Overtourism? – Ein Hauch von Ahnung!

Hektik am Hamburger Hauptbahnhof.

Samstagmittag in den Sommerferien am Hamburger Hauptbahnhof. Ein Meer von Menschen rauscht durch die riesige Halle, hetzt zum Wechseln der Gleise die Treppen nach oben und unten. Auf den Gleisen verfehlen Rucksäcke um Haaresbreite die Köpfe Wartender, dafür krachen Rollkoffer ungebremst in die Fersen der nebenstehenden Mitreisenden. Hektik. Wo muss man hin, von welchem Gleis fährt der Zug? Die Durchsagen gehen unter im Getöse der ein- und ausfahrenden Züge, im von der hohen Decke widerhallenden Stimmengewirr babylonischen Ausmaßes. Richtig verstanden? Das Abfahrtgleis wurde geändert? Fragezeichen in den Gesichtern der Umstehenden. Einer kann die Aufmerksamkeit eines uniformierten Bahnmitarbeiters erzwingen. Der winkt ab, weiß von nichts. Dann ruft jemand aus der Tiefe der Menge: Falsches Gleis! Alle rennen los, wieder kommen Rucksäcke und Rollkoffer gefährlich nahe. Und dann bringt einer zum Ausdruck, was alle denken: Nie wieder in den Ferien am Wochenende verreisen! Umsteigen in der Ferienzeit an einem wirklich chaotischen Bahnhof wie in Hamburg gibt einem aber auch einen Hauch von Ahnung, was Massentourismus bedeutet, für die Reisenden und die Einheimischen.

 

Sehenswürdigkeiten nur noch aus der zweiten Reihe.

Die Bilder kennt inzwischen jeder: Sehenswürdigkeiten, an die man nicht mehr herankommt, Gänsemarsch auf den Straßen, Strände, an denen die Gäste wie Ölsardinen aufgereiht liegen – „Overtourism“ ist seit einiger Zeit in aller Munde. Die Reisebranche spielt die damit einhergehenden Probleme gerne herunter, bietet die ein oder andere Verlegenheitslösung, aber Abhilfe schaffen will sie nicht wirklich. Schließlich brachten die 1,32 Milliarden (!) Touristen, die 2017 die Hotspots dieser Welt besuchten, ein sattes Umsatzplus. Dabei sind es nicht nur die regulären Ferienzeiten, die für Massenandrang sorgen, sondern Billig-Flieger bringen die Touristenflut inzwischen an jedem freien Tag im Jahr nach Venedig, Amsterdam oder Barcelona. Und in Dubrovnik sind 12.000 Passagiere von Kreuzfahrtschiffen gleichzeitig auf Landgang. Die Folge: Venedig (30 Millionen Besucher im Jahr) sperrt die Sehenswürdigkeiten ab und lässt nur noch eine bestimmte Menge Menschen zur selben Zeit auf Rialto-Brücke oder Markusplatz. Amsterdam (20 Millionen Besucher im Jahr) lässt nur noch Gäste mit Städteführer an die Grachten. Gleichzeitig greift man hart durch bei der Vermietungserlaubnis von Privatwohnungen, sie wird drastisch eingeschränkt. Ähnlich versucht sich Barcelona (17 Millionen Besucher pro Jahr) gegen die Touristenschwemme zu wehren. Und sie müssen sich wehren, nicht nur gegen volle Straßen und Plätze: Die Einheimischen können sich Wohnungen in den besonders begehrten Städten nicht mehr leisten, die Geschäfte zur Versorgung der Bevölkerung werden zu Souvenirshops, Restaurants und Bars umfunktioniert, die Bürger stehen auf dem Weg zur Arbeit im Stau zwischen den Mietautos der Touristen. Dazu kommen der erhöhte Energie- und Wasserverbrauch, ausgerechnet da, wo Wasser ohnehin knapp ist, und aberwitzige Berge von Müll, die die Touristen hinterlassen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, die vielen kleinen Ärgernisse in Form von menschlichen Hinterlassenschaften in Gärten und Parks, will man gar nicht ansprechen. Kein Wunder also, dass Urlauber nicht mehr immer und überall willkommen sind.

Wie die Ölsardinen in der Dose fühlt man sich an einem derart überlaufenen Strand.

Für die Tourismusbranche, Hotels und Vermittler von Privatunterkünften sind das unvermeidbare Kollateralschäden. Schließlich bringen die Touristen Geld und Arbeit! Und sie denken allenfalls darüber nach, Foren im Internet einzurichten, auf denen man freie Zeiten an Sehenswürdigkeiten buchen kann! Terminplaner auch im Urlaub? Wer will das schon? Eine andere Lösung sehen sie im “Entzerren”, aber nicht etwa, indem man die Besucherströme beschränkt und lenkt, sondern indem man sie zu anderen Sehenswürdigkeiten umleitet, frei nach dem Motto: die Kirche neben der berühmten Kathedrale ist doch auch ganz nett! Augenwischerei ist das – und Besserung nicht in Sicht.

Dabei ist die Lösung dieses dringenden Problems ganz einfach: Weniger ist mehr! Qualität statt Masse. Man muss nicht am Wochenende nach Barcelona jetten und man muss auch nicht jedes Jahr in Urlaub fahren – oder doch zumindest nicht dahin, wo alle hinfahren. Es gibt alternative Reiseziele, die es zu entdecken gilt und die ja nicht zwangsläufig über den Hamburger Hauptbahnhof an einem Feriensamstag führen müssen. /sis

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