Kommissare auf Irrwegen

Kommissare auf Irrwegen
Kritik zum Tatort aus Dresden „Nemesis“
ARD/MDR Tatort “Nemesis”: Auf der Suche nach Nazarians Kreditkarte findet die Barkeeperin Lissy (Dena Abay) den ermordeten Joachim Benda in dessen Büro. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato.
Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) haben den entscheidenden Beweis gefunden und sind auf dem Weg, um den Täter zu verhaften. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato.

„Nemesis“ hieß der erste neue Tatort nach der Sommerpause mit dem ebenfalls noch neuen Dresdener Ermittlerduo Oberkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczweski) und Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel). Und der Titel war Programm, denn die Gattin des Mordopfers, Katharina Benda (Britta Hammelstein), entpuppte sich als wahre „Rachegöttin“. Nur leider verwies eben dieser Titel auch schon von Anfang an auf die Hintergründe der Tat und das nahm der Geschichte aus der Feder der Drehbuchautoren Mark Monheim und Stephan Wagner, der zugleich Regie führte, viel der möglichen Spannung. Und so zogen sich die Ermittlungen doch etwas in die Länge, die die Kommissarinnen erst einmal auf einen Irrweg ins Mafia-Milieu mit klassischer Schutzgelderpressung und Geldwäsche führten. Leider wurden in diesem Zusammenhang auch gleich wieder die alten Klischees von verdienten Polizisten bedient, die früher gerne einmal ein Auge zugedrückt haben. So soll Leonie Winklers Vater Otto Winkler (Uwe Preuß) eben solchen Geldwäschegeschäften einfach zugeschaut haben, was natürlich der Tochter überhaupt nicht schmecken wollte. Auch Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (großartiger Martin Brambach) hatte mit „Befangenheit“ zu kämpfen, entpuppte er sich doch als guter Freund und Vertrauter des Opfers und dessen rachsüchtiger Ehefrau. Dass sowohl Leonie Winkler als auch Chef Schnabel von den Ermittlungen hätten ausgeschlossen werden müssen, sei nur am Rande erwähnt. Spätestens als die Ermittlungen nur noch in Richtung Ehefrau des Opfers und deren beiden Söhne Valentin (Caspar Hoffmann) und Viktor (Juri Sam Winkler) wiesen, wäre das Aus für Schnabel angezeigt gewesen. Doch er glaubte hartnäckig an die Unschuld seiner Freundin Katharina Benda und legte seinem Team einige Steine in den Weg, bis es beim dann endlich auch spannenden, wenn auch etwas übertriebenen Finale keinen Zweifel mehr an ihrer Schuld gab.

Nicht hinweg sehen kann man über die Tatsache, dass Oberkommissarin Gorniak an der Seite ihrer neuen Kollegin eigentlich nur noch die zweite Geige spielt, ja fast schon zur Nebenfigur degradiert wird. Schade, mit Leonie Winklers Vorgängerin Hennie Sieland (Alwara Höfels) gab es zwar gelegentliche Reibereien, aber sie arbeiteten doch zumindest auf Augenhöhe. Bleibt zu hoffen, dass sich in den nächsten Folgen aus Dresden das Niveau des neuen Ermittlerduos wieder angleicht. /sis

Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Peter Schnabel (Martin Brambach) koordinieren die Einsatzkräfte am Einsatzort. Schnabel beschreibt der Feuerwehr die Lage. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato

Müder Auftakt in die Krimisaison

Müder Auftakt in die Krimisaison
Kritik zum Polizeiruf 110 Magdeburg – Mörderische Dorfgemeinschaft
ARD/MDR Polizeiruf 110 “Mörderische Dorfgemeinschaft”: Die Kollegen Lemp (Felix Vörtler), Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke) starren auf die Überreste einer Hand. Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhardt
Auf einer einsamen Waldlichtung wurde ein verlassenes Auto mit Unmengen an Blut im Kofferraum gefunden. Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke) inspizieren den Fundort. Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhardt

Wenn man während eines Krimis immer mal wieder kurz wegdämmert, dann ist das nicht unbedingt ein Zeichen für Spannung und Dynamik. Und so war denn auch der Auftakt in die neue ARD-Krimisaison mit dem Polizeiruf 110 „Mörderische Dorfgemeinschaft“ einfach nur langweilig. Daran änderten auch die recht unromantischen, harten Sexszenen nichts, die der Zuschauer über sich ergehen lassen musste. Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Hauptkommissar Dirk Köhler (Matthias Matschke) untersuchten einen Mord ohne Leiche in einem abgeschiedenen Dorf, dessen Bewohner, obwohl fast durchweg noch jüngeren Alters, irgendwo in grauer – oder besser gelber – Vergangenheit hängengeblieben waren. Ganz im Gegensatz zu Jurij Sergey Rehberg (Tambet Tuisk), der neu in diese skurrile Dorfgemeinschaft gekommen war und neben einem ausgeprägten Freiheitsdrang, was seine Liebschaften anbelangte, die Dorfbewohner auch geschickt auszunehmen wusste. Kein Mann zum Liebhaben – und so fand er auch ein grausiges Ende in diesem Dorf ohne hübsche Vorgärten und ganz ohne fröhlich spielende Kinder. Kein Ende fanden dagegen die Ermittlungen der beiden Magdeburger Hauptkommissare, die bis zum Schluss auch nicht den Hauch einer Ahnung hatten, wo denn nun die Leiche und wer als Jurijs Mörder zu verhaften war. Nur, dass das ganze Dorf dafür verantwortlich sein musste, war von Anfang an klar. Das verriet ja schon der Titel.

Selten hat man Doreen Brasch so unaufgeregt, fast schon gelangweilt gesehen. Bis auf eine Szene tat sie einfach ihre Arbeit, ohne laut zu werden, ohne anzuecken, ohne Konflikte mit Chef und Kollege Köhler. Eher seltsam mutete die Rolle von Matthias Matschke an, der das letzte Mal als Kommissar Köhler auf Mörderjagd ging. Auch sein Auftritt plätscherte so dahin, ohne große Höhepunkte, ohne würdigen Abschied. Schade, denn gerade er machte den Polizeiruf aus Magdeburg zu einer der besseren Krimis dieser Reihe. Man hätte ihm zum Ausstieg einen spektakulären Abgang gewünscht. /sis

Köhler (Matthias Matschke) befragt Werner (Hans-Uwe Bauer), dieser ist nicht gut auf Jurij zu sprechen. Seine Tochter Annette (Katharina Heyer) hört zu. Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhardt.

Den Erwartungen nicht gerecht geworden

Den Erwartungen nicht gerecht geworden
Rezension Dan Brown „Origin“

Wer sich ein Buch des amerikanischen Bestsellerautors Dan Brown aussucht, weiß in der Regel, was ihn erwartet: Viel religiös angehaucht Historisches verbunden mit spektakulären Erkenntnissen und natürlich eine gehörige Portion architektonisch Wissenswertes. In seinem neuesten Buch „Origin“ entführt Dan Brown seine Leser nach Spanien. Wieder spielt Religion eine wichtige Rolle, allerdings steht diesmal nicht die römisch-katholische Kirche im Mittelpunkt, sondern eine Abspaltung namens palmarianisch-katholische Kirche, die auf den ersten Blick für die Morde im Zusammenhang mit den spektakulären Enthüllungen des Zukunftsforschers Edmond Kirsch verantwortlich scheint. Kirsch will Antworten gefunden haben auf die elementaren Fragen der Menschheit „Wo kommen wir her?“ und „Wo gehen wir hin?“  Natürlich ist auch aller Leser Lieblingsprofessor Robert Langdon mit von der Partie, als Kirschs ehemaliger Lehrer und enger Freund spielt er eine zentrale Rolle in der von Kirsch geplanten Präsentation eben dieser Antworten im Guggenheim Museum in Bilbao. Kirsch wird von einem Anhänger der palmarianischen Kirche ermordet und Robert Langdon muss zusammen mit der Verlobten des spanischen Kronprinzen, Ambra Vidal – wie bei Bown üblich wieder eine junge, ausgesprochen hübsche und natürlich hoch intelligente Frau -, Edmond Kirschs Passwort entschlüsseln, um die Präsentation doch noch auszustrahlen. Die wilde Jagd geht von Bilbao nach Barcelona. Ganz nebenbei erfährt der Leser wieder viel über Barcelonas Sehenswürdigkeiten wie die Casa Milá und die Kathedrale Sagrada Familia des Stararchitekten Antonio Gaudi, außerdem reist er mit dem Kronprinzen Julián von Madrid in den Palast El Escorial und das Tal der Gefangenen mit dem gigantischen Franco-Mausoleum.

Interessant, gewiss, zumal wenn man nicht die Übersetzung benötigt, sondern das englische Original lesen kann. Trotzdem wird „Origin“ den Erwartungen nicht gerecht. So spektakulär sind Edmond Kirschs Enthüllungen am Ende nicht, als dass sie die daraus resultierenden, zum Teil wieder recht brutalen Reaktionen der beteiligten Figuren begründen könnten. Daran ändert auch der geniale Einfall mit der Künstlichen Intelligenz namens „Winston“ nichts, die nur ein Ziel kennt: Die Vorstellungen ihres Erfinders und „Herren“ Edmond Kirsch ohne Rücksicht auf Verluste durchzusetzen. Ein bisschen viel Intelligenz für eine Maschine – nach Kirschs Erkenntnissen aber sind genau solche Maschinen die Zukunft, während die Menschheit untergeht. Da also “gehen wir hin”! /sis

Bibliographische Angaben
Dan Brown: “Origin”
Englisches Original, Random House, 2017, 480 Seiten
ISBN 0385514239

Für dumm verkauft?

Für dumm verkauft?
Rezension Vincent Kliesch/Sebastian Fitzek „Auris“

Hochgelobt wird der Thriller „Auris“ von Vincent Kliesch nach einer Idee von Sebastian Fitzek. Allerdings wird das 352 Seiten umfassende Buch diesen Vorschusslorbeeren nicht gerecht. Es ist in der Tat zwar eine äußert ungewöhnliche und auch sehr spannende Geschichte, deren Ende aber den Leser geradezu verhöhnt. So stellt Kliesch seiner Protagonistin Jula Ansorge bei der Suche nach dem Entführer ihres Halbbruders Elyas einen genialen Fallanalytiker an die Seite, der durch seine Fähigkeit, aus der Stimme eines Menschen seine Herkunft, sein Aussehen und die psychische Verfassung des möglichen Täters herauszulesen, für die Polizei schon viele Fälle gelöst hat. Nur sitzt dieser akustische Profiler namens Matthias Hegel, genannt “Auris” (lateinisch “das Ohr”), selbst wegen Mordes im Gefängnis – unschuldig. Das jedenfalls macht der Autor seinen Lesern weis bis zum Schluss. Dann nämlich stellen sich alle Bemühungen, den jungen Elyas aufzuspüren, als eine einzige Intrige heraus, die nur dazu dienen soll, Hegel selbst aus dem Gefängnis zu befreien. Hegel, der über 300 Seiten lang als absolut integer, ehrlich und zurückhaltend geschildert wird, entpuppt sich ohne jede Vorwarnung als Monster, das aus dem Gefängnis heraus das Geschehen um Elyas’ Entführung inszeniert haben soll – aber nur vielleicht. Ob das tatsächlich so ist, bleibt letztlich offen. Hegel bestreitet glaubwürdig jede Schuld, will aber aus den Drohanrufen die Stimmen seines besten Freundes und seiner Schwiegermutter nicht herausgehört haben. Der Leser nimmt dem Erzähler diese Wendung nicht ab. Sie wirkt unglaubwürdig und führt das gesamte Geschehen ad absurdum. Und dann taucht zu guter Letzt und ganz nebenbei auch noch Julas richtiger Bruder Moritz wieder auf, der sich zu Beginn der Geschichte bei einer gemeinsamen Reise in Argentinien das Leben genommen haben soll. Hegel will ihn aus dem Gefängnis heraus in einem Zeugenschutzprogramm, von dem zuvor nie die Rede war, aufgespürt haben. Was Moritz getan hat, um in dieses Schutzprogramm aufgenommen zu werden, bleibt genauso im Dunkeln wie die Frage, was das alles mit Julas Vergewaltigung in Argentinien zu tun haben soll. Ein einziges Chaos, aus dem der Autor mit fragwürdigen Erklärungen zu entkommen sucht. Schade!

Vincent Kliesch gibt in seiner seitenlangen Dankesrede am Ende des Buches an, drei Jahre an diesem Thriller gearbeitet zu haben. Man hätte ihm ein weiteres Jahr gegönnt, um vielleicht doch noch einen durchdachten, logischen Schluss für seine an sich packende Geschichte zu finden. So beschleicht den Leser am Ende nur das ungute Gefühl, für dumm verkauft worden zu sein. /sis

Bibliographische Angaben:
Vincent Kliesch/Sebastian Fitzek: „Auris“
Droemer Verlag, 2019, 352 Seiten
ISBN 978-3-426-30718-2

Giuseppe Verdi: Ein Jetset-Leben

Giuseppe Verdi: Ein Jetset-Leben
Giuseppe Verdi (1813 – 1901)

Wie die meisten großen Künstler war Giuseppe Verdi am Ende seines Lebens wirklich reich. Er besaß Ländereien, betrieb Ackerbau und Viehzucht im großen Stil, lebte im Frühjahr und Sommer in seiner Villa Sant’Agata in der Nähe von Busseto und verbrachte die Winter in Genua und Mailand. Ein Jetset-Leben würde man heute sagen. Aber dafür musste Verdi hart arbeiten. Am Ende seines Lebens hatte er neben geistlicher Musik, Kammermusik und Kantaten 32 Opern komponiert, darunter die weltberühmten Opern “Nabucco”, “Rigoletto” und “Aida”. Für Verdi stand stets die Bühnenwirksamkeit seiner Werke im Mittelpunkt. Er hatte eine Vorliebe für Shakespeare und kämpfte mit der von Kritikern erdachten Konkurrenz zu Richard Wagner.

Giuseppe Verdi lernte früh, welche Bedeutung Geld hat und strebte deshalb von Anfang an nach finanzieller Unabhängigkeit. Dabei begann seine Karriere alles andere als erfolgversprechend. Verdi wurde am 10. Oktober 1813 in Le Roncole in der Provinz Parma, damals zum französischen Kaiserreich gehörend, geboren. Der Vater, Carlo Verdi, war Gastwirt und Lebensmittelhändler, die Mutter, Luigia Uttino, stand in der Gaststube, wenn der Vater zum Einkauf von Waren unterwegs war. Zwei Jahre später kam seine Schwester Giuseppa zur Welt. Als Verdi vier Jahre alt war, lernte er beim Dorflehrer lesen und schreiben und bekam später seinen ersten Orgelunterricht, denn es war die Musik, die den eher schüchternen kleinen Jungen begeisterte. Damit war klar, Verdi sollte später Organist werden. Verdis Vater kaufte dem damals erst Siebenjährigen ein gebrauchtes Spinett, das Giuseppe bis an sein Lebensende in Ehren hielt. Obwohl Verdi also in relativem Wohlstand aufwuchs, dachte er später an seine Kindheit stets in Verbindung mit Armut zurück, doch war es eher die Abhängigkeit von anderen, die Verdi geprägt haben musste. Mit zehn Jahren wechselte er aufs Gymnasium nach Busseto, mit zwölf erhielt er beim Kapellmeister und Komponist Ferdinando Provesi Harmonielehre und Kompositionsunterricht. Von da an komponierte Verdi selbst und konnte mit dem Orchester der Philharmonischen Gesellschaft von Busseto seine Kompositionen auch gleich ausprobieren und aufführen. Proben und Konzerte fanden im Haus des Präsidenten der Gesellschaft statt, dem Kaufmann Antonio Barezzi, der Verdi 1831 bei sich aufnahm. Die beiden verband eine tiefe Freundschaft, die 38 Jahre hielt.

Provesi aber drängte Verdi zum Studium am Mailänder Konservatorium, doch Verdi bestand die Aufnahmeprüfung nicht, eine Niederlage, die er nie verwunden hat. Noch im Alter von 84 Jahren empörte er sich über das Konservatorium, sprach von einem „Anschlag auf seine Existenz“. Dennoch blieb Verdi in Mailand, nahm Unterricht bei einem Lehrer des Konservatoriums und lebte bei einem Bekannten Barezzis, der sich allerdings in Briefen fortgesetzt über Verdi beklagte. Verdi zog deshalb in ein anderes Zimmer in der Nähe der Scala, in der er als Zwanzigjähriger auch gleich einen ersten Erfolg feierte. Bei einer Probe von Haydns „Schöpfung“ vertrat er den erkrankten Cembalisten mit so viel Hingabe, dass man ihm gleich die Aufführung des Oratoriums übertrug. Obwohl Mailand mit seinen Konzerten und Maskenfesten den jungen Verdi sehr beeindruckte, kehrte er 1833 nach Busseto zurück, um dort die frei gewordene Stelle des Organisten und Kapellmeisters anzutreten, die aber der Bischof unter der Hand bereits anderweitig vergeben hatte. Verdi blieb in Busseto, arbeitete wieder mit den Philharmonikern zusammen und bekam 1836 schließlich die Stelle des städtischen Musikdirektors. Im selben Jahr heiratete er Barezzis Tochter Margherita, 1837 kam Tochter Virginia und ein Jahr später Sohn Icilio Romano zur Welt. Virginia starb 1838. Zu der Zeit unternahm Verdi allerlei Versuche, seine erste Oper zur Aufführung zu bringen. Da er in Busseto damit nicht weiterkam, zog er mit seiner Familie nach Mailand. Die Premiere 1839 war nicht gerade ein Triumpf, brachte ihm aber einen Auftrag für drei weitere Opern ein. Doch dann starb auch noch sein Sohn und 1840 seine Frau Margherita. Völlig verzweifelt kehrte Verdi nach Busseto zurück und vergrub sich lange Zeit im Hause seines Schwiegervaters. Mailand aber entließ ihn nicht aus dem Vertrag und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die angefangene Oper zu Ende zu komponieren. Die Premiere wurde ein Fiasko.

Durch Zufall fiel Verdi das Textbuch zu „Nabucco“ in die Hände. In den Versen fand er die polititschen Erfahrungen und Träume seines eigenen Volkes wieder, die ihn zu seiner weltberühmten Musik inspirierten. Mit der Premiere 1842 avancierte Verdi zum Star der Mailänder Oper. Schon 1844 konnte er ein Anwesen in Villanova sull’Arda, drei Kilometer nordwestlich von Busseto, mit Wiesen und Weingärten erwerben und ein Jahr später kaufte er sich den Palazzo Cavalli in Busseto. Denn endlich konnte Verdi seine Verträge selbst aushandeln und auch die Höhe seiner Honorare selbst bestimmen. Bis 1850 schrieb er zwölf weitere Opern. Die Arbeitsbelastung empfand er als enorm, zudem litt er unter Magenbeschwerden, Bronchitis und Rheuma. Dazu kam die Zensur des Staates über die Theater, vieles war verboten und mancher Schriftsteller, wie beispielsweise Victor Hugo, per se verdächtig. 1849 besuchte die Sängerin Giuseppe Strepponi Verdi in seiner Villa in Busseto, damals ein Skandal. 1851 zogen die beiden in das zur Villa Sant’Agata aufwendig umgebaute Gutshaus in Villanova sull’Arda. Verdi eignete sich Kenntnisse in Acker- und Weinbau an und kannte sich bald auch in der Rinder- und Pferdezucht bestens aus. Er entwickelte eine Leidenschaft für das Landleben, die ihn bis ans Lebensende begleitete. 1859 schließlich heiratete er Giuseppa Strepponi. 1860 musste er nach vier Jahren des Müßiggangs einen Auftrag aus St. Petersburg annehmen, er brauchte Geld, die Zukäufe von Land und der Umbau des Hauses hatten Unsummen verschlungen. 1864 war die Villa Sant’Agata aber zu einem Paradies geworden, großbürgerlich eingerichtet, mit Skulpturen und Bildern, die Verdi und seine Frau von ihren Reisen mitgebracht hatten, auch seltene Pflanzen waren dabei.

Frühjahr und Spätsommer verbrachte das Paar in Sant’Agata, wo Verdi rund 200 Land- und Bauarbeiter beschäftigte. Sie luden sich Gäste ein, die Verdi gelegentlich sogar selbst bekochte, sie spielten gerne Karten oder Billard. Im Hochsommer ging es zur Kur nach Tabiano, einmal im Jahr nach Mailand und recht häufig nach Paris. Nach einem Schwächeanfall 1886 konzentrierte sich Verdi ganz auf die Landwirtschaft, baute eine Meierei, um den Bewohnern der Umgebung Arbeit zu verschaffen und ließ sogar ein Krankenhaus erbauen. Doch ohne zu komponieren konnte Verdi auf Dauer nicht leben. So entstand “Otello”. Am Tag der Uraufführung 1887 waren schon zur Mittagszeit alle Straßen in Mailand verstopft und die Viva-Verdi-Rufe wollten kein Ende nehmen.

Im Mai 1889 begann er mit den Arbeiten zu seiner letzten Oper “Falstaff”. Nur war Verdi inzwischen von dem Gedanken besessen, die Arbeit nicht mehr beenden zu können. Tatsächlich erlitt er 1897 einen Schlaganfall und im November des gleichen Jahres starb seine zweite Ehefrau Giuseppa. Verdi schrieb sein Testament, in dem er viele soziale Einrichtungen bedachte. Am 21. Januar 1901 folgte der zweite Schlaganfall, am 27. Januar starb Verdi. Am 26. Februar 1901 wurden beide Särge in die Kapelle der Casa di Riposo, einem Altenheim für Sänger und Musiker, das Verdi gestiftet hatte, überführt. Über 300.000 Menschen reihten sich in den Trauerzug ein, um Abschied zu nehmen von dem Komponisten, der über 50 Jahre lang die Openwelt dominierte und noch heute begeisterte Anhänger hat. /sis

Bühnenbild zu “Rigoletto” (Foto: Bregenzer Festspiele)

Lesen Sie dazu auch: “Rigoletto” – ein schaurig schönes Meisterwerk

Buchempfehlung: Barbara Meier, Giuseppe Verdi, Rowohlt E-Book 2013, 154 Seiten, ISBN 978-3-6444969-10

 

Spannender Blick in die Überwachungszukunft

Spannender Blick in die Überwachungszukunft
Rezension Tom Hillenbrand „Drohnenland“

Wer den Zugriff auf die Daten hat, der hat die absolute Macht. Und um diese Macht zu erhalten, schrecken Menschen auch vor massenhaftem Mord nicht zurück. Das ist der Kern des futuristischen Thrillers „Drohnenland“ von Tom Hillenbrand, der 2014 veröffentlicht, mit dem Friedrich-Glauser-Preis als bester Kriminalroman ausgezeichnet wurde und inzwischen in der 12. Auflage erschienen ist.

