Die Spielregeln müssen erst noch ausgehandelt werden

Mit den Vor- und Nachteilen der Kommunikation im Internet befasst sich die Medienwissenschaftlerin Gina Schad in ihrem Buch „Digitale Verrohung. Was die Kommunikation im Netz mit unserem Mitgefühl macht.“ Dabei arbeitet sie recht verständlich und doch wissenschaftlich fundiert heraus, dass die Digitalisierung nicht in erster Linie einen technischen, sondern einen sozialen Wandel mit sich bringt.

Die Zeiten einseitiger Darstellung von Sachverhalten sei definitiv vorbei, das Internet biete der breiten Öffentlichkeit eine Plattform der Beteiligung. Und bei Millionen von Nutzern sei durchaus klar, dass sich nicht nur Intellektuelle an Diskussionen beteiligten, sondern eben auch extreme Ansichten vertreten würden. Während die Verantwortung für das, was veröffentlicht wurde, früher ausschließlich bei den Medien lag, sei heute jeder selbst dafür verantwortlich, was er ins Netz schicke. Wir befänden uns in einer Übergangsphase, in der die Spielregeln für den Umgang im Netz miteinander erst noch ausgehandelt werden müssten. Entsprechend ruft Schad dazu auf, sich der Verantwortung für das eigene Handeln im Netz bewusst zu sein und Dauerpöblern mit Zivilcourage in die Schranken zu weisen.

Das Netz heute sei als Wissensplattform viel zu bedeutsam, um sich durch wenige Stimmungsmacher aus dem „digitalen Zuhause vertreiben“ zu lassen. Dafür müssten Standards entwickelt und erprobt werden. Und das brauche nun einmal Zeit. Mit 15 Interviewpartnern, die von Digitalchef einer namhaften Zeitung bis zum Jurist reichen, zeigt Schad aktuelle Phänomene und Sichtweisen im Netz auf, die noch nicht oder nicht hinreichend erforscht sind, nicht zuletzt auch mit dem Ziel, eine Anleitung für Anwendungskompetenz zu entwerfen. Die Frage an die Interviewpartner beschäftigen sich entsprechend mit der Suche nach einer Strategie für ein besseres Miteinander.

Mein Resümee: Gina Schad arbeitet nachvollziehbar heraus, dass sich das Internet als in diesem Zusammenhang noch neues Medium zwar als ein Forum für Pöbler darstellt, aber zugleich auch die Möglichkeit birgt, die Welt ein bisschen besser zu machen, indem beispielsweise Empathie für Menschen entwickelt wird, die nicht nebenan wohnen. Die Probleme indes werden erst nach und nach sichtbar, sie müssen erforscht und mithilfe von geeigneten Strategien überwunden werden. Für diese Strategien geben Schad und ihre kompetenten Gesprächspartner eine ganze Reihe sinnvoller Lösungsansätze. Das Buch bleibt nicht im Ungefähren, sondern gibt Usern, die unter anderem dem Treiben von Radikalen egal welcher Couleur im Netz nicht länger zuschauen wollen, Instrumente an die Hand, um sich die erforderliche Anwendungskompetenz anzueignen. Das Buch ist für alle, die sich ernsthaft mit der Thematik befassen wollen, eine sinnvolle Anschaffung. /sis

Bibliografische Angaben: Gina Schad: Digitale Verrohung? Was die Kommunikation im Netz mit unserem Mitgefühl macht. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2017, 284 Seiten, ISBN 978-3-442-17632-8.

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