“Rigoletto” – ein schaurig schönes Meisterwerk

“Rigoletto” – ein schaurig schönes Meisterwerk
Das Bühnenbild der Bregenzer Festspiele 2019/2020 für Verdis Meisterwerk “Rigoletto”, entworfen von Regisseur Philipp Stölzl, der schon in Filmen wie “Der Medicus” für spektakuläre Szenen sorgte. (Foto: Bregenzer Festspiele/Andreas Beitler)

Sein Titelheld sei in seiner dramatischen Qualität eines Shakespeare würdig, soll Giuseppe Verdi über seinen „Rigoletto“ gesagt haben. Verdi bewunderte die englischen Dramatiker und soll wohl sogar darüber nachgedacht haben, die Geschichte des sagenumwobenen Königs Lear in eine Oper umzusetzen. Er entschied sich aber für Rigoletto, den Hofnarren des lüsternen Herzogs von Mantua und erzählt in seiner gleichnamigen Oper die tragische Geschichte von der Entführung und Ermordung von Rigolettos Tochter Gilda nach Victor Hugos Drama „Le Roi s’amuse“ von 1832. Weltweit bekannt ist die Arie „La donna è mobile“ (O wie so trügerisch sind Weiberherzen), die der Herzog von Mantua im dritten Akt singt.

In diesem und im kommenden Jahr ist Verdis schaurig schönes Meisterwerk in der Inszenierung von Philipp Stölzl auf der Seebühne in Bregenz zu sehen. Premiere war am 17. Juli und wie immer überrascht Bregenz mit einem ganz besonderen Bühnenbild, das im Übrigen auch von Philipp Stölzl stammt. Es zeigt einen über 13 Meter hohen und bis zu 11 Meter breiten Clownskopf und zwei überdimensionale Hände, die das zirkushafte Treiben am Hof des Herzogs symbolisieren.

Uraufgeführt wurde die Oper 1851 am Teatro La Fenice in Venedig. Das Libretto, also das Textbuch, stammt von Francesco Maria Piave, von 1844 bis 1860 Regisseur am Teatro La Fenice. Der Stoff hat von Anfang an für Diskussionen gesorgt. Hugos Theaterstück wurde nach der Uraufführung 1832 in Paris gar verboten. Verdis Oper wurde vom Publikum gefeiert, rief aber auch herbe Kritik hervor. Einige Zeitgenossen hielten die Geschichte für anstößig, fühlten sich von der buckeligen Titelfigur abgestoßen und empfanden den lasterhaften Herzog gar als Skandal.

„Rigoletto“ erzählt die Geschichte eines Krüppels und Narren, der gesellschaftliche Anerkennung sucht. Er will dazu gehören und überschüttet die Männer und Väter der Frauen, mit denen sich der Herzog von Mantua amüsiert, mit Hohn und Spott. Damit zieht er den Zorn seiner Mitmenschen auf sich und stürzt letztlich sich und seine Tochter Gilde ins Unglück. Die Geschichte beschreibt zugleich aber auch die unüberwindbare Kluft zwischen moralischem Anspruch der Gesellschaft und dem zügellosen Treiben eines ihrer hochrangigen Mitglieder, der sich an ein Bürgermädchen heranmacht. Kein Wunder, dass sich die selbstbewusste, bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts darüber empörte. Doch Ausgrenzung und nach Anerkennung buhlende Menschen gibt es heute wie damals. Und so ist Verdis „Rigoletto“ noch immer aktuell, ein Spiegelbild der menschlichen Gesellschaft mit all ihren Abgründen. /sis

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Einfach zu viel Liebe für diese Zeit

Einfach zu viel Liebe für diese Zeit
An dem spektakulären Bühnenbild wurde vier Jahre gearbeitet. Foto: Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Schon wenn die ersten Töne der berühmten Habanera erklingen, kann man sie vor sich sehen, die rassige Spanierin, die mit wiegendem Gang zu kastagnettengleichen Klängen über die Bühne schreitet: die exotische Zigeunerin Carmen, die die Liebe besingt, die für sie wie ein wilder Vogel ist – nicht einzufangen und doch atemberaubend präsent. Jeder spürt das Knistern, das schon diese Arie bei den Zuhörern auslöst. Bei der Uraufführung 1875 in Paris allerdings kam die Verruchtheit der Hauptfigur weniger gut an. Zu jener Zeit waren verführerische Frauen allenfalls in den heimischen Schlafzimmern gern gesehen, ganz gewiss aber nicht in der Öffentlichkeit. Und dazu die brutale Geschichte, wird Carmen doch am Ende von ihrem verschmähten Liebhaber ermordet. Keine leichte Kost für die Menschen am Ende des 19. Jahrhunderts und genau die wollten sie auf ihren Bühnen erleben: Die Leichtigkeit des Seins wurde im Theater erwartet, nicht Mord und Todschlag. Erst nach einer umfassenden Überarbeitung der nach der literarischen Vorlage von Prosper Mérimée von George Bizet komponierten Oper fand sie das Wohlwollen des Publikums und entwickelte sich zur heute meistgespielten Oper weltweit. Der Autor war selbst in Spanien und hat in der Erzählung seine Reiseeindrücke aufgearbeitet. Der Komponist war begeistert von Geschichten aus fernen Ländern, so wie die meisten seiner Zeitgenossen auch.

