Ratlos in die Nacht!

Aktuelle Kritik zum Tatort aus Stuttgart “Der Mann, der lügt”
ARD/SWR-Tatort: Der Mann der lügt. Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) behalten Gregorowicz im Auge. (Foto: SWR/Alexander Kluge)

Der Jubiläumstatort aus Stuttgart mit dem Titel „Der Mann, der lügt“ entließ die Zuschauer nach 90 Minuten diesmal ziemlich ratlos in die Nacht. Viele Fragen blieben offen, obwohl sich der Film wesentlich länger anfühlte als üblich. Nicht, dass er schlecht gewesen wäre! Aber er war eben anders, dieser Tatort. Nicht zuletzt auch, weil das sonst so mitreißende Team aus den Kommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller), Sebastian Bootz (Felix Klare), Kriminaltechnikerin Nika Banovic (Mimi Fiedler) und der rassigen Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera) im zehnten Jahr ihrer Zusammenarbeit allesamt nur untergeordnete, langweilige Nebenrollen spielten. Denn der einzige Star des Abends war der Tatverdächtige Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey), der sich in ein Geflecht von Lügen verstrickte, auch wenn der Zuschauer so manche der Lügen nicht nachvollziehen konnte. So zum Beispiel warum er vor seiner Frau Katharina (Britta Hammelstein) noch immer den Schein der heilen Welt wahren konnte, obwohl die von ihren Tennispartnern doch schon längst wissen musste, was da hinter ihrem Rücken gespielt wurde? Warum bricht sie dann auch noch – nachdem die Wahrheit auch offiziell ans Licht gekommen war – in einen Wutanfall mit Schreikrampf aus, wenn ihr das alles nicht neu war? Und warum saß der unsympathische Rechtsanwalt (Hans Löw) eigentlich im Rollstuhl? Mag sein, dass die Tennispartner, die sich am Ende als die wahren Mörder entpuppten, von der Homosexualität ihres Freundes Jakob nichts wussten, aber dass er – wie sie auch – viel Geld beim Mordopfer verloren hatten, das haben sie seiner Frau gewiss nicht vorenthalten. Immerhin verbrachte Jakobs Frau mehr Zeit mit den Tennispartnern als mit ihrer Familie! Auch der Mordfall selbst hinterließ eine Reihe großer Fragezeichen: Warum wurde der Sohn des Opfers denn überhaupt noch entführt? Wusste der Tatverdächtige, wo sich das Entführungsopfer die ganze Zeit über befand? Wieso hat er dann die SMS mit den Koordinaten gebraucht? Und es stellte sich die dringende Frage, ob denn ein schlechtes Gewissen gegenüber eher nur entfernt bekannten Tennispartnern überhaupt ausreichen kann, um dafür einen Mord auf sich zu nehmen? Schließlich war das Entführungsopfer sein Geliebter, für dessen Tod er sich am Ende allein schuldig fühlen und unbedingt bestraft werden wollte. Schlüssig war das alles nicht. Und durch den Perspektivwechsel waren die in diesem Fall zwangsläufig ziemlich nervigen Hauptkommissare Lannert und Bootz gezwungen, in den Verhören lang und breit zu erklären, wie sie denn auf das ein oder andere Ermittlungsergebnis gekommen waren. Wichtige Informationen, die der Zuschauer zum Verstehen der Zusammenhänge sonst recht anschaulich quasi nebenbei durch den Ermittlungsverlauf erhält, wurden diesmal in Dialoge gepackt – und das machte den eigentlich interessanten Fall mit einem hervorragenden Hauptdarsteller, dessen leichter, österreichischer Akzent ihn noch ein bisschen sympathischer machte, unnötig langatmig, leider! Und seien wir doch mal ehrlich: Tatort schaut man wegen der Kommissare, sie sind die Protagonisten und Stars in jeder Folge, mit ihnen fiebern wir mit. Was kann ein Tatverdächtiger schließlich auch anderes tun, als sich ein Alibi zu beschaffen, vielleicht noch ein paar Spuren zu beseitigen und durch spontane Lügen den Tatverdacht von sich abzulenken? Das war es doch schon und genau das reicht eben nicht für 90 Minuten guter Unterhaltung. /sis

ARD/SWR Tatort “Der Mann, der lügt”: Staatsanwältin Emilia Alvarez hat eine Hausdurchsuchung bei Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) erwirkt. (Foto: SWR/Alexander Kluge)

Ein Gedanke zu „Ratlos in die Nacht!

  • 5. November 2018 um 18:31
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    Ich fand den Tatort spannend, musste mich aber sehr konzentrieren und aufmerksam sein. Man war ständig gezwungen unentwegt Fakten und Falschmeldungen zu sammeln und auszusieben. Toll wie aus einem Zeugen ein Verdächtiger wird, der immer nur das zugibt was die Ermittler gerade herausgefunden haben. Bis zur Mitte spielten alle Darsteller toll ohne übliches Tamtam. Man war immer im Unklaren über die eigentliche Tat und über die Ergebnisse der Kommissare. Nur die Traumsequenzen oder Flashbacks waren unpassend und überflüssig.
    Die erste Filmhälfte mit falschem Alibi, geheime Zweitwohnung und ständigem Lügen zielten auf den Zeugen der immer mehr Täter wurde. Danach flachte es ab. Überflüssige Gefängniseinstellungen, Vernehmungen alles nur Füller. Plötzlich Verdächtigung Richtung Ehefrau.

    Der Schluss war …. na ja ! Der Hauptverdächtige übernimmt die alleinige Schuld, und Sekunden später die Textzeilen mit der Enthüllung, dass der Verdächtige unschuldig ist und Selbstmord begeht. Etwas gekünstelt und konstruiert.

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