Durchhalten oder umschalten?

ARD/WDR TATORT: SCHLANGENGRUBE: Ein Pinguin in der Rechtsmedizin – mit Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, l) und Prof. Boerne (Jan Josef Liefers, r). Foto: WDR/Thomas Kost

Vier Mal versuchte das Erste im Mai die Zuschauer mit seinen „Tatorten“ vor den Bildschirm zu locken und möglichst lange dort zu halten. Und vier Mal war der Zuschauer nicht unbedingt sicher, ob man sich das bis zum bitteren Ende antun musste.

Nehmen wir einmal die Quotenbringer aus Münster Thiel (Axel Prahl) und Boerne (Jan Josef Liefers) aus und geben den Kölnern Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) den wohlverdienten „Altersbonus“, bleiben zwei Tatorte, die weniger mit spannender Unterhaltung zu tun hatten, als mit dem erhobenen Zeigefinger. „Du, du böser Zuschauer, tu das ja nicht“ signalisierten Berg (Hans-Jochen Wagner) und Tobler (Eva Löbau) aus dem Schwarzwald genauso wie Sieland (Alwara Höfels) und Gorniak (Karin Hanczewski) aus Dresden. In Freiburg wurden einmal mehr die bösen Nazis vorgeführt, in Dresden war es die inzwischen Uraltgeschichte mit dem ach so gefährlichen Online-Dating.

Die Kölner Kommissare bekamen es mit einer Entführung zu tun, die sich am Ende als Unfall entpuppte. Wie oft haben wir diese Geschichte schon gesehen, in allen erdenklichen Variationen. Aber immerhin verschonten uns die Macher mit einer politischen oder moralischen Botschaft, der Titel war Programm, es ging einzig und allein um die mitunter recht skurrilen Verwicklungen in einer Patchwork-Family. Nun mag man dem neuen Assistenten Norbert Jütte (Roland Riebeling) in Köln eine gewisse Komik nicht absprechen, aber eigentlich nervt er nur und man wünscht sich die quirlige Franziska (Tessa Mittelstaedt) zurück ins Kommissariat, oder zumindest endlich wieder eine Assistentin, die man auch als solche wahrnehmen kann. Zusammengefasst war es ein völlig unaufgeregter Krimi, der aber am Ende leider nicht ohne lange Erläuterungen mit Rückblicken, was denn nun eigentlich passiert war, auskam.

Wie sehr die Zuschauer sich beim Tatort „Sonnenwende“ aus Freiburg gelangweilt haben, belegen am besten die eingeblendeten Twitter-Kommentare, die man gar nicht so schnell lesen konnte, wie sie wechselten. Darin ging es nicht etwa um die Story, sondern fast ausschließlich um das nimmer saftlose Handy im Baum. Als besagter Wunderakku endlich endlich leer war, schwappte eine Welle der Empörung durch die Twittergemeinde, war damit doch auch das letzte Thema für den Abend verschwunden. Ansonsten versuchten die Verantwortlichen wieder einmal ganz plump die Nazikeule zu schwingen, mit allem was dazugehört: Flüchtlinge, Bürgerwehr und V-Mann. Obwohl das alles mit der Story so gar nichts zu tun hatte, schließlich ging es einfach nur um verschmähte Liebe. Vermutlich um die neunzig Minuten irgendwie zu füllen, richtete sich der Täter am Ende gar selbst und so standen die in jeder Hinsicht zweitklassigen Kommissare und mit ihnen alle Zuschauer, die bis zum Ende durchgehalten hatten, schlicht mir leeren Händen da.

Etwas spannender war es in Dresden, obwohl auch hier eine Geschichte erzählt wurde, die dem wohlwollenden Publikum schon in unendlichen Ausschmückungen serviert wurde: Online-Dating, gehacktes Profil, Lust und Gier. Also bloß nicht nachmachen all ihr Zuschauer da draußen vor der Glotze! Außer der undeutlichen Sprache der beiden Hauptdarstellerinnen, die einem das Verstehen der Dialoge ganz unnötig erschwerte, fehlte hier wie so oft in rein weiblichen Kommissarduos die professionelle Distanz: Die eine verliebt sich in den Täter, die andere muss sie retten. Nur gut, dass die eine dann auch noch die Nase voll vom Polizeidienst hat. Vielleicht bekommt die andere jetzt ja einen männlichen Partner. Schlecht wäre das sicher nicht, denkt man doch mit großer Wehmut an Leipzig und das ebenso geniale wie außergewöhnliche Ermittler-Duo Saalfeld (Simone Thomalla)/Keppler (Martin Wuttke).

Bleiben die Münsteraner, die ohnehin in der Publikumsgunst ganz oben stehen. Und tatsächlich blieb der Zeigefinger auch im neuesten Fall für Thiel und Boerne mit dem Titel “Schlangengrube” unten. Stattdessen nahmen die Drehbuchautoren Crantz und Hinter das allgemeine „Gourmet-Getue“ aufs Korn. Und das sehr gekonnt und unterhaltsam, auch wenn Robben- oder Pinguinfleisch auf dem Teller bestimmt nicht jedermanns Sache war und die Tierschützer vermutlich in ihr Sofakissen gebissen haben. Aber genauso  war es wohl gedacht: Abwegig, was manche Pseudo-Gourmets heute alles “anrichten”. Wenn auch die Motivlage für sämtliche in Verdacht geratenen Akteure im Laufe der Ermittlungen recht dürftig war, kam die Geschichte doch mit viel Schwung und Humor daher und mit einem Staatsanwältinnen-Zickenkrieg, den man so auch noch nicht gesehen hat. Danke nach Münster für den einzig wirklich schönen Tatort-Abend im Mai. /sis

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