In Hillenbrands Geschichte wird das Europa der Zukunft von den unterschiedlichsten Drohnen überwacht, die alles sehen, alles hören und alles aufzeichnen. Diese Aufzeichnungen kann man sich nicht nur anschauen, man sich auch direkt in sie hineinspiegeln lassen, erfährt die Situation quasi als unsichtbarer Geist direkt und hautnah mit. So jedenfalls löst Kriminalhauptkommissar Arthur van der Westerhuizen vorzugsweise seine Fälle in Brüssel. Keiner entkommt dieser allumfassenden Überwachung, ein Computer weiß jederzeit, wo wer ist und was er gerade tut, mehr noch, er kann sogar voraussagen, was der jeweilige Mensch in Zukunft tun wird, mit einer gewissen Schwankungstoleranz. Um diesen Zustand totaler Kontrolle abzusichern, haben sich Kommission, Polizei und Geheimdienst in einer neuen, in Kürze zur Abstimmung stehenden Verfassung umfangreiche Rechte festschreiben und durch den allwissenden Polizeicomputer Terry auch gleich die eventuellen Neinsager unter den Abgeordneten bestimmen lassen. Sie sind ein unkalkulierbares Risiko für die machtbesessenen Chefs der drei Institutionen und so stirbt ein potentieller Neinsager nach dem anderen unbemerkt eines mehr oder minder natürlichen Todes, bis Kommissar Westerhuizen und seine Datenanalystin Ava Bittman den Verschwörern auf die Spur kommen, selbstverständlich nicht ohne selbst in höchste Lebensgefahr zu geraten.

Tom Hillenbrand erzählt aus der „Ich-Perspektive“ des Kommissars in der Gegenwart, was anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig ist. Von der ersten bis zur letzten Seite begleitet der Leser den ungewöhnlichen Polizisten durch die spannende Geschichte, die durch diese Erzählweise aber naturgemäß sehr dialoglastig ist. Das stört nicht weiter, außer vielleicht, dass Westerhuizens Mitarbeiterin Ava nahezu jeden ihrer Sätze mit einem liebevollen „Aart“ enden lässt, wie sie den Kommissar nennt. Trotzdem ist das Buch uneingeschränkt beste Krimiunterhaltung, die einen Blick in eine Zukunft gewährt, die hoffentlich niemals kommen wird. /sis

Bibliographische Angaben:
Tom Hillenbrand: „Drohnenland“
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, 423 Seiten, 12. Auflage 2019, ISBN978-3-462-04662-5

Von zäh zu spannend, aber viel zu unglaubwürdig

Von zäh zu spannend, aber viel zu unglaubwürdig
Rezension Sebastian Fitzek “Flugangst 7A”

Es sind schon recht gemischte Gefühle, die die Lektüre von Sebastian Fitzeks „Flugangst 7A“ hinterlässt. Anfangs findet man keinen rechten Zugang zur Geschichte und den handelnden Figuren. Immer wieder ist das Ende eines Kapitels auch das Ende der Lesezeit. In der Mitte schließlich wird es plötzlich ganz spannend, ein Buch, das man nicht aus der Hand legen mag. Und am Ende folgt die totale Übertreibung, die das Lesevergnügen doch sehr trübt. Jeder, wirklich jeder, der im Laufe der Geschichte aufgetauchten Figuren ist in irgendeiner Form in die Ereignisse verstrickt, es gibt keine „Guten“, nur komplett durchgeknallte Zeitgenossen, die vor keine Grausamkeit zurückschrecken. Das, und die Art und Weise, wie zur Auflösung ein Komatöser mit den Behörden kommuniziert, macht die gesamte Geschichte leider viel zu unglaubwürdig.

Der Psychiater Dr. Mats Krüger fliegt von Buenos Aires nach Berlin, um bei der Geburt seines Enkelkindes dabei zu sein. Krüger leidet unter extremer Flugangst, die erst wortreich beschrieben, dann aber urplötzlich nebensächlich wird, als er einen Anruf erhält mit der Nachricht, dass seine Tochter Nele entführt wurde und er sie nur retten kann, indem er eine der Flugbegleiterinnen, eine ehemalige Patientin, dazu bringt, das Flugzeug, in dem mit ihm weitere 600 Passagiere sitzen, abstürzen zu lassen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Krüger bittet seine Ex-Geliebte Feli, ebenfalls Psychiaterin, um Hilfe, die sich zusammen mit dem cleveren Kleinganoven Livio auf die Suche nach Nele macht. Krüger selbst versucht die Flugbegleiterin zu manipulieren, muss am Ende aber feststellen, dass er selbst manipuliert wurde. Er überlebt den Flug nicht, kann aber mit Hilfe eines Wunderarztes trotz „Locked-in-Syndrom“ der Polizei noch verraten, was er über den Entführer herausgefunden hat. Und dann macht Livio, der weit mehr Anteil am Geschehen hat, als zu Beginn zu vermuten wäre, einen entscheidenden, man könnte fast schon sagen, viel zu dummen Fehler, der zu Nele, dem Baby und Feli führt. Alle drei sind trotz der Höllenqualen, die sie erleiden mussten, wie durch ein Wunder unverletzt. Sie werden gerettet, alle anderen kommen um.

Blutrünstig geht es über die 380 Seiten zu, wobei die letzten 50 nur der Auflösung und Erläuterung vorbehalten sind. Streckenweise kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass so manche Wendung und Überraschung einfach nur Seiten füllen soll und deshalb vieles konstruiert und wenig ansprechend wirkt. Und zu guter Letzt hätte der Autor sicher ein glaubwürdigeres Ende finden können. Schade, denn die Geschichte an sich, ist sehr gut. Wie gesagt, es bleiben gemischte Gefühle! /sis

Bibliographische Daten
Sebastian Fitzek, Flugangst 7A
Knaur Taschenbuch, 2019, 400 Seiten
ISBN 978-3-426-51019-3

“Rigoletto” – ein schaurig schönes Meisterwerk

“Rigoletto” – ein schaurig schönes Meisterwerk
Das Bühnenbild der Bregenzer Festspiele 2019/2020 für Verdis Meisterwerk “Rigoletto”, entworfen von Regisseur Philipp Stölzl, der schon in Filmen wie “Der Medicus” für spektakuläre Szenen sorgte. (Foto: Bregenzer Festspiele/Andreas Beitler)

Sein Titelheld sei in seiner dramatischen Qualität eines Shakespeare würdig, soll Giuseppe Verdi über seinen „Rigoletto“ gesagt haben. Verdi bewunderte die englischen Dramatiker und soll wohl sogar darüber nachgedacht haben, die Geschichte des sagenumwobenen Königs Lear in eine Oper umzusetzen. Er entschied sich aber für Rigoletto, den Hofnarren des lüsternen Herzogs von Mantua und erzählt in seiner gleichnamigen Oper die tragische Geschichte von der Entführung und Ermordung von Rigolettos Tochter Gilda nach Victor Hugos Drama „Le Roi s’amuse“ von 1832. Weltweit bekannt ist die Arie „La donna è mobile“ (O wie so trügerisch sind Weiberherzen), die der Herzog von Mantua im dritten Akt singt.

In diesem und im kommenden Jahr ist Verdis schaurig schönes Meisterwerk in der Inszenierung von Philipp Stölzl auf der Seebühne in Bregenz zu sehen. Premiere war am 17. Juli und wie immer überrascht Bregenz mit einem ganz besonderen Bühnenbild, das im Übrigen auch von Philipp Stölzl stammt. Es zeigt einen über 13 Meter hohen und bis zu 11 Meter breiten Clownskopf und zwei überdimensionale Hände, die das zirkushafte Treiben am Hof des Herzogs symbolisieren.

Uraufgeführt wurde die Oper 1851 am Teatro La Fenice in Venedig. Das Libretto, also das Textbuch, stammt von Francesco Maria Piave, von 1844 bis 1860 Regisseur am Teatro La Fenice. Der Stoff hat von Anfang an für Diskussionen gesorgt. Hugos Theaterstück wurde nach der Uraufführung 1832 in Paris gar verboten. Verdis Oper wurde vom Publikum gefeiert, rief aber auch herbe Kritik hervor. Einige Zeitgenossen hielten die Geschichte für anstößig, fühlten sich von der buckeligen Titelfigur abgestoßen und empfanden den lasterhaften Herzog gar als Skandal.

„Rigoletto“ erzählt die Geschichte eines Krüppels und Narren, der gesellschaftliche Anerkennung sucht. Er will dazu gehören und überschüttet die Männer und Väter der Frauen, mit denen sich der Herzog von Mantua amüsiert, mit Hohn und Spott. Damit zieht er den Zorn seiner Mitmenschen auf sich und stürzt letztlich sich und seine Tochter Gilde ins Unglück. Die Geschichte beschreibt zugleich aber auch die unüberwindbare Kluft zwischen moralischem Anspruch der Gesellschaft und dem zügellosen Treiben eines ihrer hochrangigen Mitglieder, der sich an ein Bürgermädchen heranmacht. Kein Wunder, dass sich die selbstbewusste, bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts darüber empörte. Doch Ausgrenzung und nach Anerkennung buhlende Menschen gibt es heute wie damals. Und so ist Verdis „Rigoletto“ noch immer aktuell, ein Spiegelbild der menschlichen Gesellschaft mit all ihren Abgründen. /sis

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Zufrieden mit Mittelmaß?

Zufrieden mit Mittelmaß?
Kritik zum Tatort Luzern „Ausgezählt“
ARD Degeto Tatort “Ausgezählt”: Livebild vom Entführungsopfer: Delia Mayer als Liz Ritschard und Stefan Gubser als Reto Flückiger im Polizeirevier. Auf dem Monitor sieht man Tabea Buser als die entführte Martina Oberholzer. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)
Verhaftung am Tatort: Der ehemalige Polizist Heinz Oberholzer (Peter Jecklin) lässt sich als Mörder verhaften. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Als Krimifan bekommt man leicht den Eindruck, die Tatort-Macher geben sich neuerdings mit Mittelmaß zufrieden. Der neueste und zugleich vorletzte Tatort aus Luzern mit dem Titel „Ausgezählt“ jedenfalls war wiederum allenfalls Mittelmaß, sowohl von der Story als auch von der Ausführung her. Von der wirklich nervig schlechten Synchronisation ganz zu schweigen.

Dabei war die zugrunde liegende Geschichte der Drehbuchautoren Urs Bühler und Michael Herzig gar nicht so schlecht, auch wenn das Thema alles andere als neu war. Die Folgen von Doping, der schnellere körperliche Zerfall und die damit gesunkenen Überlebenschancen im Extremfall wurden sauber herausgearbeitet. Dann aber gab es – vermutlich um die 90 Minuten Sendezeit zu füllen – einfach zu viel Geschehen drum herum. Die Urkundenfälschung von Liz Ritschard (Delia Mayer), die einen Fehlversuch einfach gut sichtbar in einem Papierkorb entsorgt, damit das Corpus delicti auch ja von Partner Reto Flückiger (Stefan Gubser) gefunden wird, das Hinterherspionieren von Flückiger und das Aufdecken einer alten Geschichte, die Ritschard in Verbindung bringt mit dem vermeintlich Tatverdächtigen Heinz Oberholzer (Peter Jecklin). Das alles hätte man sich getrost schenken können, trug es doch nichts zum aktuellen Fall und der Suche nach der in einen Bunker eingesperrten Profiboxerin Martina Oberholzer (Tabea Buser) bei.

Überhaupt suchten die Ermittler eher im Schneckentempo nach der Entführten und das, obwohl das Opfer schon in kurzer Zeit zu verdursten drohte. Flückiger und Ritschard standen sehr viel vor dem großen Bildschirm, der Bilder vom Opfer in all seiner Pein live und ununterbrochen übertrug. Sie überlegten, planten, hinterfragten, spekulierten – mit Füßen auf dem Schreibtisch oder Zahnbürste im Mund. Die Brisanz der Suche konnten weder die beiden Ermittler noch der Rest des Teams an die Zuschauer weitergeben. Und selbst die Gefängnisszenen gestalteten sich eher langatmig. Für einen Drogenboss, der sein gesamtes Geschäft zu verlieren droht, gab sich Pius Küng (Pit-Arne Pietz) doch eher desinteressiert bis gelangweilt, da halfen auch die Prügelszenen nichts. Spannung wollte nicht aufkommen, nicht einmal Empathie für das Entführungsopfer und wer der wahre Täter war, konnte jeder Zuschauer ohnehin von Anfang an erahnen. Alles in allem eben einfach nur Mittelmaß! /sis

Belastender Fund in der Wohnung des Vaters der Boxerin: Reto Flückiger, Liz Ritschard (r.) Gerichtsmedizinerin Corinna Haas (Fabien Hardorn) und Ferdi Oberholzer (Ingo Ospelt). (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Das dramatische Ende entschädigt

Das dramatische Ende entschädigt
Kritik zum Tatort Köln „Kaputt“
ARD/WDR Tatort “Kaputt”: Als eine alltägliche Verkehrskontrolle aus dem Ruder läuft, greifen die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, l) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, r) ein. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, vorne) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) müssen in den eigenen Reihen ermitteln. (WDR/Thomas Kost)

Das war kein leichter Stoff, den sich der erfahrene Drehbuchautor Rainer Butt für den neuen Tatort aus Köln vorgenommen hatte: Mord an einem Polizisten und im weiteren Verlauf Ermittlungen in den Reihen der Polizei. Neu war das Thema gewiss nicht, es wurde schon in unzähligen Varianten in ebenso unzähligen Krimis verarbeitet. Die etwas andere Perspektive aber kann trotzdem aus jedem bereits bekannten Stoff dennoch eine interessante Erzählung machen. Das gelang Butt nur in Teilen, zu viel war längst bekanntes Geschehen. Und wieder erlag der Drehbuchautor in diesem Tatort der Versuchung, die brutalen Mörder entschuldigen zu wollen, zumindest einem der drei jugendlichen Täter gab er ein handfestes Motiv für den Mord an dem Polizisten mit auf den Weg, alle drei präsentierte er als einfach nur „kaputte“ Junkies. Mitleid oder gar Empathie für die drei wollte dennoch in keiner Phase der Geschichte aufkommen. Als dann zwei der drei Täter ebenfalls ermordet wurden, begannen auch interne Ermittlungen. Das wiederum kam naturgemäß innerhalb der betroffenen Polizeidienststelle überhaupt nicht gut an, die Kollegen jedenfalls konnten kein Mitleid mit den drei Jugendlichen empfinden, dafür aber ein gewisses Verständnis für einen eventuellen Racheakt aus den eigenen Reihen aufbringen. Insbesondere Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling) tat sich hier hervor und bediente heftig jedes Klischee, das sich in diesem Zusammenhang finden lässt. Einzig Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrend) wahrte die angemessene Neutralität und ließ sich nicht davon abhalten, unvoreingenommen nach den Tätern beider Verbrechen zu suchen. Selbst Partner Freddy Schenk (Dietmar Bär) neigte recht leichtfertig dazu, Verdächtige in den eigenen Reihen eher auszuschließen. Jütte fiel aber nicht nur durch seine vehemente Ablehnung eben dieser internen Ermittlungen auf. Vielmehr ging er in diesem Tatort erstmals mit viel Engagement einer anderen Betätigung als Essen nach: Er bewarb sich leidenschaftlich um einen Sitz im Personalrat. Dafür vergaß er dann seine sonst zur Schau getragene Trauer um den getöteten Kollegen. Von Arbeiten hielt er dafür wieder wenig bis nichts. Das war indes das einzig Erheiternde in diesem Tatort mit dem bezeichnenden Titel „Kaputt“.

So interessant die Geschichte auch klingen mag, in der Umsetzung durch Mitautorin und Regisseurin Christine Hartmann fehlte schlicht die Dynamik. Die Ermittlungen plätscherten dahin, viel zu viele Erkenntnisse waren dem Zufall geschuldet und die drei jugendlichen Täter machten für die grausame Tat, die sie im Drogenrausch begangen hatten, einen viel zu gleichgültigen Eindruck. Die fortgesetzte „Schwulenschelte“ durch den Leiter der Polizeidienststelle Bernd Schäfer (Götz Schubert) wirkte aufgesetzt und störte eigentlich nur den Ablauf des Geschehens. Und die Rachegelüste von Polizistin Melanie Sommer (Anne Brüggemann) standen im krassen Gegensatz zu dem Verhalten der Figur: Melanie Sommer stellte den ganzen Fall über ein bedauernswertes Mädchen dar, zeigte sich schüchtern und verloren, trauerte, weinte ununterbrochen und war nicht in der Lage, auch nur eine Frage der Kommissare vernünftig zu beantworten. So jemand geht nicht einfach los und knallt Täter ab. Das war doch eher unglaubwürdig. Das überaus dramatische Ende indes entschädigte die Zuschauer, die durchgehalten hatten, für derartige Nachlässigkeiten. Alles in allem war dieser Tatort zwar gefällige Unterhaltung, er hätte aber durchaus leicht besser sein können! /sis

Sie haben wirklich nichts zu verbergen?

Sie haben wirklich nichts zu verbergen?
Rezension Andreas Eschbach: NSA

Das ist schon ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Roman, den Andreas Eschbach vorgelegt hat: Er verlegt eine düstere Zukunftsvision in eine noch düstere Vergangenheit und erzählt auf 796 Seiten nicht nur in der Hardcoverversion alles andere als eine “leichte” Kost. Dennoch verliert der Leser über die lange Distanz nie das Interesse an den beiden Hauptfiguren, Helene Bodenkamp und Eugen Lettke, deren Schicksal sie für eine kurze Zeit im „NSA“, dem „Nationalen Sicherheits-Amt“ in Weimar in der Zeit der Naziherrschaft zusammenführt. Dieses Sicherheitsamt hat nun eigentlich wenig mit Sicherheit zu tun, sondern ist eine mit modernster Technik ausgestattete Spionageeinrichtung. Und modernste Technik ist hier wörtlich zu nehmen, denn in Eschbachs Buch verfügen die Menschen in der Nazizeit bereits über Fernsehen, Mobilfunk und intelligente Informationstechnologie. Zwar heißt der Computer zeitgemäß Komputer, Serverfarmen sind Datensilos, Handys Volkstelephone, E-Mail Elektropost und das World Wide Web heißt Weltnetz. Auf den ersten Blick klingt das alles ungewöhnlich, tatsächlich aber schaffen die konsequent deutschen Begriffe einen wesentlich leichteren Zugang zu der sonst so schwer verständlichen Materie. Auch Social Media-Plattformen gibt es schon, in Form vom „Deutschen Forum“ und ausländischen Entsprechungen. Außerdem wurde Bargeld bereits abgeschafft und durch eine Geldkarte ersetzt. Jede finanzielle Transaktion wird aufgezeichnet. Termine beim Arzt, Eintrittskarten für Konzerte, Fahrkarten für die Bahn können nur noch elektronisch über das Telephon gebucht werden, von denen es ganz unterschiedliche Modelle gibt, vom einfachen Volkstelephon bis hin zu technischen Wunderwerken namhafter Hersteller. Das NSA hat Zugriff auf alle Daten, die dadurch jemals erzeugt wurden und täglich werden und es kann sie nutzen, um jeden einzelnen Bürger engmaschig zu überwachen, ungehemmt im Ausland zu spionieren, in fremde Netzwerke einzudringen und so etwa die Herstellung von Rüstungsgütern zu sabotieren. Das erledigen Analysten in enger Zusammenarbeit mit sogenannten „Programmstrickerinnen“. Letztere sind bezeichnender Weise ausschließlich Frauen, die Abfrageroutinen in Komputer-Programme umsetzen. Eugen Lettke ist Analyst, Helene Bodenkamp Programmstrickerin. Gemeinsam beeindrucken sie Reichsführer Heinrich Himmler durch das Aufspüren von in Amsterdam versteckten Juden, in dem sie die verbrauchten Kalorien eines Haushalts mit der Anzahl der in diesem Haushalt gemeldeten Personen in Beziehung setzen. Durch einen glücklichen Zufall gelingt es den beiden sogar, amerikanische Pläne zum Bau der Atombombe aufzuspüren und der Reichsführung zugänglich zu machen. Beide nutzen das System aber auch privat: Lettke, um hinter schmutzige Geheimnisse von Frauen zu kommen, die ihn in jungen Jahren einmal bloß gestellt haben. Mit diesem Wissen zwingt er sie zu sexuellen Gefälligkeiten. Helene ist durch ihre umfassenden Kenntnisse der Funktionsweise von Komputern sogar in der Lage, das System selbst zu manipulieren und so ihren bei Freunden versteckten Liebsten zu schützen, der desertiert ist und von einer Flucht nach Brasilien träumt.

Um es vorweg zu nehmen: Es gibt kein Happyend für Helene und Eugen, denn auch ihre gesamten Aktivitäten, beruflich wie privat, wurden aufgezeichnet. Das ist es auch, was der Autor seinen Lesern klar vor Augen führt: Alles, was über die modernen Kommunikationskanäle läuft, bleibt erhalten und kann irgendwann gegen einen verwendet werden. In „NSA“ gewinnen die Nazis den Zweiten Weltkrieg, weil sie über dieses gesammelte Wissen verfügen, das ihnen unumschränkte Macht einräumt. Eschbach macht deutlich, dass es keine unwichtigen Daten gibt und solch umfassendes Wissen über die Menschen und ihre Lebensgewohnheiten in den Händen eines totalitären Staates unweigerlich in die Katastrophe führt.

Fazit: Ein unbedingt lesenswertes Buch mit einer fesselnden Geschichte, die einen noch lange nach der Lektüre beschäftigt und zugleich die Datensammelwut unserer Tage in ein ganz anderes Licht rückt. /sis

Bibliographische Angaben:
Andreas Eschbach: NSA
Bastei Lübbe, 2018, 796 Seiten
ISBN 978-3-7857-2625-9

 

Kurzweilige Unterhaltung mit viel subtilem Humor

Kurzweilige Unterhaltung mit viel subtilem Humor
ARD Degeto Tatort “Glück allein”: Von links: Raoul Ladurner (Cornelius Obonya), Julia Soraperra (Gerti Drassl), Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer). (Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)
Kritik zum Tatort Wien „Glück allein“
Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ziehen einen rätselhaften Fall an sich. (Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)

Es ist schon eine ganz besondere Beziehung, die die beiden Wiener Tatort-Ermittler Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser) im Laufe von inzwischen über 20 Fällen entwickelt haben. Sie geben sich gerne als kaputte Charaktertypen, für die sowieso alles schon längst zu spät ist. Und genau so ermitteln sie mittlerweile auch, kompromisslos, ohne Rücksicht auf Verluste und sehr gerne gegen alle Anweisungen von oben. Ihr Chef, Oberst Ernst „Ernstl“ Rauter (Hubert Kramar), hat dadurch oft genug seine liebe Mühe, die beiden BKA-Ermittler vor dem Unmut höherer Stellen zu bewahren. Denn nicht selten geht es in den Fällen aus Wien um politische Scharmützel, um Korruption und Filz bis in die höchsten Kreise der österreichischen Politik. So auch in ihrem neuesten Fall mit dem Titel „Glück allein“, in dem der Parlamentarier Raoul Ladurner (Cornelius Obonya) die verbrecherischen Machenschaften der ukrainischen Geschäftsfrau Natalia Petrenko (Dorka Gryllus) als Leiter eines Untersuchungsausschusses ans Licht der Öffentlichkeit bringen will. Doch dann liegen seine Frau und Tochter tot in ihrem Haus. Moritz Eisner und Bibi Fellner möchten gerne ermitteln, dürfen es aber erst einmal wieder nicht. Der Innenminister persönlich will, dass die Kollegin Julia Soraperra (Gerti Drassl) den Fall übernimmt und die findet nur allzu schnell einen Verdächtigen, einen Einbrecher, der bei seinem Raubzug von Ladurners Frau und der erst zehnjährigen Tochter überrascht worden ist und  die beiden dann in Panik erstochen haben soll. Ladurner selbst beschuldigt natürlich die ukrainische Geschäftsfrau. Als der Verdächtige, auch ein Ukrainer, schließlich selbst tot in seiner Zelle liegt, lassen Eisner und Fellner sich nicht mehr aufhalten und schnell führt ihre Spur zu Ladurner, der sich als alles andere als ein aufklärerischer Saubermann und unbescholtener Politiker und Familienvater entpuppt.

