Zufrieden mit Mittelmaß?

Zufrieden mit Mittelmaß?
Kritik zum Tatort Luzern „Ausgezählt“
ARD Degeto Tatort “Ausgezählt”: Livebild vom Entführungsopfer: Delia Mayer als Liz Ritschard und Stefan Gubser als Reto Flückiger im Polizeirevier. Auf dem Monitor sieht man Tabea Buser als die entführte Martina Oberholzer. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)
Verhaftung am Tatort: Der ehemalige Polizist Heinz Oberholzer (Peter Jecklin) lässt sich als Mörder verhaften. (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Als Krimifan bekommt man leicht den Eindruck, die Tatort-Macher geben sich neuerdings mit Mittelmaß zufrieden. Der neueste und zugleich vorletzte Tatort aus Luzern mit dem Titel „Ausgezählt“ jedenfalls war wiederum allenfalls Mittelmaß, sowohl von der Story als auch von der Ausführung her. Von der wirklich nervig schlechten Synchronisation ganz zu schweigen.

Dabei war die zugrunde liegende Geschichte der Drehbuchautoren Urs Bühler und Michael Herzig gar nicht so schlecht, auch wenn das Thema alles andere als neu war. Die Folgen von Doping, der schnellere körperliche Zerfall und die damit gesunkenen Überlebenschancen im Extremfall wurden sauber herausgearbeitet. Dann aber gab es – vermutlich um die 90 Minuten Sendezeit zu füllen – einfach zu viel Geschehen drum herum. Die Urkundenfälschung von Liz Ritschard (Delia Mayer), die einen Fehlversuch einfach gut sichtbar in einem Papierkorb entsorgt, damit das Corpus delicti auch ja von Partner Reto Flückiger (Stefan Gubser) gefunden wird, das Hinterherspionieren von Flückiger und das Aufdecken einer alten Geschichte, die Ritschard in Verbindung bringt mit dem vermeintlich Tatverdächtigen Heinz Oberholzer (Peter Jecklin). Das alles hätte man sich getrost schenken können, trug es doch nichts zum aktuellen Fall und der Suche nach der in einen Bunker eingesperrten Profiboxerin Martina Oberholzer (Tabea Buser) bei.

Überhaupt suchten die Ermittler eher im Schneckentempo nach der Entführten und das, obwohl das Opfer schon in kurzer Zeit zu verdursten drohte. Flückiger und Ritschard standen sehr viel vor dem großen Bildschirm, der Bilder vom Opfer in all seiner Pein live und ununterbrochen übertrug. Sie überlegten, planten, hinterfragten, spekulierten – mit Füßen auf dem Schreibtisch oder Zahnbürste im Mund. Die Brisanz der Suche konnten weder die beiden Ermittler noch der Rest des Teams an die Zuschauer weitergeben. Und selbst die Gefängnisszenen gestalteten sich eher langatmig. Für einen Drogenboss, der sein gesamtes Geschäft zu verlieren droht, gab sich Pius Küng (Pit-Arne Pietz) doch eher desinteressiert bis gelangweilt, da halfen auch die Prügelszenen nichts. Spannung wollte nicht aufkommen, nicht einmal Empathie für das Entführungsopfer und wer der wahre Täter war, konnte jeder Zuschauer ohnehin von Anfang an erahnen. Alles in allem eben einfach nur Mittelmaß! /sis

Belastender Fund in der Wohnung des Vaters der Boxerin: Reto Flückiger, Liz Ritschard (r.) Gerichtsmedizinerin Corinna Haas (Fabien Hardorn) und Ferdi Oberholzer (Ingo Ospelt). (Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Jeder bekommt, was er verdient

Jeder bekommt, was er verdient
Kritik zum Tatort Luzern „Friss oder Stirb“
ARD Tatort “Friss oder Stirb”: Die beiden Ermittler Liz Ritschard (Delia Mayer, 3. v. li.) und Reto Flückiger (Stefan Gubser, re.) geraten in eine Geiselnahme. Der arbeitslose Mike (Mišel Matičević, 2. v. li.) hält Anton Seematter (Roland Koch, 2. v. re.) und dessen Tochter Leonie (Cecilia Steiner, li.) und Ehefrau Sofia (Katharina von Bock) in Schach. (Foto: ARD Degeto/ORF Daniel Winkler)

Das war doch endlich wieder ein Tatort, der Spannung und beste Unterhaltung bot, wenn auch streckenweise sehr überzeichnet. Sicher ist Überzeichnung ein gebräuchliches Stilmittel, um Unterschiede oder Verhaltensweisen deutlich herauszustellen. Wird damit aber übertrieben, erzeugt es, weil einfach zu unrealistisch, eher Unbehagen. Die Szene mit dem Maschinengewehr im Keller etwa oder auch die plötzliche Brutalität und Raffinesse der bis dahin schüchternen und zurückhaltenden Ehefrau. Und auch die Tatsache, dass die Täterinnen wieder einmal nicht überführt werden konnten, war für den Zuschauer wenig befriedigend.

