Vorsicht vor rührseliger Empfindsamkeit

Rezension Alexander Grau, Politischer Kitsch – eine deutsche Spezialität

Der deutsche Philosoph, Publizist und Autor Alexander Grau führt seinen interessierten Lesern mit seinem Essay „Politischer Kitsch – eine deutsche Spezialität“ vor Augen, wie mit zur Schau getragene Empfindsamkeit Politik gemacht wird, wie sich diese Art, autoritäre Politik zu legitimieren, im Laufe der Geschichte entwickelt hat und wie wichtig es ist, diese manipulative Kommunikation zu verstehen. Dabei ist politischer Kitsch ganz einfach zu entlarven, wenn Politiker mit purer Berechnung an die Rührseligkeit der Zuhörer appellieren, dann hat das nichts mit der Realität zu tun. Die schwere Jugend, Armut, Ungerechtigkeit – ist gibt viele Themenfelder, die sich dafür eigenen. Auch die Medien machen eifrig mit, sie führen verzweifelte Menschenmassen vor und ersticken damit jede Diskussion im Keim. Wer will sich schon gegen Empfindsamkeiten stellen, wenn Mahnwachen und Lichterketten Solidarität verlangen. Diese Art politischer Kitsch wird, so der Autor, zum tragenden Element der Gesellschaft, kühle Vernunft dagegen als Zynismus abgetan. Es sei zwar nicht verboten, große Gefühle zu seinen Gunsten zu nutzen, es könne indes in der Politik verheerende Folgen haben, wenn der moderne Mensch die manipulative Form der Kommunikation nicht durchschaut. „Wenn das Herz spricht, ziemt es sich nicht, dass der Verstand etwas dagegen einwendet“, zitiert Alexander Grau den tschechisch-französischen Schriftsteller Milan Kundera. Und tatsächlich hat man den Eindruck, dass zur Schau getragene Empfindsamkeit den Verstand der Massen benebelt.

Seinen Ursprung hat politischer Kitsch nach Alexander Grau im Christentum, in dem die reale Welt ins Transzendentale abdriftete, ins Übernatürliche, Metaphysische also. Kitschiges Denken entstand dort, wo die Realität idealisiert wurde. Im 19. Jahrhundert setzte sich Kitsch schließlich als Mittel der politischen Kommunikation auch in Deutschland durch. Säkulare Institutionen überzeichneten profane Botschaften und suggerierten so Überweltlichkeit. Im 20. Jahrhundert wurde das kitschige Denken gar Programm. Emotionen spielten die entscheidende Rolle, das subjektive Empfinden wurde zum Maßstab, der Wohlfahrtsstaat fand seine Daseinsberechtigung in der Befriedigung der subjektiven Bedürfnisse statt der Beseitigung von Mangel. Alle Menschen sind gut, die Welt ist schön. Wer das anders sieht, begeht Verrat an der guten Sache und an der Menschlichkeit. Die Welt hat sanft und gut zu sein und das wird mit aller Brutalität durchgesetzt. Gerade der Deutsche ist verliebt in Ideen, nicht in die Wirklichkeit. Er will die Welt retten, den Frieden, das Klima.

In seinem kurzen Essay gelingt es Alexander Grau die Entstehung und Bedeutung von politischem Kitsch anschaulich und nachvollziehbar herauszuarbeiten und vor ihren Gefahren nachdrücklich zu warnen. Diese kitschigen Leidenschaften seien es, die die Menschen unbedacht, rücksichtslos und selbstgerechten machten. /sis

Bibliographische Angaben:
Alexander Grau: Politischer Kitsch – eine Spezialität
Essay, Claudias Verlag, München 2019, 59 Seiten
ISBN 978-3-532-60042-9

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