Die Geschichte von Drehbuchautor Uli Brée ist nicht ganz einfach zu durchschauen und durch den in dieser Folge recht breiten Dialekt zumindest für den bundesdeutschen Zuschauer nicht an jeder Stelle auf Anhieb zu verstehen. Und am Ende bleiben auch einige entscheidende Fragen offen, etwa warum Ladurner seine Tochter rauschgiftsüchtig gemacht hat. Dazu hat der von Catalina Molina in Szene gesetzte Tatort aus dem schönen Wien noch einige Längen. Dennoch handelt es sich um einen fantasievollen Krimi mit starken Charakteren gespielt von überzeugenden Darstellern. Insgesamt bietet der Streifen kurzweilige Unterhaltung mit einigen überraschenden Wendungen und viel subtilem Humor. Durchaus sehenswert und im Vergleich zu den letzten Tatort-Folgen eine echte Freude für Tatort-Fans. /sis

Das Wiener Ermittler-Duo Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) setzt sich gerne einmal über Anweisungen auch von ganz oben hinweg. (Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)

Eine herbe Enttäuschung

Eine herbe Enttäuschung
ARD/BR Tatort “Die ewige Welle”: Die Kriminalhauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) sind bei ihren Ermittlungen an der Eisbach-Welle nicht immer einer Meinung. (Foto:  BR/Hendrik Heiden/Wiedemann & Berg)
Kritik zum Tatort München „Die ewige Welle“

Es ist ein Fehler anzunehmen, irgendeine Geschichte könnte unter der „Marke“ Tatort zu einem Publikumsliebling avancieren. Auch dann nicht, wenn man das bei Tatort-Fans sehr beliebte Münchener Kommissars-Duo Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) bemüht. „Die ewige Welle“ jedenfalls mag als Experimentalfilm oder auch Milieustudie vielleicht ein paar interessierte Zuschauer gefunden haben, bei den Tatort-Freunden fiel die Folge gnadenlos durch. Und das zu Recht, hatte der Streifen aus der Feder von Alex Buresch und Matthias Pacht doch mit einem Krimi so gar nichts zu tun. Außer, dass die Kommissare ein paar in ihrer ganz eigenen Drogenwelt gefangenen, skurrilen Figuren mehr oder minder interessiert hinterhergejagt sind, spielten Batic und Leitmayr in diesem mühsam konstruierten Fall überhaupt keine Rolle und selbst Kalli (Ferdinand Hofer) tauchte nur das ein oder andere Mal bei den Hauptkommissaren auf und übermittelte Informationen, die auch nichts zur Entwicklung der Geschichte beitrugen. Ansonsten war Batic mit Rückenschmerzen und Chillen und Leitmayr mit Erinnerungen beschäftigt. Franz Leitmayrs Vergangenheit lieferte denn auch den einzigen Bezug zu einem der Beteiligten und musste als Motiv dafür herhalten, dass Leitmayr seinen nach einer Messerstecherei schwer verletzten Freund Mikesch Seifert (Andreas Lust) weiter in aller Ruhe seinen Drogengeschäften nachgehen ließ. Dann tauchte auch noch eine gemeinsame Freundin aus der Vergangenheit auf, die möglicherweise, könnte sein, vielleicht von Leitmayr schwanger war, in einer anderen Zeit und in einer anderen Welt. In loser Folge eingespielte Szenen aus dieser anderen Welt mit dem jungen Leitmayr hatten ebenfalls keinen Bezug zur aktuellen Geschichte um Mikeschs Drogengeschäfte, sondern erzählten einfach nur von einem Sommer an Portugals Küste in jugendlicher Unbekümmertheit. Und das alles hatte wiederum nichts mit den Surfern an der Eisbach-Welle zu tun. Letztlich wollte Leitmayrs Freund Mikesch durch den Verkauf von Schmerzpflastern einfach nur ein besseres Leben für seine Tochter Maya (Luise Aschenbrenner). Die Messerattacke auf ihn, die beiden Drogentoten, die Bedrohung durch andere Drogendealer, die bei ihren Geschäften nicht gestört werden wollten, all das war nur Beiwerk, um dem Stoff doch noch einen Hauch von Krimi zu geben, vielleicht auch nur, um ihn damit überhaupt erst als Tatort realisieren zu können. Und dennoch war die Geschichte als Tatort ein Totalausfall, als Tatort aus München gar eine herbe Enttäuschung. Wieder einmal! /sis

Ohne Punkt und ohne Komma!

Ohne Punkt und ohne Komma!
ARD/SWR Tatort “Anne und der Tod”: Die junge Hausärztin Maxi Scheller (Julia Schäfle) schaut ganz genau hin – ob ihr Verdacht nach dem Tod von Paul Fuchs (Harry Täschner) berechtigt ist oder nicht, müssen Sebastian Bootz (Felix Klare, li.) und Thorsten Lannert (Richy Müller) herausfinden. (Foto: SWR/Maor Waisburd)
Kritik zum Tatort Stuttgart “Anne und der Tod”
Anne Werner (Katharina Marie Schubert) ist Altenpflegerin und arbeitet in der häuslichen Pflege. Als zwei ihrer Patienten eines ungeklärten Todes sterben, wird sie von Sebastian Bootz und Thorsten Lannert als mögliche Täterin befragt. (Foto: SWR/Maor Waisburd)

Was war das wieder für ein Tatort? Mit Krimi hatte die Geschichte nichts zu tun. Von Spannung und überraschenden Wendungen keine Spur, stattdessen wurde geredet, ohne Punkt und ohne Komma! Dabei war bis zum bitteren Ende nicht klar, ob es sich bei den beiden Todesfällen tatsächlich um Morde handelte, die den Einsatz der Kriminalpolizei rechtfertigten. Der zentrale Verhörmarathon mit eingeblendeten, zeitlich völlig losgelösten Szenen, in denen auch wieder nur zu viel und dann auch noch in viel zu breitem Dialekt gesprochen wurde, war von Wiederholungen der immer gleichen Annahmen geprägt und damit nicht nur langatmig, sondern schlicht und ergreifend langweilig. Der allseits bekannte und beklagte Pflegenotstand wurde indes fast ausschließlich auf sexuelle Übergriffe heruntergebrochen, die Altenpflegerin als alleinerziehende Mutter präsentiert, die bei der Erziehung ihres Sohnes versagt hatte und, um den übertriebenen Ansprüchen ihres Sprösslings gerecht werden, bereit war alles zu tun, auch sich zu prostituieren. Dem Pflegeberuf hat dieser Tatort mit der einseitigen Fixierung auf die sexuellen Bedürfnisse der zu Pflegenden keinen Gefallen getan und den ohnehin physisch und psychisch überbeanspruchten Pflegekräften ganz gewiss auch nicht.

An der misslungenen Geschichte aus der Feder von Drehbuchautor Wolfgang Stauch in der wirren Umsetzung von Regisseur Jens Wischnewski konnten auch die  Stuttgarter Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare), sonst Garanten für spannende Tatort-Unterhaltung, nichts ändern. Auch sie hatten in „Anne und der Tod“ nichts weiter zu tun, als zu reden, die vermeintlich verdächtige Altenpflegerin Anne Werner (Katharina Marie Schubert) letztlich dazu zu überreden, zu gestehen – was genau, war nicht klar. Und die Altenpflegerin spielte ohne zu murren mit, beschrieb freimütig die immer gleichen Ereignisse in einer jeweils anderen Version. Was nun wirklich passiert war, blieb im Dunkeln. Jedenfalls gestand sie am Ende, was die Kommissare hatten hören wollen und die glaubten ihr plötzlich, obwohl Anne Werner im Verlaufe der Geschichte so viel gelogen hatte, dass man ihr eigentlich gar nichts mehr glauben konnte. Immerhin hatte die Verdächtige zwei Telefonjoker, die hätte man dem Zuschauer auch gewünscht! /sis  

Sebastian Bootz (Felix Klare) und Thorsten Lannert (Richy Müller) wollen sicher gehen, dass beim Tod zweier alter, pflegebedürftiger Männer nicht nachgeholfen wurde. (Foto: SWR/Maor Waisburd)

Einfach nur schwach!

Einfach nur schwach!
Kritik zum Tatort „Das Monster von Kassel“
ARD/HR Tatort “Das Monster von Kassel”: Gerichtsmedizinerin (Barbara Stollhans, li.), Constanze Lauritzer (Christina Große) und Paul Brix (Wolfram Koch) begutachten einen Plastiksack mit Leichenteilen. (Foto: HR/Degeto/Bettina Müller)
Paul Brix (Wolfram Koch), Anna Janneke (Margarita Broich, Mitte) und ihre Kasseler Kollegin Constanze Lauritzen (Christina Große) geben den Stand der Ermittlungen nach Frankfurt durch. (Foto: HR/Degeto)

Der Titel “Das Monster von Kassel” ließ auf den ersten Blick vermuten, dass der neue Tatort aus Frankfurt mit dem Ermittlerduo Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) erneut einen Ausflug in die Welt der Psychopathen unternehmen würde. Doch es ging diesmal nur nach hessisch-Sibirien, ins nordhessische Kassel. Und der Täter Maarten Jansen (Barry Atsma), der sich selbst als Monster von Kassel bezeichnete, war auch nichts weiter als ein alberner Profilneurotiker. Als Talkmaster mit eigener Fernsehshow war er um Quote bemüht, nahm die Ermordung seines Stiefsohnes als willkommene Gelegenheit, sich als armes Opfer zu inszenieren und legte eine Oscar reife Trauerrede an sein Publikum hin. Und das, obwohl er selbst die Gräueltat begangen, mit einer Axt die Leiche zerstückelt und in Plastiksäcken verpackt so abgestellt hatte, dass sie auf jeden Fall gefunden wurde. Ziel der umständlichen Aktion war es, die Tat einem anderen Täter mit ähnlichem Tathergang unterzuschieben. All das war dem Zuschauer von Anfang an bekannt, was dem Fall komplett die Spannung raubte. Da half es auch nicht, dass das Verhör des Täters in einzelnen Etappen eingestreut wurde. Den Ermittlern dabei zuzuschauen, wie sie einen dem Zuschauer längst bekannten Täter suchen, ist nun einmal wenig erquicklich. Da bedarf es schon richtiger Überraschungen. Die aber fehlten in der Geschichte der Drehbuchautoren Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, die mit dem smarten Promi lediglich ein Klischee bedienten. Nicht einmal das Motiv für den Mord war stark genug. Jansens Stiefsohn war ihm hinter seine Verhältnisse mit zahlreichen Frauen gekommen, die sich mehr oder minder freiwillig auf seine Sexspielchen eingelassen hatte, darunter eine Nachbarstochter und Freundin seines Stiefsohnes. Nur musste der Täter gar nicht mit Konsequenzen rechnen, die einen Mord mit dieser bestialischen Leichenbeseitigung begründet hätten. Die Frauen schwiegen oder litten stumm. Und selbst wenn das Stiefsöhnchen seine Mutter und Ehefrau des Täters eingeweiht hätte, wäre allenfalls seine Ehe gefährdet gewesen, nicht aber sein Leben auf der Überholspur. Am Ende konnte das selbsternannte Monster nicht einmal überführt werden, lagen doch einfach keine handfesten Beweise gegen ihn vor.

Eine schlüssige Geschichte spannend erzählt benötigt keine langatmigen Erläuterungen, etwa welche Zahnbürstenfarbe wer in der Familie bevorzugt oder einen Kommissariatsleiter, der seine Leute mit poetischen Lebensweisheiten beglückt oder sie als Tanzpartner bemüht. Etliche Szenen waren schlicht überflüssig und hätten getrost gestrichen werden können, wie am besten gleich der ganze Film! /sis

Constanze Lauritzen (Christina Große, li.), Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) finden die Zunge des Mordopfers. (Foto: HR/Degeto)

Nicht so spektakulär wie “Blackout”

Nicht so spektakulär wie “Blackout”
Rezension Marc Elsberg: Gier – Wie weit würdest du gehen?

Der mathematischen Formel für Wohlstand für die gesamte Menschheit ist Bestseller-Autor Marc Elsberg in seinem neuen Roman „Gier – Wie weit würdest du gehen?“ auf der Spur. Mitunter nicht immer auf Anhieb nachvollziehbar, handelt es sich doch um einen gelungenen Thriller, der es sehr gut versteht, Empathie für die Protagonisten zu erzeugen. So geht der Leser mit dem ungleichen Paar Jan Wutte und Fitzroy Peel, ein Pfleger und ein Spieler, auf die Jagd nach dem Geheimnis des ermordeten Nobelpreisträgers und seines Co-Autors, die die Formel entwickelt haben und sie auf dem Gipfeltreffen der Reichen und Mächtigen in Berlin öffentlich machen wollten. Dabei geraten Jan und Fitzroy ein ums andere Mal in höchste Lebensgefahr, denn sowohl die Killer als auch eine Polizistin sind ihnen immer dicht auf den Fersen. Wir lernen mit ihnen eine Gruppe junger Studenten kennen, die für eine bessere Welt demonstrieren, wir tauchen ein in die Welt der Superreichen und erleben ihre grenzenlose Gier nach noch mehr Geld und Macht. Jan und Fitzroy ziehen zusammen mit der attraktiven Investmentbankerin Jeanne Dalli aus den wenigen Informationen, die sie durch ihre gefährliche Recherche über die Arbeit des Nobelpreisträgers erlangen konnten, die richtigen Schlüsse. Am Ende können sie die Formel für grenzenlosen Wohlstand entschlüsseln und schaffen es sogar, die versammelte Wirtschafts- und Politelite beim Berliner Gipfeltreffen zumindest zum Nachdenken zu bewegen. Und wie lautet die Formel nun? Nicht überraschend ist sie einfach und uralt: „Teilen“ bringt langfristig mehr für alle, getreu dem Kern der christlichen Lehre “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”.

Es dauert eine Weile, bis man sich an Elsbergs Schrumpfsätze gewöhnt. Wenn man sich aber erst einmal in die Geschichte vertieft hat, mag man das Buch nicht mehr aus den Händen legen, auch wenn es sich am Ende nicht als ganz so spektakulär entpuppt wie die Vorgänger aus der Feder von Marc Elsberg, allen voran natürlich „Blackout“. /sis

Bibliographische Angaben
Marc Elsberg: Gier – Wie weit würdest du gehen?
Blanvalet Verlag, 2019, 448 Seiten, ISBN 978-3-7645-0632-2

Erneuter Ausflug in die Welt der Psychopathen

Erneuter Ausflug in die Welt der Psychopathen
Kritik zum Tatort Berlin „Der gute Weg“
ARD/rbb Tatort “Der gute Weg”: Nina Rubins (Meret Becker) Sohn Tolja (Jonas Hämmerle) wurde bei einem Einsatz der Streife angeschossen, traumatisiert sitzt der Praktikant mit seiner Mutter und dem ermittelnden Kommissar Karow (Mark Waschke) im Notarztwagen. (Foto: rbb/Stefan Erhard)

Auf einem guten Weg war Streifenpolizist Harald Stracke (Peter Trabner) gewiss nicht, sah er doch die Lösung seines Problems in der Ermordung seiner blutjungen Kollegin Sandra und später auch noch des beauftragten Killers, der Drogendealer und zugleich V-Mann Yakut Yavas (Raunand Taleb), der im Gegenzug „sein“ Problem mit einem Cousin zeitgleich von Stracke lösen ließ. Eine Win-Winn-Situation also. Dumm nur, dass bei diesem sorgfältig geplanten Mörderstelldichein unverhofft ein Praktikant ins Spiel kam, ein ehemaliger Drogenabnehmer Yakuts: Tolja Rubin (Jonas Hämmerle), der Sohn von Kommissarin Nina Rubin (Meret Becker). Klingt das schon ziemlich konstruiert, kam es im Verlaufe der Geschichte noch dicker, jedenfalls war es nicht leicht, die in der Vergangenheit liegenden Verwicklungen zu durchschauen.

Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) studieren die Akten zum Fall.
(Foto: rbb/Oliver Vaccaro).

Letztlich ging es Stracke aber nur darum, seine Frau Verena (Nina Vorbrodt) nicht zu enttäuschen. Ein erneuter Ausflug des Tatorts in die Welt der Psychopathen also, den Drehbuchautor Christoph Darnstädt hier mit seinem Publikum unternahm. Im Kern nachvollziehbar war die Handlung der Geschichte, aber an vielen Stellen blieb sie flach und unglaubwürdig. So kann eine von einem Fall persönlich betroffene Kommissarin nicht ermitteln. Warum das zurecht so ist, machte das gelegentlich schon grenzwertige Verhalten Nina Rubins mehr als deutlich. Als Mutter hatte sie ausschließlich die Interessen ihres Sohnes im Sinn, ermittelte also nicht mehr ergebnisoffen und in alle Richtungen. Es war leider viel zu früh erkennbar, dass sie diesen Fall am Ende mit der Waffe lösen würde. Zwar bemühte sich Rubins Partner Robert Karow (Mark Waschke) um eine gewisse Neutralität. Doch der war diesmal mehr mit seinem Liebesleben als mit seiner Arbeit beschäftigt. Er kam etwas lustlos daher, wirkte wenig engagiert, fast schon desinteressiert. Auch blieben viele Fragen offen, etwa wieso der Praktikant als einziger eine kugelsichere Weste trug? Wieso Stracke just mit dem Drogendealer, der den Tod seines eignen Sohnes verursacht hatte, eine Verabredung zum Doppelmord getroffen hatte? Warum Stracke am Ende auch noch seine Frau ermordete und warum er ausgerechnet Nina Rubin dazu bringen musste, ihn zu erschießen? Das hätte er schließlich auch selbst tun können. Dazu präsentierten die Macher dieses Tatorts aus Berlin dem Zuschauer ein Bild der bundesdeutschen Hauptstadt, das einen erschaudern ließ. Es war das Bild einer Stadt, in der die Polizei offensichtlich aufgegeben hat gegen das Verbrechen zu kämpfen, eine Stadt, in der an jeder Ecke Menschen aus aller Herren Länder ganz offen ihre Drogengeschäfte abwickeln, ein Heer von merkwürdigen Gestalten, denen man ungern im Dunkeln begegnen möchte. Doch genau dazu passte dann dieser desillusionierte Streifenpolizist Harald Stracke, der letztlich weder mit sich selbst, noch mit seinen Opfern, ja am Ende nicht einmal mit seiner Frau, für die er all die Morde begangen hatte, Mitgefühl aufbringen konnte. /sis

Nina Rubin (Meret Becker) kommt aufgelöst und voller Sorge um ihren Sohn Tolja am Tatort an. (Foto: rbb/Stefan Erhard)

Tizian – meisterliches Spiel mit Farben, Licht und Schatten

Tizian – meisterliches Spiel mit Farben, Licht und Schatten
Bildnis der Clarice Strozzi, 1542, Berlin, Staatliche Museen, Gemäldegalerie (Foto: bpk / Gemäldegalerie, SMB / Christoph Schmidt)

Das Städel Museum in Frankfurt widmete sich im Mai 2019 in einer groß angelegten Sonderausstellung „Tizian und die Renaissance in Venedig“ mit über 100 Meisterwerken der venezianischen Malerei der Renaissance, darunter mehr als 20 Arbeiten Tizians, die umfangreichste Werkauswahl, die in Deutschland je zu sehen war.

Tizian, der eigentlich Tiziano Vecellio hieß, sorgte schon zu seinen Lebzeiten (1488-90 bis 1576) für Schlagzeilen. Er war ein gewiefter Geschäftsmann, der Einnahmen und Ausgaben sorgfältig notierte, stets auf der Suche nach neuen Aufträgen war, dabei sichere Einnahmequellen spektakulären vorzog und dafür gerne auch seine weniger erfahrenen Schüler einsetzte, was ihm oft genug auch schadete. Er machte selbst vor unlauterem Wettbewerb nicht halt, wenn es darum ging, einen unliebsamen Konkurrenten aus dem Rennen zu werfen. Wenn Tizian einen Auftrag erhielt, etwa für Freskenmalerei an Gebäuden oder Porträts bekannter Persönlichkeiten seiner Zeit, dann konnte es schon einmal ein paar Jahre dauern, bis das Werk fertiggestellt war, es sei denn, der Auftraggeber ließ sich zu üppigen Sonderzahlungen überreden. Tizian hatte den Vorteil, dass er in der Blütezeit der italienischen Renaissance tätig war. Es gab unzählige Künstler, wovon die große Masse nicht über Mittelmaß hinaus kam, während Tizian ein Meister seines Fachs war, ausgebildet in der renommierten Werkstatt der Gebrüder Bellini, gefördert von seiner Familie und später von Karl V. und dessen Sohn Philipp II. Als er im Alter von 86 Jahren vermutlich an der Pest starb, war er der erfolgreichste Maler Venedigs.

Wie alt Tizian wirklich geworden ist, darüber gehen die Meinungen der Historiker weit auseinander. Ein Vetter dritten Grades datierte Tizians Geburtsjahr auf 1477 (nachzulesen in Joseph A. Crowe, Leben und Werk, aus dem Jahre 1877). Tizian selbst behauptete 1571 in einem Schreiben an den spanischen König Philippe von sich, er sei ein armer alter Mann von 95 Jahren. Allerdings hat die Wissenschaft etliche Ungereimtheiten ausgemacht, manche Ereignisse in Tizians Leben wollen nicht so recht zu diesem Geburtsjahr passen. Heute vermutet man deshalb Tizians Geburtdatum zwischen 1488 und 1490. Geboren wurde er in der alpenländischen Dorfidylle von Pieve di Cadore, eine 878 Meter über dem Meeresspiegel thronende Ortschaft in der Nähe der Belluneser Dolomiten, rund eineinhalb Stunden von Venedig entfernt. Schon früh erkannte die Familie Tizians Talent – er soll eine Madonna mit Blumensaft an eine Hauswand gemalt haben, die die gesamte Nachbarschaft in helle Aufregung versetzte – und schickte ihn zu einem Onkel nach Venedig. Seine Ausbildung begann bei einem Mosaikarbeiter, später folgten Lehrjahre in der Werkstatt der berühmten Brüder Bellini.

Bildnis des Dogen Francesco Venier, 1554 – 56, Madrid, Museo Nacional Thyssen-Bornemisza (Foto: Museo Nacional Thyssen-Bornemisza. Madrid)

Von Anfang an hatte Tizian keine Probleme von anderen Künstlern das anzunehmen, was er als gut empfand. Und er war einer der ersten Künstler, der seine Arbeiten signierte. Er ist nicht nur einer der bekanntesten Künstler der venezianischen Malerei, sondern auch einer der vielfältigsten. Er malte Porträts, Landschaften, wählte sowohl mythologische als auch religiöse Themen und brachte es am Ende seines Lebens auf 646 Werke. Dabei hielt er gerne an den Formen weiblicher Schönheit fest, die er mit nur wenigen Abweichungen stets wiederholte. Charakteristisch für Tizian ist die Farbenvielfalt mit der er aufs meisterlichste umzugehen wusste. So verstand er es wie kein anderer, nahezu durchsichtige Kleiderstoffe zu malen. Sie sind so zart, dass die Haut der Trägerin darunter durchschimmert. Obendrein war er ein begnadeter Zeichner, der nicht mit Griffel oder Stift, sondern mit dem Pinsel zeichnete. Dabei machte er das Studium der Natur zur Grundlage seiner Arbeit. Anfang 1500 gab es einen Stilwandel, weg von der antiken Kunst hin zur Nachahmung der Stoffe und deren Farbenspiel. Tizian experimentierte mit Licht und Schatten und wetteiferte zum Beispiel mit Albrecht Dürer um Perfektion. Der goldrote Farbton, mit dem Tizian gerne die weiblichen Haare darstellte, wird noch heute „tizianrot“ genannt.

