Für dumm verkauft?

Für dumm verkauft?
Rezension Vincent Kliesch/Sebastian Fitzek „Auris“

Hochgelobt wird der Thriller „Auris“ von Vincent Kliesch nach einer Idee von Sebastian Fitzek. Allerdings wird das 352 Seiten umfassende Buch diesen Vorschusslorbeeren nicht gerecht. Es ist in der Tat zwar eine äußert ungewöhnliche und auch sehr spannende Geschichte, deren Ende aber den Leser geradezu verhöhnt. So stellt Kliesch seiner Protagonistin Jula Ansorge bei der Suche nach dem Entführer ihres Halbbruders Elyas einen genialen Fallanalytiker an die Seite, der durch seine Fähigkeit, aus der Stimme eines Menschen seine Herkunft, sein Aussehen und die psychische Verfassung des möglichen Täters herauszulesen, für die Polizei schon viele Fälle gelöst hat. Nur sitzt dieser akustische Profiler namens Matthias Hegel, genannt “Auris” (lateinisch “das Ohr”), selbst wegen Mordes im Gefängnis – unschuldig. Das jedenfalls macht der Autor seinen Lesern weis bis zum Schluss. Dann nämlich stellen sich alle Bemühungen, den jungen Elyas aufzuspüren, als eine einzige Intrige heraus, die nur dazu dienen soll, Hegel selbst aus dem Gefängnis zu befreien. Hegel, der über 300 Seiten lang als absolut integer, ehrlich und zurückhaltend geschildert wird, entpuppt sich ohne jede Vorwarnung als Monster, das aus dem Gefängnis heraus das Geschehen um Elyas’ Entführung inszeniert haben soll – aber nur vielleicht. Ob das tatsächlich so ist, bleibt letztlich offen. Hegel bestreitet glaubwürdig jede Schuld, will aber aus den Drohanrufen die Stimmen seines besten Freundes und seiner Schwiegermutter nicht herausgehört haben. Der Leser nimmt dem Erzähler diese Wendung nicht ab. Sie wirkt unglaubwürdig und führt das gesamte Geschehen ad absurdum. Und dann taucht zu guter Letzt und ganz nebenbei auch noch Julas richtiger Bruder Moritz wieder auf, der sich zu Beginn der Geschichte bei einer gemeinsamen Reise in Argentinien das Leben genommen haben soll. Hegel will ihn aus dem Gefängnis heraus in einem Zeugenschutzprogramm, von dem zuvor nie die Rede war, aufgespürt haben. Was Moritz getan hat, um in dieses Schutzprogramm aufgenommen zu werden, bleibt genauso im Dunkeln wie die Frage, was das alles mit Julas Vergewaltigung in Argentinien zu tun haben soll. Ein einziges Chaos, aus dem der Autor mit fragwürdigen Erklärungen zu entkommen sucht. Schade!

Vincent Kliesch gibt in seiner seitenlangen Dankesrede am Ende des Buches an, drei Jahre an diesem Thriller gearbeitet zu haben. Man hätte ihm ein weiteres Jahr gegönnt, um vielleicht doch noch einen durchdachten, logischen Schluss für seine an sich packende Geschichte zu finden. So beschleicht den Leser am Ende nur das ungute Gefühl, für dumm verkauft worden zu sein. /sis

Bibliographische Angaben:
Vincent Kliesch/Sebastian Fitzek: „Auris“
Droemer Verlag, 2019, 352 Seiten
ISBN 978-3-426-30718-2

Von zäh zu spannend, aber viel zu unglaubwürdig

Von zäh zu spannend, aber viel zu unglaubwürdig
Rezension Sebastian Fitzek “Flugangst 7A”

Es sind schon recht gemischte Gefühle, die die Lektüre von Sebastian Fitzeks „Flugangst 7A“ hinterlässt. Anfangs findet man keinen rechten Zugang zur Geschichte und den handelnden Figuren. Immer wieder ist das Ende eines Kapitels auch das Ende der Lesezeit. In der Mitte schließlich wird es plötzlich ganz spannend, ein Buch, das man nicht aus der Hand legen mag. Und am Ende folgt die totale Übertreibung, die das Lesevergnügen doch sehr trübt. Jeder, wirklich jeder, der im Laufe der Geschichte aufgetauchten Figuren ist in irgendeiner Form in die Ereignisse verstrickt, es gibt keine „Guten“, nur komplett durchgeknallte Zeitgenossen, die vor keine Grausamkeit zurückschrecken. Das, und die Art und Weise, wie zur Auflösung ein Komatöser mit den Behörden kommuniziert, macht die gesamte Geschichte leider viel zu unglaubwürdig.

Der Psychiater Dr. Mats Krüger fliegt von Buenos Aires nach Berlin, um bei der Geburt seines Enkelkindes dabei zu sein. Krüger leidet unter extremer Flugangst, die erst wortreich beschrieben, dann aber urplötzlich nebensächlich wird, als er einen Anruf erhält mit der Nachricht, dass seine Tochter Nele entführt wurde und er sie nur retten kann, indem er eine der Flugbegleiterinnen, eine ehemalige Patientin, dazu bringt, das Flugzeug, in dem mit ihm weitere 600 Passagiere sitzen, abstürzen zu lassen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Krüger bittet seine Ex-Geliebte Feli, ebenfalls Psychiaterin, um Hilfe, die sich zusammen mit dem cleveren Kleinganoven Livio auf die Suche nach Nele macht. Krüger selbst versucht die Flugbegleiterin zu manipulieren, muss am Ende aber feststellen, dass er selbst manipuliert wurde. Er überlebt den Flug nicht, kann aber mit Hilfe eines Wunderarztes trotz „Locked-in-Syndrom“ der Polizei noch verraten, was er über den Entführer herausgefunden hat. Und dann macht Livio, der weit mehr Anteil am Geschehen hat, als zu Beginn zu vermuten wäre, einen entscheidenden, man könnte fast schon sagen, viel zu dummen Fehler, der zu Nele, dem Baby und Feli führt. Alle drei sind trotz der Höllenqualen, die sie erleiden mussten, wie durch ein Wunder unverletzt. Sie werden gerettet, alle anderen kommen um.

Blutrünstig geht es über die 380 Seiten zu, wobei die letzten 50 nur der Auflösung und Erläuterung vorbehalten sind. Streckenweise kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass so manche Wendung und Überraschung einfach nur Seiten füllen soll und deshalb vieles konstruiert und wenig ansprechend wirkt. Und zu guter Letzt hätte der Autor sicher ein glaubwürdigeres Ende finden können. Schade, denn die Geschichte an sich, ist sehr gut. Wie gesagt, es bleiben gemischte Gefühle! /sis

Bibliographische Daten
Sebastian Fitzek, Flugangst 7A
Knaur Taschenbuch, 2019, 400 Seiten
ISBN 978-3-426-51019-3

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