregenzer Festspiele/Andreas Beitler)

Sein Titelheld sei in seiner dramatischen Qualität eines Shakespeare würdig, soll Giuseppe Verdi über seinen „Rigoletto“ gesagt haben. Verdi bewunderte die englischen Dramatiker und soll wohl sogar darüber nachgedacht haben, die Geschichte des sagenumwobenen Königs Lear in eine Oper umzusetzen. Er entschied sich aber für Rigoletto, den Hofnarren des lüsternen Herzogs von Mantua und erzählt in seiner gleichnamigen Oper die tragische Geschichte von der Entführung und Ermordung von Rigolettos Tochter Gilda nach Victor Hugos Drama „Le Roi s’amuse“ von 1832. Weltweit bekannt ist die Arie „La donna è mobile“ (O wie so trügerisch sind Weiberherzen), die der Herzog von Mantua im dritten Akt singt.

In diesem und im kommenden Jahr ist Verdis schaurig schönes Meisterwerk in der Inszenierung von Philipp Stölzl auf der Seebühne in Bregenz zu sehen. Premiere war am 17. Juli und wie immer überrascht Bregenz mit einem ganz besonderen Bühnenbild, das im Übrigen auch von Philipp Stölzl stammt. Es zeigt einen über 13 Meter hohen und bis zu 11 Meter breiten Clownskopf und zwei überdimensionale Hände, die das zirkushafte Treiben am Hof des Herzogs symbolisieren.

Uraufgeführt wurde die Oper 1851 am Teatro La Fenice in Venedig. Das Libretto, also das Textbuch, stammt von Francesco Maria Piave, von 1844 bis 1860 Regisseur am Teatro La Fenice. Der Stoff hat von Anfang an für Diskussionen gesorgt. Hugos Theaterstück wurde nach der Uraufführung 1832 in Paris gar verboten. Verdis Oper wurde vom Publikum gefeiert, rief aber auch herbe Kritik hervor. Einige Zeitgenossen hielten die Geschichte für anstößig, fühlten sich von der buckeligen Titelfigur abgestoßen und empfanden den lasterhaften Herzog gar als Skandal.

„Rigoletto“ erzählt die Geschichte eines Krüppels und Narren, der gesellschaftliche Anerkennung sucht. Er will dazu gehören und überschüttet die Männer und Väter der Frauen, mit denen sich der Herzog von Mantua amüsiert, mit Hohn und Spott. Damit zieht er den Zorn seiner Mitmenschen auf sich und stürzt letztlich sich und seine Tochter Gilde ins Unglück. Die Geschichte beschreibt zugleich aber auch die unüberwindbare Kluft zwischen moralischem Anspruch der Gesellschaft und dem zügellosen Treiben eines ihrer hochrangigen Mitglieder, der sich an ein Bürgermädchen heranmacht. Kein Wunder, dass sich die selbstbewusste, bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts darüber empörte. Doch Ausgrenzung und nach Anerkennung buhlende Menschen gibt es heute wie damals. Und so ist Verdis „Rigoletto“ noch immer aktuell, ein Spiegelbild der menschlichen Gesellschaft mit all ihren Abgründen. /sis

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Zufrieden mit Mittelmaß?

Zufrieden mit Mittelmaß?
Kritik zum Tatort Luzern „Ausgezählt“
ARD Degeto Tatort “Ausgezählt”: Livebild vom Entführungsopfer: Delia Mayer als Liz Ritschard und Stefan Gubser als Reto Flückiger im Polizeirevier. Auf dem Monitor sieht man Tabea Buser als die entführte Martina Oberholzer. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)
Verhaftung am Tatort: Der ehemalige Polizist Heinz Oberholzer (Peter Jecklin) lässt sich als Mörder verhaften. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Als Krimifan bekommt man leicht den Eindruck, die Tatort-Macher geben sich neuerdings mit Mittelmaß zufrieden. Der neueste und zugleich vorletzte Tatort aus Luzern mit dem Titel „Ausgezählt“ jedenfalls war wiederum allenfalls Mittelmaß, sowohl von der Story als auch von der Ausführung her. Von der wirklich nervig schlechten Synchronisation ganz zu schweigen.

Dabei war die zugrunde liegende Geschichte der Drehbuchautoren Urs Bühler und Michael Herzig gar nicht so schlecht, auch wenn das Thema alles andere als neu war. Die Folgen von Doping, der schnellere körperliche Zerfall und die damit gesunkenen Überlebenschancen im Extremfall wurden sauber herausgearbeitet. Dann aber gab es – vermutlich um die 90 Minuten Sendezeit zu füllen – einfach zu viel Geschehen drum herum. Die Urkundenfälschung von Liz Ritschard (Delia Mayer), die einen Fehlversuch einfach gut sichtbar in einem Papierkorb entsorgt, damit das Corpus delicti auch ja von Partner Reto Flückiger (Stefan Gubser) gefunden wird, das Hinterherspionieren von Flückiger und das Aufdecken einer alten Geschichte, die Ritschard in Verbindung bringt mit dem vermeintlich Tatverdächtigen Heinz Oberholzer (Peter Jecklin). Das alles hätte man sich getrost schenken können, trug es doch nichts zum aktuellen Fall und der Suche nach der in einen Bunker eingesperrten Profiboxerin Martina Oberholzer (Tabea Buser) bei.

Überhaupt suchten die Ermittler eher im Schneckentempo nach der Entführten und das, obwohl das Opfer schon in kurzer Zeit zu verdursten drohte. Flückiger und Ritschard standen sehr viel vor dem großen Bildschirm, der Bilder vom Opfer in all seiner Pein live und ununterbrochen übertrug. Sie überlegten, planten, hinterfragten, spekulierten – mit Füßen auf dem Schreibtisch oder Zahnbürste im Mund. Die Brisanz der Suche konnten weder die beiden Ermittler noch der Rest des Teams an die Zuschauer weitergeben. Und selbst die Gefängnisszenen gestalteten sich eher langatmig. Für einen Drogenboss, der sein gesamtes Geschäft zu verlieren droht, gab sich Pius Küng (Pit-Arne Pietz) doch eher desinteressiert bis gelangweilt, da halfen auch die Prügelszenen nichts. Spannung wollte nicht aufkommen, nicht einmal Empathie für das Entführungsopfer und wer der wahre Täter war, konnte jeder Zuschauer ohnehin von Anfang an erahnen. Alles in allem eben einfach nur Mittelmaß! /sis

Belastender Fund in der Wohnung des Vaters der Boxerin: Reto Flückiger, Liz Ritschard (r.) Gerichtsmedizinerin Corinna Haas (Fabien Hardorn) und Ferdi Oberholzer (Ingo Ospelt). (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)
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