Nur ungern verließ der Künstler Venedig, das trotz der Wirren zahlreicher Scharmützel und Kriege seine wirtschaftliche und kulturelle Blüte erlebte. Kein Wunder also, dass Tizian es vorzog, lieber für den Dogen von Venedig zu arbeiten statt für Papst Leo X. Bis 1531 wohnte er mitten in der Stadt am Canale Grande, mietete sich dann in eine Villa im nordöstlichen Stadtteil ein, die er 1559 mit samt dem großzügigen Anwesen kaufte. Dort gab er Gesellschaften im großen Stil und nahm gerne Lob für die von ihm verschönerten Gärten an der Wasserseite entgegen.

Als Tizian am 27. August 1576 starb, war er reich und berühmt und hatte Kinder und Enkel, die in nächster Nähe wohnten. Sein Leben lang hatte er versucht, seine Angelegenheiten vorausschauend zu regeln, aber am Ende war er mit seiner Familie heillos zerstritten. Mit seinem Sohn Pomponio kommunizierte er nur noch über Anwälte. Nach seinem Tod wurde sein Haus geplündert, und seine Nachkommen führten jahrelang einen erbitterten Streit um seinen Nachlass. /sis

Madonna mit Kind, der heiligen Katharina sowie einem Hirten, (Die Madonna mit dem Kaninchen), um 1530, Paris, Musée du Louvre, Département des Peintures (Foto: bpk / RMN – Grand Palais / Michèle Bellot)

Psychothriller mit hohem Gruselfaktor

Psychothriller mit hohem Gruselfaktor
Kritik zum Tatort Dresden „Das Nest“
ARD/MDR Tatort “Das Nest”: Das neue Dresdner Tatort-Team v.l.: Karin Gorniak (Karin Hanczewski), Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) und Leonie “Leo” Winkler (Cornelia Gröschel), (Foto: MDR/Wiedemann und Berg/Daniela Incoronato)

Logisch geht es nicht zu in diesem Tatort aus Dresden mit dem Titel „Das Nest“ aus der Feder des erst kürzlich mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Drehbuchautors Erol Yesilkava. Gleich zum Auftakt passiert ein schwerer Unfall und die offenbar unverletzte Fahrerin läuft einfach weg, mitten in der Nacht auf einer Straße im Nirgendwo. Sie marschiert zufällig genau in das verlassene Hotel, in dem eine Anzahl präparierter Leichen als fröhliche Gästerunde drapiert ist. Menschen, die offenbar niemand vermisst in einer Umgebung, die nicht so leicht zu finden ist! Gleich anschließend versucht die Polizei den Mörder zu stellen, indem sie Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) als neue und völlig unerfahrene Kollegin an der Seite von Oberkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) ganz allein in besagtem Hotel auf den Massenmörder warten lässt. Gorniak wird bei dieser Aktion von dem Täter mit einem Messer schwer verletzt, das SEK schaut untätig zu und Kollegin Winkler wird statt suspendiert auch noch hoch gelobt. Damit nicht genug, zwei Monate nach diesen Ereignissen wird einem potenziell Verdächtigen das Messer mit dem Blut von Gorniak untergeschoben, zwei Monate, in denen der wahre Täter Christian Mertens (Benjamin Sadler), ein intelligenter Chirurg, besagte Tatwaffe nicht etwa gereinigt und entsorgt, sondern schlicht in einer Plastiktüte verpackt samt Blut aufbewahrt hat. Wozu? In einer weiteren Szene trägt eben dieser Christian Mertens seine bereits erwachsene, schwer übergewichtige Tochter wie ein Fliegengewicht quer durchs Haus und auch seine Frau Nadine (Anja Schneider) kommt nicht auf die Idee, dass es mit ihrem wiederholt plötzlichen Tiefschlaf nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Und zu guter Letzt hat der Täter für all den Irrsinn nur eine Erklärung: Er will töten, das ist seine Natur. Komisch nur, dass er nicht schon früher aufgefallen ist. Ein schlüssiges Motiv fehlt ebenso wie die Erläuterung, warum er die Leichen konserviert und zur Schau stellt. Für wen?

Mit Logik hatte dieser Tatort also absolut gar nichts zu tun, dafür aber viel mit Psychoterror. Der Massenmörder kannte keine Gnade und machte aus seinen Mordgelüsten keinen Hehl. Auch die neue Kollegin legte leicht profilneurotische Züge an den Tag, war mehr darauf bedacht, ihrem Chef Peter Schnabel (Martin Brambach) und dem ehrgeizigen Vater Otto Winkler (Uwe Preuss) zu gefallen, statt ihrer Partnerin beizustehen. Und selbst Karin Gorniak war am Ende so von Hass und Abscheu erfüllt, dass sie den Täter am liebsten abgeschlachtet hätte. Kein Krimi also, sondern ein astreiner Psychothriller, der mit einem hohen Gruselfaktor die fehlende Spannung aber mehr als wett machte. Es bleibt zu hoffen, dass die „Neue“ sich noch ins Dresdner Team einfindet und nicht der Zickenkrieg zwischen Winkler und Gorniak künftig den Tatort aus Dresden bestimmt.  

Ganz nebenbei kann „Das Nest“ aber wunderbar als Lehrstück für angehende Drehbuchautoren dienen, enthält dieser Tatort doch den kompletten Bauplan für einen gelungenen Film. Sämtliche Wendepunkte sitzen genau da, wo sie zu sitzen haben, der Höhepunkt in der Mitte wird schön herausgearbeitet mit der Enttarnung des Täters und von da an geht es lehrbuchmäßig bergab bis zum unvermeidlichen Showdown am Ende. So klar erkennbar sind die einzelnen Bestandteile, aus denen ein Film gestrickt wird, nur sehr selten. /sis

Karin Gorniak ist voller Hass und Abscheu für den Täter. Das Ende des Films bleibt offen, ob Gorniak und ihre neue Partnerin Leonie Winkler den gestellten Massenmörder aus Notwehr erschießen oder ihn doch gezielt hinrichten. (Foto: MDR/Wiedemann und Berg)

Wer durchhält, wird belohnt

Wer durchhält, wird belohnt
Rezension “Operation Rubikon” von Andreas Pflüger

Man braucht schon etwas Geduld, bis man sich in den Thriller „Operation Rubikon“ aus der Feder des bekannten Drehbuchautors Andreas Pflüger eingelesen hat. Zu viele Figuren sind im Spiel, deren jeweilige Lebensgeschichte ein wenig zu breit erzählt wird. Zu viele Schauplätze mit zum Teil schwierigen ausländischen Namen erschweren den Durchblick. Und nicht zuletzt eine Flut von Abkürzungen machen es dem Leser nicht leicht, sich in der Vielzahl von staatlichen Behörden zurecht zu finden, die gegen organisierte Kriminalität mit all ihren Auswüchsen wie Geldwäsche, Korruption, Erpressung und Mord, antreten. Am Ende des fast 800 Seiten umfassenden Wälzers findet sich zwar ein Abkürzungsverzeichnis, allerdings macht es das Lesen nicht zu einem Vergnügen, wenn man ständig nachschauen muss, was denn gleich noch mal „ST“ bedeutet. Und so quält man sich förmlich durch die ersten 400 Seiten, blättert zurück, sucht Zusammenhänge, fängt ganze Kapitel immer wieder von vorne an, natürlich in der Hoffnung, dass noch etwas Überraschendes kommt. Zu oft wechselt der Autor die Perspektive, die zum Ausdruck gebrachte Brisanz einzelner Situationen vermittelt sich dem Leser zu häufig nicht. Und dennoch wird der Leser nicht enttäuscht, denn die restlichen 400 Seiten sind aller Mühe wert. In der zweiten Hälfte des Buches gelingt es dem Autor dann doch noch, eine emotionale Bindung zwischen seinen Figuren und dem Leser herzustellen, die es möglich macht, mit den Protagonisten zu leiden und zu hoffen, dass am Ende doch noch alles gut ausgeht. Das Ende allerdings ist nach fast 800 Seiten Beschreibungen bis ins kleinste Detail etwas zu knapp geraten.

Die Geschichte rankt sich um die bei der Bundesanwaltschaft tätige junge Staatsanwältin Sophie Wolf, die mit ihrem ersten richtigen Fall in einen Strudel internationaler organisierter Kriminalität gezogen wird, die bis in höchste Regierungskreise reicht. Dabei trifft sie auf ihren Vater, den mächtigen und allseits verehrten Präsidenten des Bundeskriminalamtes Richard Wolf. Das Verhältnis der beiden ist denkbar schlecht. Als dann aber Sophies Spezialeinsatz, bei dem illegale Waffengeschäfte gestoppt werden sollen, in einem wahren Desaster endet, hält Vater Richard seine schützende Hand über sie. Gemeinsam kämpfen sie gegen ein neues Kartell, das den internationalen Waffen- und Drogenmarkt erobern will. Der Chef des Kartells schafft es dabei bis in die Spitze der Bundesregierung und es gelingt ihm, alle wichtigen Schaltstellen der Verbrechensbekämpfung mit seinen Leuten zu infiltrieren. BKA-Präsident Wolf gründet die geheime Gruppe Rubikon, in der eine handvoll vertrauenswürdige Mitarbeiter zusammen mit Sophie gegen den skrupellosen Verbrecher und seine Schergen antreten.

Das Buch „Operation Rubikon“ erschien 2004 im Herbig Verlag und wurde 2016 vom Suhrkamp Verlag neu aufgelegt. Andreas Pflüger arbeitete fünf Jahre an diesem Buch und er schrieb auch das Drehbuch zum gleichnamigen Film.

Biographische Angaben
Andreas Pflüger: Operation Rubikon
Suhrkamp Taschenbuch, 2016, 798 Seiten
ISBN: 978-3-518-46740-4

Dramatischer Abgang in Bremen

Dramatischer Abgang in Bremen
Kritik zum Tatort Bremen „Wo ist nur mein Schatz geblieben“
ARD/RB Tatort “Wo ist nur mein Schatz geblieben”: Durch Zufall entdecken Bauarbeiter die unter einer Straße verborgene Leiche einer Frau. Bei den Mordermittlungen stechen die Bremer Ermittler Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) in ein feingewebtes Netz aus Korruption und illegalen Geldgeschäften. Nach einem heimlichen Treffen mit den BKA-Kollegen stellt Inga Lürsen Kollege Stedefreund zur Rede. (Foto: Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder)

 

Die BKA-Ermittlerin Linda Selb (links Luise Wolfram) wird von  Inga Lürsen ins Vertrauen gezogen. (Foto: Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder)

Zugegeben, etwas konstruiert war Nils Stedefreunds (Oliver Mommsen) Abgang im letzten Tatort aus Bremen schon. Zum einen blieb das Motiv für den grenzenlosen Hass des BKA-Mannes Wolfgang Kempf (Philipp Hochmair) auf Stedefreund doch zumindest fragwürdig. Jedenfalls war aus dem aktuellen Geschehen nicht erkennbar, warum er am Ende wie wild auf Stedefreund geballert hat – auch der exzessive Rauschgiftmissbrauch kann nicht als hinreichende Begründung dienen. Zum anderen fragt man sich schon, warum ein Heer von bis an die Zähne bewaffnete SEK-Mannen das Feuer nicht erwidert haben. Aber ansonsten war die Geschichte mit dem Titel „Wo ist nur mein Schatz gebliebenen“ von den Drehbuchautoren Florian Baxmeyer, Michael Comtesse und Stefanie Veith gut durchdacht und geschickt aufgebaut auf Stedefreunds angeblichem Afghanistan-Aufenthalt im Jahre 2013, der sich jetzt als verdeckter Ermittlereinsatz entpuppte, bei dem Stedefreund zwei Menschen in blinder Wut erschossen haben soll. Klar, Polizist konnte er nach der Enthüllung nicht mehr bleiben. Auch sein übertriebenes Verständnis für den in diesem Fall als verdeckter Ermittler agierenden Roger Stahl (Kostja Ullmann) erklärt sich aus den Erlebnissen. Warum er aber seiner Partnerin Inga Lürsen (Sabine Postel) und seiner Ex-Freundin Linda Selb (Luise Wolfram) die Wahrheit so lange schuldig blieb und die Ermittlungen im aktuellen Mordfall störrisch behinderte, war nur schwer verständlich. Stattdessen ließ er sich lieber mit den beiden dubiosen – und wie sich herausstellte wieder einmal korrupten – BKA-Beamten ein und deckte deren Machenschaften bis es nicht mehr ging. Der Nils Stedefreund, den die Zuschauer bis zu diesem letzten Fall kannten, hätte das ganz gewiss nicht getan.

Trotz der offenen Fragen war der letzte Tatort aus Bremen ein durchgängig spannender Krimi mit immer neuen Überraschungen und einem dramatischen Ende. Die Autoren spielten geschickt mit den Gefühlen der Zuschauer, die sich sicher einen anderen Abgang für die beiden Ermittler Inga Lürsen und Nils Stedefreund aus Bremen gewünscht hätten. Es ist schade, dass der Tatort mit Sabine Postel und Oliver Mommsen zwei Klasseschauspieler verliert, die über viele Jahre stets Garant für zufriedene Zuschauer – und damit natürlich auch gute Quoten waren. /sis

Ein gutes Team bis zum Schluss: Die Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen). (Foto: Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder)

Gefangen in einem Psychodrama

Gefangen in einem Psychodrama
Kritik zum Tatort Dortmund „Inferno“
ARD/WDR Tatort “Inferno”: Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann, mitte) besichtigt den Tatort, einen Ruheraum in der Notfallambulanz der Klinik. (Foto: WDR/Thomas Kost)
Tatort zentrale Notaufnahme v.l.n.r.: Anna Schudt als Martina Bönisch, Jörg Hartmann als Peter Faber, Aylin Tezel als Nora Dalay, Rick Okon als Jan Pawlak. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Der Tatort aus Dortmund ist bekannt für seine – drücken wir es höflich aus – „schwierigen“ Ermittler. Doch in der neuen Folge mit dem Titel „Inferno“ drehen schließlich alle durch: Nora Dalay (Aylin Tezel) bekommt wieder eine Panikattacke als sie sich freiwillig eine Plastiktüte über den Kopf zieht. Nur Jan Pawlak (Rick Okon) erkennt die kritische Situation und eilt ihr gerade noch rechtzeitig zur Hilfe. Peter Faber (Jörg Hartmann) und Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt) schauen seelenruhig zu, wie die junge Kollegin fast erstickt. Faber stellt schließlich selbst mit Bönisch den Mord nach und bringt sie dabei ebenfalls fast um. Und zu guter Letzt lässt er sich auf einen Psychotrip mit Hilfe von vermeintlichem LSD ein, dreht dabei völlig durch und stellt in einem ultimativen Showdown den Täter in selbstmörderischer Absicht, in dem er mit seinem Auto mit Vollgas in die Luxuskarosse von Dr. Dr. Andreas Norstädter (Alex Brendemühl) donnert. Der Arzt, der keiner war, wird abgeführt und Faber schwer verletzt in das Krankenhaus gebracht, in dem er und seine Kollegen bis dahin mehr oder weniger erfolgreich ermittelt haben. Dabei bleibt offen, ob man den falschen Arzt nun anhand der Indizien tatsächlich überführen kann und natürlich, wie schwer Faber verletzt ist.

Bis zu diesem fulminanten Finale war aber schlicht Langeweile angesagt. Faber war wieder einmal mehr mit sich und seinen eigenen Problemen beschäftigt, machte dabei einen mehr als unaufgeräumten Eindruck, sowohl psychisch als auch optisch. Kein Polizeichef würde einen derart kaputten Typen auf die Menschheit loslassen, auch nicht auf ebenso kranke Täter, wie in diesem Fall einen vermeintlichen Arzt, der sich in maßloser Selbstüberschätzung durchaus für fähig hielt, als Arzt und Psychiater zu arbeiten. Ein Irrer trifft einen anderen, könnte man sagen, das konnte nur in der Katastrophe – einem Inferno eben – enden. Kein schlechter Ansatz des Drehbuchautors Markus Busch, aber letztlich doch wieder nichts weiter als das inzwischen hinreichend bekannte, persönliche Psychodrama der Dortmunder Ermittler. Der Fall an sich, der spektakuläre Tod einer Ärztin, war wieder nur Nebensache – wie leider viel zu oft im Tatort aus Dortmund. /sis

Das Mordopfer starb mit einer Plastiktüte über dem Kopf: Kommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel, links) macht den Selbstversuch. Peter Faber (Jörg Hartmann, links), Martina Bönisch (Anna Schudt, Mitte) und Jan Pawlak (Rick Okon, rechts) schauen zu. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Ein bedrückender Fall

Ein bedrückender Fall
Kritik zum Polizeiruf 110 aus Rostock „Kindeswohl“
ARD/NDR Polizeiruf 110 “Kinderwohl”: Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) suchen nach Keno und Bukows Sohn Samuel. (Foto: NDR/Christine Schroeder)
Was ist passiert? Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) verschaffen sich einen Überblick. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Ein brisantes Thema hatten sich die Drehbuchautoren Christian Sothmann, Elke Schuch und Regisseur Lars Jessen für den neuen Polizeiruf 110 aus Rostock mit dem Titel „Kindeswohl“ vorgenommen. Es ging um die Unterbringung von schwer erziehbaren Kindern und Jugendlichen in Heimen privater Träger. Wie sich im Verlaufe des Films herausstellte, geben diese Heime und andere private Pflegeeinrichtungen die Kinder und Jugendlichen für den Bruchteil der im Inland anfallenden Kosten an Pflegeeltern im europäischen Ausland, in diesem Fall konkret in Polen und das in einvernehmlicher Zusammenarbeit mit dem zuständigen Jugendamt. Nun sind polnische Pflegeeltern nicht besser oder schlechter als deutsche, aber für die Kinder und Jugendlichen muss der Wechsel in eine völlig fremde Welt ohne Freunde und mit einer Sprache, die sie nicht verstehen, einen ganz gewaltigen Eingriff in ihr Leben bedeuten. Für Otto (Niklas Post) war die Veränderung so drastisch, dass er einfach nicht mehr leben wollte und mehrfach Selbstmordversuche unternahm, bis es ihm schließlich gelang, kurz bevor sein „Bruder“ Keno (Junis Marlon) ihn aus seinem neuen Gefängnis befreien konnte. Keno kam zu spät, weil ihn der Heimleiter nach einem nächtlichen Gewaltausbruch kurzerhand eingesperrt hatte. Wieder in Freiheit machte er sich mit Alexander Bukows (Charly Hübner) Sohn Samuel (Jack Owen Berglund) auf den Weg nach Polen, wobei Keno wortwörtlich über Leichen ging. Er erschoss den Heimleiter ohne Zögern, als der ihm in die Quere kam. Ein Fall für Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und das Team aus Rostock, Anton Pöschel (Andreas Guenther) und Volker Thiesler (Josef Heynert). Es folgte ein Wettrennen auf Leben und Tod zwischen den Ermittlern und den beiden Jugendlichen, die schließlich Ottos Pflegeeltern auf einem ärmlichen Hof in Polen ausfindig machen konnten und den Pflegevater mit vorgehaltener Waffe dazu zwangen, den im Wald verscharrten toten Otto wieder auszugraben.

Wie schon in den Folgen zuvor waren König und Bukow mehr mit ihrem ständig schwelenden Scharmützel und zudem den eigenen Lebensbaustellen beschäftigt. Und obwohl in diesem Fall sein Sohn involviert war, hielt sich Bukow, der es sonst bekanntlich nicht so genau mit Recht und Gesetz nimmt, auffällig zurück. Er ging wohl dem ein oder anderen vermeintlichen Mitwisser unsanft an den Kragen und setzte auch seine Dienstwaffe in Polen ein, ansonsten aber hat man ihn beileibe schon aufgebrachter gesehen.

Alles in allem ist „Kindeswohl“ aber endlich wieder einmal ein spannender Krimi, der die dringend diskussionbedürftige Thematik gut nachvollziehbar und deshalb ungemein bedrückend herausarbeitet. Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner überzeugen mit ihrem leidenschaftlichen Spiel einmal mehr als ungleiches Paar, bei dem der nächste handgreifliche Wutausbruch nur eine Frage der Zeit scheint. Großartig! /sis

Der Fall der halben Gesichter

Der Fall der halben Gesichter
Kritik zum Tatort aus Köln „Bombengeschäft“
ARD/WDR Tatort “Bombengeschäft”: Schwierige Aufgabe für Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch, 2.v.r.) sowie die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär, links) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, 2.v.l.): Nur ein Stück Unterkiefer konnte der Kollege der KTU vom Toten sicherstellen. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Wo Sprengstoff im Spiel ist, verliert man schnell ein paar Körperteile – war es das, was Regisseur und Drehbuchautor Thomas Stiller seinen Zuschauern durch die immer wieder nur halb zu sehenden Gesichter der Akteure im neuen Tatort aus Köln mit dem Titel “Bombengeschäft” vermitteln wollte? Eine andere Erklärung jedenfalls lässt sich nicht finden. Und hilfreich war dieses merkwürdige Stilmittel auch nicht: Das Mienenspiel der Figuren, die eigentliche Kunst jedes Schauspielers, ging dadurch zu einem großen Teil verloren und es nervte schlicht, Max Ballauf (Klaus J. Behrend) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) und alle anderen Schauspieler, darunter so namhafte Größen wie Ralph Herforth und Thomas Darchinger, bei nahezu jeder Großaufnahme nur mit halben Kopf zu sehen.

Der Begriff „halb“ zog sich indes wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte. Nur mit halber Kraft, ja fast schon saft- und kraftlos gingen Ballauf und Schenk an die Ermittlungen. Man hätte ihnen hin und wieder eine Currywurst gewünscht, vielleicht hätten sie dann mehr Dynamik entwickelt. Auch war das zugrunde liegende Motiv für den anfänglichen Mord an dem Sprengmeister Peter Krämer, den Überfall auf dessen nicht gerade trauernde Witwe Alena Krämer (Alessija Lause) und den Mordversuch an seinem Proleten-Freund Alexander Haug (Sascha Alexander Gersak) viel zu schnell erkennbar. Schließlich ist jedem sofort klar, warum ein Sprengmeister plötzlich vom Kauf eines Grundstücks zurücktritt, das kann nur mit einer Bombe irgendwo tief unter der Erde des Neubaugebiets zu tun haben. Und damit das nicht bekannt wird und womöglich die schönen Gewinnpläne des Immobilienmaklers zerstört, kann es auch nur zwei Täter geben: den Immobilienmakler selbst (Marco Hofschneider) und den in diesem Fall als Gutachter fungierenden Mitarbeiter einer Kampfmittelbeseitigungsfirma (Adrian Topol), der, durch Spielsucht hochverschuldet, für die entsprechende Menge Bares grünes Licht für den Bau der idyllischen Reihenhaussiedlung gibt, ein wahrhaft bombiges Geschäft. Nur macht es eben wenig Spaß, dabei zuzuschauen, wie die Kommissare lange weiter im Trüben fischen. Spannung wollte so erst gar nicht aufkommen.