Die Geschichte spielt im spanischen Sevilla im Jahre 1820 und erzählt von Carmen, einer verführerischen Zigeunerin, die die Freiheit liebt – in jeder Hinsicht. Sie will frei leben und lieben und wer ihr diese Freiheit nehmen will, erfährt ihre aggressive Seite. So kommt es, dass sie eine Arbeitskollegin in der Zigarettenfabrik verletzt und dafür ins Gefängnis soll. Allerdings betört sie den Wachsoldaten Don José, der ihr schließlich zur Flucht verhilft und dafür selbst hinter Gittern landet. Doch Carmen belohnt ihn dafür nicht mit der Zuneigung, die sich der eher schüchterne Don José erhofft hatte. Sie wendet sich von ihm ab und verliebt sich stattdessen in den weitaus männlicheren Torero Escamillo. „Auf in den Kampf“ – die Arie deutet schon an, was folgt: Während Escamillo in der Arena mit einem Stier kämpft, bringt Don José Carmen vor der Arena um.

In der Inszenierung der Oper im Rahmen der Bregenzer Festspiele 2018 auf der einzigartigen Seebühne wurde Carmen übrigens nicht erstochen, sondern im See ertränkt. Das spektakuläre Bühnenbild mit den übergroßen Händen und durch die Luft wirbelnden Spielkarten greift den Schicksalsmoment auf, in dem Carmen sich die Karten legt, die ihr den Tod voraussagen. /sis

Europäische Hochkultur am Bodensee

Europäische Hochkultur am Bodensee
Ein architektonisches Meisterwerk: Die weltgrößte Seebühne dieser Art in Bregenz. Foto: Pixabay

Wollte man europäische Hochkultur verorten, würde man sich vermutlich gen Österreich wenden. Wien, Opernball, Salzburg und – natürlich – Bregenz mit seiner Seebühne, ein architektonisches Meisterwerk, das Kultur förmlich atmet.

Die Geschichte der Bregenzer Seebühne, die weltgrößte ihrer Art, begann schon gleich im ersten Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bregenzer luden nämlich bereits 1946 zur ersten Bregenzer Festwoche ein. Mozarts „Bastien et Bastienne“ kam genau da, wo Bregenz am schönsten ist, zur Aufführung – nämlich am Bodensee, einen anderen Aufführungsort gab es ohnehin nicht. Also wurden auf zwei Kräne im Gondelhafen das Bühnenbild auf dem einen und das Orchester auf dem anderen platziert.

Heute verfügt Bregenz über eine ganze Reihe ansehnlicher Veranstaltungsstätte, die allesamt zu den Festspielwochen Besucher aus der ganzen Welt anlocken. Unübertroffen aber ist die Seebühne: Was als Notlösung gedacht war, entpuppte sich als Erfolgsmodell. Vier Jahre später schon konnte dank einer großzügigen Spende eine Tribüne für 6400 Zuschauer eröffnet werden, es folgte ein Umbau 1979  und 1980 die Eröffnung des mit der Seebühne verbundenen Festspiel- und Kongresshauses. Jetzt waren die Festspielwochen unabhängig von der Witterung, denn bei Regen wich man kurzerhand ins Festspielhaus aus, das aber nur für rund 1700 Besucher Platz bot, die anderen musste nach Hause gehen. 1998 kam eine Werkstattbühne hinzu.

Die Seebühne hat seit 1979 einen gewaltigen Betonkern, der früher den Orchestergraben beherbergte. Heute sind hier die Solistengarderoben und Technikräume untergebracht. Das Orchester spielt seit 2005 im Festspielhaus, Bild und Ton werden auf die Seebühne übertragen. Auf rund 400 Holzpfählen, die um den Betonkern gruppiert sind, wird das Bühnenbild aufgebaut und neben den international umjubelten Inszenierungen sind es auch immer wieder die spektakulären Bühnenbilder, die den Erfolg der Festspiele mitbegründeten. Besonders das imposante Auge zu Puccinis „Tosca“ erlangte 2008 Weltruhm als Kulisse im Bond-Film „Ein Quantum Trost“.

Seit 1985 wechseln die Inszenierungen alle zwei Jahre, 2017/2018 stand Georges BizetsCarmen“ im Mittelpunkt, 2019/2020 wird es Guiseppe Verdis “Rigoletto” wiederum mit einem spektakulären Bühnenbild sein. /sis