Politiker sind auch nur Menschen

Rezension “Sagen, was Sache ist” von Wolfgang Kubicki

„Sagen, was Sache ist“, so lautet der Titel von Wolfgang Kubickis neuem Buch und er sagt, was seiner Meinung nach wirklich Sache ist. Der FDP-Politiker aus Schleswig-Holstein plädiert für mehr Mut zu Offenheit, Direktheit und Ehrlichkeit. Mut, den er sein Politiker-Leben lang gezeigt hat. Nicht von ungefähr nannte man ihn Intrigant, Schuft, Abzocker und Querulant, von der Öffentlichkeit und insbesondere der Presse gescholten, von der Partei gar zum Austritt gedrängt und mit Prozessen überzogen. Nie hat er sich unterkriegen lassen. Kubicki kam zurück wie Phönix aus der Asche. Er war 25 Jahre lang Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein, 23 Jahre davon als Vorsitzender seiner Fraktion.

„Mich kann nichts mehr schocken“, gesteht Kubicki und nach „15 Jahren Ralf Stegner“ könne ihn auch nichts mehr beleidigen. Das glaubt man ihm gern, weiß er doch seine Leser mit allerlei politischen Ränkespielchen innerhalb der Parteien zu unterhalten. Barschel, Engholm, Möllemann, Westerwelle – Kubicki hat viel erlebt in seinem Politikeralltag und auch privat hat er einiges zu berichten. Er spricht offen über seine drei Ehen, ist stolz auf seine Töchter, die heute beide wie er selbst Juristinnen sind, und er schildert seine Ängste, als man ihn 1990 mit dem Verdacht auf einen Hirntumor konfrontierte. Aus seinen Erfahrungen bringt er Weisheiten mit ein, die einen tiefen Einblick in seine persönliche Entwicklung geben, aber auch die Berg- und Talfahrten der FDP widerspiegeln.

Auch vor der Bundespolitik macht er nicht Halt, spricht beispielsweise über die Fehler, die in der Flüchtlingspolitik gemacht wurden, lässt sich über die Heuchelei der Kirchen aus, die die Verarmung der Menschen beklagen und zugleich ihrem Präses ein Auto mit Chauffeur stellen.  Auch die deutsche Doppelmoral mit Blick auf Russland kommt zur Sprache, genauso wie der inzwischen wieder weit verbreitete Wunsch der Politik, etwa durch “Nudging” in den Bereich der privaten Selbstbestimmung einzudringen. Auch der SPD gibt er einige klare Worte mit auf den Weg. So beklagt er die Abkehr der Sozialdemokraten von der Agenda 2010, die Deutschland zu einem Erfolgsmodell gemacht habe. Überhaupt sei Erfolg für die SPD inzwischen per se schlecht. Die Partei kümmere sich nur noch um die „durchs Rost Gefallenen“ ohne Bezug zu den Leistungsträgern unserer Gesellschaft. Und er beklagt die Konzertration der Politik auf Minderheiten, die die Interessen der Mehrheit vernachlässige. Schließlich könne niemand etwas dagegen sagen, wenn man sich für Belange einer Minderheit engagiere. Überhaupt sieht Kubicki kalkulierte Untätigkeit als politisches Geschäftsmodell. Das eröffne die Möglichkeit, Missstände öffentlichkeitswirksam anzuprangern und sich so ohne große Umschweife zu profilieren.

Im Gegensatz zu den Transparenzorganisationen fordert Kubicki die existenzielle Unabhängigkeit der Politiker durch eigene Berufstätigkeit, denn wer nur von der Politik lebe, sei auf den guten Willen seiner Parteifreunde angewiesen und damit nicht mehr frei in seinen Entscheidungen. Und um die Freiheit geht es dem sozialliberalen Politiker Wolfgang Kubicki, der die Menschen explizit dazu auffordert, ihre Meinung angstfrei in der Öffentlichkeit zu sagen. Man könne kein Gesamtbild einfangen und keine passenden Lösungen erarbeiten, wenn bestimmte Meinungen erst gar nicht geäußert würden. Überhaupt sei eine Gesellschaft, die nur noch zwischen „gut“ und „böse“ unterscheide, nicht mehr frei!

Auf rund 200 Seiten beschreibt Kubicki sein Leben von der Kindheit bis heute. Außer recht amüsanten Schilderungen seiner persönlichen Lebenserfahrungen lernt der Leser seinen aufreibenden Politikeralltag kennen, der so manches Ereignis der Vergangenheit in ein anderes Licht rückt. Der Autor versteht es, den Leser mitzunehmen in eine Welt, in der es hinter den Kulissen alles andere als zimperlich zugeht. /sis

Bibliographische Angaben

Wolfgang Kubicki: Sagen, was Sache ist
Ullstein Verlag 2019, 205 Seiten mit umfangreichen Bilderanhang
ISBN 978-3-8437-2106-8

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