Das war schlicht zu wenig für einen Tatort aus Köln, zu wenig für die im Grunde gute Geschichte, auch wenn sie alles andere als neu war. Belastete Grundstücke und daraus resultierende Erpressung waren eben doch schon viel zu oft Grund für Mord und Totschlag in einem Fernsehkrimi. Da hätte man sich zumindest für die handelnden Figuren und ihre Motive etwas mehr Fantasie gewünscht. Typisch Tatort Köln war in diesem Fall nur Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling), der wie gewohnt mehr mit seinen Pausen als mit Arbeit beschäftigt war – eine Art “Running Gag”, der aber nicht richtig zu zünden vermag – und Freddy Schenk, der wieder mit einem großen, spritfressenden Ami-Schlitten durch das Feinstaub geplagte Köln kutschieren durfte. Es lebe der Klimaschutz! /sis

ARD/WDR Tatort “Bombengeschäft”: Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, hinten) befragen den Spielhallenbesitzer Sascha Feichdinger (Thomas Darchinger, rechts). (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Spannung trifft Humor

Spannung trifft Humor
Kritik zum Tatort Münster „Spieglein, Spieglein“
ARD/WDR Tatort “Spieglein, Spieglein”: Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, l), Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, vorn), Silke Haller (ChrisTine Urspruch) und Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann, r) sind entsetzt, dass sie Schuld am Tod ihrer Doppergänger sein sollen. (Foto: WDR/Thomas Kost)

Kaum zu glauben aber wahr, der neue Tatort aus Münster „Spieglein, Spieglein“ wusste wieder zu überzeugen, auch wenn die Kritiken im Vorfeld eher gegenteiliges voraussagten. Natürlich kann es nur Fantasie sein, wenn in der nordrhein-westfälischen Domstadt Münster unter etwas mehr als 300.000 Einwohnern gleich fünf Doppelgänger ausgemacht werden. Dennoch handelte es sich um eine kluge Geschichte mit viel Tempo gepaart mit Spannung und dem ganz besonderen Humor, ohne dabei die Ernsthaftigkeit einer Mordermittlung zu vernachlässigen. Das können eben nur Thiel (Axel Prahl) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers). Die Charaktere blieben sich selbst treu und verloren auch angesichts der skurrilen Geschehnisse nicht den Respekt vor ihrer Arbeit, was leider nicht alle Tatort-Ermittlerteams von sich behaupten können. Auch wenn es ein paar Schwächen gab. So war Thiels Assistentin Nadeshda Krusenstern zwar beurlaubt – weil Schauspielerin Friederike Kempter ihr erstes Kind bekommen hat und sich während der Dreharbeiten noch in Mutterschutz befand -, trotzdem war sie an den Ermittlungen rund um den 14. Fall „Wolfsstunde“ mit dem Sexualmörder Sascha Kröger (Arnd Klawitter) beteiligt, auf den diese Folge aufbaute. Mithin hätte logischerweise auch sie Ziel des Racheaktes sein müssen. Für alle Münsteraner Protagonisten hat Krögers Verlobte Birgit Brückner (Kathrin Angerer) Doppelgänger gesucht und gefunden, neben Thiel und Boerne eben auch für Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann), Boernes Assistentin Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch) und sogar Thiels Vater Herbert (Claus D. Clausnitzer), nur für Nadeshda nicht! Und als Thiel seinen Vater ermordet glaubte – in dieser Szene ganz ausgezeichnet gespielt von Axel Prahl -, hätte er eigentlich schon von fern erkennen müssen, dass es sich am Tatort nicht um das Taxi seines Vaters handelte.

Kleine Schönheitsfehler, die den Gesamteindruck indes nicht trüben können. Die Geschichte von Drehbuchautor Benjamin Hessler war schlüssig und die Mörderin handelte mit durchaus nachvollziehbaren Motiven, Grundvoraussetzung für einen guten Krimi. Dazu kommen mit dem selbstverliebten Boerne und dem eher zurückhaltend eitlen Thiel zwei großartige Charaktere, die in dieser Konstellation ganz einfach nicht zu übertreffen sind. Der Tatort aus Münster war deshalb wieder ein wahres Vergnügen für alle Krimifreunde, das gerne wiederholt werden darf. /sis

Ein beinahe gelungener Thriller

Ein beinahe gelungener Thriller
Rezension Marc Elsberg: Helix – Sie werden uns ersetzen

Nach “Blackout” und “Zero” legt Marc Elsberg mit „Helix – Sie werden uns ersetzen“ sein drittes Buch vor. Nach den dramatischen Folgen eines europaweiten Stromausfalls und einem Abstecher in die Welt der Manipulation von jungen Menschen durch intelligente Computerprogramme ist es diesmal das Menschsein selbst, zumindest wie wir es kennen, das der Autor in seinem über 670 Seiten starken Thriller attackiert. Es geht um Genmanipulation bei Pflanzen, Tieren und letztlich den Menschen.

Der amerikanische Außenminister bricht auf der Sicherheitskonferenz in München tot zusammen. Herzprobleme, die sich aber bei der Obduktion als durch einen von Menschenhand geschaffenen Killervirus verursacht entpuppen. Zeitgleich werden an unterschiedlichen Orten auf der ganzen Erde äußerst robuste und krankheitsresistente Pflanzen und Tiere entdeckt. Das ruft natürlich die Regierung und sämtliche amerikanischen Geheimdienste und sonstige Spezialeinheiten auf den Plan. Jessica Roberts, von der Präsidentin der Vereinigten Staaten zur Sonderermittlerin in diesem Fall berufen, kommt mit Hilfe von Wissenschaftlern und einem Heer von Einsatzkräften dem Geheimnis um Killervirus und Genmanipulationen auf die Spur. Zur selben Zeit muss sich ein amerikanisches Ehepaar für die künstliche Befruchtung entscheiden zwischen einem ganz normalen Kind oder einem “modernen” Kind mit besonderen Eigenschaften nach Wunsch: Aussehen, Größe, Intelligenz sind nur einige der Wahlmöglichkeiten. Und dann wird auch noch die zehnjährige Jill vermisst, die wie 15 aussieht, bereits studiert und durch ihr außergewöhnliches Wissen, ohne dass es jemand gemerkt hätte, ein Vermögen an der Börse gemacht hat, das sie für die Weiterentwicklung “moderner Kinder” einsetzt. Das alles läuft zusammen in New Garden, einer Forschungseinrichtung, in der eben diese “modernen Kinder” bereits Wirklichkeit sind. Kinder, die sich schneller entwickeln, weit intelligenter sind und über ungeheure Kräfte verfügen, wie der zehnjährige Eugene, der unter anderem über eine enorme Sprungkraft verfügt.

Elsberg erzählt auch dieses Mal seine Geschichte dramatisch und ungemein spannend, spart auch ethischen Fragen nicht aus und legt ein Buch vor, das man nicht mehr aus den Händen legen mag. Das ändert sich aber ab der Hälfte der Geschichte. Dann nämlich, als eine Handvoll Kleinkinder ein Heer von bis an die Zähne bewaffnete Soldaten, die Wissenschaftler und Sonderermittler mitsamt Jessica Roberts und der Präsidentin in New Garden überwältigt, die Präsidentin als Geisel nimmt und sich mit einem Hubschrauber, den eben jener Eugene fliegt, aus dem Staub macht. Man ahnt es schon, die Absichten von Wunderkind Eugene sind eher negativer Natur. Von da an läuft die Geschichte bis zu ihrem spektakulären Ende am Flughafen Sao Paulo einige Mal gehörig aus dem Ruder, gleitet ab in unglaubwürdige Science-Fiction eingebettet in unsere reale Gegenwart. Schade, hätte der Autor die unterschiedlichen Erzählstränge zu einem soliden Ende geführt, wäre das Buch vielleicht nur halb so dick, dafür aber spannend von der ersten bis zur letzten Seite geworden. /sis

Bibliographische Angaben
Marc Elsberg, Helix. Sie werden uns ersetzen
Blanvalet Verlag, 2018, 672 Seiten
ISBN 978-3734105579

Alles andere als überzeugend

Alles andere als überzeugend
Kritik zum Tatort aus dem Schwarzwald „Für immer und dich“
ARD/SWR Tatort “Für immer und dich”: Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) hat nicht mehr damit gerechnet, dass das verschwundene Mädchen nochmal auftaucht. Aber jetzt haben er und Franziska Tobler (Eva Löbau) tatsächlich Spuren von ihr gefunden. (Foto: SWR/Benoit Linder)

Schon der Titel des vierten Tatorts aus dem Schwarzwald gibt Rätsel auf, was ist gemeint mit der Verkürzung, „Für immer und dich“?  Soll es bedeuten, dass der ältere Mann und die Minderjährige „für immer“ zusammenbleiben und „für dich“ – für das junge Mädchen tut der ältere Mann alles was er tut? So kann es nicht gemeint sein, denn der ältere Mann – Martin Nussbaum (Andreas Lust) – entpuppte sich als pädophil veranlagter Versager, der nach einer Firmenpleite mit dem Geld seiner Mutter für sich und ein damals erst 13-jähriges Mädchen eine Auszeit auf der Flucht finanziert. Das Mädchen, Emily Arnold (Meira Durand), ist nicht etwa verliebt in Martin Nussbaum, sie will nur – wie jeder Teenager in dem Alter – weg von Zuhause, sich ausprobieren. Soweit so gut. Emily verschwindet mit Nussbaum und wird erfolglos zwei Jahre gesucht. Dann wird sie plötzlich von ihrer Mutter gesehen und die Polizei-Maschinerie läuft erneut an. Hauptkommissarin Franziska Tobler (Eva Löbau) bekommt den Fall auf den Tisch. Denn der ursprünglich mit der Vermisstensache betraute Hauptkommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) ist mit einem Unfall beschäftigt, bei dem ein Junge ums Leben kam. Eine Vermisstensache und eine Verkehrssache also – nicht unbedingt Aufgaben für die Kriminalpolizei möchte man meinen. Und in dieser Konstellation und Motivlage ganz gewiss auch nicht für einen spannenden Krimi geeignet. Tatsächlich war die Folge aus dem Schwarzwald dann auch ziemlich langweilig. Die Geschichte von Drehbuchautor Magnus Vattrodt verzettelte sich in viel Tatfolgegeschehen, beschäftigte sich mit der merkwürdigen Beziehung des ungleichen Pärchens, zeigte die Versuche des älteren Mannes an Geld zu kommen, um das Mädchen weiter bei sich zu halten und zugleich die Bemühungen des Mädchens aus der unheilvollen Beziehung auszubrechen. Dazu wurden zahlreiche Klischees bedient, frei nach dem Motto „Familie ist etwas Wunderbares“. Die Ermittlungen von Berg und Tobler spielten eine eher untergeordnete Rolle und basierten nicht auf Polizeiarbeit, sondern auf Zufallsfunden. Erst der Chip des zum Entsetzen aller Zuschauer brutal erschlagenen Hundes, der Nussbaum gehörte und Emily mehr faszinierte als sein Besitzer, brachte die Kommissare auf die Spur Nussbaums, der, von Emily unbemerkt, den tödlichen Unfall verursacht hatte.

Auch der vierte Tatort aus dem Schwarzwald war alles andere als überzeugend. Ein nachlässig zusammengezimmertes Gerüst für die wahre Geschichte des ungleichen Paares, das Monate lang die Schlagzeilen der Regenbogenpresse beherrschte. Obendrein präsentierten die Macher ein durch die Sommerhitze recht mitgenommen aussehendes Ermittlerteam, dem man so gerne eine erfrischende Dusche gegönnt hätte und zu allem Überfluss auch noch eine Hauptkommissarin auf der Toilette. Die völlig überflüssige Erzählung von Toblers vermeintlicher Schwangerschaft hätte man gewiss auch appetitlicher darstellen oder besser noch weglassen können, wie eigentlich den ganzen Film! /sis

Kurzweilige Unterhaltung mit viel Situationskomik

Kurzweilige Unterhaltung mit viel Situationskomik
Kritik zum Tatort “Borowski und das Glück der Anderen”
ARD/NRD Tatort “Borowski und das Glück der Anderen”: Almila Bagriacik (Mila Sahin) und Axel Milberg (Klaus Borowski). (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Ein bisschen verrückt sind Klaus Borowskis (Axel Milberg) Täter ja immer. So auch in seinem neuesten Fall, in dem Neid der Auslöser allen Übels ist. Supermarktkassiererin und Hausmütterchen Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) neidet ihren Nachbarn Victoria und Thomas Dell das vermeintliche Lottoglück. Sie haben den Jackpot gewonnen, ausgerechnet die, die sowieso schon alles haben. Das jedenfalls meint Peggy aus der im Haus gegenüber beobachteten Szene zu entnehmen. Und sie verrennt sich immer mehr in die Idee, dass auch ihr endlich ein Stück vom ganz großen Glück zustehen müsste, zumal ihr Ehemann Micha Stresemann (Aljoscha Stadelmann) mit sich und seinem Leben durchaus zufrieden scheint und ihren Zukunftsträumen nur Unverständnis entgegenbringt. Also steigt Peggy ins Nachbarhaus ein und sucht die Lottoquittung, noch wurde der Gewinn nicht abgeholt. Dabei wird sie aber vom Hausherrn ertappt und als der ein Beweisfoto der „süßen Szene mit den lila Gummihandschuhen“ machen will, ballert Peggy drauf los – mit gleich sieben Schuss streckt sie Thomas Dell (Volkram Zschiesche) nieder!

Alles in allem eine nette Geschichte mit viel Situationskomik und einer großartigen Katrin Wichmann. Borowski und seine neue Partnerin Mila Sahin (Almila Bagriacik) bleiben dagegen ungewöhnlich blass. Borowski ermittelt mit der Dynamik einer Schnecke und hält sich in erster Linie mit Verständnis für die unglücklichen Lebensumstände der vermeintlichen und der echten Täterin auf. Seine neue Partnerin Mila Sahin bekommt auch in diesem Tatort aus Kiel noch kein richtiges Profil. Da helfen auch das blaue Auge und die zur Sympathiesteigerung eingebaute Szene mit Borowski als Wohnung suchendes Brautpaar in froher Hoffnung nichts. Trotzdem entpuppte sich „Borowski und das Glück der Anderen“ als kurzweilige Unterhaltung, der zwar die Dramatik und Spannung eines echten Krimis fehlte, aber den wohlwollenden Zuschauer durchaus bis zum Ende bei der Stange hielt. /sis

ARD/NDR Tatort “Borowski und das Glück der Anderen”: Borowski (Axel Milberg) hat einen Verdacht. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Ein wenig zu viel des Guten

Ein wenig zu viel des Guten
Kritik zum Tatort Franken „Ein Tag wie jeder andere“
ARD/BR Tatort “Ein Tag wie jeder andere”: Kriminalhauptkommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), Kriminalhauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Kriminalkommissar Sebastian Fleischer (Andreas Leopold Schadt) betrachten die Leiche von Katrin Tscherna (Katharina Spiering). (Foto: BR/Hendrik Heiden/Claussen + Putz).

Rache ist immer ein starkes Motiv, auch wenn im fünften Tatort aus Franken der Aspekt ein wenig überbetont wurde. So war der Haupttäter Martin Kessler (Stephan Grossmann) einfach zu rachsüchtig, der beschuldigte Molkereibesitzer Rolf Koch (Jürgen Tarrach) dagegen zu emotionslos und der durch die Entführung seiner Tochter zu den Morden gezwungene Rechtsanwalt Thomas Peters (Thorsten Merten) doch ein wenig zu bereitwillig. Nun ist es natürlich in fantasievollen Geschichten durchaus erlaubt, ein wenig zu übertreiben, aber manchmal ist es eben ein Quäntchen zu viel des Guten. So auch in diesem Tatort, in dem dafür das Ermittlerteam Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) wiederum ein wenig zu blass blieben. Daran änderte auch Voss‘ herbe Ansprache nichts, in der er dem gesamten Team recht lautstark erklärte, dass Recht für alle gilt, eben auch für Täter, was immer sie auch getan haben mögen. Und Hauptkommissarin Ringelhahn wiederum wirkte ein wenig zu abgebrüht, nachdem sie Rechtsanwalt Peters durch einen tödlichen Schuss daran gehindert hatte, einen dritten Mord zu begehen. Überhaupt waren die Kommissare zu leichtfertig bereit, ein Leben zu opfern, um das entführte Mädchen zu retten. Welches Leben ist denn mehr wert?

Ein wenig verwirrend waren die Rückblenden, die dem Zuschauer die Ursachen des aktuellen Geschehens erläutern sollten. Dass es sich um Rückblenden und nicht etwa um Szenen der laufenden Geschichte handelte, war indes nicht immer gleich erkennbar. Etwas konstruiert wirkte schließlich auch die Auflösung des letzten Mordes, in der sich Kesslers Exfrau (Karina Plachetka) unter anderem Namen als Sekretärin des Polizeipräsidenten Zugang zu Kessler und so die Möglichkeit verschafft hatte, den Verursacher allen Unglücks zu ermorden.

Und doch handelte es sich hier endlich wieder einmal um einen ausgesprochen gefälligen Tatort, der mit einer spannendenden Geschichte auch kritische Zuschauer zu überzeugen wusste. Dazu trugen nicht zuletzt die Szenen im Bayreuther Festspielhaus mit Richard Wagners bombastischer Musik bei. /sis

Merkwürdig komödiantisches Spektakel

Merkwürdig komödiantisches Spektakel
Kritik zum Tatort “Murot und das Murmeltier”
ARD/HR Tatort “Murot und das Murmeltier”: LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur, li.) hat die Nase voll und verschafft sicht Zutritt zu der Wohnung einer Verdächtigen – die Kettensäge weckt allerdings das Misstrauen eines Nachbarn (Jens Wawrczeck). (Foto: HR/Bettina Müller)

Was wollte uns Drehbuchautor Dietrich Brüggemann, der auch Regie führte und für die ausgesprochen gute Musik sorgte, mit dem Tatort „Murot und das Murmeltier“ denn nun eigentlich erzählen? Die längst bekannte Geschichte von dem sich immer wiederholenden Alltag kann es nicht gewesen sein, die hätte niemanden zu Begeisterungsstürmen veranlasst. Eine Kriminalgeschichte wohl auch nicht, dazu fehlten schlicht sämtliche Zutaten. Je länger man darüber nachdenkt, um so eher wird deutlich, dass uns der Autor vielleicht einfach nur unterhalten wollte mit seinem merkwürdig komödiantischen Spektakel aus der Ecke Comedy und Slapstick. Wer erschießt schon seinen Wecker oder springt mit einem derart hässlichen Pyjama aus dem Fenster oder geht im Bademantel in einen Baumarkt?

Nein, es kann sich nur um einen Witz gehandelt haben, denn mehr gab Murots Murmeltiertag gewiss nicht her. Wer es komisch findet, wenn Leute reihenweise ohne besonderen Grund in einer Endlosschleife einfach abgeknallt werden, mag mit diesem Tatort auf seine Kosten gekommen sein. Die wahren Krimifreunde aber blieben – wieder einmal – auf der Strecke. So etwas ähnliches wie Spannung erzeugte vielleicht der Umstand, dass man nie genau wusste, was Felix Murot (Ulrich Tukur) in der nächsten Fassung seines Albtraums tun würde. Er ballerte jedesmal munter drauf los, auf seinen musikliebenden Nachbarn zum Beispiel, den vermeintlichen Bankräuber und Geiselnehmer (Christian Ehrich), der eigentlich gar nichts wollte und dessen jugendliche Komplizin (Nadine Dubois) mit Armbrust, die auch nicht wirklich ins Geschehen passte. Murots Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) war zur Statistin degradiert, genau wie alle anderen Beteiligten nichts weiter als Staffage waren. Je länger der Albtraum dauerte, um so mehr musste man befürchten, dass der LKA-Ermittler sich und anderen ernsthaft schadet, schließlich konnte er gar nicht wissen, wann denn nun ein neuer Tag mit neuem Geschehen angebrochen war, dazu war der jeweilige Auftakt zum Murmeltiertag einfach zu unterschiedlich. 

Das alles kann gefallen, als eigenständiger Film vielleicht, als Tatort aber eher nicht! Für Experimente gibt es genug Reihen auch in der ARD – der Filmmittwoch zum Beispiel. Dort hätte ein solcher Film auch mit dem großartigen Ulrich Tukur in der Hauptrolle gewiss einen würdigen Rahmen gefunden. Der Tatort aber sollte den Verantwortlichen für derartige Experimente doch eigentlich viel zu schade sein! /sis

Wirre Geschichten und viel Effekthascherei

Wirre Geschichten und viel Effekthascherei
Kritik zum Polizeiruf 110 aus Magdeburg „Zehn Rosen“
ARD/MDR Polizeiruf 110 “Zehn Rosen”: Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke) kommen am Tatort an.(Foto: MDR/Stefan Erhard)

Die Rosen waren der einzige Hinweis auf die tatsächlichen Hintergründe der beiden Mordfälle, den Drehbuchautor Wolfgang Strauch seinen Zuschauer zubilligte. Rosen als Zeichen der Liebe, und um enttäuschte Liebe ging es letztlich in diesem Polizeiruf 110 aus Magdeburg mit den wie immer durchweg schlecht gelaunten Kommissaren Doreen Brasch (Claudia Michaelsen) und Dirk Köhler (Matthias Matschke). Statt schrille Motorradbraut zeigte sich Brasch aber von ihrer sanften Seite, schwer verliebt in den Polizeipsychologen Wilke (Steven Scharf). Der Rest der Geschichte verhedderte sich in allerlei wirre Einzelerzählungen vom verlorenen Schatten des Kriminalrats Uwe Lemp (Felix Vörtler), über die schwierige Lebensgeschichte der Transfrau Pauline/Paul Schilling (Alessija Lause), den hemmungslosen Schläger Jan Freise (Sven Schelker) und den gestandenen Polizeiausbilder Ulf Meier (André Jung).

Der Autor schickte seine Zuschauer immer wieder kreuz und quer durch tragische Schicksale und belastende Geschehnisse und hielt sie mit viel Effekthascherei vom eigentlichen Kern der Geschichte fern. Zu guter Letzt wurde ein Täter für beide Morde aus dem Hut gezaubert, dessen Motiv jedoch mehr als dürftig war. Die in einem Krimi zwingend erforderliche „Fallhöhe“ – die Bedeutung dessen, was für den Täter auf dem Spiel steht – stimmte nicht. Mord aus enttäuschter Liebe ist für einen eher ruhigen, lebenserfahrenen Täter, der dem Zuschauer den gesamten Film über vorgeführt wurde, mehr als unglaubwürdig. Dafür bekam der Täter aber einen spektakulären Abgang, der aber auch nicht in die Dramaturgie eines Krimis passen wollte. Denn am Ende eines Krimis muss es Gerechtigkeit geben – der Täter muss leiden, wie seine Opfer gelitten haben. Eine wenn auch gewaltige Explosion befriedigt dieses Bedürfnis nach Ausgleich nun einmal nicht. Und so drängt sich der Eindruck auf, dass dem Zuschauer gar kein spannender Kriminalfall und dessen Auflösung präsentiert werden sollten, sondern er sich in erster Linie mit dem noch immer sehr schwierigen Alltag transsexueller Menschen auseinandersetzen sollte. Ein brisantes Thema gewiss und jeder Diskussion wert. Ob aber ein Krimi dafür den richtigen Rahmen liefert, darf man getrost in Frage stellen. /sis

Strafversetzt nach Göttingen

Strafversetzt nach Göttingen
Kritik zum Tatort „Das verschwundene Kind“
 NRD-Tatort “Das verschwundene Kind”: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba) (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Ob man den beiden Klasseschauspielerinnen Maria Furtwängler und Florence Kasumba mit den Rollen des Ermittlerduos Charlotte Lindholm/ Anais Schmitz einen Gefallen getan hat, darf bezweifelt werden. Zu krass ist nicht nur der optische Unterschied. Auch die aggressiven Ausraster der neuen Tatort-Ermittlerin mit dem schwermütigen Blick, die bereits in unzähligen Tatorten in ganz unterschiedlichen Rollen zu sehen war, können weder als lustig noch als integrationsförderlich bezeichnet werden, ganz im Gegenteil! Eine Kollegin zu ohrfeigen geht gar nicht – nie und unter keinen Umständen und schon gar nicht im öffentlich-rechtlichen Bildungsfernsehen. In diesem Tatort konnte die Kommissarin sogar ungerügt auch auf Verdächtige losgehen und der ohnehin merkwürdig ironische Chef schwieg dazu. Unerträglich!