Dafür überraschte aber der Rest der Geschichte: Die übermäßig verwöhnte Tochter, die ihre angeborenen Privilegien für „verdient“ hält. Der perspektivlose Geiselnehmer, der nur will, was ihm zusteht. Der superreiche Unternehmer, der erst einmal die Forderung des Geiselnehmers nachrechnet und nach oben korrigiert – dabei aber leider vergisst, die Arbeitslosen- und Hartz-IV-Beträge, die in der in Rede stehenden Zeit gezahlt würden, abzuziehen. Ein Fehler, den ein echter Profifinanzjongleur sicher niemals machen würde. Die Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) stolpern mehr oder minder zufällig in die Geiselnahme und können der bedrohten Familie Seematter nicht wirklich helfen. Sie werden überraschend schnell auch Opfer des Geiselnehmers Mike Liebknecht (Misel Maticevic). Nur Hausherr Anton Seematter (Roland Koch, der durch seine brillante Darstellung des cleveren Machers rasch vergessen lässt, dass er den Zuschauern als Tatort-Ermittler Matteo Lüthi bekannt ist) bietet dem Geiselnehmer Paroli. Ihm ist auch lange vor den Kommissaren und Zuschauern klar, dass Tochter Leonie (Cecilia Steiner) die von Flückiger und Ritschard gesuchte Mörderin ihrer Universitätsprofessorin ist. Leonie hatte schlicht keine Lust, ein Semester zu wiederholen. Derart verwöhnten Kids mag das durchaus als Motiv für einen Mord genügen. Nicht passen will hingegen das ambivalente Verhalten von Hausherrin Sofia Seematter (Katharina von Bock), die ihren vermeintlich untreuen Ehemann bei der ersten Gelegenheit brutal hinrichtet, auch gleich den Geiselnehmer erschießt und ihm dann vor der Polizei – jetzt wieder als armes, hilfsbedürftiges Opfer – den Mord an ihrem Mann in die Schuhe schiebt. Das passte ebenso wenige wie die von Seematter abgegebenen Maschinengewehrsalven. Da ist wohl die Fantasie mit den Drehbuchautoren Jan Cronauer und Matthias Tuchmann durchgegangen. Nichts desto trotz ist dieser Tatort einer der ganz wenigen in diesem Jahr, die ihrem Anspruch – nämlich den Zuschauer spannend zu unterhalten – wirklich gerecht werden. /sis

Ein Filmkunstwerk vielleicht, aber gewiss kein Tatort!

Ein Filmkunstwerk vielleicht, aber gewiss kein Tatort!
Besprechung des Tatorts aus Luzern: Die Musik stirbt zuletzt
ARD Tatort: Die Musik stirbt zuletzt: Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ermitteln im Kultur- und Kongresszentrum Luzern. (Foto: ARD Egeto/SRF/Hugofilm)

Die Kritik überschlägt sich mit Superlativen für den ersten Tatort nach der Sommerpause 2018 aus der Schweiz mit dem Titel „Die Musik stirbt zuletzt“. Grund der Euphorie: Der Film wurde in einem „Take“ gedreht, ohne Schnitt, quasi wie ein Theaterstück. In der Tat handelt es sich hier um ein echtes Filmkunstwerk, das Regisseur Dani Levy und insbesondere seinem Kameramann Filip Zumbrunn gelungen ist. Aber war es auch ein guter Tatort?

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und vielen Menschen wird ganz einfach schlecht, wenn sich vor ihren Augen über lange Zeit ohne Pause alles hin- und herbewegt. Ohne Schnitt bleibt die Kamera eben immer in Bewegung, hetzt hinter den Schauspielern und Statisten her, von denen deshalb auch über den größten Teil des Films nur die Rücken zu sehen sind – mit der Folge, dass für den Zuschauer Dialoge schwer zu verstehen waren und das analog fehlende Mienenspiel keine Stimmungen übermittelte. Dabei war die Story gar nicht schlecht und hätte mit einem professionellen Schnitt gewiss einen spannenden Tatort ergeben: Bei einem von dem reichen Schweizer Walter Loving (Hans Hollmann) organisierten Benefizkonzert wollen die Geschwister Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder) und Klarinettist Vincent Goldstein (Patrick Elias) Lovings Vergangenheit als sogenannter Intermediär vor dem Publikum ausbreiten. Loving hat während der NS-Zeit jüdischen Familien gegen viel Geld die Flucht ermöglicht, was aber nicht in jedem Fall gelang, wie bei der Mutter der Goldstein-Geschwister. Ob sie sich selbst umgebracht hat oder ermordet wurde, bleibt genauso offen, wie manch anderer Aspekt der Geschichte. Vincent Goldstein jedenfalls wird zu Beginn des Konzertes vergiftet. Und das ruft endlich die Luzerner Ermittler Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) auf den Plan. Da es keinen Szenenwechsel gibt, greifen die Ermittler zwangsläufig nicht ins Geschehen ein, laufen vielmehr hin und wieder durchs Bild und versorgen den Zuschauer bei der Gelegenheit mit gewonnenen Erkenntnissen. Was man sonst noch wissen muss, übermittelt ein ominöser Erzähler (Andri Schenardi), der quasi immer dann den Führer spielt, wenn Szenen sich eben doch nicht so nahtlos von einer in die nächste fügen wollen. Und um dieser düsteren Gestalt im filmischen Geschehen eine Daseinsberechtigung einzuräumen, entpuppt sie sich als Sohn des reichen Loving, der sowohl den Klarinettisten als auch seine Stiefmutter in spe, zugleich seine Geliebte, und zu guter Letzt auch noch seinen Vater und sich selbst vergiftet. Ritschard im schicken Abendkleid und Flückiger im Fußballdress waren da genauso überflüssig wie das Heer an Statisten, das den Konzertsaal des zugegeben imposanten Drehorts – das Kultur- und Kongresszentrum Luzern – bevölkerte. Und auch vom eigens engagierten Jewish Chamber Orchestra Munich war nicht viel zu hören. Die einzig tröstliche Erkenntnis des Abends: Die Musik stirbt zum Glück nie, egal was Drehbuchautoren und Regisseure sich auch einfallen lassen! /sis

 

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