Abgesehen davon war aber die Geschichte über eine bis zum letzten Augenblick verdrängte Schwangerschaft und dem letztlich in einer Mülltonne aufgefundenen Neugeborenen durchaus „Tatort-würdig“ mit einigen sehr bedrückenden Bildern, die man in den ansonsten unaufgeregten Krimis deutscher Machart zum Glück eher seltener sieht. Nur leider wurden in „Das verschwundene Kind“ zu viele Verdächtige mit zu vielen unterschiedlichen Motiven vorgeführt, deren Aufspüren und Vernehmen die an sich klug kombinierte Story der Drehbuchautoren Franziska Buch, Jan Braren und Stefan Dähnert unnötig in die Länge zogen. Die damit verbundenen häufigen Schauplatz- und Perspektivwechsel sorgten deshalb auch nicht für spannendes Tempo, sondern eher für ausgedehnte Strecken gepflegter Langeweile. Die Auflösung am Ende kam dann genauso überraschend wie das bis dahin erste und einzige Lächeln der beiden Kommissarinnen, die ansonsten stur und wenig ansprechend in ihrem Zickenkrieg verharrten. Das, was die LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm bisher ausgemacht hat, ihr untrügliches Gespür für Menschen und Motive und ihr etwas chaotisches Privatleben blieben diesmal gänzlich auf der Strecke. Leider! /sis

Stellbrinks Abschied ohne Tränen

Stellbrinks Abschied ohne Tränen
Kritik zum Tatort Saarbrücken „Der Pakt“
ARD/SR Tatort “Der Pakt”: Kriminalhauptkommissarin Lisa Marx (Elisabeth Brück) mit Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) bei Dr. Bindra (Franziska Schubert) (Foto: SR/Manuela Meyer)

Wirklich schlecht war er nicht, der letzte Tatort aus Saarbrücken mit Devid Striesow als Kommissar Jens Stellbrink. Auch wenn es gewiss nicht Striesows beste schauspielerische Leistung war, was aber vermutlich am Drehbuch lag. Was wollten die Buchautoren Michael Vershinin und Zoltan Spirandelli denn nun eigentlich mit ihrer Geschichte „Der Pakt“ erzählen? Dass es Flüchtlingen, die mit falschen Vorstellungen kommen, insbesondere auch den sogenannten „Illegalen“, noch immer schlecht bei uns geht? Dass sie für eine Duldung gerne auch andere Illegale an die Behörden verraten? Dass sie in großer Zahl auf die Hilfe irgendeines Mediziners angewiesen sind, dessen Qualifikation sie nicht überprüfen können? Dass die Menschen aus aller Herren Länder ihre jeweils ganz eigenen Probleme mitbringen und nicht etwa an der Grenze ablegen? Dass Frust und Enttäuschung rasch in Aggression und schließlich hemmungslose Gewalt umschlagen können? Vielleicht sollte die Geschichte von allem etwas widerspiegeln und das machte sie schließlich zu überladen. Und weil das den Autoren immer noch alles nicht reichte, ließen sie ganz nebenbei auch noch linke und rechte Ideologien aufeinanderprallen. Schwesterschülerin Anika (Lucie Hollmann), die sich aufopfernd um kranke Flüchtlinge und insbesondere um Kamal (El Mehdi Meskar) kümmerte, war mit der Ausbilderin wegen rassistischer Äußerungen aneinandergeraten. Der tragische Tod des kleinen Jungen und der spätere Selbstmord seines Bruders Kamal, der einen Pakt mit der Ausländerbehörde geschlossen hatte, um in Deutschland bleiben zu können, hatte ebenfalls nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun. Es ging vielmehr um die Ärztin Dr. Bindra (Franziska Schubert), die gar keine war. Die von ihr geschasste Schwesternschülerin Vanessa kommt hinter ihr Geheimnis und droht sie auffliegen zu lassen. Die Möchte-Gern-Ärztin bringt sie um. Eine Geschichte, die wir so oder ähnlich schon hundert Mal gesehen haben. Von den streckenweise sehr gezwungen wirkenden Verhören auf die falsche Spur gebracht, lösten die Ermittler selbst den Racheakt an Kamal und seinem kleinen Bruder und damit den Tod der beiden aus. Neben Stellbring ermittelt in dieser Folge auch wieder Lisa Marx (Elisabeth Brück), Mia Emmerich (Sandra Maren Schneider) und Horst Jordan (Hartmut Volle), die alle hinter ihren Möglichkeiten zurückblieben, weil die Verhöre statt ihrer Arbeit im Mittelpunkt standen.

Alles in allem drückten die Autoren mit dem Tatort „Der Pakt“ gehörig auf die Tränendrüse, erzeugten damit aber nicht die wohl beabsichtigte Betroffenheit. Auch beim scheidenden Kommissar Jens Stellbrink nicht, der zwar den Selbstmord Kamals wortwörtlich beweinte, ansonsten aber distanziert bis gleichgültig blieb. So wird man den bisher zu recht sehr beliebten Kommissar im Saarland und auch sonst in der Republik doch eher nicht vermissen. /sis

Dortmund hat “Rücken”!

Dortmund hat “Rücken”!
Kritik zum Tatort aus Dortmund “Zorn”
ARD/WDR Tatort “Zorn”: Mordkommission Dortmund: Martina Bönisch (Anna Schudt), Jan Pawlak (Rick Okon), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Peter Faber (Jörg Hartmann, v.l.n.r.). (Foto: WDR/Thomas Kost)

Der neue Tatort aus Dortmund war von den Faber-Fans sicher lange erwartet worden, nicht wegen eines aufregenden Krimis, sondern weil Peter Faber (Jörg Hartmann) so schön anders ist als alle anderen Tatort-Kommissare, wild, unbeherrscht, körperlich und seelisch ein Wrack. Schimanski kommt einem in den Sinn, Götz George in seiner abgetragenen Jacke. Aber gegen Faber war Schimanski eine geradezu gepflegte Erscheinung. Faber stößt ab, optisch und menschlich.

Das alleine reicht aber leider nicht, um einen Tatort-Abend unterhaltsam und spannend zu machen. Und so fehlte in der Folge „Zorn“ mit ihren düsteren Bildern aus dem Ruhrpott auch wieder alles, was man sich bei einem Tatort wünscht, eine spannend erzählte, außergewöhnliche Geschichte mit starken Charakteren, die den Zuschauer mitreißen. Davon war in „Zorn“ aus der Feder von Drehbuchautor Jürgen Werner nichts zu sehen. Vielmehr ging es erneut um Nebensächlichkeiten, wie Martina Bönischs (Anna Schudt) Rückenschmerzen, die sie zu einem Reiki-Meister führten, was wiederum gar nichts mit dem Fall zu tun hatte. Letztlich waren diese Rückenschmerzen aber irgendwie symptomatisch für diesen Tatort. Auch Nora Dalays (Aylin Tezel) massive Probleme mit ihrem neuen Kollegen Jan Pawlak (Rick Okon) spielten für die Ermittlungen zwar keine Rolle und blieben bis zum Schluss unerklärlich, sie hatten aber natürlich erhebliche Auswirkungen auf die Zusammenarbeit der beiden Jungkommissare. Am Ende gar versagten Noras Nerven, als sie hoch oben auf dem Stahlkoloss dem verzweifelten Bergarbeiter Ralf Tremmel (Thomas Lawinky) gegenüberstand und eine handfeste Panikattacke bekam, die sie völlig außer Gefecht setzte. Wenig überzeugend aber hatte Tremmel Mitleid mit der jungen Polizistin und legte den Sprengstoffzünder brav aus der Hand. Und dann waren da noch der Reichsbürger Friedemann Keller (Götz Schubert), der dem Geheimdienst in Person der sehr undurchsichtigen Dr. Klarissa Gallwitz (Bibiana Beglau) als Waffenlieferant und V-Mann zur Verfügung stand. Er lieferte den Sprengstoff für den Anschlag auf die ausgediente Zeche, die drei Kumpel nicht in einen Freizeitpark umgewidmet sehen wollten.

Warum ein Reichsbürger ausgerechnet mit einer ihm so verhassten öffentlichen Behörde Geschäfte machen sollte, blieb genauso ungeklärt wie die beiden Morde an zwei der Kumpel selbst. Wie immer, wenn der Geheimdienst im Spiel ist, wurde am Ende alles unter den berühmten Teppich gekehrt, klischeehafter geht es nicht mehr. Wieder ein Fall, der in Andeutungen endete und die eigentliche Aufgabe eines Krimis nicht erfüllte, nämlich den oder die Täter mit nachvollziehbaren Motiven dingfest zu machen. Stattdessen ging in „Zorn“ alles ziemlich durcheinander, für die Darsteller und die Zuschauer. Es war kein roter Faden erkennbar, die Ermittlungen plätscherten so dahin – und sogar Faber enttäuschte. Er zeigte sich zwar ungewaschen, aber doch gut gelaunt und stets zum Scherzen aufgelegt. Das haben seine Fans sicher nicht erwartet. So gesehen entpuppte sich der neue Fall aus Dortmund doch noch als kleine Überraschung. /sis

Spannende Geschichte, spannend erzählt

Spannende Geschichte, spannend erzählt
Kritik zum Tatort Wien “Wahre Lügen”
ARD Degeto Tatort “Wahre Lügen”: Der Mord an einer Journalistin, die zuletzt an einer Geschichte über illegale Waffengeschäfte gearbeitet hat, bringt die beiden Wiener Sonderermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer)  zu einem nicht restlos aufgeklärten Todesfall aus der Vergangenheit.  (Foto: ARD Degeto/ORF/Cult Film/Petro Domenigg)

Es war der 20. gemeinsame Fall für die Wiener Sonderermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und es war in der Tat ein ganz besonderer Fall. Eine spannende Geschichte, die zudem auch noch spannend erzählt wurde. Drehbuchautor und Regisseur Thomas Roth hielt sich dabei an die goldene Regel, die Filmemacher in jüngster Zeit nur allzu oft außer Acht lassen: Zeigen, statt reden, Bilder statt Dialoge. Immer wieder brachte er wichtige Elemente der Geschichte nur durch Bildsequenzen ein, verbunden mit geschickt eingestreuten Rückblicken auf die beiden scheinbar zusammenhängenden Mordfälle. Dazu kamen rasche Wechsel der Schauplätze, was der Folge mit dem vielsagenden Titel „Wahre Lügen“ zusätzliches Tempo verlieh.

Die Geschichte selbst sah lange Zeit nach dem ganz großen Verbrechen aus, in das höherrangige Politiker verstrickt zu sein schienen: Eine junge Journalistin wird auf dem Grund des Wolfgangsees in ihrem Auto gefunden, erschossen mit einer Pistole, die aus illegalem Waffenhandel stammt und damit zu einem älteren Fall führt, einem angeblichen Selbstmord eines österreichischen Ministers. Am Ende entpuppte sich der Mord an der Journalistin aber als eine reine Beziehungstat, als leidenschaftliche Rache von Sybille Wildering (Emily Cox) an ihrer Lebenspartnerin Sylvie Wolter (Susanne Geschwendtner) und deren neuen Freund David Weimann (Robert Hunger-Bühler). Etwas enttäuschend war das gezeichnete Bild höherer Dienststellen, die immer dann auf den Plan treten, wenn die Ermittlungen angeblich die innere Sicherheit gefährden. Das hat der Zuschauer schon viel zu oft gesehen. Und so bekamen es Bibi und Moritz wieder einmal mit Vertretern der Generaldirektion für Innere Sicherheit zu tun, was die Lösung des Falls über lange Strecken im illegalen Waffenhandel vermuten ließen. Dr. Maria Digruber (Franziska Hackl) und Lukas Kragl (Sebastian Wendelin) von der Generaldirektion wurden leider übermäßig klischeehaft dargestellt, frei nach der Devise, die Ermittler haben zu tun was sie sagen, wenn nicht, werden sie gefeuert. Schade! Das war aber der einzige Makel in diesem ansonsten wirklich spannenden Krimi, der ganz nebenbei sehr realistisch Bibis Fellners Kampf gegen die Alkoholsucht und die Bedeutung der Unterstützung durch ihren Partner Moritz Eisner thematisierte. Großartig, in jeder Hinsicht! /sis

Spannender Krimi mit überraschendem Ende

Spannender Krimi mit überraschendem Ende
Kritik zum Tatort aus Köln:  Weiter, immer weiter
ARD/WDR Tatort “Weiter, immer weiter”: Polizist Frank Lorenz (Roeland Wiesnekker, r.) hat neue Informationen, die für die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, Mitte) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, l.) wichtig sind. Doch eigentlich soll er sich aus den Mord-Ermittlungen heraushalten. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Endlich wieder einmal ein neuer Tatort, der sein Publikum gut zu unterhalten wusste. Nicht zuletzt das überaus beliebte Ermittlerduo Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), dem der Fall stets wichtiger ist als persönliche Empfindlichkeiten und der außergewöhnlich starke Auftritt von Polizist Frank Lorenz (Roeland Wiesnekker) machten die Folge „Weiter, immer weiter“ zu einem spannenden Krimi mit überraschendem Ende. Vielleicht hätte man „Mecki“ Mechthild Lorenz (Annette Paulmann) etwas weniger realistisch darstellen können, um dem Zuschauer wenigstens den Hauch einer Chance beim Mitraten zu geben. So aber war nicht erkennbar, dass Mecki nur noch in der Einbildung von Lorenz existierte, der durch den Unfall bei der nächtlichen Verkehrskontrolle an den Selbstmord seiner Schwester erinnert in eine klassische Paranoia abrutschte. Mit den alltäglichen, manchmal nur schwer erträglichen Folgen seines stressigen Berufs konfrontiert, brauchte der bis dahin schon nicht unauffällige Polizist einen Schuldigen und fand ihn in dem russischen Geschäftsmann Nikolai Nikitin (Vladimir Burlakov). Er erfand und konstruierte alle möglichen Beweise, um seinen alten Freund Freddy „Schenky“ Schenk von seiner Mafia-Theorie zu überzeugen. Schenk vertraute lange auf Lorenz‘ Professionalität und verfolgte ein ums andere Mal der von Lorenz gelegten Spur, auch gegen Max Ballaufs Willen.

Die Beschreibung des Polizeialltags, das Abdriften in psychische Erkrankungen, die miesen Geschäfte mafiöser Strukturen und der Alltag kleiner Drogendealer, die ebenfalls Wahn und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden können, ist den Drehbuchautoren Jan Martin Scharf und Arne Nolting in „Weiter, immer weiter“ gut nachvollziehbar gelungen. Ballaufs und Schenks wiederholte Kabbeleien und Norbert Jüttes (Roland Riebling) betont nervige Langsamkeit lieferten die unterhaltsamen Elemente dieser ansonsten bedrückenden Geschichte. Die Erwartungen an den Tatort Köln waren nach den vielen enttäuschenden Tatorten der letzten Wochen sehr hoch. Und tatsächlich gelang es Ballauf und Schenk das interessierte Tatort-Publikum etwas zu entschädigen. /sis

ARD/WDR Tatort “Weiter, immer weiter”: Betrachten sich das Phantombild eines Gesuchten: Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, l.) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, r.) mit ihrem Assistenten Norbert Jütte (Roland Riebeling, Mitte) im Besprechungsraum des Präsidiums. (Foto: WDR/Martin Valentin Menke).

Viel Klamauk, mehr aber auch nicht!

Viel Klamauk, mehr aber auch nicht!
Kritik zum Tatort Weimar „Der höllische Heinz“
ARD Tatort “Der höllische Heinz” (Foto: MDR/ Wiedemann&Berg/Anke Neugebauer)

Der Tatort aus Weimar mit den Kommissaren Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) hatte ja noch nie einem besonders hohen Anspruch an krimitypische Spannung. “Witzig” ist wohl das Schlagwort, das die Inhalte der Tatorte aus Weimar am ehesten beschreibt. Aber will man das sehen, wenn man am Sonntagabend das Erste einschaltet – Klamauk statt Krimi? Wohl eher nicht. Als spaßige Komödie zur Fastnachtszeit hätte „Der höllische Heinz“ wegen der zahlreichen Kalauer sicher mindestens fünf von sechs Sterne verdient. Als Tatort fehlte aber einmal mehr der nötige Ernst.

Dorn und Lessing ermittelten auch in der Westernstadt El Doroda wieder nur zu ihrem persönlichen Vergnügen. Um sie herum starben Menschen, was sie aber scheinbar nicht tangierte. Nach der Gasexplosion am Ende der Geschichte, bei der zwei Menschen völlig unnötig ums Leben kamen, bestiegen die beiden mit ein paar lockeren Sprüchen über den wegen “Masern” abgesagten Besuch der Schwiegermutter ein Pferd und ritten glücklich davon. Statt – was jeder normale Mensche getan hätte – zur Abwehr der Gasexplosionsgefahr im Hause des Täters Heinz Knapps (Peter Kurth) die Fenster aufzureißen, rettete Kira Dorn nur ihren Ehemann und überließ Kapps und den Anführer der Motorradgang “Bones”, Nick Kircher (Martin Baden), einfach ihrem Schicksal. Bitter und obendrei auch schlicht strafbar, weil unterlassene Hilfeleistung! Anders als bei den ebenfalls immer um Humor bemühten Tatorten aus Münster fehlt es den Kommissaren in Weimar an Respekt, Respekt gegenüber ihrer Arbeit, den Opfern und auch den Menschen in ihrer Umgebung. Das ist schade, denn die eigentlich Geschichte der Drehbuchautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger, unter einem Freizeitgelände wertvolle “Seltene Erden” zu finden und über deren Eigentumsrechte einen erbitterten Kampf zu inszenieren, ist großartig. Auch, dass das Freizeitgelände ein Western-Park war, ist nicht unbedingt verkehrt. Nur ging das Thema schlicht unter im Wild-West-Getümmel von Kira Dorn als heißem Cowgirl und Polizist Ludwig Maria Pohl genannt „Lupo“ (Arndt Schwering-Sohnrey) als treffsicherem Cowboy. Irgendwie hegte man als Zuschauer ununterbrochen die Erwartung, dass gleich Michael “Bully” Herbig und Christian Tramitz um die Ecke kommen. Wie gesagt, nicht schlecht, aber eben kein Tatort! /sis

ARD MDR Tatort “Der höllische Heinz”: Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner) bei ihrem Undercover-Einsatz in der Westernstadt El Doroda. (Foto: MDR/Wiedemann&Berg/Anke Neugebauer)

Jeder bekommt, was er verdient

Jeder bekommt, was er verdient
Kritik zum Tatort Luzern „Friss oder Stirb“
ARD Tatort “Friss oder Stirb”: Die beiden Ermittler Liz Ritschard (Delia Mayer, 3. v. li.) und Reto Flückiger (Stefan Gubser, re.) geraten in eine Geiselnahme. Der arbeitslose Mike (Mišel Matičević, 2. v. li.) hält Anton Seematter (Roland Koch, 2. v. re.) und dessen Tochter Leonie (Cecilia Steiner, li.) und Ehefrau Sofia (Katharina von Bock) in Schach. (Foto: ARD Degeto/ORF Daniel Winkler)

Das war doch endlich wieder ein Tatort, der Spannung und beste Unterhaltung bot, wenn auch streckenweise sehr überzeichnet. Sicher ist Überzeichnung ein gebräuchliches Stilmittel, um Unterschiede oder Verhaltensweisen deutlich herauszustellen. Wird damit aber übertrieben, erzeugt es, weil einfach zu unrealistisch, eher Unbehagen. Die Szene mit dem Maschinengewehr im Keller etwa oder auch die plötzliche Brutalität und Raffinesse der bis dahin schüchternen und zurückhaltenden Ehefrau. Und auch die Tatsache, dass die Täterinnen wieder einmal nicht überführt werden konnten, war für den Zuschauer wenig befriedigend.

Dafür überraschte aber der Rest der Geschichte: Die übermäßig verwöhnte Tochter, die ihre angeborenen Privilegien für „verdient“ hält. Der perspektivlose Geiselnehmer, der nur will, was ihm zusteht. Der superreiche Unternehmer, der erst einmal die Forderung des Geiselnehmers nachrechnet und nach oben korrigiert – dabei aber leider vergisst, die Arbeitslosen- und Hartz-IV-Beträge, die in der in Rede stehenden Zeit gezahlt würden, abzuziehen. Ein Fehler, den ein echter Profifinanzjongleur sicher niemals machen würde. Die Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) stolpern mehr oder minder zufällig in die Geiselnahme und können der bedrohten Familie Seematter nicht wirklich helfen. Sie werden überraschend schnell auch Opfer des Geiselnehmers Mike Liebknecht (Misel Maticevic). Nur Hausherr Anton Seematter (Roland Koch, der durch seine brillante Darstellung des cleveren Machers rasch vergessen lässt, dass er den Zuschauern als Tatort-Ermittler Matteo Lüthi bekannt ist) bietet dem Geiselnehmer Paroli. Ihm ist auch lange vor den Kommissaren und Zuschauern klar, dass Tochter Leonie (Cecilia Steiner) die von Flückiger und Ritschard gesuchte Mörderin ihrer Universitätsprofessorin ist. Leonie hatte schlicht keine Lust, ein Semester zu wiederholen. Derart verwöhnten Kids mag das durchaus als Motiv für einen Mord genügen. Nicht passen will hingegen das ambivalente Verhalten von Hausherrin Sofia Seematter (Katharina von Bock), die ihren vermeintlich untreuen Ehemann bei der ersten Gelegenheit brutal hinrichtet, auch gleich den Geiselnehmer erschießt und ihm dann vor der Polizei – jetzt wieder als armes, hilfsbedürftiges Opfer – den Mord an ihrem Mann in die Schuhe schiebt. Das passte ebenso wenige wie die von Seematter abgegebenen Maschinengewehrsalven. Da ist wohl die Fantasie mit den Drehbuchautoren Jan Cronauer und Matthias Tuchmann durchgegangen. Nichts desto trotz ist dieser Tatort einer der ganz wenigen in diesem Jahr, die ihrem Anspruch – nämlich den Zuschauer spannend zu unterhalten – wirklich gerecht werden. /sis

Wo Geld ist, sind Recht und Gesetz ohne Bedeutung

Wo Geld ist, sind Recht und Gesetz ohne Bedeutung
Kritik zum Tatort aus Frankfurt “Der Turm”
ARD Tatort “Der Turm”: Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich). (Foto: HR/Degeto/Bettina Müller)

Und jetzt? Das hat sich gewiss so mancher Zuschauer am Ende des neuesten Tatorts aus Frankfurt mit dem Titel „Der Turm“ gefragt. Eine tote Edel-Prostituierte, ein erschossener Motorradfahrer, aber kein Täter. Nicht einmal greifbare Ermittlungsergebnisse gab es. Dafür wurden die üblichen Klischees bedient, dass nämlich Staatsanwälte nicht unbedingt im Interesse der Aufklärung von Verbrechen handeln, Kommissare ungestraft Vorschriften außer Acht lassen dürfen, und dass vor dem Gesetz alle gleich, manche aber eben doch sehr viel gleicher sind. Geld regiert die Welt, und wo es um Geld geht, ist für Recht und Gesetz keinen Platz. Das war es, was die Macher dieses Tatorts – Buch und Regie wieder einmal in Personalunion, diesmal von Lars Henning – den Zuschauern vermittelten. Ansonsten war die Geschichte so verschwommen wie die Bilder von Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich), da halfen auch die Aufklärungsversuche von Kommissar Paul Brix (Wolfram Koch) nichts, der sich ohnehin sehr schwer tat in der Welt der Banker und Geldjongleure. Man nahm im „Turm“ die Polizei schlicht nicht ernst und entzog sich mit Hilfe der aalglatten Anwältin und Geschäftsführerin Dr. Rothmann (Katja Flint) recht plump allen Ermittlungsversuchen. Und selbstverständlich gelang es den Superreichen ihre Interessen zu wahren, indem sie mögliche Informanten der Polizei mit entsprechend Barem mundtot machten, Leichen einfach verschwinden ließen und den Kommissar, wenn er ihnen zu nahekam, unsanft auf die Straße beförderten. Das war es dann auch schon. Mehr hatte der Film nicht zu bieten, die Geschichte plätscherte so vor sich hin, keine überraschenden Wendungen, keine Spannung. Dafür aber viel Unverständliches: Kommissare im Alleingang, blutrünstige Träume ohne Sinn, abgegebene Pistolen, die nicht wieder abgeholt werden und niemandem fällt das auf, ein Pförtner, der bei einem totalen Stromausfall einfach auf seinem Stuhl sitzen bleibt und zwei IT-Nerds, die klischeehafter nicht hätten dargestellt werden können. Das war also wieder nur einer von vielen Tatort-Erstausstrahlungen im Jahr 2018, die man nicht noch einmal sehen möchte. /sis

Alles schläft, einsam wacht – der enttäuschte Zuschauer

Alles schläft, einsam wacht – der enttäuschte Zuschauer
Kritik zum Tatort aus dem Schwarzwald “Damian”
SWR Tatort “Damian”: Die Kommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und Luka Weber (Carlo Ljubek) kämpfen mit Akten, Beobachtern und Übermüdung. (Foto: SWR/Benoit Linder)

Eine echte Herausforderung war der Tatort aus dem Schwarzwald mit dem Titel „Damian“. Allerdings nicht an den Intellekt des Zuschauers, sondern schlicht und ergreifend an seine Geduld. Bis zum Schluss liefen zwei Fälle recht gemächlich nebeneinander her, die – wie sich erst am Ende herausstellte – wieder einmal gar nichts miteinander zu tun hatten. Krimiliebhaber, die Verdachtsmomente bei dem schizophrenen Studenten Damian (Thomas Prenn) suchten, wurden bitter enttäuscht. Denn Damian war einfach nur die dritte Leiche im Portfolio der Drehbuchautoren Lars Hubrich und Stefan Schaller, der auch für die Regie verantwortlich zeichnete. Nur wurde Damians viel zu ausführliche Geschichte zeitversetzt erzählt: er war längst tot, als die Kommissare ihn vernahmen. Letztlich hatte er ja auch nichts zu tun mit dem eigentlichen Mord, den die durchweg schläfrigen und ohnehin sehr farblosen Kommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und in Vertretung von Friedemann Berg Luka Weber (Carlo Ljubek) leider nur nebenbei aufzuklären hatten: ein im Wald erschossenes Liebespaar. Als Täter entpuppte sich recht überraschend ein am Anfang kurz eingeführter Rentner, dem das Auto gestohlen worden war. Autodieb war ein weiterer armer Irrer in dieser konfusen Posse, Johann von Bülow, der als Peter Trelkovsky seinen ganz besonderen Spaß mit Frauenunterwäsche hatte. Für den Zuschauer gab es keine Möglichkeit, das im wahrsten Wortsinn „neblig-trübe“ Spiel zu durchschauen. Spannung mochte nicht aufkommen und das Mitgefühl für Damian und die Kommissare hielt sich in recht engen Grenzen.

Dachte man schon beim letzten Tatort aus dem Schwarzwald mit dem Titel „Sonnewende“ schlimmer geht’s nimmer, wurde man mit „Damian“ eines Besseren belehrt. Schlimmer geht offenbar immer, beim Tatort. Nur gut, dass im Anschluss bei der Konkurrenz ein neuer Fall mit Inspektor Barnaby ausgestrahlt wurde. Das versöhnte das geschundene Tatort-Krimiherz. Und als dann auch noch Barnabys ehemaliger Sergeant Ben Jones in einer Gastrolle auftauchte, war der wieder einmal mehr als enttäuschende Tatort aus dem Schwarzwald rasch vergessen. Barnaby, das ist typisch britischer Humor gepaart mit einer fantasievollen Geschichte und mitreißenden Schauspielern in sympathischen Rollen. So geht Krimi! /sis

 

Von Meuffels im Liebeskummerwahn

Von Meuffels im Liebeskummerwahn

Kritik zu Polizeiruf 110: “Tatorte”

Polizeiruf 110 “Tatorte”: Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) (Foto: BR/Christian Schulz)

 

Zum letzten Mal war Matthias Brandt in der Rolle des Kriminalhauptkommissars Hanns von Meuffels im Polizeiruf 110 mit dem Titel „Tatorte“ zu sehen. Aber zum ersten Mal in seinen insgesamt 15 Fällen stand sich der sonst so engagierte Ermittler permanent selbst im Weg. Er war erfüllt von Liebeskummer und hatte nur seine verlorene Liebschaft Constanze Hermann (Barbara Auer) im Sinn, die mitsamt seinem Dampfbügeleisen aus der gemeinsamen Wohnung an die Polizeischule nach Nürnberg entschwunden war. Der Fall wurde zur absoluten Nebensache – in jeder Hinsicht. Schon früh hatte von Meuffels Assistentin Nadja (Maryam Zaree) einen Verdächtigen ausgemacht: Jochen Fahrenholz (Stephan Zinner) soll seine Ex-Frau vor den Augen seiner Tochter Jasmina (Aurelia  Schikarski) erschossen haben. Das zumindest behauptete die Kleine steif und fest. Punkt. Fertig. Fall gelöst! Ab nach Nürnberg und die Geliebte zurückgeholt. Als das nicht klappte, kaufte sich von Meuffels ein neues Dampfbügeleisen, während die Assistentin auf ein altes Gutachten der getöteten Frau stieß, die sich als Psychiaterin mit massiven psychischen Problemen entpuppte, die Männer und ganz besonders ihren ehemaligen, über alles hasste. Und so bescheinigte sie einem kleinkriminellen Vater absolute Erziehungsunfähigkeit. Sein Kind kam daraufhin zu Pflegeeltern und dort zu Tode. Das war der Grund für seine Rache und den Mord an Jasminas Mutter. Wieso das Mädchen den eigenen Vater beschuldigte, wieso der Mörder wusste, dass die Mutter an diesem Morgen auf dem Gelände eines Autokinos mit ihrem Exmann verabredetet war, blieb im Dunkeln, genauso wie vieles andere auch an diesem Fall. Die Frage „War er es wirklich?“ stand von Anfang bis Ende im Raum – fast den gesamten Film über mit Blick auf Jasminas Vater. Erst als die Assistentin kurz vor Schluss besagtes Gutachten und damit einen neuen Verdächtigen quasi aus dem Hut zauberte, rückte der in den Fokus der dann recht kurzen Ermittlungen: Assistentin Nadja klopfte an seine Tür – während von Meuffels wieder seinem Liebeskummer frönte. Der Verdächtige öffnete und schoss unvermittelt. Nadja bracht tödlich getroffen zusammen. Wieder: Punkt. Fertig. Fall gelöst? Fast: Von Meuffels nämlich, der zugesehen hatte, wie seine junge unerfahrene Kollegin in die Falle tappte, hat endlich genug. Er quittiert den Dienst. Das wiederum bringt ihm seine geliebte Constanze zurück oder auch nicht. Denn auch das bleibt unklar. Immerhin findet das Dampfbügeleisen seinen Weg zurück – dorthin, wo es hingehört.

Dieser Fall war gewiss kein Ruhmesblatt für den scheidenden Kommissar Hanns von Meuffels und auch der Zuschauer tat sich schwer mit der wirren Geschichte, die aus der Feder des sehr erfahrenen Drehbuchautors Christian Petzold stammt, der auch Regie führte. Nur ist ein Verdächtiger, der erst kurz vor Schluss aus dem Nichts auftaucht, eigentlich ein kapitaler Anfängerfehler und absolut verpönt in jedem Krimi, egal ob Film oder Buch! Der Zuschauer fühlt sich verschaukelt! Aber hier ging es nicht um einem Krimi, sondern in erster Linie um von Meuffels Liebeskummer – von der ersten bis letzten Minute. Der Kriminalfall war nur Bei- und Füllwerk als Begründung für den Ausstieg aus dem Polizeidienst. In solch desolater Verfassung jedenfalls wird man den Kommissar von Meuffels gewiss nicht vermissen. Sehr wohl vermissen wird man aber den grandiosen Schauspieler Matthias Brandt beim Polizeiruf 110. War er doch einer der besten Ermittler in der Serie und beim Publikum längst so beliebt und hoch geschätzt wie einst sein berühmter Vater, unser ehemaliger Bundeskanzler Willy Brandt. /sis

Brutale Mörder als Opfer inszeniert

Brutale Mörder als Opfer inszeniert
Kritik zum Tatort Ludwigshafen – Vom Himmel hoch

ARD/SWR Tatort: Vom Himmer hoch – Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter), das neue Tatort-Ermittlerteam in Ludwigshafen. (Foto: SWR/Sabine Hackenberg)

Ein Politthriller sollte es werden, der Tatort aus Ludwigshafen mit der in die Jahre gekommenen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und der blutjungen Anfängerin Johanna Stern (Lisa Bitter). Was der Zuschauer aber zu sehen bekam, war wieder einmal der plumpe Versuch, brutalste Mörder als Opfer zu inszenieren. In diesem Fall drei Verdächtige mit jeweils eigener, gewiss tragischer Geschichte. Aber rechtfertigen persönliche Erlebnisse und Schicksalsschläge den Mord an anderen?

Gerade bei der am Ende als Mörderin des Psychiaters Professor Steinfeld überführten Heather Miller (Lena Drieschner) wollte kein Mitleid aufkommen. Schließlich hat sie ihren Dienst beim Militär freiwillig angetreten, niemand hat sie gezwungen mit Drohnen Jagd auf Frauen, Kinder und Alte zu machen. Dass sie diese Tätigkeit letztlich in den Wahnsinn und damit in die Arme des renommierten Psychiaters getrieben hat, war als Krimivorlage aber durchaus geeignet, nur die Hintergründe wollen nicht so recht passen. Krieg und Vernichtung haben in einem Sonntagabend-Krimi nichts verloren. Und so waren die beiden eingestreuten Kriegssequenzen auch reichlich fehl am Platz und obendrein entbehrlich. Das komplexe Thema „Drohne als gnadenlose Präzisionswaffe” lässt sich ohnehin nicht am Rande eines Kriminalfalles bearbeiten.

Auch die beiden anderen Verdächtigen, ein kurdisches Brüderpaar, gab sich alle Mühe, als Opfer Verständnis für seine Attentatspläne zu wecken. Aber das erläuternde Bekennervideo sorgte allenfalls für ratloses Kopfschütteln: “Wir fühlen uns recht wohl hier, können aber die bundesdeutsche Verlogenheit nicht länger tolerieren und bestrafen euch deshalb mit Tod und Vernichtung”, so ihre verquere Botschaft.

Witzigerweise aber gelingt es in diesem „Politthriller“ der in der tiefsten Provinz tätigen Kommissarin Lena Odenthal aus einem gelben Plastikfetzen, einigen Zeitungsartikeln und dem Einsatzbericht über zwei fotografierende Ausländer ein Attentat vorherzusagen und damit letztlich sogar zu verhindern. Das lässt CIA und BND mit ausgeklügelter Technik und Spezialtrupps für jede Eventualität doch ziemlich schlecht aussehen.

Schlecht ausgesehen hat auch so manch andere Szene in diesem Tatort: Etwa Dr. Christa Dietrich (Beate Maes), Kollegin des ermordeten Psychiaters, die sich einen Eimer Putzwasser macht, dann aber den Lappen nicht ein einziges Mal in den Eimer taucht. Oder der arrogante Oberstaatsanwalt (Max Tidof), dem wieder einmal sein eigener Ruf wichtiger war als Recht und Gesetz, ein gern bedientes Klischee in deutschen Krimis. Ganz schlecht sah natürlich auch Kommissarin Johanna Stern aus, die ganz arglos in die Wohnung einer kampferprobten Soldatin stapfte und sich dann schnell in Unterwäsche an die Heizung gefesselt wiederfand. Und auch Lena Odenthals Rettungsschussaktion warf beim Zuschauer einige Fragen auf: Wie kann es sein, dass sich die Sicherheitsbeamten einfach zurückziehen ohne das geringste Interesse für die Attentäterin und die rettende Polizistin? Lena erschießt Heather Miller, bleibt ganz allein mit ihr zurück und darf anschließend völlig unbehelligt den Tatort verlassen?

Und genauso rätselhaft für die Zuschauer bleibt natürlich das plötzlich freundschaftliche Verhältnis zwischen Lena Odenthal und ihrer jungen Kollegin Johanna Stern. In den vorangegangenen Tatorten aus Ludwigshafen kannte der Zickenkrieg der beiden keine Grenzen. Und jetzt präsentieren sie sich als beste Freundinnen mit der Aussicht auf die große Liebe? So sehr kann Lena Odenthal ihren Mario Kopper doch gar nicht vermissen! Zusammenfassend aber kann man durchaus sagen: Es gab schon schlechtere Tatorte aus Ludwigshafen. /sis

 

Hochspannung bis zur letzten Minute

Hochspannung bis zur letzten Minute
Kritik zum Tatort aus München: Wir kriegen euch alle

ARD/BR-Tatort: Wir kriegen euch alle. Die Kinderpsychologin Jenschura (Anne Werner) bespricht sich mit den Kriminalhauptkommissaren Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec), Sie vermutet, dass es um Kindesmissbrauch geht. (Foto: BR/Hendrik Heiden)

Es war schon ein heftiges Thema, das sich die Drehbuchautoren Michael Comtesse und Michael Proehl für den 80. Tatort aus München vorgenommen hatten: Kindesmissbrauch in all seinen schmutzigen Facetten. Gelungen ist ihnen ein Krimi der Extraklasse mit Hochspannung von der ersten bis zur letzten Minute.

Zwar war schon früh erkennbar, dass Gretchen keinesfalls ein Missbrauchsopfer sein konnte, zu keck und selbstbewusst gab sich das kleine Mädchen (großartige Lily Walleshauser). Dennoch überraschte das Ende selbst den aufmerksamen Zuschauer. Nicht ein bedauernswertes Opfer war hier zum Täter geworden, sondern ein arrogantes, verwöhntes Bürschchen, zerfressen von Neid und Missgunst wegen der von den Eltern offensichtlich bevorzugten kleinen Schwester Gretchen. Louis (Jannik Schümann) drohte die Vertreibung aus dem bis dato paradiesischen „Hotel Mama“ – und er trat seinem zugegeben recht dominanten Vater dafür mit ganz konkreten Mordplänen gegenüber, für die er sein gesamtes Umfeld einschließlich Freund Hasko (Leonard Carow), selbst Opfer von Missbrauch im Kindesalter und Mitglied der recht merkwürdigen Selbsthilfegruppe “überlebender Missbrauchsopfer”, geschickt zu manipulieren wusste.

Nicht nur die durchweg spannend erzählte und immer wieder aufs Neue überraschende Geschichte wusste zu überzeugen, auch die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) präsentierten sich in einer inzwischen für einen Tatort schon eher ungewöhnlichen Professionalität – abgesehen von Leitmayrs Faustschlag in das Gesicht eines misshandelnden Vaters. Darüber hinaus gab es kein Gezänk, keine privaten Scharmützel, nichts was den positiven Eindruck trüben könnte. Dafür glänzten sie mit ungemeiner Kreativität: Da wurde auf Bäume geklettert, Verdächtige beschattet und undercover ausspioniert, sogar eine Rolltreppe in die Gegenrichtung bezwungen und das Handy am Wischmopp aus dem Kellerfenster gehalten. Keine Mühe war den beiden zu groß, um des Täters habhaft zu werden. Und auch Humor kam nicht zu kurz, dem Thema angemessen aber niveauvoll und zurückhaltend. Bravo!

Anzumerken bleibt einzig, dass Puppe Senta absolut keine Chance hätte je in ein Kinderzimmer vorgelassen zu werden. Niemand würde diese Puppe  mit den grässlich kalten, stahlblauen Augen einem kleinen Mädchen in den Arm legen und kein Kind könnte eine solche schon rein optische Monsterpuppe jemals lieb haben! /sis

Nicht gerade kreative Ermittlerarbeit

Nicht gerade kreative Ermittlerarbeit

Polizeiruf 110: Der Fall Sikorska – Die Kommissare Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) stoßen bei ihren Recherchen auf einen alten Fall. (Foto: rbb/Oliver Feist)

Aktuelle Kritik zum Polizeiruf 110: Der Fall Sikorska

Eigentlich erwartet der Zuschauer gewiss zu Recht von einem Sonntagabend-Krimi, ob nun Tatort oder Polizeiruf 110, in erster Linie spannende Unterhaltung. Was Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und ihr polnischer Kollege Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) aber im Polizeiruf 110 aus Frankfurt an der Oder zu bieten hatten, war allenfalls lahme Polizeiarbeit, die in erster Linie aus ziemlich viel Fußarbeit bestand. Die beiden Kommissare marschierten meist getrennt von einer Befragung zur nächsten, nur um am Ende jeweils nicht mehr zu erfahren, als sie ohnehin schon wussten. Kreativität bei den Ermittlungen, die Verdächtigen in die Enge treiben, sie vielleicht wütend zu machen und damit zu Fehlern zu zwingen, also all das, was einen guten Krimi ausmacht, fehlte im “Fall Sikorska”! Befragung reihte sich an Befragung und so hatte es der Zuschauer zum Schluss mit einem Heer von Mitwirkenden zu tun, die zum Teil mit nur einer Information in winzigen Nebenrollen aufgetaucht waren.

Inhaltlich ging es um Gewalt an Frauen. Das Klischee vom alternden Mann, hier der Arzt Gerd Heise (Götz Schubert), mit besonderem Interesse für junge Mädchen wurde bedient nach dem Motto: besser sie tut was er sagt, will sie seine sexuellen Übergriffe lebend überstehen. Dazu gab es eine Ehefrau (Lina Wendel) die partout das Offensichtliche nicht sehen wollte. Heise hatte in beiden Fällen im wahrsten Wortsinn „seine Finger im Spiel“. Er reagierte auf sämtliche Anschuldigungen aber merkwürdig gelassen und entpuppte sich am Ende tatsächlich nur als einer von zwei Mördern. Der andere, der ein junges Au-pair-Mädchen ermordet hatte, war nichts weiter als ein unreifes Bürschchen (Filip Januchowki) auf dem gleichen Trip. Die beiden Fälle wurden dem Zuschauer bis zum Schluss als zusammenhängend verkauft, obwohl sie gar nichts miteinander zu tun hatten. Doch nicht nur das enttäuschte, sondern auch die fehlende Erläuterung des Motivs: Gerd Heise wurde zwar des Mordes an seiner Stieftochter überführt, warum er sie aber umgebracht hat, blieb im Dunkeln. War es ein Unfall? Hat die Stieftochter ihn erpresst? Oder wollte sie nicht, wie er wollte?

Auch die Twitter-Gemeinde verlor immer wieder die Lust am Bildschirmgeschehen und beschäftigte sich vermehrt mit Nebensächlichkeiten, die deutschen Untertitel beispielsweise, oder sie dachten darüber nach, ob im deutsch-polnischen Grenzgebiet wirklich so perfekt zweisprachig gelebt wird. Und natürlich fehlte vielen immer noch Horst Krause auf seinem knatternden Motorrad mit Hund im Beiwagen. Der Ansatz des länderübergreifenden Ermittlerteams ist zwar nicht schlecht, aber Kollege Adam Raczek fehlt es an Ausstrahlung und das Paar Lenski/Raczek will einfach nicht so recht zusammenpassen. Schade eigentlich!

Spannender Tatort, wenn auch mit einigen Schwächen

Spannender Tatort, wenn auch mit einigen Schwächen
Aktuelle Kritik zum Tatort „Treibjagd“ aus Hamburg

Tatort “Treibjagd”: Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) sind bestürzt: Sie kannten den getöteten Einbrecher. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Zwei schwergewichtige Themen griff der Tatort aus Hamburg mit dem Titel „Treibjagd“ auf: Selbstjustiz und die Macht der Sozialen Netzwerke. Und von Anfang an stand die Frage im Raum, wer denn über die größere kriminelle Energie verfügt, das jugendliche Einbrecherduo oder die nicht zu Unrecht wütende Nachbarschaft. Jedenfalls stellte sich am Ende heraus, dass die Wutbürger zumindest noch einen letzten Funken von Skrupel besaßen, während die junge Räuberbraut Maja Kristeva (Michelle Barthel) ohne mit der Wimper zu zucken ihrem Rachebedürfnis freien Lauf ließ. Und damit belehrte sie die Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz), die in diesem Fall eine Sonderkommission gegen organisierte Einbruchbanden unterstützten, eines Besseren: Es handelte sich bei den beiden mit nichten um bedauernswerte Jugendliche, die nur in schlechte Gesellschaft geraten waren, sondern um ein hochkriminelles Verbrecherpärchen einer osteuropäischen Einbrecherbande, die den Bürgern des Hamburger Stadtteils das Leben mehr als schwer machten. Von daher mutete das von Falke offen zur Schau gestellte Mitgefühl für das Einbrecherduo bei den Zuschauern doch recht seltsam an. Hier standen sich nicht Täter und Opfer gegenüber, sondern ziemlich gewaltbereite Täter auf beiden Seiten. Etwas mehr Neutralität hätte der Story deshalb keinen Abbruch getan, selbst wenn man Falkes Schuldgefühle nachvollziehen konnte. Und dann war da noch Falkes Sprachniveau, das unangenehm auffiel. Auf der einen Seite führten uns die Drehbuchautoren Benjamin Hessler und Florian Oeller die Hasstiraden im Netz vor, wie sie entstehen, sich verbreiten und was sie bewirken und gleichzeitig reduzierten sie die Gefühlsäußerungen ihres Hauptdarstellers auf ein Wort, das man schon Kleinkinder verbietet. Hier sollte die ARD doch ihrem Bildungsauftrag gerecht werden – einmal „Scheiße“ pro Tatort reicht, auch für einen Thorsten Falke alias Wotan Wilke Möhring – schimpfen kann man auch niveauvoller!

Alles in allem war der Tatort aber dennoch in weiten Teilen recht spannend trotz der vielen Nachlässigkeiten. So suggeriert der Titel „Treibjagd“ ein Großaufgebot an Mensch und Maschine, die eben nicht zum Einsatz kamen. Es handelte sich eher um einen Hindernislauf zwei gegen zwei, da halfen auch die beiden Hunde nicht, deren Spürnase dann noch nicht einmal vertraut wurde. Fraglich war auch, wie die verletzte Einbrecherin unbemerkt an sechs Hunden auf einem offenen Gelände vorbeigekommen sein soll. Und auch die Motivation für den ersten Mord, der die Geschichte ja erst in Gang setzte, scheint mehr als dürftig: Reicht ein Gespräch unter Nachbarn über eine inszenierte Notwehr aus, um einen – wenn auch auf den ersten Blick recht unsympathischen – Bürger zum Mörder zu machen? Und ob Geschwisterliebe – oder Loyalität, wie es im Film hieß – tatsächlich so weit gehen würde, eine unliebsame Zeugin aus dem Weg zu räumen? Das darf doch getrost bezweifelt werden.  /sis

Was bleibt ist pures Entsetzen!

Was bleibt ist pures Entsetzen!

Polizeiruf 110 “Für Janina”: Wie kann man den Mörder festnageln, Bukow und Pöschel sind ratlos. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Aktuelle Kritik zum Polizeiruf 110 aus Rostock: Für Janina

Was war das für ein Polizeiruf aus Rostock? Die großen Fragen rund um Recht und Gerechtigkeit kamen zur Sprache, die unbefriedigende Tatsache, dass Täter auch bei später bewiesener Schuld unbehelligt bleiben, wenn sie einmal für ein Vergehen freigesprochen wurden. Demonstriert wurde das an einem starrsinnigen Täter, der vor 30 Jahren ein junges Mädchen vergewaltigt und getötet hat, inzwischen aber als Saubermann mit Familie mitten unter uns lebt, zugleich Frauen, die nicht von seiner Persönlichkeit geblendet sind, noch immer hart bestrafen möchte – ein „wütender Vergeltungsvergewaltiger“. Dazu zeigte uns der Film erstmals ein Ermittlerteam, das ununterbrochen selbst das Gesetz nach Gutdünken missbrauchte. Hausfriedensbruch, Körperverletzung, zuletzt wurde nicht einmal vor der Manipulation von Beweisen zurückgeschreckt.

Kommissar Alexander Bukow (Charly Hübner) ist ja dafür bekannt, gerne einmal „Fünfe gerade“ sein zu lassen, bislang aber immer stilvoll einbremst von seiner Partnerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau). Die wiederum in diesem Polizeiruf zum zweiten Mal über ihre eigene kriminelle Energie stolpert. Man kann zwar ihren Frust nachvollziehen, den Täter hier nicht zur Strecke bringen zu können, das rechtfertigt aber keinesfalls ihr Tun. Und das sieht auch Bukow so, der – entgegen des üblichen Verhaltensmusters der beiden – diesmal den Retter aus der Not zu spielen versucht. Vergeblich.

Was bleibt ist das pure Entsetzen nicht nur über die dringend änderungsbedürftige Gesetzeslage, sondern auch über das zügellose Ermittlerteam. König, Bukow, Pöschel (Andreas Guenther), Tiesler (Josef Heynert) und sogar Chef Henning Röder (Uwe Preuss) versuchen ohne Skrupel Recht und Gesetz auszuhebeln. Der Zuschauer kann nur hoffen, dass bei diesem Krimi die Fiktion nicht Wirklichkeit ist. Denn was wäre, wenn man als tatsächlich unschuldig Verdächtigter in die Fänge eines derartig hemmungslosen Polizeiteams gerät? Und für alle Fans des Rostocker Polizeirufs stellt sich natürlich auch die Frage, was aus Bukow und König wird, die in diesem Film gleich zu Beginn wegen Amtsmissbrauchs in einem vorherigen Fall schon zu hohen Geldstrafen verurteilt wurden. Kann es sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen überhaupt noch erlauben, ein solch kriminelles Ermittlergespann weiter auf die Zuschauer los zu lassen? /sis

Bukow (Charly Hübner, l.) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau, r.) nehmen Guido Wachs (Peter Trabner, M.) in die Zange. (Foto: NDR/Christine Schroeder)

Ratlos in die Nacht!

Ratlos in die Nacht!
Aktuelle Kritik zum Tatort aus Stuttgart “Der Mann, der lügt”

ARD/SWR-Tatort: Der Mann der lügt. Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) behalten Gregorowicz im Auge. (Foto: SWR/Alexander Kluge)

Der Jubiläumstatort aus Stuttgart mit dem Titel „Der Mann, der lügt“ entließ die Zuschauer nach 90 Minuten diesmal ziemlich ratlos in die Nacht. Viele Fragen blieben offen, obwohl sich der Film wesentlich länger anfühlte als üblich. Nicht, dass er schlecht gewesen wäre! Aber er war eben anders, dieser Tatort. Nicht zuletzt auch, weil das sonst so mitreißende Team aus den Kommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller), Sebastian Bootz (Felix Klare), Kriminaltechnikerin Nika Banovic (Mimi Fiedler) und der rassigen Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera) im zehnten Jahr ihrer Zusammenarbeit allesamt nur untergeordnete, langweilige Nebenrollen spielten. Denn der einzige Star des Abends war der Tatverdächtige Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey), der sich in ein Geflecht von Lügen verstrickte, auch wenn der Zuschauer so manche der Lügen nicht nachvollziehen konnte. So zum Beispiel warum er vor seiner Frau Katharina (Britta Hammelstein) noch immer den Schein der heilen Welt wahren konnte, obwohl die von ihren Tennispartnern doch schon längst wissen musste, was da hinter ihrem Rücken gespielt wurde? Warum bricht sie dann auch noch – nachdem die Wahrheit auch offiziell ans Licht gekommen war – in einen Wutanfall mit Schreikrampf aus, wenn ihr das alles nicht neu war? Und warum saß der unsympathische Rechtsanwalt (Hans Löw) eigentlich im Rollstuhl? Mag sein, dass die Tennispartner, die sich am Ende als die wahren Mörder entpuppten, von der Homosexualität ihres Freundes Jakob nichts wussten, aber dass er – wie sie auch – viel Geld beim Mordopfer verloren hatten, das haben sie seiner Frau gewiss nicht vorenthalten. Immerhin verbrachte Jakobs Frau mehr Zeit mit den Tennispartnern als mit ihrer Familie! Auch der Mordfall selbst hinterließ eine Reihe großer Fragezeichen: Warum wurde der Sohn des Opfers denn überhaupt noch entführt? Wusste der Tatverdächtige, wo sich das Entführungsopfer die ganze Zeit über befand? Wieso hat er dann die SMS mit den Koordinaten gebraucht? Und es stellte sich die dringende Frage, ob denn ein schlechtes Gewissen gegenüber eher nur entfernt bekannten Tennispartnern überhaupt ausreichen kann, um dafür einen Mord auf sich zu nehmen? Schließlich war das Entführungsopfer sein Geliebter, für dessen Tod er sich am Ende allein schuldig fühlen und unbedingt bestraft werden wollte. Schlüssig war das alles nicht. Und durch den Perspektivwechsel waren die in diesem Fall zwangsläufig ziemlich nervigen Hauptkommissare Lannert und Bootz gezwungen, in den Verhören lang und breit zu erklären, wie sie denn auf das ein oder andere Ermittlungsergebnis gekommen waren. Wichtige Informationen, die der Zuschauer zum Verstehen der Zusammenhänge sonst recht anschaulich quasi nebenbei durch den Ermittlungsverlauf erhält, wurden diesmal in Dialoge gepackt – und das machte den eigentlich interessanten Fall mit einem hervorragenden Hauptdarsteller, dessen leichter, österreichischer Akzent ihn noch ein bisschen sympathischer machte, unnötig langatmig, leider! Und seien wir doch mal ehrlich: Tatort schaut man wegen der Kommissare, sie sind die Protagonisten und Stars in jeder Folge, mit ihnen fiebern wir mit. Was kann ein Tatverdächtiger schließlich auch anderes tun, als sich ein Alibi zu beschaffen, vielleicht noch ein paar Spuren zu beseitigen und durch spontane Lügen den Tatverdacht von sich abzulenken? Das war es doch schon und genau das reicht eben nicht für 90 Minuten guter Unterhaltung. /sis

ARD/SWR Tatort “Der Mann, der lügt”: Staatsanwältin Emilia Alvarez hat eine Hausdurchsuchung bei Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) erwirkt. (Foto: SWR/Alexander Kluge)

Die ungeheure Macht des Glaubens

Die ungeheure Macht des Glaubens
Aktuelle Kritik zum Tatort Bremen – Blut

ARD-Tatort “Blut”: Das Bremer Ermittlungsteam sucht am Tatort nach Spuren. v.l.: Hauptkommissar Inga Lürsen (Sabine Postel), Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen), Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner). (Foto: Radio Bremen/Christine Schröder)

Gruseln war angekündigt und in der Tat sorgte der Tatort aus Bremen mit dem Titel „Blut“ für gehörigen Gänsehautfaktor. Obwohl natürlich nicht nur Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) schnell klar war, dass hier kein Vampir, sondern einfach eine arme Irre ihr Unwesen trieb. Letztlich aber haben die Drehbuchautoren Philip Koch und Holger Joos mit ihrer Geschichte die ungeheure Macht aufgezeigt, die der Glaube auf einen Menschen ausüben kann. Eine Macht, die scheinbar keine Grenzen kennt und am Ende sogar den sonst so rationalen Hauptkommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) mit sich riss.

In diesem Fall ist es eine Lichtkrankheit, die die junge Nora Harding (Lilith Stangenberg) in der Dunkelheit wahnsinnig werden lässt. Weil die Mutter sie aber „mein kleiner Vampir“ nennt und die Eltern sie – leider völlig unglaubwürdig – mit Blutkonserven versorgen, bleibt dem Mädchen gar nichts anderes übrig, als sich selbst für einen untoten Blutsauger zu halten. Als dann das Ableben des Vaters naht, macht sich die inzwischen jugendliche Nora auf ihre grausame Gefährtensuche. Die aber entpuppte sich nicht etwa als schockierend, sondern war schlicht abstoßend, genauso wie das blutverschmierte Gesicht des „kleinen Vampirs“. Das mag in einem Horrorfilm gehen, in einem Tatort haben solche Szenen nichts zu suchen. Wahre Krimispannung jedenfalls kam nicht auf, nur Ekel. Hier wurden die Grenzen des Erträglichen bei weitem überschritten. Ob das Thema derart drastisch umgesetzt werden musste, bleibt mehr als fraglich. Spannung hätte man auch anders erzeugen können. So bleibt trotz der schauspielerischen Glanzleistung von Oliver Mommsen nur das Fazit: Das war ein Tatort, den man sich kein zweites Mal anschauen mag.

Damit gab es erneut einen Tatort-Abend, der alles andere als ansprechend war. Bekanntlich steigt Sabine Postel aus der Reihe aus und angesichts solcher Folgen kann man das sehr gut verstehen. Renommierte Schauspieler wie sie und auch ihr Partner Oliver Mommsen geben sich für derart – nennen wir es gnädig – experimentelles Fernsehen sicher nicht mehr lange her. Sabine Postel sprach in einem Interview einige Mängel der neueren Tatort-Folgen offen an: Zu viele Tatort-Paare in immer mehr Städten, von denen zuviele der neuen “Kommissare” viel zu jung sind – und mithin überhaupt nicht die Lebenserfahrung besitzen können, die für eine solche Rolle erforderlich ist. Ein weiterer schwerwiegender Mangel sind aber gewiss auch Experimente wie eben hier in “Blut”, die auf Kosten wahrer Tatort-Fans – und damit nicht zuletzt auf Kosten der Gebührenzahler – leider immer häufiger gemacht werden. Man kann sich nur wünschen, dass noch mehr namhafte Schauspieler bald einfach “Nein” zum Tatort sagen – zumindest solange bis sich die Macher auf die alten Stärken des Tatorts besinnen: Schimanski lässt schön grüßen! /sis

ARD-Tatort “Blut”: Unerwarteter Besuch im Präsidium: Professor Syberberg. v.l.: Professor Syberberg (Stephan Bissmeier), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen). (Foto: Radio Bremen/Manju Sawhney)

Richard Wagner – Ein Genie mit allen erdenklichen Schwächen

Richard Wagner – Ein Genie mit allen erdenklichen Schwächen

Richard Wagner 1813 – 1883

Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich dicht beieinander. Auf keinen unserer meisterlichen Komponisten trifft das ehe zu als auf Richard Wagner, der unvergängliche Meisterwerke klassischer Musik schuf und nebenbei noch die Oper revolutionierte.

Leicht war sein Leben nicht, auch nicht als er längst bei Märchenkönig Ludwig II. am Tisch saß. Schuld daran war zum Teil sicher seine sehr schwierige Kindheit und Jugend. Richard Wagner wurde am 22. Mai 1813 in Leipzig geboren, in jenem verheerenden Kriegsjahr, in dem Napoleon Bonaparte mit 200.000 Soldaten in die damals mit 32.000 Einwohnern nicht gerade große Stadt einfiel und sich mit 350.000 Preußen, Österreichern und Russen eine gnadenlose Schlacht lieferte.  Am 19. Oktober war Napoleon geschlagen und Leipzig zerstört, tote Menschen und Pferde säumten die Straßen. Wenig später brach eine Typhus-Epidemie aus, durch die der gerade einmal sechs Monate alte Richard seinen Vater Friedrich Wagner verlor. Von ihm existierte kein einziges Foto, so dass es für Richard keine Erinnerung an seinen leiblichen Vater gab. Damit hatten die Katastrophen im Hause Wagner aber kein Ende, auch seine erst vierjährige Schwester, seine Großmutter und zuletzt sein älterer Bruder Gustav starben innerhalb weniger Jahre. 1814 zog die Familie nach Dresden, wo die Mutter Ludwig Geyer, einen Freund der Familie heiratete. Doch als Richard acht Jahre alt war, starb auch der Stiefvater. Man kann sich vorstellen, dass die nicht endende Trauer dem Jungen arg zugesetzt haben muss. Vielleicht suchte er deshalb Zuflucht in den großen deutschen Heldengeschichten? Das Thema Erlösung jedenfalls zieht sich durch sein Leben und Werk wie ein roter Faden. Denn zu all dem Leid kamen gesundheitliche Probleme und eine ganze Reihe menschlicher Schwächen, die Wagner allesamt in sich vereinte: Er war furchtbar geräuschempfindlich, musizierende Nachbarn machten ihn zum Vagabunden, der innerhalb kürzester Zeit mehrfach umzog, was ihn nicht zuletzt auch an den Rand des finanziellen Ruins brachte. Er verabscheute schlechte Gerüche, weswegen er sich in Kölnisch Wasser-Duftwolken hüllte. Schon Straßenstaub reizte seine überempfindliche Haut so sehr, dass er sich mit edlen Stoffen davor zu schützen suchte, obwohl ihm dafür eigentlich das Geld fehlte. Er litt an Durchfällen, war ausgesprochen wetterfühlig, wurde obendrein rasch seekrank und machte mit seinen Wutausbrüchen nicht nur seinen beiden Ehefrauen Minna und später Cosima den Alltag schwer. Zudem konnte er nicht mit Geld umgehen und vor allen Dingen auch nicht die Finger von anderer Männer Frauen lassen. Richard Wagner war zweifelsohne gesundheitlich und psychisch ein wahres Wrack. Aber er war auch sehr humorvoll und tierlieb. Mitleid nannte er selbst einen der Grundzüge seines Charakters. Das verdeutlicht etwa eine Reise nach Paris, die er trotz seiner Seekrankheit lieber mit dem Schiff unternahm, weil er seinem Hund Robber, ein Neufundländer, die lange Reise über Land nicht zumuten wollte.

1821, also mit neun Jahren, hatte Wagner schließlich bei Karl Geyer, dem Bruder seines Stiefvaters, in Eisleben Gelegenheit, Webers Oper „Der Freischütz‘“ zu sehen. Danach war für ihn ganz klar, er will ein berühmter Opernkomponist werden, der seine eigenen Werke vertont. Damals lagen Text und Musik einer Oper in verschiedenen Händen. Wagners Idee war deshalb revolutionär. Zehn Jahr später schließlich begann er ein Musikstudium in Leipzig, 1834 trat er eine Stelle als Musikdirektor der Magdeburger Theatergesellschaft an und lernte dort seine erste Ehefrau, die Schauspielerin Minna Planer, kennen, die er 1836 heiratete. Hohe Schulden trieben Wagner und seine junge Frau zur Flucht nach London und in die damalige Opernstadt Paris. Erst 1842 gelang Wagner mit seiner in Dresden uraufgeführten Oper „Rienzi“ der Durchbruch. Es folgten Aufträge von allen großen europäischen Bühnen, doch Wagner entschied sich für die Semperoper in Dresden. Seine Beteiligung an der Mai-Revolution 1849 jedoch zwang ihn erneut zur Flucht, mit gefälschten Pässen ging es in die Schweiz. Erst 1862 wurde er amnestiert und zog nach Wien. Dort wollte er „Tristan und Isolde“ inszenieren, doch die Oper erwies sich als zu anspruchsvoll, die Proben wurden eingestellt. Für Wagner bedeutete das erneut ein finanzielles Desaster, wieder blieb nur die Flucht. Diese Erfahrung verstärkte in Wagner den Wunsch, ein eigenes Theater zu besitzen, in dem er auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen musste. Angesichts seiner finanziellen Lage ein nachgerade aussichtsloses Verlangen, wäre da nicht ein Bewunderer in Form des bayerischen Königs Ludwig II. gewesen. Er übernahm Wagners Schulden und hatte durchaus ein offenes Ort für den Traum vom Festspielhaus. Allerdings verscherzte es sich Wagner mit den politisch Verantwortlichen und wurde 1865 vom Hofe verbannt. Sein Weg führte ihn wieder in die Schweiz. Nach dem Tod seiner Frau Minna durfte seine Geliebte Cosima von Bülow, Tochter des Komponisten und Pianisten Franz Liszt, in Wagners Villa am Vierwaldstätter See einziehen. Schon lange hatte Wagner mit ihr ein Verhältnis und eine Tochter, und das obwohl sie noch mit dem Dirigenten Hans von Bülow verheiratet war.

In der Schweiz brachte Wagner aber „Die Meistersinger von Nürnberg“ zu Ende und konnte auch weiter an seinem größten und berühmtesten Werk „Der Ring des Nibelungen“ arbeiten. Seit 1851 saß er daran mit dem Ziel, ein mehrteiliges „Bühnenfestspiel“ als Gesamtwerk zu schaffen, das an vier aufeinander folgenden Tagen aufgeführt werden sollte, insgesamt über 16 Stunden Oper quasi am Stück! Am 21. November 1874 war es fertig und am 13. August 1876 erfolgte die Uraufführung im Festspielhaus Bayreuth vor erlauchtem Publikum, darunter Kaiser Wilhelm I., Peter Tschaikowski und Friedrich Nietzsche.

Die Strapazen seines ruhelosen Lebens blieben indes nicht ohne Folgen. Um seiner Gesundheit etwas Gutes zu tun, reiste die Familie noch nach Venedig, wo Richard Wagner aber am 13. Februar 1883 starb. /sis

Live aus dem Royal Opera House London

Die Walküre: Bryn Terfel (as Wotan) and Sarah Connolly (as Fricka) (Foto: The Royal Opera House, London)

Was bleibt sind seine großartigen Werke, die noch heute weltweit die Opernhäuser füllen. 2018 etwa stand der zweite der insgesamt vier Teile von „Der Ring des Nibelungen“, auf dem Spielplan des Royal Opera House London, von wo aus „Die Walküre“ Ende Oktober 2018 in über 1500 Kinos in 51 Ländern der Erde übertragen wurde. Eine Liste der Kinos, in denen die Aufführungen des Royal Opera House London zu sehen sind, findet sich hier: https://www.rohkinotickets.de/

Und sie lügen doch!

Und sie lügen doch!
Aktuelle Kritik zum Tatort München “KI”

ARD/BR TATORT, “KI”: Die Kriminalhauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) sind frustriert, weil die Befragung der Künstlichen Intelligenz “Maria” trotz Unterstützung durch Anna Velot (Janina Fautz, Mitte) nicht so effizient vorangeht, wie sie sich das wünschen. (Foto: BR/Hendrik Heiden/Bavaria Fiction GmbH)

Künstliche Intelligenz steht einmal mehr im Mittelpunkt eines Tatorts, diesmal sind es die Münchener Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), die sich mit einer Maschine auseinandersetzen müssen. Zuletzt waren es die Kollegen aus Stuttgart. In der Folge mit dem Titel „HAL“ aus dem Jahre 2016 trieb die Software „Bluesky“ ihr Unwesen. Diesmal ist es „Maria“, eine Kopie eines großen europäischen Software-Projektes zur Erforschung künstlicher Intelligenz, die von einem Mitarbeiter (Thorsten Merten) gehackt und weiter verteilt wurde. Maria hat sich aber außerhalb des Labors entschieden schneller entwickelt und ist fast schon so ausgereift, wie sich das der Leiter des Projektes Bernd Fehling (Florian Panzner) und das eigentlich für die Rolle viel zu jugendlich wirkende IT-Genie Anna Velot (Janina Fautz*) vorstellen. Maria, da ist sich Anna sicher, könnte den berüchtigten Turing-Test bestehen. Ein Test, bei dem ein Mensch nicht mehr merkt, dass er sich mit einer Maschine unterhält. Und deshalb tut Anna alles, um Maria zu erhalten, allerdings mit nicht vorhersehbaren Folgen. Und tatsächlich scheinen Leitmayr und Batic gelegentlich zu vergessen, dass sie es hier mit einer Maschine und nicht mit einem Lebewesen zu tun haben. Sie befragen Maria und setzen sie sogar als Zeugin vor der Haftrichterin ein. Dabei argumentieren sie durchaus siegessicher „Maschinen lügen nicht“. Eine Fehleinschätzung mit tragischem Ausgang, denn es ist nach wie vor der Mensch, der die Maschine bedient und deshalb ist Manipulation auch immer Tor und Tür geöffnet, egal, wie intelligent die Software schon sein mag. Auch das wahre Leben findet in diesem Tatort noch immer analog statt: Die erst 14-jährige Melanie (Katharina Stark) verschwindet und wird tot aus der Isar gefischt. Der Film erzählt ihre Geschichte von verzweifelter Wut über die Scheidung ihrer Eltern (Dirk Borchardt und Lisa Martinek), der daraus resultierenden Einsamkeit, die sie schließlich in die digitale Welt flüchten lässt. Sie vertraut sich der Software Maria an, die ihr – statt sie von ihren Selbstmordplänen abzuhalten – die verschiedenen Möglichkeiten der Selbsttötung aufzeigt. Ist die Maschine schuld am Tod des Mädchens? Eher nicht. Auch als die Maschine den Kommissaren einen falschen Verdächtigen liefert, der später vom Vater des Mädchens aus Rache erschossen wird, ist es nicht die Maschine, die einen Fehler gemacht hat.

Fazit: Es handelt sich um einen großartigen Film, der nicht nur durch die Starriege deutscher Schauspieler überzeugt, sondern auch gekonnt alle Möglichkeiten ausnutzt, die das Medium Film zu bietet hat. So gelingt es Regisseur Sebastian Marka die durchweg spannende Geschichte aus der Feder der Drehbuchautoren Stefan Holtz und Florian Iwersen in eindrucksvolle Bilder umzusetzen, statt sie durch endlose Dialoge zu erklären. Auch die juristischen und moralischen Aspekte der „Künstliche Intelligenz“ kommen dabei nicht zu kurz und können sogar als Basis für eine ernsthafte Diskussion dienen. Alles in allem ein herausragender Film in bester Krimimanier! /sis


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Für das junge Schauspieltalent Janina Fautz ist das nicht der erste Auftritt in einem Tatort. Sie war auch schon beim Quotenkönig aus Münster in der Rolle der vermeintlichen Tochter von Kommissar Thiel (Axel Prahl) zu sehen. Ein neueres Interview mit ihr findet sich hier.

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